Gabriel Lukas Namen und Stand seiner Familie bis ins siebente Glied hinauf verfolgen . Es waren sämtlich Priegnitz-Ruppiner . Und zwar : Anton Woltersdorf ( damals noch Woltersdorp ) , geboren 1430 . Johann Woltersdorf , Potinken- oder Pantinenmacher , geboren 1460 . Joachim Woltersdorf , Goldschmied in Ruppin , geboren 1496 . Joachim Woltersdorf II. , Tuchmacher , Gildemeister und Vorsteher der Klosterkirche zu Ruppin , geboren 1530 . Gabriel Woltersdorf I. , Pastor und Inspektor zu Ruppin . Gabriel Woltersdorf II. , Pastor und Inspektor zu Zehdenick . Gabriel Woltersdorf III. , Pastor und Rektor zu Kyritz . Unser Gabriel Lukas , des letztgenannten Sohn , studierte von 1711 an in Halle , das um jene Zeit » das Herz war , dessen Schläge man weit und breit fühlte « . August Hermann Francke stand eben damals in der Blüte seines Wirkens , » dieser Mann der Demut und Wahrhaftigkeit , der sich rühmen durfte , daß von den 6000 Studenten , die während zweimal zehn Jahren in Halle studiert hatten , Tausende von erweckten Predigern ins deutsche Vaterland ausgegangen seien . « Unter diesen erweckten Predigern war auch Gabriel Lukas Woltersdorf . Er blieb bis zuletzt eine Leuchte für seine Kinder und seine Gemeinde . 1716 erhielt er durch einen vom Könige gutgeheißenen Machtspruch des kirchlichgesinnten Markgrafen Albrecht die Friedrichsfelder Pfarre , die bis dahin der alte Samuel Donner innegehabt hatte . Samuel Donner war schon fünfundvierzig Jahre im Amt und wollte von Adjunktur oder gar Entlassung nichts wissen . Er remonstrierte deshalb und glaubte dies um so mehr zu dürfen , als er die Friedrichsfelder Pfarre als eine Erbpfarre betrachtete . Denn schon sein Vater und Großvater waren Prediger eben daselbst gewesen . Er wurd ' aber durch den Markgrafen energisch abgewiesen . Der Entscheid lautet : » Da sich so wol bei der Lokal-Visitation , als auch sonsten mehr als zuviel erwiesen hat , wie schlecht Supplikant bis dahero seinem Amte vorgestanden und wie wenig die ihm anvertraute Gemeinde durch ihn erbauet worden , so stehet ihm auch gar nicht an , eine dergleichen ungegründete Vorstellung gegen die von S. K. Majestät so nöthig gefundene Bestimmung zu thun . Und wie er damit gänzlich abgewiesen , ihm sein Unfug auch nachdrücklich hiermit verwiesen wird , so hat er es außerdem noch einzig und allein der Königlichen Gnade zu danken , daß er wegen seiner in der ihm anvertrauten Amt- und Seelen-Sorge bezeigten strafbaren Nachlässigkeit nicht noch schärfer angesehen wird . « Dieser Bescheid , wie sich denken läßt , ging dem armen Samuel Donner sehr zu Herzen und er starb wenige Tage später in Berlin am Schlagfluß . In seine Stelle rückte nunmehr Gabriel Lukas Woltersdorf ein . Das wichtigste kirchliche Vorkommnis innerhalb seiner Friedrichsfelder Amtsjahre war die Einführung des sogenannten » Simultaneums « , also der Gleichberechtigung der Reformierten in Benutzung der lutherischen Kirche . Hiergegen scheint sich nun Gabriel Lukas in Gemeinschaft mit seinem Berliner Propste Roloff anfänglich aufgelehnt zu haben , welcher letztere nicht nur vorstellig wurde , sondern auch von » unüberwindlichen Schwierigkeiten « sprach . Auf diese Vorstellung erhielt er einen zweifachen Bescheid , einen amtlichen und einen königlich-persönlichen . Der amtliche Bescheid lautete : » Wohlehrwürdiger , lieber , Getreuer . Ich habe Eure Vorstellung vom 8. dieses , in der Ihr meint , daß das Simultaneum in der Kirche zu Friedrichsfelde nicht könne introduzirt werden , erhalten , und ist Euch darauf in Antwort , daß Ich Euer Einwenden nur vor Possen halte . Ich halte beide Religionen einerlei zu sein und finde keinen Unterschied . Will also , daß es bei meiner Ordre verbleiben soll . « Der Erlaß ist datiert , » Wusterhausen , den 10. Sept . 1726 « und hinzugefügt war von des Königs eigner Hand : » Der Unterschied zwischen unseren beiden Evangelischen Religionen ist wahrlich ein Pfaffengezänk , denn äußerlich ist wohl ein großer Unterschied , wenn man es aber examiniret , so ist es derselbige Glaube in allen Stücken , sowohl in der Gnadenwahl , als im heiligen Abendmahl . Nur auf die Canzel , da machen sie eine Sauce , eine saurer als die andere . Gott verzeih allen Pfaffen , denn die werden Rechenschaft geben am Gericht Gottes , daß sie Schulratzen aufwiegeln , um das wahre Werk Gottes in Uneinigkeit zu bringen . Was aber wahrhaft geistliche Prediger sind , solche die sagen , daß man sich soll einer den andern dulden und nur Christi Ruhm vermehren , die werden gewiß selig . Denn es wird nicht heißen : bist du lutherisch oder bist du reformirt ? sondern es wird heißen : hast du meine Gebote gehalten , oder bist du blos ein braver Disputator gewesen ? Es wird heißen : weg mit die letzten zum Teufel ins Feuer , aber die meine Gebote gehalten , kommt zu mir in mein Reich . Gott geb uns allen seine Gnade und geb allen seinen evangelischen Kindern , daß sie mögen seine Gebote halten und daß Gott möge zum Teufel schicken alle die , die Uneinigkeit verursachen . Friedrich Wilhelm . « Es braucht wohl nicht erst versichert zu werden , daß diesem Königlichen Erlaß die Einführung des Simultaneums auf dem Fuße folgte . Dies war 1726 . Im Jahre 1735 erhielt Gabriel Lukas W. eine Vokation nach Berlin und wurde Prediger an der St. Georgen-Kirche daselbst , während der Prediger eben dieser St. Georgen-Kirche nach Friedrichsfelde hin versetzt wurde . Natürlich empfand letzterer dies als eine Degradation und führte sich deshalb mit folgenden Worten in Friedrichsfelde ein : Gott grüß Euch , Ihr lieben Bauern , Ich werd hier nicht lange dauern , Drum seht mich nur mit Rechten an Ich heiße Daniel Schoenemann . Er hielt auch Wort und legte im selben Jahre noch sein Friedrichsfelder Pfarramt nieder . Ernst Gottlieb Woltersdorf Ernst Gottlieb Woltersdorf Ernst Gottlieb W. wurde , wie schon eingangs hervorgehoben , am 3l . Mai 1725 in Friedrichsfelde geboren . Er blieb daselbst bis zur Übersiedlung seines Vaters nach Berlin , also bis zu seinem zehnten Lebensjahre , besuchte danach das graue Kloster und ging mit siebzehn Jahren zum Studium der Theologie nach Halle . » Es war dort eben noch – so schreibt Pastor Besser – das letzte der sieben fetten Jahre . Man konnte den Samen reiner Lehre noch ziemlich reichlich einsammeln . Die Hungerszeit des Rationalismus meldete sich eben erst durch ihre vordersten Posten . « Besonders war es Baumgarten ( Kirchengeschichte ) , der das Herz unseres jungen Theologen mit Liebe und Verehrung füllte ; Unterricht , den er in den unteren Schulen des Franckeschen Waisenhauses erteilte , sicherte ihm den Unterhalt . Sein Christentum , nach seinem eigenen Bekenntnis , blieb indessen damals ein rein äußerliches . » Ich hatte noch keinen Geschmack an der Erlösung durchs Blut Christi ; ... Gott kam mir aber zu Hilfe und warf mich in ein sehr tiefes Gefühl meines unergründlichen Seelenverderbens . Da saß ich an den Wassern zu Babel und weinete , wenn ich an Zion gedachte . « 1744 im Frühjahr , erst neunzehn Jahre alt , hatte er seine Studien beendigt . Er trat – durch viele Arbeit körperlich erschüttert – eine Reise an , suchte christliche Prediger und Gottesmänner auf und zeigte damals eine große Neigung , zu den Herrnhutern überzutreten . Dies unterblieb jedoch . 1744 im Spätherbst wurd ' er Vikar in Zerrenthin bei Prenzlau , wo er empfinden lernte , » wie schwer sichs predigt , wenn niemand hören will . « Zwei Jahre später ( 1746 ) kam er als Hauslehrer des jungen Grafen von Promnitz nach Drehna in der Niederlausitz , wo er nunmehr mit großem Erfolge zu predigen begann . Sein Predigereifer und die ihm daraus entspringende Kraft waren so groß , daß er in verhältnismäßig kurzer Zeit die wendische Sprache lernte , um den Spreewaldwenden das Evangelium predigen zu können . 1748 erhielt er einen Ruf nach Bunzlau . Es hieß anfänglich : er sei zu jung . Am 20. Sonntage nach Trinitatis aber predigte er über den Text : » Der Herr sprach zu mir , sage nicht , ich bin zu jung , sondern Du sollst gehen , wohin ich Dich sende , und predigen , was ich Dir heiße « mit solcher Gewalt , daß er die ganze Gemeinde mit sich fort riß . Bald hatte die Kirche nicht Raum genug für die , die kamen , und unter freiem Himmel , im Bunzlauer Stadtwald , mußte er nunmehr predigen . » Es schien , als ob das Feuer Christi die ganze Stadt anzünden wollte . « Dabei blieb er voll körperlicher und geistiger Frische . 1749 verlobte er sich mit Johanna Sabina , Tochter des Pastors Zietelmann zu Fliet bei Prenzlau ; im Mai trafen sich die jungen Brautleute in Berlin , wo neun Söhne ( darunter bereits drei Pastoren ) eine Tochter und drei Schwiegertöchter des alten Pastors Woltersdorf sich zur Hochzeitsfeier versammelt hatten . Der Vater segnete das Paar ein , das bald darauf in die Bunzlauer Pfarrwohnung einzog . Die junge Frau brachte Glück und empfing es . Aber die Flitterwochen müssen doch anders gewesen sein , wie heutzutage Flitterwochen zu sein pflegen . Alles junge Glück der Liebe schloß eine immer wachsende geistliche und geistige Tätigkeit so wenig aus , daß im Jahre 1751 bereits zwei starke Bände » Evangelische Psalmen « vorlagen , die Zeugnis ablegten von dem schöpferischen Drang des jungen Geistlichen . Sie waren , beinahe zweihundert an der Zahl , mit nur wenig Ausnahmen ein Produkt der letzten drei Jahre . Über die Art , wie dieselben entstanden , lassen wir ihn selber sprechen : » Was den Ursprung dieser Lieder betrifft , so kann ich wohl mit Wahrheit sagen : ich habe sie von dem Herrn empfangen . Sonst würd ich auch in meinem Gewissen keine Freiheit haben , sie drucken zu lassen ... Gott hat mir von Natur eine Neigung zur Poesie gegeben . Schon in meiner Kindheit fing ich an Verse zu machen . Aber erst als ich des seligen Lehr und nach einiger Zeit auch des seligen Lau Leben und letzte Stunden in die Hände bekam , ging etwas in mir vor . Von dieser Zeit an ist der Trieb , dem Herrn Lieder zu dichten , in mir recht aufgewachet . Ja er ist von Zeit zu Zeit immer stärker worden , daß er sich auch besonders in meinem Amt , in welchem ihn die vielen überhäuften Geschäfte sonst hätten ersticken müssen , so vermehret hat , daß ich oft selbst nicht gewußt , wie es zugegangen . Ich kann nichts anders sagen , als daß ich ' s für eine augenscheinliche Erhöhung meines Gebets ansehen muß . Oft hab ich an nichts weniger gedacht , als Verse zu machen . Aber es fiel mir plötzlich ins Gemüth , und regte sich ein Trieb , daß ich die Feder ergreifen mußte . Ein andermal hatt ich keine Lust ; aber es war , als müßt ich wider Willen schreiben . Zuweilen war ich von vieler Arbeit ganz entkräftet , allein es wurde mir eine Materie so lebendig und floß so ungezwungen und ohne Müh in die Feder , daß es schien , ich könnte das Schreiben nicht lassen . Ja ich muß gestehen , daß mir ' s oft wie ein Brand im Herzen gewesen , und mehrmalen mußt ich mich mit Gewalt zurückziehen , damit ich mich nicht übernähme oder meine Natur zu sehr schwächete . Wollt ich zuweilen drei Verse schreiben , so wurden gleich zwölf , fünfzehn oder gar dreißig daraus . Manchesmal konnte die Feder dem schnellen Zuflusse nicht einmal folgen . Oft mußt ich ' s , wenn ich so hintereinander geschrieben , erst überlesen , um zu wissen , was es wär , und mich dann selbst wundern , daß das da stund , was ich fand . Und so sind diese langen Lieder der ersten Sammlung entstanden . Ich nahm mir vor , ein Lied in gewöhnlicher Größe zu schreiben , aber wenn ich hineinkam , sind oft vierzig , fünfzig , hundert , zweihundert und mehr Verse fertig geworden . « Er fährt dann fort : » Was ich in so großer Geschwindigkeit niedergeschrieben , ich hab es hinterher vielmal durchgelesen , einiges oft umgeschmolzen , anderes lange liegen lassen ; aber das ist wahr , daß ich anderes , das so recht aus dem Herzen gequollen , nie geändert habe . Die Ursach ist , weil das am ersten und natürlichsten wieder in die Herzen hineinfließet , was ohne Zwang heraus geströmet ist ... Fraget nur die Dichter dieser Welt , ob sich nicht Ähnliches bei ihnen findet , wenn sich ein poetisches Feuer bei ihnen reget . Und was soll nicht erst der herrliche Geist des lebendigen Gottes thun , wenn er die natürlichen Triebe zur Dichtkunst mit seinen Kräften anfeuert ! Es bleibt mir eine unumstößliche Wahrheit , daß alle vernünftigen Regeln der Dichtkunst sehr gut sind und von einem Dichter nach seiner Gelegenheit mit großem Nutzen gebraucht werden können , daß aber dennoch das Göttliche in der Dichtkunst nicht anders als auf den Knieen gelernt werden kann . Denn wenn der Geist aller Geister das Herz des Poeten nicht entflammt , so weiß ich nicht , ob ich die erhabenste Poesie überhaupt noch eine göttliche nennen kann .... Die Heiden haben von ihren todten Götzen treulich gesungen . Aber so viele Dichter unter den Christen wissen von ihrem lebendigen Gott , von dem Gott aller Götter , ja von ihrem menschgewordenen Gott , der am Kreuz in seinem Blute für sie gestorben , nichts zu sagen . Sie holen lieber vermoderte Stücke von den verfaulten Götzen der Heiden und schmücken sie dem Gott Israels zum Hohn .... Ein berühmter Günther will lieber der Venus zu Ehren , als zum Ruhm des Kreuzes singen ; aber die Reime Hans Sachsens machen alle Werke Günthers zu Schanden , weil doch so manche Seele daran selig glauben kann . « So weit er selbst . Man muß es ihm lassen , daß er seine Sache gut zu führen weiß ; bescheiden und bewußt – jedes an rechter Stelle . Dabei kann einem aufmerksamen Leser nicht entgehen , daß er in dieser Rechenschaftsablegung alle die Punkte in den Vordergrund stellt , über die die Meinungen auseinander gehen können . Er war eben ein christlicher » Improvisator « , ja , in allen Ehren sei es gesagt , eine Art von Psychographendichter und ließ die Feder laufen . Wir kommen an anderer Stelle darauf zurück . Alles , was wir aus ihm zitiert haben , ist einer Vorrede entnommen , die er im Jahre 1750 schrieb . Er war damals fünfundzwanzig Jahr alt , predigte seit sechs Jahren und war im Amte seit drei , hatte Frau und Kind und konnte auf eine literarische Tätigkeit zurückblicken , die bereits damals über zweihundert Lieder umfaßte , mehrere davon über zweihundert Strophen lang . Eine Produktionskraft , die wohl kein anderer deutscher Dichter aufzuweisen hat , auch nicht die Meistersänger , an deren Dichtungsart die didaktische Weise Woltersdorfs am meisten erinnert . Seine poetische Tätigkeit war übrigens im großen und ganzen mit 1750 abgeschlossen . Es waren ihm noch elf Lebensjahre beschieden , aber die Mühen und Sorgen des Amtes wurden doch so übermächtig , daß selbst sein lebendiger Strom versiegte . Er trat 1755 an die Spitze des nach dem Halleschen Vorbild errichteten Bunzlauer Waisenhauses und wirkte daran noch eine Zeitlang in Segen , bis sein schwacher Körper unter der Last zusammenbrach . Sein Biograph schreibt : » Man darf sagen , er hatte sich im Dienst des Herrn verzehrt . « Der 17. Dezember 1761 war sein letzter Tag . Die Schmerzen nahmen zu , seine Klagen ab . Als seine Frau mit einem seiner Kinder weinend am Bette stand , sagte er mit Glaubensfreudigkeit : » Wenn du keinen anderen Kummer hast , als diesen ! « Und dann lag er still . Abends aber redete er viel , jedoch so leise , daß sich nur einzelne Liedesworte verstehen ließen . Um die sechste Stunde war er tot . Er war sanft eingeschlafen . Das Waisenhaus verlor viel und der Jammer der eben zum Konfirmandenunterricht versammelten Kinder erfüllte das Pfarrhaus . In allen Häusern der Stadt war Wehklagen . Am 22. Dezember hielt ihm sein Herzensfreund , David Gottlieb Seidel , die Leichenpredigt und sprach » von der gegründeten Hoffnung eines Lehrers , der einen lautern Sinn beweiset , wenn er auch über Macht beschwert ist . « » Über Macht « war Woltersdorf beschwert gewesen ; nun war er frei . Für seine Witwe und seine sechs Kinder sorgte der Herr , indem er Seelen erweckte , die sich ihrer Dürftigkeit annahmen . Es wurde seine Zuversicht erfüllt , die er oft aussprach , wenn er sein letztes Stück Brot mit den Armen teilte . So starb Woltersdorf , erst sechsunddreißig Jahre alt . Er hatte ein äußerlich armes , innerlich desto reicheres Leben geführt . Wie in vielem , so war er auch in der Anspruchslosigkeit und Stille seines Lebensganges , in dem Fehlen alles dessen , was man als romantisch-frappant bezeichnen kann , den Herrnhutern verwandt . Er protestiert zwar gegen diese Gemeinschaft und sagt » allen Dingen , die in Leben und Lehre dem Worte Gottes zuwider sind , bin ich von Herzen feind , weshalb ich den Plan der herrnhutischen Gemeine , wie er jetzt ist , nimmermehr werde billigen können . « Aber trotz dieses Protestes , der gewiß aufrichtig gemeint und wohlbegründet ist , ist doch unverkennbar , daß seine Dichtung unter Zinzendorfschem Einfluß heranwuchs . Er gebraucht wie dieser die starksinnlichen Reden von Turteltauben und Nachtigallen , von dem süßen Blut des Erlösers und von der Herrlichkeit seiner Blutrubinen . Er verteidigt auch diese Ausdrucksweise : » Die Herzen sollen durch die Sinne bewegt werden , und nur das eine ist zu fordern , daß kein schwulstiges , unanständiges oder gar lächerliches Wesen dabei zu Tage komme . « Im übrigen scheint er sich selber nur eine Durchschnittsbegabung zugeschrieben zu haben . » Ich habe « , so schreibt er , » nicht eine große Zierlichkeit und Pracht , sondern eine fließende und bewegliche Deutlichkeit erwählet , damit mich jedermann , auch zur Noth ein Kind , verstehen möchte . Das macht zwar kein sonderliches Ansehen , ist aber desto nutzbarer . Wir sollen unserem Erlöser nicht allein die Gelehrten und Großen zuführen , sondern unter den Geringen und Einfältigen wuchert sein Evangelium am meisten . Allzu hohe Lieder nutzen Niemandem , oder doch nur wenigen . « So er selbst . Die Urteile Neuerer über den Wert seiner Dichtungen weichen erheblich voneinander ab . Koch schreibt : » Woltersdorf ist ein lebendiges Zeugnis der dichtenden Kraft des heiligen Geistes in der lutherischen Kirche « , wogegen Hagenbach nicht nur an der Weitschweifigkeit seiner Lieder , die wegen ihrer Länge nie gesungen werden können , Anstoß nimmt , sondern auch » Fluß und Guß , mit einem Wort die rechte Rundung und Vollendung in ihnen vermißt « . Selbst R. Besser , in seinem » Leben E. G. Woltersdorfs « kann nicht umhin , auf eine gewisse Unselbständigkeit Woltersdorfs hinzuweisen und sagt in seiner anschaulichen Ausdrucksweise : » er suchte wie eine Hopfenrebe stets gern einen tragenden Halt für seine Dichtungen . « Wir selbst haben die besten seiner Dichtungen mit Freudigkeit und nicht ohne Erhebung gelesen . Wie schön beispielsweise sind folgende Strophen : Wer ist der Braut des Lammes gleich ? Wer ist so arm ? und wer so reich ? Wer ist so häßlich und so schön ? Wem kanns so wohl und übel gehn ? Lamm Gottes , du und deine selge Schar Sind Mensch ' und Engeln wunderbar . Verfolgt , verlassen und verflucht , Doch von dem Herrn hervorgesucht ; Ein Narr vor aller klugen Welt Bei dem die Weisheit Lager hält ; Verdrängt , verjagt , besiegt und ausgefegt , Und doch ein Held , der Palmen trägt . Das ist der Gottheit Wunderwerk Und seines Herzens Augenmerk : Ein Meisterstück aus nichts gemacht , So weit hat ' s Christi Blut gebracht ; Hier forscht und betet an ihr Seraphim , Bewundert uns und danket ihm . Auch in diesen Strophen mag sich ein starkes Anlehnen an einzelne Vorbilder aus dem hallensisch-pietistischen Dichterkreise nachweisen lassen , aber der Laie wird dadurch wenig gestört werden . Seine Laienschaft kommt ihm und dem Dichter zustatten . Das Maß unseres Wissens bestimmt auch das unserer Ansprüche . Je lebendiger jemand die großen Originale , die Kraft- und Kernlieder deutscher Nation gegenwärtig hat , desto ablehnender wird er sich gegen Lieder verhalten , die für sein geübtes Ohr eben nur ein Widerklang sind . Wer indessen weniger bewandert darin ist , wird leichter befriedigt sein . In der weltlichen Dichtung sehen wir Ähnliches . Wer den Heine nicht kennt , erfreut sich auch an den Nachbildungen desselben , wer ihn kennt , verhält sich gegensätzlich gegen alles , was heinisiert . Gewiß – und damit schließen wir – ist Woltersdorf nicht den großen Gestalten unter unsren Kirchenlied- Dichtern zuzuzählen , dazu war er zu wenig eine Kraftnatur . Im Gegenteil , etwas Krankhaftes zieht sich durch sein Leben und spiegelt sich auch in seiner dichterischen Hyperproduktion . Aber zweierlei muß ihm verbleiben , und während er immer als ein Musterbeispiel für den wunderbaren Einfluß » des geistigen Fluidums über die träge Masse « dastehen wird , wird er andrerseits , wenigstens provinziell und lokal , eine hervorragende Bedeutung auf seinem speziellen Gebiete beanspruchen dürfen . Mark Brandenburg hat auf dem Gebiete des Kirchenliedes keinen Besseren aufzuweisen , auch wohl keinen , der sich neben ihm behaupten könnte . Schloß Friedrichsfelde steht noch , wie es 1719 und 1735 aufgeführt wurde , das alte Pfarrhaus aber , abgelöst durch einen unmittelbar neben ihm entstandenen Neubau , ist längst hinüber . Ein Garten füllt jetzt den Platz , wo das alte stand , und ein Birnbaum blüht jeden 31. Mai an derselben Stelle , wo Woltersdorf der Dichter geboren wurde . Rechts der Spree Buch Die Roebels Die Roebels Die Roebels kamen etwa gleichzeitig mit den Askaniern in die Mark und gehörten einem Geschlecht an , das sehr wahrscheinlich von der am Müritzsee gelegenen Stadt Roebel ( im Mecklenburgischen ) seinen Namen führte . Schon im Landbuche von 1375 genannt , waren sie später im Norden und Nordosten von Berlin ansehnlich begütert und besaßen allda die samt und sonders im jetzigen Nieder-Barnimschen Kreise gelegenen Ortschaften : Schönfließ und Schöneiche , Birkholz und Blankenburg , Wartenberg , Hohen-Schönhausen und Buch . In teilweisem Besitze dieses letztren finden wir sie schon vor Beginn der hohenzollerschen Zeit , aber erst um 1541 kam das ganze Dorf Buch in ihre Hände . Das war unter Hans von Roebel . Derselbe war kurbrandenburgischer Rat und gehörte mit zu den eifrigsten Anhängern und Beförderern der Reformation . Eben desselben Geistes waren seine zwei Söhne Joachim und Zacharias von Roebel , von denen der erstere , der mit einer Hedwig von Krummensee vermählte Joachim , die freundschaftlichsten Beziehungen zu Philipp Melanchthon unterhielt . Diese Beziehungen waren derart , daß der Reformator ( und zwar allem Anscheine nach wiederholentlich ) auf Besuch nach Buch kam und zwei Kinder Joachims v. R. über die Taufe hielt . Er machte bei dieser Gelegenheit der Kirche zu Buch ein aus den Werken Luthers bestehendes Geschenk , zehn Bände , in deren zehnten Band er einen Paulinischen Spruch aus dem Brief an die Colosser : » Lasset das Wort Christi unter euch reichlich wohnen in aller Weisheit , lehret und vermahnet euch selbst mit Psalmen und Lobgesängen und geistlichen lieblichen Liedern , und singet dem Herrn in eurem Herzen « eigenhändig eingetragen hat . Darunter die Jahreszahl 1559 . Dieses Geschenk ist bis diesen Tag das Wertstück und die Zierde des Bucher Kirchenarchivs . 14 Joachim von Roebel war aber auch ein Kriegsheld und bracht ' es zu den höchsten militärischen Ehren in brandenburgischen , sächsischen und zuletzt auch in kaiserlichen Diensten . Er zeichnete sich namentlich in der blutigen Schlacht bei Sievershausen aus , in der Moritz von Sachsen fiel . Im Jahre 1572 besuchte er , als kaiserlicher Feldmarschall , seinen Bruder Zacharias von Roebel , der damals in der Festung Spandau kommandierte . Bei dieser Anwesenheit verschied er im 57. Jahre seines Alters und ward in der Spandauer Nikolaikirche beigesetzt . Drei Jahre später , 1575 , starb auch sein Bruder . Ein beiden errichtetes Denkmal bewahrt ihre Namen in ebengenannter Kirche . Beide sind gleich gewaffnet , in Plattenrüstung mit Schwert und Morgenstern . Dazu folgen die Kriegstaten Joachims von Roebel verherrlichenden Reime : Der edel und viel kühne Held , Joachim von Roebel , ich dir meld ' , Von Jugend auf mit gutem Rath Gar manche Schlacht besuchet hat . In Holstein , Fünen , Koppenhagen , In Ungarn , Frankreich that er ' s wagen , Der Graf von Oldenburg sein ' Muth Gespürt ; der Sachs ' ihm auch war gut : Zum Wacht- und Rittmeister ihn macht ; Feldmarschall ihn vor Magd ' burg bracht . Clauß 15 er auch half nehmen ein , In Ungarn Feldmarschall sollt ' sein . Feldmarschall im Braunschweiger Land War er , braucht ritterlich sein ' Hand ; Da Herzog Moritz fiel der Held Feldmarschall er war kühn im Feld . Feldmarschall er vor Gotha kam Kurfürst August ihn mit sich nahm . Ein Sohn dieses Feldmarschalls Joachim von R. war Ehrentreich von Roebel , der neben Stipendien und anderen zahlreichen Stiftungen auch ein » Roebelsches Erbbegräbnis « und zwar in der Marienkirche zu Berlin errichtete . Dasselbe zeigt die vor einem Kruzifix knienden lebensgroßen Figuren Ehrentreichs selbst und seiner Gemahlin Anna von Göllnitz , gestorben 1630 . Jener – ein wohlbeleibter Herr mit stattlichem Bart – trägt die Ritterrüstung des 17. Jahrhunderts , diese , die kleidsame Frauentracht jener Zeit : ein langes Gewand mit weiten , faltigen Ärmeln und eine Flügelhaube . 16 So viel über die Roebels . Von den andern drei Familien an andrer Stelle . * Die Sonne weckt uns bei guter Zeit . Das rote Deckbett hat uns mit all seiner Schwere nicht sonderlich gedrückt , und aufspringend eilen wir ans Fenster und lassen den Sommermorgen ein . Auch das Frühstück kommt und die Lindenbäume draußen sorgen für Duft und Klang . Ein Blick noch auf das Strohlager , den Schauplatz unseres stillen Muts , und wir treten in die Dorfgasse hinaus , um zunächst dem Schlosse drüben unsern Frühbesuch zu machen . Das Schloß zu Buch ist ein Flügelbau von jener einfachen Art wie das vorige Jahrhundert ihrer so viele auf unsern märkischen Rittergütern entstehen sah . Sie haben einen gemeinsamen Familienzug und wenn sich das vor uns liegende Schloß von ähnlichen Bauten unterscheidet , so ist es durch nichts als durch eine noch größere Einfachheit . Aller Schmuck scheint geflissentlich vermieden . Keine Säulen , kein Fries , kein Fenstersims ; nicht Turm , nicht Erker , ja selbst die Rampe fehlt , die sonst wohl den Eindruck der Stattlichkeit schafft oder steigert . Ein paar Arabesken schnörkeln sich um die Tür und ein halbes Dutzend Orangenbäume fassen den Kiesplatz ein . Alles schlicht , und doch hat man das bestimmte Gefühl , daß hier Reichtum und Vornehmheit ihre Stätte haben . Das Haus gleicht einem einfachen Kleid , einfach und altmodisch , aber der Park , der es einfaßt , ist wie ein reicher Mantel , der die Frage nach dem Schnitt des Kleides verstummen macht . Und dieser Eindruck wiederholt sich im Innern . Aller bürgerliche Komfort fehlt , ebenso die kleinen Niedlichkeiten , in deren Hervorbringung die Neuzeit so verschwenderisch gewesen ; aber diese Nippes fehlen nur , weil das Herz des Besitzers an andern Dingen hing oder weil er in feinem Sinn empfand , daß das Moderne zu dem historisch Überlieferten nicht passen würde . Wir haben unsern Umgang vollendet und treten wieder in den Park hinaus . Einer der vielen Laubengänge desselben führt uns bis an die nahe gelegene Kirche . Diese Kirche zu Buch ist ein ziemlich auffälliges Bauwerk . In einer alten Beschreibung Berlins und seiner Umgegend wird sie die » schöne Kirche « genannt , ein Ausspruch , der wohl nur in Zeiten möglich war , in denen man aufrichtig glaubte , durch Laternen- und Butterglockentürme die gotischen Formen unsrer alten Feldsteinkirchen ersetzen oder gar noch verbessern zu können . Alles was dieser Bucher Kirche zugestanden werden darf , ist Stattlichkeit und ein gewisser malerischer Reiz . Ihre Grundform bildet ein griechisches Kreuz , aus dessen Mitte sich eine merkwürdige Mischung von gegliedertem Kuppel- und Etagenturm erhebt . Vesuch ' ich eine Beschreibung . Jeder kennt jene Garten- und Speisepavillons , die sich in den Parkanlagen des vorigen Jahrhunderts so vielfach vorfinden und meist aus sechs oder acht ein gewölbtes Dach tragenden korinthischen Säulen bestehn . Denke man sich nun drei solcher Pavillons in Verjüngung übereinander gestellt und den untersten Pavillon kreuzartig erweitert , so hat man im wesentlichen ein Bild der Bucher Kirche . Nur eines kommt noch hinzu : rotgetünchte Wandflächen füllen den Raum zwischen den weißen Säulen und Pfeilern aus und stellen dadurch ein gestreiftes Ganze her , das am ehesten vielleicht an die holländischen Bauten aus dem Anfange des 18. Jahrhunderts erinnert . Ehe wir in die Kirche selbst eintreten , steigen wir einige Treppenstufen hinab in die Gruft , die sich unter dem Ostflügel der Kirche befindet und in mehr als einer Beziehung ein Interesse verdient . Diese Gruft oder doch wenigstens ein Teil derselben ist wahrscheinlich ein Überrest der alten Kirche , die hier stand , eine Voraussetzung , die sich darauf stützt , daß ein Sarg aus dem Jahr 1679 vorhanden ist , während die gegenwärtige Kirche nicht vor 1727