der katholischen Kirche anzugreifen ... Paula bildete auch jetzt noch , wie immer , unter den Anwesenden den Mittelpunkt , so wenig sie diese Ehre suchte ... Monika fragte forschend ihre Schwester : Warum ist sie - nur so unruhig ? ... Monika hätte eine Offenbarung ihres geheimnißvollen Traumlebens wünschen mögen ... Benigna misverstand die Frage . Sie glaubte , Monika meinte Armgart ... Diese stand am Fenster und wartete auf Terschka und wie auf ihr Todesurtheil ... Sie wollte ihn so empfangen , daß alle sagen mußten : Das ist ein Paar ... Benigna aber hatte , um schon wieder zanken zu können , mit dem Essen zu thun , zu dem schon gerufen wurde ... Man ging zu Tische ... Schon saßen alle , da rollte ein Wagen vor ... Wol Terschka ? rief der das Hundertste ins Tausendste redende und nun auch schon Papier machende Onkel ... Armgart griff an ihr Herz ... Ihr Vater beobachtete sie ... Auch die Mutter ... Ein Diener wollte eben sagen : Herr von Terschka hat hinterlassen - da meldete man den Domherrn ... Paula erglühte ... Und Monika bekam Ahnungen von Bonaventura als dem » Bruder Gottfried « der neuen Hildegard ... Paula ' s Sehergabe hatte in diesen drei Tagen , wo der Domherr wenig auf dem Schlosse war , geschwiegen ... Endlich erschien Bonaventura ... Ernst und milde , wie immer ... Er grüßte die Neuverbundenen . Er wußte schon alles von Hedemann ... Von Witoborn kam er , wo er Armgart hatte suchen helfen und den Obersten begrüßen wollen ... Er beglückwünschte , mehr mit dem Auge , als mit den Lippen , forschte den Obersten nach dem Dechanten aus , verrieth der Frau in Silberlocken nichts , daß er all ihr Herzensleben aus dem Beichtstuhl kannte ... Mit Armgart sprach er sogar scherzhaft und drohend ... Aber bei alledem blickte er voll Trauer ... Reisen Sie wirklich schon morgen ? fragte der Oberst bedauernd ... Bonaventura bestätigte seine Abreise , sprach von einem Auftrag nach Wien - von einer Erhebung sogar zum Domkapitular ... Man beglückwünschte voll Ueberraschung ... Paula senkte die Augen ... Monika ' s Art war kein kleinliches Forschen ; doch bemerkte sie die Gleichzeitigkeit des trauernden Ja und jener gesenkten Augen ... Wie viel Gründe hatte nicht Bonaventura für seine Trauer ... Wie liebevoll und beziehungsreich sprach er von Benno und vom Dechanten ... Als man wiederholt nach Terschka spähte , überraschte er alle mit dem Plötzlichen Worte : Terschka ? ... Sie wissen - also - noch nicht ? ... Die fragenden Blicke aller richteten sich zugleich auf ihn zum Zeichen , daß man ohne jede Ahnung war ... Armgart hielt krampfhaft die Hand der Mutter und die des Vaters ... Sie saß zwischen beiden ... Beide verstanden allmählich ihre Aufregung und sahen die » Liebe « des jugendlichen Herzens ... Monika mit Schrecken ... Herr von Terschka ist abgereist ! fuhr Bonaventura fort ... Wußten Sie das nicht ? ... Abgereist ? So plötzlich ? fragten der Onkel und die Tante und sahen sich nach den Dienern um , die davon wissen mußten ... Armgart beobachtete jeden Zug im Antlitz der Mutter und diese wieder in ihrem und beide saßen zum Tod erstarrt ... Ich wiederhole Ihnen nur , was ich soeben in Witoborn aus Jedermanns Munde hörte ... Herr von Terschka war gestern Abend beim Bischof , heute in aller Frühe schon im Kloster Himmelpfort ; dann will man ihn noch im Düsternbrook bei den beiden Eremiten gesehen haben ... Ein Pferd soll er in Witoborn in den Stall bei » Tangermanns « gestellt haben , das über und über mit Schweiß bedeckt war ... Dann nahm er Extrapost und ist abgereist ... Die Tante klingelte den Dienern , die auch eben kamen und die Speisen hereintrugen ... Monika blickte nieder - für sich fühlte sie wie erlöst . Terschka hatte sie auf dem Schloß gestern und vorgestern mit unbesonnener Vertraulichkeit verfolgt , ja in Erwartung , sie hätte seinen Brief erhalten , sogar gewagt , Abends an ihre Thür zu pochen , wo sie sich nur durch die Glocke helfen konnte ... Seitdem hatte sie ihm nicht mehr Rede gestanden und wies einen zweiten Brief zurück ... Aber - Armgart ... ? Von den Dienern erfuhr man , daß Terschka in aller Frühe mit einem großen Koffer nach Witoborn gefahren war ; der Wagen war eben jetzt allein zurückgekehrt ... Der Onkel , hocherstaunt , fragte : Aber die Schlüssel seiner Zimmer ? ... Man übergab die Schlüssel ... Daß nach dem Fund der Urkunde Terschka nicht lange hier verweilen würde , hatte man vorausgesehen . Dennoch war diese jähe , abschiedslose Entfernung aus seiner ihm , man sah es gestern und vorgestern , unbehaglich gewordenen Lage zu auffallend ... Inzwischen blickten Alle auf Armgart ... Sie verschlang die Worte aus Bonaventuras Munde ... Die Diener waren wieder abwesend ... Ohne zu grelle Hervorhebung ließ Bonaventura , wenn auch mit Beben , die Worte fallen : Sie werden bald vernehmen ... was ich in Witoborn schon aus Jedermanns Munde erfuhr ... Terschka ist ja seltsamerweise ... nicht in der Lage , jemals - zurückkehren zu können ... Alle horchten auf ... Terschka - war das nicht , was er uns allen erschien ... Armgart hatte sich erhoben ... Jeder erwartete , sie würde ausrufen : Er ist vermählt ! ... Bonaventura sprach leise : Terschka ist - ein Priester ... Das Wort des Erstaunens erstarb auf aller Lippen ... Noch mehr , fuhr Bonaventura fort und dämpfte die Stimme - man sagt es in der Stadt allgemein , er gehört dem Orden - der Gesellschaft Jesu an und hat in Rom das vierte Gelübde abgelegt ... Mein Stiefvater - scheint - die Gesetze gegen ihn geltend gemacht zu haben , die keinen Jesuiten im Lande dulden ... Oder - - man vermuthet , daß seine Mission zu Ende ist und man ihn schleunigst nach Rom zurückberief ... Nur zurückhaltend spricht man von diesem seltsamen Vorfall ; doch scheint die Nachricht - unwiderleglich zu sein ... Es gibt eine magische Lichtwirkung , die plötzlich die blühendsten , lebensfrischesten Physiognomieen in Larven verwandelt ... So die Wirkung dieser Mittheilung ... Was mußte man von Terschka ' s Metamorphose , was von seiner Verbindung mit den Camphausens in Wien , was von seinem Leben hier auf dem Schlosse denken ? ... Monika , die den Beziehungen Terschka ' s zur Familie des Grafen Hugo so nahe stand , konnte sich kaum im Sitzen erhalten ... Ihre Lippen bebten ; ihr Auge rollte ; ihre Brust hob sich ; sie hatte einen - Fluch auf der Zunge ... Das sahen alle ... Ihr Gatte betrachtete sie mit gleicher Empfindung und maß den Antheil , den er aus ihren Beziehungen zur Mutter des Grafen Hugo vollkommen zu würdigen wußte ... Er verstand die Entrüstung aus gleicher Gesinnung ... Dennoch stammelte Monika : Fast glaub ' ich , man muß dem Manne nicht zu sehr zürnen ! ... Er war vielleicht mehr ein Opfer , als ein Werkzeug ! ... Mehr konnte sie nicht sagen ... Denn alles war erschreckt durch Armgart ... Diese stand wie wenn sie eine Geisterwelt um sich sähe ... Nicht daß sich ihr sofort das Räthsel des Briefs enthüllte , nicht daß sie sofort verstand , wie Terschka nur gerade diese Last der Seele hatte abschütteln , deshalb convertiren wollen ... sie sah nichts , als daß Terschka für die Mutter aufhörte ein Mann zu sein , aufhörte , verwirrend und bestrickend in Frauenseelen einzugreifen ... Ein Priester ! ... Erlöst von einer Last , die von ihrem Herzen fiel , stieß sie einen lauten Ton der Freude aus . Sie stürzte auf die Mutter zu ... Jetzt erst , jetzt sie wiedergewinnend , jetzt ganz an sie glaubend , nachholend , was sie an ihr versäumt hatte , lichtumflossen nach so langer dunkler Irrung , umarmte sie die Befremdete stürmisch , küßte ihre Stirn , ihre Lippen , ihre Hände , umfaßte ihren Leib und entfloh aus dem Zimmer ... Was ist dem Mädchen ? riefen alle - außer Bonaventura und Paula ... Monika verstand allmählich auch das beharrliche und auffallende Schweigen beider und sagte , sich in ihren Vorstellungen Licht suchend : Welch ein Wahn ? ... Sie sah purpurroth vor Bonaventura nieder und gedachte nun beschämt ihrer Beichte ... Die Tante kannte Terschka ' s Neigung für ihre Schwester . Aber ihrer Verlegenheit half die Nachwirkung des Schreckens über Terschka . Von allem Unangenehmen gleich zur Abwehr gestimmt , hatte sie das Bedürfniß des Polterns ... Sie ist eine Närrin ! ... rief sie Armgart nach ... Bald aber stockte auch ihre Rede - voll Grauen über die Verstellungskunst , deren Zeuge sie hier einen Winter über gewesen waren ... Der Onkel gab sich offener . Er verweilte mit unausgesetztem Erstaunen bei der Mittheilung des Domherrn und fand sie für die Enthüllung römischer Zustände außerordentlich ... Armgart ' s Platz blieb leer ... Man aß und suchte in zerstreuendem Gespräch Fassung zu gewinnen ... Was stören und die eben gewonnene Einheit trüben konnte , wurde vermieden ... Levinus rügte nichts am Bruder , die Tante nichts an ihrer Schwester ... Dafür behielten Ulrich und Monika für sich , was beide tiefschmerzlich von Rom , seinem Bau , seinem Bann über die Welt empfanden ... Bonaventura und Paula empfanden alles das nicht minder ... Dennoch erhielt Onkel Levinus scheinbar Recht , als er das Glas erhob und sprach : Der Mensch ist so glücklich , wenn er die erste Summe seiner Ersparnisse zurücklegen und sagen kann : Das haben wir denn nun - und das Uebrige findet sich ! ... Halten wir uns an das Glück , das wir sehen und - mit Händen schütteln ! ... Hoffen wir , daß im Schoos der Zukunft mehr , mehr , viel mehr zu unserer Freude verborgen liegen wird , als wir ahnen ! ... Darauf klangen auch alle an ... Die Tante lachte über das Levinus ' sche Bild von » zurückgelegten Ersparnissen « ... Plötzlich aber fiel allen Paula ' s Blick auf ... Paula hatte von den Speisen wenig nehmen mögen ... Ihre Erregung mehrte sich durch die Erwartung der Wiederkehr Armgart ' s ... Sie fragte nach ihr ... Schon seltsam leise erklang ihre Stimme ... Die Tante kannte diesen Ton und erhob sich ... Paula blickte starr auf die großen silbernen Gefäße , die beim Mahle benutzt wurden ... Die Tante rückte eine glänzende Vase zurück , in der sich Paula schon wie unbewußt spiegelte ... Das glänzende Metall übte seine Wirkung ... Paula begann mit Armgart zu sprechen , ohne daß diese im Zimmer war . Ende des fünften Buchs . Siebenter Band Sechstes Buch 1. Oesterreich und Wien ! ... Wer konnte sonst beide Namen neunen hören und vernahm nicht sofort Musik ! ... Und wenn dich auch jetzt noch mit Windesflügeln das Dampfroß in einem einzigen Tag von der Elbe an die Donau entführt , so grüßen den haltenden Zug mitten auf der Heide , mitten in der Nacht , zwei Stationen vor Ankunft in Wien , Clarinette und Geige ... Der Sturmwind fegt den Novemberregen an die Fenster ... Hinaus blickst du durch die beschlagenen Scheiben ... Nichts , als öde gespenstische Nacht vor deinem Auge - und doch empfängt dich Jubel und Lust ... Seltsames Bild ... Auf einen Stab gestützt , am Rand des Erdwalls , starrt ein Schäfer im zottigen Lammfell auf den haltenden Zug ... Ein Wanderhirt , der aus Ungarn kommt und weiter zieht mit seiner nächtlich rastenden Heerde ... Die österreichische Geschichte ... Einsame Nachtträume der Völker , still am Weg sich sehnend nach Erfüllung ... Unter lachender Lust und Freude ... Am Donaustrand - auch da wispert es ebenso - leise und leise - um die alten Ritterburgen ... Klagelaute um versunkene Banner und Kronen ... Was liegt nicht begraben im feuchten Schoose der Donau ! ... Was könnte sich nicht melden zur Auferstehung unter dem nächtlichen Sternenhimmel , wenn ringsum auf den düstern Bergwänden die Geisterjungfrauen geheimnißvoll ihre Harfen zu schlagen beginnen ! ... Von Tyrol und Salzburg her , aus den sagenhaften Schluchten des Untersbergs und von den echoreichen grünen Bergseen Steiermark erschallt die Zither ... Die Zither , dies liebliche Instrument , könnte Sancta-Cäcilia statt der Orgel erfunden haben ... Du kennst es nur aus dem lampendunstigen und cigarrendurchqualmten Keller der leipziger Messe , kennst es nur aus dem Concert aufgeputzter Jodeltyroler ... Aber auch da wird die Zither dich gerührt haben - so , daß du den Genius Oesterreichs hättest fragen mögen : Was lachst du so traurig , was weinst du so froh ? Wenn so rührend die bebende Saite unter kraftvollem Finger ihre Schwingungen austönt ... Wenn der Ton , immer gebrochen , immer in der Geburt des Halls schon halberstorben und doch , neugefaßt vom kunstgeübten Finger , neubelebt , Riesenfermaten aus lauter kleinen zitternden Tremolos hält ... Wenn der Ton sich festklammert , gleich einem Knaben , der nicht ruht den höchsten Ast eines Blütenbaums zu erklettern ... Auf der höchsten Höhe , in die uns die Töne der Alpenzither schwingen können , welch ein Blick dann auf die Thäler der Erde ! ... Deine Jugend siehst du , siehst den grünen Plan deiner Kindheit , athmest im Herzen auch die reinste Alpenluft ... Selbst unter dem » Soll und Haben « und dem Strumpf- und langen und kurzen Waarenhandel der leipziger Messe in Auerbach ' s Keller konntest du die Thränen nicht zurückhalten , wenn das berühmte Tyrolerquartett - nur nicht singt ! Das schenke ihm die Muse ! - nur die Zither schlägt ... Die Spielerin sammelt mit dem Notenblatt ... Im koketten Brustlatz , mit dem spitzen Hut ein unschönes Mannweib ... Aber - sie spielte dir - und sich auf der Zither - Oesterreich ... Sie spielte ein Ahnen , Suchen , Sehnen nach unbestimmten , dem Land und Volk selbst nicht klaren Zielen ... Sie spielte das Wittern einer Geisterluft , Morgengrauen schönerer Hoffnungen ... Sie spielte die Freude , die sich selbst nicht vertraut , und ein Leid , das dem Schöpfer zürnen möchte , weil er die Erde bei alledem und alledem - so schön erschuf ... Musik ist der erste Gruß in Oesterreich ... Auch in Wien ... Die große Hauptstadt ist erreicht , die bremer echte Havanacigarre glücklich eingeschmuggelt ... Der Venusberg geöffnet ... Tannhäuser zieht den schwarzen Frack an und die gefirnißten Tanzstiefel und vertanzt sich das gebrochene Herz ... Strauß und Lanner ! Sie geben schon lange Trost für die » Zerrissenheit « selbst im Alpengemüth - selbst für » Weltschmerz « im Pusztensohne ... Hört diese Tänze ! ... Ein Dämon liegt in ihnen ... Wie mit Kirchenglocken fangen sie an , sanft und feierlich ... Das Adagio eines Meßganges ... Sittsamer , concordatsmäßiger Niederschlag der Augen ... Das führt , denkt man , geradeswegs nach Mariazell und Loretto - ! ... Plötzlich wirft der kaum geordnete Nonnenzug die Kapuzen ab ... Nun hüpft die Freude - erst wie ! ein Füllen lustig über den Klee . Erst nur noch - ein fußtrillerndes Ausschlagen des Uebermuths ... Erst nur Kopfüber der Fröhlichkeit , Humor , der , wie Harlekin Colombinen , neckt , spaßelt , thaddädelt - alles so , wie sich nach dem genommenen Ablaßzettel im einleitenden Adagio vergeben läßt ... Dann aber wird der Humor zur Selbstironie ... Der Walzer cancant , die Grazie tanzt auch hier wie in Paris mit Formen der Epilepsie , die Melodie geht rückwärts , läßt sich die Augen verbinden , tanzt unter Eiern , schiebt einen Karren auf dem Seil zum Thurm hinauf , geht auf beiden Händen , dreht sich als Kopf überm Rumpf herum und sagt dem Rücken » guten Tag « ! ... Halt ! springt die Sittenpolizei dazwischen ... Metternich ' s Censur und Moral , die noch in den von uns geschilderten Tagen regieren , und der Dämon wird rasch wieder ein Kind , das unter Blumen spielt , ein Kind , das nur nach Schmetterlingen hascht oder vor einer Hummel entflieht - aber - welch einer Hummel ! ... Brummelt die so spaßig , so taumlig , so torklig ... Baßgeige , wohin rennst du ? ... Baßgeige , bist du betrunken ? - Leute , entflieht ! Entflieht ! ... Staberl spannt seinen Regenschirm auf - haltet doch ! Das gibt ja Sturm - Wo führt ' s dich hin ? Zum » Stuwer ? « ... Sind das Pot-à-Feu ' s ? Döbler ' sche Sträußchen ? Sternschnuppen ? ... Wohinaus ? ... Ins Firmament ! Grad ' in die Milchstraße , aber von Würsteln und Kringeln behangen ... In einen Kometenschweif von feurigen Nasen ... Ein einziger Strohhalm die schwindelnde Brücke , aus der alle Walzenden zugleich über den unermeßlichen Abgrund hinübermüssen ... Heiliger Nepomuck , jetzt hilf ! ... Sie fassen sich alle an , klammern sich an die Rockschöße ... Strauß nimmt den Fidibus , steckt noch den Strohhalm über das Weltgebäude hinweg in Brand und nun müssen die Paare hinüber ... Die Glöckchen , die klingen , die Pickelflöte , die lacht , die Geigen , die quinkeln über den äußersten Steg hinweg ... Das gibt ein Unglück ! ... Aber - der Maestro bringt sie alle wohlbehalten in seine Schlußcoda zurück ... Baß , Trommel , Posaune finden sich in harmonischer Vereinigung bei den letzten Takten wieder zusammen ... Alles bricht in pyramidalen Jubel , in » Fanatismo « aus ... Der taktirende Maestro verbeugt sich gelassen und ruhig , » der Tanz ein Leben « oder » das Leben ein Tanz « ist beendet und nebenan - sind die Tische weiß gedeckt für die harmlosesten Bedingungen des irdischen Daseins - » Backhänerln « , » Roßbrateln « , » Beflamoths « , » lämmernen Hasen « , » Engländern « und allen möglichen Nationalgerichten der classischen Küche Oesterreichs ... So war auch das Gewirr , in das Benno von Asselyn eingetreten ... So übertäubt - im Spätherbst , beim Blätterfall und häufigen , noch warmen Regenschauern schon an die bevorstehenden Freuden des Winters erinnert - irrt er durch die Straßen Wiens - verfolgt von bunten Anschlagzetteln , Aufforderungen zu Lust und Freude ... Eben sehen wir ihn in die stolze Herrengasse treten ... Fußgänger umdrängen ihn , Wagen rollen , Rosse sprengen dahin ... Nur immer Achtung ! Ausweichen ! Ausweichen ! ... Auch den von den Regenschirmen niedergießenden Fluten ... Einige Minuten verlieren wir den trotz seiner Aufregung bleichen jungen Mann mit seinem regenfeuchten , schwarzen Bärtchen , im triefenden , neuerfundenen Macintosh , vor Wirrwarr um sich her und in sich selbst - ohne Regenschirm ! - ... Aber bald tritt er aus einem hohen , mit Karyatiden geschmückten vornehmen Palast wieder hervor ... Er sinnt : Wohin ? ... Auf die Schottenbastei hinaus zur Linken ? ... Auf die Freyung zu meinem guten Chorherrn hinüber , bei dem ich wohne ? ... Zu den Zickeles , an die du empfohlen und für jeden Abend geladen bist ? ... Oder noch in irgendein Theater ? ... Das Burgtheater soll ja - in der Nähe sein ... Da ruft ihn der Portier zurück ... Verzeihen ' s ! ... Den Dreimaster lüftend , fragt er : Waren ' s Herr Baron von Asselyn ? ... Mein Name ! ... Benno von Asselyn war schon zweimal unter dem hohen Portal des gräflich Salem-Camphausen ' schen Palais gewesen , hatte , schon zweimal mit dem Hüter des Eingangs über die Nichtanwesenheit des Grafen gesprochen ... Diese Leute haben nur ein Gedächtniß für empfangene Trinkgelder ... Ein Brief für Euer Gnaden vom Herrn Grafen Erlaucht sollte eben zum Herrn Baron hinübergetragen werden ! ... Der Brief lag auf dem Sims des kleinen Guckfensterchens der Portierstube ... Benno nahm ihn an sich ... In der Auffahrt des Palais brannte hochoben eine etwas düstere Lampe ... Der Portier deutete auf sein Stübchen und ein dort befindliches Licht , das zwar auch keine Millykerze war , aber es reichte hin für die kurze Lectüre ... Eine Secunde und Benno hatte gelesen , daß ihn Graf Hugo aufs dringendste morgen zum Frühstück auf seinem Schlosse Salem erwartete ... Der Portier sah dem schlanken jungen Manne jetzt voll Spannung nach und ahnte und vermuthete etwas ... Die Bedienung eines großen Hauses hat ein scharfes Auge für die innern Angelegenheiten ihrer Herrschaft ... Hängt Der mit unser Aller Schicksal zusammen ? mochte er denken und sah lange hinter ihm her , sah , wie der junge Mann davonschoß und so in Gedanken , daß er immer noch nichts vom Regen zu merken schien ... Benno hatte sich rechts gewandt , ging , auf die morgende kleine Reise gespannt , und fühlte nun doch wol an seinem Hut und den Stiefeln , daß es Zeit war irgendwo unterzutreten ... Er stand am Burgthor ... Da las er an einer vom Thor geschützten Wand : » K.K. Hofburgtheater . « » Hamlet , Prinz von Dänemark . « Er trat in das nahe kaiserliche Theater ... Ein labyrinthisches , von kleinen Winkelgängen durchkreuztes Gebäude nahm ihn auf ... Schwer fand er sich zurecht bis zur » Kassa « ... Noch war diese offen , aber kein Billet mehr zu haben ... In Oesterreich gewöhnt man sich - mit Unrecht - nur an diejenigen Unmöglichkeiten zu glauben , die sich auch dem Klang des Silbers gegenüber nicht wegräumen lassen ... Benno ' s Zweifel fanden kein Gehör . Er verließ ohne Billet die » Kassa « und verwickelte sich in den Gängen ... Ein gefälliger Herr , der sich verspätet zu haben schien und hinter ihm herging , wies ihn zurecht ... Der Ausgänge schien es mehrere zu geben ... Der freundliche Herr ließ es sogar geschehen , daß Benno in eine Wachtstube gerieth , die ganz den bekannten Kasernenduft hatte ... Grenadiere spielten hier Karten und dennoch huschten Damen in eleganten Kleidern hindurch , ja Benno stand sogar plötzlich zweien Gestalten gegenüber , die jedenfalls zu dem Gefolge des Königs Claudius von Dänemark auf der Bühne gehörten ... Der fremde Herr sah Benno ' s Erstaunen und sagte zu ihm lächelnd : Ei , Sie sind fremd , mein Herr ? ... Schon zog er die Dose gegen den Wachtstubengeruch ... Nicht wahr , das erinnert Sie an eine Dorfkomödie ? fuhr er fort . Aber es thut mir leid , daß Sie vielleicht mit diesem Eindruck weiter reisen ! Sie haben kein Billet bekommen ... Wenn ich Ihnen einen Platz in meiner Loge - Bitte ... In allem Ernst ... Meine Loge liegt zwar nur im dritten Stock ... Despectirlich ist das aber keineswegs , lieber Herr ! ... Ohne Spaß ... ich mache mir sehr ein Vergnügen daraus ... Kommen Sie nur ! ... Das gemüthliche Air des feinen Herrn war so einnehmend , daß Benno in der That nach einigem Zögern , aber auch fernerem Zureden folgte ... Ich gehe voran ! sagte sein Führer und plauderte im Gehen : Nicht wahr , Sie denken hier an eine mögliche Feuersbrunst ? ... Er deutete auf die Enge der Logentreppen ... Man ging in die Stockwerke hinauf , wie auf einer Wendeltreppe zu einen : Thurm . Im seltsamen Contrast zu dieser Aermlichkeit standen die reichgallonirten Diener mit ihren Servirbrettern , auf denen sie » Gfrornes « trugen ... Benno entschuldigte sich unausgesetzt über seine Dreistigkeit und schüttelte seinen Hut und seinen Macintosh ... Im Gegentheil ! erwiderte sein freundlicher Protector und ordnete inzwischen gleichfalls seine Toilette und mit einen : Kämmchen sein weißes , krauses Haar ... Die Dreistigkeit ist auf meiner Seite ... Sehen Sie nur , jetzt muß ich Sie auf meine beiden Plätze sogar durchs Paradies führen ... Aber zur Linken haben wir dennoch einen kaiserlichen Hofrath und zur Rechten einen Millionär von der haute finance ... Die Logen sind bis in den Kronenleuchter hin schon auf Jahre voraus gesucht ... Und wie ist das heute überfüllt ... Immer so bei denen classischen Stücken jetzt und besonders wann im Kärthnerthor eine durchgefallene deutsche Oper wiederholt wird ... Durch die dichtgedrängte Galerie machte der Logenschließer dem gesprächig satyrischen Herrn Platz und nahm den nassen Macintosh , unter dem Benno sich glücklicherweise im Salonfrack befand ... Fast in der Nähe des Kronleuchters lag allerdings die Loge des freundlichen Führers ... Die Ränge waren eben nicht zu stark besetzt ... Desto voller war es unten ... Kopf an Kopf in einem langen düstern Saale , dessen Bauart mehr zum Hören , als Sehen des auf einer schmalen Scene Dargestellten bestimmt schien ... Eben sprach der Darsteller des Hamlet eine der längern wirksamen Reden in melodischem Tonfall , mit ebenso viel Kraft wie Anmuth ... Befangen suchte sich Benno in seine so schnell und überraschend ihm gekommene Situation zu finden ... Sehen konnte er allerdings vom Spiel so gut wie nichts ... Er mußte sich an die Worte halten und an seines Begleiters Erläuterungen , die von einem : Guten Abend ! hier , von einem : Küß ' die Hand ! dorthin unterbrochen wurden ... Die Beschwörungsscene war im Gange ... » Schwört auf mein Schwert ! « sprach Hamlet , der mit hinreißendem , vielleicht zu vielem Feuer gespielt wurde ... Im Saal war alles todtenstill ... Man hörte das dumpf aus der Erde kommende : » Schwört ! « des Geistes ... Alles das hinderte aber ebenso wenig den Protector Benno ' s wie die Umgebungen immerfort dazwischen leise zu kritisiren und zu » plauschen « ... Schau , schau ! sagte ersterer . Das schreibt sich gewiß unser Herr Professor da auf ... » Schwört auf mein Schwert ! « ... Nicht wahr , lieber Professor , das ist für ein italienisches Ohr rein kalmückisch ? ... » Schwört auf mein Schwert ! « ... Ich muß aber auch sagen , was der Deinhardstein da wieder für eine Uebersetzung genommen hat ... Oder soll ' s ausdrücklich ein Wortwitz à la Sa - Ei guten Abend , Resi ! ... Ei , küß ' die Hand ! ... Wie kommt denn heute der Professor in Ihre Begleitung - Protegirt er auch den Herrn - Wie heißt der neue Debutant , den die Kaiserin protegirt ? ... Kein Zettel da ? ... Die Unordnung in denen Logen greift immer mehr um sich ! ... Warum ist kein Zettel da ? ... Für Benno mußten diese Absprünge des Tons vom zartesten Gemüth bis zur schärfsten Ironie , jetzt an den Logenschließer zur entschiedensten Grobheit , höchst charakteristisch sein ... In einem und demselben » Geplausch « wurde der Logenschließer geputzt , ein junges , heiteres Mädchen , das vor ihm saß , angeredet , eine höchst steife , lange Figur , in einer weißen Halsbinde neben ihr ironisirt , der fremde junge Mann unterrichtet , die Darstellung beurtheilt , alles mit derselben Lebhaftigkeit und den leichtesten Uebergängen eines Seelenzustandes in den andern . Bald Gefrierpunkt der Kritik , bald Siedepunkt des Enthusiasmus ... Dazu noch die Dose gezogen und geschnupft und Benno nach dem wievielten Tag seines Aufenthalts gefragt , auch auf die Theuerung Wiens aufmerksam gemacht und bei alledem auch noch eine bedeutende Persönlichkeit in dieser Loge und in jener lorgnettirt ... Die Ringsumsitzenden hatten im Grunde alle dieselbe Manier . Sie fanden wenigstens diese quecksilberne Beweglichkeit , dies Abspringen von der Hitze im Saal auf das heute » ein Bissel « mangelnde Feuer im Spiel » der Uebrigen « , von der brillanten Toilette dieser und jener Fürstin auf die » schauerlich « schlechte und abgenutzte Decoration in der Scene ganz in der Ordnung . Und bei alledem , wenn auch noch soviel kritisirt und » mechant « gefunden wurde , bei einem : Bravo ! stürmte sich ein förmliches Liebesfeuer von Enthusiasmus urplötzlich entbrennend aus ... Trotzdem , unmittelbar darauf erfolgend , über dies und das ein leises : » Unter der Würde ! « ... Benno sah , daß diese Art , sich zu geben , aus dem Gemeingefühl einer Stadt entspringt , deren Bewohner sich gleichsam zu einer einzigen großen Familie bekennen ... Die Worte » Herz « , » Gefühl « , » Gemüth « wurden sowol hier , wie auf den Brettern gehandhabt wie eine Prise Schnupftaback ... Die schwungvolle Darstellung des Hamlet ausgenommen , war die Vorstellung mehr im Geiste Iffland ' s ... » Vater « , » Mutter « , alle diese Worte wurden mit einer besonders biedern Treuherzigkeit betont . An seinem Protector fiel Benno auf , wie er ihn trotz seiner kindlichen Harmlosigkeit doch ab und zu höchst scharf beobachtete ... Sogar eine klug lauernde Kälte lag in dem Blick der kleinen glänzenden Augen mit höchst scharfen grauen Brauen ... Ein Zwischenact trat ein , den eine würdige Musik belebte ... Benno konnte sich jetzt in seinen nähern und entferntern Umgebungen zurecht finden . Auch fiel er selbst schon auf - nach seiner schlanken edeln Gestalt , nach einem feinen Lächeln der anziehenden Gesichtszüge einigen Entfernteren ... Nach seiner fremdartigen Aussprache allen Nähersitzenden ... Die Plaudereien seines Protectors veranlaßten die vor ihm Befindlichen , sich öfters nach ihm umzusehen ... Nur dem Italiener wurde das Umsehen schwer . Entweder war der Nacken zu steif oder nur die weiße Halsbinde war es . Flüchtig erhaschte Benno ein gelbes , von Blatternarben entstelltes Antlitz . Um so lieblicher hob sich von ihm der schelmische Mädchenkopf ab , die Resi , wie sie sein Protector nannte ... Es war eine muntere Brünette , nicht mehr » zu jung « , die sich unausgesetzt gar lustig halb italienisch , halb deutsch mit ihrem Nachbar neckte . Der Italiener blieb auch kalt zu diesen Spöttereien . Seine Gesichtsformen schienen von einer Pergamenthaut überzogen zu sein , die sich nicht veränderte , auch wenn er selbst etwas sprach , das andre