bei mir würde dieser Schritt mit Folgen verbunden sein , die meine Freiheit , nicht unmöglich mein Leben , wenigstens die Fortdauer meiner gegenwärtigen Lebensstellung bedrohen . Gern will ich untergehen , wenn ich wenigstens eine Hand finde , die mir den Tod versüßt . O nur das eine , eine Glück , einen letzten Preis für den Rest meines Lebens errungen zu haben , wenn es sonst auch in Nacht und Grauen dahinfährt . Ach , ich bin schwach ! Ich möchte nicht den Kampf mit dem Geschick zu herbe kämpfen und das vermag ich nur durch Sie ! Nur Sie blicken tief in das Menschenherz ! Nur Sie können mit Engelzungen reden - reden , wo die irdische Sprache nichts Ueberzeugendes mehr hat . Ein Entschluß muß gefaßt werden ... In vierundzwanzig Stunden schon kann für mich alles verloren sein ... Deshalb schreib ' ich Ihnen ! Deshalb fleh ' ich fußfällig , gewähren Sie mir heute Abend , wenn ich von Witoborn zurückgekommen bin und Sie den Umständen angemessen auf Westerhof begrüßt habe , eine Stunde der Verständigung . Ich weiß nicht , wo es anders sein kann , als auf Ihren Zimmern . Um zehn Uhr ruht alles im Schlosse . Nehmen Sie mich an ! Hören Sie mich ! Vielleicht schon am Morgen darauf will ich nach England entfliehen , zu unserer theuern Gräfin , die das Richtige in meiner Sache nur durch Sie allein finden kann ! Denken Sie rein von mir , so rein , wie die Blumen sind , die Sie in meinem Namen begrüßen ! Ich ahne , daß Ihre holdselige , wunderliebliche Tochter sich wiederum der Umarmung der edelsten Mutter entzieht : aber auch sie wird jetzt Frieden stiften helfen für Ihre Brust und für die meine . Ihre Hand , edelste Frau , wird eine segnende sein . Nur muß ich Sie heute Abend sprechen - muß - muß es ! Ihr Urtheil hör ' ich über Leben oder Tod - - Terschka . « Pater Stanislaus hatte diesen Brief zum Theil in jenem seraphischen Ton geschrieben , der der Rhetorik der Jesuiten entspricht . Dennoch lag Wahrheit in ihm . Er wollte mit seinem Stand brechen und unter dem Schutz der Gräfin Erdmuthe , dieser heroischen Bekennerin ihres lutherischen Glaubens , sich vor den Folgen seiner Entlarvung sicher stellen ... Monika ' s Zeugniß wollte er bei der Gräfin für sich haben , wollte sich in den Folgen seiner für den Grafen empfangenen Mission enthüllen , wollte Monika das Räthsel zur Entscheidung vorlegen , wie er im Gegentheil ein Freund des Grafen wurde und seine römischen Aufträge vergaß . Wer konnte wie sie so tief und nach den obwaltenden Umständen alles überblickend ergründen , was zur Entschuldigung seiner Lage und - Lüge dienen konnte ? Zuletzt wollte er in der That und Wahrheit seine Liebe für Armgart bekennen ... Diese Leidenschaft war so mächtig in ihm , daß sie alle seine Schritte bestimmte ... Gerade deshalb , weil diese Leidenschaft ihm Kraft gab , den muthigsten Entschluß seines Lebens auszuführen , hielt er sie fest und während er diese ebenso verzweiflungs- wie hoffnungsvollen Zeilen schrieb , stand nur Armgart vor seinen leuchtenden Augen ... Die Liebe , die den Mann auf der Höhe seines Lebens ergreift , die Liebe , von der er ahnt , daß sie die letzte sein wird , die noch erhört werden dürfte , hat eine unwiderstehliche Kraft . Armgart aber las aus allen diesen Hülferufen nur im Gegentheil - die Liebe zu ihrer Mutter ... Jedes Wort dieser glühenden Rede war ihr ein Ausdruck der Zärtlichkeit nur für sie ... Für diese Liebe wollte Terschka seinen Glauben ändern und nach England entfliehen ... Die Mutter mußte ja dann ein Gleiches thun ... Von alledem hatten sich schon dunkle Sagen verbreitet ... Schon als man hörte , Monika reiste mit der Gräfin Erdmuthe nach England , war man auf einen solchen Schritt gefaßt ... Diese Voraussetzungen des Briefes , wie sicher waren sie ... Ein Angenommenwerden auf den Zimmern der Mutter in nächtlicher Stille konnte ihr nur beansprucht erscheinen nach längst vorausgegangener Vertraulichkeit ... Der letzte Hinweis des Briefs auf sie selbst war ihr nur der Ausdruck einer matten Rücksicht ; in nichts , nichts entsprach er den seit acht Tagen ihr gewidmeten Zärtlichkeiten und Huldigungen - dieses treulosen Verräthers ... Das der Dank für das Opfer eines - Lebens ! ... Hatte sie ihm nicht deutlich genug zu erkennen gegeben - daß sie ihn erhören würde , wenn auch mit blutendem Herzen , wenn er wollte - - ? ... Eine purpurne Glut des Zorns und der Scham färbte ihr Angesicht ... Sie rannte dahin ... Sie starrte den Brief unausgesetzt an und floh wieder wie Nattern seine Buchstaben ... Das also ist die aufgedeckte Seele eines Menschen ! ... Das ist der Abgrund der Wahrheit , den das Lächeln der Lüge , die Blumen des Scherzes verhüllen ! ... Namenloses Elend aller betrogenen Menschen ! ... Und du , du Schimpf meines geliebten Vaters ! ... Ich kann nicht , ich kann nicht erfüllen , was ich wollte ! Die Mutter ist für mich verloren ! Vergib mir , o Himmel ! Vergebt mir alle ! Vergib mir auch du , Hedemann ! Ich will dulden ! Will hier bleiben als deine Gefangene ! Schwände das Licht des Tages doch ganz und säh ' ich nichts mehr , als Nacht und Dunkel , sowie das Kind im Mutterleibe - ! ... Ein solches Bild zu wählen , war ihr nicht anstößig ... Natürlichkeit und ihre Wahrheit gingen ihr über alles ... So beugte sie das Haupt auf ihre weißen Händchen , die sie aufstützte . Sie dankte , niederblickend , dem Himmel für die Lage , in der sie sich befand , dankte für das Brausen , das in ihr betäubtes Ohr drang ... So war es ja schön ! ... So auch hätte sie jetzt untergehen mögen ! ... O , diese Welt ist zu schlecht ! - Ihrem Vater hätte sie auf dem Schoose sitzen mögen , den allein liebkosen mit allen verborgenen Zärtlichkeiten ihres Herzens und diese Zärtlichkeiten selbst dann wieder beweinen ... Nichts aber geschah zur Veränderung ihrer Lage ... Sie blieb verurtheilt , auch diesen Tag , auch die Nacht so hinzuleben ... Sie konnte ihren ersten Entschluß nicht ausführen , konnte nicht zeitiger zur Ruhe gehen ... Immer nur saß sie und dachte : So wandelt euere Wege hin ! So seid Lügner ! So leugnet nur Gott und die Treue ! So brecht euere Eide , enthüllt euere Sünden und schmückt euch noch sogar mit ihnen ! Herr , laß mich nicht sitzen , da die Spötter sitzen ! ... Wie erquickten sie die Psalmen ! ... Die Bibel wurde ihr ein Trost ... Jedes ihrer Worte paßte nun auch auf sie ... Spät ging sie zur Ruhe ... Da ihr ganzes Sein Schmerz und Ergebung geworden war , schlief sie jetzt still und fest und träumte nichts Erschreckendes ... Am Morgen hatte sie doch richtig wieder den Besuch verschlafen ... Gewiß war es die taube Alte , die indessen im Zimmer gewesen und aufgeräumt hatte ... Armgart sah sich um und fand es so friedlich und wohnlich um sie her - ganz so , wie sie sich einen Aufenthalt im Kloster gedacht ... Das Zimmer war warm , ihr Frühstück fehlte nicht im Ofen , auf dem Tisch stand das frische Wasser , auch ein neues und ein besseres Licht - Zeichen einer noch vorauszusehenden längern Gefangenschaft ... Sie sah sich um , setzte sich dann und malte sich aus , was alles in ihrer nun schon dreitägigen Abwesenheit von Westerhof geschehen sein könnte ... Terschka sah sie mit ihrer Mutter doch auch ohne den Brief - heimlich und zärtlich verbunden ... Da konnte sie eines nicht fassen , was ihr heute Morgen besonders neu und wohlthuend war ... Sie blickte um sich ... Es war etwas vorhanden , was gestern fehlte . Was nur mochte es sein ? ... Blumen ? Die dufteten nicht ... Musik ? ... Jetzt erst bemerkte sie , daß es ja ganz still um sie her war ... So in sich verloren , so an ihre Lage gewöhnt war sie schon ... Die Mühlen standen ja , die Wasser rauschten ja nicht , die Sägen schwiegen ... Was ist das ? erhob sie sich von ihrem Frühstück ... Das ist der Himmel ! Die Musik liegt in der ewigen Stille nach dem Geräusch des Lebens ! ... Unwillkürlich mußte sie die Hände falten ... Vorgestern und noch gestern hätte sie dies plötzliche Schweigen um sie her benutzt zu ihrer Befreiung ... Heute , wo sie endlich wieder auch die Glocken hörte , riß sie nichts ans Fenster , drängte sie nichts dazu , um Hülfe zu rufen ... Ja selbst das Läuten des Münsters und der Jesuitenthurmglocke und der Dominicanerkirche - all diese Glocken konnte sie seit frühster Kindheit unterscheiden - alle diese Zungen der Luft redeten die Sprache ihres Innern nicht ... Sie sah in die Bibel und fand , daß dort die Psalmen und die Propheten andre Worte sprachen , als die sie jetzt sogar im Münster hätte hören können ... Zum Fenster stieg sie hinauf , nur um doch etwas von der Außenwelt zu sehen ... Es war ein bedeckter Frühlingsmorgen , Nebel verhüllten die schon hoch stehende Sonne , Schnee und Eis waren geschmolzen ... Sie öffnete , um die frische verheißungsreiche Luft einzuathmen ... Sie sah Menschen vorübergehen ... Niemand blickte zu den kleinen Schießscharten des Thurms empor ... Auch waren die Wände so dick , daß ein hinter den kleinen Scheiben befindliches Antlitz nicht gesehen werden konnte ... Und rufen , Hülferufen war Armgart ' s Bedürfniß nicht mehr ... Ruhig stieg sie von Tisch und Stuhl hinunter und ordnete ihre Kleidung , flocht ihr Haar , schmückte sich so einfach , wie sie seit Jahren gewohnt war ... Die Mühlen standen immer noch still und schon berechnete sie , ob heute ein Feiertag war ... Die Fastnachtszeit war da ... In wenig Tagen war Aschermittwoch ... Heute begann zu Sanct-Libori die vierzigstündige Anbetung des allerheiligsten Sakraments ... Die Bilder aller Altäre der katholischen Christenheit sah sie jetzt , wie immer zur Fastenzeit , verhüllt werden , nur das Kreuz des Erlösers offen bleiben , um wenigstens für die Passionszeit allein auf diesen die Aufmerksamkeit zu lenken ... Alledem suchte sie in ihrer Bibel nachzuleben , soweit es noch zutraf ... Gegen elf Uhr hörte sie ein näher kommendes Geräusch ... Nicht vom Ofen kam es , sondern von der Thür her ... Sie hob ihr Dulderhaupt und sah ruhig auf die Thür , durch die ohne Zweifel Hedemann eintrat ... Sie wollte ihm nichts Zorniges sagen , obgleich sie im ersten Augenblick eine auflodernde Wallung nicht unterdrücken konnte ... Hülfebringende müssen doch wol eiliger kommen ! berechnete sie ... Draußen ging ein Schlüssel ... Die Thür öffnete sich ... Armgart hatte sich nicht erhoben ... Ruhig den Kopf auf die Hand stützend und nur von ihrem Buch aufsehend saß sie da ... Aber unwillkürlich mußte sie sich jetzt erheben ... Hedemann kam nicht allein ... Er ließ einen Herrn und eine Dame vor sich eintreten ... Die Besuchenden waren ein Paar ... Sie kamen Arm in Arm ... Die Dame war nicht groß , das Antlitz von einem schwarzen Schleier bedeckt ... Der Herr erschien stattlich , frischen und gebräunten Antlitzes , den Kopf mit einer dunkeln Tuchmütze bedeckt , die ein rund gehender goldener Streifen zierte ... Hedemann sprach nichts ... Die Besuchenden blieben oben an der Thür stehen und blickten auf Armgart und die Stufen hinunter ... Armgart überfiel eine seltsame Regung ... Ihr Herz schien eine Weile zu stocken ... Ein Zittern ergriff sie , als sie einen Schritt weiter wollte und den so lange auf sie Niederblickenden entgegengehen ... Die beiden Fremden blieben oben und sahen nur stumm ins Zimmer hinunter ... Der Herr mit der Mütze hatte einen schwarzen Ueberwurf um , ein buntes Tuch noch fast jugendlich um den Hals geschlungen - einen weißen aufrecht stehenden Halskragen - Fast hatte er etwas vom Onkel Levinus - Da schlug die Dame den Schleier zurück ... Lange silbergraue Locken quollen unter dem dunkeln Sammethute hervor ... In den Augen der stummen , jugendlich schönen Frau , in den Augen des stummen Mannes blinkte ein feuchter Glanz wie Thränen ... Armgart bebte ... ermannte sich ... glaubte ... zweifelte ... Endlich stürzte sie mit einem ausbrechenden Schrei auf beide schon die Stufen Herabkommenden und lag zunächst doch nur - in den Armen der Mutter ... Während aber auch Ulrich von Hülleshoven sein Kind an sich zog und in Armgart ' s Auge zu blicken suchte , lag Armgart ' s Hand in der linken Hand Monika ' s und Monika ' s Rechte - hielt die edle , würdige Gestalt des Gatten umschlungen ... Die Rührung dieser drei Herzen war unaussprechlich und auch Hedemann , der den Empfindungen als Dolmetscher dienen mußte , konnte nicht damit vorwärts kommen ... Jetzt riß Monika ihr Kind fast wie eifersüchtig und wie gekränkt ganz an ihr Herz ... Armgart - noch tief mistrauend , und doch wie von himmlischem Lichtglanz geblendet , wagte nicht zu ihr aufzuschauen und wandte sich mehr und mehr zum Vater , aus dessen hellen blauen Augen eine so selige Welt der höchsten Himmelsreinheit sie anschien ... Ulrich drängte sie der Mutter zu und sprach in einem vor Rührung leisen , sonst männlich festen , wohllautenden Tone : Das ist ein Sieg nach langem Kampf ! O Gott , o Gott ! Was sind deine Menschenherzen verkehrt ! ... Armgart , ihre Aeltern sprechen hörend , sank in die Kniee . Sie umschlang die Kniee des Vaters und reichte der Mutter mit krampfhaftem Zittern die Hand ... Dann blickte sie wieder zu ihnen beiden empor und sog ihre Bilder auf mit ihren braunen , schwärmerisch irrenden Augen ... Und wieder den Aeltern mußte es sein , als sähen sie hinunter in einen See , über dem Rosen und Lilien schimmerten - in die tiefsten Tiefen dessen , was auf Erden und im Himmel schön und gut ist - und wie in ihre eigene Jugend ... » Selig , selig « , sprach Hedemann und faltete über seiner - grauen Müllermütze die Hände , » bist du , die du geglaubest hast ! Denn es wird vollendet werden , was dir gesagt ist von dem Herrn ! « ... » Und Maria sprach : « fuhr Armgart fast tonlos in den Worten des englischen Grußes fort , » Meine Seele erhebet den Herrn ! « ... Noch einmal traten Pausen ein , deren die vom höchsten Glück erschütterten Herzen bedurften ... Dann folgten Verständigungen und diesen die Entschuldigungen Hedemann ' s ... Monika sah in der alten von Hedemann ihr dargereichten Bibel die Stunde der Geburt Armgart ' s verzeichnet und gab dann dem Gatten dies Blatt ... Dieser warf darauf einen mild überrascht und schmerzlich lächelnden Blick und zog voll vergebender Inbrunst Monika an sein Herz ... Der Oberst schien ein Mann , der mit dem Sturm der Jugend nicht die sanfte zärtliche Empfindung schon verloren hatte ; alles , was er sprach , war eigenthümlich gemessen und bedacht , aber jugendlich innig und wohlthuend ... Monika staunte nur und strich wie in unbewußtem Träumen ihre grauen Locken ... Wo wir uns wiedergefunden haben ? sprach der Oberst ... Bei unserm Kinde ! Bei deiner Liebe ! Deiner - nun wandte er sich doch zu seinem Weibe - deiner vergebenden Liebe , Monika ! ... Beim Geist und bei der Wahrheit ! sprach Monika mit leuchtenden Augen , zeigte auf die Bibel und stand neben der aufhorchenden , immer noch scheu vor ihr niederblickenden , immer noch zweifelnden Armgart wie eine ältere Schwester , so jung , so schön noch und keinesweges nur durch ihre leuchtende Verklärung ... Hedemann sprach vom Kampf der Gerechten und Armgart begriff noch immer nicht , was die Aeltern so plötzlich verbunden hätte ? ... Sie fragte dies auch leise ... Monika sprach : Dein Opfer hat uns verbunden , Kind ! ... Kind - meiner Schmerzen ! ... Deine Gefangenschaft ! Hier dieser Thurm ! Ist es nicht so ? Hedemann ! Wie dank ' ich Ihnen ! ... Auch Ulrich wollte Hedemann danken , umschlang aber nur die Sprecherin und umschlang sie mit jener männlichen Würde , die den Ausbruch der noch jugendlich regsamen Leidenschaft milderte ... Sie soll noch alles hören ! sprach er . Nun aber kommt ! Laßt uns im Triumph nach Westerhof fahren und zeigen , was wir mitbringen können ! Nun , nun zieh ' ich ein ! ... Anders wär ' ich dorthin nicht gegangen ... Nicht blos Armgart , sagte Hedemann ; sondern sich selbst bringen Sie beide mit ... Monika ' s Ja ! war so einfach , aber sie konnte nichts besseres sagen , als Ja ! und reichte dem Gatten die Hand ... Noch schien die Aussöhnung das Werk einer vor wenigen Minuten erst gekommenen Verständigung zu sein ... Monika schwankte noch dahin wie ein vom Wind bewegtes Rohr ... Kind und Gatten hatte sie in Einem Moment gefunden ... Wen nur nehmen wir noch mit ? rief der Oberst . Benno ist fort ; mein » Geretteter « , Thiebold de Jonge , mit ihm - Selbst die schwarze Hexe , mit der du von Westerhof entflohst , Schwarmkind , ist nicht mehr da ... Der Domherr ist im Amte ... Ja , gestern noch suchte mich ein Herr von Terschka auf , der heute wiederkommen wollte ... Er wohnt auf dem Schlosse ... Wer begleitet uns im Triumph ? Ganz Witoborn ? ... Armgart zuckte auf den Namen Terschka ' s zusammen und blickte zur Mutter hinüber , die sorglos und nur voll Wehmuth stand ... Offenbar gab das Herz des Kindes dem Vater den Vorzug ... Das sah Monika ... Sie sah es jetzt wieder an dem sonderbar scheuen und prüfenden Blick Armgart ' s ... Terschka suchte dich wie einen verlorenen Edelstein ! fuhr der Vater harmlos fort ... Und das bist du ja auch ... Ihm verdanken wir eigentlich Alles - Nicht wahr , Monika ? ... Armgart hörte und hörte ... Durch Hedemann reisefertig gemacht ging sie schon wie eine Führerin voraus ... Eros , der Griechengott , wie mit der Fackel voranleuchtend ... Monika rühmte im Nachfolgen Terschka ' s Gefälligkeit ... Der Vater war ganz erfüllt von dem böhmischen Rittmeister ... Fast schien es , als hätte bei ihm Terschka um Armgart geworben ... Klar blickte sie über nichts und sah sich nur immer nach einem störenden Schatten zwischen ihnen allen um , zerpreßte den Brief , den sie auf der Brust verborgen trug , und deutete und deutete noch dies und das nach dem Lügengeist , den sie gestern als den Beherrscher des Lebens erkannt haben wollte ... Wie ist das nur ? sprach sie vor sich hin und zog Vater und Mutter sich nach in die freie Gotteswelt ... Jetzt begannen auch wieder die Mühlen , die Wasser rauschten ... Man stieg über die Schwelle des Thurms ... Die taube Alte sah ihnen verwundert und schelmisch lachend nach ... Unten standen Gesellen und Bursche und zogen die Mützen und weiter und weiter ging ' s ... Durch die Bächlein , über die Brücken ... Zu sprechen war hier nichts , nur zu sehen , nur der Druck der Hand zu fühlen ... Der Thurm da hat euch verbunden ? hauchte Armgart , als sie an den Wällen ankamen , wo unter der Allee ein Wagen auf sie wartete , ein Kutscher von Westerhof in den Dorste ' schen Farben ... Sie schüttelte den Kopf und ihre lieblichen beiden Zähne blinkten ... Die Seele des Thurms ! sprach der Vater ... Die Mühlen ! Die Mühlen ! lachte Hedemann und bat Armgart um Vergebung ... Er selbst konnte nicht weiter dann folgen ... So stiegen die Aeltern und Armgart allein ein ... Im Wagen sah Armgart , daß das Band ihrer Aeltern in der That jetzt eben erst neugeschlossen war ... Das Auge des Vaters ruhte mit gleicher Wonne auf der Mutter , wie auf ihr ... Das Auge der Mutter war umflorter , als das seinige ... So dachte sie sich Braut-und Bräutigamswonne beim Heimfahren von der Kirche ... Du begreifst es noch nicht recht ? sprach der Vater ... Und so ganz licht und hell ist auch die Zukunft noch nicht , mein Kind ! ... Die Zeit der Kämpfe - beginnt erst ... Da aber , als ich mich nach einem Beistand dafür umsah , da gerade fand ich die besten Bundsgenossen ... Weib und Kind ... Monika blinkte ihm zu auf Armgart ' s Staunen : Sie lebt und schwärmt wie Paula ! ... Das war so ein erster Zug von dem , was Armgart als das Wesen ihrer Mutter kannte ... Armgart verstand nicht ganz , was die Mutter meinte , ahnte aber die Gedankenwelt , die Vater und Mutter hegten und die sie verband . Da es die nicht war , die sie theilte , so verließ sie ein Zagen nicht ... Aber sie verurtheilte Niemanden ... Sie grübelte , was die Aeltern so recht , recht einen mochte und - wie die Mutter - mit Terschka stand ... Da sie fürchtete , durch ihr Schweigen kalt zu erscheinen , sagte sie zum Vater : Du warst noch nicht - auf - Westerhof ? ... Der Oberst schüttelte sein jetzt ernster werdendes Haupt ... Nein ! sprach er . Nur so konnt ' ich ja dort ankommen ! Wenn die Mutter dort war - - konnt ' ich nur kommen mit unserm Kinde ... So seinen Worten gleich die mildere Deutung gebend , blickte er träumerisch und sich auf die Vergangenheit besinnend in die Ferne ... Das da ist Sanct-Libori ? sagte er ... Die Mutter war bereits heimischer ... Es war der dritte Tag schon , den sie in Westerhof zubrachte ... In bangen Aengsten ... Das glaubte Armgart wohl ... Aber räthselhaft , wie sorglos sie von Terschka sprach ... Noch räthselhafter für Armgart , wie ihn der Vater so rühmen konnte ... Herr von Terschka mußte gestern plötzlich zum Bischof ! sagte der Vater . Er wollte doch heute in der Frühe wiederkommen ... Ja , wir glaubten erst , du wärst bei den Clarissinnen ! Terschka wollte es behaupten und sagte , sie verbärgen dich dort ... Hedemann gestand noch nichts ... Erst heute früh gestand er ' s , Kind ... Als du kamst ? ... fragte sie ... Ja , Armgart , als ich - Ich kam zuerst ... Zum Vater ... Sieh mir ins Auge , Seelenkind ! ... Armgart hielt die Hände beider Aeltern und sah dabei noch immer nach rechts und nach links ... Wann sagte es denn Hedemann ? - stammelte sie , ungewiß noch über alles und mit liebenden Augen die Kälte ihres Fragens mildernd ... Wo du warst ? fiel der Vater ein . Da sagte er es , als er sah , daß du in unsern Herzen wohnst ! Liebes Kind ! Deine Mutter brachte mir durch ihr Anklopfen an meine Thür Lebensmuth , Stolz , Erhebung ... Sie hörte , daß sie mich so heftig in Westerhof anklagten ... Sie hörte von meinen Absichten aus Witoborn ... Sie war überrascht davon und vertheidigte meine Auffassungen der Zeit und des Berufs und meine Denkweise ... Sie hatte sich meiner Person entwöhnt und machte plötzlich einen ganz andern Menschen aus mir , als ich bin ... ja sie hatte sich - sollte man ' s glauben - in meinen schlimmen Ruf verliebt ... Ulrich ! fiel die Mutter ein ... Sie ist zu jung , um zu verstehen was über alles , alles im Leben geht und warum es heißt : » Im Anfang war das Wort ! « Armgart widersprach nicht ... In ihrer Seele klangen die Evangelien und die Stimmen aus der Bibel nach ... Sie begriff - wenn auch mit tiefem Bangen - daß die Aeltern sich durch die Verwandtschaft ihres Denkens , durch die gleiche Richtung des Willens , durch den Muth ihrer Ueberzeugungen wiedergefunden hatten ... Doch ließen beide ihr den Ruhm , daß sie , sie allein die letzte Entscheidung gegeben ... Monika war ja in der That zum Obersten mit den Worten eingetreten : Suchen wir doch zusammen unser verlornes Kind ! ... Da Armgart so oft schwieg , so tief versunken blieb in ihre stille Welt des Glücks und des noch immer nicht recht befestigten Glaubens an dies Glück , so hielten sie allmählich die Aeltern für weniger geistesreif , als sie ihnen geschildert worden . Sie beruhigten sich leicht darüber und sprachen mit ihr von der Gegend , vom Brand , von Paula , von der Erbschaft , von den Bewohnern des Schlosses Westerhof , von Bonaventura von Asselyn , der , wie Monika sagte , für den aufs Neue erkrankten Pfarrer die kirchlichen Handlungen verrichten helfe und schon für die nächsten Tage nach der Residenz des Kirchenfürsten zurückgerufen wäre ... Armgart gab klug und verständig ihre Erläuterungen und schon erfreute sie die Aeltern durch kleine Anflüge ihres Humors ... Harmlos ergingen sich die Aeltern in ihren Urtheilen über die Zeit und die Welt ... Was die Mutter von Paula berichtete , waren Zweifel an ihrer Seherkraft . Doch sie wurden milde vorgetragen und verriethen vor Armgart ' s Freundin Achtung . Die Mutter hatte nicht , wie Lucinde , Freude an ihren Verneinungen ... Das Erstaunen , die Ueberraschung , der Triumph , der die drei Ankömmlinge dann auf dem Schlosse empfing , waren unverstellt und bei Allen schon um Armgart ' s , des wiedergefundenen Flüchtlings willen , der allerfreudigste ... Benigna , die um Armgart ' s Schicksal , um Monika ' s plötzliche Parteinahme für ihren Gatten in heftigster Erregung zurückgeblieben war , vergoß Thränen , unaufhaltsam ... Onkel Levinus setzte sich die englische Militärmütze mit den goldenen Tressen auf und vergaß alle Anklagen über Standesetikette und Standesrücksichten , die Monika schon beinahe gestern von dannen getrieben hatten ... Auch wol jetzt noch spottete er über den Papiermüller , maß sich aber doch mit ihm an der Thür , wo sie einst vor dreißig Jahren sich in ihrem Wuchse gemessen hatten und richtig den Strich noch fanden - nur daß Levinus damals der größere , jetzt der kleinere war und Ulrich rief : Gewachsen bin ich doch wahrhaftig nicht ! ... Nun dann bin Ich - zusammengekrochen ! gestand Levinus und lachte nun Paula entgegen , die die wiederentdeckte Armgart an ihr Herz zog und vor Ulrich , Armgart ' s vielbesprochenem Vater , in Verlegenheit stand wie mit Rosen überhaucht ... Terschka fehlte noch , wurde jedoch erwartet ... Auch Bonaventura , der noch in Sanct-Libori oder im Stift war ... Verständigungen , Aufklärungen folgten ... Die Tante ging sogar auf einige Ketzergrundsätze ein ... Sie verwies als einen sträflichen Aberglauben die Abhängigkeit , in die man sich von unüberlegt ausgesprochenen » Gelübden « setzte ... Ja sie erzählte sogar , als Terschka und Bonaventura immer noch nicht kamen , mit leisem Kichern eine Geschichte von Müllenhoff ' s neuer Krankheit ... Sie wurde nur halblaut vorgetragen , drang aber doch zu Armgart ' s Ohr ... Nachdem hintereinander erst ein Püppchen , dann ein Kätzchen an des Pfarrers Hausthür wäre ausgesetzt gewesen , hätte man gestern in der Frühe ein wirkliches - lebendiges - neugebornes Kind , einen pausbacknen Jungen , hellschreiend in einem Korb gefunden ... Was von Urtheilen daran angeknüpft wurde , entging Armgart ... Sie war in der Stimmung eines Kinds am Weihnachtsabend , wenn die Bescherung längst da ist und der glücklich trunkene Blick noch immer irrt und irrt und erst noch das Oeffnen der lichterhellten Zimmer zu erwarten scheint ... Sie machte sich Vorwürfe über ihre der Mutter bewiesene Kälte ... Wie beherrschte aber auch Monika schon alles durch ihren Geist , durch ihre Ruhe , ihre - Aehnlichkeit mit der Tante und doch so ganz ihr Anderssein ! ... Terschka blieb aus ... Und wenn er kam , was dann - was dann ? - dachte Armgart ... Ja , ihr Opfer schien ihr in der That nicht vollzogen , das Band , das die Aeltern einigte , nicht fest genug - Nach solchem Briefe ! Solcher Sprache ! ... Kam Terschka , sie fühlte , daß sie dann noch , Gott zu Ehren , von einem Felsen springen mußte ... Sie hätte ihn begrüßt - als den Erwählten ihres Herzens ... Monika stand mit Rührung über Armgart ' s stetes Zurückgezogensein von ihr ... Oft auch mit dem Gedanken : Sie ist noch Kind ; sie bleibt , so schön und hold sie ist , hinter der Erwartung zurück , die man mir von ihr gemacht hatte ... Ein trunkenes , blindes Verlorensein des Muttergefühls in dem wiedergefundenen Schatz ihrer Sehnsucht lag nicht in ihrer Natur , die auch eben deshalb von Paula prüfend genug beobachtet wurde ... Immer hieß es dabei : Wo bleibt der Domherr ? Wo Terschka ? ... Wurde Terschka ' s Name genannt , so richtete sich Armgart auf , um ihm sogleich mit geschlossenen Augen und wie mit zum Todesstoß dargereichter Brust entgegenzugehen ... Monika blieb ruhig , befriedigt , glücklich ... Der Domherr hatte sie gestern und vorgestern vollkommen so harmlos begrüßt , als kannte er sie nicht ... Er hatte so viel natürliche Sorge um das Auffinden Armgart ' s und die Aussöhnung mit dein Obersten verrathen ... Ihre Philosophie , die die Reue bestritt , kannte kein Reuegefühl über ihr » maßloses Sichgehenlassen « im Beichtstuhl damals , als sie von einer » zweiten Liebe « gesprochen , nur um die Ehegesetze