beendigt war . Die Gruft besteht aus zwei gewölbten Räumen , die durch eine offene Tür miteinander in Verbindung stehen . Der hintere Raum ist wahrscheinlich älter und empfängt so wenig Licht , daß man eine Kerze anzünden muß , um irgend etwas sehen zu können . Alles was mehr in Front liegt , ist hell und geräumig . Beide Teile haben übrigens das gemeinsam , daß die darin aufgestellten Toten zu Mumien werden . Die hintere Gruftkammer beherbergt nur einen einzigen Sarg , in dem vorderen Gewölbe dagegen befinden sich einundzwanzig Särge , von denen vierzehn zur Linken und sieben zur Rechten stehen ; dazwischen ein Gang . In den vierzehn Särgen zur Linken sind Mitglieder der Familie Viereck ( darunter der Minister und seine beiden Frauen ) beigesetzt , die sieben Särge zur Rechten aber umschließen Mitglieder der Familie Voß . Wodurch die Mumifizierung erfolgt , ist noch nicht aufgeklärt . Vielleicht ist es die Trockenheit und mehr noch eine beständig leise Bewegung der Luft , was diese Erscheinung hervorruft . Die mumifizierten Körper sehen weiß aus , sind verhältnismäßig wenig eingedörrt und zeigen noch eine gewisse Elastizität von Haut und Fleisch . Der hier zuletzt Beigesetzte ist der Staatsminister Otto Karl Friedrich von Voß . In den Sargdeckel ist eine Metalltafel eingelegt , die einfach die Namen und Daten ( geb . den 8. Juni 1755 usw. ) gibt . Es ist dies derselbe Otto Karl Friedrich von Voß , der zur Zeit der Hardenbergschen Verwaltung , insonderheit aber in den Jahren , die den Befreiungskriegen folgten , aufs entschiedenste die Prinzipien und Interessen einer konservativen Politik vertrat . Unmittelbar nach dem Tode Hardenbergs wurde Voß Präsident des Staatsrats und des Staatsministeriums . Er überarbeitete sich , erkältete sich während einer Feuersbrunst , die gerade damals in Buch ausbrach , und zog sich einen Rückfall zu , als er nach längerer Zeit wieder seinen ersten Vortrag beim Könige hielt , zu dem er nicht anders als in Schuhen und Strümpfen hatte gehen wollen . Sein Tod war die Folge davon . Er starb am 3o . Januar 1823 . Der schwere eichene Sarg , der sich in dem älteren lichtlosen Gewölbe befindet , steht gemeinhin offen . Der daneben liegende Deckel ist mit einer Unmenge von schwarzen Nägelchen beschlagen , die sich bei näherer Untersuchung zugleich als Inschrift des Sarges erweisen . Die Entzifferung ist aber so schwierig , daß ich nur für annähernde Richtigkeit bürgen kann . Die Inschrift lautet : » Der Hoch-Hochwohlgeborne Herr Herr Gerhard Bernhard Freiherr von Poellnitz , Erbherr auf Reschau in Preußen , auf Buch , Caro und Birkholz in der Mark , kurfürstlich brandenburgischer Geheimer Kriegsrath , General-Wachtmeister und Oberstallmeister , Oberster im Dragoner-Regiment Moerner , residirte in Berlin , Cöln und Friedrichswerder ; geboren 1617 , gestorben den 2. August 1679 . « Der völlig mumifizierte Körper , der am ehesten einem mit einer elastischen Ledermasse überzogenen Skelette gleicht , ist völlig unbekleidet und nur mit einem graumelierten Domino zugedeckt , an dem noch Hunderte von aufgenähten Silberschuppen glitzern . Der Schädel ist groß und prächtig geformt , das Gesicht aber klein und auf feine Formen deutend . Die Stirn zeigt eine Fraktur des Schädelknochens , wie es heißt infolge eines Säbelhiebes , den der Freiherr in einer der Schlachten des Dreißigjährigen Krieges empfing . Das Nasenbein ist lädiert . Das geschah bei folgender Gelegenheit . Die Franzosen , kurze Zeit nach der Jenaer Schlacht , kamen auch nach Buch und drangen in die Kirche . Voll Übermut schleppten sie den Mumienkörper des Freiherrn aus der Gruft nach oben und begannen allerlei frivole Spiele mit ihm . Bei der Gelegenheit fiel er um und brach das Nasenbein . 17 In der Tat , es ist ein mehr denn fragliches Glück , in dieser Form der Nachwelt erhalten zu werden , und wir begreifen völlig diejenigen Mitglieder der Voßschen Familie , die sich ein Begrabenwerden in » ihrer Mumiengruft « eigens verbaten . Gerhard Bernhard von Poellnitz ist übrigens nicht , wie gelegentlich geschieht , mit dem Touristen , Kammerherrn und Memoirenschreiber Karl Ludwig von Poellnitz zu verwechseln , den Friedrich der Große durch die Worte : » ein infamer Kerl , dem man nicht trauen muß ; divertissant beim Essen , hernach einsperren « , zu charakterisieren versucht hat und dessen Memoiren gegenüber es doch wahr bleibt , » daß sie leichter zu tadeln als zu entbehren sind . « Gerhard Bernhard von Poellnitz war der Großvater des Memoirenschreibers und , wie es sich für einen General und Oberstallmeister geziemt , mehr ausgezeichnet mit dem Degen als mit der Feder . Ein Zweifel , den nichtsdestoweniger der Freiherr Truchseß von Waldburg gegen den Mut und die soldatische Ehre des Oberstallmeister erhob , führte zu einem der seltsamsten Duelle , die je gefochten wurden . Die beiden Gegner trafen sich ( 1664 ) auf dem sogenannten » Ochsengrieß « , einer Wiese in der Nähe von Wien . Die weite Reise war nötig , weil die vielen Duelle , die damals am brandenburgischen Hofe vorkamen , zu den allerschärfsten Erlassen gegen den Zweikampf geführt hatten . Das Duell sollte zu Pferde stattfinden und die Kugeln in möglichster Nähe a tempo gewechselt werden . Der Oberstallmeister ritt an den Freiherrn Truchseß heran und fragte ihn , ob er gesagt habe : er habe ihn ( den Poellnitz ) kujoniert und keine Satisfaktion bekommen können . Truchseß antwortete : » Ja , das habe ich gesagt . « Darauf wurden die Pistolen abgefeuert und in Gegenwart der Sekundanten frisch geladen . Poellnitz fragte voll Courtoisie : » ob man die Pferde wechseln wolle « , was Truchseß ablehnte . Man ritt nun in lebhaftem Schritt aneinander heran und schoß auf nächste Distanz . Die Kugel des Truchseß streifte den Oberstallmeister über den Bauch , die Kugel des letzteren aber traf den Truchseß tödlich . Er sank zur Seite und hielt sich mühsam im Sattel . Poellnitz fragte ihn jetzt : » Müsset Ihr nunmehro nicht zugestehen , daß Ihr mir Unrecht getan und meine Ehre ohne Grund gekränket habt ? « worauf Truchseß erwiderte : » Ich hab Euch Unrecht getan und bitte , daß Ihr mir vergeben wollt . « Man nahm den Truchseß aus dem Sattel und legte ihn auf den Rasen . Der Oberstallmeister kniete an seiner Seite nieder und sprach dem Sterbenden aus Gottes Wort christlichen Trost zu , bis er verschied . Wir verlassen nun die Gruft und treten in die Kirche . Sie zeigt sich geräumig , lichtvoll und von einer Einfachheit , die nach der Überladenheit der Fassaden angenehm überrascht . Es fehlt aller vergoldete Zierat , aber das Eichenschnitzwerk an Kanzel und Altar ersetzt ihn mehr als genügend . In der Mitte wölbt sich die Kuppel und nur der Bilderschmuck , den man an dieser Stelle wenigstens versucht hat , hebt die gute Totalwirkung der inneren Kirche zum Teil wieder auf . Ein Moses mit den zwei Sinaitafeln auf seinen Knien und eine büßende Magdalena , die den Fuß auf Drachen und Totenkopf setzt , sind Leistungen , die auf eine wenig ruhmreiche Stufe vaterländischer Kunst zurückweisen . Der Ostflügel bildet einen » hohen Chor « . Altar und Kanzel trennen ihn von dem Hauptteile der Kirche völlig ab und nur zwei Treppen zur Rechten und Linken unterhalten die nötige Verbindung . Es scheint , daß es Absicht des Baumeisters war , hier Raum für ein Campo Santo , für eine marmorne Gedächtnishalle zu schaffen , eine Vermutung , die dadurch bestätigt wird , daß sich die bereits beschriebene Gruft gerad ' unter diesem Teile der Kirche befindet . Den Intentionen des Baumeisters ist aber nur einmal entsprochen worden . Ein einziges , allerdings sehr reiches und prächtiges Grabmonument erhebt sich an dieser Stelle : das von Glume herrührende Marmordenkmal des Ministers von Viereck . Zieht man den Geschmack jener Zeit in Erwägung , der in dem Hange nach geistreicher Symbolik vielleicht etwas zu weit ging , so muß man zugestehen , daß es eine ganz vortreffliche Arbeit ist . Die Gestalten , aus denen sich das Ganze zusammensetzt , sind folgende : der Tod mit der Sichel und ein Engel mit dem Palmzweig , wozu sich dann , von der andern Seite her , eine weibliche Figur mit einer weit geöffneten Leuchte gesellt , unzweifelhaft um das » Licht der Aufklärung « anzudeuten , das wenigstens zu der Zeit , als das Denkmal angefertigt ward – etwa ein Jahrzehnt nach dem Tode von Vierecks – als unerläßliches Requisit eines preußischen Kultusministers angesehen wurde . Die Büste des Ministers krönt das Ganze ; darunter sein und seiner beiden Frauen Wappen , und unter diesen wiederum eine lateinische Inschrift in Goldbuchstaben , die , wie sich denken läßt , nur bei den Verdiensten des illustren Mannes verweilt und keinen Nachklang enthält von jener Reprimande König Friedrich Wilhelms I. , die da lautete : » Geheimer Rath von Viereck soll sich meritiret machen , nicht zu viel à l ' Hombre spielen , diligent und prompt in seiner Arbeit sein , nicht so langsam und faul , wie er bisher gewesen . « Der Unterschied zwischen preußischen Kabinettsorders und Grabschriften war immer groß . * Noch eine Stelle bleibt , an die wir heran zu treten haben . Unter der Kuppel , inmitten der Kirche , bemerken wir eine Vertiefung , als seien hier die Ziegel , womit der Fußboden gepflastert ist , zu einem bestimmten Zweck herausgenommen und später wieder eingemauert worden . Es wirkt , als habe die Absicht bestanden , einen Grabstein in diese Vertiefung einzulegen . Und in der Tat wir stehen hier an einer Gruft . An eben dieser Stelle wurde die schöne Julie von Voß , bekannt unter dem Namen der Gräfin Ingenheim , beigesetzt . Eine Darstellung ihres Lebens oder doch wenigstens ihrer Beziehungen zu König Friedrich Wilhelm II. ermöglicht sich seit 1876 , seit welchem Jahre die Tagebuchblätter vorliegen , die durch die Gräfin von Voß , Oberhofmeisterin am preußischen Hof und Tante Juliens , während eines Zeitraums von beinah siebzig Jahren , von 1745 bis 1814 niedergeschrieben wurden . Julie von Voß Julie von Voß Julie von Voß , Tochter des Geheimen Justizrats und ehemaligen Gesandten am K. dänischen Hofe , Friedrich Christoph Hieronymus von Voß , Herrn auf Buch , Carow usw. , wurde den 24. Juli 1766 zu Buch geboren . 18 Über ihre Jugend und Erziehung verlautet nichts und wir hören erst von ihr , als sie 1783 auf den Wunsch der alten Königin Elisabeth Christine , Gemahlin Friedrichs des Großen , an den Schönhauser Hof eben dieser alten Königin kam . Julie v. Voß war eine Schönheit im Genre Tizians , schlank und voll zugleich , von schönen Formen und feinen Zügen , blendend , aber von einer marmorähnlichen Blässe , die noch durch ein überaus reiches rötlich blondes Haar gehoben wurde . Bei Hofe hatte sie den Beinamen Ceres , sehr wahrscheinlich um dieses üppigen goldenen Haares willen , in dessen Schmuck auch die Bilder 19 sie darstellen , die noch von ihr erhalten sind . Es paßte zu dieser ihrer Erscheinung , daß sie eine Vorliebe für alles Englische und eine Abneigung gegen alles Französische hatte , was ihr denn auch seitens der französischen Memoirenschriftsteller jener Epoche , Mirabeau an der Spitze , nachgetragen wurde . Der ihr oft gemachte Vorwurf der » Anglomanie « traf sie jedoch durchaus nicht ; sie vermied es nur nach Möglichkeit , sich der damals allgemein üblichen französischen Sprache zu bedienen . Der Prinz von Preußen , später König Friedrich Wilhelm II. , zeigte sich allem Anscheine nach gleich vom ersten Augenblick an enchantiert , denn schon wenige Monate nach dem Erscheinen Juliens am Hofe begegnen wir im Tagebuch ihrer Tante den folgenden Aufzeichnungen . 1784 und 1785 » Julie gefällt dem Prinzen mehr als mir lieb ist . Er spricht viel von ihr . Ich fürchte , sie ist nicht unempfindlich für seine Bewunderung , und sie wird sich durch ein solches Gefühl nur selbst unglücklich machen . « Einige Wochen später : » Die Prinzessin von Preußen ist eifersüchtig auf Julie . « Endlich im Dezember 84. » Ich hatte eine längere Unterredung mit dem Prinzen und hielt ihm sein Unrecht vor , Julie mit seiner Leidenschaft zu verfolgen ; ich sagte ihm , daß er sie dadurch nur unglücklich machen werde , ja , ich sagte ihm meine ganze Meinung und die ganze Wahrheit mit allem Ernst . Er versprach mir sein Benehmen zu ändern und alles zu tun , was ich wollte . Er hatte später noch eine Explikation mit Julie selbst und ich weiß , daß sie ihm Vorwürfe gemacht hat und mit Recht , daß er ihrem Ruf auf eine unverzeihliche Weise schade . Auch kam er sehr traurig und niedergeschlagen von ihr zurück . Ich sagte ihm noch einmal ernstlich , er müsse dieser Sache ein Ende machen und er gelobte es mir . « Eine gewisse Zeit scheint der Prinz sein Versprechen auch wirklich gehalten zu haben , aber nicht auf lange . Schon im Frühjahr 85 ist die Oberhofmeisterin aufs neue beunruhigt und schreibt : » Der Prinz spricht wieder mehr mit Julie ; das muß aufhören . Im Grunde fürcht ' ich vor allem , daß sie selbst sich innerlich nicht recht von ihm frei machen kann . « Und einige Wochen später : » Der Prinz kommt ewig zur alten Königin nach Schönhausen und ich weiß , das alles geschieht doch nur wegen Julie . Ich besorge , er gibt sie noch nicht ganz auf und sinnt nur darüber nach , ob es gar keine Hoffnung mehr für ihn gebe . Wenn nur nicht , trotz aller seiner Versprechungen , diese Sache sich doch noch zum Unheil wendet ! Man müßte Julie durchaus vom Hofe entfernen . « 1786 Das Jahr 86 war das entscheidende . Hier sind auch die Tagebuchaufzeichnungen am zahlreichsten . Es werden wiederholentlich von seiten des Prinzen Rückzugsversprechungen gemacht , aber nur um sie gleich darauf durch die Tat zu widerlegen . März 86. Der Prinz tut mir leid ; aber trotz seiner Leidenschaft für Julie macht er sich doch von der Liaison mit seiner sogenannten Freundin ( der Rietz , späteren Lichtenau ) nicht los . – Der Prinz ist unglaublich zerstreut ; seine Neigung nimmt seine Gedanken ganz gefangen . – Der Prinz kam zum Diner nach Schönhausen und schien nichts zu sehen als Julie.- Ich habe das Gefühl , als finge die Sache da wieder an , wo sie mit Mühe zum Abschluß gekommen war . April 86. Der Prinz kam zu Tische , nachher machte er es möglich mit ihr zu sprechen . Nach einigen Worten verlor sie die Fassung und brach in Tränen aus . Ich verstehe das alles nicht mehr . – Der Prinz weiß sich nicht recht zu beherrschen , er ist eifersüchtig und aufgeregt , sobald Julie einmal nicht da ist oder sich ihr jemand nähert . – Ich habe den Prinzen an das erinnert , was er seit einiger Zeit zu vergessen scheint , und er versprach es von neuem . Er ist doch sehr gut ! Gott gebe , daß es so bleibt , wenn er erst König ist . Mai 86. Der arme Prinz , er ist schrecklich unglücklich . Heute kam er wieder und als er Julie sah , schien er so glücklich ! – Der Prinz kommt ewig zur Königin ; was soll man tun ? Es wird immer schlimmer mit ihm , und Julie dauert mich furchtbar . – Mir scheint seine Leidenschaft täglich zu steigen . Er kommt jetzt oft für den ganzen Tag nach Schönhausen und hat nur das einzige im Kopf . – Die Oberhofmeisterin , davon ausgehend , daß eine Trennung vielleicht helfen werde , setzte nunmehr einen dreimonatlichen Urlaub für ihre Nichte durch und diese verließ Berlin . Aber es führte zu nichts . Der Prinz und Julie korrespondierten und als der Urlaub abgelaufen und Julie wieder zurück war , schrieb die Oberhofmeisterin in ihr Tagebuch : » Es ist alles beim alten . « Diese Notiz ist vom 15. August 1786 . Zwei Tage später starb Friedrich und der Prinz von Preußen war nun König . Huldigungen , Feste , Geschäfte dringen auf ihn ein , aber seine Gefühle für Julie von Voß bleiben dieselben . Schon eine Woche nach dem Regierungsantritt verkehrt er wieder in Schönhausen und setzt seine Bewerbungen fort . August 86. Der König kommt so oft er kann zur Königinwitwe nach Schönhausen und geht dann mit Julie im Garten spazieren . Sie ist still und zurückhaltend , was mich freut und in etwas beruhigt . – Die Prinzessinnen tun dem König einen sehr unerlaubten Gefallen , indem sie ihn immer mit Julie zusammenbringen . Sie schicken die Königin voraus und beschäftigen sie , nur damit er mit meiner Nichte gehen und mit ihr sprechen kann . Das ist ein schlechtes Spiel . – Der König hat der Prinzessin Friederike eine Zulage und ihr außerdem noch die kleine Viereck zur Hofdame gegeben , einzig und allein um Julien eine Freude zu machen , deren Freundin sie ist . Oktober 86. Der König kam und wollte mit mir sprechen , aber er ist so ganz voll von dem einzigen Gedanken , daß er nichts weiter hört und sieht . Ich gestehe , daß ich jetzt alle Geduld mit ihm verliere und diesen Zustand unerlaubt und unverzeihlich finde . – Die Königin will gern in die Stadt zurück ; der König will aber , sie soll noch in Schönhausen bleiben , bloß wegen seiner geliebten Spaziergänge mit Julie . Ich bin ganz ratlos und unglücklich über dies immer erneute Anknüpfen einer ganz unmöglichen Sache ! November 86. Alles bemächtigt sich dieser unglücklichen Angelegenheit ; so möchte man , um nur eins zu nennen , Julie zum Schein verheiraten . Es ist schrecklich , wie alles bemüht ist , sie zu ihrem Verderben zu drängen . Sie tut mir furchtbar leid . – Ich seh ' es jetzt deutlich , sie liebt den König trotz all ihres Leugnens ; sie kann nicht mehr von ihm lassen und ist , was auch geschehen mag , nicht mehr von ihm loszureißen . Es grämt mich schrecklich . – Heute kam er en surprise zum Essen . Er verfolgt seinen Zweck ohne Rast und Ruh . – Ich fürchte den Einfluß dieser ewigen Gespräche des Königs mit ihr , er will und will sie bestricken und immer setzt er sich an ihren Tisch . Das mißfällt mir ganz unbeschreiblich von ihm . – Meine arme Nichte hat mir ihr Herz ausgeschüttet ; ach , ich fürchte , es ist eine unaufhaltsame Sache . – Der König geht heute nach Potsdam . Er kam vorher zu uns und war unruhig , weil er Julie nicht zu sehen bekam . Er liebt sie toller und leidenschaftlicher als je . Dezember 86. Nach Tisch sprach der König lange mit meiner Nichte ; ach , ich fürchte , es nimmt ein trauriges Ende für sie und für die Ehre der Familie . – Ich hab ' es immer und immer gesagt : man hätte sie nicht bei Hofe lassen sollen . – Der König kompromittiert sich aufs höchste . Um seiner selbst willen möcht ' ich , er könnt ' ein Mann sein und sich besinnen . – Wie immer setzt der König sich beim Tee neben Julie ; könnte dies ewige Beisammensein doch abgewendet werden . – Mit dem König in der Kirche . Die Predigt von Spalding war so schön , so ganz wie für meine Nichte gemacht . Aber es scheint , sie will nichts mehr hören , was sie zur Pflicht zurückruft . Ich habe keinen Einfluß mehr auf sie . Die Kannenberg 20 läßt sie gewähren , die ihr am nächsten steht , und ich habe leider nicht das Recht und die Macht einzugreifen . – Julie scheint sehr traurig ; ihr Bruder ist angekommen und hat wohl noch einen letzten Versuch gemacht , ihr ins Gewissen zu reden . – Der König scheint nur glücklich zu sein , wenn er sie sieht . Wo sie ist , sieht er niemand als sie , spricht nur mit ihr und hat nichts anderes mehr im Kopf als seine Leidenschaft . Ich sehe die Sache dem schlimmsten Ende mit Gewalt zugehen , muß dabei stehen und kann sie nicht aufhalten . – Auch die Prinzessin Friederike scheint jetzt das nahende Unglück zu ahnen und ist sehr traurig . Sie ist jetzt zwanzig Jahr alt und steht dem Vater am nächsten . Sie fühlt ganz wie seine und unsre Ehre bedroht ist . – Der König klagte mir , meine Nichte behandle ihn schlecht ; er sei fast mit ihr brouilliert ; aber dennoch spricht er leider immerfort mit ihr . – Er saß allein mit ihr im Kabinett der alten Königin ; sie scheint in Wahrheit nicht mehr sehr grausam zu sein ; das empört mich und Gott allein weiß , wie unglücklich und trostlos ich über diese Sache bin . – Sack predigte heute schön , aber schwermütig . Die Sache mit Julie , und die Wendung , die sie nimmt , zehrt an ihm . – Heut war Hofkonzert . Der König verließ das Konzert , um zur kranken Prinzessin zu gehen , weil meine Nichte dort war . Die Leidenschaft läßt ihn alles andere vergessen und jede Rücksicht verlieren . – Das Benehmen des Königs ist unverzeihlich . Immer verfolgt er sie mit den Augen und spricht nur mit ihr . Es wäre besser , sie verließe auch jetzt noch den Hof . – Gott weiß , bis zu welchem Grade es mich bekümmert und grämt , den König auf dem direkten Wege zu einem so großen Unrecht zu sehn , zu einem Unrecht , das unsere Familie überdem so entehrt . – Heute kam nun endlich , was ich lange gefürchtet hatte : meine Nichte warf sich in meine Arme , um mir zu sagen , daß ihr Schicksal entschieden sei ; sie wolle dem König angehören , aus Pflicht für ihn und aus Liebe zu ihm . Ich gesteh ' , ich finde sie so furchtbar zu beklagen , daß ich kein Wort mehr habe , sie zu verdammen ; sie wird bald genug namenlos unglücklich sein , denn ihr Gewissen wird sie nie mehr Ruh und Frieden finden lassen . « So zogen sich die Dinge noch eine Weile hin . In den Tagebuchblättern immer dieselben Klagen . Eine Zeitlang spielte der König den Gleichgültigen , oder war es wirklich , und ein Eifersuchtsgefühl , das dadurch in des Fräuleins Seele geweckt wurde , beschleunigte den Liebesroman . Sie zeigte sich von dieser Zeit an weniger ablehnend und drang nur noch auf Erfüllung einzelner Bedingungen . Diese Bedingungen waren : die regierende Königin gibt ihre schriftliche Einwilligung zu der Verbindung ; zweitens Antrauung zur linken Hand , und drittens die Rietz samt ihren Kindern verläßt Berlin für immer . In die beiden ersten Punkte willigte der König sofort , aber den dritten Punkt wollt ' er nicht zugestehn . Die Rietz blieb . Am 25. oder 26. Mai 1787 erfolgte die Trauung zur linken Hand und wurde wahrscheinlich durch Johann Friedrich Zöllner , damals Diakonus an St. Marien , in der Charlottenburger Schloßkapelle vollzogen . 21 1787 Juni 87. Meine Nichte sagte mir heute unter Tränen , seit acht Tagen sei sie mit dem Könige heimlich getraut , bat mich aber , es zu verschweigen . Es betrübt mich tief und ich kann mich mit dem besten Willen eines Gefühls von Abscheu und Widerwillen gegen eine Sache nicht erwehren , die so unerlaubt ist , man mag an Scheingründen dafür angeben , was man will . Ihr Gewissen wird es ihr schon genugsam sagen und wird nicht wieder ruhig werden . – Sie hat lange widerstanden , aber sie liebt den König leidenschaftlich , und nachdem sie ihm ihr Herz gegeben hatte , ließ sie sich vollends von ihm überreden . Trotz ihres schweren Fehltritts bleibt sie dennoch ein edler , der Achtung nicht unwerter Charakter , und ich weiß wohl , sie ist zu rechtschaffen , als daß sie nach einem solchen Fall jemals wieder glücklich sein könnte . August 87. Der König ist nach Schlesien abgereist und Julie sagt mir , sie wolle morgen nach Berlin , um zu kommunizieren , dann zu ihren Verwandten auf das Land gehen , von dort aus aber um ihre Entlassung bitten und nicht wieder kommen . Sie könne es nicht länger aushalten , auf diese Art weiter zu leben . Eben dasselbe hat sie dem Könige geschrieben . – Julie reiste heute ab , was mich sehr ergriff . – Sie schreibt , daß sie sich eine Stiftsstelle kaufen wolle , und bittet um vierzehn Tage Nachurlaub . Die alte Königin weiß nicht , was sie davon denken soll . Trotz allem Vorgefallenen ahnt sie nichts . – Ich sah heute Julien in Berlin ; sie hatte Antwort vom König , der sehr zufrieden damit ist , daß sie den Hof verlassen will . Aber das Ganze bleibt doch schrecklich traurig und das arme Kind jammert mich sehr . – Ich fürchte , die Enke ( Rietz-Lichtenau ) wird Julie noch viel Kummer bereiten . Julie ist heute mit ihren Verwandten aufs Land abgereist . Am Hofe ahnt man nicht , daß sie nicht wieder kommt . September 87 : Ein heut eingetroffener Brief meiner armen Nichte an die Königinwitwe bittet um ihren Abschied und sagt : » sie habe eine Stelle im Stift Wolmirstädt gekauft . « Die Königin gewährte die Entlassung sogleich und nahm es sehr gut auf . Julie hat auch an die Kannenberg geschrieben . Gräfin Kannenberg las mir den Brief meiner Nichte vor , in welchem sie zu verstehen gibt , warum sie geht . Die Kannenberg ist ihre Tante und jammert nun sehr . Aber ich wiederhole nur das eine : man hätte sie retten können , wenn man es zur rechten Zeit gewollt hätte . All mein Reden damals war aber umsonst . – Meine Nichte schreibt mir aus Brandenburg : sie gehe den 9. nach Potsdam und bäte Gott ihr beizustehn in dem neuen Leben , das sie erwarte . Gott wolle sich ihrer annehmen ; es ist ein schwerer Schritt , den sie jetzt tun muß , die Sache vor der Welt zu bravieren . November 87. Julie hat den Namen einer Gräfin Ingenheim bekommen . Sie war nun Gräfin Ingenheim . Aber es war dadurch wenig für sie gewonnen , trotzdem man sie , dem Könige zuliebe , mit Auszeichnungen überschüttete . Bitterkeiten gingen nebenher . » Die Arme schreibt mir : sie fühle sich sehr unglücklich . Die Enke tut ihr tausend Herzleid an und hat denselben Einfluß wie früher auf den König . « Dezember 87. Julie ist unwohl und kann das Bett nicht verlassen , die Prinzessin Friederike und die Prinzessin von Braunschweig haben mit dem König in ihrem Zimmer an ihrem Bett gegessen . Das ist doch stark ! – 1788 Januar 88. Ball beim König , wo der Kronprinz Julie zum ersten Mal als Gräfin Ingenheim sah , was für beide ein sehr unangenehmer Augenblick war . Die Unglückliche , welche peinliche Stellung für sie . – Alle Höfe ( es gab deren , außer dem eigentlichen , wenigstens noch vier : den der alten Königin , der regierenden Königin , des Prinzen Heinrich , des Prinzen Ferdinand ) sehen sie . Sie ist überall . Ich begreife das nicht . Februar 88. Die alte Königin hatte großes Diner und frug den König , ob sie die Ingenheim einladen solle ? Natürlich sagte er ja , und so kam sie zum Diner . Ich finde es höchst unrecht von der Königin , sie einzuladen , bloß um dem Könige damit zu schmeicheln . Abends aber spielte sie doch nicht Lotto mit den Herrschaften , sondern mit dem Hofstaat im vorderen Zimmer . Bei Tafel wurde sie dem König gegenübergesetzt . – Die alte Königin lud wieder die Ingenheim ein . Ich finde , sie benimmt sich in dieser Sache so unwürdig und schwach wie nur möglich . In den letzten Tagen des Jahres ( am 21. Dezember 88 ) heißt es : » Die Ingenheim bat mich sehr , ihr in der nun nahen Stunde beizustehn . Auch der König bat mich den folgenden Tag darum , und ich brachte es nicht übers Herz nein zu sagen . « 1789 Am 2. Januar 1789 genas die Ingenheim eines Sohnes . Der König war sehr erfreut . Unterm 4. Januar heißt es im Tagebuch : » Das Kind wurde heute getauft . Der König hielt es selbst über die Taufe und es empfing den Namen Gustav Adolf Wilhelm . Juliens Bruder ( der spätere Minister ) , der Minister von Bischofswerder und ich waren die Paten . Der König selbst war fast den ganzen Tag bei der Kranken . Es ist wahr , er ist wirklich der beste Prinz , den man auf der ganzen Welt finden kann . Leider nur , daß er so willensschwach , so ohne Energie und zuweilen so heftig ist . « Im Anfang ging alles gut mit der jungen Wöchnerin ; aber sie schonte sich nicht genug , verließ das Bett zu früh und erkältete sich aufs heftigste . Dabei war der Einfluß der Rietz ihre beständige Sorge , trotzdem es nicht an Aufmerksamkeiten und Geschenken von seiten des Königs fehlte . So sandte er ihr ein kleines Etui mit 50000 Talern und sein mit den schönsten Brillanten besetztes Porträt . Zum 5. Februar war eine große Cour angesagt und Julie wollte dabei nicht fehlen . » Ich fürchte , daß sie sich schadet « schreibt die Oberhofmeisterin am selben Tage . Am 24. Februar heißt es dann :