brechen ... Um so mehr ! Wie ich aber Frieden mit mir selber hatte , wissen Sie , was mich peinigte .. ? Doch nicht der Vorwurf , daß Sie dem ungerechten Akte dieser weltlichen Gerechtigkeit nicht genügt haben ? Murray schwieg und wurde nachdenklicher . Sie antworten nicht ? Wär ' es möglich , daß Sie die Absicht hätten - Mich den richterlichen Behörden hier selbst wieder auszuliefern ? fragte Murray lächelnd und richtete sein Auge lange auf Louis , der diese Verirrung des von ihm so hoch geschätzten Mannes nicht zu begreifen im Stande war . Nein , nein , sagte er . Das ist keine lebenskräftige Tugend mehr ! Das ist mönchische Selbstqual ! Das ist Hypochondrie ! Haben Sie keine Sorge , mein Freund , sagte Murray , daß ich die Thorheit besitze , in diesem Punkte blindlings einem Gefühle zu folgen . Wie wenig reif dieser Gedanke bei mir ist ... Er zog sein Terzerol und fuhr fort : Beweise Ihnen diese Waffe , mit der ich im Stande wäre , meinem Leben ein Ende zu machen , wenn ich so unglücklich sein sollte , erkannt zu werden . Und doch hass ' ich Selbstmord ! Und möchte Christ sein ! Sie sehen , daß ich noch nicht zur rechten Erleuchtung gekommen bin ! Louis erwiderte nichts . Der Anblick der Waffe machte ihn vollends irr . Er konnte bei Murray eher Alles , als eine gewaltsame Beendigung seines Lebens durch eigne Hand voraussetzen . Mit seinen religiösen Grundsätzen schien diese Drohung nicht übereinzustimmen ... Murray verstand sogleich , was seine letzten Worte bestätigend in Louis ' Seele vorging . Nicht wahr , sagte er , wie wenig entsprechen solche Entschlüsse dem Bilde , das Sie vielleicht von mir gewonnen haben ! Ich spreche von Selbstmord ! Erkennen Sie daraus , wie wenig ich in mir selber schon reif und klar geworden bin ! Ein völlig unbestimmtes Tasten im Dunkeln verwirrt mich noch , wenn ich an diese Gefahren denke . Soll ich sie aufsuchen ? Soll ich sie fliehen ? Eine Stimme in meinem Innern sagt : Kehre am Schluß deines Lebens in den Anfang zurück und dulde , was du dulden mußt - Louis sprang auf und unterbrach Murray auf das Heftigste . Sprechen Sie Das nicht aus ! rief er . Sagen Sie nicht , daß man verpflichtet wäre , dieser irdischen Gerechtigkeit Wort zu halten ! Wenn irgendwo ist hier das Recht der Nothwehr an seiner Stelle . Sie würden diese Gerechtigkeit beschämen , wenn Sie in den Kerker zurückzukehren wünschten . Nein , mein Freund , ich würde noch mehr thun , sagte Murray , ich würde sie veranlassen , großmüthig zu sein ; ich würde die Aufmerksamkeit des Publikums auf mich ziehen , belobt , gerühmt , gepriesen werden - kann ich Das wollen ? Müßt ' ich Das gerade nicht verachten ? Nein , mein Freund , nicht sich selbst angeben , sondern angegeben werden , fortgeschleppt von der Gerechtigkeit , die sich der Beute freut , Das , Das , könnte leicht mein Schicksal sein ... Louis wehrte gewaltsam diese melancholischen Äußerungen fast mit den Händen ab . Es war ihm , als träte einer der alten Märtyrer aus den Nebeln der Geschichte und drängte sich an den Holzblock , nur um für Christus zu sterben und seinen Heiland bald zu sehen . Nun , nun , sagte Murray und streckte ihm das Terzerol entgegen . Sie merken da , daß ich noch ziemlich weltlich gesinnt bin , wenigstens so lange - fügte er mit gedämpfter Stimme hinzu - bis ich meinen Sohn gefunden habe . Sprechen Sie davon , Murray ! Das ist tröstlicher für mich . Ich sehe aus Ihrem Eifer Ihre Liebe . Nun wohlan ! Der zweite mich peinigende Gedanke ist mein Sohn . Ich weiß , ich ahne es , daß er im Elend lebt , verworfen , verkümmert . Wenn er lebt ! Ich hatte keine Ruhe über diesen Gedanken . Ich weiß , daß ihn seine Mutter verstieß , weiß , daß sie ihn , wenn er noch lebt , hassen wird , wie sie den Vater haßte . Es gibt unblutige Mörderhände ! Man kann tödten - o mein Freund - man kann tödten mit Gift und Dolch , das ist alt ! Man kann tödten mit scheinbarer Liebe , übertriebener Pflege , durch tausend Mittel der Bosheit , die langsam , aber sicher treffen . Auch Das ist erwiesen , wenn auch meist im Dunkel begraben und nur für das jenseitige Gericht reifend ! Aber ein noch langsamerer Tod durch Unterlassungen , ein sittlicher Mord durch Nichterziehung , Verwilderung , Elend ... sehen Sie , Freund , das Alles steht klar vor mir , stand vor mir , seit ich mein Elend begriff , und meine Ruhe , meinen Frieden stört dies Bild so , daß ich mir verworfen vorkomme , wenn ich die natürliche Pflicht , die mir die Ordnung der Natur aufgegeben , aus jämmerlicher Feigheit um mein eignes Loos hintansetzte und von dieser Erde scheiden wollte , ohne mich noch wenigstens einmal umzublicken , wo wol das Kind ist , das sich so jammervoll durch sündige Eltern in ' s Leben stehlen mußte . Louis war von diesen mit hoher Weihe ausgesprochenen Worten erschüttert . Ja , sagte er , Murray ' s Hand ergreifend , das ist ein Gefühl , hochzuehren , heilig und edel ! Diesem Gefühle widmen Sie Ihr Dasein , aber ihm schonen Sie es auch ! Denken Sie an Ihren Sohn ! Suchen wir ihn ! Retten wir ihn , wenn er noch lebt und durch die unnatürliche Wuth einer betrogenen Mutter wol zu den Ausgesetzten und Verdammten dieser Erde gehört ! Das war meine Aufgabe , fuhr Murray fort . Ich raffte mein Vermögen zusammen , nahm Abschied von den Wenigen , die mich kannten , und schrieb jenem Manne , den ich einst auf seiner Farm am Missouri kennen lernte und von dem ich wußte , daß er zum Continente zurückkehrte , er sollte meinen Verwandten , die ich ihm bezeichnete , einiges Geld überbringen und sagen , daß ich todt wäre . Als mir einfiel , daß ich großen Gefahren entgegen ging , ließ ich den Verdacht entstehen , als lebt ' ich wirklich nicht mehr ... Heunisch sagte mir , bemerkte Louis , daß die Ursula und der Schmied von einem todten Bruder geerbt hätten . Tausend Dollars ein Jedes . So wird es sein ... Ich komme nach Deutschland . Was beginnen ? Leb ' ich noch , entdeck ' ich mich den Meinigen , so setz ' ich mich der Gefahr aus , erkannt , ergriffen zu werden und meine Mühen um den Sohn wären vergebens . Ja , Murray , schließen Sie sich ein ! Lesen Sie ! Arbeiten Sie ! Denken Sie ! Ich will für Sie handeln . Ich ! Murray war gerührt ... Was wissen Sie von Ihrem Kinde , wo wollen Sie hoffen es wiederzufinden ? Fünf Monate nach meiner Verhaftnahme , erzählte Murray , erfuhr ich durch einen Besuch meiner Schwester , der mir als Abschied gestattet wurde , weil ich mein Urtheil erfahren hatte , daß meine Freundin einige Wochen nach jenem verhängnißvollen Abende die Stadt verließ und ihr schrieb , sie sollte in einen nahegelegenen Ort sich begeben , um dort eine Mittheilung zu empfangen . Meine Schwester stellte sich ein , traf aber nur jene ältere Vertraute , die ihr erklärte , in vier Monaten etwa würde ihre Gebieterin von einem Kinde genesen , das mir elendem Menschen angehöre . Sie würde diese Erlösungsstunde von dem qualvollsten Zustande in einem Dorfe , das ihr näher bezeichnet wurde , abwarten und bis dahin sich in Verborgenheit halten . An dem Tage , wo sie die Anzeige der bevorstehenden Geburt empfangen würde , sollte sie kommen und das Kind abholen . Man wollte ihr ein für allemal eine nicht unbedeutende Summe zahlen , wenn sie das Kind als das ihre annähme und einen Schwur leistete , nie mehr im Leben von diesem Vorfalle und Verhältnisse Erwähnung zu thun . Wenn sie es verspräche , so könnte sie gewiß sein , daß die hohen und einflußreichen Verwandten der Dame Alles aufbieten würden , das Loos ihres gefangenen Bruders , dieses ruchlosen Abenteurers und Betrügers , zu mildern . Meine Schwester Ursula , noch entsetzt von dem Anblick des blinden älteren Bruders , voll Theilnahme auch für mich , mehr noch aber gereizt durch den Gewinn versprach , das zu erwartende Kind zu sich zu nehmen und für dessen Schicksal zu sorgen . Acht Tage vor meiner Verurtheilung hatte die Entbindung von einem Knaben stattgefunden . Meine Schwester hatte dreitausend Thaler empfangen , klagte aber , daß sie schon dem blinden Bruder davon die Hälfte abgeben sollte . Dieser war noch immer an dem schrecklichen Orte , wo meine Schwester in Diensten stand . Freilich hatte sie jetzt diesen Platz zu verlieren . Ihr Herr hatte meines Bruders Verbrechen erfahren und würde nicht gelitten haben , daß sie mit dem Kinde bei ihm geblieben wäre . Wo ist denn nun das Kind ? fragt ' ich damals und wohin willst du dich mit ihm wenden ? Meine Schwester hatte zu allen Zeiten etwas Verwirrtes und Seltsames . Statt auf meine Frage zu antworten , antwortete sie darauf selbst mit Fragen . Nach Allem , was mir Franziska Heunisch von ihr erzählte , wundert es mich nicht , daß sie in ihren alten Tagen das Wesen einer Hexe angenommen hat . Wenn ' s nur erst über den grünen Klee ist ! sagte sie damals . Was sie damit meinte ? fragte ich . Ist das Kind schwächlich ? Ist es krank ? Wie wird es genährt ? In diesem Augenblick , erfüllt von der ganzen gewaltsamen Theilnahme für ein Wesen , das mir noch für die Zukunft einen gewissen Zusammenhang mit dem Leben gab , trat der Gefängnißwärter ein . Die Frist der Unterredung war abgelaufen . Ursula mußte fort . Besorg ' Alles gut ! sagt ' ich noch und drückte ihr die Hand , nicht voll Rührung , sondern voll Ingrimm . Sie ging , antwortete auf meine Fragen nicht mehr und - das ist Alles , was ich von meinem Kinde weiß und als Beruhigung mit hinüber nahm in die neue Welt . Louis erwiderte , daß hier ja Anhalt genug zum weitern Forschen gegeben wäre . Das wohl , sagte Murray , aber ich ahne nichts Gutes von dem Ergebniß . Eine Nachfrage bei jenen Frauen - Leben sie noch ? fragte Louis rasch . Sie leben noch ! sagte Murray . Sie leben in Glück und Freude ! Ich will sie nicht stören in der Ruhe ihrer Herzen , wenn diese Herzen ruhig sind . Ah , sagte Louis , doch nur , weil es gefährlich ist , den Verdacht solcher Tigerinnen zu wecken . Denn sonst - Ich will keine Rache , erklärte Murray . Hätt ' ich auch ein Recht dazu ? Kaum zur Strafe für Das , was mir wirklich Schlimmes von ihnen widerfuhr . Bei ihnen wagt ' ich nicht zu forschen ... so ging ' ich ... schaudervoll zu sagen ... wo ich zuerst um das Schicksal eines so elend auf die Welt gekommenen Wesens nachfragte ... Am Hochgericht ! Entsetzliches Gefühl , mit dem ich die Anhöhe hinaufstieg , die zur Schädelstätte der Verbrecher führt ! Wie tief ritzten die Dornen , die ich mir selbst auf ' s Haupt setzte , in ' s Fleisch ! Wie blutete ich unter dem Druck des Märtyrerthums der Reue , zu dem ich mich freiwillig darbot ! Ich klopfte an die Pforte der unheimlichen Wohnung auf der Höhe und fragte nach dem Doctor Lehmann , so nannte man sonst den Pächter . Er war todt . Sein Nachfolger wußte nichts von Ursula Marzahn , nichts von Jakob Zeck . Ich ging den Berg hinunter , als wenn feurige Flammen unter mir aus dem Boden schlügen . Ach , ich nahm es für eine gute Vorbedeutung , daß man hier nichts von dem Vergangenen wußte . Eine neue Generation hatte die alte verdrängt . Die Vögel sangen in der Luft , die Ernte stand so voll und hoch und reif . Ich setzte mich in ' s Korn unter blaue Blumen und dankte Gott , daß ich nichts erfahren hatte . Murray schwieg eine Weile , um sich zu erholen . Dann fuhr er fort : Ich suchte den Wächter meines Gefängnisses auf ... Den fürchteten Sie nicht ? Er hatte mich entfliehen lassen ... Der Brave ! Weil er seine Pflicht verletzte , brav ? Wir vereinigen uns nicht , Murray ... sagte Louis kopfschüttelnd . In diesem Falle doch , wenn ich Ihnen sage , daß dieser Gefangenwärter mir entdeckte , warum ich nicht in das Zuchthaus kam , sondern zu einsamer Haft begnadigt wurde . Murray erzählte die Umstände , die wir wissen . O diese Teufel in Frauengestalt ! rief Louis . Sagen Sie mir , wer sie sind ? Murray , auf diese Worte nicht achtend , fuhr fort : Auch hier hatte der Tod schon den Posten abgelöst . Ich entdeckte eine Tochter jenes braven Mannes , jenes Mädchen ... Das Sie allein zu Grabe begleiteten ? Murray nickte . O glauben Sie mir , rief Louis , was Sie für Herbststurm gehalten haben , als Sie an der aufgeschütteten Erde des Friedhofes standen , Das waren die Chöre der Engel , die ein Requiem der armen Seele sangen und ein Hosiannah Ihnen . Murray lehnte dies Lob ab und fuhr in seinen Angaben fort : Von jenem Mädchen hört ' ich zum ersten male , daß eine Ursula , die sich Marzahn nennt , mit jenen Frauen noch in einem gewissen Zusammenhange steht . Nach diesem Namen forschend , hört ' ich , daß Marzahn der Name eines verstorbenen Försters in Fürstlich Hohenbergischen Diensten war , dessen gegenwärtiger Nachfolger Heunisch ist . Den Namen Franziska Heunisch hört ' ich zuerst bei meiner Nachbarin Louise Eisold , dann von jenen Feinden dieses jungen Mädchens , die mich veranlassen wollten , sie zu entführen . In dem Drange , den Beziehungen meiner Verwandten auf die harmloseste Art näher zu kommen , ging ich scheinbar auf die mir gemachten Vorschläge ein - Von Wem kamen sie ? sagte Louis . Wie oft versprachen Sie mir diese Aufklärung ! Lassen Sie mich schweigen , sagte Murray . Sie würden sie strafen wollen und mir nur Verfolgungen zuziehen , die ich jetzt noch nicht wünschen kann . Genug , ich wußte nun von Franziska , von den Märtens , Ihnen und Ihrem gutmüthigen Nebenbuhler Heinrich Sandrart , daß Ursula Marzahn und ihr Bruder Jakob Zeck beim Fürstlich Hohenbergischen Dorfe Plessen wohnen . Ich folgte Ihnen . Ich schützte Ihre Freundin . Und da bin ich nun und weiß nicht , wie ich , ohne von den Todten leibhaft aufzustehen , nach dem Schicksal jenes Kindes forschen soll , das in allen meinen Anfragen nach der etwaigen Umgebung dieser Menschen nie genannt wurde . Wie ich jenes Mädchen auf dem Wege des Lasters fand , wer weiß , ob ich meinen Sohn nicht als Verbrecher finde ! Dann wäre Ihnen besser , Sie entdeckten ihn nie , bemerkte Louis ... O ! O ! Ich glaube an die Möglichkeit moralischer Besserung ; nur kommt es auf die richtigen Mittel an . Ein Verbrecher gleicht einer erstarrten Schlange , die man an seinem Busen aufwärmen muß ... Um sich zum Dank von ihr verwunden zu lassen ? Ich wählte kein gutes Bild . Nehmen Sie den Verbrecher sich selber nah , entziehen Sie ihm die Möglichkeit des Fehlens , erwärmen Sie ihn durch Liebe und Vertraulichkeit , erheben Sie ihn dadurch , daß Sie zu ihm niedersteigen ... ich will nicht sagen , daß Alle dem Besseren zu gewinnen sind : Mancher ist es : warum sollt ' ich ihn nicht suchen ? Ich helf ' Ihnen , schloß Louis und horchte . Es schlug zehn Uhr vom Kirchthurme im Dorfe . Es war kalt geworden . Man hatte vergessen , im Ofen nachzulegen . Murray fröstelte wie ein Fiebernder . Sie sind krank ? Sie regten sich auf ? Was haben Sie ? sagte Louis Armand . Das erste Gefühl einer Frau , die Mutter wird , antwortete Murray lächelnd , ist Fieberfrost . Mein Geständniß hab ' ich abgeschüttelt . Sie werden es pflegen und schützen . Aber es überrieselt mich doch ... Besprechen wir morgen , sagte Louis , die Mittel , um bei der Schwester und bei dem blinden Bruder nachzuforschen , welches Schicksal einem Kinde geworden ist , das ihnen einst der Zufall anvertraute . Keine Übereilung ! rief Murray . Wir haben ja Zeit , sagte Louis . Sie arbeiten hier in der Stille . Ich soll noch einige Tage bleiben und wer weiß , ob meine Abwesenheit von der Stadt ... nicht wohl gar ... Er stockte voll Betrübniß . Gewünscht wird ? fragte Murray . Als Louis schwieg , sagte der Alte : Louis Armand , Sie müssen morgen meine Aufrichtigkeit vergelten und mir sagen , ob auch Sie Kummer haben ? Louis gab Murray den einen Leuchter , während er selbst den andern ergriff und sagte ruhig ausweichend : Gute Nacht für heute ! Sie suchen einen Sohn , edler Mann ! Nehmen Sie vorläufig mich an seiner Statt . Sie haben mich tief erschüttert und das Gefühl der Wehmuth , das seit einiger Zeit über mich und einige Freunde gekommen ist , vollends aufgelockert bis zum tiefsten Lebensernst . Es gibt denn doch nur wenig Wahrheiten , die uns so aus der Luft zufliegen und gleich unsern innersten Menschen befriedigen können . Aus der eignen Brust heraus müssen wir weise werden , aus dem Bedürfniß unsrer eignen Seele zum Guten kommen . Dank ! Dank Ihnen für Ihr Vertrauen ! Sie haben es nicht verschwendet . Der Fremdling ist Ihr Freund , Ihr Schüler , Ihr Sohn ! Murray lächelte milde . Er sah sich dann im Zimmer noch etwas mistrauend um , leuchtete an das Fenster , bemerkte , daß der Sturm etwas nachgelassen , schloß die Fenster , bedeckte seine kleine Werkstatt , schloß den Flügel und konnte sich nicht so rasch von dem Zimmer trennen . Ist es mir doch , sagte er schon im Gehen , als wenn diese Wände zu viel erfahren hätten ! Oder ergreift mich ein Bangen in der Nähe meines Bruders ? Ich glaube , er würde mich trotz seiner Blindheit erkennen , wenn er meinen Athemzug hörte - Träume der Aufregung , Murray ! Beruhigen Sie sich ! Ihr Geheimniß schlummert in meinem Herzen ! Murray drückte Louis die Hand und folgte in das Vorzimmer , wo Louis schlief . Er selbst ging über den Corridor in ein entgegengesetztes Gemach , das er gerade aufschloß , als die Kirchthurmuhr schon ein Viertel auf elf Uhr schlug , eine Stunde , wo auf dem Lande , auch im Sommer , wie vielmehr jetzt , Alles im tiefsten Schlummer liegt . Der Morgen brach an , wie der Abend endete . Das Wetter hatte sich noch nicht aufgeklärt . Derselbe nebelgraue , feuchte Himmel . Louis hätte ihn so gern gewünscht seiner Stimmung gemäß . Er hätte nach Dem , was er gestern von einem der seltsamsten Menschen , denen er im Leben bisher begegnet war , gehört , die neuen , gewaltigen Eindrücke so gern in Luft und Natur hinaustragen mögen , um sich der ihn drückenden Schwere dieser geistigen Last etwas entbunden zu fühlen . Der Himmel bot sich aber nicht zu dieser Hülfe an . Er blieb verstimmt und verstimmend , verschlossen dem Blicke , der so gern zu seinem Blau emporgeschaut hätte . Der junge Arbeiter , der hier zu einer unfreiwilligen Muße verdammt war , sprang aus dem Bett und bekleidete sich . Er fühlte das lebendigste Bedürfniß , Murray freundlich zu begrüßen und ihm durch seinen eignen unbefangenen Sinn die Angst zu nehmen , die uns doch befällt , wenn wir , verführt von einer günstigen Situation , aus uns zu gewagt heraustraten und mehr über uns enthüllten , als wir sonst dem Blicke der Menschen zu verrathen gewohnt sind . Hier war nun vollends noch die Last eines Verbrechens , das Geständniß einer unter allen Umständen bedenklichen Schuld abgeschüttelt worden und Louis fühlte zart genug , um die Lücke , die in Murray ' s Gemüth entstanden sein mußte , durch freundlichste Begrüßung wieder auszufüllen . Er ging über den Corridor , klopfte bei ihm an , trat leise ein und fand ihn gleichfalls schon angekleidet , ruhig auf seinem Bette sitzend und lesend . Ich lebte bisher so wenig in der wirklichen Welt , sagte Murray , daß ich mich immer an Bücher gehalten habe und in der That sind richtig gewählte Schriften ein Ersatz für das Leben . Geschichte , Naturkunde , leichtfaßliche Philosophie sind Gegenstände , über die ich mir schon seit dem Baron Grimm nicht gern eine wichtige Erscheinung entgehen lasse . Diese alte Gewohnheit ist mir im bessern Sinne geblieben . So hab ' ich wenigstens die Beruhigung , sagte Louis , auf den Vorrath von Büchern , die Murray mitgebracht hatte , blickend , daß Sie in der Zeit , wo ich suchen werde , die Verhältnisse Ihrer Geschwister genauer zu erforschen , wenigstens eine Beschäftigung haben . Ich werde verstimmte Musik machen , lesen , eine Visitenkarte für Ihr Geschäft stechen und mich so nützlich als möglich zu machen suchen . Damit gingen Beide gemeinschaftlich in das Eckzimmer hinüber , fast auf dem Fuße von Brigitten gefolgt , die das Frühstück mit klappernden Tassen brachte . Winkler tappte hinter ihr her , um einzuheizen . Es wurde von einem Wagen des Herrn Ackermann aus dem Ullagrunde gesprochen , der den Candidaten Oleander zum Fräulein Selma täglich abhole , das Stunden bei ihm nähme , der Wagen würde heute hier erst vorfahren und dann wie immer am Pfarrhaus halten . Wie weit ist ' s in den Ullagrund ? fragte Louis , auf ' s Neue betroffen über den Namen Oleander ( der der Name jener Deutschen war , die Thaddäus Kaminski auf seiner Flucht aus Polen ehelichte und mit nach Frankreich nahm ) ... Eine Stunde zu fahren , zwei zum Gehen ! hieß es . Wann fährt Herr Oleander zurück ? Gegen Abend erst ... Ich muß sehen , wie ich selbst zurückkomme . Rechnen Sie auf ein Mittagessen für mich nicht . Aber mein würdiger Begleiter bleibt daheim und lassen Sie ihm nichts abgehen ... Es würden die darauf folgenden Auseinandersetzungen und Ablehnungen noch länger gedauert haben , wenn nicht ein Klopfen draußen an der Vorthür sie abgeschnitten hätte . Herr Justizdirektor von Zeisel war es , der seinen Morgengruß schon in aller Frühe selbst bestellen wollte und sich die Ehre ausbat , morgen beide Herren bei sich zu Tische zu sehen . Louis blickte dabei auf Murray , der sich entschuldigte , aber die Gründe widerlegte , warum auch sein junger Freund Anstand zu nehmen schien , die Einladung anzunehmen . Frau von Zeisel erhielt später durch ihren Gemahl die Versicherung , daß sie auf die Vermehrung ihres Tisches wenigstens durch ein Couvert rechnen durfte . Auch Herrn Oleander würde man finden und wenn die Einladung Erfolg hätte , auch Hernn Ackermann und Tochter ... Herr von Zeisel , der das freundschaftliche Verhältniß zwischen dem Fürsten Egon und Louis Armand kannte , unterließ nicht , diesen kritischen Besuch auf jede Art zu ehren . Er überreichte Louis ein Packet der neuesten Zeitungen und erbot sich zu jeder Gefälligkeit , die er ihm nur unter den traurigen Umständen dieser üblen Jahreszeit erweisen könnte . Louis dankte und bat nur , ihn wegen Fortsetzung dieser Zeitungen öfters in Anspruch nehmen zu dürfen . Das kann ich mir denken , sagte Herr von Zeisel , wie sehr es Sie interessiren muß , diese glänzende Laufbahn , in die sich Sr. Durchlaucht plötzlich geworfen haben , zu verfolgen . Ich freue mich wahrhaft , daß die schönen Versicherungen , die Justus in den nahegelegenen Wahlkreisen für seinen Schützling gegeben , so schnell in Erfüllung kommen . Dennoch herrscht bei Allen , die für die allgemein hier herrschende Liebe zu Sr. Durchlaucht einen sichern Ausdruck haben und wissen , warum sie ihn verehren , eine Art Bedauern über diese Nachricht . Denn der Beruf eines Ministers gehört in diesen Tagen nicht zu den beneidenswerthen . Murray schwieg aus Absicht , Louis aus Schüchternheit und bescheidener Einhaltung seiner Sphäre . Über Ackermann , seine Pläne , seine Vorbereitungen zu sprechen , war Herr von Zeisel zu sehr Diplomat . Er lebte mit dem neuen Generalpächter fast auf gespanntem Fuße , was jedoch eine Einladung nicht ausschloß . Er rühmte sogar ausdrücklich Alles , was man sich von der zukünftigen Neugestaltung der wirthschaftlichen Verhältnisse des Fürstenthums versprechen dürfte . Sein ganzes Wesen war rücksichtsvoll und zeigte Takt . Als Herr von Zeisel gegangen war , hatte Louis nicht mehr viel Zeit , die Neugier , was wol die Blätter enthalten würden , zu befriedigen . Er sah einige Nummern des » Jahrhunderts « durch , die er schon kannte . Die neuen Nummern entfaltete er kaum , als schon unten der Peitschenschlag des kleinen Einspänners hörbar wurde , der ihn nach dem Ullagrund abholen sollte . Er überließ die Zeitungen Murray , der dafür ein geringes Interesse hatte , und nahm von ihm für den Lauf des Tages herzlichen Abschied . Sorgen Sie doch nicht , rief ihm zum Troste Murray noch nach , daß mir die Zeit lang werden wird ! Nehmen Sie ja einen Mantel ! Das Wägelchen ist nur halb geschlossen ! Auf Wiedersehen ! Unten halfen Brigitte und der Gärtner Louis einsteigen . Der Kutscher schien ein Bauerbursche . Er saß schon durchnäßt auf seinem Bock und war nicht wenig erstaunt , heute nach Herrn Ackermann ' s Wohnung statt des jeden Morgen von ihm abgeholten Herrn Candidaten Oleander noch einen andern Besucher mitzunehmen . Langsam fuhr der kleine Wagen den schlüpfrigen Weg hinunter , bog dann um den Thurm , an dem Herrschaftsgebäude vorbei , in das schmale , kaum fahrbare Örtchen ein . Wie hatte sich ' s hier gegen den Sommer geändert ! Wo war das Grün der Bäume hin ! Wo der Sonnenschein , wo die funkelnden Diamanten in dem Wasserstaub der Mühle ! Wo die Blumen an den Staketen und Einfriedigungen ! Wo die muntre Entenschaar auf dem Teiche ! Wo die fröhlichen Kinder ! Ein grauer Regen hüllte die ganze Natur ein . Man ahnte kaum , daß in der Nähe das Gebirge sich emporhob und auf diesen verschleierten Matten einst die Glocken der Heerden geläutet hatten . Der kleine Wagen hielt vor der düstern Pfarrwohnung Guido Stromer ' s. Viertes Capitel Der Ullagrund Es war Louis Armand ein eignes Gefühl , sich zu denken , daß dies niedere Haus die Wohnung jenes Guido Stromer war , dem er , ohne ihn genauer zu kennen , doch hier und da schon beim Fürsten oder seit einigen Wochen in der Zeitung » Das Jahrhundert « begegnet war . Er wußte von ihm , daß er vom Fürsten auf ein Jahr Urlaub erhalten hatte , um dem Triebe seines Genius zu folgen , wie Egon einmal von ihm gesagt hatte . Er wußte , daß sein Weib , die Kinder daheim geblieben waren und daß statt Stromer ' s die Pflichten seines Amtes ein Vikar verrichtete , dessen Name ihn an seine eigne Herkunft erinnerte . Louis warf über das Fußleder hinweg einen Blick in das Pfarrhaus . Er sah an den kleinen Fenstern Kinder , die neugierig auf den Wagen schauten . Irrte er sich nicht , so stand auch eine Frau lauschend hinter der Gardine . Die Rouleaux waren halb niedergelassen . Blumentöpfe standen inwendig auf den Fensterbretern . Die Linden , die das Haus im Sommer beschatteten , waren entlaubt . Der ganze Eindruck war der der Einsamkeit , der öden verlassenen Traurigkeit , die in einem wehmüthigen Widerspruche stand zu dem Vater dieser Kinder , dem Gatten dieses Weibes , der jetzt vielleicht noch , von den Anstrengungen einer vornehmen Abendgesellschaft ermüdet , im Bette lag oder für die große Welt wirkte in der rauschenden Hauptstadt ! Die Thür des Hauses ging auf und ein langer , schlankaufgeschossener junger Mann trat heraus , in einem grauen verschlissenen Mantel , eine Brille vor den Augen , einen alten rothen Regenschirm in der Hand . Einige Bücher steckte er eben in die Brusttasche des Mantels , als er rasch von den zwei Stufen , die vor der Hausthüre die Schwelle bildeten , mehr herabstolperte als schritt , um unter dem Regen hinweg bald in den Wagen zu kommen . Der Knecht öffnete das Deckleder , Louis rückte zur Rechten und grüßte mit der Entschuldigung , daß er sich dieses Wagens mit ihm zugleich bediene , um zu Herrn Ackermann zu fahren . Herr Oleander mußte sich sehr bücken , um unter dem Schirmdach der kleinen Halbchaise Platz zu finden . Erröthend sagte er einen guten Morgen und bemerkte lächelnd , daß er schon erfahren , mit wem er die Ehre hätte . Damit brach er sogleich ab und murmelte nur noch einige unverständliche Worte über das schlimme Wetter . Der Knecht gab dem Pferde die Peitsche und weiter ging es langsam durch den Plessener Koth an der Schmiede vorüber , in welcher es heute still war . Diese Werkstatt mit Dem , was Louis gestern Abend Alles erfahren hatte , in Verbindung zu bringen , machte auf ihn einen eigenen Eindruck . Auch gedachte er des Försterhauses , des einsamen Fränzchen ' s , der alten Ursula . Am Abend hoffte er bei Heunisch