» Julie hat Fieber und Husten « und schon am 5. März : » Ich kann nicht sagen , wie weh es mir tut . Man fürchtet die galoppierende Schwindsucht . Der König ist außer sich . « Am 25. starb sie . » Welch ein Tag des Unglücks ! Um 8 Uhr abends verschied die arme Julie . Kein Mensch ahnte die nahe Gefahr . Ich ging erst am Abend zu ihr , aber die Prinzessin Friederike , die bei ihr war , redete mir ab , › sie sei zu angegriffen . ‹ Und so hab ich sie nicht mehr gesehen . Ich beweine sie recht von Herzen und alle beweinen sie mit mir . Es ist furchtbar rasch gegangen . Sie starb im Schloß , in demselben Zimmer , in dem ihr Kind geboren wurde . « Der König war in Verzweiflung und konnte sich nicht trösten und beruhigen . Auch gebrach es nicht an allgemeiner Teilnahme , ja das Volk wollte sich ' s nicht ausreden lassen , daß sie durch ein Glas Limonade vergiftet worden sei , weshalb der König , als er von diesem Verdachte hörte , die Obduktion befahl : Diese bewies die Grundlosigkeit des Gerüchtes ; ihre Lunge war krank und daran war sie gestorben . Am 1. April erfolgte die Überführung der Leiche nach Buch . Ihr letzter Wunsch war gewesen » nicht in der Mumiengruft der Familie beigesetzt zu werden « und so bereitete man ihr das Grab unter der Kirchenkuppel , in der Nähe des Altars . Überall in Buch begegnet man den Spuren der schönen Gräfin , aber nirgends ihrem Namen . Wie in Familien , wo das Lieblingskind starb , Eltern und Geschwister übereinkommen , den Namen desselben nie mehr auszusprechen , so auch hier . Eine Gruft ist da , aber es fehlt der Stein ; aus reichem goldenen Rahmen heraus blickt ein Frauenbild , aber die Kastellanin nennt den Namen nicht und nur das Wappen zu Füßen des Bildes gibt einen wenigstens andeutungsweisen Aufschluß . Und nun treten wir von dem Bilde hinweg und noch einmal in den Park hinaus . Eine seiner dunkeln Alleen führt an einen abgeschiedenen Platz , auf dem Edeltannen ein Oval bilden . Inmitten desselben erhebt sich ein Monument mit seinem Reliefbild in Front : der Engel des Todes hüllt eine Sterbende in sein Gewand und ihr Antlitz lächelt , während ein Kranz von Rosen ihrer Hand entsinkt . » Soror optima , amica patriae « , so lautet die Inschrift . Aber der Name der geliebten Schwester fehlt . Falkenberg Falkenberg In der Kirche zu Falkenberg , anderthalb Meilen von Berlin , stehen die Särge des Majors George von Humboldt und der Frau Majorin v. Humboldt , verwitweten von Hollwede , geb . von Colomb , – der Eltern des Bruderpaares Wilhelm und Alexander von Humboldt . Frau von Humboldt , geb . von Colomb , ließ im Jahre 1795 , wo sie Falkenberg besaß , anstelle des hölzernen Kirchturms daselbst einen massiven Turm aufführen und setzte fest , daß der untere Teil desselben als Leichenhalle hergerichtet werde , worin die sterblichen Überreste der Mitglieder ihrer Familie beigesetzt werden könnten . Dies geschah , und stehen nunmehr in der Turmhalle zu Falkenberg folgende vier Tote : 1. Frau Majorin von Humboldt , verwitwete von Hollwede , geb . von Colomb . 2. Hauptmann von Hollwede , Gemahl erster Ehe der gebornen von Colomb . 3. Eine Tochter aus dieser ersten Ehe . ( Kindersarg . ) 4. Major von Humboldt , Gemahl in zweiter Ehe . Die drei Hauptsärge ( 1. 2. und 4. ) haben Inschriften . Diese lauten : Zu 1 » Marie Elisabeth Colomb ; zuerst vermählte v. Hollwede , nachher vermählte v. Humboldt . Geboren den 8. Dezember 1741 , gestorben den 4. November 1796 . » Es ist in einem höheren Leben , für große Tugend großer Lohn . « Zu 2 » Allhier ruhet in Gott der weiland Hochwohlgeborne Herr , Herr Friedrich Ernst von Hollwede , Baron , Erb-und Gerichtsherr auf Ringenwalde , Crummecavel und Schloß Tegel , Canonicus des St. Sebastian Stifts zu Magdeburg , geboren den 12. März 1723 . Trat in Kriegsdienste 1743 unter das Hochlöbliche Königliche Prinz Ferdinandsche Infanterie-Regiment , wo er bis zum Capitain avanciret , nahm 1756 seine Demission und verheiratete sich anno 1760 mit der jetzt hinterlassenen Frau Wittwe Frau Marie Elisabeth , geb . Colomb , aus welcher Ehe zwei Kinder , ein Sohn und eine Tochter gezeuget . Starb den 26. Januar 1765 , seines Alters 41 Jahr 10 Monat 14 Tage . « Zu 4 » George v. Humboldt , Königlich Preußischer Kammerherr und Major von der Cavallerie , Erb- und Gerichtsherr auf Ringenwalde , Crummecavel und Schloß Tegel . Er ward im Jahre 1720 den 27. September zu Zames in Pommern geboren , und nachdem er verschiedenen Feldzügen mit aller Distinction beigewohnt , wurd ' er wegen seiner kränklichen Umstände genöthigt , seinen Abschied zu nehmen . Er vermählte sich hernach mit Marie Elisabeth geb . Colomb , verwittwete Freifrau v. Hollwede , im Jahre 1766 den 27. Oktober und hinterläßt aus dieser Ehe zwei Söhne , Wilhelm und Alexander . Er starb , nachdem er sein Leben durch die rühmlichsten Handlungen bezeichnet , von allen Rechtschaffenen bedauert , im Jahre 1779 den 6. Januar zu Berlin , wo er Allen unvergeßlich sein wird . Horaz , Ode 24. « Blumberg Der Anbau der Kirche . Philipp Ludwig von Canstein . Der Anbau der Kirche . Philipp Ludwig von Canstein und seine » hochbetrübteste Witwe « Diese Bildwerke des Anbaus , teils Grabdenkmäler , teils Ölbilder und Reliefs , sind nicht eigentlich das , was uns nach Blumberg geführt hat ; dennoch verweilen wir einen Augenblick bei denselben , wenigstens bei den hervorragendsten . Da haben wir zunächst das Denkmal des Obersten Philipp Ludwig von Canstein , eines jüngeren Bruders Karl Hildebrandts von Canstein , jenes frommen Mitarbeiters am Werke Franckes und Speners , dessen Wirken und Name vor allem in der Cansteinschen Bibelanstalt zu Halle fortlebt . Der Oberst von Canstein ererbte Blumberg bei jungen Jahren , aber der Besitz des schönen Gutes war ihm nur kurze Zeit gegönnt . Der Spanische Erbfolgekrieg , der in Italien und den Niederlanden auch brandenburgischerseits so schwere Opfer heischte , nahm ihn hinweg . Das Denkmal aber , das ihm von seiten seiner Witwe noch im Jahre seines Todes errichtet ward , ist ganz im Geschmack jener Zeit ausgeführt und erweist sich auf seinen Kunstwert geprüft als eine mit Munifizenz hergestellte Dutzendarbeit . Auf dem Steinsarkophage steht wie immer die Büste des Hingeschiedenen und Kriegstrophäen und Wappenschilde gruppieren sich drum herum ; ein Genius preßt den Lorbeerkranz auf die Allongeperücke , während die vergoldete Front des Marmorsarges in Schnörkelschrift die herkömmlich stilisierte Inschrift trägt . Diese Inschrift wiederzugeben , ist hier nötig , weil sie eine irrtümliche Angabe über den Todestag des tapferen Obersten beseitigt . Er fiel nämlich nicht bei Malplaquet , wie immer gedruckt wird , sondern ein Jahr früher bei Oudenarde . Die Inschrift lautet : Dem Hochwohlgebornen Herrn , Herrn Philipp Ludwig Freiherrn von Canstein , Herrn der Herrschaft Canstein , Schönberg , Neukirch , Blumberg , Eiche und Helmsdorf , Seiner Königlichen Majestät in Preußen Obristen zu Roß der Gensdarmes , welcher geboren A. D. 1669 den 11. April durch Geschlecht und Tugend , durch Gottesfurcht und Tapferkeit Ehr ' und Lob verdienet und erworben , und im Treffen bei Oudenarde wider die Franzosen im Lauf des glücklich erfolgten Sieges durch einen tödtlichen Schuß rühmlich und auf dem Bette der Ehren verstorben im Jahre des Heils 1708 den 11. Juli des Alters 39 Jahr und drei Monat , – hat dieses Denkmal zum Zeichen beständiger Liebe und Treue setzen lassen dessen hochbetrübteste Wittwe Ehrengard Maria Freifrau von Canstein , geborne v. d. Schulenburg , 1708 . Die » hochbetrübteste Wittwe « indes war ein Kind ihrer Zeit , d.h. sie verheiratete sich wieder , und zwar in kürzester Frist . Sie wurde dann abermals eine Witwe , aber nur um sich bald darauf zum dritten Male zu vermählen . Das war damals Landesbrauch in den Marken , und wir werden noch im Laufe dieses Aufsatzes die Bekanntschaft eines hervorragenden Mannes jener Epoche machen , der außer seinem Vater und Schwiegervater zwei Stiefväter und zwei Stiefschwiegerväter hatte , also sechs Väter im ganzen . Es war , als ob alles was lebte , sich einen Zustand der Ehelosigkeit nicht wohl denken konnte . Man hielt das Trauerjahr und war in aller Aufrichtigkeit ein tief betrübter Witwer oder eine » hochbetrübteste Wittwe « . Aber sobald die Trauerkleider fielen , gehörte man wieder dem Leben ; das Blut , das voll zum Herzen drang , forderte sein Recht . Das sinnliche Leben überwog noch das geistige , und die Welt feinen Empfindens war noch wenig erschlossen . Aber freilich auch die Irrwege nicht , zu denen die Feinheit der Empfindung so leicht verführt . Wie von unserem tapferen Obristen selbst , so findet sich auch von seiner betrübten Gattin ein Bildwerk im Anbau der Kirche vor , aber kein Grabdenkmal , nichts von Sensenmann und Sarkophag , sondern ihr Ölporträt in ganzer Figur , frisch blühend , voll . Es ist ein durchaus interessantes Bild , einmal als künstlerische Leistung überhaupt , ungleich mehr aber durch die ingeniöse Art , wie der Maler es verstanden hat , die drei Ehemänner der noch stattlichen Frau halb huldigend , halb dekorativ zu verwenden . Wie Macbeth in der bekannten Hexenkesselszene die Könige Schottlands an sich vorüber ziehen sieht und zwar so , daß die der Zeit nach am weitesten von ihm entfernten immer kleiner und blasser werden , so hier die drei Ehemänner . Den noch lebenden hält sie als Medaillonporträt mit dem Ausdruck ruhigen Besitzes fest in ihrer Rechten ; der zweite , noch klar erkennbar , zieht sich bereits in den Hintergrund des Bildes zurück ; unser Freund der Oberst aber , dessen ganze Schuld darin bestand , einige zwanzig Jahre vor Entstehung dieses Bildes den Heldentod gestorben zu sein , verliert sich völlig in nebelhafter Ferne und wirkt nur noch mit , um das Ensemble und die symmetrische Anordnung des Ganzen nicht zu stören . Möglich , daß solche Bilder öfter sich vorfinden , mir war es das erste der Art. Der alte Teil der Kirche . Johann von Loeben und Frau von Burgsdorf Der alte Teil der Kirche . Johann von Loeben und Frau von Burgsdorf Der Anbau weist noch manches andere von Bildwerken und Denkmälern auf , wir treten aber von dem Bildnis der stattlichen Frau hinweg in den alten Teil der Kirche zurück , darin wir , genau an der Stelle , wo des Anbaus halber die alte Giebelwand durchbrochen war , und zwar an ein paar pfeilerartig stehengebliebenen Mauerresten einigen Bildnissen aus dem Anfang und Schluß des 17. Jahrhunderts begegnen , Porträts , die , wenn man den Ausdruck gestatten will , der eigentlichen Zeit Blumbergs angehören . Diese Bilder geleiten uns durch drei oder vier Generationen einer und derselben Familie , doch ist es weibliche Deszendenz und so wechseln die Namen : Loeben , Burgsdorf , Kanitz . ( Johann von Loeben . ) Da haben wir zunächst , halb versteckt unter einem Behang von Spinnweb , die Bildnisse Johann von Loebens und seines Ehegemahls . Er ist ein alter Herr und die spanische Tracht von schwarzem Sammet , dazu die goldene Kanzlerkette , würden keinen Zweifel über die Vornehmheit des Mannes lassen , wenn auch die Züge weniger Entschlossenheit und die großen hellen Augen weniger Leutseligkeit und Würde verrieten . Die Umschrift des Bildes lautet : » Johann von Loeben , Kurfürstlich Brandenburgischer Geheimer Rath und Kanzler , hat 1602 die Güter Blumberg , Eiche , Dalwitz und Helmsdorf erkauft , christlich und weislich solchen vorgestanden und regieret 34 Jahr , und ist gewesen ein weiser und vortrefflicher Mann von seinem Geschlecht . « Unmittelbar vor dem Bilde hängt das alte Banner der Familie von der Decke herab , das in goldner Schrift die Angaben des Bildes teils bestätigt , teils erweitert : » Der hochedle , gestrenge und hochbenannte Herr Johann von Loeben , Ihrer Churfürstlichen Durchlaucht zu Brandenburg , Joachim Friedrich , hochlöbseligsten Gedächtnisses , vornehmer Geheimer Rath und Kanzler , Herr auf Blumberg , Dalwitz , Eiche und Falkenberg , ist allhier zu Blumberg selig im Herrn entschlafen , den 26. Juli anno 1636 , seines Alters 75 Jahr . « Über dieser Inschrift , stark nachgedunkelt , aber immer noch deutlich erkennbar , zeigt sich das alte Loebensche Wappen : ein Schachbrett mit der Prinzessin aus Mohrenland . Schon 723 war ein Loeben in die üble Lage gekommen , mit einer Prinzessin aus Mohrenland auf Tod und Leben Schach spielen zu müssen . Glücklicherweise gewann er , und Schachbrett und Prinzessin kamen seitdem ins Loebensche Wappen . Ob die edle Kunst des Schachspiels seitdem in der Familie gehegt und gepflegt wurde , mag dahingestellt bleiben , unser alter Kanzler aber war jeden falls insoweit seines Urahnen wert , als er manchen guten Zug auf dem diplomatischen Schachbrett zu tun wußte . Dabei liebte er ehrlich Spiel , keine Finten und Hinterhalte . Der Kurfürst setzte ein unbegrenztes Vertrauen in seine Klugheit und Redlichkeit , und als die Gründung eines permanenten » Geheimen Rates « 23 für nötig erachtet wurde – die nächste Veranlassung dazu gab eine längere Anwesenheit des Kurfürsten im Herzogtume Preußen – war es selbstverständlich , daß Johann von Loeben als erster Rat in diesen Regentschaftskörper berufen wurde . Aus diesem damals gegründeten » Geheimen Rat « ging später der » Staatsrat « hervor . Johann von Loeben wurde Kanzler bei jungen Jahren und stieg so hoch wie ein Diener steigen mag im Dienste und in der Liebe seines Herrn ; aber Leid und Bitterkeit des Lebens erreichten auch ihn . Als er die höchste fürstliche Gnade kennengelernt hatte , kam Ungnade über ihn , wie der Dieb in der Nacht . Fast unmittelbar nach Joachim Friedrichs Tode ( 1609 ) schied er aus dem Staatsdienst , um » procul negotiis « in Blumberg und seiner Umgebung die Freuden und Leiden glänzenderer Tage zu vergessen . 1629 , inmitten der Wirren des Dreißigjährigen Krieges , wurde er noch einmal auf den Schauplatz berufen , um der schwachen und haltlosen Politik Georg Wilhelms Halt und Richtung zu geben , aber wo keine Kraft der Ausführung war , da wogen der Rat des Weisen und das Wort des Toren gleich schwer und nach kurzem Verweilen am kurfürstlichen Hofe zog er sich zum zweiten Mal in die Stille seines Landguts zurück . Nur als Beobachter folgte er noch den Begebenheiten , und die letzten Jahre seines Lebens , im übrigen verbittert durch so manche Erfahrung , brachten ihm wenigstens das eine noch , daß es ihm vergönnt war , den Stern seines Schwiegersohns Konrads von Burgsdorf glänzend aufgehen zu sehen . ( Frau von Burgsdorf . ) Die Bildnisse des alten Kanzlers und seines Ehegemahls blicken , dem Anbau und der Kanzel abgewandt , in das alte Kirchenschiff hinein ; an der Innenseite der beiden Pfeiler aber , so daß sie sich einander ins Auge blickten , hingen bis vor kurzem zwei andere interessante Bildnisse : das der alten Frau von Burgsdorf , einer Tochter Johanns von Loeben , und das ihres Enkels , des Poeten Canitz . Dieses tête à tête zwischen Großmutter und Enkel ist neuerdings gestört worden ; die Kirchenvorstände haben das Bildnis des Poeten , ich weiß nicht aus welchem Grunde , für eine kaum nennenswerte Summe verkauft . Es ist dies um so beklagenswerter , als die Kirche jedes andere Bild eher entbehrt haben könnte als dieses eine . Denn nicht nur die Glanzzeit Blumbergs fällt in die Tage , wo Canitz hier heitere Gastfreundschaft übte , nein , das Dasein des Dorfes überhaupt würde kaum jemals über seine nächste Umgebung hinaus bekannt geworden sein , wenn ihm nicht die Alexandriner des märkischen Poeten ( Canitz ) zu einem Plätzchen in der Literaturgeschichte und zu einem ähnlich guten Klange wie Wandsbek oder Gohlis oder Alten-Gleichen verholfen hätten . Das Bildnis der alten Frau von Burgsdorf , dem wir uns jetzt zuwenden , ist wohl erhalten und trägt folgende Inschrift : » Die verwittwete Frau Oberkammerherrin von Burgsdorf , geborne von Loeben , bekommt nach Absterben ihrer Frau Mutter alle Güter , so ihr Herr Vater , der Herr Kanzler von Loeben , in Besitz gehabt ; stehet solchen mit besondrem Ruhm und Leutseligkeit vor ; aus Liebe für die Blumbergschen und Eichischen Unterthanen legirt sie in ihrem Testament den Armen von beiden Gütern ein Capital von 500 Thalern . Sie setzet annoch bei ihrem Leben den klugen Staatsminister Freiherrn von Canitz , als ihren einzigen Enkel , zum Erben ihrer Güter ein . Erlanget von dem Höchsten die Verheißung langen Lebens und bringet solches auf 77 Jahr . « Der lebensvolle Kopf , der aus dem schlichten Holzrahmen heraus uns anblickt , ist aber nicht der Kopf einer siebenundsiebzigjährigen Greisin , sondern der Kopf einer Frau in den besten Jahren , deren Embonpoint sie siegreich schützte gegen die verräterische Furchenschrift einer beginnenden Fünfzigerin und deren lang herabhängende dunkle Locken noch den Vorsatz der Trägerin aussprechen , nicht alt sein zu wollen . Ihr Kostüm erinnert vielfach an unsere heutige Mode . Das Kleid ist weit ausgeschnitten , aber ein reiches Kantenhemd umschließt den Nacken bis hoch herauf , und allerhand Borten und Schnüre ziehen sich dezent über den gestickten Brustlatz hin . Die Ärmel sind kurz und weit und überdecken kaum zur Hälfte den reichen Unterärmel von Brüsseler Spitzen . Der Gesichtsausdruck entspricht dem einer selbstbewußten , herrsch-gewohnten Frau , deren natürliche Gutmütigkeit sich gegen die Regungen des Stolzes ebenso sehr wie gegen die harten Schläge des Schicksals behauptet hat . An diesen war kein Mangel gewesen . Wenn das Leben ihres Vaters Gegensätze geboten hatte , so bot das ihre deren mehr . Sie hatte Tage seltenen Glückes gesehen , aber auch Tage tiefen Falls . Ihr Ehegemahl , eine genialische Natur , halb Held , halb Libertin , hatte sich nicht begnügt , wie ihr Vater , der Kanzler , als erster Diener neben dem Thron seines Fürsten zu stehn , er war , eine Zeitlang wenigstens , seines Herrn Herr gewesen , und daß er es unausgesetzt hatte bleiben wollen , das hatte ihn gestürzt . Was Kurfürst Friedrich Wilhelm ertragen konnte , als er , fast ein Knabe noch , ins Land kam , in ein Land , das ihm der schlaue Mut Konrad von Burgsdorfs erst schrittweis erschließen mußte , das mußte notwendig zur Verstimmung und endlich zum Bruche führen , als der jugendliche Fürst » der Große Kurfürst « zu werden begann . Der kluge Günstling , der so vieles sah , sah diesen Wechsel nicht , wollt ' ihn nicht sehen , und an diesem Irrtum oder Eigensinn ging er zugrunde . Seine Gegner hatten leichtes Spiel . Die Wüstheit seines Lebens kam ihnen zu Hilfe , und die Verbannung vom Hofe ward ausgesprochen . Er ging nach Blumberg . Aber der Haß seiner Feinde schwieg auch jetzt noch nicht . Man bangte vor seiner Rückkehr , und hundert geschäftige Zungen erinnerten immer wieder daran , » daß der eben gestürzte Günstling achtzehn Maß Wein tagtäglich bei Tafel getrunken habe , zugleich auch ein gewaltiger Courmacher und Serenadenbringer gewesen sei « . Man wußte wohl , was man tat , daß man gerad ' an diese Dinge beständig erinnerte ; Kurfürstin Henriette Louise war eine fromme Frau , der alles Lasterleben ein Greuel war , und nachdem Unzucht und Völlerei so lang ihr wüstes Haupt auf den Tisch gelegt hatten , wurd ' eben damals die Sitte wieder erstes Gebot . Konrad von Burgsdorf starb bald , nachdem er in Ungnade gefallen war . Es heißt , daß er sinn- und trostlos geendet habe ; sein ehlich Gemahl aber , deren Bild jetzt eben von der Pfeilerwand auf uns niederblickt , überlebte den Sturz ihres Mannes um fast volle dreißig Jahre . Blumberg , der Ort ihrer Kindheit , wo vordem ihr Vater und dann ihr Gatte vor der schneidend kalten Hofluft Zuflucht gesucht hatten , blieb ihr lieb , weil die Geschichte ihres Lebens mit ihm verwachsen und die Stille seiner Felder ihr mehr und mehr ein Bedürfnis geworden war . Aber freilich der Frieden des Gemüts , nach dem sie rang , blieb ihr versagt , wie er ihr schon in ihrer Jugend versagt gewesen war . Neue Kränkungen gesellten sich zu alter Bitterkeit , Kränkungen , die dadurch nicht geringer wurden , daß sie unbeabsichtigt waren . Den Kummer ihres Alters schuf ihr ihre eigene Tochter . Diese schien ganz ihres Vaters Kind zu sein , der , wie wir eben zitiert haben , » ein gewaltiger Courmacher und Serenadenbringer « gewesen war . Dreimal verheiratete sich diese Tochter . Ihr erster Mann , ein Freiherr von Canitz , starb , – das war ein Unglück ; von ihrem zweiten Gemahl , einem General von der Goltz , ließ sie sich scheiden – das war erträglich ; daß sie sich aber zum dritten Male nicht bloß verheiratete , sondern diesen dritten Mann , den sie nie gesehen , von Paris her sich schicken ließ , das war mehr , als die Oberkammerherrin von Burgsdorf , die fünfzig Jahre lang erst als die Tochter und dann als die Gattin des vornehmsten Mannes in Kurmark Brandenburg gelebt hatte , ruhig ertragen konnte . Diese Heirat zehrte an ihrem Herzen und vergällte ihr das letzte Jahrzehnt ihres Lebens . Die Ehe selbst aber , die zu dieser Verbitterung Anlaß gab , bildet einen zu charakteristischen Zug für die Sittengeschichte jener Zeit , als daß ich es mir versagen könnte , den Hergang ausführlicher zu erzählen . Frau von der Goltz ( geborene von Burgsdorf , verwitwete von Canitz ) war kaum von ihrem zweiten Manne , dem General von der Goltz getrennt , als sie den Vorsatz faßte , sich zum dritten Male zu vermählen , und zwar coûte que coûte mit einem Franzosen . Bei ihrer Schwärmerei für alles Französische kam es ihr auf eine Wahl im besonderen nicht an . Sie schrieb deshalb ihrem Pariser Kommissionär , der sich bis dahin durch seinen feinen und guten Geschmack in der Übersendung von Coiffüren und Modeartikeln bewährt hatte , ihr einen Mann zum Heiraten zu schicken , der rüstig , fein und geistvoll und selbstverständlich auch von Adel sei . Der Auftrag wurde prompt ausgeführt . Nach etwa vier Wochen traf in Berlin ein Franzose von über fünfzig Jahren ein und meldete sich bei Frau von der Goltz als derjenige , den sie gewünscht habe . Sein Name war Peter von Larrey , Baron von Brunsbosc , aus einer alten Familie in der Normandie . Die Ehe kam wirklich zustande und war glücklich . Frau von Burgsdorf indes konnte die Kränkung , die ihr dieser abenteuerliche Vorgang bereitet hatte , nicht überwinden . Die Partie mit dem normannischen Baron , der vielleicht keiner war , zehrte an ihrem Leben und sie starb , nachdem sie längst vorher mit Umgehung ihrer Tochter , den Sohn dieser Tochter aus erster Ehe , den Freiherrn von Canitz , zum Erben all ihrer Güter , das schöne Blumberg mit eingeschlossen , eingesetzt hatte . Freiherr von Canitz Freiherr von Canitz Und diesem Freiherrn von Canitz wenden wir uns nunmehr ausführlicher zu . Sein Bildnis fehlt zwar an dem breiten Mauerpfeiler , an dem es früher hing , und Großmutter und Enkel , das Lächeln des einen und der herbe Gesichtsausdruck der andern , begegnen sich nicht länger mehr an dieser Stelle ; das Totalbild des » Poeten « aber , seinen Charakter wie seine Erscheinung , hat uns eine zeitgenössische Feder aufbewahrt und mit Hilfe dieser Aufzeichnungen erneuern wir auf Momente das Bild und führen es an des Lesers Auge vorüber . » Canitz , der Poet , war von mittlerer , wohlgewachsener Gestalt , in den späteren Jahren etwas untersetzt und stark ; sein Gesicht voll , offen , wohlgebildet , seine blauen Augen lebhaft , sein Ansehen männlich . Bei einer weißen Haut und freien Stirn hatte er einen freundlichen Mund , der sich nur manchmal eines spöttischen Lächelns nicht erwehren und seine angeborene Neigung zur Satire nicht ganz verbergen konnte . « So schildert ihn sein Biograph , und dementsprechende Züge mochte auch das Bildnis zeigen , das einst hier hing . Aber an jenem Sonntage des Monats Juni 1699 , als er zum letzten Mal in diesen Chorstuhl uns unmittelbar zur Rechten eintrat , um andächtiglich der Rede des Geistlichen zu folgen , zuckte kein spöttisches Lächeln mehr um seinen Mund , und die » angeborene Neigung zur Satire « hatte längst einem Besseren Platz gemacht . Er wußte , daß ein anderes Leben seiner harre , und von Todesgewißheit erfüllt , hatte er in tiefer Rührung zu Spener die Worte gesprochen : » wenn Gott mich wieder aufrichtet , so will ich dem eitlen Wesen dieser Welt mich ganz entziehen und mich dem widmen , was das allein Notwendige ist . « Canitz wußte , daß er nur noch Wochen zu leben habe ( die Ärzte hatten es ihm gesagt , weil er es zu wissen verlangt hatte ) , und die Textesworte , die eben jetzt gelesen wurden , trafen sein Herz . » Es wird gesäet verweslich und wird auferstehen unverweslich , es wird gesäet in Unehre und wird auferstehen in Herrlichkeit . « Diese Worte , sagt ' ich , trafen sein Herz ; aber die Bilder des Todes , die vor ihn hintraten , erschreckten ihn nicht . Ruhig folgte er dem Gange der Predigt . Und nun ist die Predigt vorüber und an der Sakristeitüre dem Geistlichen freundlich und zustimmend die Hand drückend , schreitet er über die Gräber hinweg und durch das holunderüberwachsene Kirchhofstor dem Herrenhause zu . Der Junimorgen , so frisch und so warm zugleich , läßt ihn aufatmen wie in alter Lust und Fülle des Lebens , und statt in die Kühle des Hauses einzutreten , tritt er in den lachenden Park . Wir schreiten ihm leise nach . An dem Birkenwäldchen vorbei , den erhöhten Kiesweg entlang , der bald die Windungen des Baches begleitet , bald sie kreuzt und überbrückt , hat er endlich die hochgelegene Lieblingsbank am Rande des Parks erreicht , die von Buchenzweigen weit überschattet nach vorn hin einen Blick gönnt auf Felder und wogendes Korn . Er läßt sich nieder hier , und Figuren in den Sand zeichnend , ziehen die wechselnden Bilder seines Lebens an ihm vorüber . Das sind die sonnigen Tage seiner Jugend . Die krainischen Alpen liegen hinter ihm , eine kurze Meerfahrt ist überstanden und um die Spitze des Lido herum , biegt er in eine Lagunenstadt . Welche Welt tut sich vor ihm auf ; die Kuppeln und Türme blinken im Sonnenlicht , und als zöge man hinaus , um festlich einen Fürsten einzuholen , so schwimmt ihm die Meereskönigin auf hundert Barken entgegen . Aber was wie Wunder und Märchen erscheint , ist nur ein glückliches Ungefähr ; die heiteren Reisegötter führen ihn in die Lagunenstadt just am Tage der Meervermählung , wo der Doge samt seinen Senatoren im Bucentauro hinausgleitet , um den Ring , das Zeugnis und die Besiegelung des Bundes , in das Meer zu senken . Die Bilder Venedigs schwinden , aber der Kahn des Traumes führt ihn weiter , jetzt zurück auf die hohe See , jetzt an dem Küstenbogen entlang , der zwischen Sorrent und Neapel sich spannt , und jetzt den Rhein hinunter und jetzt die Themse hinauf , hinauf bis an die Londonbrücke , wo die Barken den Strom sperren und die hundert Masten der Schiffe seinen Blick bezaubern und verwirren . Die Treppe steigt er hinan , die halb ausgewaschen zum Kai hinaufführt , und das Geräusch der City nimmt ihn auf . Immer wachsenderes Gedränge umwogt ihn hier , und endlich Stand nehmend auf der Hügelkuppe von Ludgate Hill , wo eben die Quadersteine geschnitten werden , aus denen dereinst die neue Paulskirche sich aufrichten soll , sieht er jetzt , von einem der hohen Steinblöcke aus , die Lordmayors-Prozession in altertümlichem Pomp an sich vorüberziehen . Die Themseschiffer in roten Röcken eröffnen den Zug , dann schmettern Pauken und Trompeten , bis endlich aller andre Lärm in dem Jubelgeschrei des Volkes erstickt , denn schwerfällig , aus Eichenholz geschnitzt , schwankt eben die vergoldete Kutsche heran und der erwählte Cityherrscher grüßt mit gravitätischem Kopfnicken nach rechts und links . Vereinzelte Kuckucksrufe klingen jetzt leis und wie aus weiter Ferne her herüber und siehe da , der kranke Poet unterbricht sich in seinem Figurenzeichen und horcht auf . Aber wie die Seele gern wieder anknüpft an das , was ihr lieb geworden , so fällt er alsbald auch in altes Sinnen und Träumen zurück . Immer lachendere Bilder ziehen herauf . Es ist wie der ein Festzug , eine Prozession , aber diesmal auf heimischem Grund und Boden , und der Gefeierte ist er selbst . Ein Junitag ist ' s wie heute , nur um so viel heiterer und schöner , als die Augen damals heller in den Tag hineinsahen : denn neben ihm auf dem breiten Sitze des Wagens , auf dem er eben einfährt in die festgeschmückte , mit Laubgewinden überspannte Dorfgasse , sitzt seine heißgeliebte Braut , seit gestern sein Gemahl . Sie zählt nicht zu den leuchtenden Schönheiten , aber sie hat jenen blendenden Teint , der der Schönheit nahe kommt . Ihre blühenden Wangen wurden rosiger von der Fahrt und das rotblonde Scheitelhaar flattert halb aufgelöst im Winde . Bauern zu Pferd und mit bebändertem Hut folgen dem Zuge , Frauen im Sonntagsstaat stehen in den Türen oder am