vorzusprechen ... Einstweilen beschäftigte ihn der Dialekt des Herrn Oleander , der wirklich an die etwas breite Art der deutschen Aussprache erinnerte , die in seinem großelterlichen Hause geherrscht hatte . War Louis ein leicht eingeschüchterter junger Mann , der nicht gern mit seinen Empfindungen und Meinungen von selbst hervortrat , so war dies Herr Oleander noch in weit höherem Grade . Dieser Begleiter blieb immer höflich , wenn es sich einmal um den bessern Sitz , um das Ablaufen des Regens , um das Losgehen des Fußleders handelte , aber sonst kam auch keine Sylbe aus seinem Munde , die nur irgendwie auf das Bestreben gedeutet hätte , seinen Nebenmann zu unterhalten , seine nähere Bekanntschaft zu machen , nach dem wahren Zweck seiner Anwesenheit in dieser unfreundlichen Jahreszeit zu fragen . Auch Louis mochte nicht der Erste sein , ihn in ein Gespräch zu verwickeln oder gar nach seiner Herkunft zu fragen . Er dachte an seinen Stand , an den Unterschied seiner Bildung , an die Bildung eines Gelehrten . Er wagte nicht , irgendwie zu verrathen , daß er , ein Tischler , von manchen höheren Dingen Kunde besaß . Da Oleander nichts sprach , sondern in sich versunken dasaß und in die öden Felder blickte oder den Krähen nachsah , die träge auf- und abschwebten , so folgte er dem Beispiel seines Nebenmannes und versank vorläufig wie er in Träumerei . Es gestaltete sich ihm in Hinblick auf die öde Natur ein französisches Gedicht , das ihm später so von Siegbert übertragen wurde : Du grauer Nebel , spinnst du Leichentücher ? Singst , heis ' rer Vogel , du ein Todtenlied ? Erschrickt das Auge , das im Buch der Bücher Die letzten Blätter aufgeschlagen sieht ? Sie fallen nieder , die Natur haucht leise Ihr letzt ' Geheimniß aus und will sich ruh ' n ; Da hebt sich schüchtern unter ' m Wintereise Der grüne Halm der Frage : Was kommt nun ? Kommt wieder Lenz und prangen alle Blüten Auf Feldern nur , im grünen Gartenhag ? Begrüßen wir mit den geschwung ' nen Hüten Nicht endlich auch der Freiheit Frühlingstag ? Bleibt Alles so im alten Weh ' und Kummer , Sowie die Sterne geh ' n am Himmelszelt ? Derselbe Tag ? Derselbe nächt ' ge Schlummer ? Nicht endlich , endlich auch die neue Welt ? Was will ich denn ? Nur dann und wann ein Lächeln Auch in den Seelen wie des Maien Luft ! Ein Zephyr Menschenliebe ! Nur ein Fächeln Der Hoffnung in die kranke Menschenbrust ! O muntrer Quell , du frohe Wiesenblume , Zieht frohe Augen zu Euch niederwärts ! Zum Blütenast , zum Sternenheiligthume Blick ' ängstend und entsagend nicht das Herz ! Wie müßt ' es schön auf dieser Erde werden , Umfing ' einst die Natur zu gleicher Zeit Auch dieses Lebens nackteste Beschwerden Mit ihrer Liebe buntem Feierkleid ! O Zauberland , wo auch die Herzen sprossen , Das Leben selbst in solchen Farben lacht , Die wie ein Regenbogen ausgegossen ... Bleibst du der Traum nur einer Winternacht ? Die Dohle krächzt - die Nebel hüllen Alles In der Verzweiflung graues Einerlei . Die Todtenglocke läutet dumpfen Schalles Und ruft den Hoffenden : Vorbei ! Vorbei ! Der Stein bleibt Stein - Nie wird die Welle fließen Zum Berg hinan - Was kann im Eise ruh ' n ? Gott läßt uns wol die alten Blumen sprießen , Doch seine Wunder soll ' n wir selber thun ! Herr Oleander war durchaus bei all ' seiner Schweigsamkeit nicht unfreundlich . Er blieb in seiner wohlwollenden Miene während der ganzen Fahrt . Oft rückte er zur Seite , als wenn er möglicherweise seinen Begleiter störte oder ihm unbequem säße . Dann starrte er wieder auf die kahlen Felder hinaus und schien eine innere Geistesarbeit zu verrichten , wie Louis . Dichtete er vielleicht auch wie dieser ? Auffallend genug , daß er zu den wenigen Worten , die er auf der Fahrt sprach , die Veranlassung von der Natur hernahm und immer etwas Eigenthümliches zu verfolgen schien oder beobachtete . So sprach er von den Dohlen , die sich noch die vergessenen Körner aus den durchweichten Äckern suchten , von der unschönen Form der entblätterten Weiden , die wie abgehauene Stumpfe , oben dicker als unten , an einem Graben standen , von der immer grünen Tannenwand der Berge , von der er sagte , daß sie den Kindern zu Liebe für die Weihnachtszeit grün bliebe . Wie Louis von dieser Äußerung Veranlassung nehmen wollte , nach den Kindern des Pfarrers zu fragen , für den er vicarirte , gab Oleander eine flüchtige Antwort und sah wieder hinaus in die graue Weite . Endlich kam das kleine Gefährt dem Ullagrunde näher , an dessen Einfahrt Ackermann ein Haus bewohnte , das der reiche Bauer Sandrart in einem Anfall von Prachtliebe für sich erbaut hatte , aber immer noch nicht bewohnen mochte , weil er sich schwer von seinem gewohnten Giebeldache trennte . Das Bauerhaus war einige hundert Schritte weiter und tiefer schon hinein in die Schlucht gelegen , die von einem kleinen durch sie hinrieselnden Flüßchen der Ullagrund genannt wurde . Das stattliche zweistöckige , massive Haus , das Sandrart an den neuen Pächter des Fürsten vermiethet hatte , lag noch mehr der Ebene zu und höher . Es war umgeben mit Wirthschaftsgebäuden , einem großen Hofe und eingefriedigten Obstgärten . Überall sah man noch die Spuren einer neuen Anlage , die indessen einen sehr geeigneten Platz getroffen hatte . Ackermann ' s Wohnhaus lag vom Wege zurückgebaut und wurde erst erreicht , wenn man einen gewaltigen Hof mit Ställen und Scheunen hinter sich hatte . Trotz des Regens , trotz der dem Ackerbau keinerlei Beschäftigung darbietenden Jahreszeit , war es in diesen Räumen nicht still . Man hörte dreschen , hämmern , sägen . Ackermann hatte sich schon jetzt auf seinem Pachthof die Menschen gemiethet , die er erst mit dem Frühjahre in eine neue großartige Thätigkeit einführen wollte . Er prüfte schon jetzt Den , den er brauchen konnte und gewöhnte diese Menschen , jede Jahreszeit auf nützliche Weise zu verwenden . Am untern Ende des ganzen Hofes , wo die Ulla floß , wurde trotz des Regens sogar gebaut . Ein ganz neues Haus stand dort fast bis zum Dache aufgerichtet . Drinnen hörte man das Hämmern und Sägen von Zimmerleuten ... Dies wird die amerikanische Mühle ! sagte Oleander , der Louis ' neugieriges Hinausblicken nach diesem Baue bemerkte . Auf Louis ' Fragen , wann sie begonnen wurde , wann sie beendigt sein würde , wie ein solches Werk eingerichtet wäre , gab Oleander den kurzen aber artigen Bescheid : Sie müssen sie sich ansehen . Es schien , als wenn eine amerikanische Mühle nicht zu den Begriffen gehörte , von denen Herr Oleander ein vollständiges Bild lange mit sich herumtragen konnte . Das Wohnhaus , noch nicht mit Kalk überworfen , stand etwas höher als der Vorhof . Es war zweistöckig und bot in seinen Fenstern einen freundlichen Anblick . Links und rechts war es von Bäumen eingeschlossen , die jetzt kahl , doch seine Wirkung lebendiger hervorgehoben . Der Eingang war von der Seite , an einem ganz von Gebüschen umgebenen Brunnen vorüber . Schon stand von weißen , neugezimmerten Latten ein Dach um die steinernen Stufen , die in die Hausthür führten . Dieser Eingang sollte also künftig von einer Laube überschattet werden . Louis war ausgestiegen und unter dem schützenden großen rothen Regenschirm der Frau Pfarrerin von Plessen neben Oleander über den gekieselten Boden hingeschritten . Erst jetzt besann er sich auf Das , was er Ackermann zu sagen hatte . Er beschloß , sich so einzuführen , als wollte er eine zufällige Anwesenheit auf dem Schlosse Hohenberg zugleich benutzen , um dem Fürsten von seinem neuen Pächter einen Gruß und manches nützliche Versprechen für die Zukunft zu überbringen . Um ein weiteres Erforschen der Absichten des Pächters war er unbesorgt . Schon der erste Blick auf diese wachsende Niederlassung zeigte ihm ja , wie ernst Ackermann seinen Beruf ergriffen hatte . Eine hinzugesprungene Magd nahm mit freundlichem : Guten Morgen , Herr Candidat ! Oleander ' s rothen , durchnäßten Regenschirm in Empfang und spannte ihn , mit neugierigem Blick den zweiten Ankömmling musternd , in der großen reinlichen Küche aus , die sich gleich zur Linken , dicht am Eingang befand . Herr Ackermann zu sprechen ? fragte Louis . Indem öffnete sich im Gange eine hintere Thür und ein junges Mädchen huschte , Oleander grüßend , rasch in eine entgegengesetzte hinüber . Louis bemerkte , daß Oleander , der seinen Mantel auszog , erröthete . Es gibt auch wenig Eindrücke , die so lieblich sind , als ein junges Mädchen in einer Toilette , die für das Zimmer berechnet ist , rasch durch ein Haus oder einige Sprünge über die Straße hüpfen zu sehen ... Louis zweifelte nicht , daß dies Selma gewesen war . Er erinnerte sich wohl des Knaben , den Ackermann damals , als er ihm die Pachtung zugestand , bei sich hatte . Oleander , ohne sich um seinen überbescheidenen Begleiter weiter zu kümmern , ging mit einigen Büchern , die er aus dem Mantel genommen , in das Zimmer , in welches eben jenes junge Mädchen hinübergeschlüpft war . Louis aber wurde von der Magd in das entgegengesetzte Zimmer gewiesen . Er klopfte an . Beim Eintreten in die warme behagliche Stube fand er Ackermann auf dem Sopha liegend , eine Cigarre im Munde , eine Zeitung in der Hand , vor sich deren noch eine größere Anzahl und eine Menge Bücher . Kaum hatte noch Louis ein Wort gesprochen , als ihn Ackermann schon erkannte und vom Sopha sich erhebend ihm die Hand zum Gruße bot . Seien Sie uns willkommen , Herr Louis Armand ! sagte er . Was führt Sie in dieser traurigen Jahreszeit zu uns Einsiedlern ? Gewiß schickt Sie der Prinz , dem meine Briefe zu kurz und oberflächlich sind ? Kennen Sie mich noch ? fragte Louis . Ich vergesse kein Antlitz , das ich mir einmal einprägte , so leicht . Und wie sollt ' ich das Ihrige vergessen , der mir die Botschaft brachte , wie ich für das Wohl und Wehe des Fürsten sorgen darf ! Louis wollte von Zufälligkeiten , die ihn herführten , reden , aber Ackermann unterbrach ihn mit der aufrichtigen Erklärung , daß er es ganz in der Ordnung fände , wenn man einmal bei ihm Visitation halte . Verstehen Sie sich auf die Landwirthschaft ? fragte er . Louis verneinte . Aber Das begreifen Sie doch , sagte Ackermann , daß die Intelligenz auf diesen Fluren und Triften noch nicht gewaltet hat . Hier gab es Schwierigkeiten und Vorurtheile genug zu überwinden . Die Lehre von der Vermehrung der Bodenkraft kennt man hier nur aus den oberflächlichsten Anwendungen der Dungtheorie . Die , die hier wirthschaften wollten , waren noch nicht einmal über die Sicherheit der hier erzielbaren Früchte einig . Und wie ließ man den Unarten der Natur freien Spielraum ! Was standen sich die Unkräuter so gut im Fürstenthum Hohenberg ! Nein , es kommt jetzt darauf an , durch passenden Fruchtwechsel dem Boden die nöthige Ruhe zu gewähren , Stroh und hauptsächlich Futterkräuter auch als Dungmittel zu gewinnen , damit durch das Medium der Thierernährung dem Boden wieder Kraft zugeführt wird . Man experimentirte hier fortwährend mit der Agrikulturchemie , mit mineralischem Dünger , dem ich seine Kraft gar nicht abspreche ; aber ist einmal der Viehstand eine unerläßliche , eigentlich drückende Nothwendigkeit der Landwirthschaft , so muß man daraus auch seine Vortheile zu ziehen und ihn der Landwirthschaft wieder ergiebig zu machen wissen . Es kommt nur auf gute Race der Zucht an , die ich mir denn auch aus Kent , aus Durham in England verschrieben habe . Über die neuen Schaafe und kurzgehörnten Rinder sollen unsre Bauern erstaunen . Ein paar Exemplare , die schon da sind , sehen sie an wie Abgesandte der Hölle . Aber ich will auch deutsche Rosse aus Jütland , Zugochsen aus dem sächsischen Voigtlande kommen lassen , denen sich meine Nachbarn , Herr Sandrart an der Spitze , schon verwandter fühlen werden . Freilich geht es mit einer solchen Besserung des Viehstandes langsam . Da lass ' ich mir denn die gute Gottesgabe der peruanischen Vögel oder den Guano einstweilen als Ersatz zur Düngung kommen . Haben Sie nicht , wenn der Nebel nicht hinderte , Leute im Felde arbeiten sehen ? Die sind mit der Drainage beschäftigt . Sie legen thönerne Röhren im Erdreich , um der Entwässerung Kanäle zu bahnen , die ihr hier fehlten . Alle Hohenbergischen Wiesen waren sauer , d.h. sumpfig , ohne Abzugskanäle der Überfeuchtigkeit , ohne Einlaß der Luft , die den Wurzeln Kräftigung gibt . Die Engländer wissen , was entsumpfen ist ! O mein junger Freund , Sie sind ein geborner Franzose , das deutsche Volk steckt geistig und physisch so noch in seinen Sümpfen , wie damals , als die alten Germanen die Herrschaft über ihr Vaterland erst den Auerochsen streitig machen mußten . Aber auch die Sümpfe sind hier nicht zu etwas Anderem benutzt als noch zum Tummelplatz der Irrwische und der Teufelsfurcht auf ihnen . Sind die Sümpfe nun einmal doch trotz gesunder Luft unausrottbar , so versuche man ' s mit dem Feuer ! Man steche sie als Torf ab und wenn ich erst von der Willing ' schen Fabrik meinen Brosofsky ' schen Torfstecher habe , so sollen Sie sehen , daß wir einen schönen Handel mit der Hauptstadt eröffnen werden . Ist hier der Lehmboden benutzt ? Findet sich hier wol nur der Versuch einer Ziegelei ? Dieses Haus hier ist mit Mühe und Kosten aus fernher entbotenem Material erbaut . Wozu Das ? Wir brennen die Ziegel selbst und verkaufen , was wir an Überfluß haben . Allein damit noch nicht genug . Wir Ökonomen werden die Hand auch Euch Industriellen zum gemeinsamen Wirken reichen müssen . Landwirthschaftliche Gewerbe dürfen nicht fehlen ; denn wo nicht Alles Hand in Hand geht , wo nicht jeder Anbau seine mehrfache Nutzung , auch die Menschenkraft , auch die sich oft ergebende Muße und die Ruhezeit benutzt wird , bleibt ein Capital todt liegen . Gegen Kartoffelbrennerei sträub ' ich mich , obgleich der Mehrbedarf von Kartoffeln sich dadurch so lebhaft aufdrängt , daß sie als Hackfrüchte dem Boden eine gute Ausrodung garantiren . Aber ich denke doch die Rübe vorzuziehen und werde Zucker fabriziren . Die Methode ist vereinfacht worden , der Apparat nicht mehr allzu kostspielig . Und welches Futtermaterial gewinn ' ich nicht ! Wie kann ich den Arbeiter im Winter so behaglich beschäftigen ! Sehen die Leute hier , was Maschinen so treu verrichten helfen , die Abneigung gegen sie wird sich legen , sie werden mir dann jene Unterstützung gewähren , die ich leider jetzt noch nicht allzubereitwillig antreffe . Angenehm unterhalten von dieser offenen , sachkundigen Auseinandersetzung sagte Louis : Ich finde auch eine amerikanische Mühle im Bau begriffen . Zum Entsetzen aller Müller der Umgegend , fuhr Ackermann wohlwollend und in seinem schönen Organe fort . Das ist nun nicht anders . Feindschaft des Zunftwesens folgt überall den Fortschritten des menschlichen Geistes . Es thut mir leid um die Herren in ihren blaugrauen Mehlröcken ... glücklicherweise sind alle Müller der Gegend reich . Nun mögen sie von ihren Zinsen leben oder die Preise , die meine Mühle stellt , auch an ihr schwarzes Preiscourantbret schreiben . Bis zum Frühjahr sind wir mit dem Mühlenbau fertig . Sie sollen diese erfindungsreiche Construction sehen , wo derselbe Umschwung der Räder das Getreide sichtet , es aufschüttet , zermalmt , das Mehl siebt und von der Kleie scheidet . Man wird das Brot hier künftig wohlfeiler essen und man braucht diese Erleichterung , denn die Ortschaften ringsum sind arm , alle Handthierung ist heruntergekommen und je tiefer hinein Sie in die Berge gehen , je elender fristen die Einzler in baufälligen Hütten ihr Dasein , das doch ohne Brot nicht sein kann . Der Prinz wird eine Freude haben , von allen den Dingen zu hören , sagte Louis mit aufrichtigem Herzen , Egon darin wohl kennend . Umsomehr wird er es , fiel Ackermann ein , als ich aus den Zeitungen hier sehe , daß er ja ganz auf die hohe See der Politik hinaussegelt . Er ist Minister geworden . Glauben Sie , daß ihm dieser Wirkungskreis Freude machen wird ? Egon gehört zu den Naturen , die in der Arbeit ihren Genuß finden , antwortete Louis . Ackermann hörte diese Bemerkung mit sichtlichem Wohlgefallen . Erzählen Sie mir von Ihrem Gönner , sagte er , rückte Louis einen Stuhl zurecht und öffnete den Deckel einer Havanakiste , um ihm Cigarren anzubieten . Louis nahm zögernd . Eine chemische Zündmaschine , deren Hahn Ackermann nur drehte , gab im Nu Feuer und ohne sich von der fremdartigen , neuen Umgebung nun noch beengen zu lassen , theilte Louis so viel von seinen persönlichen Beziehungen zu Egon mit , als er nur irgend glaubte davon erzählen zu dürfen . Die Beziehungen zu seiner Schwester und zu Helenen verschwieg er . Ackermann hörte sehr aufmerksam zu und bestätigte das Ergebniß dieser Mittheilungen mit den Worten : Ja ! Ja ! Der Fürst ist keine gewöhnliche Natur ! Wie hätt ' ich sonst mich entschließen können , in seinen zerrütteten Vermögenszustand meine Hand zu stecken ! Er machte mir einen bedeutenden , und ich kann wohl sagen , wohlthuenden Eindruck , so spröde ich mich auch anfangs gegen ihn erwies . Sie kennen ihn genauer ? fragte Louis , erstaunt , daß ihm Egon niemals davon gesprochen hatte ... Wohl , sagte Ackermann , von jenem Incognito her , das er im Sommer beobachtete , um sich hier den Zustand seiner Güter anzusehen . Louis fand in dieser Äußerung nichts , was ihn bestimmen konnte , irgendwie zu ahnen , wie Ackermann den Prinzen mit Dankmar verwechselte . Egon war in Hohenberg gewesen , Egon hatte Ackermann selbst in seiner Gegenwart gerühmt , ohne sich auf den Ursprung seiner Bekanntschaft mit ihm weiter einzulassen . Ich bin durch diese für seine Jugend überraschende Laufbahn als Staatsmann umsomehr befriedigt , sagte Ackermann , als ich die Gefahren zu kennen glaube , in die ein hochgestellter junger Adliger nur zu leicht geräth , wenn seinem Geiste nicht die rechte Nahrung geboten wird . Ich fand ihn nahe daran , der Spielball koketter Frauen zu werden . Ein Portefeuille rettet gewiß aus jedem Strickknäuel und wenn es verwickelt wäre , wie der gordische Knoten . Louis erröthete fast . Er gedachte Helenen ' s ... Wohl muß ich sagen , fuhr Ackermann fort , daß ich selten ein schöneres Frauenbild gesehen habe , als Melanie Schlurck . Welche hohe Vollendung der Formen ! Man glaubt jene Statue lebendig zu sehen , um die Pygmalion so unglücklich wurde , als sie nur von Marmor war ! Ja noch richtiger möcht ' ich dies Mädchen jener Armida vergleichen , die die ernsthaftesten Menschen bezauberte und Weise gezwungen hat , sich in ihrer Gegenwart für dumm zu erklären . Dauert dieser Roman noch ? Leider konnte Louis nicht sagen : Nein ! Es war ihm nur zu bekannt , daß Melanie Schlurck einen großen Einfluß auf Egon seit seiner ihm und aller Welt räthselhaften Verbindung mit Paulinen von Harder gewonnen hatte . Schon seit Wochen war Egon ja gegen ihn der Alte nicht mehr . Seine Aufrichtigkeit hatte zu stocken angefangen . Dennoch wußte er , daß er bei Paulinen wie von seinen Erschöpfungen sich ausruhte , bei ihr sich in seiner natürlichen Art heiter und unbefangen gehen ließ und von Melanie ' s immer gleicher Laune und ihrer kleinen liebenswürdigen Gefallsucht höchst angenehm unterhalten wurde . Daß Ackermann von einem älteren Verhältnisse sprach , Louis nur von einem jüngern wußte , kam in dem Druck der Thatsache selbst , die schwer genug auf Louis lastete , nicht zur Sprache . Auch die folgende Bemerkung Ackermann ' s , daß es dem Prinzen unter diesen Umständen viel Selbstüberwindung gekostet haben müsse , die Verwaltung seiner Güter ganz von dem Vater des schönen Mädchens zu trennen , kam nicht zu genauerer Erörterung ; denn Louis wußte , wie weit der Terrorismus gehen konnte , mit dem sich Egon selber zügelte und sich bis zum Herzlosen auch darin bändigen konnte , daß er Melanien liebte und ihrem Vater dennoch darum nicht den geringsten Vortheil bot ... Das war ganz in Egon ' s Art. Ackermann konnte sich von den Nachforschungen über Egon nicht so bald trennen . Der Gedanke an den jungen Prinzen , den er so genau zu kennen glaubte , schien ihm von solchem Werthe , daß er Louis nach allen Umständen seines jetzigen Lebens fast ausforschte . Als Louis seine Neugier befriedigt und ihm besonders von Egon ' s politischer Entwickelung erzählt hatte , ergriff Ackermann die Zeitung , die er bei Louis ' Eintreten gelesen und sagte : Nach Dem , was ich von Ihnen und von ihm selbst weiß , überfällt mich da oft ein sonderbarer Zweifel , wenn ich seine Äußerungen in der Kammer lese . Ich finde ihn außerordentlich schroff . Er ist von seinen Überzeugungen erwärmt ... Er ; aber diese Überzeugungen sind für Andere von einer , ich möchte sagen puritanischen Kälte . Es wird Ihnen nicht unbekannt sein , daß es in Frankreich eine politische Partei gab , die der Doctrinäre ... Ihre Politik compromittirte das Königthum . Egon ist nicht viel besser ... Er haßte jedoch immer die Politik der Professoren ... Es ist gar nicht gesagt , daß die Doctrinäre Professoren sein müssen ; auch Kaufleute und Advokaten können es sein , wenn sie an bestimmten Doctrinen zu fest kleben und sie um jeden Preis geltend machen wollen . Die Politik der jetzigen Übergangszustände unserer Staaten ist keine Wissenschaft , sondern eine Kunst . Wer dem Geiste der Massen mit einer Lehre und sei es welche es wolle , entgegentritt , findet Widerspruch von allen Seiten . Ich fürchte sehr , daß sich Egon außer seinen politischen Gegnern , die an und für sich schon durch die Parteien und deren Interessen gegeben sind , auch noch die Theoretiker auf den Hals ladet . Kennen Sie diese Rede ? Ich finde sie bereits zu excentrisch für ein so junges Ministerium . Ackermann zeigte auf eine Stelle der Zeitung , die er Louis hinhielt . Es war wieder das » Jahrhundert . « Man sah , daß diese Zeitung hier überall auf bestimmte Veranlassung gehalten wurde . Louis las den Tag der Sitzung . Es war einige Tage nach seiner Abreise , daß Egon die folgenden Worte , die Louis laut vorlas , gesprochen hatte : » Denn , meine Herren , woran leidet unsere Zeit ? An dem Mangel einer sichern und festen Lehre über den Staat ? Glauben Sie Das nicht ! Sie leidet unter dem Mangel an Geduld und Prüfung . Sie leidet unter dem Mangel der Unterordnung und des bescheidenen Bewußtseins seiner nächsten Pflichten . Wo Sie hinblicken , werden Sie arbeitende Köpfe und feiernde Hände finden . Ein Jeder bildet sich ein , wenn nur die theoretische Formel , das mathematische Gesetz unserer Existenz gefunden wäre , würde diese sich sogleich darnach ändern ohne unser Dazuthun . Die Gesellschaft ist , sagt man , krank , meine Herren . Sie ist es , ich läugne es nicht . Aber die Heilung liegt in uns , nicht in den Geheimmitteln der bisher gerufenen Ärzte . Woran fehlt es überall ? An der wahren Diät der Geister . Enthaltsam , nüchtern , streng gegen sich selbst zu sein , wem fällt Das noch ein ? Luxus ist die Vorstellung des Reichen und des Armen . Die Phantasie gaukelt sich in den kühnsten Idealen von Erdenglück und suchen will Niemand das Erdenglück , nur finden wollen es Alle . O , meine Herren , diese Welt kommt mir vor wie das Spiel der Kinder , wo Alle Feldherren , keiner Soldat sein will . Vergeben Sie mir , daß ich mich an Sie selbst wende , an Sie , die hier versammelten Gesetzgeber eines großen Staates . Ich ehre das Recht des Volkes , sich die Bevollmächtigten seiner Wünsche zu wählen . Aber gestehen Sie , auf jeden von Ihnen kommt , ehe er gewählt wurde , eine solche Fülle der Aufregung , an Jeden knüpfen sich so viel Leidenschaften des Ehrgeizes und der Streitsucht , daß man ernstlich für eine Gesellschaft fürchten muß , die so durchwühlt wird vom Unbestimmtesten , so in fieberhafter Hast auf Ihre Entscheidungen wartet , so nur vielleicht wartet , bis ein Jeder von Ihnen sich als Persönlichkeit und Träger des ihm geschenkten Vertrauens würdig zeigt . Ich ehre Ihr Recht der Prüfung , aber fragen Sie Ihr innerstes Herz , ob Sie hier Alle auf diesen Sesseln sitzen in dem Bestreben , das Staatsleben zu vereinfachen und nur die Thatsachen geltend machen zu wollen , die ... ( Murren . Unterbrechung . ) « Lesen Sie nur weiter ! sagte Ackermann . Louis las , indem sich seine Züge verdüsterten . » Eine Stimme . Sie sprechen für den Absolutismus . Der Ministerpräsident . Ich nehme das Wort auf , das Sie mir zurufen . Was nennen Sie Absolutismus ? Glauben Sie , daß ich eine der Freiheiten verkümmern will , die diese Zeiten dem Volke gegeben ? ( Neue Unterbrechung . ) Eine Stimme . Das dürfte nicht wohl möglich sein . Der Ministerpräsident . Ich verachte den Absolutismus früherer Zeiten , den diese Tage niedergeworfen haben . Es ist ein gefälltes Ungethüm , das vom Schwerte des Zeitgeistes St.-Georg getroffen zu Boden liegt . Der Absolutismus der Polizeigewalt und der patriarchalischen Despotie wird nie wieder sein Haupt erheben dürfen . Aber ich frage Sie auf Ihr Gewissen , ob Sie den Staat , wie ihn einmal die Geschichte nicht als Zufallsprodukt der Privilegien , sondern als Naturprodukt der Gesellschaft , der Existenz , des Lebenmüssens , meine Herren , des Lebenmüssens überliefert hat , ob Sie , sag ' ich , diesen Staat jemals für etwas nur Relatives halten können ? Eine Stimme . Sophistik ! Der Ministerpräsident . Sophistik ? Sagen Sie Logik , mein Herr ! Wer ist ehrlich mit dem Wohle der Menschheit meint , kann keinen Staat und wär ' es den kleinsten , zufälligsten , für etwas Relatives halten , für ein zufälliges Ergebniß ewig schwankender Bestimmungen . Das Absolute im Staate ist die Gesellschaft ! Das Absolute ist der gegebene Mensch ! Dieser Absolutismus soll das Ruder aller Politik sein oder die Politiker werden Verräther am allgemeinen Wohle , Friedensbrecher , Rebellen nicht gegen den Fürsten und die Krone allein . Nein , Rebellen gegen den Armen , der leben soll und nicht leben kann , Rebellen gegen das große Räthsel unsers Daseins , das man zu lösen haben wird nicht in den Lehrstuben der Doktrin , nicht in den Bureaux der Beamtenwelt , nicht in den Palästen , sondern in den Hütten , in den Werkstätten , in den Kranken- und Siechhäusern , ja auf den Friedhöfen , meine Herren , unter den Gräbern . Denn der Tod ist das gelöste Räthsel dieses Lebens ! ( Rauschender Beifall von allen Seiten des Hauses . ) « Da sehen Sie nun , unterbrach Ackermann den erschütterten Louis , da sehen Sie nun , wie die Phrase die Menschen regiert ! Ah , unterbrach Louis , hier ist mehr als Phrase . Nennen Sie es lieber , antwortete Ackermann lächelnd , ein Einlenken auf die übliche Heerstraße der Rhetorik ! Ich gestehe , in Allem , was ich von dem Fürsten in diesen Berichten nun seit acht Tagen gelesen habe , bewundern zu müssen , wie er es versteht , die Schlagworte der Zeit in Augenblicken der Gefahr zu Hülfe zu rufen . Aber ich sehe doch , er eskamotirt sie . Wie verstehen Sie das ? fragte Louis besorgt . Er ficht mit den Waffen seiner Gegner . Er entwindet ihnen die Rappiere , die sie gegen ihn brauchen wollten und schlägt vortreffliche Paraden . Noch bin ich nicht klar , ob er wirklich ein Taschenspieler der Begriffe ist . Nur ehrlich sein ! Nur aufrichtig , Prinz ! Er soll sagen , ich bin ein Absolutist ! Ich bin beauftragt von der Monarchie , ihre schwankende Sache zu führen ! Was windet er sich so durch die Doctrin von Arbeit und Thätigkeit und Existenz ... O mein Herr , unterbrach Louis den skeptischen Agronomen , der in diesem Augenblicke an die hohe Stellung seines Patrons nicht dachte , diese Doctrin ist sehr heilig und für den Fürsten unendlich wichtiger als die Spitzfindigkeiten der Advokaten . Die lieb ' ich nun erst gar nicht , die veracht ' ich wie unser lieber Fürst ! Aber Sie sehen aus dieser kleinen Probe seiner schwierigen Stellung - Sie werden die Sitzungen mit Aufmerksamkeit verfolgen - Mein Exemplar steht Ihnen immer zu Diensten - lesen Sie und Sie werden bald merken , daß sich Egon mit dieser Theorie von der Entsagung und der Pflichterfüllung der Menschen in eine Sackgasse verliert , in der ich für ihn sehr viel Unglück erblicke . Es ist von Genf her etwas Calvinistisches in ihm stecken geblieben , er ist trotz der schönen Melanie ein Puritaner und ich wollte , ich dürfte ihm einmal recht den Text lesen ... Ackermann fiel in einen so warmen , vertrauten , doch liebevollen Ton über Egon , daß Louis nicht umhin konnte , ihn zu fragen , was er ihm dann wohl sagen würde ? O , sagte Ackermann , Sie sind sein Freund , er hat Ursache , Sie zu lieben