Throne oder die Throne de facto , mit der man unterhandeln kann . Möge sie daher England , Italien , Ungarn - meinetwegen auch die Türkei zum Schauplatz ihrer Thätigkeit machen - ich werde sie gewähren lassen und bewillige ihr ausdrücklich dies Feld . In Frankreich aber dulde ich sie nicht mehr , in Frankreich bin ich Herr , ich allein ! Ich habe sie mit offenen Waffen bisher bekämpft , aber ich schwöre Ihnen , bei dem geringsten Versuch von Meuchelmord , der noch ein Mal gegen mein Leben oder ein Leben der Familie Napoleon gemacht wird , soll Cahenne ein Eldorado sein und ich will sie verfolgen wie giftiges Gewürm bis in ihre geheimsten Schlupfwinkel . Also persönliche Sicherheit bei allem Prinzipienkampf , oder ein Vertilgungskrieg auf ' s Aeußerste ! « Das Gesicht des Herrschers war dunkel geworden bei den heftigen entschlossenen Worten - der alte Propagandist aber hatte ihnen anscheinend unbewegt zugehört . » Jetzt , mein Herr , « fuhr der Kaiser fort , » ist der Zweck erledigt , wegen dessen ich Sie hierher bemüht . Ich wollte sicher sein , daß meine Worte , mein Entschluß zuverlässig zu den Leitern jener Bündnisse kämen , und benutzte den Zufall , der mich Ihnen endlich wieder begegnen ließ . Gehen Sie also zurück nach England , woher Sie mit dem feigen Meuchler gekommen und wo Lord Palmerston Ihren Freunden seinen Schutz gewährt . Sie haben mein Geleit und Niemand wird Ihre Abreise hindern . Aber hüten Sie sich , zurückzukehren nach Frankreich , - um der Erinnerungen von Somosierra willen wünsche ich dies , Herr Graf ! « » Sire - ich komme nicht aus England ! « » Woher sonst ? - Diese Ermittelungen der Polizei « - er zeigte auf ein Papier - » ergeben bereits , daß der Mörder ein Italiener , ein ehemaliger Genosse Garribaldi ' s , aber vor acht Tagen aus England gekommen ist . « » Ich widerspreche dem nicht - ich jedoch , Sire - komme direkt aus Rußland ! « Der Kaiser fuhr empor . - » Aus Rußland , sagen Sie ? - das ist seltsam ! - wäre es möglich - - - ? « » Sire - es wird Ihnen beweisen , daß Sie mit einigen Präsumtionen Unrecht haben . Von wem Pianori ausgeschickt ist , mögen Ihre Gerichte ermitteln - wenn sie es im Stande sind . Ich aber kann Ihren Auftrag an die Häupter der freien Verbindungen nicht ausführen . - Ich lege den Schutz , den mir Ihr eigenhändiger Befehl gewährt , in Ihre Hände zurück , - Sie werden mich auch nicht wiedersehen ; denn , Sire , es giebt noch einen andern wichtigeren Grund , weshalb - - « er legte das Papier , das Graf Walewski ihm übergeben , auf den Tisch - plötzlich fuhr er zurück - der entschlossene finstere Ausdruck des narbigen Gesichts verschwand in einer unendlichen Angst - - Der Kaiser hatte sich halb erhoben und die Linke an die Feder der Glocke gelegt , während die rechte Hand einen Gegenstand zwischen den Kissen der Causeuse erfaßte . - » Was beabsichtigen Sie , mein Herr ? - hüten Sie sich ! « » Halten Sie ein , Sire - um Gotteswillen - verzeihen Sie diese Indiscretion , aber - ich sehe hier einen Namen - ich beschwöre Sie , wie kommt der Name dieses Knaben in Ihr Cabinet ? « - Er hatte ein Papier , auf das neben der Stelle , an welche er jenes Blatt niedergelegt , zufällig sein Auge gefallen war , aufgerafft und hielt es zitternd dem Kaiser hin - große Schweißtropfen brachen aus seiner Stirn . » Es ist die letzte Liste der russischen Offiziere , « sagte dieser kalt , » die in den nächtlichen Gefechten seit Wiederbeginn des Bombardements vor Ssewastopol zu Gefangenen gemacht wurden . Interessirt es Sie , so lesen Sie immerhin . « » Sire « - der Greis taumelte nach der Lehne eines Sessels und stützte sich darauf , noch immer das Papier fest in der Hand - » erlauben Sie - aber ich bin ein alter Mann , und was mir eben begegnet , hat mich überwältigt . « Er unterlag sichtbar der höchsten Ausregung . Der Kaiser war freundlich näher getreten und nöthigte ihn zum Sitzen . - » Nehmen Sie Platz , Herr Graf ! Vielleicht haben Sie auf der Liste einen Ihnen bekannten Namen gefunden ? « » Es ist der Name meines Enkels Michael Lasaroff - Fähnrich ! - Sire - Sie sagten vorhin mit Recht , Gott bewahre das Leben Derer , die er auf einen Thron gesetzt ! Der Name dieses Knaben hat Ihr Leben gerettet - denn in diesem Augenblick schon hätte Frankreich keinen Herrn mehr gehabt ! « Der so seltsam bedrohte Monarch konnte allerdings ein Gefühl des Schauders und Widerwillens nicht unterdrücken , doch gewann er sogleich die Fassung wieder und entgegnete : » Sie fiebern , Herr Graf - und schreiben sich eine Absicht zu , an die ich zu Ihrer eigenen Ehre nicht glauben kann . « » Nein , Sire , « sagte mit festem Tone der alte Propagandist , » was ich sage , ist Wahrheit ; nicht die Beschlüsse der republikanischen Gesellschaften allein drohten Ihnen den Tod - Ihr Leben war einem entschlossenen Manne nothwendig , um das Theuerste zu retten , was er besitzt . Ihr Tod hätte die Belagerung von Ssewastopol beendet , auf dessen Wällen mein Enkel als Vertheidiger stand . Gott hat es anders gewollt ; - als Gefangener der Franzosen ist sein Leben gesichert - machen Sie also mit mir , was Sie wollen . « Der Kaiser ging einige Male in dem Cabinet auf und ab und schien einen Entschluß zu überlegen . Dann blieb er vor dem Polen stehen und sagte : » Ich brauche wohl kaum zu erwähnen , daß mein Wort giltig bleibt . Wollen Sie jetzt meinen Auftrag an die Führer Ihrer Verbindungen ausrichten ? - ich biete Ihnen Leben für Leben . « » Wenn ich Euer Majestät recht verstehe , « sprach erschüttert der Greis , » so bin ich überwunden . Gott hat zu mir gesprochen ! Ich stehe Ihrer Verfügung , wie ich einst der Soldat Ihres großen Onkels war . Sie werden Nichts von mir fordern , was nur ein Ripiéra leisten konnte . « » Ich bin damit einverstanden und freue mich dieses Resultats . Der Auftrag , den ich Ihnen gegeben , muß von Ihnen persönlich ausgeführt werden , ich verlange nicht zu wissen , wo und wie , aber die Sache selbst ist für mich zu wichtig . Sobald dies geschehen , mögen Sie nach der Krimm abreisen , ich brauche eine Person für die Ausrichtung von Aufträgen dort , die ich keinem Offizier meiner Armee anvertrauen will . Eine offene Ordre wird Sie ermächtigen , über die weitere Gefangenschaft und das Schicksal Ihres Enkels selbst zu verfügen . « » Sire , zählen Sie auf mich ! - eine Festung für ihn , bis dieser Krieg zu Ende ist ! « » Arrangiren Sie das , ganz wie Sie wollen , Herr Graf . - Gehen Sie jetzt , denn ich bedarf der Ruhe - ich behalte ein Pfand , daß ich Sie bald wiedersehe . Wenn Sie eine geheime Audienz wünschen , so wenden Sie sich an meinen Kammerdiener Andrée . « Er gab das Zeichen und der Minister , der mit Besorgniß es längst erwartet , öffnete sogleich die Thür . II. Hochzeit ! Am 19. Mai hatte General Pelissier das Oberkommando der französischen Armee übernommen - der Kaiser hatte seinen Kämpen zum Turnier gewählt . Die Stärke der verbündeten Truppen betrug zu dieser Zeit durch die bedeutenden Nachsendungen aus Frankreich , die Ankunft des türkischen Corps unter Omer Pascha und der Sardinier unter General La Marmora1 : 174500 Mann , von denen 100000 allein auf die Franzosen kamen . Auch die Zahl der Russen in der Krimm war auf c. 200000 Mann gewachsen , so daß fast eine halbe Million Krieger auf diesem Fleck Erde einander gegenüberstand . Am 9. April hatten die Verbündeten ein zweites Bombardement auf die Festung eröffnet , das , in Betracht seiner riesenhaften Vorbereitungen , einzig in der Geschichte dasteht . Die Kosten des Vorbereitungs-Materials betrugen nicht weniger als sieben Millionen Franken . Fünfhundertundacht Geschütze schweren Kalibers - mindestens 32 pfündige und viele Bombenkanonen , die 100- und 200 pfündige Hohlkugeln warfen - bildeten die Armirung der Demontir-Batterieen von der Quarantaine-Bucht bis zum östlichen Ende der Rhede . Vierzehn Tage dauerte dieses furchtbare Feuer mit beinahe gleicher Heftigkeit - während des Tages die Kanonade , während der Nacht das Bombardement - ununterbrochen fort und mehr als zweimalhunderttausend Kugeln verschiedener Art wurden während dieser Zeit auf Ssewastopol geschleudert . Dennoch hatte dieser entsetzliche Eisenhagel nicht den gehofften Erfolg . Obschon die russischen Batterieen dem Feind nicht mit gleicher Heftigkeit antworteten und durchschnittlich alle 24 Stunden 15-20 russische Geschütze demontirt wurden , lieferten die ungeheuren Vorräthe des Arsenals und die Artillerie der versenkten Schiffe doch hinreichenden Ersatz und mit jedem Morgen sahen die Verbündeten die jenseitigen Batterieen in demselben Zustand , wie vor Beginn des Bombardements . Alles , was am Tage die feindlichen Geschosse zerstört hatten , war in der Nacht , trotz des heftigen Bombenfeuers , wieder ausgebessert . Keine der Festungs-Batterieen wurde zum Schweigen gebracht , wogegen dies mehrfach mit englischen und französischen der Fall war . Schon am zweiten Tage waren hier 50 Geschütze demontirt . Die Flotte - eingedenk der erhaltenen Lection - hielt sich außer dem Bereich der Seeforts . In der Festung machte jeder Tag des Bombardements gegen 500 Mann kampfunfähig , die Verbündeten verloren etwas über 200 . Während der nächtlichen Bombardements wütheten zugleich die Kämpfe um die Logements fort . In der Nacht zum 2. Mai ließ Pelissier , der damals noch den linken Flügel der Belagerungsarbeiten kommandirte , die Redoute Schwarz und die Logements vor der Bastion IV. und V. mit 10000 Mann stürmen ; - die Logements wurden nach einem großen Verlust genommen , die Redoute Schwarz aber schlug den Angriff zurück . Die Belagerungsarbeiten waren somit nur wenig vorgeschritten , als Pelissier - gleichgiltiger gegen Menschenleben , als je ein russischer Führer - den Oberbefehl in Stelle Canrobert ' s erhielt , der , sorgsam und aufopfernd , doch selbst fühlte , daß er zu einem solchen Kampf nicht die Energie und Rücksichtslosigkeit besitze , welche allein den Sieg verschaffen konnte . Würdig von seinem Posten als Oberbefehlshaber zurücktretend , bewies er den Muth und Gehorsam des Soldaten , indem er sich das Kommando seiner frühern Division zurückerbat . Der neue Oberkommandant ging sofort zum Sturm der Vertheidigungslinien über . Schon in der Nacht zum 22. Mai warf er auf die Linien der Contre-Approchen zwischen der Quarantaine-Bucht und der Mastbastion drei starke Colonnen unter General de Salles , denen Chrulef begegnete . Der blutige Kampf dauerte die ganze Nacht ohne Resultat , beide Theile hatten weit über 2000 Todte und Verwundete . In der nächsten Nacht erneuerte sich die Schlacht . General Pelissier richtete nun sein Augenmerk gegen die Schiffervorstadt und ging mit seinen Approchen vor ; - am 2. Juni waren die französischen Linien so weit vorwärts gedrungen , daß die russischen Logements vor der Kamschatka-Lünette geräumt werden mußten , weil das französische Feuer sie im Rücken faßte . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Es war Abend ; - in einem mittelgroßen Gemach des Erdgeschosses - der Fürst und die Fürstin Oczakoff hatten bei der immer größern Ueberfüllung der Lazarethe den bedeutendsten Theil ihres Hauses für Kranke und Verwundete eingerichtet , die die Fürstin mit ihren grauen pflegte , - lag , auf einem wohlgeordneten Feldbett , ein verwundeter französischer Offizier im unruhigen Schlummer . An seiner Seite saß die Fürstin selbst , - während an der andern Wand zwei dunkle Gestalten sich beschäftigten , Jussuf , der Mohr , und Nursädih seine Schwester . Der ehemalige Courier des Sultans und spätere Baschi-Bozuk war hager und abgefallen ; die Folgen der schweren Wunden , die er an der Felsenbrückc von Schloß Aju erhalten , zeigten sich noch in seinem ganzen Aeußern , obschon sechs Monate seitdem verflossen . Nur sein gelbglänzendes Auge hatte den alten feurigen Blick bewahrt , der jetzt oft mit dem Gefühl der Dankbarkeit die schöne Gestalt der Fürstin suchte , deren Befehl und Güte ihn damals gerettet . Dann wieder kehrte das Auge mit Zärtlichkeit zu seiner Schwester zurück , seine aufgeworfenen Lippen öffneten sich zu einigen freundlichen Worten und er versuchte mit dem etwa drei Monat alten Kinde zu spielen , das diese auf ihrem Schooß hielt . - Die ganze Liebe einer jungen Mutter lag in den Augen , mit denen Nursädih das kleine Mädchen betrachtete , das seiner Farbe nach zum Mulattengeschlecht gehörte , bei der edlern Gesichtsbildung der Mutter aber schon jetzt nur wenig die Merkmale der schwarzen Race zeigte . » Klein Piccaninni sein artig Kind heute , « sagte der Schwarze , » wecken Signor Offizier nicht auf , spielen hübsch mit schwarzen Onkel . « » O Jussuf , « flüsterte das Mädchen , » die Kleine ist so lieb und gut , als verstände sie schon Alles , was ich ihr sage . Aber sieh ' , der französische Aga erwacht und die Fürstin bedarf meiner : hier , nimm Du das Kind . « Der blut- und kampfgewöhnte Mann nahm den Säugling so zart und sorgfältig auf , als sei er zur Wärterin geboren , und schaukelte ihn auf seinen Armen , während Nursädih zu der Fürstin schlich . Diese beobachtete das Erwachen des Kranken mit großer Theilnahme . Auf ihrer leicht gebräunten Stirn lagen Zeichen trüben Sinnens und schweren Kummers , das schöne Antlitz , das sich draußen im Pulverdampf der Schanzen und Redouten , im Jammer der Lazarethe nur heiler und tröstend zeigte , war hier düster und gedankenvoll . Der kranke Offizier trug ihr wohlbekannte Züge - wohlbekannt aus einer glücklichen freudenreichen Zeit ihres Lebens ! - der bleiche Mann mit den hohlen Augen , den feuchten an der Stirn klebenden Haaren war einst der Liebling der pariser Salons , der kecke Roué am Spieltisch , im Ballsall und Boudoir , der Tonangeber der Mode und der Vertraute der Chronique scandaleuse von ganz Paris , aus dem Reiche der Coulissen , wie aus den Cabineten der Diplomaten : Alfred de Sazé ! Bei einer der kecken nächtlichen Streifereien der russischen Matrosen und Jäger außerhalb der Festung im Mai war der junge Reiteroffizier , der auch nach der Abreise des Prinzen Napoleon vor Sebastopol zurückgeblieben war , auf einer Feldwache aufgehoben und verwundet nach der Mastbastion gebracht worden , wo die Fürstin sich am Morgen befand . Sie hatte ihn sofort erkannt und gebeten , den Gefangenen in ihr Haus aufnehmen zu dürfen , das , wie erwähnt , bereits einer Anzahl Verwundeter und Kranker zur Heilstätte diente . Die an und für sich nicht gefährliche Wunde des lebenslustigen Marquis erregte jedoch bald ernste Besorgnisse , da das verdorbene Blut des pariser Lebens , eine seltsame Aufregung der Nerven , die ihn bald nach seiner Ankunft im Hause der Fürstin ergriff und die Wirkung der eingetretenen Hitze seinen Zustand , trotz aller Sorgfalt , verschlimmerte und fieberhafte Erscheinungen herbeiführte , die jenem furchtbaren Uebel ähnelten , das jetzt die Lazarethe entvölkerte , rascher als Kugel und Bajonnet , und das der Schrecken der tapfersten Krieger war : dem Typhus . Der Sorgfalt des Arztes gelang es zwar , den Ausbruch zu unterdrücken , aber der Tod hatte dabei auf andere Weise sich die Beute gesichert : der Brand hatte die Kniewunde erfaßt und der eitle Franzose verweigerte , sich das Bein abnehmen zu lassen . Pirogoff selbst hatte ihn am Morgen besucht und sein Achselzucken verkündet , daß auch das äußerste Mittel jetzt zu spät kommen würde . Der Kranke kannte vollkommen seine Lage ; die Schmerzen hatten sich bereits gelegt und sein leichter und doch männlich entschlossener Charakter trat wieder stanz in den Vordergrund . Der kurze Schlaf , wenn auch fieberhaft , hatte ihn doch gekräftigt . Sein Auge schien im Zimmer umherzusuchen und wandte sich dann auf die Fürstin . - » Wie fühlen Sie sich nach dem Schlummer , Herr Marquis ? « fragte ihn diese . » Parbleu , Durchlaucht , als letzte Vorbereitung zum ewigen ganz leidlich ! Doch - Sie haben sich selbst wieder bemüht , - wo ist meine treue Wärterin Annuschka ? « » Sie ruht einige Augenblicke - ich verlangte es von ihr , weil sie ganz erschöpft war . « » Das ist kein Wunder ; denn seit den fünfzehn Tagen , daß Ihre Güte mich hier aufgenommen , hat sie mein Krankenlager kaum verlassen . - Es ist mir lieb , Durchlaucht , daß ich allein mit Ihnen bin - : ich möchte Sie bitten , mir eine kurze Unterredung zu gewähren . « » Das Sprechen wird Sie ermüden und angreifen , « sagte die Fürstin zögernd . » Was thut das ? - eine Stunde eher oder später - ich habe so viele vergeudet in meinem Leben , daß ich jetzt nicht geizen mag darum , wo es vielleicht das Beste gilt , was ich im Leben gethan habe . « » Soll ich unsere schwarze Freundin fortschicken ? « » Nein , Fürstin , lassen sie Beide hier , wir werden sie ohnehin vielleicht brauchen . - Ich verstehe zwar nicht Russisch , Durchlaucht , aber ich habe wohl begriffen , was Ihr Doctor von heute Morgen gesagt . « » Beunruhigen Sie sich nicht , Ihr Leben liegt in der Hand des Allmächtigen . « » Beunruhigen ? bah ! Als ob das Leben derlei werth wäre ! Ich weiß , ich muß sterben , und werde kaum noch vierundzwanzig Stunden Ihrer Güte zur Last fallen ; das ist wenigstens eine Beruhigung auf den Weg . « » Freveln Sie nicht , Herr von Sazé . Es sollte mich tief schmerzen , wenn irgend Etwas Ihnen gezeigt hätte , daß Sie , wenn auch unser Feind , uns zur Last gewesen sind . O ! warum haben Sie nicht unseren Bitten und dem Rath der Aerzte nachgegeben und sich einer Operation unterworfen , die sicher Ihr Leben gerettet hätte ! « » Nein , Fürstin , das können Sie mir nicht im Ernst zum Vorwurf machen ! Ja , wenn es noch ein Arm gewesen wäre , - ein leerer Aermel an der Brust ziert besser wie zwei Ordenskreuze und hindert nicht ! - Aber denken Sie sich selbst , Alfred de Sazé an einem Krückenstock , auf einem Korkbein - Valga me Dios ! ich möchte lachen , wenn ich mir die komische Figur in den Salons des Faubourg St. Germain oder auch nur bei Herrn Miré oder in den Tuilerieen denke . Es wäre ein allzu theurer Handel , ein Bein von gutem Blut für einen Napoleon ! « » Sie sollten ernstere Gedanken suchen und an Gottes Gnade denken , Herr . Ich bedaure , daß wir keinen Priester Ihrer Confession in Ssewastopol haben , aber auch einer der unsern könnte Ihnen ein nützlicher Freund sein . « » O , meine Durchlaucht , ich bitte Sie - nicht so strenge . Ich beschäftige mich wahrhaftig schon seit heute Morgen mit sehr ernsten Dingen , bei denen ich ohnehin die Hilfe Ihres Popen in Anspruch nehmen muß . Wissen Sie , Fürstin , ich habe so ziemlich Alles erfahren auf der Welt , bis auf Eines : wie einem Ehemann zu Muthe ist . Und dies Vergnügen will ich mir noch vor meinen Ende bereiten , - ich will heirathen ! « Die Fürstin wandte sich unwillig von dem Spötter ab und wollte sich erheben . Seine Hand legte sich leise auf ihren Arm , und als sie auf ihn schaute , sah sie einen schmerzlich ernsten Ausdruck in seinen Augen mit dem frivolen Lächeln seines Mundes kämpfen . » Bleiben Sie , Fürstin , « bat der Kranke ; » was ich Ihnen gesagt , klingt nur wie übermüthiger Frevel . O , fürchten Sie nicht , daß ein halbtodter Roué , wie ich , seine Blicke zu der Rose der Krimm erheben will - ich ehre die Rechte meines Freundes Méricourt , der für den Verlust eines Beines vielleicht gern an diesem Platz läge . Meine Absichten sind bescheidener und richten sich auf Mademoiselle Annuschka , Ihre Dienerin ! « » Sie reden irre , Herr von Sazé ! Annuschka ist meine Freundin , meine Schwester , aber - « » Hören Sie mich aus , Durchlaucht , « sagte der Kranke und seine Stimme klang jetzt ernst und sanft , ein gewisser feierlicher Ausdruck hatte sich über sein Gesicht verbreitet . » Bei meiner Ehre , ich rede die Wahrheit ! In Ihre Brust lege ich ein Geheimniß nieder , was die meine erleichtern möge in jener Stunde , vor der wir Alle zagen , wie stark wir auch die Furcht uns wegzuspotten bemühen . Erinnern Sie sich wohl des besondern Eindrucks , welchen Annuschka ' s erster Anblick auf mich machte , als ich in Ihr Haus gebracht worden ? « » Genau , Herr Marquis ! « » Von dem Fürsten erfuhr ich auf hingeworfene Fragen , daß Annuschka einen Bruder hat , dem sie gleichfalls sehr ähnlich ist . Er war der Diener des Ihren , und ich erinnere mich jetzt , in Paris in Ihrem Hotel ihn gesehen zu haben . « » Er verließ uns nie . « » Und dennoch ist , wie der Fürst mir , ohne näher darauf einzugehen , mittheilte , dieser Mann , der nach Ihrer raschen Abreise in Paris zurückblieb , dort spurlos verschwunden ? « » So ist es ! « » Ich beabsichtigte , dem Fürsten , Ihrem Bruder , mein Geheimniß mitzutheilen , « fuhr der Kranke fort , » aber sein Dienst hat ihn , wie Sie mir sagten , nach der andern Seite der Stadt geführt und hält ihn dort fest . Es bleibt mir keine Zeit , seine Rückkehr zu erwarten , und ich mußte mich an Sie wenden . Sie halten jenen Mann - Annuschka ' s Bruder - für todt ? « » Wir sind überzeugt davon - seine Treue ist zuverlässig und wir hätten sicher von ihm gehört . « » Er ist es ! « » Wie , Herr von Sazé , Sie kennen das Schicksal Wassili ' s ? Sie wissen von ihm ? « » Ich bin leider überzeugt - diese Hand brachte ihm den Tod , wenn auch unabsichtlich . « Die Dame schauderte zurück . Schrecken , Angst und Aufregung spiegelten sich auf ihrem schönen Gesicht . Der Kranke sah , wie sie mit Gewalt nach Fassung rang , bis sie endlich die Worte hervorstieß : » Um Gotteswillen , Herr , ich beschwöre Sie , reden Sie - erzählen Sie mir Alles ! « » Das ist meine Absicht , Fürstin , und mag zugleich meine Rechtfertigung sein - wenn die That sich entschuldigen läßt ! « Die Fürstin winkte ihm , fortzufahren . » An einem Abend des März im vorigen Frühjahr verfolgte mich am Quai des Cours la Reine ein ziemlich derangirt aussehender Unbekannter und fiel mich plötzlich wie ein wüthendes Thier an unter Ausrufungen und Beschuldigungen , die mir gänzlich unverständlich waren und zum Theil noch Räthsel sind . Ich sollte ihm Rechenschaft geben über seinen Gebieter , ich sei sein Mörder und dergleichen mehr . Das Gesicht war mir nicht ganz unbekannt , doch so verwildert , daß ich mich auch später nicht darauf erinnern konnte . Ich stieß ihn von mir , mich von ihm losreißend , und der Unglückliche taumelte so heftig gegen das Gitter des Flusses , daß er darüber hinweg und in den Fluß schlug , wo er sich am Eisenwerk eines Seineschiffes den Kopf zerschmetterte . Als man ihn an ' s Ufer trug , war er bereits todt . « » Und es war Wassili ? « » Ich wußte es nicht , bis ich verwundet hierher kam . Ich hörte am Tage darauf , daß die Polizei in dem Verunglückten einen russischen Spion entdeckt , doch nicht den Namen . Aber obgleich ich absichtslos und nur in der Abwehr den Tod des Mannes veranlaßt und mehr als einen traurigen Duellausgang verschuldet hatte , konnte ich mich hier doch nicht über den Tod des Fremden beruhigen und sein düstres Bild schwebte lange vor meiner Seele und störte meinen Schlaf . « Die Fürstin weinte leise vor sich hin . - » Armer Wassili - bis zum Tode getreu ! « » Die Ursach ' des Anfalls und seine Worte sind mir , wie gesagt , noch ein Räthsel . Ich kann sie selbst nicht einmal auf jenes Duell beuten , denn der Diener Ihres Bruders wußte doch zweifelsohne , daß es nicht stattgefunden und sein damaliger Herr unversehrt in Rußland sich befand . Ich trat , um der langwierigen Civiluntersuchung über jenen Vorfall und der unangenehmen Erinnerung zu entgehen , in die Armee , und erst die Erscheinung Annuschka ' s lehrte mich , jenem traurigen und mich immer noch bedrückenden Bilde eine bestimmte Form zu geben . « » Es war Gottes Schickung - selbst die Schwester wird Ihnen die That nicht zurechnen . « » Dennoch liegt sie mir schwer auf der Seele , und wenn Sie einem Sterbenden den bösen Augenblick erleichtern wollen , Fürstin , so helfen Sie ihm , an der Schwester zu vergüten , was er am Bruder verbrochen . Ich lebte früher in den Tag hinein und hatte mein Vermögen genossen - ich nenne es genossen , so daß mein Testament mir gerade kein großes Kopfzerbrechen gemacht haben würde . Das Schicksal aber hat mir eine Malice gespielt ; denn vor etwa sechs Wochen erhielt der verarmte Marquis , der seit dem letzten Arrangement mit seinen Gläubigern keine Aussicht mehr hatte , als sein Offizier-Patent , die amtliche Nachricht , daß er ein reicher Mann geworden . Ein entfernter Verwandter , dessen Namen ich kaum gehört , ein Plantagenbesitzer auf Martinique , dem seine ganze Familie das gelbe Fieber zum Jenseits befördert , hat die Albernheit gehabt , mich zum Erben zu machen , und der Capitain de Sazé würde in Paris fünfzehnhunderttausend Franken deponirt finden , wenn er nicht so thöricht gewesen wäre , sich vor Ssewastopol das Bein zerschmettern zu lassen . « » Gott kann noch Alles wenden ! « » Nein , Fürstin , Er hat mehr zu thun , als sich mit einem leichtfertigen Thoren zu beschäftigen . Daß Er aber ist , daß Er die zahllosen Fäden dieses wirren Durcheinander , das wir Leben nennen , dennoch in Seiner Hand leitet , « fuhr der Kranke wieder mit ernsterem , fast feierlichem Tone fort , » das zeigt mir die Fügung , welche meine letzten Stunden durch die Sorge gerade des Mädchens erleichterte , deren Bruder ich erschlug . Mein Wunsch und mein Wille ist , bis auf einige Legate , ihr das Vermögen , das mir der Zufall so rechtzeitig in den Schooß geworfen , zu hinterlassen . Dazu bitte ich Sie , mir behilflich zu sein . Das bloße Niederschreiben meiner letzten Verfügungen würde jedoch kaum dazu genügen und sie jedenfalls in eine Menge Weitläufigkeiten verwickeln . Kein französischer Gerichtshof aber wird der Marquise de Sazé das ihr bestimmte Erbe streitig machen ! « Er schwieg erschöpft ; die lange Unterredung begann ihn offenbar fieberhaft zu erregen , wie sein Auge zeigte . Dennoch hielt es die junge Fürstin für Pflicht , zu erwidern : » Annuschka ist mit ihrer Lebensstellung zufrieden . Sie wird unter keiner Bedingung dem - der ihren geliebten , zärtlich betrauerten Bruder getödtet , ihre Hand reichen wollen . « » Aber sie braucht es nicht zu wissen , warum sollte sie es je erfahren ? « sagte der Offizier dringend . » Wollen Sie einem Mann , der Vieles gut zu machen , den leichten Trost durch eine unnütze Bedenklichkeit verkümmern ? Sie wissen so gut wie ich , daß diese Ehe Schein , und ehe vielleicht der morgende Tag anbricht , sie Wittwe ist . « » Ich weiß nicht , wie ich sie zu dem eiligen Schritt bewegen soll . « » Der Tod , Fürstin , gestattet keine lange Bedenkzeit , das wird auch sie begreifen . Sagen Sie ihr , daß ich für ihre sorgsame Pflege auf diese Weise ihr danken wolle , daß es meinen Tod erleichtern werde und « - um seine blassen Lippen schwebte wieder das leichte spöttische Lächeln des Lebemannes , der so manches Frauenherz an sich gefesselt - » ich glaube , sie wird sich nicht weigern , Alfred de Sazé ' s Gattin zu werden . « Er lehnte sich zurück in die Kissen ; die Fürstin empfand , daß sie kein Recht habe , eine Sühne zurückzuweisen , die ihrer Milchschwester und treuen Gefährtin vielleicht eine glänzende Zukunft bereiten konnte . Sie erhob sich und sprach : » Ich gehe , um die Erfüllung Ihres Wunsches zu versuchen , Herr Marquis . Annuschka wird nicht erfahren , wessen Hand ihren Bruder getödtet , bis - Doch sagen Sie mir das Eine noch , wann geschah die unglückliche That ? « » Ich erinnere mich des Tages ganz genau , Fürstin ; es war am Abend des 26. März . Ihre Landsmännin , die Bagdanoff2 , hatte in der Oper getanzt und ich war zum ersten Male dort wieder mit Méricourt zusammengetroffen nach seiner Rückkehr von Algier . Ich gedenke deutlich