lachen machte ... Resi stritt mit ihm über den Charakter der Deutschen und nannte Hamlet einen Dänen , auf den die Malicen ihres Nachbars nicht im mindesten paßten ... Ma questo strofinaccio ha frequentato una universitâ tedescha ! sagte der Italiener ... Benno verstand und sprach das Italienische wie seine Muttersprache ... Er durfte annehmen , daß der Professor , der Hamlet seiner Thatlosigkeit wegen einen » Waschlappen « genannt hatte , ein Musiker war . Resi lenkte ihre jetzt zorniger werdenden Erwiderungen immer auf das musikalische Gebiet ... Sein Führer , der endlich den Theaterzettel bekommen hatte , las diesen laut , lachte dabei über den Streit , blinzelte Benno zu und sagte : Der Laërtes - der soll engagirt werden ... Eine Empfehlung aus München ... Der ganze Hof ist deshalb zugegen ... Resi , wie kommt ' s , daß heute der Dalschefski seinen Platz abgetreten hat ? ... Herr Professor , eine seltene Ehre für die deutsche Kunst ! ... » Müller « heißt der Debütant ... Die allerhöchsten Herrschaften sind so außerordentlich gnädig ... Der Mensch kann aber seine Beine noch nicht halten ... Benno würde an dem kleinen Kriege auf den Bänken vor ihm , wo sich noch eine ältere Dame und ein anderer Herr befanden , seine harmlose Freude gehabt und sein schmerzlich zerrissenes , hochgespanntes und sozusagen überbürdetes Gemüth erleichtert haben , wenn nicht plötzlich im Lauf der Neckereien sein Begleiter mit einem Namen wäre angeredet worden , der ihm das Blut erstarren machte ... Und mehr noch ... Kaum hatte er die Anrede : » Herr von Pötzl « zum zweiten mal vernommen , da stieg sein Schrecken bis zur Besinnungslosigkeit , denn im weitern Verfolg der wieder neubegonnenen Handlung auf der Bühne reichte ihm sein Führer das Perspectiv mit den geheimnißvoll geflüsterten Worten : Jetzt aber ! Jetzt schauen ' s ! ... O ich bitt ' ! ... Da - Das ist merkwürdig ! ... Unser Schicksal ! Im Hamlet ! ... Dieser Herr Müller ist gut empfohlen ... Nein , schauen ' s doch , Resi ! ... Beim Staatskanzler - Alle die römischen Herrschaften ... Der Principe Rucca ... Und die Dame da ... Das ist die Herzogin von Amarillas ... Benno lehnte das ihm dargereichte Perspectiv ab ... Seine Hand zitterte ... Sein Athem versagte ihm ... Bald richtete er sein Auge starr auf den Träger eines Namens , der - er wußte es jetzt - seiner Schwester Angiolina gehörte , bald auf die ihm noch im fernen Lampen- und Lichtdunst schwimmende Erscheinung - seiner Mutter - - Das Spiel ging indessen weiter ... Aber es wogte ein Rauschen und Flüstern durch den Saal ... Die eben eingetretenen fremden Herrschaften , die mit dem aus Rom gekommenen Cardinal Ceccone in Verbindung gebracht wurden , erregten das allgemeinste Aufsehen ... Es kamen immer mehr ... Der Principe Rucca war ein junger Mann im rothen , gestickten Kleide ... Auch der Name Maldachini wurde genannt ... Alle Gläser richteten sich nach jener Logenreihe und Resi ' s Frage sogar : Ja , mein Gott , trägt denn der kleine Rothrock nicht gar ein schwarzes Pflaster überm Auge ? mehrte Benno ' s Aufregung ... Denn nach einem erst heute früh erlebten Vorfall sah er , daß er mit den Personen , die er mit heißester Sehnsucht suchte und - mit Entsetzen und Grauen floh , bereits zusammengetroffen war , ja mit ihnen schon in einer Verbindung stand ... Zweimal erwiderte er , auf alles Erläutern und Zeigen seiner Umgebungen . Wessen - Loge - ist das ? ... Des Staatskanzlers ! hieß es ... Doch auch die Logen neben jener hatten sich inzwischen gefüllt ... Benno kämpfte mit sich , ob er bis zu Ende bleiben sollte ... Hamlet ' s Lage war seine eigene ... Auch mit ihm sprachen ja Geister , die außer ihm hier niemand sah ... Auch ihm sträubten Enthüllungen das Haar zu Berge ; auch ihn hätten sie wach rufen sollen zu Thaten der Sühne und Gerechtigkeit ... Aber auch ihm lähmten hundert Erwägungen den Arm ... Wahnwitz , das fühlte er jetzt , kann den ergreifen , der ein Ungeheueres machtlos im Busen bergen soll ... Auflodern , allen zurufen hätte er mögen : Das ist ja meine Mutter ! ... Er hätte seinen Nachbar anrufen mögen : Wie trägst du , du nur den Namen meiner Schwester ? ... Ophelia , angeredet von Hamlet mit dem unendlich schön gesprochenen Abschiedswort : » Geh ' in ein Kloster ! « verwandelte sich ihm in die Trägerin seiner eigenen Leiden ... Daß man dann sagte , die Gräfin Olympia Maldachini sähe so keck sich um , wie in einem Ballsaal , ließ ihn vollends erbeben ... Auch sie kannte er ja ... Sie schon ihn ... Die Loge war zu entfernt für sein Auge ohne Bewaffnung durch ein geschärftes Glas ... Dennoch bog er sich schwindelnd über , um zu sehen - um starren zu können ... Wieder war inzwischen der Vorhang gefallen ... Wieder begann eine Zwischenmusik ... Der Professor , der inzwischen ebenfalls in große Aufregung gerathen war , erklärte , nur eben dieser » Römer « wegen hätte er den Platz des Professors Dalschefski übernommen ... Er zankte mit Theresen ... Er war aufgestanden und sprach jetzt mit höchster Lebendigkeit seiner bisher so starr gewesenen Gesichtszüge die italienischen Worte : Ja ! Das sind sie ! ... Die Herzogin kenn ' ich nicht ... Aber sehen Sie nur den Grasaffen , den Rucca ! ... Und das , das ist die kleine Gräfin Olympia ! ... Corpo di Bacco ! ... Als zehnjähriges Kind schon hatte der Fratz sich in einen Apollino im Braccio nuovo verliebt , verlangte vom Cardinal Ceccone , ihrem - Onkel , ihm einen Kuß geben zu dürfen , springt selbst an den jungen marmornen Gott hinauf , umschlingt ihn und beide stürzen vom Postament herunter ... Thorwaldsen hat ihn restauriren müssen ... Und ein ander mal - ha , da hat - diese Olympia - - Ich muß aber bitten ! Schweigen Sie ! unterbrach ihn Resi entrüstet ... Die Dame hat auch bis dahin Ihre Verleumdungen gehört ! Eben richtet sie das Lorgnon auf Sie ! ... Wahrhaftig ... Herr von Pötzl , schauen ' s doch ! ... Das ist ja prächtig ! Sie ruft den mit dem schwarzen Pflaster , auch die Herzogin und die sämmtlichen Cavalieri - geben Sie Acht , Professor , Sie müssen ihr Revanche geben , Sie unverbesserlicher Carbonaro ! ... Herr von Pötzl bestätigte alles , staunte und lachte übermäßig ... Benno aber stand , als schwebte er , ein Fieberkranker , in den Lüften ... Nein , die ist ungenirt ! ... sprach alles ringsum durcheinander ... Wie in Neapel ! ... Sie grüßt wirklich hier herauf ! lachte Herr von Pötzl ... In der That bestätigten alle , durch ihre Lorgnons blickend , daß die Kleine mit dem Diamantendiadem zu ihrer Loge hinauflache ... Sie ergriffe eben das Taschentuch und winke herüber , ergänzte Resi ... Wem gilt denn das ? ... sagte Herr von Pötzl hocherstaunt und schaute sich überall um und fixirte endlich den Fremden neben sich , seinen Protégé ... Dieser stand keiner Besinnung fähig ... todtenbleich ... Eben streckte Benno die Hand vor , um das ihm dargereichte Perspectiv zu ergreifen , da blieben ihm die Finger wie gelähmt hängen ... Er sank bewußtlos auf seinen Sessel zurück ... Sie sind unwohl ! rief Herr von Pötzl erschrocken ... Ein Glas Wasser ! Bitte ... oder kommen Sie ... Frische Luft ! ... Benno erhob sich allmählich , lehnte Hülfe ab ... Das Spiel begann eben wieder ... Er wandte sich zum Gehen ... Ja , gehen Sie lieber , mein bester Herr , sagte Herr von Pötzl ängstlich besorgt ... Der Dunst der Lampen hier oben ist aber auch heute fürchterlich ... Benno wollte ablehnen ... Herr von Pötzl führte ihn , während alles rings voll Theilnahme aufgestanden war , selbst durch die Sitzreihen der Galerie und hinaus auf den Corridor . Es war der zweite Tag , den Benno in Wien verbrachte . 2. Als im Beginn des diesjährigen Frühlings Benno von Asselyn mit seinem Freunde Thiebold de Jonge von Witoborn nach der Residenz des Kirchenfürsten zurückreiste , that letzterer » von seinem Standpunkte aus « alles Mögliche , die schmerzlichen Nachklänge des so gänzlich den » gehegten Erwartungen nicht entsprochenen « Witoborner Aufenthaltes zu mildern ... Was nur aus dem unerschöpflichen Born seiner guten Laune zu schöpfen war , gab Thiebold zur Zerstreuung bereitwilligst her , und sogar seine eigene Person ... Doch Benno blieb für alle Anschläge seines erfinderischen Genius unempfänglich ... Ja er verdarb Thiebold sogar den » Spaß « , daß dieser Extrapost nehmen wollte , um in der » Einsamkeit der Landstraße « den » gegenseitigen Gefühlen « Luft zu machen ... Benno kannte diese Thiebold ' schen Extrapostfahrten mit ihren » gemüthlichen kleinen Aufenthalten « von vier bis fünf Stunden , ihren Nachtlagern , ihren Wirthshausbekanntschaften , ihren Abstechern auf gerade den Abend angesagte Casinobälle in kleinen Städten , zu denen sich Thiebold sans gêne wie ein alter Stammgast einzuladen verstand ... Sie fuhren mit der Schnellpost und kamen auf diese Art rascher als mit Thiebold ' scher Extrapost wieder zurück in ihre » laufenden Verhältnisse « ... Das durch vier Mitpassagiere auferlegte Schweigen über die Resultate der Witoborner Erfahrungen hatte etwas Feierliches ... Thiebold verbrauchte seinen letzten Cigarrenvorrath mit Blicken der Resignation ... Er gefiel sich in dem von ihm sonst so oft an Peter unerträglich gefundenen System des Au contraire gegen sämmtliche Mitpassagiere , deren Behauptungen ihm in der Regel unbegründet und haltlos erschienen , ob sie nun den Segen der zu erwartenden Ernte oder die projectirten Eisenbahnlinien oder die Zukunft der damals neuerfundenen Stahlfedern oder den Kirchenstreit betrafen ... Thiebold wußte zwar , daß er durch seine unausgesetzten : » Erlauben Sie ! « , mit denen er seine » thatsächlichen Berichtigungen « einführte , Benno zum stillen Märtyrer machte , aber es blieb ihm unmöglich , die Aufregung seines Gemüths , den » stellenweisen « Schmerz seiner Erinnerungen anders zu beschwichtigen , als durch eine auf fortwährende Berichte von » Augenzeugen « gegründete Polemik ... Nur in der Nacht traten Pausen der Ergebung ein , die Thiebold theils durch Schnarchen , theils durch Seufzer ausfüllte ... Hätte er nicht von Seiten Benno ' s das schnöde Wort : » Machen Sie sich nicht lächerlich ! « gefürchtet , er würde von den Sternen gesprochen und die von Joseph Moppes immer so zart gesungene Arie mit nachgeahmter Waldhornbegleitung intonirt haben : » Ob sie meiner noch gedenkt ? « ... Als dann Thiebold seinem Vater hinter » Maria auf den Holzhöfen « über die » verfehlte Speculation « des Ankaufs der Camphausen ' schen Waldungen , infolge des bedeutungsvollen Fundes der Urkunde und des Abbruchs aller Verhandlungen mit Terschka drei Tage vor der ihnen noch nicht bekannten Flucht desselben , berichtet und dafür ein : » Gesegn ' s Gott ! « geerntet hatte , fand sich leider » noch immer die stille Stunde nicht « , nach der sein Herz sich sehnte , die Stunde , um mit Benno » alles durchsprechen « und das Thema variiren zu können : » Ist denn wol das alles ein Traum gewesen ? « ... Benno hatte sofort mit den Berichten zu thun , die er Nück zu erstatten hatte ... Thiebold selbst war theils überhäuft mit Commissionen , die ihm die Stiftsdamen mitgegeben , theils war seine Ankunft die erfüllte Sehnsucht aller seiner übrigen Freunde , besonders Piter ' s , den Treudchen ' s Flucht ins Kloster und die bevorstehende mögliche Einkleidung des geliebten Wesens » rein in einen Schatten « verwandelt hatte ... Erst die überraschende Mittheilung , daß sich auf einer Reise nach England Wenzel von Terschka einige Stunden in der Stadt aufgehalten , ohne jemanden zu besuchen , brachte den » Austausch der Gefühle zuwege « , nach dem Thiebold so dringend verlangte ... Eines Abends sechs Uhr war es , auf der Straße , die Sonne war noch nicht untergegangen , die letzten Austern , » auf die man sich allenfalls noch verlassen konnte « , waren aus Ostende angekommen ... Ein stiller Winkel auf dem Hahnenkamm lockte mächtig ... Benno wurde gezwungen zu folgen ... Benno tadelte keinen einzigen Vorschlag , den Thiebold über die Sorte Wein machte , die sie zu den noch » unbedenklichen « Austern wählen wollten ... » Terschka geht denn also nach England , um die Gräfin über die Urkunde und die gänzliche Veränderung der Dinge auf Schloß Westerhof in Kenntnis ; zu setzen « ... Das war das wehmutsvolle Thema und anders noch konnten die Vermuthungen nicht lauten ... Die zweite Schlußfolgerung war die Ahnung von einer Heirath Paula ' s mit dem Grafen Hugo ... Die dritte die Unentbehrlichkeit Armgart ' s für Paula und demzufolge - die Heirath mit dem Freund des Grafen , mit Wenzel von Terschka , selbst ... Nie hatte Thiebold seinen männlichen Freund so kleinmüthig gesehen , nie so nachgiebig gegen jede Vermuthung ... Benno lehnte selbst die Hypothese nicht ab , daß Armgart » keinem von ihnen beiden hätte wehe thun wollen « ... Beide Freunde redeten sich in das Unergründliche so hinein , daß Benno sich zuletzt die schwarzen Locken aus der heißen Stirn strich , wild den Arm aufstemmte und alle jene Anklagen des Schicksals ausstieß , die Thiebold sonst » unmännlichen Weltschmerz « zu nennen pflegte ... Heute » unterschrieb « er alles , was Benno in sein grünes Römerglas wetterte ... De Jonge ! Ich fand Ihre Entsagung natürlich ... Ich würde Ihnen Armgart nimmermehr gelassen haben ... Vergeben Sie mir diese offenherzige Sprache ... Selbst auf Gefahr , Sie zu beleidigen ... Unter Männern volle Wahrheit ! entgegnete Thiebold und stieß die leeren Austerschalen zurück , um für neue Platz zu machen , die er wie mit einem Mordmesser behandelte ... Sie konnte in der That nur mich lieben ! ... Ich habe Vorzüge vor Ihnen ... Nicht daß ich lateinisch , griechisch und italienisch verstehe , de Jonge ... Sie sprechen englisch und spanisch ... aber mein Vorzug liegt im Herzen ! ... Mein Herz kann lieben , das Ihrige nicht , de Jonge ! ... Morden Sie mich dafür mit Ihrer Austerngabel ! ... Nein im Gegentheil ! rief Thiebold und seine Augen leuchteten vor Begeisterung über seinen Freund ... Nein ! Sie haben recht ! Ich schaudere über mich selbst ... Ich kann lieben - nie aber auf die Länge ! ... Thiebold schenkte mit wilder Geberde die Gläser voll ... Sein ganzes Sein war aufgelöst in - Behagen nur allein über Benno ' s » edle Vertraulichkeit « ... Ja , zum Beweise , daß er Ursache zum Zorn hätte , doch sich » zu mäßigen wünsche « , warf er sein Glas hinterwärts in tausend Scherben ... Was kostet das ? setzte er zum erschrocken herbeieilenden Kellner hinzu ... Diese Stunde ist mir in dem Grade feierlich , Louis , erklärte er dem Staunenden , daß nie wieder ein Mensch aus diesem Glase trinken soll ! Geben Sie mir aber ein neues ! ... In dieser Art » sprachen « beide Freunde von sieben bis gegen Mitternacht in einer » stillen Stunde « ihre Witoborner und Westerhofer Erinnerungen , ihre Anschauungen über Vergangenheit , Gegenwart und Zukunft » durch « ... Beide Jünglingsseelen nenne man deshalb nicht oberflächlich in ihrem Schmerz ... Männer bedürfen solches heftigen Ausbruchs ihrer Gefühle ... Benno tobte und fand es unerträglich , daß der Kellner sich unterstand , mit dem Besen die Splitter zusammenfegen zu wollen ... Hinaus ! rief auch er ... Beide Freunde warm nicht im mindesten trunken ... Das ist die Jugendkraft ... Zorn , Eifersucht , Schmerz müssen in jungen Seelen solche Formen haben , um zu den einmal nicht zu ändernden Gesetzen des Lebens zurückkehren zu können ... Acht Tage nach diesem Abend , der nichtsdestoweniger in Benno ' s Seele nur neue Wunden schnitt , nicht heilte , erhielten beide Nachricht , daß Terschka entflohen und ein Priester , ein Jesuit war ... Das Staunen mußte das mächtigste sein ... Sie erfuhren die unglaubliche Kunde zu gleicher Zeit mit der Nachricht , daß Terschka in England zu bleiben gedächte , sich unter den Schutz Englands stellte , seinen Glauben entweder schon geändert hätte oder zu ändern gedächte und ohne Zweifel von Gräfin Erdmuthe , die einen Triumph über das Papstthum , eine Genugthuung für die entsetzenerregende Urkunde sah , Verzeihung erhalten würde ... Ueber Terschka ' s Verhältniß zu Armgart mußte jetzt eine ganz neue Beleuchtung fallen und wieder begannen die Hoffnungen ... Bonaventura war es dann , der , unterwegs da und dort in Amtsgeschäften aufgehalten , erst vierzehn Tage nach ihnen eintraf und diese Thatsachen bestätigte ... Beide Freunde kannten Armgart ' s katholischen Sinn ... Aber stand nicht Armgart jetzt unter der Leitung ihrer Aeltern , deren freisinnige Richtung allbekannt war ? ... Jeder wußte , daß Armgart ' s Aeltern sich um ihrer Principien willen ausgesöhnt hatten ... Graf Hugo ist Lutheraner , hieß es auf Nück ' s Schreibstube , Terschka wird zum Grafen Hugo zurückkehren ... Nück aber erklärte dies in Rücksicht auf Oesterreich für unmöglich ... Bonaventura kam trauernd , ernst und schweigsam ... Es bestätigte sich : Er war Domcapitular geworden ... In so jungen Jahren ... Sein schnelles Emporsteigen auf der Staffel der geistlichen Würden war eine Folge der immer heftiger gewordenen Kämpfe mit der Regierung ... Die alten Bewohner des Domstifts erlagen diesen Aufregungen ... In auffallender Schnelligkeit raffte der Tod die schwachen Greise hinweg , die nicht mehr wußten , wie sie sich zwischen ihren geistlichen und weltlichen Oberhäuptern in der Mitte halten sollten ... Der Kirchenfürst und sein Kaplan Michahelles blieben gefangen ... Bonaventura ' s Stellung zum täglichen Gottesdienst veränderte sich infolge seines Aufsteigens ... Doch bei feierlichen Gelegenheiten trat sie in desto höherer Bedeutung hervor ... Gleich die Osterzeit theilte auch ihm den ganzen Nimbus mit , den gerade in diesen Tagen die katholische Kirche um sich zu verbreiten weiß ... Auf die goldenen Gewänder , die Fahnen und Baldachine fällt gerade in dieser Zeit auch zugleich der Strahl der ersten Frühlingssonne ... Jerusalems Palmen grünen in den noch kalten Kirchen ... Ueber den Garten von Gethsemane breitet sich das abendliche Dunkel der Vigilien ... Selbst den Hahn der Verleugnung glaubt man bei all diesen Nachbildungen der heiligen Leidens- und Ostervorgänge in den katholischen Kirchen rufen zu hören - so weiß man das Alte wach zu halten ... Bonaventura bedurfte dieser schönen Phantasmagorieen , um - sein Leiden zu mildern und - sein Denken zu unterbrechen ... Die Beichten kamen wieder , die Prüfungen in dem kleinen Flüsterwinkelchen , das Bonaventura nicht aufgeben durfte ... Renate bat ihn um Schonung seiner selbst ... Ihr Pflegling kam von Witoborn zurück um Jahre älter geworden ... Mittheilsam sprach er ihr wol von der Mutter und breitete alles aus , was diese ihm für die alte Dienerin sowol , wie für ihn selbst mitgegeben ... Aber es drückte ihn Schmerz und Unmuth ... Er war umsponnen von wie viel geisterhaften Fäden ! ... Vision und Wirklichkeit hielten ihn in einem steten Zauberbann ... Seine alten Zimmer behielt er in dem großen Gebäude des Domstifts ... Gerade weil er so viel Neues in seinem Herzen trug , hatte er das Bedürfniß , äußerlich es beim Alten zu lassen ... Bonaventura sah Benno wieder , sah Nück , auch Lucinden ... Wie gewaltige Veränderungen waren vorgegangen ! ... Aeußerlich sowol , wie innerlich ... Benno konnte er nicht sehen ohne die tiefste Rührung ... Immer und immer empfand er den Reiz , dem Freunde die Binde von den Augen zu reißen und ihn ohne Rückhalt über seinen Ursprung aufzuklären ... Noch aber fehlten die vollen Verständigungen darüber mit dem Dechanten und seinem Stiefvater ... Von Stunde zu Stunde mußten sie kommen ... Nück war und blieb Bonaventura ein Gegenstand des Grauens ... Der Unheimliche umschlich seinem Beichtstuhl und gab nicht undeutlich zu erkennen , daß er von mancher Bürde frei zu werden wünschte ... Bonaventura lenkte die Geständnisse , die bald aus diesem Munde an sein Ohr drangen , auf den Brand von Westerhof , auf die Urkunde ... Nück stellte sich da völlig nichtwissend ... Aber bei den Verirrungen seiner Phantasie blieb er stehen und fragte eines Nachmittags geradezu , was die Kirche riethe , wenn man sich von allen seinen Sünden und Schwächen aufraffen wolle und es auch könne , jedoch von dem einzigen dazu verhelfenden Mittel eingestehen müsse , daß es nicht minder der göttlichen Verzeihung bedürfe ... Bald kam die fast geflissentliche Hindeutung auf Lucinden ... Das war die ganze Absicht dieses Beichtstuhlbesuchs ... An Wahrheit und Aufrichtigkeit konnte einem Nück nicht gelegen sein ... Warum sprach er von einem Wesen , das er nicht nannte , das ihn frevlerisch bestricke , von einer verzehrenden Glut ihres Athems , von seinem Bedürfniß , sich von einem so starken weiblichen Willen beherrschen zu lassen , ja daß er schon jetzt nichts mehr ohne sie thäte ? ... Nück sprach von einer Aenderung seines ganzen Lebens , von einer Aufgabe seiner Geschäfte , einem Zurückziehen ins Privatleben , von Ankauf eines Gutes , von Reisen in südliche Gegenden ... An allem ist sie betheiligt ! sagte er seufzend und so betonend - als wollte er nur den Priester selbst damit durchbohren ... Das rauhe , struppige Haar des hochberühmten Rechtsgelehrten neben ihm flößte Bonaventura den tiefsten Abscheu ein ... Er beeilte sich , von dem häßlichen Bild dieser Seele hinwegzukommen ... Abschüttelnd , was vom sogenannten Molinismus oder der Jesuitenmoral in solchen Fällen des Verhältnisses der größern zu kleinern Sünden gerathen wird : Sei wie die entwöhnende Amme ! Verwandle , was du dem Sünder bietest , erst in einen dem Kind die gewohnte Milch vergegenwärtigen den Brei ! sprach Bonaventura : Was sind das für geringere Sünden , mit denen man größere austreibt ! ... Lesen Sie die Schrift und Sie werden David ' s Leidenschaften und seine Reue finden ! ... Ich will Sie an den Knaben David erinnern , wie er den Riesen Goliath erschlug ... Er hielt sich zu seinem Schleuderwurf fünf Steine bereit , obgleich ihm der Riese wol nicht für die Abschleuderung des zweiten Zeit gelassen hätte ... Ein Uebel rottet sich am besten dadurch aus , daß man ihm die Nahrung nimmt ... Ergreifen Sie noch vier andere Leidenschaften , ich meine edle Leidenschaften ... Sie werden dann an die unedle fünfte nicht mehr denken ... Beten Sie ein Ave auf dem Hügel der letztbegrabenen Angehörigen Ihrer Familie ... Friedhöfe zu besuchen , das wäre eine der Leidenschaften , die ich meine ... Legen Sie sich vier solcher steten Reservebeschäftigungen Ihres Thuns an und Ihre Phantasie hat eine Milderung ... Hendrika Delring war gemeint ... Was gibt es Heilenderes , als die Erinnerung an unsere Vergänglichkeit ! ... Bonaventura wußte nur nicht , wie wenig Nück ' s verirrter Seelenzustand am Tode ein Grauen empfand ... Lucinden sah Bonaventura oft genug , nur nicht mehr im Beichtstuhl , den er verboten hatte ... Er sah sie besonders in der Zeit , wo die Kattendyk ' sche Familie sich nach Witoborn zu den Exercitien der Frau von Sicking begab ... Statt ihrer hatte sich erst Johannens Verlobter , der Professor a.D. Guido Goldfinger , an diese Uebungen anschließen wollen ... Da der praktische Mann jedoch angefangen hatte , sich , erst » nur der Zerstreuung wegen « , auf Delring ' s verlassenen Comptoirsessel zu setzen und Pitern im Familieninteresse der Jahresdividenden zu überwachen , so ging mit der Mutter und Schwester die Frau Oberprocurator ... In dieser Zeit war Lucinde tagelang in den Kirchen , flüchtete auch oft in die Rumpelgasse zu Veilchen Igelsheimer , auch auf den Römerweg zu Treudchen Ley ... Nück , in übermäßiger Freude über das gänzliche Verschollensein des Brandstifters Jan Picard , nicht einmal belästigt von dessen Drohbriefen um Geld , beruhigt sogar über Hubertus , der in der That mit Pater Sebastus auf Flucht nach Rom war , lebte nur seinen jetzt doppelt entfesselten Begierden ... Er suchte Lucinden mit allen nur erdenklichen Kundgebungen seiner Gefühle zu umstricken ... Er vernachlässigte seinen Beruf und gab sich Blößen vor allen seinen Arbeitern ... Benno bestätigte , was Bonaventura schon aus dem Beichtstuhl wußte ... Sie wollen mich jetzt verlassen , jetzt ? ! rief Nück Benno und seine Augen traten in ihre Höhlen zurück und ließen nur einen einzigen weißen Schimmer sehen ... Sie dürfen nicht ! Sie müssen bleiben ! ... Und ich habe es gut mit Ihnen vor ! lenkte er ein . Sie müssen eine glänzende Carrière machen ... Dieser Staat hier bietet Ihnen nichts ... Herr von Asselyn , Sie bleiben ? Wenigstens bis zum Herbst ? ... Ich wickle dann mein Geschäft ab und gebe meine Praxis auf ... Werden Sie mein Nachfolger oder - ich erfinde noch etwas ganz Anderes für Sie ... On ne marche qu ' avec les hommes ! sagte Mirabeau , fuhr er fort ... An Menschen hänge dich an ... Die nur tragen dich , wie der heilige Christophorus das Kind übers Meer trug ... Meinungen , Ueberzeugungen , Pflichterfüllung - pah - das ist all nichts ... Ich setze Sie auf die Schultern von Menschen - ja des ersten Mannes in der weltlichen Christenheit und Ihren Cousin , den Domcapitular , auf die Schultern des ersten Mannes in der geistlichen ... Nur durch Menschen kommen wir vorwärts ... Benno , von Nück oft so auf Kaiser und Papst verwiesen , lachte , hatte aber die tiefste Abneigung gegen ihn ... Da er in der Proceßfrage der Camphausen arbeitete , hinderte ihn die eigene Theilnahme , von Nück zurückzutreten , wie er am Tage nach dem Auffinden der verdächtigen Urkunde gewollt hatte ... Den Regierungsrath von Enckefuß sah er oft ... Er mochte von seinen Ahnungen nicht selbst beginnen und dieser wollte entweder durch Schweigen seine Maßregeln verschleiern oder war zu sehr vom Antreten seiner eignen traurigen Erbschaft in Anspruch genommen ... Dionysius Schneid durch Steckbriefe zu verfolgen , wie Herr von Enckefuß schon auf Schloß Westerhof vorgeschlagen , hatte Levinus von Hülleshoven nicht unterstützen wollen , obgleich die Spur des Verwundeten aufzufinden unmöglich war ... Hubertus , der ihn geborgen , wurde vernommen , aber seine Aussage lautete auf ein freiwilliges Weiterwandern eines Abenteurers , der für Pater Ivo und Löb Seligmann in den Gewölben einer Klosterkirche verschwunden war ... Löb Seligmann hatte sich noch nicht veranlaßt gefühlt , in einer so frommen Gegend mit Zeugenaussagen hervorzutreten gegen Klöster und hohe Adelssitze ... Eines Tages - es war gegen Pfingsten - erhielt Bonaventura folgende Zeilen : » Hochwürdiger Herr ! Eine Novize bei den Karmeliterinnen , Gertrud Ley aus Kocher am Fall , wünscht schon seit lange Ihnen Beicht zu sprechen . Herr Cajetanus Rother verhinderte dies . Jetzt ist er lebensgefährlich erkrankt und bedarf eines Substituten . Es wird Ihnen ein Leichtes sein , von der Curie diese Stellung zu erhalten . Sollten Sie von dem Gerücht , daß Sie Comtesse Paula magnetisirten , Unannehmlichkeiten haben , so wollt ' ich Ihnen nur bemerken , daß , wenn auch jeden , der sich auszeichnet , Neid verfolgt , doch in diesem Fall die Intrigue der Frau von Sicking bei Witoborn die Veranlassung etwaiger Verdrießlichkeiten ist ... « Der überraschende Brief war ohne Namen , konnte aber nur , die Handschrift bewies es , von Lucinde kommen ... Bonaventura war aufs Aeußerste betroffen ... Von der » Seherin von Westerhof « hatte er überall unbefangen gesprochen ... Die » Intrigue der Frau von Sicking « ? ... Diese Dame war von ihm vernachlässigt worden ; er hatte gleichgültig von ihren Bußunternehmungen gesprochen ... Dafür konnte sie an ihm Rache nehmen ? ... » Paula magnetisirt ? « ... Die Geistlichen der Michahelles ' schen Richtung beklagten allerdings , daß Paula ' s Ekstase keine rechtgläubig religiöse war ... Die Indifferenten lächelten öfters zweideutig , wenn sie mit Bonaventura von seiner Reise sprachen . Der Weihbischof , ein Greis , hatte ihm manches mitgetheilt , was hinter seinem Rücken gesprochen wurde ... Sogar der Onkel Dechant hatte ihn in einem seiner jetzt öfter als sonst geschriebenen Briefe gewarnt vor bösen Gerüchten , auch Hunnius und Rother als seine Gegner genannt ... » Gib Acht « , schrieb er ihm , » greift die Intrigue um sich , so verbieten sie Dir trotz Deiner hohen Stellung noch den Beichtstuhl ... Halte Dich nur mit dem Generalvicar , der ein , aufgeklärter Mann ist ... « Bonaventura hatte sich gelobt , Lucinden zu betrachten , als wäre sie nicht mehr für ihn auf der Welt ... Er hatte zu Renaten , als ihm diese mittheilte , jeden Abend ginge eine verschleierte Dame an einem auf eine kleine Gasse hinausgehenden Fenster seiner Zimmer vorüber und sähe minutenlang hinauf - bittend gesprochen : Reden Sie doch nicht mehr davon ! ... Er wollte Lucinden vergessen ... Er wollte den Muth zeigen , sich nicht zu fürchten vor ihren Drohungen ... Bei jeder Leiche , die er segnete , sah er im Geist den Sarg von St.-Wolfgang offen und Lucinde mit dem » Geheimniß über sein Leben « ihn anstarren wie die Sphinx ... Er wollte auch jetzt von diesen Zeilen sich nicht erschüttern lassen , wollte nicht durch zu langes Verweilen bei ihrem Inhalt Lucindens wahrscheinliche Absicht unterstützen , mit Gewalt wieder Posten in seinem Innern zu nehmen ... Der Abschied von Paula lag zu schmerzhaft noch auf seinem Gemüth ... Er sah immer näher kommen , was ihm und Paula der Tod war , die von den Standesrücksichten gebotene Ehe derselben mit dem Grafen Hugo - mit dem Geliebten der