aus einer seeartigen Breite plötzlich in engere Ufer tritt . Man wird fortgerissen . Die Zeit läßt sich durch einen Einzelnen nur in den seltensten Fällen bestimmen . Diese Begriffe von Links und Rechts , von Liberal und Conservativ sind in der That furchtbar einseitig , und jeder geistreiche Kopf , der positiv denkt und nicht von einer bloßen Manie der Neuerung getrieben wird , leidet unter der gegenseitigen Ausschließlichkeit dieser Antithesen ; allein diese Antithesen sind einmal die größten Tyrannen unsrer Zeit . Man glaubt , sie beherrscht , ihre Klippen vermieden zu haben , und scheitert an ihnen . Die Umstände zwängen uns immer wieder in die alten Schattirungen : Schwarz oder Weiß ! Licht oder Schatten ! Und sieh ! Wenn ich mir dächte ... Dankmar sprach nicht weiter ; denn sie wurden unterbrochen . Einer der Bedienten brachte dem jungen Fürsten , den die Äußerung Dankmar ' s von dem Blick in die Vergangenheit unter den Spiegeln und Leuchtern dieses Pavillons ernster gestimmt hatte , ein zierliches Billet . Über der Methode , Briefe auf silbernen Tellern zu überreichen , hatte Egon früher selbst gelacht . Heute fand diese Abgabe ganz in dieser komischen Form statt . Egon erbrach das Billet und schien zerstreut , verstimmt . Die Gräfin sind selbst da ! sagte der Bediente . Nein ! Nein ! rief Egon . Ich bin unter meinen Freunden . Ich sagte es ... Ich fahre zum König . Eben deshalb , sagte die Gräfin . O Gott ! O Gott ! schrie Egon auf . Er begleitete diesen Ruf mit Gebehrden wie ein wildes verwundetes Thier . Er sprang auf und warf das Billet den Freunden hin , daß sie es lesen sollten . Entschuldigt mich ! sagte er . Lebt wohl ! Damit verschwand er , noch die Serviette in der Hand , die er zornig zerknitterte und unterwegs mitten in der großen Rotunde von sich warf . Die plötzlich verlassenen Freunde ahnten , daß ihn die Gräfin d ' Azimont abgerufen hatte . Siegbert , dem das Billet am nächsten lag , nahm Anstand , es zu lesen . Auch Louis meinte , er könnte nichts hören , was von dieser Hand käme . Dankmar fand es wenigstens nicht erlaubt , das Briefchen liegen zu lassen . Warum wollen wir einen letzten Beweis von Freundschaft , den wir noch von Egon empfingen , nicht ehrend entgegen nehmen ? sagte er . Die drei Freunde schwiegen erschüttert . Sie traten in die große Rotunde . Das von oben herabfallende Licht erhellte den Raum hinlänglich , um die kleinen zarten Schriftzüge lesen zu können . Sie lauteten : » Ich sterbe ! Du wühlst den Dolch in meiner Brust ! Zertritt mich ganz ! Sage mir nur , daß ich mich unter den Huf deiner Pferde werfe . Dann ist ' s doch aus ! Aus ! O Gott , schenke mir Wahnsinn ! Tod oder Wahnsinn ! Egon , ich beschwöre dich ... sei Mensch ! Entsetzlicher ! Foltre mich nicht ! Laß mich sterben ! Morde mich ! Nur Entschiedenheit ! Erlösung , Licht , mindestens die Freiheit des Todes ! « Die drei Freunde sahen sich entsetzt an . Sie fühlten , daß Dies der Verzweiflungsschrei einer Frau war , die ihr Alles an Egon gesetzt hatte und wahrscheinlich fühlte , daß sie ihm von keinem Werthe mehr war . Die Genugthuung für Louis Armand hätte damit vollständig erreicht sein können , wenn sein fühlendes Herz eines so kalten Triumphes fähig gewesen wäre . Arme Louison , sprach er , du hast nicht gewollt , daß der Genius der Liebe so dein Andenken rächt ! Und doch , sagte Siegbert , den diese Worte der Schwester Adelen ' s tief in ' s Herz schnitten , doch ist Egon vielleicht unglücklicher als Helene ! Ein Weib geliebt haben und heraussein aus dem magnetischen Rapport , der in ihr noch voll und glühend nachwirkt , während man selbst erkältet , übersättigt ist ... Das ist Qual ! Man will nicht verwunden , man will nicht lügen ... Man hat ein Herz und darf ihm nicht folgen ... Armer Egon ! Der Schmerz , mit dem er aufstand , war furchtbar , fast wahnsinnig . Kommt ! Kommt ! sagte Dankmar . Die Luft dieses Pavillons , der Staub dieser Teppiche , das Lachen dieser Bilder , das Alles ist erstickend . An die frische Luft ! Ich kann nicht mehr Athem schöpfen . An der kleinen Treppe , die hinauf zu Egon führte , führte auch eine Thür gleich in den Hof . Dieser eilten sie zu und sogen die stärkende Oktoberluft wie Balsam ein . Es trieb sie fort , als brennte der Fußboden unter ihnen . Stürmende Gespenster schienen sie zu jagen . Sie sahen sich nicht um , sie flohen fast . Auf der Straße rief ihnen eine Stimme nach . Sie wandten sich um . Es war Rudhard , an dem sie vorübergeschritten waren , ohne ihn zu sehen . Nachdenklich , ruhig , stand er am Portal des Palais , auf einen Stock sich lehnend . Er winkte Siegbert . Siegbert bat die Freunde , einen Augenblick zu warten . Als Siegbert sich Rudhard nahte , erschrak er fast über des alten Mannes ernstes , gemessenes Antlitz . Ich wollte zu Egon , sagte Rudhard . Ich hörte , daß er nicht allein ist . Er fährt zum König . Er fliegt einem glänzenden Gestirne zu . Lieber Wildungen ... ein Wort ... Siegbert ahnte etwas aus den Mienen des Greises . Glauben Sie , daß ich Sie in mein Herz geschlossen habe , Siegbert ? - fragte Rudhard mit einem nach Bestimmtheit ringenden , bewegten Tone . Rudhard ! antwortete Siegbert und ergriff seine Hand . Ahnen Sie nichts , was ich Ihnen sagen muß ... muß , mit widerstrebendem Herzen ? Rudhard ließ seine Augen , die wie immer klar und ruhig waren , eine Weile fragend auf Siegbert ruhen . Siegbert ' s Blick füllte sich mit Thränen . Ich weiß es , Rudhard , sagte er nach einigen Augenblicken der Sammlung . Ich habe einen Auftrag zu einer künstlerischen Aufgabe empfangen , die mich vorläufig auf einige Wochen von hier entfernen wird . Sagen Sie den Damen Ihres Hauses , den lieben Kindern , ein herzliches Lebewohl ! Rudhard drückte die Hand des jungen Mannes und sprach nur das Einzige : Ich danke Ihnen dafür , Wildungen ! Es war Ihrer würdig . Wir sehen uns wieder . Siegbert wandte sich und Rudhard ging langsam zum Palais des Fürsten . Als Siegbert zu seinen Begleitern zurück wollte , waren sie etwas vorausgegangen . Er konnte so noch Zeit finden , sich zu sammeln und die Thränen zu dämmen , die fast übermächtig in seine Augen schossen . Louis und Dankmar standen an einer Straßenecke , wo sie sich zu trennen hatten . Siegbert überraschte die Freunde durch den Entschluß , nach Schönau zu gehen und den künstlerischen Vorschlag Gelbsattel ' s , den er erzählte , für den Sommer schon jetzt in Angriff zu nehmen . Auch Dankmar , der ihn fragend fixirte , sprach von der Möglichkeit , daß ihn die Entscheidung der ersten Instanz seines Processes zwingen würde , nach Angerode zu reisen . Dann wünscht ' ich vorläufig , daß wir den Proceß verloren hätten , sagte Siegbert . Der Mutter wegen - mein ganzes Herz fliegt ihr zu . Louis , erschreckend , daß beide Brüder entschlossen waren , die Residenz zu verlassen , hoffte , sie wenigstens noch zu sehen , ehe sie reisten . Siegbert wollte sich eben seinem Atelier , Dankmar dem Gerichtshofe , Louis seiner Werkstätte zuwenden , als ein Wagen an ihnen vorüberrasselte und sie aus dem Schlage gegrüßt wurden . Es war Egon , der mit zwei Bedienten in voller Gala zum König fuhr . Es schlug zehn von den Kirchthürmen . Die Freunde trennten sich . Egon , der sich von einer Scene mit der Gräfin losgerissen haben mußte , hatte furchtbar ernst ausgesehen . Dreizehntes Capitel Eine Entscheidung Es war gegen zehn Uhr Abends . Die Lampe brannte düster in einem Zimmer , dessen grünseidene Fenstervorhänge tief herabgelassen waren . Im Kamin glühte noch etwas die eben verkohlende Asche . Draußen jagten Carrossen . Die Theater sind beendet . Die großen Gesellschaften füllen sich . Auch Volksmassen tummelten sich noch . Man hörte an dem lebhaften Sprechen der Vorübergehenden , das von unten herauf scholl , wie die Gemüther erregt waren . Auch der Schritt wandernder Militair-Patrouillen war dem Ohre hörbar , das hören wollte und konnte . Helene d ' Azimont , die zu diesen nicht gehörte , lag ausgestreckt auf einer Chaise-longue , die in die Nähe des Kamins gerückt war . Das Zimmer war fast überhitzt . Sie fror . Eingehüllt in einen großen Shawl konnte sie sich nicht erwärmen . Ihre Hände fröstelten . So zitterte das Kinn , daß sie laut stammelte . Diener und Kammermädchen hatte sie abgewiesen . Sie wollte keine Hülfe , sie erwartete den Tod . Schon seit dem Morgen um halb elf Uhr lag sie so . Sie war nach Hause gekommen , aus dem Wagen mehr gesunken , als gestiegen und hatte sich gleich auf ihr Bett geworfen . Die Mädchen entkleideten sie , was auf ihren stummen Wink geschah . Man wollte zum Arzte schicken . Sie hatte es heftig ablehnend untersagt . Wer an der Thür lauschte , hörte sie oft laut schluchzen . Dann lachte sie wie wahnsinnig , dann weinte sie wieder . Von einer Nahrung , die sie zu sich nahm , war keine Rede . Sie schüttelte nur , todtenblaß , ihr entstelltes , von Thränen fast ungleich gefärbtes Antlitz . Meldungen , sogar diejenigen , die Besuche von Rafflard , von Heinrichson ankündigten , wurden abgelehnt . Sie lag halb erstarrt . Ihr Kopf wühlte sich in ein Kissen , das von Thränen schon durchnäßt war . Nur auf vieles Zureden ihrer Mädchen erhob sie sich und ließ sich auf die Chaise-longue führen , die man an den Kamin rückte . Gegen Abend heizte man . Um sechs Uhr etwa begehrte die Gräfin einige Löffel Suppe . Sie aß nicht den vierten Theil eines Tellers und stieß den Rest zurück . Die Arme hingen herab vom Körper , willenlos , schlaff . Die Augen sahen starr oder schlossen sich vor Erschöpfung . Oft griff sie plötzlich nach dem Herzen . Man hatte alle Bänder an ihren Kleidern aufknüpfen müssen . Jeder Druck machte ihr Beengung . So streckte sie sich wie leblos . Gegen Acht wurde sie hörbar . Sie klingelte . Sie machte eine Miene , etwas zu begehren . Sprechen konnte sie nicht . Die Hand streckte sich nach einem kleinen Tisch am Fenster hinüber und deutete auf die dort gesammelten Zeitungen . Man wollte sie bringen . Sie schüttelte den Kopf und deutete hinaus auf den Eingang ihrer Wohnung . Man verstand sie jetzt erst . Sie wollte die Zeitung von diesem Abend haben . Man ging hinaus , sie zu holen . Sie war noch nicht angekommen . Ein tiefer Seufzer war ihre Antwort . Endlich kam das ersehnte Blatt . Sie erhob sich geisterhaft . Krampfhaft schlug sie das noch nasse Papier auf und durchflog es . Bald entdeckte sie die mit großen Lettern gedruckte Stelle , die sie suchte . Sie lautete : » Die Krisis ist noch nicht beendigt . Fürst Egon von Hohenberg hat ein Programm vorgelegt , das die vollständige Billigung des Hofes erhielt . Die Frage ist nur die , ob der Fürst sein Ministerium wird vervollständigen können . Die Nachricht einiger Blätter , daß er einige jüngere Beamte und Offiziere als Collegen vorgeschlagen hätte , ist eine Verleumdung . Vorläufige Liste : Conseilpräsident und Minister des Innern : Fürst Egon von Hohenberg . Auswärtige Angelegenheiten : General Voland von der Hahnenfeder . Krieg : General Arnheim . Cultus : Propst Gelbsattel . Handel und Gewerbe : Justus . Königliches Haus : Geheimrath von Harder . « Helene warf die Zeitung hin , als wär ' es ihr lieber , sie fiele gleich in die Flamme des Kamins . Sie sah nicht , daß der Bediente sie aufhob . Sie hörte auch nicht , ob er ging oder blieb . Ein sanfter Thränenstrom entfloß ihren Augen . Eine unendliche Rührung schien sie über ihre eigenen Schmerzen zu ergreifen . Erst erquickten sie diese rinnenden Perlenbäche , die aus den heißen fieberhaften Augen flossen . Dann aber gerieth sie doch wieder in lautes Schluchzen und wieder der Brustkrampf stellte sich ein . Sie mußte husten , als wenn sie ersticken wollte . Das Blut , das sie zuweilen in ihren Tüchern erblickte , schien ihr eine Erleichterung . Rafflard und Heinrichson ließen sich zum zweiten male melden . Sie nahm sie wieder nicht an . Gegen neun Uhr kam ein Billet von Paulinen . Ohne Hast , ergeben und schmerzlich , öffnete sie es . Pauline schrieb : » Helene , was hör ' ich ! Sie sind unglücklich über die glänzende Laufbahn unsres Freundes ! Eben sitzt Egon an meinem Schreibtisch und redigirt eine genauere Erläuterung seines meisterhaften Programms . Zwei Worte , die er fallen ließ , verriethen mir , daß Sie eine Scene hatten . Warum Das , Helene ? Warum fliehen Sie mich ? Warum schließen Sie sich nicht unsern großen , bedeutungsvollen Plänen an ? Egon liebt Sie , Helene ! Aber stellen Sie sich nicht in den Weg , der zu seinem Ruhme führt ! ... « Egon liebt mich ! rief Helene und zerriß , kurz den Rest dieses Billets überfliegend , es in hundert Stücke , die sie zornig in den Kamin warf . Er liebt mich ? Und kann mich mit Füßen treten , mich fast an den Haaren schleifen , wenn ich ihm sage : Vernachlässige mich nicht ! Waren die zwei Worte , die er fallen ließ , vielleicht die , daß ich auf der Erde vor ihm lag und ihn um den Tod bat ? Waren die zwei Worte vielleicht die , daß ich sagte : So will ich dein Weib sein ! War es die kalte , herzzerschneidende Antwort : Helene , ich muß zum König ! Beschäme mich nicht mit einem Geschenk , für das ich dir würdig zu danken keine Zeit habe ! Ein krankhaftes Lachen befiel sie bei diesem Selbstgespräch . Sie sprang auf . Sie wollte nun Menschen sehen . Sie rief nun nach Rafflard , nach Heinrichson . Es war aber nach zehn Uhr . Zu spät , um sie noch entbieten zu können ! Sie durchschritt die Zimmer , riß die Fenster auf , wollte ausgehen , zog an den Klingeln , die Diener und Mädchen standen hinter ihr , sie wußte nicht , was sie ihnen befehlen sollte . Laßt uns allein ! rief sie endlich den Dienern . Entkleidet mich ! stöhnte sie den Mädchen . Langsam schritt sie in ihr Zimmer zurück , ließ mit sich geschehen , was man beginnen wollte und sank in ' s Bett , bewußtlos , ohne Schlaf und ohne Wachen . Immer horchte das Ohr , ob nicht doch noch Egon käme , und wenn auch nach Mitternacht ! Erst gegen Morgen ergab sich das gequälte Gemüth den Forderungen des erschöpften Körpers . Sie entschlief ... Die Sonne stand schon hoch am Himmel , als Helene erwachte . Rafflard und Heinrichson hatten sich schon in aller Frühe nach ihrem Befinden erkundigen lassen . Von Egon fand sie keine Anfragen vor . Sie ließ sich langsam ankleiden . Sie fühlte sich vom Schlafe nicht gestärkt . Die Rückerinnerung an die gestrigen Erlebnisse war ihr grauenhaft . Um elf Uhr kam Drommeldey , der ihr Aussehen , ihren Puls bedenklich fand . Er war nicht ohne Neugier , der Sanitätsrath . Er kannte die eigenthümlichen Verhältnisse dieser gestörten Liebe ; noch mehr , da er ein vornehmer Frauenarzt war , verstand er sich auf die Pathologie der » brechenden Verhältnisse « . Er erklärte sie für einen jener Seelenzustände , bei denen man vorzugsweise dem gastrischen Rückschlage vorbeugen müsse . Er billigte die Diät der Gräfin und schied von ihr mit den Worten : Verehrte , hüten Sie sich zwar vor dem Übermaß der Gefühle ! Aber dennoch gesteh ' ich , daß ich mehr für das volle Ausbluten des Herzens bin , als für die gewaltsame Unterdrückung . Ich weiß nicht , was Sie so stören , so bewegen kann . Aber wenn Sie Kummer haben , meine Gnädigste , so nehmen Sie nur den Kelch des Schicksals gleich ganz , trinken Sie den bittern Schierling hinunter bis zum letzten Tropfen ! In der Wahrheit gegen sich selbst liegt die Genesung . Nur nicht fliehen vor dem Schmerz ! Nur nicht dem Fatalen aus dem Wege gehen ! Beileibe nicht ! Das gibt geistige Blutzersetzungen und erzeugt unterlaufene Seelenzustände , die sehr entzündlich werden können . Für heute aber thun Sie mir den Gefallen , lassen Sie anspannen und genießen Sie die stärkende , erfrischende Luft nicht nur , sondern auch die viel trostreichere und erquickendere Abwechselung der Gegenstände , die sich Ihnen bei einer raschen Spazierfahrt darbieten werden . Versprechen Sie mir Das ? Die Gräfin versprach es nicht nur , sondern erfüllte auch des Sanitätsraths Begehren , sogleich anspannen zu lassen . Er wollte sie ausfahren sehen . Ich bin noch nicht angekleidet . Sie müssen einen Mantel nehmen ! Es ist oktoberfrisch ... Dabei zog Drommeldey sein Portefeuille und gab ihr aus der kleinen portativen Apotheke , die er bei sich führte , einige Streukügelchen . Er erklärte also die Krankheit der Gräfin für eine von denen , bei welcher die Homöopathie zulässig war . Drommeldey , ein sehr kluger Weltmann , rührte die Streukügelchen selbst in einem Glase Wasser ein und plauderte dabei von Politik , Ministerium , Egon ' s glänzenden Talenten , Paulinen von Harder , vom » Jahrhundert « , Allem durcheinander . Charakteristisch war , daß er bemerkte , man nenne das Ministerium Egon schon das Blousen-Ministerium und erwarte , daß er seine vier bis fünf Inséparables zu Ministern mache . Die gestern angegebene Liste des » Jahrhunderts « hätte sich schon zerschlagen und man wette noch , daß der Kunsttischler Louis Armand , der ohnehin Heimatsrechte haben solle , das Portefeuille der öffentlichen Arbeiten erhalte . Während Helene in seiner Gegenwart leichte Toilette machte und über alle diese Äußerungen des vorsichtig lauschenden Asklepiaden schmerzlich lächelte , sagte er : Apropos , was haben Sie denn mit der Trompetta ? Ist sie Ihnen bös ? Möglich ! sagte Helene . Ich habe alle Menschen vernachlässigt . Sie gehört wol zu Denen , die Dergleichen nicht verzeihen . Gestern , als sie in einer Gesellschaft vom Ministerium Hohenberg reden hörte , fuhr sie entrüstet auf und sagte : Wenn sich der Hof so mit der Demokratie und Immoralität verbündet , brech ' ich mit ihm . Ich widme mein Album der deutschen Flotte . Welches Album ? fragte Helene , die vielleicht schon oft vom Gethsemane gehört , aber für nichts Sinn hatte , was nicht mit dem geliebten Egon zusammenhing . Drommeldey erklärte ihr diese Sammlung und schloß damit , daß die Trompetta sich nun aus Opposition gegen die ihr und dem Reubunde bewiesene Feindseligkeit des Hofes entschlossen hätte , das Gethsemane zum Besten eines Schiffes der deutschen Flotte zu verloosen und demselben Zwecke so viel fernere Betriebsamkeit zu widmen , daß sie ganz für sich allein ein Fahrzeug vom Stapel laufen zu lassen sich entschlossen hätte . Sie studire jetzt Marine und würde sich nächstens entscheiden , ob sie die fernere Aufgabe ihres Lebens in der Begründung eines Kanonenbootes oder eines Kutters oder einer einfachen schwimmenden Batterie finden solle . Mit diesen absichtlichen Scherzen geleitete Sanitätsrath Drommeldey Helenen an den Wagen und gab dem Kutscher eine genaue Anweisung des Weges , welchen er eine Stunde lang im Park oder sonst vor den Thoren einschlagen sollte . Helene war , als sie mit schwankenden Schritten durch ihre Zimmer ging , an der Treppe einem alten gebückten Manne begegnet , der , eine schwarze Binde um die Augen , an der Wand stehen blieb und sie in ihren Gewändern vorüber rauschen ließ . Als einer der Bedienten vom Wagenschlage zurückkehrte , fragte der Alte , der sich an einer Fußbürste sorgfältig die Stiefeln reinigte , ob er den Professor Rafflard sprechen könne . Er ist im Augenblick nicht da . Ich hab ' ihn in seiner Wohnung gesucht und möchte ihn hier erwarten . Der Bediente besann sich , daß Dies jener Fremde , Namens Murray , war , mit dem der vertraute Rathgeber sich vorgestern so lange unterhalten hatte und den er beauftragt war , mit Vorsicht zu behandeln . Professor Rafflard , sagte er , kann jeden Augenblick wieder kommen . Setzen Sie sich , wenn Sie ihn erwarten wollen . Eine Weile hatte Murray , still in sich versunken , auf einen Stuhl im Vorzimmer sich niedergelassen , als es draußen klingelte und der nebenan in die Bedientenstube gegangene Diener öffnete . Die Gräfin zu sprechen ? Sie ist in diesem Augenblick ausgefahren . Wohin ? In den Park , um sich zu erholen . Der Arzt brachte sie selbst in den Wagen . In den Park ! wiederholte der Sprecher , der sich , als er einige Schritte vorwärts that , als Heinrichson erwies . Er war in weißen Glaçehandschuhen und einem kalksteinfarbigen , gelbweißen , leichten Paletot über seinem Frack . Halb unter der Thür stehend , konnte er Murray nicht sehen . Als er sich besann , ob er nicht der Gräfin im Park sollte zu begegnen suchen , stand plötzlich Murray vor ihm . Herr ! rief Heinrichson erschreckend , hier schon wieder jenen unheimlichen Mahner an eine alte verdrießliche Geschichte zu finden . Was wollen Sie ? Sie ist nun todt . Wer ist todt ? Ophelia ! Ich sah das Stück in London . Sie war toll . Aber in den Bach sprang sie nicht . Sie fiel von ungefähr aus dem Fenster . Sie hätten es sehen sollen , Bester . Jesabel starb so . Es hätte ein Bild gegeben . Heinrichson machte es heute so wie vorgestern . Er ließ Murray reden und entzog sich einer weiteren Erörterung durch die Flucht . Dieser geistreiche Künstler gehörte zu den Menschen , die , wenn man ihnen eine Beleidigung sagt , behaupten , daß sie taub sind . Er war verschwunden wie gekommen . Murray setzte sich ächzend . Er hatte die Worte in gewaltiger Aufregung gesprochen und sich doch beherrschen müssen . Der Bediente sah ihn staunend an . Kennen Sie den Herrn ? fragte er . Der große Künstler Heinrichson ! sagte Murray . Wer ist denn aus dem Fenster gesprungen ? Eine Gliederpuppe , die er malen wollte , sagte Murray seufzend . Habt doch schon so ein Ding bei den Malern gesehen ? Freilich . Ich trage ja oft Billets zu dem Herrn . Da sitzt immer eine große Puppe mit Kleidern behängt . Daran studirt er ... Den Faltenwurf , mein Sohn ! Eine solche Puppe hatte er einmal vor Jahren . Sie war schön ! Augen im Kopf wie lebendig und Gliedmaßen , schlank , wie ein englischer Renner . Die Puppe hat ihm mit einem male nicht mehr gefallen . Da wurde sie erst traurig , dann wild und zuletzt toll . Sie tanzte so lange , bis sie sich im Wirbel drehte , an ein Fenster kam und husch ! im Grase lag sie mit ihren schönen gelenken Gliedern ! Morgen früh begrab ' ich das arme Ding . Der Bediente schüttelte den Kopf und deutete für sich nach der Stirn , als wollte er sagen , bei Dem ist es wol nicht richtig ! Wie er sich in sein Zimmer zurückgezogen hatte , das durch eine Glasthür vom Vorzimmer getrennt war , hörte er , wie Murray öfters tief aufseufzte und sich die Augen trocknete . Dann sang der Alte zuweilen vor sich hin ein Liedchen oder trommelte an den Fensterscheiben , in deren Nähe er saß . Dem Diener war es jedesmal unheimlich , wenn es klingelte und er zum Öffnen hinaus mußte . Zuletzt hörte er endlich zu seiner Beruhigung den bekannten Husten des Professors Rafflard , der sich schon auf der Treppe ankündigte . Sogleich ging er ihm entgegen , öffnete und zeigte auf Murray , der ihn erwartete . Ah ! Sind Sie endlich da ! Was hab ' ich Sie erwartet ! Wo ist die Gräfin ? Ausgefahren , Herr Professor ! Kommen Sie , mein Bester ! Kommen Sie ! Jean , wir gehen in das gelbe Zimmer . Man soll uns nicht stören . Hörst du , Jean ? Kommen Sie , Murray ! Gehen Sie voran . Rafflard öffnete lang ausschreitend und ließ Murray , der sogleich ehrerbietig aufgestanden war , vorangehen . Rechts ! Rechts ! sagte Rafflard . Ihr wißt doch noch ? So ! Hier herein ! Damit folgte Rafflard , drückte die Thür des gelben Zimmers fest hinter sich zu , legte den Hut ab und setzte sich erschöpft . Was bringen Sie ? Wie steht es ? Was habt Ihr heraus ? fragte er und zog eine Schachtel voll Brustpastillen , erwartungsvoll , was ihm der demüthige und sich überall umblickende Murray würde mitzutheilen haben . Ei Herr , ich denke ja , begann Murray verlegen , ich denke ja , es wird sich so schicken , wie Sie ' s wünschen . In der That , Murray ? Ihr verdient Euch den wärmsten Dank der rechtschaffenen Familie , von der ich schon gesprochen habe . Erzählt ! Wie weit seid Ihr ? Wie ich von Ihnen ging , Herr ... Darf ich denn ... Erzählt ! Alles ! Alles ! Da ging ich sogleich in meine Wohnung ... Brandgasse Nr. 9. Nein , in eine neue , die ich mir gleich nach unsrer Unterredung neben der alten miethete ... Ihr seid schlau ... Wo ist Das ? In der Wallstraße Nr. 13. Wallstraße ... Eine Treppe hoch ... vorn heraus ... ein Sprachlehrer , Signor Barberini war eben ausgezogen . Signor Bar ... Es soll , sagte man mir , ein Herr gewesen sein von langer Statur , mit schwarzer Perrücke und einer verdammt kleinen Nase , aber einem Kinn wie ein Pavian ... Ei , ei ! ... Ein Italiener ! Und Spitzbube ! Nicht zwei Stunden des Tages soll man ihn in seinem Zimmer gesehen haben , nie hat er dort geschlafen . Fast glaub ' ich , daß er nur dort wohnte , um seinen Nachbar zu belauschen . Ich verstehe ... Aber , wie kommt Ihr ... Gerade zu dieser Wohnung ? Das will ich Euch sagen , Herr ! Ihr hattet von Fränzchen Heunisch gesprochen und sagtet mir , wo sie wohne ... Richtig . Im Hause bemerkt ' ich denn auch bald , daß der junge Mann , der seiner Familie so vielen Kummer macht , ein Soldat ist , Namens Heinrich Sandrart . Wer ? Es ist ein Sergeant . Er liebt Fränzchen ; er ist wie die Taube , sie ist wie der Geyer . Sie mag ihn nicht ... Nein ! Nein ! Das - Ich versichere Sie , Herr ! Er kommt trotz alledem zu dem Tischler Märtens und bläst die Flöte . Sie bringen den an ' s Ende der Welt , wenn Franziska Heunisch entführt wird ... Aber - Ohne Rathgeber , fuhr Murray in seiner trockenen , ruhigen Weise fort , ohne Rathgeber und Vertraute kommt man in großen Wagstücken nicht weiter ! Aber - Ich vertraute mich meinem Nachbar . In der Brandgasse ? .. Nein , in der Wallstraße . Es ist ein Landsmann von Ihnen . Louis Armand ! Ein Pariser , Kunsttischler , Vergolder ... Freund des Prinzen Egon ... Ich hoffe , Freund , Ihr habt keine dummen Streiche gemacht ! Euern Landsmann wollt ' ich zum Vertrauten wählen . Seid Ihr toll ? Vorgestern Nachmittag wollt ' ich meinem Nachbar erst die Aufwartung machen . Er stand unten in der Werkstatt im Hinterhofe . Oben war sein Comptoir verschlossen . Ein Anschlag verweist in den Hinterhof . Also ... Konnt ' ich mich ihm vorgestern noch nicht anvertrauen ... Zum Henker ! Was wollt Ihr Euch denn diesem Armand anvertrauen ? Ich schätze den Mann seit lange . Ihr kanntet ihn ja nicht ! Louise Eisold , meine Nachbarin , lehrte mich ihn kennen . Aber Freund , Ihr verwickelt die ganze Angelegenheit - Nein ! Ihr müßt wissen , Herr , daß ich nach vielen wilden Dingen , die schwer auf meinem Gewissen lasten , zuweilen trübsinnig bin , schwarzsichtig . Da ist ' s mir eine Freude geworden , neben der Louise Eisold zu wohnen . Sie fürchtet sich zwar vor mir , das närrische Ding ; aber singen hör ' ich sie doch gern , und wie sie einmal ein Lied sang , das mir ausnehmend gefiel , ging ich zu ihr und klopfte an . Das sind acht Tage her ... Wozu soll Das ? Ich klopfte bei ihr an und sagte : Louise , seit dem Tage , wo Ihr mir das Glas Wasser vom Brunnen holtet , sprachen wir uns nicht . Ich habe seitdem viel Leids erlebt . Ich kam in dies Land , um hier zu sterben . Ich habe eine ernste Pflicht vor meinem Tode zu erfüllen , einer von elenden , nichtswürdigen Menschen mit Füßen getretenen Wahrheit zu ihrem Rechte zu verhelfen , dann will ich mein zweites Auge zuthun , das erste hab ' ich schon daran gewöhnt , nichts mehr von der Welt zu sehen ... Rafflard rückte