Herren mit hohen Ordensauszeichnungen auf dem Frack standen an dem großen Arbeitstisch . Wir sind Beiden bereits begegnet : - Graf Walewski , der bisherige Gesandte in England , und Persigni , der frühere Minister des Innern . Sie waren bestimmt , ihre Rollen in dem neuen Ministerium zu tauschen . Die Verhandlung hatte bereits einige Zeit gedauert . - » Eine Ihrer letzten Amtshandlungen , lieber Graf , « sagte fortfahrend der Kaiser , » soll die Stellung der Corsen unter Balestrino ' s Leitung sein . Ich habe mich überzeugt , daß er der Geschickteste und Thätigste ist . « » Wann glauben Euer Majestät , daß die Veröffentlichung der Ernennungen erfolgen soll ? « » In fünf oder sechs Tagen . Die Demission Drouin de L ' Huys muß erst im Publikum ihre Wirkung thun - augenblicklich verdrängt sie der heutige Vorfall . Die Ernennung Thouvenel ' s für Constantinopel soll den Anfang machen . Lassen Sie einstweilen nur Layard und Roebuck mit ihrem Sebastopol-Comité für uns arbeiten . Lord Bourgoyen ' s Zeugniß ist noch compromittirender , als das des Herzogs von Newcastle und das Spiel wird binnen Kurzem in unsere Hand sein . « » Oberst Sibthorp , « sagte Graf Walewski spottend , » beabsichtigt Lord Russell über Spezifizirung seiner Wirthshausrechnungen für die Mission nach Berlin und Wien zu interpelliren . Er meint , die Ausgaben für die weibliche Begleitung müßten gestrichen werden . « Der Kaiser lachte herzlich . - » Diese Sucht unserer geliebten Alliirten , sich zu compromittiren , kommt uns sehr zu Statten . Palmerston ' s Eigensinn ist die beste Chance , die wir uns wünschen konnten und ich prophezeihe Ihnen , die Friedensconferenzen werden ihrer Zeit nur in Paris stattfinden . Wann glauben Sie , Graf , daß der neue Schlüssel für die Chiffern in London eintreffen kann ? « » Nicht vor dem 6. oder 7. Mai . « » Das paßt zu dem Ambassadenwechsel . Es ist eine kostbare Idee dieser Engländer , - ein einziges Exemplar zurückzuhalten und das so glücklich sich escamotiren zu lassen . « » Und was beschließen Euer Majestät in Bezug auf die dadurch erfahrene Absicht der Expedition nach Kertsch ? « » Meine Instructionen werden zur selben Zeit in der Krimm sein , wo Raglan ' s Bericht in London gelesen werden kann . Canrobert oder - « er schwieg einen Augenblick und überging das Wort , » wird demnach vollkommen Zeit haben , seine Maßregeln zu treffen . Lieber will ich wahrhaftig die Russen am Bosporus dulden , als eine englische Festung am Eingange des Azow ' schen Meeres . Bei der Gelegenheit fällt mir ein : die Anordnungen wegen der ausschließlichen Beförderung der Briefe nach und aus der Krimm durch die Post sind doch wiederholt und werden streng beachtet ? Wir sind nicht solche Narren wie die Engländer , uns selbst zu compromittiren , und die gestrigen Listen da unserer Verluste und der Gefangenen , die wir seit Beginn des neuen Bombardements erfahren und gemacht , lauten wenig günstig . « » Die Lagerpolizei ist sehr aufmerksam und die Capitaine aller Transportschiffe haben strenge Instructionen , Sire . - Man täuscht sich übrigens im Publikum wenig über den Zweck der Anordnung und die Post hat manchen Spott zu erleiden . Die alte Herzogin von Beaufrémont z.B. giebt alle ihre Briefe nur mit einer Nadel zugesteckt auf die Post und schreibt darunter : Remettez l ' épingle , s ' il vous plait ! « » Lassen Sie dem Faubourg Saint-Germain den Spaß , dergleichen Beschäftigungen unterhalten ihn und schaden mir herzlich wenig . Wirken Sie nur für Beschleunigung des Besuchs der Königin Victoria , Persigny , ich will den Parisern für die 750 Millionen Franken der neuen Anleihe wenigstens ein Schauspiel geben , während die Regierung Ihrer Majestät für 16 Millionen Pfund Nichts thut , als Stoff für Blamagen aus der Krimm zu liefern . « » Sire , Sie sind heute bei Humor ! « Der Kaiser lächelte mit einem feinen rückhaltenden Spott . » Bah ! glaubst Du , die Affaire aus den Champs Elysées habe mir den Appetit verdorben ? Frankreich muß heute empfunden haben , wie viel an meiner Person hängt - und dieser Bericht Pietri ' s über des Nichtswürdigen Vergangenheit und Herkunft beruhigt mich über die einzige Besorgniß , die ich aus dem seltsamen Zusammentreffen hätte ziehen können . « » Ich verstehe Euer Majestät Meinung nicht ? « » Der Herr Ambassadeur muß seine Wißbegierde schon für London aufsparen , wo sie mir hoffentlich recht gute Dienste leisten wird ; für heute genug , meine Herren . Sie , lieber Graf , habe ich noch um einen vertraulichen Dienst zu bitten . - Bleiben Sie nur , Persigny , es ist kein Geheimniß . - Wissen Sie , wen ich heute am Triumphbogen wieder erkannt ? « » Ich bin begierig , Sire ? « » Unsern Unbekannten aus dem Invalidendom - vor zwei Jahren . « » Dem die ganze Polizei so lange vergebens nachspürte ? Und Euer Majestät ließen ihn nicht verhaften , wo sein Erscheinen offenbar in Rapport zu dem Mordanfall steht ? « » Lieber Freund , « sagte der Kaiser mit dem vorigen geheimnißvollen Lächeln , » es sind wahrscheinlich gegenwärtig viele merkwürdige Fremde in Paris , ohne daß sie gerade mit Herrn Pianori in Verbindung stehen . Doch ist meine Absicht eben , mich in dem vorliegenden Falle davon zu überzeugen , auch ohne daß ich in die Functionen meiner Polizei eingegriffen habe . Ich bitte Sie , von hier sich zu dem Gouverneur der Invaliden zu begeben ; Sie werden den Mann , von dem wir eben gesprochen , dort finden , wenn ich seinen Character recht beurtheile , ihm dieses Papier geben « - er warf rasch einige Worte auf ein Blatt - » und ihn hierherführen . Ney ist anderweitig beschäftigt und Sie sind ihm bekannt . « » Und was soll ich mit ihm thun ? « » Sie führen ihn hierher - durch die Terrasse dü Bord und den Pavillon Marsan . André wird Sie dort abholen . Sie bleiben dann im blauen Salon im Bereich meiner Stimme . Adieu bis dahin . « Die beiden Minister zogen sich zurück . Der Kaiser blieb einige Zeit allein , blos mit seinen Gedanken beschäftigt und mit den Augen den Zeiger der großen Uhr auf dem Kamine , ein Meisterwerk Delacour ' s , verfolgend . Mit dem Schlag halb Eilf hörte man ein Kratzen an der mittlern , durch eine schwere Portiere bedeckten Seitenthür , die der Kaiser sogleich selbst aufschloß . Zwei Männer traten herein , der Eine war der Graf Ney , der Andere ein zierlich gebauter Mann von etwa 28-30 Jahren in einem einfachen Civilanzug . Der Kaiser erwiederte die Verbeugung des Unbekannten und sagte dann zu seinem Begleiter : » Verlassen Sie uns , lieber Graf , und verhindern Sie jede Störung , bis ich Sie rufe . « Der Adjutant verließ das Gemach , der Kaiser selbst schloß hinter ihm die Thür und ließ die Portiere fallen . Dann wandte er sich zu dem Fremden und sagte einfach : » Wir sind allein , mein Herr ! « Einige Augenblicke betrachteten beide Männer einander mit offenbarem Interesse . Der Fremde war , wie gesagt , feingewachsen und jung , seine Gesichtsbildung hatte den tatarischen Druck in edlern Formen , das durch eine Brille bedeckte feurige Auge verkündete Muth und Energie nur eine Falte zwischen den Brauen einen gewissen Zwang , den er sich anthat . Seine Manieren gehörten sichtbar der besten Gesellschaft an , doch war seine Haltung frei von jedem Zwange und der Devotion , die gewöhnlich die Nähe des Trägers einer Krone auferlegt . Indem der Kaiser nach seinem frühern Platz zurückging , nahm er zwei kleine in englische Leinwand gebundene Bücher aus seiner Handbibliothek und legte sie neben sich auf die Causeuse . Sein Benehmen gegen den Fremden war übrigens artig wie das eines feingebildeten Privatmannes bei einer Conversation , nicht wie die Haltung des mächtigen Monarchen bei Ertheilung einer Audienz . Mit einer leichten Handbewegung nach einem danebenstehenden Lehnsessel einladend , sagte er höflich : » Ich bitte , nehmen Sie Platz - unsere Unterhaltung kann vielleicht lange dauern . Ich hoffe , Sie haben alle Anordnungen für die Geheimhaltung dieser Audienz Ihren Wünschen entsprechend gefunden ? « Der Fremde verneigte sich . - » Euer Majestät sind meiner - Bitte auf das Freundlichste entgegen gekommen und ich danke Euer Majestät dafür . « Das Wort » Majestät « schien wie durch Zwang unwillig über diese stolz aufgeworfenen Lippen zu kommen und ein dunkles Roth überschoß das Gesicht des Sprechenden , als er den leisen Triumph bemerkte , der einen Augenblick lang um den Mund des Napoleoniden zuckte . » Sie haben den Auftrag , « sagte der Kaiser , » die vertraulichen Unterhandlungen zu Ende zu bringen , die nach dem Tode des Kaisers Nicolaus meines Herrn Bruders Liebden in Petersburg wegen des künftigen Friedensschlusses mit mir im Geheimen eröffnet hat . Sie werden höchst wahrscheinlich - da mir die Bürgschaft Ihrer unbekannten Person fehlt - eine Vollmacht besitzen ? « Der seltsame Unterhändler überreichte ein Blatt , das der Kaiser auseinander schlug . Es enthielt nur die Worte : » Pleins pouvoirs ! Alexandre . « Der Herrscher der Franzosen machte eine zustimmende Bewegung mit dem Kopfe , gab das Blatt zurück und sagte : » Dies genügt vollständig . Kommen wir zur Sache . « » Die Chancen des Krieges in der Krimm , Sire , stehen in diesem Augenblick günstiger für uns , als bei Beginn des Feldzug . Wir haben eine starke Festung und eine zahlreiche , entschlossene Besatzung , wo wir früher nur eine unvollständige Vertheidigung hatten . Ihre Armee , Sire , hat bei allem militairischen Ruhm , mit dem sie sich durch ihre Ausdauer bedeckt , doch während des Winters viel gelitten . Ihre Belagerungsarbeiten haben nur geringe Fortschritte gemacht . « » Ich täusche mich nicht darüber , doch habe ich einen mächtigen Verbündeten ! « » Welchen , Sire ? - England ? - Sardinien ? « Die Frage klang voll bittern Hohnes . » Nein , mein Herr ! - Das Frühjahr und nöthigenfalls noch den Sommer ! « » Wir haben die gleiche Chance , obschon ich zugeben will , daß der Winter unser besserer Alliirter war . Die Werke Ssewastopols - - « Der Kaiser , der mit den Almanachs spielte und sie wie zufällig durchblätterte , unterbrach ihn lächelnd : » Lassen wir das Alles - das war Sache der Präliminarien und wir haben Wichtigeres . Ich will mit Offenheit Ihnen vorangehen und aussprechen , daß ich den Frieden so gut brauchen kann , wie Rußland . « » Sire , Sie erklärten den Krieg ! « » Ich habe dem Kaiser Nicolaus den Krieg erklärt , nicht dem Kaiser Alexander . Ich brauchte damals den Krieg , denn es galt , meinen jungen Thron zu befestigen . Jetzt gilt es , meiner Nachkommenschaft diesen Thron auch zu sichern . Das kann die Diplomatie besser , wie der Krieg . Sie sehen , ich bin sehr aufrichtig . « » Euer Majestät danke ich dafür . Was Rußland dazu thun kann - - - « » Nein , mein Herr , das sind vage Versprechungen . Ich muß die ganz bestimmte Erklärung haben , daß Rußland die Bourbonen für alle Zeit fallen läßt . Mit den Orleanisten und den Republikanern werde ich schon allein fertig , das Einzige , was meiner Familie entgegen stehen kann , ist die Tradition - und mit dieser muß Rußland freiwillig - merken Sie wohl - freiwillig und offen brechen , wenn ich meinerseits Opfer bringen soll . « Der junge Unterhändler schwieg , auf seiner kräftigen Stirn lagen schwere Wolken . » Die Romanow ' s , « fuhr der Kaiser streng fort , » haben eben so gut ihren Anfang gehabt , wie die Bonaparte ' s. Ich bin nicht einmal der Erste , sondern bereits das dritte Glied meines Hauses auf dem Throne . Sie werden mir zugestehen , daß die Bourbonen ihre Glanzzeit überlebt und ihre Restauration nicht haben aufrecht halten können . Dies würde auch künftig der Fall sein . Die Orleans sind ein Geschlecht von Unruhstiftern und Gelegenheits-Speculanten . Sie haben also keine Bürgschaft für die Zukunft , als in mir , und wenn je ein Mann das Wort wahr gemacht , daß er mit der Revolution gebrochen , so bin ich es ! « » Euer Majestät legen , ich erkenne es im Namen meines - Gebieters an , die Nothwendigkeit klar dar , aber nicht die Mittel . « » Hören Sie mich an - ich fordere keine Erniedrigung der legitimen Höfe von Europa , wie mein Onkel thörichter Weise , um seinem Stolz zu schmeicheln , that ; aber ich fordere anerkennendes Entgegenkommen . Ich wiederhole Ihnen , die Person des Kaisers Nicolaus war dasjenige Element , was meinen Ansprüchen in Europa bisher entgegen stand . Er war es , der den Weg , den ich versuchte zur Einbürgerung meiner Rechte , abschnitt . So lange er lebte und unbesiegt war , blieb ich ein geduldeter Emporkömmling und in zweiter Reihe . Gott selbst hat entschieden und Rußland die neue Auffassung der Zeit leicht gemacht . Ich bin kein Eroberer , wie mein Onkel , ich will nicht in Europa gefürchtet , aber ich will gesucht und nöthig sein . Wir werden den Frieden schließen unter Bedingungen , die für unsere beiderseitige Stellung nothwendig und nützlich sind . Dann wird die Zeit neuer Bündnisse und diplomatischer Conjecturen eintreten . Die erste Nothwendigkeit hierzu war die Sprengung der sogenannten heiligen Allianz . « » Sie ist faktisch bereits todt - durch Oesterreichs Dankbarkeit . « » Ja , aber Rußland muß sich verpflichten , auch nicht einmal für die Wiederherstellung des Scheines etwas zu thun . « » Unsere Staatsmänner haben diese erste Forderung Eurer Majestät erkannt und Rußland verpflichtet sich dazu . « » Das ist mir lieb . Es wird , um der allgemeinen Stimme willen , nothwendig sein , daß bei dem Friedensschluß Rußland einige Concessionen am Schwarzen Meere macht , vielleicht die Abtretung einer unwesentlichen Landesstrecke zur sogenannten Regulirung der Gränze und der Donaumündung . Wir sind die Letztere Oesterreich schuldig für seine Rolle , werden aber dafür sorgen , daß es keinen festen Fuß am Schwarzen Meere faßt . Das Protektorat der Donau - Fürstenthümer wird unter die gemeinsame Diplomatie gestellt . « » Das ist ein wichtiger Verlust für Rußland . « » Eine bloße verführerische Gelegenheitsmacherei . Nach dem Verlust Ihrer Flotte und Arsenale im Süden ist Ihnen die Sache ohnehin nutzlos . « » Aber unsere Flotte ist noch nicht verloren ! « Das Auge des Russen blitzte stolz und feurig . » Sie ist es ; - wir können natürlich nicht über den Bosporus wieder zurückgehen , bevor die russische Flotte zu existiren aufgehört . Ueberdies ist sie ja zur Hälfte bereits vernichtet . Doch das wollen wir später erörtern . Sein Sie versichert , daß ich gar keinen Einspruch erhebe gegen jede Verstärkung Ihrer Flotte im Norden , eine solche kann nur mein Wunsch sein und ich werde Ihnen mit Bereitwilligkeit die französischen Werfte für diesen Zweck öffnen . « Der junge Diplomat sagte langsam und feierlich : » Wir sind bereit , unsere Angriffsstellung im Süden zu opfern , natürlich unter Vorbehalt unserer Rechte bei einer künftigen Regulirung der türkischen Frage - aber unter der Bedingung , daß England keine weiteren Erwerbungen am Mittelmeere macht und nicht am Schwarzen Meere festen Fuß faßt . « » Ach , dafür lassen Sie mich sorgen ; Sie werden in Kurzem ein Pröbchen davon hören , wie ich meinen speculirenden Verbündeten in Ihrem Interesse auf die Finger sehe ! Möge Rußland zusehen , wie es sich den Weg nach Indien bahnt und sich nach China ausdehnt , ich werde gar Nichts dawider haben . Asien ist das Land der nächsten fünfzig Jahre . « » Sire - ich will Ihre Offenheit erwiedern - Sie wünschen das Mittelmeer ? « » So ist es - und es ist nicht mehr als billig , daß Frankreich dort herrscht . Seine natürliche Lage berechtigt es dazu und ich hoffe es noch zu erleben , daß jeder lecke Eindringling auf sein natürliches Gebiet zurückgewiesen wird . Sie thaten Recht , mein Herr , geradezu auf den Hauptpunkt unserer Verständigung loszugehen . Hier ist das Bündniß der Zukunft für Rußland und Frankreich . Vorläufig verlange ich nur , daß Sie meine Politik und meine Festsetzung in Italien nicht beschränken , ich werde dafür mit Ihnen in der dänischen Frage Hand in Hand gehen . Dies sprengt das österreichisch - englische Bündniß , und Preußen in Schach zu halten ist Ihre Sache . « » Wir sind einverstanden . Preußen ist ein Staat , dessen Hauptaufgabe seine innere Entwickelung und seine Vertheidigung gegen Oesterreich bleibt . « » Dies , erkenne ich an und wünsche dringend mit ihm ein freundliches Verhältniß . Weiter können wir uns nicht viel nützen ; doch muß ich darauf bestehen und dafür sorgen , daß es nach dem Frieden sich der Anerkennung meiner Berechtigungen anschließt . Dafür werde ich sein Recht der Theilnahme an den Friedensverhandlungen trotz seiner angenommenen Neutralität gegen alle englischen Einwendungen unterstützen . Die öffentlichen Friedensverhandlungen müssen natürlich in Paris stattfinden . « » Sollte nicht Brüssel oder Berlin - - « » Nein , mein Herr - keinen Rückzug ! Das ist das erste und natürlichste Zeichen jener Anerkennung und Sicherung , die eben unser Hauptbedingniß ist . « » Wir überlassen Eurer Majestät die Wahl . « » Und nun , da wir mit der Zukunft fertig sind , lassen Sie uns zur Regelung der Nebenfragen übergehen , ich meine die ehrenvolle Beendigung des Krieges selbst und die Entscheidung über Sebastopol . « » Sire , Sie werden Nichts verlangen , was die Waffenehre Rußlands beleidigt ! Wir wünschen den Frieden , aber wir sind nicht besiegt , und - ich muß es wiederholen - Ssewastopol ist fester denn je ! « Der Kaiser sann eine Weile nach . - » Die Verständigung ist vom militairischen Standpunkt schwieriger , als vom politischen . Sie sind wahrscheinlich selbst Offizier oder haben wenigstens gedient ? « Der Fremde verbeugte sich . » So werden Sie desto leichter einsehen , daß ich die Armee schonen muß . Sie kann ohne einen Erfolg oder eine große Niederlage nicht zurückkehren , und die letztere würde alle unsere diplomatischen Pläne vernichten oder in weite Ferne schieben . Der Franzose lebt von der gloire und ich darf die Armee nicht verletzen . Vielleicht eine ehrenvolle Capitulation ? « » Sire , Sie haben die britische und die türkische Armee zu Aliirten ! « » Ei , die könnte man sich vom Halse schaffen - geben Sie den Burschen in Kleinasien eine Lection , dort ist mir Ihr Sieg ganz recht . Doch machen Sie selbst einen Vorschlag , Sie werden ohne einen solchen nicht hierher gekommen sein . « » Lassen Euer Majestät uns den Kampf um Ssewastopol gleich einem Turnier des Mittelalters betrachten . Welches dann auch der Ausgang sei , die politischen Folgen sind durch die eben erfolgte Verständigung über die Zukunft geregelt ; - unsere Armeen kämpfen nur noch um die Ehre . Euer Majestät mögen selbst den Zeitpunkt bestimmen , bis zu welchem Tage dies Turnier dauern soll . Jeder thue das Mögliche für den Ruhm seiner Waffen . Die Einnahme der Südseite oder der von Ihnen festgesetzte Termin endet den Kampf und läßt einen Waffenslillstand eintreten , während dessen der Frieden geschlossen wird . Auch im Fall das Glück uns begünstigt , wird Ssewastopol ein Schutthaufen und - ich gestehe es zu - unsere militairische Herrschaft auf dem Schwarzen Meere für längere Zeit vernichtet sein . Man stampft weder Arsenale , noch eine Flotte , noch ihre Equipage aus den Gräbern . « Das Auge des jungen Mannes mit dem stolzen , ernsten Gesicht schaute finster und voll Schmerz - es war , als läge diese stolze Flotte , diese Riesenschöpfung nicht auf dem Grunde des Meeres , sondern in der Tiefe seines Herzens begraben . Es folgte eine Pause . Endlich schrieb der Kaiser einige Worte auf ein Blatt und reichte es dem Unterhändler . - » Ist Ihnen dieser Datum genehm ? « » Ja , Sire , obgleich alle Chancen dann für Sie sind . Ueberlebt Ssewastopol diesen Tag , so wäre es - ja , es wäre Wahnsinn , Ihre brave Armee noch einem Winter , wie der vorige , auszusetzen . Der Wassenstillstand beginnt demnach auf jeden Fall vor diesem Tage an ? « » Ich bin es zufrieden ! - Wenn Sebastopol fällt , selbst im Sturm , sollen sich Ihre Truppen unangefochten zurückziehen dürfen . Wir werden den Sieg nicht verfolgen . « » Ich danke Ihnen , Sire , obgleich ich hoffe , daß er auf unserer Seite sein wird . Die Einschiffung der Franzosen wird von uns durch keine Feindseligkeiten gefährdet werden . « Beide Parteien lächelten unwillkürlich bei diesem Wettstreit des Nationalstolzes . » Ihr Turnier , mein Herr , wird Ströme von Blut kosten . Können wir auch die Menschenleben verantworten ? « Der Russe sah ihn erstaunt an . - » Elihn Burrit , Sire , ist ein Narr . Fürsten können keine Philantropen sein , wie theilnehmend auch ihr Herz dem einzelnen Leiden schlägt . Die Armeen der Könige sind die Aderlaßmesser der menschlichen Gesellschaft . Wir Russen machen Politik mit den Soldaten , nicht um der Soldaten willen . « » Sie sprechen kühn , « sagte lächelnd der Kaiser , indem er sich erhob , » und sind überhaupt ein seltsamer Unterhändler , mit dem man sehr rasch zu Ende kommt . Walewski und Nesselrode hätten sicher zu dem , was wir in einer halben Stunde erreicht , Monate gebraucht , was allerdings wahrscheinlich noch mehr Blut gekostet haben würde . Doch - wir haben bei alledem einen Hauptfactor ganz außer Spiel gelassen - Seine Herrlichkeit Lord Palmerston und meine intimen Verbündeten ! « » Euer Majestät Flotte - ich mache Ihnen mein Compliment über Ihre Marine - und die Russische hätten vereint England vom Erdball peitschen können ! Euer Majestät mögen es mit England einrichten nach Ihrem Belieben . Wir unterhandeln mit Frankreich . « Ein selbstzufriedenes stolzes Lächeln lag auf dem Gesicht des französischen Herrschers . - » So wären denn alle Punkte geordnet - aber in welcher Form wünscht Seine Majestät der Kaiser Alexander einen Austausch unserer Stipulationen ? « » Sire , mein - der verewigte Kaiser hat uns die Lehre von dem blauen Buch hinterlassen . Mein Souverain ist zufrieden mit dem Versprechen Eurer Majestät , das ich die Ehre habe , hiermit anzunehmen . Ich habe Ihnen freilich dagegen Nichts zu bieten , als eben diese Vollmacht . « » Ihr Wort genügt mir gleichfalls , « sagte sein Gegner artig . » Es soll mich sehr freuen , Eure Kaiserliche Hoheit nach geschlossenem Frieden offiziell in Paris zu empfangen und das bewiesene Vertrauen dann zu vergelten . « » Sire - - - « Der Herrscher Frankreichs überreichte dem überraschten Gast das kleine Buch , in welchem er mehrfach geblättert , aufgeschlagen an einer der ersten Seiten , indem er zugleich die Feder der Glocke drückte . Es war der Gothaische Almanach vom Jahre 1850 . Die Thür hinter der Portiere öffnete sich augenblicklich und Oberst Ney trat ein . » Leben Sie wohl , « sagte der Kaiser , indem er seinem Besuch die Hand reichte , » und reisen Sie glücklich . Ich hoffe , das Turnier fällt zu unserer beiderseitigen Zufriedenheit aus und wir sehen uns recht bald wieder . Lieber Graf , Sie werden die Gefälligkeit haben , sich ganz zur Disposition - - dieses Herrn zu stellen . « Er geleitete den Besuch , der seit jener Anrede ein bedeutsames Schweigen beobachtet , mit auffallender Artigkeit bis an die Schwelle des Gemachs . Als er zurückkam , warf er sich auf die Ottomane und bedeckte , tief aufathmend , das Gesicht einige Augenblicke mit der Hand . Als er sie zurückzog und wie an jenem Abend - vor Jahresfrist - vor das Portrait seines Oheims trat , war sein Antlitz marmorfest in den stolzen Zügen und das Auge ruhte mit einem gewissen selbstzufriedenen Hohn auf dem Bilde . - » Die Sühne ist gebracht - meine Schuld an Dich abgetragen und die Beleidigung , die mir selbst geworden . Jetzt kommt die Zeit , die mein allein ist ! « Der Kaiser schritt gedankenvoll einige Male auf und nieder . » Ich bin müde von all ' dem , « sagte er endlich , » und muß zu Ende kommen . Sehen wir , ob Walewski meinen Mann gefunden hat . « Er klatschte in die Hände und sein vertrauter Kammerdiener Andrée trat sogleich durch die entgegengesetzte Thür ein . » Ist der Graf im Salon - allein oder in Begleitung ? « » Seine Excellenz harren seit einer Viertelstunde . Es ist ein alter Herr bei ihm . « » Laß Beide eintreten . « Der Gebieter hatte wieder auf der Causeuse Platz genommen , der große Arbeitstisch trennte ihn von den Eintretenden . Diese waren der Graf Walewski und der Mann , welchen der Kaiser am Triumphbogen getroffen , diesmal in einer seinem Alter entsprechenden vornehmen Civilkleidung , mit dem Kreuz der Ehrenlegion geschmückt . » Ich danke Ihnen , mein Herr , daß Sie Wort gehalten haben , « sagte der Kaiser . » Es ist lange her , daß wir uns nicht gesehen , dennoch erkannte ich Sie sogleich - trotz der Verkleidung . Beabsichtigen Sie auch jetzt noch , Ihr Incognito beizubehalten ? « » Sire - ich bin der Graf Lubomirski , Escadronchef der polnischen Lanziers unter Ihrem Oheim , zuletzt Oberst in der Armee der polnischen Republik . « » Ah ! ich kenne den Namen , einer der Helden von Somosierra mit Niegolewski - wenn ich nicht irre ? « Der Greis verbeugte sich . » Mein Herr , « fuhr Jener fort , » unsere Bekanntschaft ist seltsamer Art und ich gestehe Ihnen offen , daß ich es bedaure , einen Mann Ihres Namens in Verhältnissen und Verbindungen zu treffen , deren Natur nur geheimnißvoll und verbrecherisch sein kann . Dennoch habe ich Vertrauen zu Ihnen und habe Sie unter Verpfändung meines Ehrenworts zu dieser zweiten Zusammenkunft eingeladen , um einige Fragen und eine Mittheilung an Sie zu richten . « » Sire - meine Anwesenheit zeigt Ihnen , daß ich Ihnen antworten werde - so weit es mich betrifft - aber nur , - wenn ich die Ehre einer geheimen Audienz habe . « » Ich bat Sie schon früher , lieber Walewski - - - « » Euer Majestät verzeihen - aber ich muß mich weigern , Sie mit einem Manne allein zu lassen , der zu dem Bunde Ihrer gefährlichsten Feinde gehört . « » Der Herr war Offizier meines Oheims , « sagte der Kaiser ruhig , » Sie hörten es selbst , lieber Graf ; ich entbinde Sie aller Verantwortung und nehme diese auf mich . Bleiben Sie im Nebenzimmer . « Der Minister entfernte sich schweigend , nicht ohne noch einen besorgten Blick auf den Polen geworfen zu haben . Der Gebieter Frankreichs und der Sectionschef der revolutionairen Propaganda waren allein . Erst nach einigen Augenblicken brach der Erstere das Schweigen . » Sie sind ein Mitglied der sogenannten Marianne oder vielmehr des Bundes der Unsichtbaren ? « Ein spöttisches Lächeln zuckte unter dem grauen Schnurrbart des Polen . - » Euer Majestät sind gut unterrichtet durch den Baron Riepéra . « » Sie haben das unbedingte Versprechen Ihrer eigenen Sicherheit in der Hand . Wollen Sie mir deshalb aufrichtig eine sonst gefährliche Frage beantworten ? « » Ich erklärte mich schon bereit dazu - da es ohnehin wohl die letzte Unterredung sein wird , mit der Euer Majestät mich beehren . « » Das wird von Ihnen abhängen , « bemerkte der Kaiser , ohne auf den Doppelsinn zu achten . » Sagen Sie mir offen und ohne Besorgniß : wußten Sie um den heutigen Mordanfall gegin mich ? « » Ja , Sire ! « » Also doch - ein politisches , wohlüberlegtes Attentat , nicht der Wahnsinn eines Einzelnen ! Das ist abscheulich ! « » Sire - Sie sind uns im Wege - Sie haben sich aus unserer Stütze zu unserm Herrn gemacht , Sie , der Republikaner auf dem Throne , sind der bitterste Feind der socialen Republik geworden - Sie müssen sterben , Sire ! « » Alter Thor ! wissen Sie nicht , daß das Leben der Männer , die Gott auf einen Thron gesetzt , vor allen andern unter seinem Schutz steht ? « » Aber die Königsmörder , Sire , sind oft die Rächer in der Hand Gottes . « » Das ist Blasphemie ! Hören Sie , was ich Ihnen zu sagen habe , und hinterbringen Sie es den Häuptern Ihrer Verbindung , wenn Sie nicht , wie ich vermuthe , selbst eines - bitte , « unterbrach er sich , denn der Graf war dem breiten Tisch einen Schritt näher getreten - » bleiben Sie an Ihrem Platz , ich wünsche nicht eine allzu große Nähe . Also hören Sie oder berichten Sie Jenen meinen festen Entschluß . Ich habe nicht Lust , meine Person politischen Fanatikern oder Schurken länger zur Zielscheibe dienen zu lassen , weil ich ihren Plänen unbequem geworden bin . Ich erkenne an , daß die revolutionaire Propaganda so gut eine bestehende Macht ist , wie die legitimen