noch immer von Bonaventura ... Demoiselle Schwarz kann dann auch nach Witoborn mit Ihnen fahren ! setzte sie wohlwollend hinzu ... Lucinde saß tiefbrütend und hatte Mühe , ihre Nerven zu bekämpfen ... Jetzt war sie jenem Weinkrampf nahe , der sie nach langer Spannung zu überfallen pflegte ... Armgart stellte Frau von Sicking über die Ankunft der Mutter zur Rede ... Diese , sich in die Frage langsam findend , sagte : Sie irren sich , kleiner Engel ! ... Sie war gar nicht bei mir ! Ich werde die Bekanntschaft erst später machen ! ... Aber Sie haben recht ! Fräulein von Tüngel und Demoiselle Schwarz sprachen von ihr ... Ich bot ihr schon lange meine Wohnung an und ich besinne mich - ich hörte ja - eine Grille von Ihnen ... Wie ist es doch damit ? ... Ein Gelübde , gnädige Frau ! verbesserte Armgart ... Frau von Sicking verzog die Miene zum Ernst und besann sich jetzt : Nun wohl , jetzt weiß ich - Aber - Himmel - ich entführe Sie doch nicht ? ... Wie war das Verhältniß ? Richtig ! Richtig ! ... Ich lasse halten ... Der Wagen flog aber pfeilgeschwind dahin ... So duldete die Tante nicht , daß die alten Pferde der Dorstets anzogen ... Armgart bat , keine Besorgniß zu hegen ; sie hätte dringend in Witoborn zu thun ... Frau von Sicking beruhigte sich und verfiel wieder in ihre eigene Gedankenwelt ... Auch Lucinde blieb lange tiefverloren im Nachklang des Ebenerlebten ... Alle andern Gefahren traten ihr gegen einen einzigen mit Bonaventura zusammen verlebten Augenblick zurück ... Allmählich aber schien sie geneigt , von Armgart Notiz zu nehmen ... Sie erzählte einiges von ihrer Mutter , rühmte sie , gestand einen Brief der Commerzienräthin in Angelegenheiten ihrer Mutter zu , wandte sich dann in ihr Brüten zurück und nur noch einmal nannte sie Terschka ... Armgart hätte sie für ein Lächeln dabei erdolchen mögen ... Lucinde erzählte das ganze erste Begegnen mit Terschka in Piter Kattendyk ' s Gesellschaft ... Armgart ' s beide Zähne blinkten ... Frau von Sicking rügte mit großer Strenge die Absicht des » Herrn Obersten « , ihres Vaters , in Witoborn eine Fabrik zu gründen ... Und paßte das auch für seinen Stand , wie kann er gerade einen Zweig der Industrie wählen , der für Witoborn - ich kann es nicht anders nennen , sagte sie - eine Blasphemie ist ... Sie werden ihn jetzt wol bald selbst sehen ... Sagen Sie ihm das , mein Kind ! Die Gesellschaft ist darüber außer sich ... Ein Hülleshoven legt eine Fabrikation von Papier an - in Witoborn ! ... Denn sage man , was man will , das Papier ist eine Erfindung des Teufels ... die Buchdruckerpresse gewiß ... Armgart hörte diese Ansichten nicht zum ersten mal und dachte ebenso und hielt in schmerzlicher Ergebung den Vater für angesteckt von englischen Einflüssen . Sie verfiel darüber in große Trauer ... Lucinde bezeigte für Armgart noch immer nur ein vornehmes und geringschätzendes Mitleid ... Solche kleine Welt , die » auch schon mitreden will « , war ihr ein Gegenstand der Abneigung ... Dennoch fing sie an etwas zu scherzen , als Frau von Sicking am Pfarrhause abgestiegen war , um sich selbst nach dem Befinden des Pfarrers zu erkundigen und ihn womöglich zu sprechen ... Sie neckte jetzt Armgart mit Benno und Thiebold ... Dann auch mit Terschka , den sie am Jagdabend trotz ihrer Aufregung bei Tafel scharf beobachtet hatte ... Ihr kluger Blick sah sogleich , wie die Augen Armgart ' s aufleuchteten , als sie , in dem jungen Herzen wie mit einem spitzen Messer bohrend , sprach : Aber was red ' ich denn ! Terschka schwärmt ja für Ihre Mutter ! Und jeder wird das müssen ! Sie hat graue Locken , das ist wahr ! Aber sehen Sie , dort liegt noch der Schnee aus dem kleinen Dachwinkel der Liborikirche und alles rings ist wie belebt von Frühlingsahnung ... So auch - bei Ihrer Mutter ... Dich kenn ' ich jetzt ganz ! hätte Armgart rufen und sich auf sie werfen mögen ... Frau von Sicking kam zurück , becomplimentirt von Müllenhoff , der zwar noch ziemlich angegriffen aussah , aber doch die Berathung mit den Gemeindevorständen in Sachen seines Dorfconcordates heute nicht ausgesetzt hatte ... Müllenhoff war die Verlegenheit und das Hochentzücken selbst ... Er ließ den Bedienten nicht an den Schlag , nur um Frau von Sicking selbst hineinheben und die beiden andern Damen begrüßen zu können ... Esbouquet und Sammet und Seide thaten es ihm an ... Ohne Zweifel drückte er die zarten Glacéhandschuhe der Dame , die er in den Wagen hob ... Wol fünf Minuten lang sah er dein Wagen nach und würde sich unfehlbar aufs neue erkältet haben , hätte ihn nicht die Kathrein ins Haus zurückgezwungen ... Die weitere Fahrt wurde noch schweigsamer , als die frühere ... Lucinde mußte über den Einfluß des Priesterthums auf die Ueberzeugungen der Frau von Sicking ihre Satyre unterdrücken ... Armgart verfiel , je mehr sie sich Witoborn näherte , in Angst und Wehmuth ... Sie hatte von Lucindens Wesen auf die Länge nicht ganz die Wirkung , wie Paula ... Sie sah sie prüfend und prüfend an , verglich den Eindruck , den sie ihr im vorigen Jahre machte , mit dem jetzigen ... Sie fühlte sich eher schon durch sie angezogen , als abgestoßen ... Sie erzählte bereits am Pfarrhause Lucinden , warum Paula nach ihr so oft ein aufrichtiges Verlangen trüge ... Paula ' s letzte Vision mußte sie erzählen ... Wieder tadelte Frau von Sicking , daß die Comtesse nicht die reinen Anschauungen vom Kreuze hätte . Sie bestritt ein Vorhandensein des eigentlichen Hochschlafs , mit dem ganz andere Erscheinungen verbunden zu sein pflegten , nicht selten ein Abdruck aller Nägelmale des Herrn auf dem Körper einer solchen Himmelsbraut ... Armgart war so tief unglücklich , daß sie auf diesen Angriff schwieg ... Sie preßte nur den Brief Terschka ' s an ihre Brust und sah und hörte im Geist schon die Mühlen Hedemann ' s und die Klingel an der Klosterpforte ... Endlich war man auch beim stattlichen Gitter vor dem Landhause der Frau von Sicking angekommen ... Diese stieg aus und bat Lucinden , das Fräulein nach Witoborn zu begleiten ... Die Angelegenheiten des jungen Herzens interessirten sie nicht ... Lucinde hatte in Witoborn für ihre Abreise Vorkehrungen zu treffen und hoffte auch noch etwas im Münster von Hubertus zu erfahren , falls sich dieser aus dem Walde herauswagte ... Sie wollte fort , ehe der Rath von Enckefuß eintraf ... Inzwischen hatte sie angefangen , dem jungen Kinde immer mehr Theilnahme zu schenken ... Hing doch Armgart mit dem Leben so vieler Personen zusammen , die ihr werth waren ... Offenbar befand sich die Kleine wieder auf der Flucht vor ihren Aeltern ; die Gründe dafür waren landbekannt ... Allmählich verglich sie Armgart mit Treudchen Ley ... Wer ihr unbedingt gehorchte , dem konnte sie auch schmeicheln ... Sie zog ihre Handschuhe aus und fuhr mit den Fingern über Armgart ' s Stirn ... Sie haben auch schon Sorgen ? sagte sie ... In Armgart ' s Antwortsblick lag : Was gehen dich meine Sorgen an oder bist du - vielleicht doch nicht so schlimm , wie sie alle sagen ? ... Lucinde verstand diesen Blick ... Man lästert mich wol recht auf Westerhof ? Nicht wahr ? ... sprach sie seufzend ... Auf Westerhof ? Da lästert man nicht ! Aber in Heiligenkreuz , ja da stehen Sie schlecht genug angeschrieben ... Das kann ich Ihnen sagen ... Lucinde warf verächtlich die Lippen auf ... Dann streckte sie die Hand aus und zog Armgart zu sich hinüber - Armgart hatte durchaus auf dem Rücksitz bleiben wollen - Ja sie hielt sogar Armgart ' s Hand fest , die den Brief zu bedecken suchte ... Der Brief wurde sichtbar , doch beachtete ihn Lucinde nicht ... So schlecht also hat man mich gemacht ! ... wiederholte sie . Und gewiß ist es die Unbescholtenste von allen , Fräulein von Tüngel , die mich am meisten lästert ! ... Hassen Sie denn nicht auch so die Dummheit ? ... ... Diese Dame speculirte auf einen armen Phantasten , der sie allerdings um meinetwillen nicht mochte ... Jérôme von Wittekind ! Ich weiß alles ... Und - Ihr - Ihr Doctor Klingsohr ... Den trägt man Ihnen bitter und mit Recht nach ... Lucinde zuckte die Schultern und sagte : Den hab ' ich nie geliebt ... Sieh , sieh , weißt du schon , was die Liebe ist ? ... Dies » Du « flocht sie , indem sie mit dem schwarzen Handschuh fingerdrohte , so gewandt und listig ins Gespräch , daß Armgart vor dem traulichen Ton zwar erschrak und von ihr abrückte , ohne ihr jedoch zürnen zu können ; ihr kam das Du dann noch natürlicher , als sie sprach : Lucinde ! Dich sollte eigentlich jeder meiden ! ... So ! entgegnete diese mit zuckenden Lippen und fiel in ihre kältere Art zurück . Das spricht Armgart ! Ihre Mutter kommt heute und Sie fliehen wieder vor ihr - wieder mit zwei jungen Männern vielleicht - Sie müßten doch wol schon gelernt haben , wie Frauen leicht und unschuldig in einen falschen Ruf kommen können ... Armgart wurde über die beiden jungen Männer roth ... Alle Welt weiß ja schon von Ihrem Vorsatz ! ... Ich lasse den Wagen halten und verhindere Ihre neuen Thorheiten - Lucinde ! ... Freilich ! Sagen Sie gleich , wo wollen Sie hin ? ... Zu Hedemann - Dort finden Sie Ihren Vater - Armgart sprang auf und sank durch die Bewegung des Wagens auf Lucindens Schoos ... Diese hielt sie fest ... Dann flieh ' ich zu den Clarissinnen ins Kloster ... Oder in den Wald zu den Eremiten - oder in die weite Welt hinaus ! ... Lucinde mußte Armgart , die sich loswand , von ihrem Schoose freigeben ... Sie betrachtete das aufgeregte junge Mädchen halb mit Lachen , halb mit Rührung und ließ sich von Armgart ' s Gelübde erzählen ... Auch an Serlo ' s Töchter dachte sie bei ihrer Vergleichung ... Sie wandte sich Armgart zu , die wieder neben ihr saß ... Lucindens Augen hätten dabei vor List glänzen können und glänzten doch nur vor Theilnahme ... Ihr Mund öffnete sich ... Ihre ganze Erregung machte sie jung und schön , wie in den Tagen ihrer ersten Blüte ... Armgart athmete kaum , so bangte ihr vor der Begleiterin und dies Bangen wurde ihr ein wohliges ... Lucinde , sagte sie tonlos , du kannst Latein , Italienisch , hast unsern Glauben angenommen ... aber ich fürchte mich doch vor dir ... Weil ich so schlecht bin ! ... erwiderte Lucinde vor sich hin und ihre schwarzen Augen verschlangen mit einer ungewissen Sehnsucht die braunen Armgart ' s ... Du bist eine Schlange , eine Hexe , sagen sie ... Dann bin ich es auch wol ! Darauf verstehen sich ja die Menschen und besonders die Frauen ... Armgart kämpfte immer mehr gegen die Bestrickung durch diese auch ihrer Lebensauffassung so verwandte Ironie ... Seit ich lesen kann , seit Paula in die Anstalt kam , fuhr sie fort , hab ' ich dich , Lucinde , fürchten gelernt ... Paula schrieb zwar immer von dir , ich sage dir das offen , mit Bewunderung ... Sie ist so gut , sie verehrt dich ... Wahrhaftig ! ... Und ich weiß doch , daß sie eigentlich nur immer Angst vor dir haben sollte ... Auch noch jetzt ? sagte Lucinde mit dem Ton der Resignation und in Anspielung auf Bonaventura ... In ihren Visionen sieht sie dich fortwährend ... Und wie dann ? ... Nie gut ... Diese Visionen lügen ... Kluge Armgart ! ... Diese Visionen sind nur Widerspiegelungen aus Paula ' s eigenem Innern . Glaube mir ' s ! ... Was würden wir nicht alles sagen und verrathen können , wenn wir so plötzlich den Willen und die Selbstbeherrschung verlören ! ... Paula sieht nichts , was außer ihr ist . Sie sieht nur Bilder der Erinnerung , ihres Wissens und sonstigen Ahnens und Fühlens . Sie spricht nur die Gedanken aus , die sich im Menschen unbewußt sammeln und ihm in den Mund kommen , er weiß selbst nicht wie . Wenn du träumst , Armgart , ist es dir nicht gerade ebenso ? ... Daß sie dann freilich , ohne es zu wissen , alles herausspricht , das ist eine fatale Krankheit ... Armgart dachte allen diesen Worten nach , sagte dann aber doch : Du irrst , Lucinde ! Sah sie nicht kürzlich den Vater des Domherrn ? ... Von Asselyn ? ... Warum nicht ? Sie beschrieb ihn , wie man vom Lande der Seligen träumt ... Nein , nein ! Das wirkliche Italien war ' s , wo sie ihn sah ... Terschka - bestätigte alles ... Unsere Vorstellung vom Paradiese ist - so etwas wie Italien ... sagte Lucinde , schwieg dann aber und ließ Armgart Recht behalten ... Dadurch wurde diese noch sicherer ... Dein armer Klingsohr ! fuhr Armgart fort . Der liebt dich wol noch jetzt ! Wie weit hin war der berühmt ! Noch im letzten Herbst wurden seine Aufsätze jeden Abend bei uns vorgelesen . Alle sagten dann : Das ist der Sohn des Deichgrafen ! Das ist der , der um - deine Lucinde , Paula , ins Kloster gegangen ist ! Die Tante wollte nicht , daß ich erführe , was Liebe ist , und sagte : Ach was ! Aus Schmerz um seinen Vater , aus Reue über sein Einverständniß mit dem Kronsyndikus ist er in ' s Kloster gegangen ! ... Ein Kloster ist für vieles gut - das siehst du an deiner Mutter und an dir ... sagte Lucinde ausweichend ... Also die Liebe solltest du nicht kennen lernen und nun kennst du sie ? ... Herr von Terschka liebt jetzt statt deiner Mutter - glaub ' ich - dich ... Armgart ergriff Lucindens Hand und sagte mit erstickter Stimme : Was sprichst du da ... Ich sah es ja neulich bei dem Jagdbanket - den Augen der Männer sieht man das an ! Terschka ' s Augen verschlangen dich ... Lucinde ! rief Armgart ablehnend - und ihr Auge verschlang doch auch die Augen Lucindens ... C ' est la vogue ! ... Auch Benno von Asselyn und Thiebold de Jonge lieben dich ... Armgart nannte französisch die Sprache , die Gott geschaffen hätte , Dinge zu sagen , die andere Nationen zu sagen sich schämten ... Sie sagte das eben ... Als Lucinde darüber lachte , fiel sie sich ihr abwendend ein : Wähle du dir einen davon ! ... Lucinde ging auf den Scherz ein : Hm , Thiebold de Jonge ? sagte sie ... Ei , der ist sehr reich und das ist viel werth ... Aber ... Was hilft mir ein Mann , für den ich den Verstand haben muß ! Dein Vater hat ihn aus dem Wasser gezogen , hör ' ich . Mir würde er - ewig im Sanct-Moritz liegen ... Immer müßte ich ihn an den Haaren halten ... Seine Haare sind freilich hübsch ... Nun ja , mir recht ! Um die Wahrheit zu sagen , ein rechter Mann muß ein bischen dumm oder lieber noch wild sein , dann ist ' s eine Lust , ihn ziehen und zähmen zu können ... Wahrhaftig , ich nähme den Thiebold noch lieber als den Benno ... Armgart horchte einer Sprache , die sie - für frivol hätte erklären müssen und die sie doch fesselnd fand ... Benno - der ist schön , interessant , aber - eingebildet ! fuhr Lucinde fort . Der ließe keine Frau aufkommen ... Immer würde er ihren Verstand mit Ironie behandeln ... Nein , nein , diese Männer , die sich so klug dünken - Armgart hielt Lucinden den Mund zu ... Terschka freilich - fuhr diese fort ... Das Kapitel verstehst du nicht ... Lucinde machte sich frei und fuhr fort : Terschka - das denk ' ich mir so ! Graf Hugo ist Terschka ' s Freund ... Geht Paula , deine Freundin , nach Wien , so wirst du , Närrchen , natürlich folgen wollen und da - macht sich denn alles ganz natürlich - Nach Wien ? unterbrach Armgart . Nach Wien ? Wer geht nach Wien ? ... Ich höre doch ... Sie geht in ein Kloster ... Wie ich ... Nur - daß ich schon heute gehe ... Pah ! Ihre Aufgabe , die Aeltern zu versöhnen , sagte Lucinde , ist nicht so schwer ... Es ist wahr , Ihre Aeltern hassen sich ; aber es gibt einen Haß , der der unmittelbarste Gegenpol der Liebe ist und bei günstiger Gelegenheit sogleich in Liebe umschlägt . Man haßt dann nur , weil man eben nicht liebt , das ist ein großer Unterschied vom gewöhnlichen Haß . Der gewöhnliche Haß verachtet und will gar nicht lieben . Wenn man aber weiß : Einer ist nur außer uns im Leben , der uns ganz und gar aufhebt und vernichtet ... Nun ringst du gerade mit dem und mit keinem andern ... Weicht er oder weicht er nicht ... An ihm allein missest du deine Kraft ... An ihm deinen Werth ... O , das ist ein ganz anderer Haß ... Ja schüttle dein liebes Köpfchen nur ... Du verstehst das alles noch nicht ... Tage und Wochen lang nur immer auf Einen denken , immer nur für dessen Widerlegung , wenn er uns misverstand , leben , dem zum Widerspruch , aber auch nur um Den allein das Höchste und Kühnste beginnen , malen , dichten , philosophiren , entbehren ; - alles das hat , ich weiß es vom Oberprocurator Nück - auch deine Mutter gethan und keiner ist ihr dabei doch bei all ihrem Zorn und ihrem Schmerz gegenwärtiger gewesen , als immer der Mann , der sie früher bändigen wollte , ehe sie die Lust der Freiheit gekostet , oder , wie man richtiger sagt - gebüßt hat ... Und wenn ich mir den Obersten vergegenwärtige , den ich kenne , den ich gesehen und gesprochen habe - Armgart hing an Lucindens Lippen mit bebender Erwartung und hielt krampfhaft ihre Hand ... Daß diese ihr eigenes Verhältniß zu Bonaventura beschrieb , wußte sie nicht ; so leidenschaftlich konnte sie sich die Liebe zu einem Priester nicht denken ... Dein Vater , fuhr Lucinde fort , erschien mir bei einem kurzen Begegnen in Kocher am Fall eine Natur wie aus Granit . Lieben könnt ' ich ihn nicht . Aber - nun kam Lucinde unbewußt in die Anrede mit » Sie « zurück - Ihre Mutter schon , die sieht nicht , glaub ' ich , die Bibliothek , die in seinem Innern aufgebaut ist , von zehntausend Bänden Weisheit . Sein Bruder , Ihr Onkel Levinus , hat auch diese Bibliothek im Kopf , ich hörte das ja heute ; aber der plaudert sie aus oder sie liegt krummbucklig in ihm durcheinander , bald orientalisch , bald spanisch , bald kocht er Gold , bald blos Seife ... Der ist nicht einmal das Conversationslexikon , wo es doch nach den Buchstaben geht ... Aber bei Ihrem Vater - da sieht man keinen einzigen Titel , keinen Einband , kein Schubfach , keine Rolltreppe - in alten Klosterbibliotheken ist ' s himmlisch , Armgart ! - das ist alles von ihm verdaut und wirklich Fleisch und Blut geworden . Denke dir , Armgart - Lucinde ging aus ihrer Zerstreuung wieder in diese Anrede über - denke dir diesen Magen ! Diese Gesundheit ! ... Deine Mutter ist dann gerade ebenso ... Sie liebt deinen Vater , sowie sie ihn sieht - falls freilich nicht bereits dein schlimmer , höchst leichtsinniger - Terschka - Armgart hielt gerade krampfhaft Terschka ' s Brief in der Hand und legte diese und den Brief auf Lucindens Mund ... Nein ! Nein ! sagte Lucinde beruhigend und wiederholte halb spottend das allbekannte Gelübde Armgart ' s : In der Rechten die Mutter , in der Linken den Vater und so beide fürs Leben verbunden ! ... In Witoborn , wo es des Tags nicht blos zu jeder Stunde , sondern im Grunde immer läutet , hämmerte bereits der unruhige Hinkbote , der in der Glocke jedes Jesuitenthurms sitzt . Das ging wie beim Sägemann auf dem Weihnachtstisch ... Armgart bat Lucinden , noch eine Weile auf den Wällen langsam hinfahren zu lassen ... Das Wetter wäre so schön ... Sie wollte zu Hedemann , wollte nach der Ankunft des Vaters fragen und dann ins Kloster zu den Clarissinnen ... Lucinde that alles , wie gewünscht und beugte sich zum Schlag hinaus , um mit dem Kutscher zu sprechen ... Dabei entglitt ihrer Brust das Kreuz ... Du bist katholisch geworden ! sagte Armgart , es ihr zurücksteckend . Weißt du auch , was katholisch ist ? ... Katholisch sein heißt einen geheiligten Willen haben ... Das ist recht ! wallte Armgart auf . Wenn ich Hedemann gesprochen habe und ehe ich ins Kloster gehe , beten wir im Dom zusammen ? ... Ich reise heute ... entgegnete Lucinde ausweichend ... Sie - ins - Kloster ! setzte sie nach einer Weile hinzu und gedachte Treudchen ' s , die gleichfalls nur einen vorübergehenden Schutz im Kloster suchte und dort vielleicht für immer blieb ... Wann reisen Sie denn ? ... unterbrach Armgart ihre Abmahnungen ... In wenig Stunden ... Und kommen nicht wieder ? ... Gegen Ostern ... Armgart ' s Miene war so wehmuthvoll , als wollte sie sagen : Wer weiß , wo ich dann bin ! ... Lucinde sah diesen Schmerz , der sich durch ein Blinken der weißen Zähne ausdrückte ... Sie nahm jetzt den Brief , den Armgart aus Zerstreuung wieder in der Hand hielt ... Sie wollte vom Gespräch über ihre eigenen Pläne und Absichten abkommen und sagte : Das ist ja ein Brief an Ihre Mutter ? ... Armgart erschrak und bestätigte es kleinlaut ... Wollen Sie ihr den Brief aus dem Kloster schicken ? ... Armgart blieb die Antwort schuldig ... Haben Sie diese wunderliche kleine Handschrift ? ... Nein - Herr - von Terschka ... Lucinde nahm den Brief , verglich den Umstand , daß Armgart diesen Brief nach Witoborn mitnahm , mit allem , was sie aus Armgart ' s Mienen zu lesen glaubte , und sagte : Der Brief sollte in Westerhof Ihre Mutter begrüßen - nicht wahr ? ... Nun sind Sie neugierig , was wol Terschka Ihrer Mutter schreibt , während er Ihnen zu gleicher Zeit - Machen Sie doch den Brief des leichtsinnigen Mannes auf ! ... Lucinde ! rief Armgart und wie wenn einer Mutter ihr Kind ins Wasser stürzen will , griff sie nach dein Brief - Lucinde gab ihn zurück ... Was aber hatte sie schon gethan ? ... Mit einer einzigen Bewegung des Fingers hatte sie unter die Klappe des Couverts gegriffen und sie aufgerissen . So gab sie den Brief an Armgart zurück ... Es war eine Regung ihrer alten Natur ... Für Armgart war das freilich zu viel ... Geschah ein Verbrechen , das so weit ging , ein fremdes Geheimniß nicht zu schonen , so mußte es feierlich , wenigstens erst mit einem Gebet zu Gott geschehen ... Diese rasche That lähmte ihr die Sprache ... Lucinde lachte darüber ... Abscheuliche ! Jetzt erkenn ' ich dich ! rief endlich Armgart , nur zu einigen Worten sich sammelnd ... Lucinde konnte nicht aus dein Lachen kommen ... Schändliche ! Schändliche ! ... So lesen Sie doch , Kind - Ich verbitte mir - Lucinde lachte ... Sie verdienen - Was ? Armgart ! Einen Kuß ! ... Nicht Ihre Armgart bin ich ... Demoiselle Schwarz ! - Halt ! Halt ! ... Sie rief dem Kutscher ... Der Wagen hielt ... Es war am Eingang in den Witobachgrund ... Die Mühlen schienen eben zu rasten ... Es war still ringsum ... Der Bediente sprang hinunter und öffnete den Schlag ... Warum haben Sie mir das gethan ! lenkte Armgart wieder zum alten gütigen Tone ein und hielt den Schlag zu ... Lucinde , verletzt durch das plötzliche Herauskehren der Fräuleinswürde Armgart ' s , wandte sich ab und that , als verlöre sie mit solchen Possen nur die Zeit ... Ich sehe es zu gut , sagte Armgart weinend , daß Ihr Uebertritt zu unserm Glauben nur eine Heuchelei war ! Ja , Sie sind eine Schlange , die sich erst warm an unserm Herzen einnistet und dann das Blut aussaugt ! Darum flieht auch alles vor Ihnen ! Und ich , ich lasse mich bethören ! Gerade wie die armen jungen Mädchen auf den Streckbetten damals ! Nun fühl ' ich wieder den fürchterlichen Stich im Herzen , wie damals , als ich Sie zum ersten male sah ! ... Lucinde wandte sich ab und beachtete sie nicht mehr ... Da der Schlag Armgart ' s Händen entglitten war und das längere Offenstehen des Wagens Lucinden veranlaßte , ihren Mantel , wie gegen Frost , fester zu ziehen , stieg Armgart aus ... Beide trennten sich , als wäre mitten in ihrem schönsten Flusse eine Melodie durch das Reißen einer Saite unterbrochen worden . Fußnoten 1 Thatsächliches . 23. Mit ihrem Bündelchen und dem erbrochenen Briefe schritt Armgart wie die verstoßene Hagar dahin ' ... Sie betrat die Gegend Witoborns , wo sonst das Wasser rauscht , die Räder brausen , die Sägemühlen kreischen , die Mittagszeit alles still gemacht hatte ... Die Witobach machte hier eine Biegung , die einen alten Gefängnißthurm , jetzt das Hauptwerk des ganzen Mühlenbetriebs , wie auf einer Insel liegen ließ ... Hier und da wurde der Weg durchkreuzt von alten durchbrochenen Mauern und großen Schuppen ... Hier also wollte der Vater seinen künftigen Wirkungskreis eröffnen , hier eine Erfindung des Satans befördern helfen und Papier machen ... Daß doch auch die Gebetbücher und Breviere des Papiers benöthigt waren , gab Armgart schon eine Erkräftigung gegen die strengen Vorwürfe der Frau von Sicking ... Aber - welch ein räthselhaftes Wesen allerdings im Papier liegt , sie fühlte es an dem Briefe , der ihr enthüllen konnte , was und wie Terschka ihrer Mutter zu schreiben wagte ... Fernab , schon in der ersten Häuserreihe der Straßen , lag das freundliche Häuschen , wo Hedemann wohnte ... Und seit einigen Wochen hatten dort Benno und Thiebold gewohnt , sie , die sie aus ihrem Leben ausgelöscht zu haben glaubte und es doch so wenig konnte wie wieder die heutige Erinnerung zeigte ... Es war Mittagszeit ... Sie konnten , wenn sie beide noch nicht abgereist waren , eben beim bescheidenen Mahl ihres gastlichen Freundes sein ... Wie bewußtlos schritt sie dahin ... Auf einem der schmalen Stege und geländerlosen Brückchen , die hier zu überschreiten waren , begegneten ihr zwei Bekannte ... Der bucklige Stammer und Frau Schmeling , die Hebamme ... Unwillkürlich erschauderte sie trotz des demüthigen Grußes , der von beiden ihr zu Theil wurde ... Stammer war im Kirchenbann , auch die Schmeling sollte hineinkommen ... Auch von Hedemann hörte man , daß sich zu Ostern , beim allgemeinen Communiongang , sein wahrer Kern enthüllen würde ... Die Aeltern Hedemann ' s waren gleichfalls im Kirchenbann ... Ja ihr eigener Vater galt für einen Freigeist , wie die Mutter ... Sie irrte wie am Scheidewege zwischen Himmel und Hülle ... Wie lag das Gespräch mit Lucinden auf ihrem Herzen ... Was hatte sie an Anschauungen und wilden Lebensmaximen vernommen ! ... Und sie fühlte ja auch schon lange , daß eine seltsame Musik durch ihre eigene Seele zog , fühlte , daß sie im Vergleich mit ihrer lichtreinen Paula längst in immer unheimlichere Schatten trat ... Sie konnte nichts nennen von dem , was sie so bedrückte ... Aber ihr erstes Gefühl war , zu sagen : Das ist die Sünde ! ... Und gerade darin lag ihre Angst , daß in ihr tausend muthige Stimmen riefen : Was Sünde ! Gib dich , wie du mußt ! ... Dies Müssen war ihr dann wie ein Gezogenwerden schon von der Hand des Teufels ... Grinsend sprang der berüchtigte Musikant zur Seite ... Auch die Hebamme schien betroffen , sich von dem Stiftsfräulein hier mit Stammer gesehen zu finden ... Sie knixte und erbot sich mit schneller Zunge zu einer Auskunft , da Armgart nicht wußte , wie sie aus diesem Labyrinth der kleinen Kanäle der Witobach herauskommen sollte ... Ich wollte zu Hedemann ... sagte sie ... Der ist eben im Thurm , mein gnädiges Fräulein ! Eben ging er die Treppe hinauf ... Da ! ... Sehen Sie ... dort die Thür ! ... Stammer deutete zu diesen Worten der Schmeling den kürzern Weg an , auf dem Armgart zu diesem Thurm gelangen konnte ... Alles ringsum blieb still ... So viel Worte hätte man hier sonst ohne die lebhafteste Erhebung der Stimme nicht wechseln können ... Der Thurm mußte bewohnt sein ... Eine alte Frau stieg von der Außentreppe nieder , in der Hand hielt sie einige Töpfe ... Aus einem Verschlage , an dem Armgart still stand , sah eine Ziege hervor und bohrte mit den Hörnern an der Oeffnung ... Selbst darüber wurde ihr ängstlich zu Muthe ... Vollends aber , als sie die Frau nach Hedemann fragte und an der Antwort sah , daß die Alte taub war ... Armgart stieg nun von selbst einige Stufen höher in die offene Thür ... Von hier wieder abwärts gehend , hatte das alte Mauerwerk im Erdgeschoß eine Küche , in die man