hinunterblicken konnte ... Auf dem Herd unten lagen verglimmende Kohlen ... Eine enge steinerne , abgetretene Treppe führte nach oben hinauf ... Sollte sie sie besteigen ? ... Sie sah sich erst nach einer Klingel um ; die Alte folgte ihr schon dicht auf der Ferse und sprach nichts und betrachtete sie nur neugierig ... Da wurde Armgart von oben angerufen und begrüßt ... Es war Hedemann ' s Stimme ; aber sie sah ihn noch nicht ... Nur die Füße bemerkte sie ... Sie mußte erst durch eine Fallthür den Kopf stecken , bis sie Hedemann von Angesicht sehen konnte ... Fräulein Armgart , Sie sind es - ? rief er ihr entgegen und reichte ihr die Hand , sie emporzuziehen ... Hier sind Sie ja wie in einem Gefängniß ... sagte sie ... Das war hier auch ehedem so etwas ! sagte Hedemann ... Der Thurm gehörte zur Vogtei ... Hedemann schien hocherfreut von diesem Besuch und setzte hinzu : Aber darum ist es hier doch ganz angenehm ! Kommen Sie nur näher ! ... Hedemann öffnete ein Gemach , das in der That warm und behaglich war . Zwar waren die Fenster kaum größer , als Schießscharten , aber da es ihrer vier waren und sie ganz hoch lagen , erhellten sie den Raum , der mit einem in einem Alkoven befindlichen Bett , einem alten Lehnstuhl , einem Tisch und einigen Stühlen besetzt war ... Tassen , Gläser standen auf einer Kommode ... Es war das Bild einer kleinbürgerlichen Wohnung ... Um den Fußboden dieses Zimmers selbst zu betreten , mußten dann beide innenwärts noch einige Stufen hinuntersteigen ... Armgart war glücklich , Hedemann hier oben allein sprechen zu können ... Sie warf ihren Muff ab , band den Hut auf , lüftete den Mantel und rückte sich dem behaglichen halb eisernen , halb Kachel-Ofen näher , um die Füße zu wärmen ... Hedemann begleitete alle diese Bewegungen mit den Worten : Nun , das ist gut ! Das ist gut ! ... Was ist gut , Hedemann ? ... Daß Sie nicht in Westerhof bleiben ! Heute kommt Ihre Mutter ! ... Sie wissen - ? ... Und der Vater ? ... Das ist recht , Sie halten am Vater ... An Vater und Mutter ! Wie Sie ' s immer ja selbst sagten ... Aergert dich aber dein Auge , so reiß es aus ! ... Mit der Mutter können Sie nicht gehen , ohne den Vater zu kränken ... Ich weiß es ... Und wann kommt der Vater ? ... Ich denke , jede Stunde ... Sie sind ein gutes Kind - In Ihren Jahren gehören Sie dem Vater ! ... Ich will zu den Clarissinnen gehen , Hedemann , und dort so lange warten , bis mich beide abholen ... Da würden Sie den Schleier nehmen müssen ! Daß beide zusammen kommen , würde lange dauern ... Nun , dann - dann thäte es ja auch so - vor Gott nichts ... Hedemann wallte über dies Wort auf und schien von plötzlichen Gedanken ergriffen ... Haben Sie schon gegessen ? fragte er ... Essen und Trinken lehnte Armgart ab ... Kommen Sie hinüber in mein Häuschen ... Benno und Herr de Jonge speisen heute nicht bei Tangermanns , sondern gönnen mir die letzte Ehre ... Vielleicht überrascht uns zum Nachtisch - der Oberst ... Hedemann ! ... Ich darf nicht ... Sie bleiben dann auch gleich drüben ... Bei Ihrem Vater ! ... Ja , dessen Schild und Ehrengarde müssen Sie nun werden ! ... Sie wissen ja schon von Lindenwerth , wie ich über alles das denke ... Der Vater will keine Versöhnung ... Ich aber will sie ... Läßt sich ein Mann vorschreiben ? ... Aber die Mutter ... Umstrickt Sie ! Auf Westerhof ist gestern das große Loos gezogen ! Die Urkunde hat sich gefunden ... Da mag es hoch hergehen ... Bleiben Sie getrost bei Ihrem armen gekränkten Vater ... Hedemann - Sie sind jetzt alt ? - Sechszehn Jahre - denk ' ich ... Warten Sie , ich kann es bis auf die Minute sagen - Hedemann nahm ein Buch , das unter den Tassen und Gläsern lag und an seinem Einband schon als die Bibel zu erkennen war ... Hier stehen sie alle , die zu meiner Familie gehören ! ... Auch Sie gehören dazu ... Guter Hedemann ! ... Aber hier kann ich nicht länger bleiben ... Sie - bleiben hier ... Ich gehe nicht nach Westerhof zurück ... Das versprech ' ich ... Aber ich will ins Kloster ... Ins Kloster ! Was da ! Sie bleiben bei Ihrem Vater ! Da steht auch Buch Sirach : » Bleibe treu dem Freunde in seiner Armuth ! « ... Armuth ? ... Arm und reich macht Liebe , Ehre , Anerkennung , Gerechtigkeit ... Armgart , Sie müssen jetzt zum Vater halten ! Sie müssen die Netze der Mutter fliehen ! Westerhof sogar , die Tante , den Onkel , alle , die den Obersten lästern ... Die Rede Ihrer Mutter wird süß sein , gewiß ... Erst aber müssen Sie dem Vater in die Arme fliegen - wie die Tochter Jephtha ' s , da er die Feinde geschlagen ! Sela ! ... Sechszehn Jahre , drei Monate und sieben Tage sind Sie alt ! Da steht ' s ! ... Das kann ich nicht , Hedemann ! sprang Armgart jetzt auf ... Denn sie erschrak vor der seltsamen Entschiedenheit des Mannes ... Wie könnt Ihr mir rathen , so meiner Mutter weh zu thun ? ... » Der Mann ist nicht geschaffen um des Weibes willen ! « spricht Paulus - sondern - doch wohl umgekehrt ... Hedemann , adieu ! Schickt den Vater zu den Clarissinnen ! Ich folge ihm nur , wenn er mit der Mutter kommt ! ... Der Rath des Herrn bleibt ewiglich ! Sela ! ... Mit diesen Worten machte Hedemann einen gewaltigen Schritt auf die vier oder fünf Stufen hinauf , die von der Thür in das kleine Gemach hinunterführten ... Was habt Ihr vor ? rief Armgart entsetzt und sprang ihm nach ... Und wie Hedemann noch eine Stufe weiter zurückgegangen war , kam ihr die Ahnung , daß er gegen sie etwas im Schilde führte ... Jesus Marie ! rief sie ... Ich werde - doch - wieder - gehen können - ? ... Das hat der Herr gefügt ! sprach Hedemann und hielt schon die Thür in der Hand ... Hedemann , was ? ... Armgart stand schreckgelähmt ... Nicht wie in Lindenwerth sind wir hier ... Nicht wieder wie damals in Nacht und Nebel vor Vater und Mutter entflohen ... Hedemann ! ... Armgart , die diese Wendung ihres Vertrauens nicht für möglich gedacht hatte , schrie den Namen so laut , daß man sie auf hundert Schritte weit über die Insel hinaus hätte hören müssen ... Aber auch im selben Augenblick griff Hedemann an eine links hängende Klingel und wie der Zusammensturz eines Hauses so brausend begannen sofort die Räder der Mühlen ihre kreisenden Bewegungen , die schrillen Töne der Sägen durchschnitten die Luft , das Wehr , das gestaut gewesen , entsandte seine Donnertöne ... Seine eigenen Gedanken begriff man nicht , viel weniger hörte man ein eigenes Wort oder das eines andern ... Wie von einem Taumel überfallen schwankte Armgart zurück und ehe sie sich noch in den schrecklichen Augenblick gefunden und sich mit beiden Händen wie zum Angriff auf Hedemann gerüstet hatte , war dieser verschwunden ... Nun stürzte sie die Stufen hinauf und rüttelte an der Thür ... Sie schlug wider sie mit beiden geballten Fäusten ... Die Thür war eisenbeschlagen und eisenfest ... Sie suchte einen Griff , einen Riegel , um zu rütteln - selbst diese fehlten , die Thür war von innen nur durch einen Schlüssel zu öffnen und dieser war abgezogen ... Mit der Behendigkeit eines flüchtigen Wilds sprang sie die Stufen wieder hinunter , riß einen der Stühle an die hoch gelegenen kleinen , kaum einen Fuß breiten Fenster , griff hinauf , um eines , das nach außen vergittert war , zu öffnen - vergebens , von den Fenstern war gerade dies nicht zu öffnen - Sie sprang hinunter , rückte den Tisch an die Wand , kletterte hinauf , suchte ein anderes Fenster zu öffnen ... Dies gelang ... Sie schrie hinunter ins Freie : Hülfe ! Hülfe ... Der Ruf verhallte in dem Lärm des Mühlenwerks und des Wehrs ohnmächtig wie das Summen eines Käfers ... Kein Haus lag gegenüber , kein Weg führte daher ... Sie konnte rufen und rufen und erschöpfte nur die Kraft ihrer Stimme und den letzten Rest des Muthes , den sie dem so rasch ausgeführten Entschluß entgegensetzen konnte ... Schon dachte sie : Es ist ein Scherz von ihm ... Er wird wiederkommen ... Aber wenn er mit dem Vater käme ? Wenn mein Gelübde - vereitelt wäre ! ... Als sie das Fenster der hereinströmenden Kälte wegen zugeworfen hatte , wieder niedergestiegen war , immer von dem betäubenden Geräusch begleitet , sank sie auf den Lehnstuhl nieder und ließ verzweifelnd die Hände zusammengefalten auf ihrem Schoose liegen ... Blasser und matter neigte sich ihr Haupt ... Der Hut entfiel ihr ... Sie lag in Betäubung ... Von dem dumpfsten Schmerze der Seele ebenso gefoltert , wie von dem grauenhaften , ihrer Stimmung hohnsprechenden Getöse um sie her ... Das hatte sie nicht für möglich gehalten ! Hedemann ' s Gefangene war sie ... Aus seinen Bitten , die ihr noch von den letzten Augenblicken an der Maximinuskapelle im Ohr klangen , waren Befehle geworden ... Sie konnte erwarten , daß nur ihr Vater sie hier befreien würde ... Jetzt hätte sie aus dem Fenster nach Benno und Thiebold rufen mögen ... Was half es ... Nichts war von ihrem Ruf zu hören ... Ihre Thränen brachen hervor ... Sie , die sich selbst gefangen setzen konnte , tagelang , sie konnte es nicht von andern sein ... Sie wollte aufspringen , wider die Wände rennen ... Ihre Muskeln hatten keine Kraft mehr , ihren Willen auszuführen ... Und was sie dann auch that , nichts ging ja helfend an gegen die Gleichmäßigkeit des Rauschens und Rollens und Donnerns um sie her ... Dazu dann endlich noch der Brief , der geöffnete , der vor ihr auf dem Tische lag ! ... Sie sah ihn lange mit der innern Ermuthigung an , wenigstens den zu lesen und dadurch in eine vorherrschende , wenn auch schmerzlich zerstreuende Stimmung zu kommen ... Jetzt aber überfiel sie plötzlich wieder ein Rettungsgedanke ; sie sprang auf und lief an die Klingel , um diese zu ziehen und vielleicht auf einen Augenblick so die Räder zum Stehen zu bringen ... Sie zog so gewaltsam , daß sie den Draht in der Hand behielt ... Die Räder gingen fort und fort und die stürzenden Wellen des Wehrs rauschten und rauschten nach wie vor ... Nun saß sie wie vernichtet und wie ausgelöscht aus dem Leben ... Allmählich entquollen ihr Thränen ... Sie sah sich gestraft für eine Menge Sünden , die wie in langen trauervollen Bildern an ihrem Innern vorüberzogen ... Sie sah sich gestraft von Gott selbst ... Die Bibel lag vor ihr , ein Buch , das sie wenig kannte , ein Buch , das ihre geliebte Kirche nicht empfiehlt ... Hedemann hatte zwischen manche Seite Papierstreifen gelegt , manche Stelle unterstrichen . Epheser 6 , 1 : » Gehorsam seid , ihr Kinder , euern Aeltern ! « ... ... Und wie , wenn sie eine Antwort gesucht hätte auf die Frage der Verzweiflung : Aber hab ' ich denn nicht ein Gelübde gethan ? so fand sie an einer andern Stelle , 1 Samuelis 15 , 22 , die Worte unterstrichen : » Gehorsam ist besser , denn Opfer . « ... Aus ihren Träumen weckte sie - nur das rauschende Rad und die Woge ... Ganz allein und vergessen war sie darum nicht ... Sie bemerkte eine halbe Stunde später ein näher kommendes Geräusch ... Es kam aus dem Ofen , der von außen geheizt wurde ... Legte man noch Holz an ? ... Bald bemerkte sie einen vom Ofen herkommenden Speisegeruch ... Sie ging hin und sah in der warmen Röhre ein starkes Brett mit einer Schüssel Suppe , mit Brot , Rindfleisch , Erdäpfeln und Braten ... Das war wie hingezaubert ... Die Speisen kamen von außen herein ... Sie übersah den Ofen , der nur zur Hälfte im Zimmer stand und von der andern Hälfte aus eine Klappe hatte , durch die man einen hier Eingeschlossenen verköstigen konnte , ohne daß man eintrat ... Sie sah von ihrem Alkoven aus noch einen kleinen Raum , wo sich sogar Geräthschaften zur Reinlichkeit befanden ; selbst einen Verschlag , den sie rasch wieder schloß ... Der Thurm war für einen längern Aufenthalt eines hier oben völlig Isolirten eingerichtet ... Gefangen ! seufzte sie wieder und stellte die einfachen Geschirre auf den Tisch und untersuchte die Klappe im Ofen , die von ihrer Seite aus sich nicht in Bewegung setzen ließ ... Das wird dir wol vom Abschiedsmahl Benno ' s und Thiebold ' s geschickt ! ... Wenn sie wüßten , für wen diese Reste bestimmt waren ! ... Hedemann , mein Kerkermeister , wird ihnen kein Wort davon sagen ... Beim Umblick in dem kleinen Raum bemerkte sie immer mehr Dinge , die sowol einem längern Aufenthalt wie zur Befriedigung nächster Bedürfnisse dienen konnten ... Auch Wasser stand da , trinkbares ... Das Zimmer gehörte ohne Zweifel dann und wann einem der ersten Beistände Hedemann ' s bei seinem Geschäft ; jetzt fanden sich nirgends Spuren eines eben darauf angewiesenen Bewohners ... Sie aß nun einige Löffel von der Suppe und stellte den Rest der Speisen zurück ... Später nahm sie ihn doch . Die Natur machte ihre Rechte geltend ... Sie hätte sich schon zu fügen angefangen , wäre sie nur nicht so gefoltert worden von dem Rauschen der Räder ... Das war doch , als rollte so ihr eigenes Leben um ... Nun , dachte sie , geht Terschka aufs Schloß , die Mutter ist vielleicht schon da , die Geheimnisse dieses Briefes enthüllen sich , dein Liebesopfer verwirft das Schicksal , der Traum der Legenden ist im Leben unmöglich ... Wieder weinte sie ... und bald vor Zorn ... Sie schwur , das Aeußerste daranzusetzen , ins Freie zu kommen ... Sie untersuchte wieder Thür , Wände , Fenster , den Ofen ... Die verbindende Platte war von Eisen ... Dann hoffte sie auf den Abend , auf den Stillstand der Räder , auf die Kraft ihrer jugendlichen Stimme ... Nein , die Nacht läßt er dich nicht hier ! sagte sie ... In ihrem wilderregten Innern jagte sich Bild auf Bild . Bei allem verweilte sie , bei Lucinde , bei Bonaventura , bei Paula ... Zum Bilde Paula ' s vor ihrer Seele erhob sie die Hände in die Höhe und betete : Schließt sich dein Auge , Freundin , so frage deine Engel , wo ich weile ! Man wird mich doch vermissen , man wird mich doch suchen ; du wirst sagen , wo sie mich gefangen halten ! ... Nun weinte sie um die Verzweiflung derer , die nicht wissen würden , wo sie geblieben ... Wieder blätterte sie in der Bibel ... Sie bedurfte dieser Zerstreuung auch deshalb , um des Briefs nicht zu gedenken , der sie magisch anzog ... Sie hatte ihn in ihren Hut und auf das Bett gelegt ... Noch konnte sie sich nicht entschließen , sich für ihre Sachen der Riegelhaken zu bedienen , die sich rings an den Wänden befanden ... In der Bibel fand sie alle die Geschichten am Urquell wieder , die ihr aus ihrem Jugendunterricht so lieb waren , die Erzählungen des Alten und Neuen Bundes ... Und sie forschte nach Aehnlichkeiten ihrer Lage ... Sie verweilte bei Joseph ' s Liebe zu seinem Vater , bei Absalon ' s wildem Trotz , bei den Söhnen Eli ' s und deren strafendem Ende ... Glocken hörte sie vor dem Lärm nicht schlagen ... Schon kam aber der Abend ... Wenn nun ihr Vater hereintrat , was würde sie ihm sagen ! ... Die Kraft , ihn zu begrüßen mit dem Wort : Du Grausamer , du hast mich um die Wonne des Heiligsten gebracht ! hatte sie nicht mehr und stiller und immer stiller wurd ' es in ihr bei dem Gedanken : Hättest du wol das Aeußerste gewagt und Terschka ' s Arm ergriffen und dich vor den Augen der Mutter für ihn bekannt ? ... Sie hatte sich ausgemalt , das im entscheidenden Augenblick thun zu wollen , die Angehörigen zu Zeugen seiner Werbung zu machen und die Aeltern so zu überraschen ; die Mutter , wenn sie Terschka liebte ; den Vater , wenn er davon eine Ahnung hätte ... Ein Licht stand auf der Kommode und ein Feuerzeug ... Es war nur Ein Licht ... Es konnte nicht zu lange brennen und sie rechnete darauf , nicht zu schlafen und die Nacht an ihre Befreiung zu gehen und , wenn die Mühlen endlich innehalten würden , ihren Hülferuf zu erneuern ... So verging die Zeit ... Sie zündete endlich das Licht an ... Es wurde ihr zu gespenstisch einsam , zu schauerlich ringsum ... Sie hörte und sah im Geist , wie man auf Westerhof sie suchte , wie man nach dem Stift schickte und wie die Mutter sich in gleicher Lage befinden würde , wie damals , als man sie ebenso in Lindenwerth nicht fand ... Sie gedachte der Geistertheorie des Onkels ... Sie hätte auf irgendeine Weise , um an sich zu erinnern , auf Westerhof spuken mögen , durch Anklingen an eine Tasse oder ein Aufklinken der Thüre ... Sie wußte , man brauchte nur ganz fest und bestimmt an jemand zu denken und davon erschiene man ihm ... Sie dachte sich , Paula versinkt in Schlummer , Bonaventura ' s Berührung bringt sie in den Hochschlaf und sie sagt : Armgart sitzt hinter Schloß und Riegel im witoborner Mühlenthurm ! ... In solchen Zuständen läuft es im Menschen hin , wie uns plötzlich eine Maus erschrecken kann im wohnlichsten Zimmer - wie uns eine Katze begegnet im lachendsten Blumenfelde . Sachen fielen ihr ein , lächerliche , als sollte sie wahnsinnig werden ; zwei Groschen Schulden , die sie noch an eine Mitpensionärin in Lindenwerth zu bezahlen vergessen hatte ; eine wundervolle purpurrothe Schleife , die sie an einem Morgenhäubchen der Frau Fuld auf der Veranda in Drusenheim bewundert hatte ; ein Bändchen , das neulich dem Pfarrer Müllenhoff während der Messe am Halse hervorguckte ; hundert kleine verworrene Thatsachen blitzten auf wie todt bisher in ihr aufgespeichert und machten Lucindens Theorie wahr , derzufolge im Menschen der Stoff zu tausend Propheten stäke , wenn nur eine Hand da wäre , die die Thore des in ihm versenkten Wissens ohne seinen Willen aufschlösse ... Und als sie Benno ' s und Thiebold ' s gedachte , stieß sie dumpf die Worte aus : Gott ! Gott ! Laß mir die Sinne ! ... Dann sprach sie ihr Gelübde noch einmal und bat die Gottesmutter , ihr zur Erfüllung desselben beizustehen . Sie wandte sich an die vierzehn Nothhelfer , jedem derselben nach seiner besondern Kraft ihre Bitte um Beistand vortragend . Die Angerufenen standen vor ihr , jeder mit dem Marterwerkzeuge , das ihm die Ehre der Heiligkeit gegeben . So gewohnt war sie die Litanei : O du gnadenreiche Mutter , du heiliger Joseph , du heiliger Michael und ihr andern lieben Engelein und Erzengelein ! daß ihr die Bibel , nach der sie griff , wie ein fremdartiges Buch erschien . Sie gab ihr gleichsam nur das einfache Brot , ihr gewohntes Brevier eine viel süßere Kost ... Aus dieser Betrachtung weckte sie wieder ein Gepolter des immer gleich warm bleibenden Ofens ... Jetzt sprang sie rascher hinzu ; aber schon war die Bescheerung da ... Ein Nachtessen , reicher , als die Tante Abends der Gesundheit für zuträglich hielt ... Schon war die Klappe unerbittlich wieder zugezogen ... ... Wer mag der Rabe sein , der mich nährt ? sagte sie , an den Propheten Elias denkend ... Die taube Alte ? ... Indessen sie aß und nicht ohne Appetit und nicht ohne Besorgniß vor dem Geschirr , das jetzt in der Küche fehlen würde , da sie das vom Mittag noch zurückbehalten hatte , und nicht ohne guten Willen , es selbst zu waschen und in den Ofen zu stellen und dabei rufen zu wollen : Nehmt ' s lieber mit , ehe ich ' s zum Fenster hinauswerfe ! ... Nach zu reichlichem Nachtessen Pflegte sie einzuschlummern und schon manche der schauerlichen Geschichten des Onkels waren ihr auf Schloß Westerhof dann verloren gegangen . Nur weil die Mühlen noch immer rauschten , dachte sie : Es ist noch früh ! Es ist noch nicht einmal Feierabend ! ... Aber ihr Licht ! Eine Talgkerze , gegen deren Duft sie an sich nichts hatte , da sie wenigstens in Lindenwerth keine andern gebrannt hatte und auch der Onkel oft genug Lichter goß , die aus allerhand Surrogaten neuentdeckt waren und noch viel schlechteren Geruch verbreiteten , als Talg - Ihr Licht war schon zum letzten Drittel niedergebrannt und sie hatte doch noch die lange , lange Nacht vor sich und ihren Plan mit dem lautesten Hülferuf ... Schlafen sollte sie ? Schlafen in diesem Bett ? ... Das wollte ihr nicht einkommen ... Sie deckte doch aber das Bett auf ... Dabei mußte sie den Hut wegnehmen , die Kleider - Der Brief fiel auf die Erde und die Einlage glitt aus dem Couvert ... Wie sie sie aufhob , war ' s wie eine glühende Kohle ... Sie sah das Wort : » Freundin « Das vollends war ein Stich ins Auge ... Und doch wagte sie nicht zu lesen ... Sie ordnete die Schüsseln und Teller und stellte sie in den Ofen , der , wie es schien , ihre einzige Verbindung mit der Welt blieb ... Das Bett war sauber und weiß ... mindestens so gut , wie ihr Lager in Heiligenkreuz ... Sie versuchte es , sich zu legen ... Bald aber stand sie wieder auf ... Das Zimmer war zu heiß ... Jetzt gedachte sie den Tisch an einen der Fensterspalte zu rücken . Aber schon ermüdete sie und ahnte , daß sie doch nur zu vergeblichen Versuchen zurückkehrte ... Schon ergab sie sich ... Die Mühlenräder gingen und gingen ... Keine Hand stellte sie ... Wen konnte sie rufen ? Ost sogar dachte sie , Hedemann käme - in Kettenstrafe , wenn man seine ruchlose That erführe , und da wollte sie denn lieber dulden , schweigen und weinen ... » Freundin ! « ... Das Wort verließ sie nicht mehr ... Sich alle Beziehungen desselben ausmalend , versank sie , unentkleidet auf ihrem Bett ausgestreckt , in Träume und entschlummerte allmählich ... Schon hatte sie sich an das Rauschen des Wehrs und der Mühle , an das Sägen , das hirnzerschneidende , gewöhnt ... Ihr Einschlummern kam ihr wie ein Ertrinken , aber nicht mehr schmerzhaft vor ... Sie träumte von einem großen dunkelblauen Bande , das sie umringelte ... War es ein Thier ? Eine Schlange ? Immer enger und enger wurde das Band , endlich sah sie nichts mehr , als aus blauer Verstrickung hervor einen rosigen jugendlichen Kopf mit lachenden Mienen , mit langen , feuchten , schwarzen Haaren - Das war dann Lucinde , die , wieder freundlich geworden , ihr zunickte wie die Wasserfee ... Sie mußte lange nach Mitternacht zur Ruhe gegangen sein ; denn als sie erwachte , war es Heller Morgen ... Die Sonne fiel schon ins Zimmer , ihr Lichtglanz rief sie aus ihrem dunkeln Alkoven ... Die Besinnung auf ihre Lage kam ihr schnell genug ... Und das Donnergeräusch um sie her hatte wol nur während ihres Schlafes aufgehört ... Schon war wieder die Luft von demselben verwirrenden Geräusch erfüllt , wie gestern ... Schwankend schritt sie aus dem Alkoven hinaus und sah sich in ihrem Gefängnisse um ... Es war ihr , als hätte es gestern Abend anders ausgesehen ... Und bald auch bemerkte sie ein neues Licht ... Auch frisches Wasser stand auf dem Tisch ... Eine ordnende Hand mußte hier schon gewaltet haben , während sie schlief ... Nur der Klingeldraht hing zerrissen wie bisher ... Im Ofen fand sie ihr Frühstück ... Sie ergab sich jetzt ... Ihre Augen , noch geröthet von den gestrigen Thränen , füllten sich aufs neue mit dem Ausbruch ihres Schmerzes ... Sie klagte Hedemann ' s Grausamkeit nicht mehr an ... Sie wollte jetzt dulden ... Blinzelnd sah sie auf den zur Seite liegenden Brief , der jedoch keine Spur trug , daß er gelesen war ... Sie machte sich zu schaffen , so gut es ging ... Das Zimmer war warm ... Die Bibel lud zur Erbauung , zur Zerstreuung ein . Sie las einige Seiten ... Dann ging sie an ihre Kleidung , die sie ordnete ... Zerknittert und zerdrückt war alles . Sie öffnete ihre Tasche , nahm ihr Nacht- , ihr Nähzeug heraus und sagte : Diese Nacht wirst du , wenn man dich nicht befreit , dem Bett vertrauen und dich getrost legen ! ... Sie gedachte der Märtyrer in Indien , die ja so ein ganzes Leben lang im Kerker schmachteten ... Das Brausen der Luft um sie her nahm sie wie bestimmt , ihr das Gehör zu rauben ... Auch darüber lächelte sie seufzend ... Ein Geist der Ergebung war über sie gekommen ... Den Brief Terschka ' s wollte sie lesen , wenn sie die Hoffnung baldiger Freiheit gewann ... Sie ahnte , daß er ihre Bereitwilligkeit zum Dulden aufregen , ihr ergebenes Martyrium stören würde ... Stundenlang saß sie , das Haupt aufstützend und in grübelndes Sinnen verloren ... Sprang sie auch zuweilen auf und rief mit Wildheit : Nein ! Nein ! Ich will nicht länger ! so brach sie sofort wieder zusammen , schlich an die Thür , an der sie still mit den Nägeln kratzte , plötzlich mit den Füßen stieß , allmählich aber schlich sie wieder auf das Sopha zurück und ergab sich ... Die Bibel fing an ihr vertraulicher zu werden ... Sie vermißte zwar die Gottesmutter in ihr und die Heiligen ... Aber sie konnte sich auch an Abraham und die Patriarchen halten ... Kein lebendes Wesen um sie her bemerkte sie , als - einige Fliegen , mit denen sie schon Bekanntschaft machte ... Wie sie gegen Mittag wieder im Ofen rumoren hörte , sprang sie auf und rief Drohungen und Zornausbrüche in die Oeffnung , deren Wand sich wieder geschlossen hatte .... Niemand hatte geantwortet ... Eine halbe Stunde raste sie umher und konnte sich nicht fassen ... Auch die gestrige Mittagsrast der Mühlen fand heute nicht statt ... Ihre Kost war noch besser als gestern ... Ihr Wasservorrath reichte bis über die Nacht hinaus ... Sie beschloß diese Nacht früher zu Bett zu gehen , damit sie den heimlichen Besucher am Morgen nicht verschliefe , sondern aus dem Bett springend ihn überraschen könnte ... Wenn Shakespeare seinen Menenius sagen läßt , nach Tisch wäre der Mensch dem Mitleid zugänglicher als mit leerem Magen , so stumpfen sich in der That mit zunehmendem Behagen des Körpers die heroischen Entschlüsse ab ... Nach ihrer Mahlzeit konnte Armgart dem Verlangen nicht widerstehen ... Endlich las sie den Brief Terschka ' s ... Sie las mit jener Scheu , die bei Oeffnung eines Briefs sich zuvor auf das Gegentheil dessen , was man zu lesen hofft , mit dem ganzen Aufgebot des Entschlusses wappnet , sich dem Schicksal nicht gefangen zu geben ... » Verehrte Freundin ! « war das erste Wort ... Doch nicht : » Geliebte Freundin ! « sagte sie sich und hielt einen Augenblick inne , um neuen Muth zu schöpfen ... Aber nicht zu lange währte die Hoffnung auf einen Ton , der ihr hätte beweisen können , wie voreilig sie urtheilte , wie überflüssig das Opfer war , das sie bringen wollte ... Zu ihrem Entsetzen las sie : » Ich begrüße Sie in einem Augenblick wieder , wo ich den Rath der weisesten Männer der Erde , die Hülfe der mächtigsten Gewalthaber anflehen möchte und wo ich nichts , nichts habe , dem ich vertrauen kann , als Ihr edles , starkes Herz ! Sie , Sie sind die letzte Rettung meines Lebens ! - - Wenn ich mich erinnere , wie mir die gütige Freundschaft der Gräfin Erdmuthe stets so nachsichtig war , wenn ich mich mit Dankbarkeit erinnere , wie oft für mich die Gräfin bei Ihnen und Sie bei der Gräfin gesprochen haben , so schöpf ' ich Muth und denke mir , der Zusammenbruch meines Lebens läßt sich noch aufhalten ! Ich habe in diesen Tagen Schmerzliches gelitten und furchtbar gekämpft . Bedenken Sie zu den innern Erfahrungen , die ich für meine Person allein machte , noch die Schreckenserlebnisse auf dem Schlosse ! Der Brand , der Fund jener Urkunde , die unsern Freund , den Grafen , vollends zum Schattenbilde seines Namens und seiner gesellschaftlichen Würde macht ! Ich weiß es , diese Bekenntnisse meiner Verzweiflung werden Ihnen räthselhaft erscheinen . Sie werden sie auf die Veränderung meiner Stellung zu Hugo und zur Gräfin , zu Ihrer mütterlichen Freundin , beziehen - - Aber das , was in mir vorgeht , liegt tiefer , tiefer - Ich muß ein Ende machen mit dem Elend meines Lebens . Der Wechsel der Religion ist ein leichter Schritt für eine starke Seele , die sich ihre eigene Philosophie gebildet hat ; aber