mit seinem Stuhle ungeduldig hin und her und riß zornig seine Augen auf ... Ihr singt so schön , sagt ' ich dem Mädchen , fuhr Murray in ungestörter Ruhe fort . Ihr singt so schön , mein gutes Kind , und ich muß Euch danken , daß Ihr meine Hoffnung damit aufrichtet . Was ist Das für ein Lied , das Ihr eben sangt ? Da nannte sie einen Franzosen , Louis Armand , der es gedichtet hat ... Rafflard horchte beruhigter . Diese Mittheilung schien ihm nicht ganz ungehörig zu sein . Ich bat um die Strophen , fuhr Murray fort , und sie gefielen mir . Das waren Worte , wie sie im Herzen des fühlenden Freundes der Armen widerklingen müssen . Louise Eisold hatte sich selbst dazu eine Weise erfunden . Es war Schwung darin , Rhythmus , Harmonie ... Wetter ! sprang Rafflard auf und stand wie starr über diese gebildeten Worte . Treibt Ihr Musik ? fragte er tonlos . Was ist Das ? Murray besann sich , stockte eine Weile und sagte dann : Eh ' ich meinen Ältern davon lief , hatten sie viel auf mich gewandt . Ich strich die Violine und verstand mich besonders auf die Doppelgriffe ... Ha ! Ha ! lachte Rafflard , der den Doppelsinn auffaßte , den Murray mit schlauer Miene absichtlich in die musikalische Terminologie legte , und sich beruhigte ... Seitdem , fuhr Murray fort , schätz ' ich Louis Armand und wünschte , ihn kennen zu lernen . Die Gelegenheit fand sich . Das Vertrauen , das Ihr mir geschenkt habt , Herr , führte mich dem Fränzchen Heunisch in die Nähe . Gestern früh macht ' ich des Dichters persönliche Bekanntschaft . Und ... Es war nach zehn Uhr . Er kam verstimmt nach Hause . Ich hörte ihn von dem Zimmer aus , das ich mir für acht Tage gemiethet hatte . Ich ging zu ihm und fand einen jungen , gefälligen Mann ... Wozu gefällig ? Erst sprach ich von seinem Gedicht , von Louise Eisold , ihren Geschwistern und was sich so ergibt aus der kleinen Welt , in der diese Menschen leben . Dann kam auch Heinrich Sandrart ... Was wollt Ihr denn mit ... Der junge Mann , der seine Eltern so bekümmert ? Ich bin auf der Folter ... Louis Armand gestand es ja ein . Gestand es ein ? Was ? Daß Heinrich Sandrart Fränzchen liebt . Und als ich ihm den Wunsch der Eltern oder Verwandten aussprach , durch eine Entfernung Fränzchen ' s auch Heinrich Sandrart zur Vernunft zu bringen , erbot er sich , mir um so mehr die Hand zu reichen , als eben an ihn ein Brief von dem Onkel des jungen Mädchens angekommen war ... Welcher Onkel ? Den Ihr kennt ! Ihr kennt ja die Verwandten ? Herr ! Murray ! Murray ! Ihr habt klüger sein wollen , als ich ... Herr , sagte Murray , ich habe Gewalt vermeiden wollen . In Teufels Namen , wenn Sie einem Banditen sagen : Stich Den und Den nieder und der Bezeichnete ist eben im Begriff , sich selbst an den nächsten Baum aufzuknüpfen , wird der Bandit ein Esel sein und erst noch einen überflüssigen Mord auf seine Seele laden ? Der Onkel schreibt an Louis : Veranlassen Sie Fränzchen zu mir zu kommen ! Ich bin nicht wohl ! Die Ursula Marzahn will sterben . Fränzchen soll nur diesen Winter bei mir bleiben ... Die Ursula Marzahn , Herr , darf nicht sterben ! Wissen Sie , Herr , sie darf nicht ! Kennen Sie die Ursula , Herr ? Damit war Murray aufgesprungen und hatte sich dicht vor Rafflard hingestellt , der nicht wußte , wie ihm geschah . Er sah die Aufregung des Alten und mußte ihn , aus Furcht , ihr Gespräch dürfte zu laut werden , gewähren lassen . Murray besann sich und nahm wieder Platz . Nach einer Weile , währenddem Rafflard nicht mehr wußte , was er aus seinem Gegenüber machen sollte , fuhr dieser fort : Ist einmal Franziska im Hohenberger Walde , so nimmt Sandrart , dem es schon längst in seiner bunten Jacke zu eng ist , den Abschied und der Zweck , den Ihr wollt , ist erreicht . Nicht so , Herr ? Rafflard erhob sich jetzt und warf seine Zuckerdose ärgerlich auf den Tisch . Welch ' ein Thor Ihr seid , Alter ! rief er . Welche alberne , kindische Geschichte Ihr erfunden habt ! Wer hat Euch denn gerathen , weise zu sein , nachzudenken , Finessen zu machen ! Wenn Leute Eures Schlages diplomatisch werden wollen , kommt nur Verkehrtes an den Tag . Sie soll fort ! Heute noch ! Und Der , der Ihr folgen soll , Der , den sie liebt und der sie wieder liebt , ist nicht der Soldat da , sondern ... Ha ! Ha ! Ich weiß es , rief Murray rasch , der , der sie liebt , ist ein Sprachlehrer , Namens Sylvester ... Rafflard wandte sich , um nicht sein Erschrecken zu verrathen . Herr Sylvester ! fuhr Murray fort . Ja ! Ja ! Sie hat ihn auf dem Fortunaballe kennen gelernt . Er hat ihr Sprachunterricht geben und sie verführen wollen . Herr , dieser Sylvester ist es ! Eine lange Figur , schwarze Perrücke , auch die verdammt kleine Nase , auch das Kinn des Pavians ... wie ich sehr vermuthe , der Doppelgänger des Signor Barberini , Herr ... Meinen Sie nicht ? Es ist Der ? Rafflard , ohne sich umzuwenden und von Murray auf den Spiegel gewiesen , sagte leise und zitternd : Auch Der nicht ! Zum Henker ! So sagen Sie ' s , wer es ist ! donnerte Murray . Dieser selbe Louis Armand ist ' s ! Habt Ihr , Wahnsinniger , denn nicht bemerkt , daß nur er , er es ist , den Franziska liebt ? Habt Ihr Euch in Eurer tollen Weisheit so hinter ' s Licht führen lassen , daß Ihr nicht merktet , daß er sie vergöttert und sie bis an ' s Ende der Welt aufsuchen würde , wenn es hieße , sie ist in Hamburg , in London ... wo weiß ich , Ihr alter Sünder Ihr ! Murray blieb auf diese Worte in einer eigenthümlichen Stellung sitzen . Er hatte das linke Bein über das rechte gelegt und hielt es mit beiden Händen , unruhig an ihm rüttelnd , fest . Es schien , als müßte er durch diese Bewegung eine große innere Unruhe im Zaume halten ... Dieser Louis Armand ist es , fuhr Rafflard fort , dessen communistische Träumereien hiesigen achtbaren Familien , mit denen er in Verbindung steht , die größten Gefahren drohen . Wenn etwas ihn entfernen kann , etwas ihn in die Welt jagt , um sich zu ändern , zu bessern , Menschen kennen zu lernen , so ist es die Unruhe über das Loos jenes Mädchens , das er zu heirathen entschlossen ist . Es ist ein Werk der Sittlichkeit , der Erziehung , der Besserung , das Ihr fördern solltet , Murray , und so verkehrt habt Ihr es angefaßt ! Nun denn , sagte Murray ruhig . Warum wart Ihr nicht gleich gegen mich offen , Herr ? Was erhalt ' ich , wenn ich heute Abend mit Franziska Heunisch nach dem Walde von Hohenberg abreise und morgen früh Louis Armand es ist , der uns dorthin folgt ? Das ist nichts , sagte Rafflard . Auf Monate muß er entfernt bleiben . Entführt das Mädchen , wohin Ihr wollt ! Louis Armand muß weit weg avisirt werden . Wie aber , wenn Louis Armand den ganzen Winter aus freien Stücken auf dem Schlosse Hohenberg bliebe ? Rafflard horchte auf ... Murray zog seine Brieftasche , öffnete sie langsam und nahm ein Billet heraus , das er dem , jeder seiner Bewegungen erstaunt folgenden spinnenbeinigen Professor mit den Worten überreichte : Der Bravo lauerte hinter einem Baume , an dem sich sein Opfer eben selbst erhängt ! Von wem ist das Billet ? fragte Rafflard befremdet wieder über das Wort Bravo ... Louis Armand empfing es gestern Abend um die zehnte Stunde . Rafflard las : » Mein theurer Louis , soeben komm ' ich vom Schloß . Der König und seine ganze Familie haben mir ein Vertrauen bewiesen , das ich ehren muß . Mein Programm ist angenommen . Es kommt nur noch darauf an , Männer zu finden , die sich in meine Ideen einzuleben vermögen und meine Collegen werden . Sind diejenigen Namen , die selbst eine Politik vertreten möchten , zu stolz , sich meinen Ansichten zu fügen , so befiehlt der Monarch einigen Bureauchefs , sich meinen Befehlen unterzuordnen . Jetzt , Louis , hab ' ich eine Bitte ! Die Geschäfte des Staates werden mich so in Anspruch nehmen , daß ich mich meinen eignen Angelegenheiten völlig entziehen muß . Erweise mir die Gefälligkeit und reise in meinem Auftrage nach Hohenberg ! Es wäre mir lieb , wenn du schon morgen gingest . Ich muß wissen , wie es dort aussieht , was der neue Generalpächter beginnt , ich habe Ursache , auf die Wiederherstellung meiner äußeren Verhältnisse den größten Werth zu legen . Sollte ich bei der Überfülle der Zumuthungen , die mir jetzt werden gestellt werden , dich , meinen theuersten Gefährten und Bruder , nicht mehr sehen können , so entnimm vom Banquier von Reichmeyer Alles , was du zur Bestreitung dieser Reise bedarfst . Beaufsichtige den Zustand meines ganzen kleinen Fürstenthums , den ich nicht länger vernachlässigen will ! Nimm dir Zeit dazu und sorge , daß für das bevorstehende Frühjahr Alles so in Angriff genommen wird , als es nöthig ist , um mit Ackermann einverstanden zu bleiben . Lebe wohl , Louis ! Der unsichtbare Genius , der uns verbunden , schütze dich und mich ! Dein Egon ! « Rafflard ' s Mienen verklärten sich sonnenhell . Einen solchen Einblick in die innersten Angelegenheiten seines ihm so feindseligen Zöglings hatte er nicht erwartet ! Wo habt Ihr das Billet her , Murray ? fragte er und hustete sich aus . Das Bücken beim Lesen hatte ihn angegriffen . Von Louis selbst ! sagte Murray in seinen früheren dumpfen brütenden Ton zurückfallend . So vertraut seid Ihr mit ihm ? Ea war zehn Uhr Abends , als dieser Brief ankam . Ich hatte drei Stunden mit ihm allein gesessen ... Drei Stunden ... Ich hatte ihn traurig gefunden ; denn er nahm Abschied von einem Freunde , Namens Siegbert Wildungen , der nach einem Dorfe Schönau reist - . Schönau ? In der That ! rief Sylvester mit großer Befriedigung ... Er nahm Abschied von einem anderen Freunde , Namens Dankmar Wildungen , der einen wichtigen Proceß in erster Instanz verloren hat und nach Angerode in Thüringen reist , um sich neue Hülfsmittel zu einem großen Unternehmen zu holen und eine kranke Mutter zu sehen ... Murray ! Du bist ein Freudenbote ! Er nahm Abschied von einem Geistlichen , Namens Rudhard , der in diesen Tagen die Residenz mit der ganzen Wäsämskoi ' schen Familie , die Fürstin ausgenommen , verlassen will ! Rafflard stand auf . Dieses natürliche Lösen der Kette , die sich um Egon geschlungen hatte , erwartete er nicht ... Ich fand Louis Armand , fuhr Murray fort , gestört , unglücklich , in Thränen . Ich wollte ihn zerstreuen , trösten . Ich bin unglücklich mit meinen Tröstungen . Als es zehn Uhr schlug , kam dieser Brief ... Er wird gehen ? Er ist schon fort . Morgen , wenn ich eine Todte begraben habe , folg ' ich ihm mit Franziska Heunisch ... Ihr mit dem Mädchen ? Warum nicht ? Euch vertraut er sein Theuerstes ? Mir nicht , warum nicht mir ? Murray ! Ha ! Ha ! Murray , wodurch habt Ihr ihn so bezaubert ? Durch die Wahrheit ! Welche Wahrheit ? Die Wahrheit meines Lebens , mit der ich in drei Stunden ihn zu zerstreuen suchte . Ha ! ha ! Und da glaubt er Euch ? Das ist lustig , Murray ! Ha ! ha ! Aber Ihr wollt das Mädchen nun in den Wald führen zu Louis Armand ? Alterchen , wie wär ' es doch , wenn man lieber einen Ort ausfindig machte , wo der allerliebste kleine Engel nur Euch und zuweilen mich sähe ! Wenn man mit dem Nutzen im Allgemeinen hier noch einen Vortheil für sich im Besondern verbände . Murray , wenn man das schöne Mädchen irgendwo versteckte , knebelte ... Ihr wißt zu bezaubern . Wodurch habt Ihr diesen Armand gewonnen ? Noch mehr ! Durch die Wahrheit über Euch , Rafflard , habe ich ihn ganz gewonnen ! Rafflard richtete sich auf , wie vom Donner gerührt . Das war ein Wort , das ihm die lüsternen Lippen erstarren machte . Durch die Wahrheit , die ich Euch verschwiegen habe , Elender ! Murray ! Rafflard ! Seid Ihr toll ? rief Rafflard , dem es war wie ein plötzlicher Überfall . Barberini ! Sylvester ! Jesuit ! Wahnsinniger ! stöhnte Rafflard und sprang an die Thür . Murray ihm zuvor . Beide rangen um den Ausgang ... Durch die Wahrheit , donnerte Murray und packte den langen Feigling fest im Genick , durch sie hab ' ich einen Edlen gewonnen , der schauderte , als er erfuhr , daß ich zu Eurem verbrecherischen Antrage nur schwieg , weil ich ihn hören , ganz hören , Euch ganz entlarven und Die , die er betraf , warnen wollte . Lügner ! krächzte Rafflard und wollte die Thür gewinnen . Ich log mich als Sünder , sagte Murray ihn zurückschleudernd , als elenden Helfershelfer Eurer tückischen Pläne , weil ich das erste mal , daß ich den Namen Franziska Heunisch hörte , zitterte , denn ich habe Ursache , Menschen , die mit dem Geheimnisse meines Lebens zusammenhängen , zu schonen , zu schützen , wie ein Engel zu bewahren . Du Teufel , glaubst , daß ich der Hölle entstammt bin wie du ! Was Heinrich Sandrart ! Was die gemiethete Wohnung ! Nichts von Allem ist wahr , als daß dein Nebenbuhler dir von selber weicht ! Aber auch das Opfer , das du ihm nicht gönntest , ist die entrissen . Ich werde Franziska schützen . Diese Tücke ist dir mislungen , Elender ! Rafflard war auf seinen Stuhl zurückgesunken , todtenbleich . Murray hatte sein Terzerol gezogen . Rafflard verzog keine Miene . Seine Geistesgegenwart war erschüttert , aber sie verließ ihn nicht ganz . Aus den letzten Worten Murray ' s entnahm er , daß er bei ihm nur ein Attentat auf die Tugend eines jungen reizenden Mädchens voraussetzte . Er ergriff rasch den Gedanken , sich durch Humor zu helfen . Frech zog er eine Börse hervor und sagte , sie in die Luft werfend , lachend : Murray , Das war dir bestimmt ! Nimm ! Ich erkenne , du gehörst zu Denen , die sich hüten , rückfällig zu werden . Es ist nie gut . Ihr habt Recht ! Ja , ja , Alter ! Ich habe den Fehler , verliebt zu sein in Mädchen mit wächsernen Augenlidern und schwarzen , langen Wimpern . Es ist eine Narrheit , der zu Liebe ich sogar Komödie spiele und den Sprachmeister mache , französischen und italienischen Unterricht gebe ! Ha ! ha ! Alter , nimm ! Wir wollen uns versöhnen ... im Geiste der Liebe ! Murray stieß die Börse zurück . Sein Scharfsinn sagte ihm jetzt , daß er sich in der Voraussetzung eines Attentats auf die Unschuld Franziska ' s möchte geirrt und die Ursache der Rafflard ' schen Anträge vielleicht noch eine ganz andere wäre . Er wollte forschen und mäßigte sich ... Dankt Gott , sagte er , dem Gott , dessen Namen Ihr in meinem Kerker und dem des Mädchens , das ich morgen begrabe , unnützlich führtet ... Das schöne Mädchen , mit dem Ihr auf dem Fortunaballe ergriffen wurdet ... lenkte Rafflard ein , erleichtert , daß er auf einen andern Gegenstand kommen durfte ... Ist todt ... sagte Murray , der bei diesem Gedanken alle Vortheile seines Sieges über den Elenden aufgab . Wie kam Das , Alterchen ? Wohl so , wie es manchem Mädchen von wächsernen Augenlidern und langen Wimpern gegangen wäre , wenn Ihr eine schönere Nase hättet und ein menschlicheres Kinn ! Ich wünschte , Murray , versuchte Rafflard zu scherzen , Ihr nähmet lieber das Geld und ließet etwas mehr von meiner Schönheit gelten . Ihr macht Euch bitter bezahlt ... Bessert Euch und belügt die Welt nicht mehr ! sagte Murray , legte die früher empfangenen Dukaten auf den Tisch und wandte sich zum Gehen , da er in dem Nebenzimmer Geräusch , Thürenschlagen , rasches Laufen hörte . Rafflard , aufathmend , begleitete ihn mit aller Freundlichkeit , schlug ihn auf die Schulter zur Versöhnung und ließ ihn aus dem gelben Zimmer mit den Worten : Alterchen , wir bleiben doch Freunde ! Die Philosophie verbindet uns . Auf Wiedersehen , wenn Ihr aus Hohenberg zurückkommt . Ihr seid in das kleine Ding verliebt und eifersüchtig auf mich ! Verstellt Euch nicht ! Führt sie in den Wald ! Lebt glücklicher mit ihr als mit den Damen , unter deren Ruf Ihr leidet und die Euch sterben , wenn sie Euch Geld gekostet haben . Auf Wiedersehen , Murray ! Lebt wohl , alter Freund ! Der lange , zudringliche Mann entließ Murray scheinbar wie seinen besten Freund . Murray ging und seufzte über die verwilderte Phantasie eines Schurken , der nicht im Stande war , irgend noch ein Verhältniß rein und sittlich aufzufassen . Das Entzücken , in dem Rafflard über die freie Bahn , die sich nun zwischen ihm , Egon und Helene d ' Azimont eröffnete , sollte aber nicht lange währen . Er sollte bald kennen lernen , daß Egon einer jener Menschen war , die über jede Berechnung hinauswachsen . Kein Maßstab paßt auf Individuen so flugschneller Entwickelung . Wie der Jesuit die Bedienten nach der Gräfin fragte , wie man ihm sagte , sie wäre zwar soeben von ihrer Spazierfahrt zurückgekommen , hätte aber vom Fürsten Egon einen Brief erhalten und sich eingeschlossen , wußte er , ohnehin noch erschüttert , nicht , was er thun sollte . Seit zwei Tagen hatte er sie nicht gesprochen . Alle seine Pläne gingen so günstig vorwärts . Er hatte der alten Gräfin nach Paris die besten Versicherungen schreiben können , daß er sich ihrem Auftrage , eine Scheidung zwischen ihrem Sohne und Helenen zu befördern , mit dem günstigsten Erfolge unterzöge . Helene hatte er seit vorgestern früh nicht gesehen . Er hoffte , sie mit der Aussicht , daß der Bund , der sich um Egon gebildet hatte , zersprengt , zerstreut , entfernt war , auf ' s angenehmste zu überraschen , und nun hörte er , daß sie weine , krank wäre , ihn abweise und sich schon wieder eingeschlossen hätte ! Eine längere Ungewißheit ertrug er nicht . Er näherte sich der verschlossenen Thür und lauschte . Es war ihm , als hörte er weinen . Um des Himmels Willen , dachte er , was hat die Gräfin vor ! Was ist geschehen ? Er öffnete leise das Metallplättchen über dem Schlüsselloch . Die Bedienten , denen der Zustand ihrer sonst so gutmüthigen und freundlichen Herrin Besorgnisse einflößte , unterstützten ihn in seinem Beginnen . Er konnte Helenen nicht sehen . Der Schlüssel , der von innen steckte , verhinderte es . Aber deutlich hörte er , daß sie weinte und mit den Zähnen klapperte wie eine Fieberkranke . Jetzt hielt er sich nicht länger . Er klopfte . Helene antwortete nicht . Er klopfte stärker und rief durch das Schlüsselloch : Beste , theuerste Freundin , was beginnen Sie ! Lassen Sie mich hinein , Ihr wärmster , aufrichtigster Freund muß Sie sprechen ! Es sind Wunderdinge geschehen . Öffnen Sie , Gräfin ! In der That hörte er die Gräfin gehen . Sie erhob sich . Er hörte ihr Kleid rauschen . Sie schloß auf . Wie er eintrat , sah er eine Jammergestalt . Die Wangen der schönen Frau waren wie grau . Die Augen erloschen . Die Hände schlaff herabhängend . Er faßte die Rechte , sie zu küssen . Sie war eiskalt . Aber , was ist Das ? rief er . Gräfin ! Ich komme , um Ihnen zu sagen , daß von morgen , vielleicht schon von heute an der Fürst von allen seinen Umgebungen gänzlich verlassen ist . Er wird Minister . Das ist wahr . Aber die Stunden der Muße , der Erholung , deren er nur zu sehr bedarf , werden unverkürzt Ihnen gehören . Wieweit sind Sie ? Statt aller Antwort gab Helene dem Sprecher einen Brief . Es war dieselbe Handschrift wie die , die er eben an Louis gerichtet gesehen hatte . Egon schrieb an die Gräfin eine Entscheidung ihres Schicksals . Vierzehntes Capitel Zum Lebewohl Der schmerzliche Accord , der durch unsre ernster tönende Erzählung fährt , lautete : » O es ist wol eine der herbsten Entbehrungen , Helene , die sich der Mensch auferlegen kann , wenn er sich dem Arme der Liebe entwindet . Ich habe lange gerungen , mich von den grauen und düstren Vorstellungen , die mein Gemüth umschatteten , zu befreien . Ich kann nicht anders ; ich bin den finstern Mächten der Überlegung verfallen und was ich auch beginne , mich wiederaufzuschwingen zu einem großen , vorurtheilslosen , freien Blicke über das Leben hin , ich kann es nicht . Ich erfülle mein Schicksal . Was mich zu dir führte , geliebte Helene , hab ' ich oft dankend gestammelt . Es war nicht deine Schönheit allein , nicht die Güte deines Herzens , die sorgsame Liebe und Sorgfalt , ja leidenschaftliche Vergötterung Dessen , was du einmal in das Heiligthum deines Herzens eingeschlossen hattest , es war ebensoviel von meinem eignen innern Drange , gerade Das , was ich in dir fand , gerade Das zu besitzen . Ich Ärmster hatte der Liebe so wenig gefunden im Leben ! Liebe ist das behagliche Glück der reinsten Menschlichkeit . Liebe ist das stille Ausruhen an einem Platze , wo es allen Sinnen , den innern und äußern , wohlergeht . So glücklich war ich zwei mal ! In Lyon und in Enghien ! In Paris verlor ich Louison . Ich verlor diese Liebe an Paris selbst . Es gehört zur Liebe ein schlummernder Mensch , der wenig bedarf , wenig begehrt , viel träumen kann . Ein solcher war ich nicht mehr , als ich die große Weltstadt sah , das Gewühl der Menschen , die von Interessen und Meinungen durcheinander gejagt werden . Louison ' s liebliche Gestalt reichte bis zu den Phantasieen nicht mehr hinauf , die mich in der großen Weltstadt zu umgaukeln anfingen . Und doch wollt ' ich entsagen , wollte nicht sein und scheinen was ich war , wollte mich verbergen , lernen , mich bilden . Ich mochte den Begriffen , denen ich in Lyon Treue geschworen hatte , nicht entsagen . Da fand ich Alles , was ich vermißte , in deiner Liebe ! Du hast mich geliebt , Helene , wie die Mutter , die sich vom Gatten abwenden muß , ihr Kind anbetet und in reinen Flammen ihre ganze Seele zu läutern glaubt ! Du fingst an , dich selbst zu lieben , dir selber zu gefallen , als du deine ganze Kraft der Aufopferung mir dahingabst ! Aber auch damals , theures Wesen , warst du mir nur der Widerschein eines innern Bildes , die Befriedigung eines von mir selbst gefühlten Bedürfnisses , ein Gedanke , eine Stufe der Entwickelung , ein Standpunkt zur Anschauung des Lebens . Ach , daß es so ist ! Aber wer kann es leugnen ? Ich war glücklich , bei dir von einem Irrthume , einer Grille auszuruhen . Du nahmst mich ohne Ansprüche . Du wolltest nicht , daß ich glänzte , meinen Ruf wiederherstellte . Du liebtest nur mich , die Person , mein Lachen , mein Weinen , mein Hoffen , mein Klagen , den Menschen , den schwachen , träumenden , bequemen Menschen , der mit der Welt grollte , mit den Seinigen gebrochen hatte und über eine Zukunft philosophirte , die er sich nach den Stimmungen des Augenblicks wechselnd und immer anders ausmalte . Die Flamme brannte und nahm den Docht , wo sie ihn fand . Das Zufälligste machte uns glücklich und Unterhaltung fanden wir in uns selbst . Eine schmerzliche Reue trennte uns . Du weißt , Helene , wie ich mich plötzlich aufgeschreckt fühlte . Ich konnte so , wie sonst , nicht zurückkehren zu dir ! Ich hatte Louis Armand wiedergesehen und fand in ihm noch alle die Keime der Gedanken wieder , die ich in mir selbst erstickt hatte . Ich gab dich nicht auf , Helene ! Das weißt du wohl . Ich floh nicht vor dir , sondern vor mir selbst . Ich floh vor dem Bilde der Trägheit , der zwecklosen Träumerei , das mir von mir selber vorschwebte . Ich floh vor den Jahren , um die ich den Schöpfer betrogen zu haben glaubte . Unschlüssig über mich selbst kam ich hier an . Louis dachte für mich , handelte für mich . Ich folgte seinen weiseren Anordnungen . Die Reise nach Hohenberg , die Krankheit ist dir bekannt , auch unser Wiedersehen , Helene ! Frage den Gott der Liebe , ob es falsche Schwüre waren , die ich in der Seligkeit dieses Wiedersehens gelobte ... sie waren nicht untreu gemeint . Aber ich fühle es , die Art , in der ich allein noch , was ich damals verhieß , ausführen kann , wird dir nimmer genügen . Ich habe angefangen , Alles , was ich seit Genf , seit den deutschen Universitäten , seit Lyon und Paris über die Gesellschaft und das Staatsleben gedacht habe , jetzt in ein System zu bringen . Ich muß den Anfang eines männlichen Berufes machen . Ich bedarf jetzt einer unendlichen Freundschaft , kann aber nur sie , nicht die Liebe , erwidern . Ich fühle mich zur Liebe , zur Hingabe ebenso zerstreut , matt , ohnmächtig , wie glühend ich die uneigennützige , blindeste , treueste Freundschaft bedarf . Es ist mir jetzt , als wenn Männer , die etwas Großes wollen , nicht in der Weise , wie es die Dichter besingen , lieben können . Werf ' ich dir vor , daß du es verschmähst , von meinen Almosen zu leben , von den Blicken zu zehren , die ich in Sturmeseile einen Augenblick innehaltend dir flüchtig zuwerfe ? Wärst du selber ehrgeizig , du begnügtest dich mit ihnen . Aber du bist es nicht . Du willst nur Liebe , das Glück des stillen , ungestörten Besitzes . Du bist eine Lebensdichterin ! Ich bin , wenn ich in allen meinen Hoffnungen und Entwürfen einst scheitern werde , höchstens so glücklich , der Gegenstand eines Dichters zu werden , der mich mit einem Gebet für meine Seele , mit einer Entschuldigung für die Welt , in seiner Darstellung einschaufelt . Du hast dies Leiden gefühlt , Helene , und mir gestern , als ich so grausam , so kalt war , wieder von dem Worte gesprochen , das du schon einmal fallen ließest , du wolltest mein Weib werden ! Helene , daß ein Wort , worin für ein Weib ihre ganze Kraft , ihre ganze Allmacht liegt , hier wie ein Almosen klang , das nicht einmal du gabst , sondern du nahmst ! Mein Weib ! Helene , du mein Weib ! Daß ich verneinend so auffuhr , daß ich so wild stürmte , was war es denn , als daß ich dich für zu hochhalte , um mit dem Bettelpfennig der Ehe die Schuld abzutragen , die du an meiner Liebe zu fordern hast ! Soll die Berechtigung der Ehe harren und warten , bis ich geneigt sein kann , gedrungen mich fühle , die starre Form zu beleben und zu beweisen , daß die Ehe nicht das abfallende Saamenkorn der Blüte , sondern die Blüte in ihrer vollsten Schöne und reichsten Entfaltung sein soll ? In dem Augenblick , Helene , als du von der Ehe sprachst , da sah ich dich mit einem Blatt Papier und einer Feder in der Hand . Schreibe , daß du mich lieben willst oder kraft dieses Blattes mach ' ich dir das Leben zur Hölle ! So klang es mir in ' s Ohr . Mußt ' ich nicht fliehen ? Ich bin nun Minister eines großen Staates . Ein Beruf von unsterblicher Bedeutung ! Ich habe volle Gelegenheit , mich zu tummeln und werde wenig Abende - von Tagen red ' ich nicht - wenig Nächte ganz mein nennen können . Träumen , Helene , wird von dir der erschöpfte Geist . Im Traume von dir werd ' ich Erquickung finden . Diese Furcht vor Dem , was mich binden , mich von meinen Geisteszielen entfernen könnte , geht so weit , daß ich auch von Louis Armand für diesen Winter Abschied genommen habe . Er geht nach meinem väterlichen Schlosse Hohenberg . Auch die jungen Wildungen , die Beide die Residenz verlassen , lass ' ich gern ziehen . Alle Drei sind mir theuer geworden , aber ihre Idealität und träumerische Unbestimmtheit drückt mich . Sie stellen mir Zumuthungen auf den Grund von Voraussetzungen , in denen sie sich irren . Ich