des Abends und selbst unsers Gesprächs - es handelte sogar von Ihnen und Ihrem Bruder und er erzählte mir zuerst von dem seltsamen Spiel der Natur , die einem armen Marketenderburschen eine wirklich seltsame Aehnlichkeit mit Ihrem Bruder gegeben . « Die Fürstin war stehen geblieben und hatte sich lebhaft zu ihm gewandt ; fliegende Röthe übergoß ihr Gesicht . - » Meinem Bruder Iwan gleich ? ich bitte Sie , wer ? wo ? « » Ein armer Verrückter oder Schwachsinniger . Der Vicomte traf ihn zuerst bei dem Einschiffen der Truppen in Marseille . Ich selbst sah ihn in Varna und muß gestehen , daß diese enorme Aehnlichkeit mich wirklich anfangs erschreckte . « Die Fürstin preßte die Hand auf die heftig wogende Brust , auf ihrem Antlitz wechselte mehrfach die Farbe , während ihr Mund fast keuchend stammelte : » Und lebt - der Mann noch ? Wo ist er ? Haben Sie Näheres über ihn erfahren ? Erzählen Sie mir Alles , es - es wird Iwan so sehr interessiren , von seinem Ebenbilb zu hören ! « » Er gehört zur Cantine der Marketenderin Nini Bourdon vom dritten Zuaven-Regiment , bei dem Méricourt steht . Die niedliche Kleine sorgt wie eine Mutter oder eine Geliebte für den verrückten Burschen , den sie für ihren Verwandten ausgiebt . Ich versuchte selbst mehrmals , ihn auszuholen , indeß er ist toll wie ein Märzhase , wenn auch ganz unschädlich , und folgsam wie ein Kind , und die stehende Antwort , die man höchstens von ihm erlangt , ist die confuse Rede : Eilf Uhr ! der Zug geht ab ! « Iwanowna Oczakoff hatte sich von dem Erzähler abgewandt , ihr Gesicht ihm verbergend . Mehrere Minuten stand sie so da , ihr ganzes Wesen schien dadurch heftig erschüttert , so daß es selbst dem Kranken auffiel und er danach fragte . Erst dann schien sie ihre Fassung zurückzuerhalten und mit tiefbewegter Stimme sprach sie . » Ich glaube , Sie hatten Recht vorhin , Herr Marquis , als Sie sagten , die Hand des allmächtigen Gottes habe Sie auf dies Schmerzenslager und gerade in dies Haus geführt . Ich erkenne seinen Willen und gehe , mit Annuschka zu sprechen . Jussuf wird einen würdigen Geistlichen , den ich kenne , hierher führen , seine Schwester aber unterdeß bei Ihnen bleiben . « Sie ging und hieß den Mohren , ihr folgen , währen Nursädih , die junge schwarze Mutter , auf die Bitte des Kranken ein Schreibpult vor ihn legte und ihm behilflich war . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Eine Stunde darauf hatte sich die Scene in dem Zimmer , das bald der Schauplatz jenes geheimnißvollen Scheidens von Seele und Körper sein sollte , ein Wenig geändert . Neben dem Bett des französischen Offiziers saß in einfachem schwarzem Kleide , den kleinen Myrthenzweig im Haar , der unter dem Donner der Schlachten fortgegrünt auf dem heimathlichen Boden , und von dem weißen Schleier halb verdeckt das bleiche Mädchen , das bald zur jungfräulichen Frau werden sollte , die Hand des Kranken mit halb scheuem , halb zärtlichem Blick in der ihren ; denn das scharfe Auge des Franzosen hatte sich nicht getäuscht und es weniger Ueberredung der Fürstin bedurft , als diese gefürchtet . Die Herrin selbst ging unruhig im Zimmer auf und ab , während schweigend und achtungsvoll ein französischer Corporal , gleichfalls Gefangener , den in der Heilung begriffenen linken Arm in der Binde , in der Nähe Nursädih ' s an der Thür saß . Diese öffnete sich jetzt und Jussuf führte einen ehrwürdig aussehenden Mann in der Kleidung der russischen Geistlichkeit herein . Seine Rechte hielt in einem Körbchen die heiligen Gefäße , während er auf dem andern Arm ein kleines Kind von etwa anderthalb Jahren trug . Die Fürstin eilte ihm entgegen . - - » Nehmen Sie unsern Dank , ehrwürdiger Vater Vasili Polatnikow , daß Sie unserer Bitte gefolgt sind , und geben Sie uns Ihren Segen . « Der Pope , die heiligen Gefäße niederstellend , machte das Zeichen des Kreuzes über ihre Stirn . - » Der Segen des Herrn ist bei Dir und den Deinen , o , meine Tochter , denn Dein Herz gehört ihm , und wer thut wie Du , ist der Fürsprache der Heiligen sicher . « - Er sah umher , wohin er das Kind auf seinem Arm , einen muntern Knaben , setzen könne , als Annuschka zu ihm trat und ihn bat , es ihr zu geben . - » Es ist eine Waise , « erzählte der Priester auf einen fragenden Blick der Fürstin , » auf dem Meere geboren , inmitten von Kampf und Tod . Die griechische Mutter zahlte sein Leben mit dem ihren und übergab den Knaben sterbend meiner Sorge . Er hat keinen Verwandten mehr , da auch sein Oheim , einer der Capitani ' s des Fürsten Morosini , beim großen Ausfall des Generals Chruleff gefallen ist . « » Aber warum lassen Sie das Kind nicht bei Ihrer Familie , hochwürdiger Vater ? « Der ehemalige Kaplan des » Wladimir « beugte in schmerzlicher Ergebung das Haupt . - » Der Herr , « sprach er traurig , » hat auch mich schwer heimgesucht , wie ganz Rußland - mein Weib und meine beiden Töchter sind die Opfer der Seuche innerhalb dreier Tage geworden und mein Haus ist öd ' und verlassen . Dieses Kind hat Niemand als mich , der für sein zartes Alter Sorge trägt . « » O , so lassen Sie es mir , « sagte die junge Braut rasch und erröthend , » lassen Sie mich dafür sorgen und so die Mutterpflichten erfüllen . Wir wollen es pflegen und warten in diesen Schreckenstagen , bis Gott über uns anders bestimmt . « » Annuschka thut Recht , ehrwürdiger Vater , « sprach die Fürstin , » und ich vereine meine Bitte mit der ihren . Wie konnten Sie auch uns in Ihrer Noth vergessen ! Gott gebe den Ihren Frieden und Ihnen ein seliges Wiedersehen - dieses Kind des Unglücks aber gehört hinfort unserer Sorge . « Sie faßte die Hand des Geistlichen und führte ihn zu dem Lager des Kranken , ihn von der heiligen Pflicht unterrichtend , die man von ihm verlangte , und von dem Zustande des Offiziers , der zugleich eines zweiten , noch feierlicheren Sacramentes bedürftig sei . Der Geistliche verstand so viel Französisch , um einige Fragen an den Kranken über die Handlung zu richten , der er die kirchliche Weihe ertheilen sollte , und während er einen Tisch zum Altar improvisirte , winkte der Offizier den Anwesenden , näher zu treten . » Ich bitte Sie , Kamerad , « sagte er zu dem gefangenen Corporal , » wenn Sie ausgewechselt werden und unser Frankreich wiedersehen , stets zu bezeugen , daß diese Heirath von mir im vollen Besitz meiner geistigen Kräfte und nach reiflicher Ueberlegung geschlossen ist . Dieses Papier , Durchlaucht , das ich in Ihre Hände lege , enthält meinen letzten Willen . Er sichert meiner Gattin mein sämtliches Vermögen - mit Ausnahme einer Summe in Gold und Wechseln , die mir von Paris mit der Nachricht des Erbes in ' s Lager übermacht wurde und die ich - jener Frau bestimmt habe , welche - ich im November aus Ihrem Schloß Aju davon führte . Madame Celeste wird sich trösten in deren Besitz ! Haben Sie die Güte , durch Ihren Bruder mit dem nächsten Parlamentair diese Schrift und die begleitenden Zeilen an den Vicomte von Méricourt in ' s französische Lager zu senden , ich habe ihn zum Vollstrecker meines Willens ernannt und weiß , daß er ihn erfüllen wird . Und jetzt bitte ich Sie - lassen Sie die Ceremonie beginnen , ehe es zu spät wird . « Der Priester trat mit dem heiligen Buch vor den Altar , während Annuschka weinend an der Seite des Bettes knieete . Die Fürstin und der Corporal bildeten die Zeugen der traurigen Ceremonie , während die schwarzen Geschwister mit den Kindern ehrerbietig zurückstehend ihr beiwohnten . Leise und feierlich klangen die Worte der Weihe durch das Gemach , mir von dem Rollen des Donners unterbrochen , der von den Wällen der bedrängten Stadt dem Feuer des Feindes antwortete . Als der Priester die Ceremonie des griechischen Ritus geendet und die beiden Ringe , welche die Fürstin ihm reichte , dem Paar angesteckt , erhob er seine Stimme im Gebet zu dem Allmächtigen , seinen Beistand zu erflehen für die letzte schwere Stunde des Mannes , der so eben jene feierte , die sonst des Lebens süßeste ist . Alle umher lagen auf den Knieen , selbst der Mohr mit seinem fatalistischen Glauben vom Sterben fühlte die heilige Bedeutung und wandte sein Haupt gen Mekka , und er , den das Gebet am meisten berührte , er selbst , der dem Tode Geweihte , fühlte das Gebet mit , dessen Worte er nicht verstand . Er war der Erste , der wieder das Wort nahm und die Fürstin und den Popen ersuchte , zur Stelle das Dokument über die vollzogene Trauung auszufertigen , das Iwanowna versprach , von dem Gouverneur , General von Osten-Sacken , selbst verifiziren zu lassen . Dann bat er , ihn der Pflege seiner nunmehrigen Gattin für eine Stunde allein zu überlassen . - Der ehrwürdige Geistliche des » Wladimir « schied , von der Fürstin bis zur Thür begleitet , um an dem Schmerzenslager seiner tapfern Landsleute die heiligen Pflichten des Trösters zu üben , indem er versprach , am Abend nochmals zurückzukehren , und empfahl das Kind ihrem Schutz . Er sollte es nicht wiedersehen ! In der Nähe der Wladimir-Kathedrale , als er das Marine-Lazareth verlassen und die Brücke über den Kriegshafen passirt hatte , traf ein Stein sein Haupt , den eine fallende Bombe von dem Gewölbe des Doms schmetterte . Soldaten trugen ihn an die Stufen des Altars , wo er den Geist aufgab . Für selben Zeit eilten die Fürstin Oczakoff und ihre Diener , durch den Hilferuf Annuschka ' s herbeigelockt , in das Gemach , in dem die Braut bei dem Gatten zurückgeblieben . Annuschka hatte die Thür aufgerissen , ihr Auge blickte verstört und erregt , der Kranz war von den fliegenden blonden Zöpfen gefallen , ihr einfacher Putz derangirt , und schluchzend rang sie die Hände ; - auf dem Feldbett aber lag , in der geschlossenen Hand noch den Brautschleier der jungen Gattin zusammenkrampfend , der Lion der pariser Salons , der Mann der Mode und des Genusses , mit all ' den traurigen und edlen Seiten des französischen Charakters begabt - Alfred de Sazé - starr und todt . Fußnoten 1 Am 12. Mai . 2 Seite 378 des zweiten Bandes hat sich ein Schreibfehler eingeschlichen , es muß dieser Name stehen statt » Yella « . D.V. III. Dai Bosche1 ! Wir haben bereits angeführt , daß mit dem Wechsel des Oberkommando ' s der französischen Armee auch eine andere Stellung der Truppen eingetreten war und die Franzosen ihre Hauptstärke jetzt wider die linke Flanke der Festung , gegen die Schiffervorstadt und die dieselbe vertheidigenden ältern und neuern Werke richteten . Hier stand das Corps Bosquet mit den Divisionen Canrobert , Camou , Mayran , Dülac und Brünet , noch immer die Verschanzungen auf dem Sapunberg , als den Haupthalt seiner Stellung , bewahrend . Auf dem rechten Flügel , an die Tschernaja lehnend , befand sich jetzt die sardinische Division Durando mit einem englischen Husaren- und Ulanen-Regiment . Den Zwischenraum nahmen drei türkische Divisionen Omer-Pascha ' s ein . Am Abhang des Sapunberges , wo derselbe sich gegen den Dokowoga und Kilengrund senkt , stand das Lager des ersten und dritten Zuaven-Regiments . Mitten zwischen den Zelten und Baracken , mit den seltsamsten Ausstasfirungen , erhob sich auf einem freien Vorsprung eine große und mit besonderer Sorgfalt erbaute Cantine , die offenbar mehrere geräumige Abtheilungen hatte , und um welche schon während des ganzen Vormittags ein überaus reger Verkehr geherrscht hatte . Es war die Marketenderbude des ersten Bataillons des dritten Zuaven-Regiments , die Cantine Nini Bourdon ' s , durch die Unterstützung des Vicomte auf das Stattlichste hergerichtet und der Hauptsammelplatz der ganzen umlagernden Truppen . Ein buntes Bild und Leben entfaltete sich vor und in dem halb aus Linnen und Segeltuch , halb aus festem Holzwerk gebildeten Bauwerk . Das Genie der in allen Sätteln gerechten und in allen Künsten erfahrenen , berühmten und berüchtigten Soldaten Algerien ' s hatte sich offenbar auf ' s Höchste abgemüht , hier etwas ganz Außerordentliches zu leisten . Ueber dem breiten , mit einer seht zurückgeschlagenen Leinwandgardine decorirten Eingang der Cantine wehte die Fahne des Regiments , denn Oberst Maurelhan-Polkes hatte in einer angebauten Baracke sein Quartier genommen . Trophäen von russischen Waffen , von den Schlachtfeldern erbeutet , alte Feßbinden der Zuaven und ein großer ausgestopfter Adler , den ein geschickter Schütze aus den Lüften geholt , schmückten außerdem das Portal , dessen gloriose Schönheit bei alledem in Gefahr war , in Schatten gestellt zu werden durch einen höchst seltsamen Nebenbau . Es war dies ein etwa funfzehn Schritt breites und einige Fuß über dem Erdboden erhöhtes Gerüst , vorn einen viereckigen , von Laubwerk , bemalten Brettern und alten Tapeten und Teppichen gebildeten Rahmen zeigend , der durch eine Art Vorhang geschlossen war . An einer hohen mit verschiedenen Flaggen gezierten Stange schwebte darüber her ein großes Plakat mit der Inschrift : » Théâtre national des Zouaves de Sa Majesté l ' empereur Napoléon III. et du Général Bosquet . « Ein geschriebener Zettel , am Vorhang angeheftet , verkündete , daß mit Höchster Genehmigung seiner Excellenz des Generalissimus die Zuaven des ersten und dritten Regiments die Ehre haben würden , nach dem Diner aufzuführen das berühmte und beliebte Vaudeville : » Le retour de Crimée « mit nachfolgenden kosackischen und spanischen Nationaltänzen . Alles gegen beliebiges Entree zum Besten der Verwundeten in den constantinopolitanischen Lazarethen . Ein Halbkreis von roh gezimmerten Tischen und Bänken umgab den Eingang der Cantine und das weislich daneben gebaute Theater , so das Auditorium der höheren Ränge bildend , während für die untern Grade des sehr gemischten Publikums eine Reihe den Erdgräben vor dem Theater gezogen waren , in denen die Zuschauer nach Lust und Belieben in hundert verschiedenen Stellungen auf den Querdämmen saßen und lagerten , gleich im Parquet eines Theatersaal . In der Zeit , wo die dramatischen Talente der Zuaven noch nicht beschäftigt waren , dienten Tische und Bänke , wie gegenwärtig , zum gewöhnlichen Versammlungsort und nicht selten waren selbst kommandirende Generäle die Gäste der hübschen Nini . Eine bunte Menge füllte jetzt jeden Platz innerhalb und außerhalb der Baracken , vorherrschend freilich die Zuaven mit dem kecken , selbstbewußten Aplomb , der unvergleichlichen Negligence ihrer Haltung , den Feß auf einem Ohr , die Hände in den Taschen , theils umherschlendernd , theils in Gruppen trinkend , spielend , fluchend , prahlend , lockend oder auf hunderterlei Weise beschäftigt . Dazwischen alle Uniformen der französischen Armee und Flotte , die algierischen Scharfschützen , die Mariniers , die kecken kleinen , prahlerischen Voltigeurs , die Husaren und Dragoner von d ' Allonville ' s Division , welche zwischen dem Sapunberg und Balaclawa lagerte , einzelne schwere Kürassiere , Matrosen , Schiffsoffiziere und Artilleristen ; daneben neugierig und demüthig , von den Franzosen verlacht und bewirthet , einige Türken oder in ihre Burnusse und Kopftücher trotz der Hitze gehüllte Araber - bekannte Erscheinungen für diese tapfern , in der Sonne Afrika ' s gebräunten Truppen . Ein schwer betrunkener englischer Matrose , der auf dem irgend wo zu einem Spazierritt während seines Ruhetags ohne Willen des Eigenthümers entlehnten Maulthier hin und her schwankte , wie eine Fregatte im Sturm , und sorgsam von zwei Soldaten im Sattel gehalten wurde , während ein Dritter den Zügel führte und in dem Jargon , das sich zwischen beiden Armeen gebildet , dem Bruder Theerjack von den Freuden erzählte , die ihn bei der Theatervorstellung erwarteten , gegen die jede Aufführung in Drurylane oder Coventgarden Schund sei ; um den Stamm eines verkrüppelten Feigenbaumes versammelt eine Gruppe von Offizieren , die dort angeheftete englische Ankündigung eines großen Wett- und Jagdrennens studirend ; eine große Zahl von Gesindel , wie sie jedes Lager mit sich bringt , Handelsleute , Tataren , Hausirer aller Art : - das Alles lagerte und bewegte sich in bunten Gruppen umher . Durch den offenen Eingang zur großen gleichfalls mit Tischen besetzten vordern Abtheilung der Cantine sah man die Demoiselle de Comptoir in ihrem kleinen mit vieler Zierlichkeit arrangirten Bureau ; aber die schlanke , junonische Gestalt , das Cendré des Haares , das mattgefärbte schöne Gesicht mit dem Auge voll Genußsucht und Eitelkeit gehörte nicht der Herrin der Cantine selbst , der zierlichen , gewandten Nini an , sondern Celesten , der ehemalien Lorette , der Bojarenfrau , der Maitresse des Russen Wassilkowitsch ! Das Schicksal hatte eigenthümlich mit den beiden Freundinnen gespielt , seit wir ihnen an jenem verhängnißvollen Märzabend in der rue de St. Josef begegnet sind . Nini selbst war in den zwei Jahren eine Andere geworden . Ihre noch immer zierliche Gestalt schien doch kräftiger und bedeutender , das kindlich frohe Wesen hatte sich mit einer festern Haltung gepaart , das Leben mit seinen Sorgen hatte offenbar ihre Erziehung geleitet und ohne der Naivetät ihres Characters zu schaden , doch eine größere Sicherheit im Handeln und Auftreten herbeigeführt . Beweglich gleich einem hüpfenden Vögelchen war sie bald hier , bald dort , die zahlreichen Gäste bedienen helfend , oder mit All ' und Jedem plaudernd und ein Scherzwort oder eine flüchtige Erzählung wechselnd - bald wieder in der Küche der Restauration , wo eine ältere Marketenderin , deren sich mehrere des Regiments dem jungen Mädchen willig angeschlossen und untergeordnet hatten , die Aufsicht führte . Zwei Zuaven verwertheten hier die Früchte ihrer culinarischen Jugenderziehung , der sie entlaufen , zum Besten des Allgemeinen , indem sie von den Erträgen des merkwürdigen , freilich äußerst nahe an Spitzbüberei gränzenden Fouragirtalents und den eigenen Vorräthen der Cantine eine Speisekarte à la Véfour zurichteten . Die kokette Marketendertracht in den Farben des Regiments , blau , roth und grün , stand dem Mädchen allerliebst , wie sie so zierlich zwischen den Tischen umher eilte und dabei doch Zeit behielt , ihre liebevolle Aufmerksamkeit zwei Personen besonders zu widmen , zwischen denen sich ihr Herz zu theilen schien . Die Eine war ein kräftiger , kühn ausschauender Corporal von etwa fünfundzwanzig Jahren , das männlich freie und hübsche Gesicht von langem , dunklem Bart umschattet , auf der Brust die Medaille , der mit mehreren Kameraden an einem Tisch außerhalb der Cantine saß und häufig , wenn er sich unbemerkt glaubte , einen finstern , halb spöttischen Blick nach dem improvisirten Comptoir und seiner schönen Inhaberin warf , die von einem Schwarm jüngerer und älterer Offiziere umgeben war , mit denen sie sich nachlässig unterhielt . Es war François Bourdon , der Bruder der kleinen Marketenderin . Die zweite Person , welche die besondere Fürsorge Nini ' s genoß , war der bleiche , geistesschwache Bursche , dessen merkwürdige Aehnlichkeit mit dem jungen russischen Fürsten schon so vielen Personen aufgefallen war . Still und theilnahmlos schlich er zwischen den Gästen umher , von denen die meisten mit ihm bekannt schienen , und verrichtete eben so Alles , was ihm geheißen ward . Sein leerer Blick belebte sich nicht einmal , wenn Nini ihm einige freundliche Worte sagte , oder ihm aufmunternd die hohle Wange klopfte , eine Liebkosung , die mehr als Einer mit neidischem Auge sah und für die mancher Tapfere willig zum Sturm auf eine russische Redoute marschirt wäre . Nur ein Mal , als Nini am Comptoir Celesten ' s stehen blieb , mit dieser einige Worte wechselte und der todte Blick des Burschen von François auf die Gruppe der beiden Frauen schweifte , überzog ein flüchtiger Blitz von Gedanken das hagere junge Gesicht ; er rieb die Stirn mit der Hand und starrte wie emsig eine Erinnerung suchend in ' s Leere . Wenige Augenblicke darauf schien jedoch die erregte Gedankenfolge wieder unterbrochen und er verrichtete theilnahmlos nach wie vor die Geschäfte der Bedienung , wobei er manchmal auf einige Zeit in einen der hintern Räume der Cantine verschwand . Die Gruppe an dem Tisch , an dem François saß , bestand aus dem Sergeant-Major , der mit dem jungen Kameraden an der Alma und bei Inkerman die Wagnisse ausgeführt , den Aermel seiner Jacke mit Galons bedeckt und Mamsell Minette , die erste Kletterin des Bataillons , neben sich , - aus einigen andern Soldaten der Compagnie , zwei Voltigeurs vom 20. Regiment und einem algierischen Scharfschützen . Die Unterhaltung war äußerst lebhaft und drehte sich theils um die Tagesereignisse des Feldes , theils um die innern Angelegenheiten von Küche und Theater . » Paßt auf , Kinder , « sagte der Sergeant-Major , » es giebt morgen einen Tanz , wenn auch die Generäle noch geheim thun und die Köpfe zusammenstecken . Man hat nicht umsonst seit drei Tagen Kugeln gefahren und die armen Kerle , die Türken , wie Maulthiere in den Magazinen arbeiten lassen . Da , Bursche , « fuhr er fort , indem er einem langsam vorüberschreitenden Araber das Glas hinreichte , » trink ' einmal , es ist ächter Wermuth , von Deinen eigenen Bergen gepflückt , die doch Nichts weiter hervorbringen , als das bittere Kraut und das Gewürm , die Kabylen . « Der Angeredete war ein junger , schöner Araber , offenbar einer der Führer , und wer ihm näher in ' s stolze , finstre Auge geschaut , hätte in ihm unmöglich Abdallah ben Zarugah , den Emir der tapfern Reiter der Hedja ' s , verkannt . Er hüllte sich , mit verächtlicher Geberde den Trank zurückweisend , in seine weiten , weißen Gewänder und schritt weiter , dem Eingang der Cantine zu . » Peste ! Verschmäht der Schuft von einem Koranfresser , mit einem Feldwebel der dritten Zuaven zu trinken ? Ich will ihn - « er griff nach seiner Katze , um das Thierchen verächtlich auf den Mahomedauer zu schleudern , doch François hielt ihm den Arm fest . » Ruhe , Papa Fabrice ! es ist der Aga , der den Griechen-Offizier im vorigen Monat verwundet und gefangen , und der alle Tage kommt , um nach ihm zu schauen . Laß ihn gehen - Du weißt , daß der Kommandant jede Beleidigung ahnden würde . « » Maudit soit le butoir ! ich will wegen eines Spitzbuben von Beduinen nicht im Loch stecken , wenn vielleicht ein Gefecht vor der Thür steht . Komm ' her , Minette , sei ruhig , mein Thierchen , und beiße Dich nicht mit dem gelben Burschen da , die Messieurs Beafsteaks werden Dir Revange geben und heute seine Kameraden hetzen . « Minette , die Katze , war nämlich mit dem berühmten Hund des 20. Linien-Regiments , der stets vor der Tête hermarschirte und den die Voltigeurs auf das Apportiren der Kugeln , ja selbst von Bombenzündern abgerichtet hatten , in argen Streit gerathen , und rasch , mit der leichtsinnigen Theilnahme des französischen Charakters für alle Intermezzo ' s , bildete sich ein Kreis um die beiden Gegner . Ein Fußtritt des Voltigeurs jedoch , welcher den Hund mitgebracht , stellte den Frieden wieder her . - » Sandioux2 ! « wetterte der Gascogner , » will sich das Vieh mit einander zanken , während die Russen dazu vom lieben Herrgott ganz expreß erschaffen sind ! - Nichts da - hierher , Groscanon - Kusch ! « und er steckte ihn zwischen seine Beine , während der Zuave die Katze vor sich hinlegte und mit ihr spielte . » Wem mag es gelten ? « fragte der Scharfschütze , kokett seine gelbe Weste ordnend und den Dampf aus der Cigarre in blauen Ringeln von sich blasend . » Sacristi ! wem anders , als dieser verfluchten Lünette ! Sie liegt unserm Dicken im Kopf und wurmt ihn schon lange . Es wird Blut kosten . Wann soll der Spektakel losgehen ? « » Die Kanoniere sprechen von diesem Nachmittag . « » Ah , Mordioux ! deshalb giebt man uns die Theater-Vorstellung zum Kaffee nach Tisch . Ich hörte davon , daß die Schanze des kleinen Fossoyeur3 in Stand gesetzt worden und die schwarzen Batterieen . Es ist nebel von dem Kleinen , daß er keinen Anstand nimmt , unter dem Dicken zu dienen . « » Parbleu ! kann er sich etwas Besseres wünschen ? Einen General , wie unsern Afrikaner , bekommt er nicht alle Tage wieder . « » Bei all ' dem ist ' s hübsch . Es hat Jeder seine Art und jedenfalls war die seine immer noch besser , als die Trägheit des Wettermännchens4 , das Nichts thut , als den ganzen Tag Schach spielen und Zeitungen lesen . Er soll nicht ein einziges Mal die Lazarethe besucht haben , und das that selbst der verstorbene Marschall in Varna . « » Wißt Ihr , daß der Ober-General heute hinüber geritten ist zu den Engländern ? « » Bah ! er wird sehen wollen , wie weit sie mit den Laufgräben am Redan sind . « Der Voltigeur schüttelte schlau mit dem Kopf . - » Das kümmert den General wenig , er wünscht die ganze Sippschaft zum Teufel . Aber Vitrolles , sein alter Ordonnanz-Zephyr , hat mir gesagt , daß der Barometer auf Sturm steht . Der Bursche kennt seine Mienen . « » Dann Gnade Gott den Engländern , er bratet sie bei lebendigem Leibe , wie die Araber-Familien in der Höhle von Djebel Debbag . « » Brrr ! « machte der zweite Voltigeur ; » die Geschichte ist zu abscheulich , als daß sie wahr sein könnte . « Der alte Zuaven-Sergeant sah ihn grimmig an . - » Halt ' s Maul , Rekrut , nicht raisonnirt , was verstehst Du davon ! Ich sage Dir , ich , Sergeant-Major Fabrice Tonton , es ist so wahr , wie ich dieses Glas hier trinke . Ich war dabei , und ein abscheulicher Gestank war ' s , als die siebenhundert Männer , Weiber und Kinder so in dem Rauch erstickten von dem Holz , das man vor der Höhle aufgehäuft . « » Wie , Du halfst bei der schändlichen That ? « fragte unwillig der junge Bourdon . » Wir Zuaven nicht , François , « sagte ernst der Sergeant , » wir sind zwar wilde Teufel und fragen leider wenig genug nach Gott und den Heiligen , aber gegen Weiber und Kinder und unbewaffnete Männer möchten wir doch nicht die Hand erheben . Es war bei der Gelegenheit , als er dem Kommandanten Vergier , der damals Unter-Lieutenant war , befahl , seine Soldaten Holz herbeitragen zu lassen , und dieser statt der Antwort seinen Säbel abgab und sich zum Arrest meldete . Der General war außer sich und schimpfte wie eine Dame der Halle von Feiglingen und Memmen mit Weiberherzen , die nicht verdienten , Krieger zu heißen , da - - « » Nun , Fabrice - weiter ? « » Da sah ich mit diesen meinen Augen den Lieutenant auf ihn zuspringen , ihn an den Schultern fassen und schütteln , wie man einen Schulbuben schüttelt , indem er ihm zuschrie , er möge erst Höflichkeit lernen , wenn er französischen Offizieren befehlen wolle . « » Der Unglückliche ! - und der General ? « » Bah ! er machte sich los und sagte : Ist das ein Vieh , - aber ich brauche viele solche Kerle ! - zum Lieutenant aber sprach er : Monsieur , ich nehme Sie in meinen Stab ; wir wollen sehen , ob Sie Andere auch so schütteln werden . - Der Lieutenant kommandirt seit zwei Jahren sein Bataillon bei den zweiten Zuaven und die Teufel , die Zephyrs , erhielten den Befehl , die Höhle auszuräuchern , und befolgten ihn . Wir aber standen dabei , das Gewehr im Arm und - - - zum Henker mit der garstigen Erinnerung ! « Er wischte sich den Schweiß von der Stirn und pfiff den Zuaven-Marsch vor sich hin . » Madame Celeste , « warf einer der Kameraden hin , » scheint heute verteufelt unruhig , ihre Augen rollen wie zwei feurige Kohlen und sie scheint zu suchen , was sie nicht findet . - He , Jean , « rief er dem in die Nähe kommenden Schwachsinnigen zu , » bring ' mir ein frisches Glas , mein Bursche - Absinth , ächtes Schweizer Gewächs . « Der junge Mensch nahm gehorsam das Glas , indem er ihn mit den leeren irren Blicken anstarrte . - » Eilf Uhr - der Zug - « » Weiß schon , mein Bursche , kenne das Lied . Mach ' fort und bring ' mir den Absinth und frag ' in der Küche nach , ob sie den Truthahn nun bald gebraten haben , den ich heute Morgen eingeliefert . « Corporal Bourdon war trotz aller Mühe , die er sich gab , ruhig zu sein , das Blut auf die Stirn gestiegen und er sah finster nach der leichtsinnigen Jugendgeliebten hin . In dem Augenblick wurde der Vorhang der nahe gelegenen Bühne etwas bei Seite geschoben und ein merkwürdig ausstaffirter Bursche schaute heraus und suchend umher . Es war ein bärtiger Zuave mit schielendem Blick , den Kopf in eine abscheuliche zerknitterte Weiberhaube gesteckt und um Kinn und Ohren ein Tuch