Heck und heben die Kinder in die Höh , die Störche klappern auf allen Dächern , als hätten sie mit zu reden bei solchem Einzug , und die Feldlerchen begleiten von draußen her den Zug und erzählen sich hoch oben von dem Glück , das sie drunten gesehn . Und ein volles Glück war es , das sie sahen , nicht spärlich zugemessen wie sonst wohl . Denn nicht über kurze Tage hin dehnte sich die Zeit der Flitterwochen , und Blumberg , wie es der tägliche Zeuge vollkommener Eintracht und innigsten Zusammenlebens wurde , wurd ' auch ein gefeierter Sitz edler Gastfreundschaft , ein Mittelpunkt geistigen Lebens , dichterischen Schaffens , wie damals kein zweiter in Mark Brandenburg zu finden war . Johann von Besser , Eusebius von Brand waren oft und gern gesehene Gäste und von hier aus ergingen an den vielbewährten Jugendfreund und Studiengenossen unsers Poeten , an den Kirchenrat Zapfe in Zeitz , oft wiederholte Einladungen , » das Harfenspiel aufs Neu von der Wand zu nehmen und das Hoflager in Blumberg zu beziehen . « Briefe wurden mit einer gewissen Regelmäßigkeit gewechselt , und als die Schilderungen ehelichen Glücks , die Canitz regelmäßig mit einem » nun gehe hin und tue desgleichen « zu schließen pflegte , endlich ihren Einfluß geübt und den ehrbaren Magister und Kirchenrat auch an den Altar geführt hatten , da ging von Blumberg ein Gratulationsbrief folgenden Inhalts nach Zeitz : » Deine Heirat und die Art derselben gefällt mir sehr wohl ; weil Du mir aber Dein Sach ' ohne sonderliche Umstände schlechthin berichtet hast , so will auch ich Dir in Kürze nur , aber doch immer von Herzen , Glück und Vergnügen wünschen und daß Deine Liebste , wo nicht ein fruchtbarer Weinstock , so doch ein immergrüner Tannenbaum sei , dem es an Zapfen niemals fehlen möge . « So gingen die Tage . Ein volles Glück war es , ein Glück über Jahre hin und doch zu kurz für das beneidete Paar , das in seltenem Gleichklang zusammenstimmte . Der alte Neider Tod trat zwischen sie mitleidslos und unerbittlich , und in Erinnerung an jene Tage schwindet ihm jetzt der heitere Traum und trübe Bilder ziehen in seiner Seele herauf . An dem Lager einer Sterbenden kniet er . » O daß du bleiben könntest ! « klingt es bittend von seinen Lippen ; sie aber schüttelt den Kopf und spricht : » Du bist so oft von mir gegangen , nun geh ich von dir ; sieh , ich schlafe schon . « Und danach entschlief sie wirklich , ohne Zucken und ohne Schmerz . Das einförmige Rufen des Kuckucks klang lauter und näher jetzt und Canitz richtete sich auf , als wollt ' er die Rufe zählen . Da schwieg der Kuckuck . Ein wehmütiges Lächeln umspielte seine Lippen ; dann schritt er durch die Gänge des Parks in das Herrenhaus und seine Stille zurück . Das war am letzten Junisonntage 1699 . Am 11. August desselben Jahres begegnen wir ihm noch einmal . Seine Kräfte waren schwächer geworden , und das heitere Poetenherz , das einst mit tausend Wünschen an das Leben gekettet war , es hatte nur noch einen Wunsch : zu sterben , wie die teure Heimgegangene vor ihm gestorben war . Und dieser letzte Wunsch ward ihm erfüllt . Am frühen Morgen des genannten Tages stand er auf , ließ sich völlig ankleiden und trat an das Fenster , das er öffnete , um frische Luft zu schöpfen . Die Sonne ging eben auf , und mit freudigem Staunen genoß er ihrer Pracht . Als er eine Weile hineingeblickt , rief er mit erhobener Stimme : » Wie schön ist heut ' der Himmel « und sank von einem Schlagfluß getroffen tot zur Erde . So starb » Canitz , der Poet . « Schon am Tage darauf wurd ' er in der Marienkirche beigesetzt . Eine Woche später hielt ihm Spener in der Nikolaikirche die Gedächtnispredigt ; den Inhalt seines Lebens aber stellen wir zu folgender Grabschrift zusammen : » Friedrich Rudolf von Canitz , Sr. churfürstlichen Durchlaucht zu Brandenburg wohlbestallter Geheime-Rath und Staatsminister , geb . zu Berlin ( nach anderen zu Lindenberg bei Berlin ) den 27. November 1654 , gest . den 11. August I699 , im 45. Jahre seines Alters . Was das Leben erhöht und verschönt , das übte und pflegte er . Er liebte die Kunst und die Menschen ; die Freundschaft hielt er hoch , die Treue am höchsten . Er war klug ohne Arg ; ein männlicher Sinn , ein kindliches Herz . Er liebte die Welt , aber er empfand ihre Eitelkeit ; Glaube und Sehnsucht wuchsen in seinem Herzen und trugen ihn aufwärts . « 24 Ich hab ' in vorstehendem den Menschen Canitz als eine liebenswürdige , fein und innerlich angelegte Natur zu schildern versucht ; es bleibt noch die Frage übrig nach seiner politischen Bedeutung und nach seinem poetischen Wert . War er ein Staatsmann ? war er ein Poet ? Das erstere gewiß , das zweite kaum minder . Die Natur schien ihn für die diplomatische Laufbahn im voraus geschaffen zu haben , und die komplizierten Verwandtschaftsgrade , darin er stand , ( auch die Mutter seiner Frau war dreimal verheiratet gewesen ) hatten von Jugend auf dahin gewirkt , diese seine natürliche Beanlagung auszubilden . Eine uns aufbewahrte Charakteristik seines Wesens zeigt am besten , wie außerordentlich er sich für seine Laufbahn eignete , darin damals ungleich mehr noch als jetzt , alles an dem Erkennen und der richtigen Benutzung von Persönlichkeiten gelegen war . » Er war gesprächig , höflich , frei von Eigensinn und Widerspruchsgeist , für jedermann gefällig und aufmerksam , Fähigkeiten und Neigungen leicht durchschauend , jedem Gegenstande wie jedem Verhältnisse sich leicht bequemend – ein vollkommener Mann von Welt . Seine Rechtschaffenheit , sein Haß gegen Lüge und Zweideutigkeit unterstützten ihn eher , als daß sie sein Auftreten gehemmt , seine Erfolge verhindert hätten . Bei großer Leichtigkeit war er von vorsichtiger Haltung ; er wußte Ernst und Sanftmut zu vereinen , um zu überreden und zu gewinnen . Im Friedenstiften , Vermitteln und Versöhnen besaß er ein einziges Talent . « Die Inschrift unter dem Bildnis der alten Frau von Burgsdorf hatte also völlig recht , von ihm als von dem » klugen Staatsminister von Canitz « zu sprechen ; aber er suchte , wie schon angedeutet , diese Klugheit nicht in jener Kunst der Täuschung , am wenigsten in jenem Intrigenspiel , das damals an den Höfen blühte . Er kannte dies Spiel und war ihm gewachsen , aber sein redlicher und reiner Sinn lehnte sich gegen diese Kampfesweise auf . Deshalb zog es ihn immer wieder in die Stille und Unabhängigkeit des Landlebens und in einfach natürliche Verhältnisse zurück . » Der Hof – so schrieb er bald nach dem Tode des Großen Kurfürsten – hat wenig Reiz für mich , und ich betrachte die Würden und Ämter , die andere so eifrig suchen , nur als ebenso viele Fesseln , die mich am Genusse meiner Freiheit hindern , der Freiheit , die über alle Schätze der Erde geht und deren echten Wert zu würdigen , den gemeinen Seelen versagt ist . « Er kannte diesen » echten Wert der Freiheit « wohl , aber die Verhältnisse gestatteten ihm nicht , sich dieser Freiheit so völlig zu freuen , wie es seinen Wünschen entsprochen hätte . Es geschah , was so oft geschieht , man suchte die Dienste desjenigen , der , im Gefühl seines Werts , diese Dienste anzubieten verschmähte , und wie oft er auch , um seinen eigenen Ausdruck zu gebrauchen , die Erfahrung gemacht haben mochte , daß » andere die goldenen Äpfel auflasen , während er beim heißen Lauf sich abmühte « , so war doch Gehorsam und Nachgiebigkeit in allen jenen Fällen geboten , wo Weigerung den Vorwurf des Undanks oder doch der Gleichgültigkeit gegen die allgemeinen Interessen auf sich geladen hätte . Canitz drängte sich nicht zu Diensten , aber sooft er sie übernahm , zeigte er sich ihnen gewachsen . Leicht und gewissenhaft zugleich ging er an die Lösung empfangener Aufgaben und die graziöse Hand , mit der er die Fragen berührte , pflegte zugleich eine glückliche Hand zu sein . Fast an allen deutschen Höfen war er eine wohlgekannte und wohlgelittene Persönlichkeit und Kaiser Leopold bezeugte ihm vielfach seine Gnade und sein besonderes Wohlwollen . Canitzens letztes und vielleicht bedeutendstes diplomatisches Auftreten war im Haag , wo damals die Minen gelegt wurden , um den Ryswiker Friedensschluß , der so viele Interessen verletzte und so viele Gefahren heraufbeschwor , wieder zu sprengen . Canitz zeichnete sich auch hier durch jene Klugheit und feine Besonnenheit aus , die , weil sie geflissentlich leise die Fäden zu schürzen oder zu entwirren sucht , gemeinhin auf den Beifall zu verzichten hat , der so leicht in all jenen Fällen sich einstellt , wo ein Diplomat so undiplomatisch wie möglich den Knoten zerhaut . Das herausfordernde Wort eines Rücksichtslosen , dessen Punktum bereits ein erster Kanonenschuß ist , wird jubelnd aufbewahrt , während die kluge Haltung dessen , der eine heranziehende Gefahr beschwört , gemeinhin unbeachtet bleibt . Alles , was sich vor aller Welt Augen zu einem bestimmten Bilde abrundet , ist immer im Vorteil über das Unplastische , das sich in vertraulichem Rat oder gar in einer bloßen Aktenstückszeile vollzieht , und jener Erich Christoph von Plotho , der zu Regensburg mit jenem berühmt gewordenen : » was ! insinuieren ? ? « den kaiserlichen Notar , Dr. Aprill , die Treppe hinunterwarf , hat ein ganzes Dutzend Diplomaten in Schatten gestellt . 25 Überall da , wo das Wort Friedrichs des Großen gilt : » Mach ' Er nur , ich stehe mit zweihunderttausend Mann hinter Ihm ! « ist es nicht schwer , dem guten Rufe der Kraft auch den der Klugheit hinzuzufügen , und das Achselzucken , das unsere preußischen Diplomaten in vorbismarckschen Tagen oft hinnehmen mußten , hat in ganz anderen Dingen seinen Grund , als in Mangel an Einsicht und staatsmännischer Bildung . Canitz ' Verdienste als Diplomat sind unbestritten , seine Verdienste als Poet , so sagt ' ich schon , sind kaum geringer . Wer auf gut Glück hin und ohne den Vorsatz liebevolleren Eingehens , den Band seiner Dichtungen aufschlägt und in einem , übrigens an Schönheiten keineswegs armen Gedichte folgende Anfangsstrophe findet : Laß , mein beklemmtes Herz , der Regung nur den Zügel , Begeuß mit einer Flut von Tränen diesen Hügel , Weil ihn mein treuster Freund mit seinem Blut benetzt , Auf dieser Stelle sank der tapfre Dohna nieder , Hier war sein Kampf und Fall , hier starrten seine Glieder , Als ein verfluchtes Blei die teure Stirn verletzt , Das , eh ' der Sonne Rad den andern Morgen brachte , Ihn leider , ach zu bald zu einer Leiche machte 26 – wer , sag ' ich , solche und ähnliche Strophen findet , wird freilich zunächst den Kopf schütteln und seine Ungläubigkeit ausdrücken , daß es mit so zopfigen Alexandrinern irgend etwas auf sich habe . Und in gewissem Sinne mit Recht . Wir dürfen diese Dinge aber nicht mit einem Maßstabe messen , den wir dem gegenwärtigen Stande unserer Literatur entnehmen , sondern müssen uns vielmehr die Frage vorlegen : was waren diese Gedichte in und zu ihrer Zeit ? Und zu ihrer Zeit waren sie sehr viel . Wenn ihnen jetzt , wie das gelegentlich geschieht , mit herablassender Miene zugestanden wird , daß sie das Verdienst der gewählten Sprache , der Reinheit und Eleganz hätten , so genügt diese Anerkennung keineswegs ; denn es ist das ein Zugeständnis , das so ziemlich allen modernen Dichtern gemacht werden kann , während unter diesen doch nur wenige sind , die für ihre Zeit das Maß von Bedeutung beanspruchen dürfen , das Canitz für die seinige besitzt . Er war einer von denen , denen die Aufgabe zufiel , uns erst eine Sprache und innerhalb derselben ein Gesetz zu geben . Dies Geschenk , diese Hinterlassenschaft ist nicht hoch genug zu schätzen . Wir stehen auf den Schultern derer , die damals tätig waren , und wenn Canitz auch nicht in die Reihe der epochemachenden , literarischen Reformatoren jener Zeit gehört , die sich , wie namentlich Opitz , für die Gesamtentwicklung deutscher Sprache und Dichtung von nachhaltiger Bedeutung erwiesen haben , so war er doch wenigstens für unsre Mark das , was andre für weiter gezogene Kreise waren . Er zeigt zuerst , daß die Mark und die Musen nicht völlige Gegensätze seien . Aber die Verdienste Canitz ' sind keineswegs nur sprachlicher Natur ; seine Gedichte haben auch ihren dichterischen Wert . Es ist wahr , daß er das Dichten zum Teil wie andre angenehme Unterhaltung trieb und er selber nannt ' es in seinen Briefen » die Kurzweil des Reimens « , aber wir würden ihm doch sehr Unrecht tun , wenn wir nach jenen zahlreichen Reimereien , wie sie bei Festspielen , den sogenannten » Wirtschaften « damals Mode waren , den Wert seiner Dichtung überhaupt abschätzen wollten . Gewiß , er trieb das Dichten wie Tagewerk , aber er trieb es auch , und zwar im besten Sinne , wie man ein poetisches Tagebuch führt , darin er allem zu einem dichterischen Ausdruck verhalf , was der Lauf eines Tages brachte . Der Tag brachte vieles , Großes und Kleines , Absonderliches und Alltägliches , und diesen Wechsel zeigen auch seine Dichtungen , aber sie sind einig in dem einen , daß sie , ob groß ob klein , ein Erlebtes widerspiegeln ; sie sind nicht Fiktion , sie sind wirklich , sie haben einen realen Inhalt ; dieser Inhalt ist nicht immer poetisch , weder in sich , noch in der Art , wie er sich gibt , aber es fehlt auch überall die Gefahr , sich in nichts zu verflüchtigen . Der alte Bodmer sagte von diesen Gedichten : » Canitz legete nichts Fremdes in dieselben , was nicht zuvor in seinem Sinn und Herzen gewesen wäre . « Das ist sehr richtig und der Stempel des Echten , Wahrhaftigen , an sich selbst Erfahrenen , auch da noch , wo es sich um bloße Reflexionen handelt , hält schadlos für den fehlenden Hochflug , auch für einen gewissen Mangel an Kraft , Originalität und Tiefe , den wir nicht in Abrede stellen wollen . Ein einziges Gedicht rührt von ihm her , das an Sprache , Form und namentlich auch an Innerlichkeit alles weit zurückläßt , was er außerdem geschrieben hat , und nicht nur einen relativen , sondern einen vollen und unbedingten poetischen Wert beanspruchen darf . Es ist dies das Gedicht : » An Doris « oder : » Über den Tod seiner ersten Gemahlin « , wie es in einer älteren Ausgabe genannt wird . Es gilt von diesem Gedicht etwas Ähnliches , wie Schlegel von Bürgers » Leonore « gesagt hat : » daß es allein schon ausreichen würde , den Namen des Dichters der Nachwelt zu überliefern . « Die Zeiten ändern sich freilich und es wird manchem jetzt pedantisch erscheinen , siebenundzwanzig Trauerstrophen , noch dazu die Arbeit von Jahren , auf den Tod einer hingeschiedenen , geliebten Frau gedichtet zu sehn . Aber das Lächeln über die altfränkische Mode ist unberechtigt . Es ist mit einem solchen Gedicht , wie mit einem Bildhauer , der seine Frau verliert und ihr ein Monument errichten will . Er hat sie selbst am besten gekannt , trägt ihr Bild am treuesten im Herzen und geht freudig und guten Mutes an die Arbeit . Die Arbeit ist mühevoll und kostet ihm Zeit , aber endlich hat er ' s erreicht , und niemand tritt jetzt heran und wundert sich , daß er Jahre gebraucht hat zu einer Schöpfung der Pietät und Liebe . So muß man auch eine solche » Trauerode « auffassen , die damals gemeißelt wurde wie in Stein . Wir gestatten jetzt nur noch eine hingeworfene Skizze , einen lyrischen Ausruf als Ausdruck des Gefühls . Aber beides kann nebeneinander bestehen , jedes ist eine berechtigte Art und es ist einfach falsch zu sagen , die alten Poeten von damals , weil sie weder in Desperation noch in Melancholie dichteten , hätten überhaupt nichts empfunden . Man lese die Dinge ohne Vorurteil , und man wird an der Wirkung auf das eigene Herz wahrnehmen , daß ein Herz in diesen zopfigen Strophen schlägt . Werneuchen Werneuchen Wenn vor des Pfarrhofs kleinen Zellen Nun bald die Lindenknospen schwellen , Wenn Vögel in den Ahornhecken Die weißen Eierchen verstecken , Dann kommst du , unsres Glückes froh Im Hute von geflochtnem Stroh , Zu atmen hier von Veilchenduft Werneuchens reine Frühlingsluft . Schmidt von Werneuchen Inmitten des Barnim , halben Wegs zwischen Berlin und Eberswalde , liegt das Städtchen Werneuchen . Ich sage Städtchen , um dem Lokalpatriotismus einzelner seiner Bewohner nicht zu nahe zu treten , die das Beiwort » Stadt « für ironische Übertreibung und die Bezeichnung » Flecken « als Mangel an Respekt ansehen möchten . Ich hüte mich weislich vor jeder Parteiergreifung und verweigere nicht minder an dem über die Herstammung des Wortes » Werneuchen « ausgebrochenen Kampfe teilzunehmen . Alles was an Erbitterung auf dem Felde der vergleichenden Sprachforschung nur jemals zutage getreten ist , ist auch hier wieder sichtbar geworden , und die Partei » Bernau « , wiewohl mehrmals geschlagen , steht der Partei » Warnow « immer noch voll ungebrochenen Mutes gegen über . Werneuchen ist Klein-Bernau sagen die einen und deduzieren etwa wie folgt : Klein-Bernau = Bernäuchen und Bernäuchen = Werneuchen . Mitnichten , erwidern die andern : Werneuchen ist Klein-Warnow , Klein-Warnow = Warnowichen und Warnowichen = Werneuchen . Werneuchen gehörte wie Zossen , Trebbin , Baruth u.a.m. zu jenen bevorzugten Örtern , die sich ohne besonderes Verdienst , in jener kurzen Epoche , die zwischen dem Sandweg und dem Schienenweg lag und die man das Chaussee-Interregnum nennen könnte , zu einer gewissen Reputation emporarbeiteten . Und vielleicht wurde dies Grund und Ursach , daß man , als das eherne Zeitalter der Eisenbahnen wirklich anbrach , den Ruin Werneuchens für gekommen hielt und vor seiner Zukunft ( denn die Bahn nahm eine andere Richtung ) erzitterte . Man hatte sie daran gewöhnt , Werneuchen und Passagierstube für identisch anzusehen ; nun beseitigte man diese mit einem Federstrich und die Frage trat bang an jedes Herz : » was bleibt noch übrig ? was wird ? « Aber die Dinge kamen anders , als man gedacht hatte ; die Furcht war , wie immer , schlimmer gewesen als die Sache selbst , und Werneuchen blieb im wesentlichen , wie es vorher gewesen war . Die Fruchtbarkeit der Äcker und der Fleiß der Bewohner deckten alsbald das Defizit , wenn überhaupt ein solches entstand , und der freundlichen Häuschen mit Ziegeldach und grünen Jalousien wurden nicht weniger , sondern mehr . In der Tat , Werneuchen gewährt den Anblick eines sauberen und an Wohlhabenheit immer wachsenden Städtchens . Aber es ist doch nicht das heutige Klein-Warnow oder Klein-Bernau , wohin ich den Leser zu führen gedenke , vielmehr gehen wir um siebzig Jahre in seiner Geschichte zurück und rüsten uns zu einem Besuch in dem alten Werneuchen , wie es zu Anfang dieses Jahrhunderts war . Auch damals war es ein freundlicher Ort , aber die Chaussee , die noch gar nicht vorhanden oder doch erst im Bau begriffen war , hatte noch nicht Zeit gehabt , die Fensterladen mit dem roten Anstrich und den eingeschnittenen Herzen zu verdrängen , und die Strohdächer mit ihrem Storchennest und ihren schief stehenden Schornsteinen überhoben den Besucher – trotz der zwei Bürgermeister , die Werneuchen damals hatte – der jetzt so heikel gewordenen Frage von » Dorf oder Stadt . « Keine Schützengilde paradierte zu jener Zeit mit Sang und Klang durch die Straßen , und wenn draußen in Wald oder Feld ein Schuß fiel , so wußte man , daß es die Büchse des Försters sei , der am Gamengrunde , hart an der Stelle , wo der Weg nach Freienwalde hin abzweigt , sein unter Tannen geborgenes Häuschen hatte . Keine Schützengilde gab es , auch keinen Veteranenverein , aber etwas anderes , eine Kuriosität , ein Restchen Mittelalter und Femgericht , das sich aus unvordenklicher Zeit , allen Einflüssen des nivellierenden achtzehnten Jahrhunderts zum Trotz , an diesem stillen Ort erhalten hatte . Dies Femgericht im kleinen war die sogenannte » Wröh « . Zu festgesetzten Zeiten , aber immer nur im Sommer , versammelten sich die Bürger-Bauern auf einem von alten Linden überschatteten Platze , der ziemlich in der Mitte zwischen dem Pfarrhaus und der Kirchhofsmauer gelegen war . Unter den Bäumen dieses Platzes , nach der Kirchhofsseite hin , lagen vier abgeplattete Feldsteine , die man durch aufgelegte Bretter in ebenso viele Bänke verwandelte , wenn eine » Wröh « abgehalten werden sollte . Was in alten Zeiten in diesen Geschworenengerichten besprochen und bestimmt ward , ob jemals ein Werneuchener Bürger-Bauer das bekannte Messer in den Baum am Kreuzweg gebohrt oder nicht , wird wohl nie mehr zur Kunde der Nachwelt gelangen , unsere Kenntnis über die Sitzungen der Werneuchener » Wröh « datiert erst aus den unromantischen Zeiten des Allgemeinen Landrechts , wo ganz Werneuchen und natürlich auch die » Wröh « unter die stille Superintendenz eines Magistrats und der schon vorerwähnten Doppel-Bürgermeisterei gekommen war . Die Gerichtsbarkeit der » Wröh « war eine durchaus enge geworden und beschränkte sich darauf , in wöchentlichen oder monatlichen Sitzungen den Schadenersatz festzustellen , den das Vieh des einen Bürgers oder Bauern den Feldern oder sonstigem Besitztum des andern zugefügt hatte . Stimmenmehrheit entschied und ohne Streit oder weiteren Appell wurden die Dinge geregelt . Die letzten dreißig Jahre haben uns in den » Schiedsgerichten « etwas Ähnliches wiedergebracht , aber was dieser trefflichen Neuschöpfung im Vergleich zu jener alten fehlt , ist die fremd und mystisch klingende Bezeichnung und wir begreifen vollkommen den Stolz eines Werneucheners , der von den Zeiten der » Wröh « spricht , wie ein Lübecker von der Hansa und ihrer Ostseeherrschaft . Im Sommer 1809 hatte Werneuchen noch seinen Lindenplatz zwischen Pfarrhaus und Kirchhof und , was mehr sagen will , auch noch die vier Feldsteine und sein » Wröh « . Wir kommen aber nicht in heißer Junischwüle von Berlin , um einer Sitzung des letzten Ausläufers der Feme voll Schweigen und Ehrerbietung beizuwohnen , – wir haben ein andres Ziel vor Augen : einen Besuch in der Pfarre . * Dorf Blumberg liegt längst hinter uns und nun auch Seefeld und Löhme , zwei Zwillingsdörfer , die von hüben und drüben ihre völlig gleichen Kirchturmspitzen im Wasser des Löhmesees spiegeln . Aber der Werneuchener Kirchturm neckt uns noch immer und ermüdet vom langen Marsche halten wir inne , stützen uns nach hinten übergebogen auf unsern Stock und lüften mit der Linken den Hut , um uns die Stirne vom Winde kühlen zu lassen . Da plötzlich ist es , als hörten wir etwas wie Peitschenknall und Pferdeschnaufen , und zurückhaltend bemerken wir einen offenen Wagen , der , den Sand des Weges aufwirbelnd , in raschem Trab uns folgt . Und im nächsten Augenblick schon ist er so nahe , daß wir seine Insassen bequemlichst zählen können . Es sind ihrer fünf . Vorne der Kutscher mit zwei blondköpfigen Jungen und dahinter auf dem eigentlichen Sitze des Wagens – der in vier Lederriemen hängt und bei jeder Bewegung hin- und herschaukelt – ein wohlgenährtes Ehepaar , allem Anscheine nach zwischen dreißig und vierzig . Die Frau hält einen aufgespannten Regenschirm , den sie mit vielem Geschick à deux mains zu gebrauchen weiß , indem sie das rote Dach als Schutz gegen die Sonne , den Griff aber als Krückstock benutzt , um die beiden Jungen in Ordnung zu halten , die des engzugemessenen Raumes halber in beständiger Fehde sind und aller Kontrolle zum Trotz ihren still erbitterten Kampf mit den Ellenbogen fortsetzen . Zwischen der Sitzbank und dem schrägen Hinterteile des Wagenkorbes ist noch ein leerer Raum und unsere Kenntnis ähnlicher Fuhrwerke läßt uns erraten , daß hier ein Häcksel-oder Futtersack verborgen sein müsse , der schließlich nichts dagegen haben würde , wenn wir uns entschlössen , die letzte Viertelmeile des Weges auf seinem Polster zurückzulegen . Und wirklich wir schwingen uns hinein , und unsere Tarnkappe hervorziehend , unser selbstverständliches und allerwichtigstes Reisenecessaire , sitzen wir jetzt unbemerkt auf dem Häckselsack und werden zu glücklichen Zeugen all der kleinen Erziehungs- und Unterhaltungsszenen , die sich mehr und mehr zu einer gemütlichen Familienkomödie gestalten . Unmittelbar vor uns , auf einer für unsere Füße frei gebliebenen Stelle , liegt ein Spielzeug , jenes mit Glöckchen und Schellen behängte Blechinstrument , das unter dem Namen der » Janitschar « das Entzücken aller Kinderherzen bildet . Der Raum ist so eng , daß wir ' s trotz äußerster Vorsicht nicht vermeiden können , die Glöckchen gelegentlich zu berühren und jedesmal , wenn es klingelt und tingelt , drehen sich alle fünf Köpfe nach uns um , in leiser Ahnung , daß es auf dem Häckselsacke nicht ganz richtig sei . Diese Kopfwendungen , die der starken Frau jedesmal äußerst schwer werden , gehen uns eine gute Gelegenheit , unsere bis dahin nur von Rücken und Seite her gesehene Reisegesellschaft auch en face kennenzulernen und uns über den Ausdruck des Behagens als eines charakteristischen Familienzuges zu vergewissern . Die beiden Jungen sind unzweifelhaft Zwillinge ; der Mutter , einer hübschen blonden Frau , rollen die Schweißtropfen wie Freudentränen von der Stirn und ihr Ehegemahl zur Rechten zeigt uns jenes wohlbekannte , aus Würdigkeit und Sonnenbrand zusammengesetzte Gesicht , das alle ländliche Beamte zu haben pflegen , denen der Dienst in der Amts- und Gerichtsstube die Zeit zu Schnepfen- und Entenjagd nicht allzusehr verkürzt . Und so fehlt denn nichts mehr als die namentliche Vorstellung : Amtsaktuarius Bernhard aus Löhme , nebst Frau und Familie , die sich gleich nach Tisch auf den Weg gemacht haben , um dem befreundeten Pfarrhause zu Werneuchen , wo heute Geburtstag ist , einen Besuch abzustatten . Die beiden Braunen traben tüchtig weiter , der kleine Streit zwischen dem Ehepaar , ob » Päth Ulrich « heute neun oder erst acht Jahre geworden sei , ist endlich selbstverständlich zugunsten der Frauenansicht entschieden , und der seit einer Viertelstunde seine Peitsche » Gewehr bei Fuß « habende Kutscher nimmt sie jetzt wieder in die Hand , um angetan mit allen Abzeichen seiner Würde in Werneuchen einzufahren . Schon holpert und stolpert der Wagen auf dem tiefausgefahrenen Steinpflaster , der Kutscher knallt oder streicht mit bemerkenswerter Eleganz die Stechfliegen von dem Hals der Pferde , das rote Dach des Regenschirms wird eingezogen und nur einmal noch fährt die Schirmkrücke mit einem energischen » sitz gerade « , in den Rücken des linken Jungen . In demselben Augenblick aber , wo der Getroffene zusammenfährt , hält auch der Wagen schon vor der Werneuchener Pfarre . Von unserm Versteck her haben wir Zeit , das Haus zu mustern . Es ist ein Fachwerkbau mit gelbem Anstrich und kleinen Fenstern , sein einziger Schmuck der geräumige Vordergiebel und ein paar alte Kastanienbäume , deren hohe Kronen das ganze Haus in Schutz zu nehmen scheinen . Die Haustüre steht offen und gönnt einen Blick auf den kühlen fliesengedeckten Flur ; aber niemand erscheint auf ihm , um die Gäste willkommen zu heißen . Die beiden Jungen haben endlich das Terrain rekognosziert und kommen mit einer barfüßigen alten Frau zurück , die sie hinten im Garten mit Unkrautjäten beschäftigt fanden . In ziemlich dienstlichem Tone poltert der Amtsaktuarius ein paar seiner Fragen heraus ; aber bald ergibt sich ' s , daß die Jätefrau taub ist und es am geratensten sein dürfte , die Gesamtkosten der Unterhaltung ihr zuzuschieben . » Alles ausgeflogen ... Alles in ' n Wald ... Ulekens Geburtstag . « Diese Worte genügen völlig . Unser Amtsaktuarius ist lange genug in dem Werneuchener Pfarrhaus aus- und eingegangen , um zu wissen , wo der Pfarrer seine Lieblingsplätze hat , und der Alten zum Zeichen völligen Eingeweihtseins einen kurzen Gruß zunickend , läßt er im nächsten Augenblicke weiter traben . Als der Wagen etwas heftig anrückt , fall ' ich nach hinten über und stoße so stark an die Janitschar , daß sämtliche Glocken zu klingen anfangen . Aber alles ist bereits in solcher Aufregung , daß niemand mehr darauf achtet , welcher Mittagsspuk da hinten sein Wesen treibt . Bis zum Gamengrund ist eine halbe Stunde . Wir sind eben in den Fahrweg eingebogen , der nach Freienwalde hin abzweigt , und halten alsbald an einem Waldpfade , den wir in seinen Windungen durch das Gehölz hin deutlich verfolgen können . Quellen sickern im Moos . Elsen und anderes Laubholz mischt sich unter die Tannen und erfrischende Kühle weht uns an . » Oh , da singen sie schon . Wußt ' ich doch , daß wir sie finden würden « – mit diesen Worten , die fast wie Selbstgratulation klingen , eilt der Amtsaktuar von rechts her auf die linke Seite hinüber , um bei der bevorstehenden Landung seiner Ehehälfte nach Kräften behilflich zu sein . Im Vertrauen auf die Gutgeartetheit der Pferde wird statt des direkten Weges über das linke Vorderrad der Umweg über den Deichseltritt gewählt ; wir aber , als wir diese Vorkehrungen glücklich getroffen sehn , schwingen uns , die linke Hand auf dem Wagenkorbe , mit raschem Ruck in den Fahrweg hinein und eilen der Aktuarfamilie voraus in die Waldestiefe hinein . Da haben wir sie . Mitten auf einem Rain , den hochstämmige Tannen einschließen , scheinen die Elfen an hellem Nachmittag ihre Spiele zu treiben . Ein Dutzend