habe die Blouse getragen , habe den Hobel geführt , es war keine Grille . Aber , wer sagt denn , daß ich darum die Ordnung der Welt auskehren will ? Ich habe mir das Leben selber gestalten wollen : ich mochte vom Schicksal keine Gunst , die ich mir nicht erworben . Allein Das , was mir persönlich zu Nutzen kommt , wird doch nie eine Verbindlichkeit für Andre werden sollen ? Ich bin froh , auch von dieser Seite frei zu sein und von einem der fatalsten Übel nicht gepeinigt zu werden , der Behinderung durch freundschaftsberechtigte Rathgeber , vor Denen man Alles vorher erörtern und nachher rechtfertigen soll . Fühl ' aus diesen Worten nichts Kaltes , nichts Liebloses heraus ! Die Menschheit kann halbe Persönlichkeiten nicht mehr brauchen . Man muß sich ganz einsetzen und für seine Wahrheiten oder Irrthümer allein aufkommen , sagte auch die Welt : dieser Mensch ist ein Dämon . Ich schreibe dir diese Worte nach einer schlaflosen Nacht in frühester Morgenstunde . Es ist ein Abschied , Helene ! Ich kann , ich darf dich vor einem langen Zeitraume nicht wiedersehen . Kehre nach Paris zurück ! Such ' einen stillen Ort an einem italiänischen See ! Bete für mich ! Knie an einem Kreuz im Thale und bitte Gott , den Wanderer da oben auf hohem Felsenriff zu behüten ! Ich kann dich in meinem jetzigen Leben - vergib mir den kalten Ausdruck - nicht unterbringen . Versprich mir , ruhig zu scheiden . Versprich mir , wie Einem , der zum Tode geht , ihn durch deine Liebe nicht mehr zu erweichen und zu verhindern , daß er gefaßt und seinen Henkern zum Trotze ohne Thränen sterben kann ! Ich bitte dich darum , Helene ! Es kommt eine Zeit , ich ahn ' es , wo ich wieder Liebe bedarf . Dann werd ' ich am Wege liegen , verwundet , verschmachtet und hört ' ich dann den Ton deiner Stimme , säh ' ich dann den Saum deines Kleides , wie wollt ' ich die Samariterin segnen ! Jetzt laß mich ziehen ! Dank für deine Liebe , Helene ! Lebe wohl ! Lebe glücklicher , als du durch mich geworden wärst . Bekämpfe deinen Schmerz durch deinen Stolz ! Gehöre dem Leben , das du so hold verschönern kannst ! Verlaß diese Stadt ! Es kommt eine ernste Zeit ! Was du auch von mir hörst , verzweifle nicht ganz an mir ! Lebe wohl ! Nicht auf ewig ! Aber für jetzt - Lebe wohl ! « Als Rafflard sah , daß die Gräfin entschlossen war , diesem seltsamen Briefe Gehör zu geben , als er sah , daß sie ausgerungen , ihre Rechnung nach tausend Thränen abgeschlossen hatte , wagte er nichts mehr von den alten Plänen vorzubringen . Er sah seine Hoffnungen vernichtet ! Sie werden reisen ? fragte er tonlos . Morgen in der Frühe ... Wohin , meine Gnädigste ? Ich weiß es nicht . Schreiben Sie nach Paris . Ich werde von mir hören lassen , wenn ich weiß , wo ich bleiben soll . Aber allein wollen Sie - ? Allein ! sagte Helene . Ich werde versuchen , mich zu retten ! Indem trat der Diener ein und meldete ein junges Mädchen , das draußen stünde und sich nicht genannt hätte , aber die gnädige Frau zu sprechen wünsche . Jetzt nicht ! Jetzt nicht ! sagte Rafflard vorlaut . Und dann sich zur Gräfin wendend : Das Ministerium ist nicht vollständig . Man sagt jeden Augenblick , der ganze Plan könnte scheitern ... An solche Trümmer kann ich mich nicht mehr klammern , antwortete Helene gefaßter und sich zum Bedienten wendend sprach sie : Was will das junge Mädchen ? Wer ist sie ? Und in selbem Augenblick ergriff sie der Gedanke an Melanie Schlurck . Von ihr wußte sie , daß Egon sie bei Paulinen sah . Melanie hatte sich in Egon ' s Phantasie eingeschmeichelt . Er hatte sogar gewagt , von diesem schönen Mädchen in ihrer Gegenwart zu scherzen . Sie war zu stolz gewesen , der Eifersucht Raum zu geben . Sie hatte nur Paulinen vermieden , die ihr zweideutig vorkam . Pauline , die trägt Egon jene Freundschaft an , hatte sie sich gesagt , die er bedarf ! Das ist nichts als Bewunderung , nichts als Sklaverei , nichts als Stolz , ihn nur zu haben , zu besitzen , zu benutzen , um sich zu heben ! Oft grübelte sie , was Egon nur an Paulinen bände ! Einmal hatte Egon gesagt : Ein Geheimniß ! Welches ? hatte sie gefragt . Ach , Helene ! war Egon ' s Antwort . Das elendeste und jammervollste ! Da mochte sie nicht länger forschen , aber ihre Eifersucht auf Melanie wuchs . Jeden Abend , hörte sie von Heinrichson , der nicht mehr zur Geheimräthin ging , daß Melanie noch bis elf , zwölf Uhr bei der Geheimräthin , die keine großen Gesellschaften mehr gab , mit Egon zusammentraf . Und nun dachte sie : Die da jetzt zu mir kommt , ist Melanie ! Auch sie ist geopfert , auch sie ist elend ! Sie kommt , um ihre Thränen mit den meinen zu mischen ! In dem Augenblick trat aber ein kleines , verschleiertes Mädchen , das dem Diener gefolgt war , ohne Zögern herein und stürzte auf die Gräfin zu , sie zu umarmen . Wer sind Sie ? fragte diese erschreckend und trat ablehnend zurück . Es war nicht Melanie ; aber es war ein Mädchen , das weinte . Warum weinen Sie ? Kann ich Ihnen helfen ? Das junge elegant gekleidete Kind , in schwarzer Seide , weißem Hute und feinem türkischen Shawl schlug den Schleier zurück . Die Gräfin kannte sie nicht . Auch Rafflard nicht . Wer sind Sie , mein Kind ? Sie sind unglücklich ! Was haben Sie ? Rafflard winkte dem Diener zu gehen . Das junge , schöne , blasse Mädchen mit seelenvollen Augen , vergeistigtem hoheitsvollen Blicke sammelte sich und sprach : Ich heiße Olga ! Sie küßte die Hände der Gräfin ... Olga ? sagte Helene erstaunt . Olga ? Sie sind ... Das Mädchen hielt die Gräfin umschlungen und antwortete nicht . Sie sind Olga Wäsämskoi , Adelen ' s Kind - Ma chère tante ! sagte Olga schluchzend und liebkoste sie . Der Augenblick brach Helenen ' s ganzes Herz . Sie weinte mit dem Kinde . Engel ! Himmlisches Kind , rief Helene , was führt dich zu mir , zu deiner Tante , die du lieben willst ? Was ist dir ? Olga schwieg ... Du suchst Hülfe ? Olga ! Liebst du mich ? Liebst du deine Tante ? Olga sah bittend und zutraulich in die Augen Helenen ' s. Man verfolgt dich ? Die eigne Mutter - ha , ich verstehe - ich weiß es - Siegbert Wildungen - ... Olga verhüllte ihr Angesicht an Helenen ' s Herzen . Der Hut entglitt ihr . Rafflard hob ihn auf . Helene war so gerührt , daß sie mehr über die Thränen des Kindes , als über sich selbst weinte . Rafflard , erschreckend über diese Annäherung und diese neue Gefahr für das Vermögen des Grafen und die Besorgnisse seiner Mutter , ergriff das Wort und sagte heuchlerisch : Rudhard , Ihr Erzieher , mein Fräulein , hat die Absicht , eine Reise mit Ihnen zu machen ? Als Olga diese Frage mit stummer Gebehrde bejahte , sagte Helene mit überquellendem Gefühl und in ihrem eignen Schmerz die Größe des fremden Leids ermessend : Arme , liebevolle Olga ! Ich weiß Alles , Alles ! Olga , du liebst Siegbert Wildungen - die eigene Mutter gönnt dir das Glück deines jungen Herzens nicht - du sollst fort - mit den Geschwistern fort - Rudhard soll Euch entführen , damit der Mutter allein das Glück deines Lebens bleibt ... Olga bejahte Alles und schluchzte . Ha ! rief Helene begeistert . Du bleibst zurück , ich schütze dich , du bleibst ! Helene sprach diese Erklärung mit der ganzen Entschiedenheit , deren ihr Herz in leidenschaftlichen Aufwallungen fähig war . Nicht bleiben , Tante ! sagte Olga . Ich darf nicht ! Fort ! Fort ! Er ist da - Wer ist da ? Wer , wer , mein Kind ? sagte Rafflard , schmeichelnd , zudringlich , ängstlich , als Olga schwieg . Otto von Dystra ! sagte Olga tonlos . Während Rafflard hin und her combinirte und im Geiste sich schon vergegenwärtigte , daß der alte Plan , einst das Vermögen des Grafen d ' Azimont an die Kinder der Familie Wäsämskoi zu bringen , jetzt durch eine merkwürdige Wendung des Geschickes und die entstehende Liebe Helenen ' s zu diesem Kinde in vollster Entwickelung war und alle seine Hoffnungen für die alte Gräfin d ' Azimont scheiterten , besann sich Helene und sagte rasch : Otto von Dystra ! Was soll er ? Aus Amerika ! Der Sonderling ? Er ist verwachsen - der Freund des Fürsten - ein Äsop - ein Narr - was soll ' s ? Olga hauchte die Erklärung hin , daß die Mutter verlange , sie müsse sich mit Otto von Dystra verloben . Helene starrte . Gestern Abend fuhr er vor , sagte Olga . Heute sollten wir entweder mit Rudhard reisen oder ich soll mich erklären , daß ich mich mit diesem Ungeheuer verbinde ... Das war genug , um Helene d ' Azimont zu elektrisiren . Die heldenmüthige , liebesstarke , verlassene Frau , die in Olga ihr ganzes Ebenbild gefunden hatte , rief : Und du ? Ich floh zu dir ! Olga ! Warum zu mir ? Das Mädchen schwieg . Dann sagte sie durch Thränen lächelnd , zuversichtlich , treuherzig : Weil du lieben kannst ! Wie Olga diese Worte fest und sicher gesprochen hatte , stürzten auf ' s neue die Thränen aus Helenen ' s Augen . Sie umarmte stürmisch das junge Mädchen , riß ihr den Hut fort , den sie in der Hand hatte , nahm ihr den Shawl ab und sprach in äußerster Exaltation : Noch heute reisen wir ! Du bist mein , mein Kind , meine Olga ! Wir Beide sind verbunden durch den Schmerz der Liebe ! Gehen Sie , Rafflard , besorgen Sie unsre Pässe . Schicken Sie sie uns nach . Wir reisen so , wie wir hier sind ! Fort ! Fort ! Fort ! In die Welt ! Wir müssen uns retten , Mädchen , vor diesem Elend des Lebens , vor dem Frost des Winters , der sich auch an die Herzen ansetzt ! Auch Siegbert hatte den Muth nicht , dich sein zu nennen ! Entblättert sich dir schon so früh der schöne Glaube an diese Männerseelen ? Ha ! Du bist von meinem Blute , Mädchen ! Dein Herz schlägt wie meines ! Fort ! Fort ! Wir bedürfen andre , südliche Luft ! Nach Italien ! In diesem Norden erfrieren wir . Damit drängte sie Rafflard , der vernichtet dastand , hinaus . Rafflard stand noch unschlüssig und wollte verdrießlich werden . Aber Gräfin ! Was beginnen Sie ? Welche neue Verirrung ? Rafflard ! rief Helene . Kein Wort der Entgegnung ! Ich hasse Egon ! Ich bleibe meinem Gatten treu ! Desiré d ' Azimont ist ein Engel ! Olga ist meine Seele ! Olga jetzt mein Leben ! Olga , in dir find ' ich mein Glück , meinen Reichthum , meine Zukunft , mein Alles ! Ein Kind , ein Kind gewonnen durch den Schmerz des gleichen Schickals . Olga ! Laß uns die Welt sehen und unser Leid verbergen ! Ich , ohne Hoffnung für das ganze Leben , Du für Siegbert Wildungen aufblühend in meiner Pflege , wenn er dich verdient ! Ich , deine Mutter ! Dein Schutz gegen Rudhard , gegen Dystra und wenn Sie wagen , Rafflard , wenn Sie wagen , Adelen zu sagen , wohin ihr Kind sich flüchtete ... Gräfin ! Was denken Sie ? Postpferde ! rief Helene und Rafflard war hinaus . Er überlegte , was zu thun . Sollte er vor ' s Thor eilen und die Fürstin von der Gefahr , ihr Kind zu verlieren , unterrichten ? Während er so auf der Treppe stand , kam Heinrichson ... Sie kommen gerade recht , sagte er diesem . Wozu ? Die Gräfin will nach Italien und noch heute . Heinrichson stand wie vom Blitz getroffen . Das ist eine Trennung ! sagte Rafflard bitter . Nein , antwortete Heinrichson lächelnd , ein Wiedersehen . Ich selbst wollte der Gräfin sagen , daß ich in einigen Tagen nach Rom zu reisen gedenke ... Sie weiß es ... ich sprach immer davon ... Rafflard stand voll Erstaunens . Er überblickte , daß Heinrichson die Gräfin liebte . Anzunehmen , daß die Gräfin schon von ihm für die Idee einer italiänischen Begegnung gewonnen war , hatte er keinen , auch nicht den mindesten Grund . Aber dennoch erstarrt , ergriff er die Gelegenheit , die ihm von der Gräfin gegebenen Aufträge abzuschütteln . Leisten Sie ihr für diese schnelle und übereilte Abreise hülfreiche Hand ! sagte er zornig . Ich für meinen Theil bin zu beschäftigt , um ihren Aufträgen nach Wunsch zu genügen . Heinrichson in glückseligster Geschäftigkeit ging zur Gräfin , Rafflard hustete noch lange die Straße entlang . Unten überfiel ihn die verdrießlichste Stimmung , wie nun all ' seine klugberechneten Pläne umsonst gewesen und die Menschen mit ihren Leidenschaften weit über alle Schlingen und Netze des Verstandes hinauswachsen . Diese Familienbeziehungen erschienen ihm gering , armselig . Er spitzte im Geist schon die Feder , um auf den Quai d ' Orsay in Paris einen epigrammatischen Brief zu schreiben , dessen Thema so lauten sollte : In der Komödie der Liebenden darf man nur mit seinem Herzen , nicht mit seinem Verstande mitspielen . Verdrießlich über Das , was er sich Alles seither an größerer Geltendmachung seiner Mission hatte entgehen lassen , wie er Zeit , Mühe , List , eigene kleine Unterhaltungen den Interessen einer vornehmen Familiencoterie geopfert hatte , überfiel ihn sein alter rheumatischer Husten so heftig , daß er an der nächsten Straßenecke stillstand , in einen Fiaker stieg und mit den dem Kutscher zugerufenen Worten davonfuhr : An ' s Komödienhaus bei der katholischen Kirche ! Zum General Voland von der Hahnenfeder ! ... Noch in der Nacht gegen ein Uhr rollte ein Wagen mit Helene d ' Azimont , Olga Wäsämskoi , einem Mädchen und einem Diener zum Thore hinaus . Es war das , das nach dem Süden führte . Ende des sechsten Buches . Siebentes Buch Erstes Capitel Die ersten Winterschauer Der Vorwinter war da . An die Fenster desselben Eckzimmers im Schlosse Hohenberg , wo die uns bekannten Sommergäste ihre fröhlichen Abendgesellschaften gehalten hatten , schlug jetzt der Regen eines mürrischen , naßkalten Herbstes . Der Sturmwind rüttelte die schlechtverwahrten Jalousieen und machte sich pfeifend auch durch die Ritzen der Fenster Bahn , auf deren innerem Simse sogar sich die hellen Regentropfen sammelten . Der Blick in den Garten fand die Bäume entlaubt , die Wege unsauber , regenglatt . Hier und da krachte ein Zweig , der dem plötzlichen Stoße des Nordwest nicht widerstehen konnte . Der Blick , selbst am Tage , ging nur bis zum Dorfe Plessen hinunter , das mit seinem Kirchthurme wie im magischen Nebel schwamm . Von Wald , Berg und Flur waren selbst dem schärfsten Auge nur einige matte , graugrüne Umrisse ersichtlich . Dennoch war es in dem hohen Eckzimmer , wo in der Mitte noch das Piano stand , auf dem Melanie damals die Tanzanklänge gespielt hatte , nicht ganz ungemüthlich . Ein alterthümlich geformter Ofen von Gußeisen , in Form einer Pyramide , verbreitete die Behaglichkeit der ersten winterlichen Zimmerwärme . Der alte Winkler trug das Holz herein , Brigitte warf es von der Mitte des Ofens hinunter gerade durch die mit einer Jahreszahl versehene eiserne Denktafel der Pyramide , die nur die Thür des Ofens war . Der Alte schleppte schon den zweiten Korb herein und packte ihn sorgsam in der Nähe des Ofens unter das Kanapé . Waren doch er und die alte Brigitte jetzt die einzigen Diener des Hauses , die einzigen Wächter des Schlosses , alt und müde , wie konnten sie zu oft diese Treppen steigen , zu oft durch diese Zimmer die schweren Trachten Holz schleppen ! Da mußte eine Tracht für zwei Tage ausreichen . Freilich mochten sie gern in der Nähe ihrer Gäste sein . Sie hätten so gern gehört , wie es denn nun werden sollte in Zukunft mit den hochfürstlichen Besitzungen ! Ob sich denn keine junge Fürstin einstellen und , da doch einmal das Alter geht und das Junge kommt , mit einem lustigen Gefolge hier im nächsten Sommer wohnen würde ? Ob Sr. durchlauchtigsten Gnaden , von dem der diplomatische Herr von Zeisel nicht zu verbreiten wagte , daß er diesen Sommer im Incognito ihn in den Thurm gesperrt hatte , nicht einmal selbst kommen und das Erbe seiner Väter betrachten würde ? Das zurückgekehrte Mobiliar der seligen Fürstin gab fast Hoffnung dazu . Das hatten Heunisch und Herr von Zeisel im Triumph heimbegleitet und mit einer Art Stolz blickten die Sessel , die Divans , die Gebetpulte , die Tische und Schränke wieder in den Zimmern um sich , die sie zu schmücken hatten . Aber die weiteren Schicksale , die ihnen und dem Schlosse bevorstanden , waren den beiden alten Leuten denn doch für die kurze Zeit ihres Lebens noch zu sehr verschleiert . Nun freilich hatte sich das Seltsame ereignet , daß ein alter Mann und ein junger sich durch einen Brief des Fürsten als rechtmäßige Bewohner des Schlosses auswiesen und von dem Gerichtsdirektor Herrn von Zeisel mit großer Aufmerksamkeit empfangen wurden . Wer waren diese beiden neuen Ankömmlinge ? Vornehme Gläubiger gewiß nicht ! Sie gingen so einfach , so schlicht , daß Winkler manchmal das Grüßen vergaß , was wohl auch an den immer schwächer werdenden fünf Sinnen der alten Haut lag , die noch immer vergebens auf die Beförderung durch den vornehmen Herrn wartete , der einmal zu ihr so gnädig geäußert hatte : Gut geharkt ! Schöner Strich ! Kenne Das ! Die Brigitte war sogar verstimmt , daß diese Herren , die nur der Alte und der Junge hießen , auch nicht einen einzigen Dienstboten mitgebracht hatten . Nicht wegen der Arbeit . Denn die Gäste waren sehr anspruchslos , sondern nur wegen der Nachfrage und der Unterhaltung . So lange die alte Brigitte denken konnte , daß hier in den Tagen des Glanzes auf Hohenberg Besuche ein- und ausgingen , hatte es eine reiche Chronik von Geschichten und unterhaltenden Thatsachen gegeben . Diese zwei Menschen aber kamen ganz nüchtern , ganz unbekannt , sprachen nichts , befahlen nichts , baten nur und nahmen mit der einfachsten Kost vorlieb . Da saß der Eine auf dem Kanapé und ersuchte die alte Brigitte sehr höflich um Licht . Und Ihr Abendbrot , Herr ? fragte sie rasch . Der Angeredete war schwarz gekleidet und hatte über dem einen Auge eine Binde von gleicher Farbe . Höflich sagte er : Wie gestern , liebes Mütterchen . Thee trink ' ich und etwas Brot , wenn man es haben kann . Aber die Frau Directorin läßt sich ' s nicht nehmen , Ihnen vorzusetzen , was Sie wünschen . Befehlen doch die Herrschaften etwas Braten , Schinken ! Wir haben ja Alles oder wenn Sie ' s befehlen , muß es da sein . Danke für mich , Mütterchen . Freilich mein junger Freund und Begleiter ... Murray , denn er war es , sah eben auf den Alten , der das Holz unter das Ende des Kanapés packte , auf dem er saß . Er wollte helfen . Brigitte litt es nicht und sprach von Schinken , Hammelkeulen und ähnlichen Mysterien ihrer Gnaden der Frau Gerichtsdirektorin von Zeisel ... Murray , der das Feuer in der Ofenpyramide behaglich knistern hörte , brach ihre Mittheilungen ab mit den Worten : Licht , Mütterchen ! Und die Hammelskeule immerhin , wenn mein Reisegefährte kommt . Es ist dunkel . Ich hoffe , daß er bald da sein wird . In der That ging es auf sechs Uhr und schon war es stichdunkel . Murray besann sich , wie lange er schon so gesessen und still vor sich hin geträumt hatte . Es war so finster , daß das offene Zugloch der großen Pyramide leuchten mußte . So schritt er , als seine Bedienung gegangen war , auf den Flügel zu , der in der Mitte des großen Zimmers stand . Er öffnete ihn und schlug die Tasten an . Wir kennen diese Tasten . Es war ein altes , dünnes Instrument , das mehr wie eine Cither klang . Ohnehin war es verstimmt und was fehlte nicht an Saiten ! Dennoch hatte sich Murray seit den drei Tagen , daß sie hier auf Hohenberg eingekehrt waren , schon oft an den nothdürftigen Tönen erfreut . Und da ein längerer Aufenthalt vorauszusehen war , hatte Murray sogar eine Stimmschraube sich in der Dorfschmiede wollen , wenn auch roh nur und plump , anfertigen lassen , um damit die Wirbel der Saiten fassen und sie besser anziehen zu können . Als man ihm freilich den Namen des Schmieds Zeck nannte , hatte er den Plan wieder aufgegeben . Der Name der Zeck ' s schien ihn zu sehr zu befremden . Er spielte nun auch so auf dem verstimmten Instrumente ; auch so schien ihn zu erfreuen , Reminiscenzen an eine alte Kunstfertigkeit herauf zu beschwören , die freilich aus den steifgewordenen Fingern etwas verschwunden schien . Brigitte brachte langsam und vorsichtig eine große Astrallampe mit einem Gazeschirm , die sie schon gestern ihren Gästen angekündigt hatte , als sie ihnen Lichter gab . Es war die Zimmerlampe der seligen Fürstin , lange nicht gebraucht und so altmodisch , daß ... Sie ausgehen wird ! bemerkte Murray . Versuchen Sie ' s einmal damit , meinte die Alte . Wenn sie nicht brennen sollte , so liegt ' s am Docht ... In dem die Motten sitzen werden ? Seht , seht , da geht sie schon aus ! sagte Murray geduldig lächelnd . In der That erlosch die Lampe mit unfreundlichem Duft . Murray wünschte die Leuchter von gestern . Brigitte schüttelte den Kopf , trat an die Thür , die nicht ganz geschlossen war , und sprach hinaus : Na ja , Zeck ! Die Lampe hier muß er auch in die Kur nehmen ... Murray hörte kaum diese Worte , als er Brigitte festhielt , die Thür zuwarf und fragte : Wer ist da draußen ? Der alte Zeck und der Junge , sagte Brigitte , die sich auf Alles verstehen , Pferde und Vieh und Öfen und Lampen . Was sollen Die ? sagte Murray in peinlichster Ungeduld und die Thür zuhaltend . Der junge Herr hat sie ja bestellt wegen dem Klavier ! O , sagt den Leuten nur , daß es keine Noth damit hätte ! Laßt sie nicht kommen ! Nein ! nein ! Schickt die Leute fort ! Holt den Leuchter , alles Andre , was ich nicht bestimmt bestelle , laßt gut sein . Hört Ihr , liebe Frau ! Geht rasch , ich kann im Dunkeln bleiben . Murray sprach diese Worte in einer Aufregung , als stünde ihm die unangenehmste , gefährlichste Begegnung bevor . Er drängte Brigitten von sich , protestirte jetzt lebhafter gegen den Duft der ausgegangenen Lampe und riegelte die Thür zu , als Brigitte brummend hinausging . Murray überzeugte sich an schweren , plumpen Schritten , die er draußen hörte , daß die Zeck ' s sich gleichfalls entfernten und schob den Riegel nun wieder zurück und gab die Thür frei . Erschöpft warf er sich auf das Kanapé . Tief holte er Athem , wie nach einer großen Anstrengung . So saß er nachdenklich , erschüttert , eine Weile . Dann ging er an eins der Fenster , die auf den Garten sehen ließen , und drückte die Stirn an die Scheiben . So bewegt schien er , daß er kaum merkte , wie die Tropfen von außen an das Glas schlugen und wie der Sturm die Bäume und Sträucher peitschte . Die Dorfhunde heulten in der Ferne . Es war doch einsam , schauerlich hier oben . Es sah nach den Sternen . Kein einz ' ger war in dem dicken Nachtnebel sichtbar . Er suchte so lange , bis er erstaunt war , sich umsehend , die beiden Lichter schon anzutreffen , die ihm Brigitte , ohne daß er es merkte , hereingetragen hatte . Da er ihr den Rücken kehrte und auf ihr Räuspern und Fragen nicht antwortete , war sie wieder gegangen , umsomehr , als sie in das Amtsgebäude hinunter mußte , um sich von Frau von Zeisel , gebornen Nutzholz-Dünkerke , die bewußten animalischen Vorräthe auszubitten . Murray wandte sich jetzt einem Tische zu , den er an einem andern Fenster des großen Zimmers für sich hergerichtet hatte . Hier lagen Papiere , Zeichnenmaterialien , feine kleine Instrumente durcheinander . Er setzte sich , nahm einen grünen Schirm , der auf dem Tische lag , noch über die Binde und setzte sich zur Arbeit , die keine andere war , als daß er auf eine Kupferplatte Buchstaben ätzte . Das Licht der beiden Talgkerzen war wol zu schwach für seine Arbeit . Einige kleine Gläser , die am Fenster standen , verriethen , daß Murray sonst mit allen Hülfsmitteln der Kupferstecherkunst ausgerüstet war . Er stellte die Lichter dicht vor die Platte , über die er sich mit seiner Ätznadel beugte ; er wollte arbeiten . Doch mußt ' er bald aufhören . Das Licht war zu flackernd , zu düster . Er schüttelte den Kopf und gab sein Werk , an dem er den Tag über gearbeitet hatte , für jetzt auf . Indem hörte er kommen . Rasch warf er einen größeren Papierbogen über die Kupfertafel und erhob sich . Ich bin es , Murray , rief draußen im Vorzimmer eine Stimme , die er sogleich als die Louis Armand ' s erkannte . Da Louis nicht eintrat , ging ihm Murray mit Licht entgegen . Hinausleuchtend begrüßte er den Ankömmling mit den Worten : So spät ? Und in diesem Wetter ? Himmel , wie sind Sie durchnäßt ! Das bin ich ! sagte Louis und schwenkte den nassen Hut im Vorzimmer und trat heftig mit den Füßen , sich schüttelnd , auf . Sie müssen sich umkleiden , Freund ! Ich fühl ' es wohl ; ich bin naß bis auf die Haut . Ein Wetter wie in den Ardennen , wo ich einmal einen Vetter auf einem Eisenhammer besuchen wollte . Nur die Wölfe fehlen . Die werden sich hier mit dem Schnee auch einstellen , sagte Murray . Aber kommen Sie doch an den Ofen ! Trocknen Sie sich ! Ich will nur ein Hemd und Kleider aus meinem Koffer nehmen . Murray leuchtete und geleitete seinen neuen jungen Freund an den warmen Ofen . Darf ich , Papa ? fragte Louis Armand und deutete auf seine Absicht hin , sich ganz frisch umzukleiden . Ich helfe , versteht sich ! antwortete Murray . Die Wäsche muß gewärmt sein . Geben Sie her , ich halte sie gegen diese Pyramide , die unser Heiligthum werden wird , als wären wir Ägyptier . Die hatten Kühlung von ihren Pyramiden , wir Wärme . Grund genug zur Verehrung . Louis kleidete sich in wenig Augenblicken um und würde schon begonnen haben , Murray ' s Verlangen nach Mittheilung seiner Erlebnisse im Walde zu befriedigen , wenn nicht Brigitte jetzt in pünktlicher Aufmerksamkeit mit dem Thee und dem Zubehör erschienen wäre . Der alte Winkler trug das Kohlenbecken und die heiße Kanne , sie selbst die Theebüchse , Brot , Butter und zwar nicht den ganzen Hammelsbraten der Frau von Zeisel , wohl aber eine ansehnliche Anzahl von glatt ihr entschnittenen Scheiben . O Das ist angenehm , sagte Louis , dem es ganz wohl und behaglich in seinen erwärmten Kleidern wurde und der sich sagen konnte , daß er im Auftrage des Fürsten hier fast wie in seinem Eigenthum wohnen durfte . Danke , danke , Mütterchen ! Wie behaglich , wie gastfrei ! Das soll uns gut schmecken . Murray , der hier von Louis Armand ' s Flügeln geschützte Gast , würde freudig in dieses Lob mit eingestimmt haben , wenn nicht Brigitte mit einem Blick auf Louis wieder von den Zeck ' s angefangen hätte , die wegen dem eisernen Ding das er bestellt hätte , doch nun wieder draußen warteten ... Ja , sagte Louis , die Stimmschraube glaubt der Alte liefern zu können . Nein , nein , fuhr Murray wie vorhin auf , ich sagte ' s schon . Es ist gut so . Ich spiele zu wenig ! Murray gerieth wieder in Aufregung . Der Alte meinte , er verstünde mich vollkommen . Ich mußt ' es ihm handgreiflich beschreiben , da er blind ist ; sagte Louis . Ist er blind ? fiel Murray mit einiger Bewegung ein . Der Vater ist blind , antwortete Louis , und der Sohn taub . Und nun lehnte Murray entschieden den Dienst ab . Heute nicht ! Genug von der Sache ! Guten Abend , Frau Brigitte . Morgen ! Morgen ! Gebt ihm die Lampe ! Laßt die von ihm repariren , er kann es , es ist ein Tausendkünstler oder - vielleicht kann er ' s. Guten Abend ! Damit drängte