vor dem Vater den Vorsprung hatte - wie sprach Terschka von ihr ! Mit welchem Interesse ! War alles , was er ihr in diesen Tagen an Huldigungen bewiesen , an Freundlichkeiten ihr abgerungen hatte , vergessen bei dem Gedanken : So nahe ist die » seltene Frau « , wie er sie nannte ? ... Wie konnte dabei das Recht ihres Vaters bestehen ? ... Sie hätte das Schloß wach rufen mögen ... Doch wagte sie nicht das Zimmer zu verlassen , da sie vor Terschka immer mehr ein Grauen befiel und sie düstere Ahnungen bekam ... Die finsterste und abgelegenste Gegend des Schlosses hatte er genannt ... Der Entschluß stand fest , daß Armgart morgen nicht im Schlosse blieb . Sie wollte auf irgendeine Art nach Witoborn zu entkommen suchen . Erst bei Hedemann wollte sie forschen und dann bis aus weiteres zu den Frauen im Witoborner Clarissenkloster flüchten ... So schlief sie spät ein ... Im Traum erschienen ihr Engel und Teufel im bunten Gemisch ... Auch Hedemann war unter den Teufeln ... Er war ihr bei jeder Begegnung strenger und strenger geworden ... Er verwarf ihre Grundsätze und ihr ganzes Leben auf dem Schlosse ... Er nannte die Art , wie man ihn dort empfangen und wie man noch jetzt die bevorstehende Rückkehr des Obersten entgegengenommen hätte , eine für diesen ehrverletzende ... Auf ein Urtheil , das sie , um diese Art zu entschuldigen , gegen den Vater auszusprechen wagte , unterbrach er sie mit dem Apostel ( 1 Kor . ) : » Ihr Kinder seid gehorsam den Aeltern in allen Dingen ; denn das ist dem Herrn gefällig - ! « Am Morgen erfuhr sie , daß sie nicht allein es war , die eine unruhige Nacht durchlebt hatte ... Im Gegentheil , ihre erschöpfte Natur bedurfte der Stärkung und hatte diese nach Mitternacht in einem tiefen , wenn auch kurzen Schlaf gefunden . So hatte sie nichts von dem Klingeln vernommen , das indessen alle Schloßbewohner erschreckte ... Paula , erfuhr sie am Morgen , war so unwohl gewesen , daß man zum Arzt hätte schicken wollen ... Sie war aufgestanden und durch die Zimmer gegangen wie eine Nachtwandelnde , hatte mit sich gesprochen und Dinge thun wollen , deren Zusammenhang Niemand verstand ... Ihre Dienerinnen hatten die Tante rufen müssen ... Diese rief dem Onkel ... Paula weinte , riß die Thüren auf und hörte keine der liebevollsten Beschwichtigungen ... Der Onkel faßte ihren Zustand als die natürliche Folge des neuen Erlebnisses , als die jetzt freiwerdende langjährige Spannung des Herzens und der Furcht auf ... So wäre es immer im Menschen , sagte er ; die Gefühle hätten ihre Gesetze , wie die Mechanik ... Das sprach er höchst feierlich im gewirkten großblumigen grünseidenen Schlafrock und sein komischer Anblick störte dabei für Niemanden den erschütternden Eindruck , den Paula machte , die bis zum Morgen mit sich auflockernden Haaren hochaufgerichtet und geisterhaft dahinschritt und alle gerade durch ihr Schweigen und das eigene Nichtdeutenkönnen ihrer Thränen erschreckte ... Gegen Morgen schlief sie ein und konnte dann den Vormittag über nicht gestört werden ... Mit den Zimmern am Cavaliersaal hatte es seine Richtigkeit ... Einer der Diener gestand es Armgart ... Man erwartete die Mutter ... Mit den Blumen Terschka ' s sah es ebenso aus ... Sie standen in zierlichen Basen oben auf dem Tische ... Auch den Brief an die Mutter hatte Terschka zurückgelassen ... Diesen aber nahm Armgart mit Gewalt an sich , um - sagte sie , ihn selbst abzugeben ... Der Tante klopfte sie noch vor dem Frühstück an ihre Thür mit den Worten : Also die Mutter kommt ? ... Ja , Armgart ! hieß es hinter dieser Thür . Aber ich sage dir , daß ich Schonung verlange ! Wir gehen Tagen entgegen wie zum Jüngsten Gericht ! ... Dies starke Wort schnitt alles ab und trotzdem rauchte der Onkel den Corridor entlang kommend seine Pfeife und trug große schweinslederne Chroniken unterm Arm , in die die Urkunde eingelegt war ... Richtig , Armgart ! Ja , auch das erreicht jetzt sein natürliches Ziel ! sagte er . Ordne getrost deine kleine Welt einer höhern unter ; deine Mutter trifft heute Abend ein und sei ihr ein gehorsames Kind ! Ich bin entzückt von ihren Briefen . Daß sie mit meinem Bruder nicht zusammentreffen will , verdenk ' ich ihr nicht - Solche aus dem Verstand geschlossene Aussöhnungen erhalten sich nicht ... Wie der Onkel das sagte , erscholl in weiter Ferne eine gewaltige Erschütterung der Luft ... Sieh , sieh ! sprach Levinus und horchte auf . Das ist die Salve , die die Husaren dem Landrath ins Grab mitgeben ! ... Noch eine zweite folgte ... Still ! So ehrt man einen ehemaligen Krieger ! ... Eine dritte ... Ruhe seiner Asche ! ... Der Onkel klopfte die Asche seiner Pfeife aus und ging ... Armgart blieb bei ihrem Entschluß zur Flucht ... Nur deshalb schwieg sie zu allem und entfernte sich ruhig ... Im Lauf des Vormittags entwickelte sich die wunderbare Begebenheit der entdeckten Urkunde immer mehr in ihren Folgen und in den Echos , die dergleichen in den Gemüthern hervorruft ... Die einen fanden hier einen Triumph der alleinseligmachenden Kirche ; die andern beklagten im stillen die gestörte Aussicht auf merkwürdige und unterhaltende Veränderungen ... Mancher hätte aber auch wieder fürchten müssen , in seinem bisherigen Verhältniß wenn nicht zu Westerhof , doch zu den übrigen Besitzungen der Dorstes gestört zu werden . Diese jubelten ... Bei wieder andern zeigte sich jener Zug der menschlichen Natur , daß man sich selbst an Unangenehmes zuletzt nicht gern umsonst gewöhnt haben will . Die Tante merkte hie und da dergleichen und sagte einigen der so sonderbar erstaunenden Besucher : Es ist Ihnen wol gar nicht einmal recht , daß wir hier im Besitze bleiben ? ... Mit dem geraubten Briefe auf dem Herzen , im Herzen zunächst mit dem Gedanken an eine Anfrage um den Vater bei Hedemann , irrte Armgart im Schloß und ließ sich ruhig die Reden gefallen , die die Tante an sie hielt und die ihr zuletzt freundlich zusprachen , ja ihr schmeichelten ... Armgart , sagte sie fast mit Herzlichkeit , liebes Kind , ich wüßte doch gar nicht , was mir Freudigeres begegnen könnte , als gerade in diesen aufgeregten Stimmungen solch eine Beruhigung ! Morgen muß ein Hochamt in Sanct-Libori stattfinden - Müllenhoff wird sich schon herausreißen und der Domherr ist ja da - ein Hochamt für diese längst ersehnte Stunde ! Ich hatte ja nur diese eine Schwester ! Liebte sie immer ! ... Eine trostreiche Versöhnung ! ... Auch Angelika Müller hat mir einen rührenden Brief aus Paris über ihre Begegnung mit Monika geschrieben ! ... Monika war immer ein seltenes Wesen ! Zu jeder Zeit ! Ich glaube , ich kann sie nicht mehr von meinem Herzen lassen ! Ja und wie freu ' ich mich auch dieses Besuchs um Terschka ' s willen ... Der Arme muß in der That vernichtet sein ! ... Er verehrt deine Mutter ... Das wird ihn emporrichten ! ... Die Tante lachte wie schadenfroh und war ganz ironisch gegen Terschka gestimmt ... Ein Tag war es dann , an sich so hold , an sich so freundlich , so hellsonnig , so ganz gemacht zum Empfang von Glückwünschen , die von allen Seiten kamen ... Sogar die Leidenden wurden heute von der Treppe entfernt , um all die vornehmen Besuche durchzulassen ... Durch das Begräbniß des Landraths ließ sich in dieser Sphäre natürlich Niemand stören ... Um elf erschien Paula in den Vorderzimmern , nachdem sie ihr tägliches Amt verrichtet , beim Frühgebet die Kissen zu segnen , mit denen sie heilte ... Aber sie sagte : Meine Kraft ist hin ! Diese Mittel helfen nicht mehr ! ... Man sprach ihr Muth und Fassung ein ... Nein , erwiderte sie , ich bete auch nicht mehr so , wie sonst ! Ich habe die Andacht verloren ... Schon kamen die Advocaten aus Witoborn ... Sowol der , der gegen Nück processirt hatte , wie der , der Nück ' s bisheriger Bevollmächtigter war ... Andere , die an den Angelegenheiten des Hauses betheiligt waren ... Ein für den Grafen Hugo stehender Justizrath war der Frommsten einer und beugte sich tief der Urkunde , die ein Gebot der Kirche enthielt ... » Der Brand ist hochverdächtig ! Die Zerstörung des Archivs hat die Veranlassung gegeben , das falsche Document an einen Platz zu legen , wo man ja hundertmal es schon hätte finden müssen ! « Diese Worte sprach - allein Benno und doch auch nur bei sorgfältig beobachteten Thüren in Gegenwart Bonaventura ' s , der ihn in aller Frühe in Hedemann ' s Häuschen besucht hatte ... Benno erfuhr jetzt von seinem in Rührung vor ihm stehenden , mit seltsamer Prüfung ihn betrachtenden Freunde mehr und mehr ... Bonaventura gestand ihm , was er dachte ; gestand ihm , er wisse aus einer Beichte , daß irgendwo , den Ort kenne er nicht , ein Verbrechen dieser Art , wie nun vielleicht in Westerhof stattgefunden , im Werke gewesen ... Bickert , der noch lebte , durfte nicht genannt werden ; Hammakern nannte Bonaventura ... Benno ging im Zimmer auf und nieder und rief : Ich sage mich von Nück los ! Noch heute reis ' ich zurück ! Ein Schurke ist ' s ! Ich kündige ihm meine Stellung und - ich sag ' es ihm warum ! ... Nimmermehr ! entgegnete Bonaventura . Wie wäre das möglich ! Wie kann man gegen die Ehre und Würde des Hauses der Dorstes auftreten ! ... Terschka wird es doch thun müssen ! ... Terschka ! ... sprach Bonaventura zögernd ... Die Advocaten des Grafen Hugo in Wien - ... Was werden sie beweisen können ! Und ändert sich denn auch so viel ? Man wird in Paula drängen , bald - bald zu vollziehen , was schon lange für diesen Fall - die Convenienz anräth ... Thiebold , der vom Begräbniß des Landraths kam und mit den Rüstungen zur Abreise drängte , störte den vollen Erguß der wehmüthigen und gegenseitig auch gar wohlverstandenen Empfindungen ... Und wenn auch alles sich ausgeklagt hätte , was doch vergebens nach Worten rang , welcher Rest blieb nicht noch im Herzen Bonaventura ' s - beim Hinblick auf den trauernden Freund selbst ! ...... Als von Armgart die Rede kam , von Terschka ' s Werbung um sie , erwiderte Bonaventura festen Tones und mit sicherer Bestimmtheit : Darüber geb ' ich Beruhigung ... Hier seh ' ich bisjetzt nur das Unmögliche ... Beide staunten des so entschiedenen Worts ... Nach Terschka ' s durch die Entdeckung der Urkunde veränderter Stellung aber konnten beide diese dunkle Antwort zuletzt in der Ordnung finden ... Auch die Erwähnung Lucindens war nicht ausgeblieben und Benno betonte ihre Bekanntschaft mit Nück , ihre auffallende Hierherkunft , ihre , wie Benno und Thiebold versicherten , nun auch so schnell wieder bevorstehende Abreise ... Gegen zwölf Uhr fuhr Bonaventura auf Westerhof und fand die ganze Lebhaftigkeit , die er erwarten durfte ... Besuche kamen und gingen ... Auch von Armgart ' s Mutter und ihrer Nähe wurde gesprochen ... Die Stiftsdamen konnten eben nichts für sich behalten ... Gerade als mitten im lebhaftesten Gespräch auch eine Mittheilung zündete von dem , wie es schien , in Ausführung gekommenen Plan , den hohlen Eichstamm vom Düsternbrook zum Aufenthalt zweier Eremiten zu machen , trat Paula ein ... Ihr Blick schien sagen zu wollen : Die Mauern eines Klosters nehmen mich auf ! In deiner Nähe ! Da , wo Therese von Seefelden den Schleier trägt , da werde auch ich anpochen ! ... Man sprach von den Klöstern ... Man rühmte den sich mehrenden Zustrom zum beschaulichen Leben ... Eine der Besucherinnen wußte etwas von Treudchen Ley ... Bonaventura hörte gerade nach einer andern Gruppe hin , wo Neuangekommene erzählten : Zwei Mönche hätten in letzter Nacht Kloster Himmelpfort verlassen und wären Eremiten im winterlichen Walde geworden ... Die Namen der Mönche und den Wald konnte man nicht bezeichnen ... Bonaventura schwieg zu Allem ... Er kannte das Märchen von der versunkenen Kirche ... Ihre Glocke klang und klang und Niemand wußte , wo die Kirche gestanden ... Am Meer sagen die Schiffer , sie läge im Wellenschoos , wie ein mahnender Zeigefinger gen oben rage ihr Thurm zuweilen über dem Spiegel auf ... Die Jäger kennen die verlorene Kirche im Walde ... auch da läutet sie unsichtbar ... So tönte für Bonaventura durch alles , was Paula that und sprach und die Welt um sie her that und sprach , nur der eine Glockenton : Dem bin ich - im Walde - im Meere - im Tode - Zu Aller Interesse wurde plötzlich Frau von Sicking gemeldet ... Bonaventura hörte auch das nicht ... Im Walde - im Meere - im Tode - Paula hatte den gemeldeten Besuch , der zu gleicher Zeit eine Begrüßung von Seiten Lucindens sein konnte , erwarten dürfen ... Sie wollte ruhig bleiben , ruhig sich ergeben und doch richtete sie sich auf ... Nicht wie in bebender Erwartung vor Lucinden ... Schon im physischen Schmerz ... Noch ehe Lucinde im Vorsaal sein konnte , fühlte sie wie mit einem elektrischen Schlag schon die Annäherung ihres Gegenpols ... Armgart , die umirrend , wie sie war , Lucinden unten gesehen hatte , war heraufgeeilt , sah schon die Wirkung , die sie kannte , umschlang die Freundin , wollte sie hinwegführen ; doch diese blieb und lächelte wie immer zu ihrem Schmerz ... Die Anwesenden alle - Frau von Böckel-Dollspring-Sandvoß , Frau von Stein , Gräfin Münnich , Gräfin Styrum-Schorum , Fräulein von Merwig , Fräulein von Absam , die alle nun schon über Lucinden unterrichteter waren und die Verhältnisse annähernd übersahen - nahmen Paula ' s Lächeln für Takt und große Güte . Sie verwiesen mit strafendem Blick dem Fräulein von Tüngel-Appelhülsen ihren laut ausbrechenden Hohn über die » Person , welche « - Lucinde erschien in Begleitung der Frau von Sicking und war eine Büßerin geworden ... Frau von Sicking , die zu jener Gattung der weiblichen Tartüffes gehörte , bei denen man ihrer Unergründlichkeit wegen besser thut , ihre Gottseligkeit einfach anzuerkennen und sie wirklich für das zu nehmen , wofür sie erscheinen wollen , ließ Lucinden in den Vordergrund treten und fand es vollkommen in der Ordnung , daß Gräfin Paula sogleich von ihr auf die Ueberraschung durch ihre ehemalige Gesellschafterin im orthopädischen Institut überging ... Sie selbst beobachtete die Mienen Bonaventura ' s ... Sie sind es , Lucinde ! sprach Paula , Lucinden die Hand reichend ... Erst so wenig Jahre getrennt und eine Ewigkeit ist ' s ... Meine Tante Benigna von Ubbelohde das ! ... Meine Freundin Armgart von Hülleshoven ... So stellte Paula mit der mildesten Miene die Nächsten vor und erst , wie sie an Bonaventura kam , stockte die Rede ... Bonaventura erwachte aus seinen Träumen ... Er verfärbte sich über den plötzlichen , unerwarteten Anblick , wurde dunkelroth und verneigte sein Haupt - der ihn anredenden Frau von Sicking ... Er sprach und sprach zu dieser und doch rief es nur in seinem Innern : Paula und Lucinde ! ... War es wie Tag und Nacht , die da zusammenstanden , dann drückte nicht die bräunliche schwarzäugige Lucinde mit ihren Augenbrauen und aufgeworfenen Lippen die Nacht und Paula mit ihrem blonden Haar und rosig lichten Wangen den Tag aus - umgekehrt war ' s ... Paula war die träumerische Nacht , die Nordlandsmaid , die Mondpriesterin ; Lucinde der Tag , die Tochter tropischer Zonen , die Sonnenjungfrau ... Dort Gefühl und Ahnung in jedem Blick , gestaltungsloses Sehnen , krankhafte Gebundenheit der Sinne ; hier Verstand , Wachsamkeit , Willenskraft und Beherrschung der Leidenschaften bis zur schneidenden Kälte ... Beide in Trauertracht ... Paula ' s Kleid ein glänzender , rauschender Atlasstoff ; Lucindens ein hochgehendes , den braunen Hals verdeckendes geflammtes Moirée ... Paula ' s Haar niedergleitend über die Schläfe in langen Locken , im Nacken die Flechten in schwarzen Kreppbändern verloren ... Lucinde trug ihren Hut mit der Reiherfeder ... Sie gab sich so , daß die adeligen Herrschaften Mühe hatten , aus ihrer » Tournüre « heraus die » Schulmeisterstochter « zu erkennen , als die sie ihnen nun bekannt war ... Frau von Sicking ' s vor einigen Tagen schon beabsichtigter Besuch hatte erst heute zur Ausführung kommen können und Lucinde kam in der That zu Gruß und Abschied zugleich ... Ihre nächste Mission war erfüllt ... Wohin Hubertus den Brandstifter geborgen , erfuhr sie nicht , aber gestern Nacht noch beim Abendgebet im Münster kniete er hinter ihr und sprach : Alles ist geschehen ! Seien Sie ruhig , ziehen Sie in Frieden und sorgen Sie jetzt nur für die beiden Eremiten , die in der Residenz des Kirchenfürsten und wenn sie mit den ersten Lerchen nach Rom ziehen sollten , einen Anwalt bedürfen werden ! ... Schon im Hof hatte sich Lucinde von ihrem Entsetzen über die Brandstätte gesammelt , ihre Empfindungen über » den falschen Isidor « , der auf so fragwürdige und in ihren Folgen entscheidende Weise die junge Gräfin zur reichsten Erbin des Landes machte , geordnet , ebenso wie über den Anblick einer Ekstatischen , die zur heiligen Hildegard erhoben werden sollte und vielleicht im Traumschlaf sah - wo Dionysius Schneid verborgen war und wie Nück auf Lucindens Rückkehr harrte ... Frau von Sicking war im vollen Strom der Erörterungen ... Beileidbezeugend über den schreckhaften Brand , glückverheißend zum folgenreichen Fund der Urkunde ... Ihre Sprechweise war leise ... Alle räumten ihr den Vorrang ein , daß man schwieg , um sie besser hören zu können ... Man saß jetzt ... Nur Bonaventura stand noch rückgelehnt am Fenster ... Auch Armgart an der Stuhllehne Paula ' s , die Hand der Freundin haltend , um ihr Zittern zu mildern ... Bis zu einem so weit gehenden Ueberblick aller Beziehungen , daß Armgart auch Bonaventura am Widerstreit dieser beiden Naturen aufs mächtigste betheiligt sah , reichte ihr Auge nicht ... Paula ' s und Lucindens Liebe zu Bonaventura war ihr nur ein » Schwärmen « - jene Empfindung , die ein Mädchenherz in alle Himmel versetzen kann , nicht aber die Entsagung zum größten Schmerz der Erde macht ... Lucindens Feierlichkeit war von Frau von Sicking ' s Begleitung ebenso bedingt , wie von der ersichtlichen Neugier der Anwesenden , die sie musterten ... Sie sprach anscheinend harmlos mit Armgart von der Begegnung im letzten Sommer an der Maximinuskapelle und von Benno von Asselyn ... Sie erzählte der jungen Gräfin vom orthopädischen Institut , von dessen Vorstand , von einigen jungen Mädchen , jenem guten Curatus Niggl , der die armen Verwachsenen , Blinden und Lahmen bei sich zum Kaffee lud ... Sogar Bonaventura wurde von ihr ins Gespräch gezogen ... Mit Niggl und Hunnius war er als Priester ausgeweiht worden ... Auch ein Wort über den Tod Hendrika Delring ' s konnte nicht ausbleiben , ebenso wenig wie die Kunde über Treudchen , die ins Kloster gegangen war ... Bonaventura blieb so erregt , daß er nun selbst zu fragen anfing ... Wie hat nicht jener große Staatsintriguant so Recht gehabt , als er sagte : Die Sprache ist erfunden , um unsere Gedanken zu verbergen ! ... Das allgemeine Gespräch kam wieder zurück auf die beiden Flüchtlinge in den Eichstamm und jetzt erst hörte Bonaventura die ihn doppelt erschreckende Kunde ... Denn er hatte nichts für Sebastus ' Befreiung gethan und machte - seiner » priesterlichen Lässigkeit « Vorwürfe ... Streit mit dem Provinzial gab man als Ursache dieser Flucht an ... Der Name Hubertus weckte im Gespräch die Erinnerung an die Rettung des Dieners , den man im Spital von Witoborn glaubte ... Lucinde konnte sich sammeln und Kraft gewinnen , den Namen Klingsohr und das fortgesetzte Anblicken der Damen zu ertragen . Sie behielt dasselbe bleiche Incarnat , wie immer ... Sie zuckte nicht einmal mit den Augenwimpern ... Nur Bonaventura ' s Auge suchte sie zuweilen und dieser schlug dann das seine nieder ... Frau von Sicking sagte dem Domherrn die schmeichelhaftesten Dinge - jetzt auch , als ob sie ihre geheimsten Abneigungen errathen glaubte , recht aufgetragen Lobendes über seine Mutter ... Gräfin von Styrum-Schorum kam heute schon von Schloß Neuhof herüber , wo die Kunde von den beiden Mönchen eine nicht geringe Sensation erregt hatte ... Der gesetzliche Sinn des Herrn von Wittekind , der sich solcher Nutznießung seines Waldes durch die Gensdarmen erwehren wollte , war überstimmt worden durch seine Gemahlin , die aufs dringendste gebeten hatte , dem frommen Verlangen dieser beiden Brüder nichts in den Weg zu legen ... Da man dem Bericht Beifall murmelte , mußte Bonaventura für die Mutter danken ... Er dankte und bemerkte Lucindens Lächeln ... Triumphirend schien diese sagen zu wollen : Das alles , was ich hier sehe und höre , sind die Opfer , die mir der Gott der Rache bringt ! ... Sie ließ sich Klingsohr und Klingsohr ins Ohr rufen ; sie lächelte nicht einmal ... Ihre Blicke spannen nur lange Fäden und bald war ihr alles wie in einem großen Netze ... Mit leiser Stimme flüsterte sie mitten in die Schilderung des Lagers , das sich von Moos und Baumlaub die beiden Flüchtlinge in der Eiche und um diese her gemacht hätten , der Tante Benigna zu von dem Brand , von dem Eindruck , den ihr der Anblick der Flamme schon vom Schloß Münnichhof aus gemacht hätte ... Die Tante sah nichts von dem Blick , der diese liebevollen Worte begleitete , als wenn sie gelautet hätten : Die Welt soll noch in Feuer aufgehen und wie ihr hier alle sitzt und lächelt , weg habt ihr ' s doch ! ... Sie bedauerte , morgen nicht der Dankmette beiwohnen zu können , die in der Liborikirche gehalten werden sollte ... Diesen alten Bau würde sie erst sehen , wenn die Exercitien begännen ... Ueber den Baustyl der Liborikirche und von byzantinischen Rundbogen sprach sie so unterrichtet , daß die Tante dem ihr zu » geistreich « werdenden Gespräch entschlüpfte und Lucinden mit dem Onkel Levinus in Verbindung brachte , der jetzt erst zur Gesellschaft hinzutrat ... Auch der Onkel kam mit Nachrichten von den entflohenen Mönchen und von der Requisition derselben durch den Provinzial - und mit - Gensdarmen ... Gensdarmen ! rief man fast einstimmig ... Das duldet Herr von Wittekind nimmermehr ! rief Frau von Böckel-Dollspring-Sandvoß ... In seinem Walde kann er geschehen lassen , was er will ! ... hieß es ... Der Onkel erzählte , was er unten von den Jägern vernommen ... Man fände beide in der berüchtigten Eiche , wo der alte Klingsohr gefallen ... Sein Sohn , der ehemalige Doctor , läge im Innern derselben auf einem Lager und läse sein Brevier ... Hubertus hämmere mit der Axt eine Hütte und einen Altar und einen Kochherd ... Die Nacht noch wäre eine Kälte von drei Grad gewesen ... Jetzt thaue es ... Die Bauern liefen scharenweise in den Wald und hülfen den Eremiten bauen und brächten so viel Nahrungsmittel , daß Hubertus den Scherz gemacht hätte , ob sie hier etwa einen Verkauf halten sollten ? Dennoch nahm er den Ueberschuß und schickte ihn ins Kloster , wo sich » nun wol zwei Parteien bilden würden « sagte der Onkel lächelnd ... Zurück wollen sie nicht , fuhr er fort , sich mäßigend , da Niemand in seine Ironie einstimmte ; Sebastus erbietet sich , für Jeden , dem seine Fürbitte von Werth sein könnte , täglich so viel Rosenkranzgebete zu sprechen , als man bestellt ... So hatte man denn wieder ein Wahrzeichen der Zeit mehr , ein hocherfreuliches 1 und die kluge Mutter Bonaventura ' s debütirte durch die Duldung der beiden Eremiten mit glänzendem Erfolg ... Bonaventura sah ihre Macht über den Präsidenten ... Wenn ihr alle wüßtet , an welchen Fäden diese beiden Mönche geführt werden ! ... Diese Empfindung sprach Lucinde nicht aus ... Jede Erregung ihrer Gefühle niederkämpfend , hob sie sogar den Kopf langsam in die Höhe , als sich die Tüngel-Appelhülsen nicht nehmen ließ , zu sagen : Sie kannten ja früher den ehemaligen Doctor Klingsohr ? ... Nur Ein Blick der Misbilligung folgte bei allen , die die Schärfe dieser Frage verstanden ... Lucinde aber erwiderte ruhig und ganz in dem einfachen Ton , der hier üblich : Der Pater ist ein Heiliger geworden ... Ich mühe mich , ihm gleichzukommen ... Es gelingt mir nicht ... So blieb sie siegreich ... Als man Beifall murmelte , konnte Bonaventura nicht anders als sich sagen : Da strengt nur euern Witz an ! Da muß alles zu Schanden werden ! ... Der Onkel war vom Bewohnen der Baumstämme , wie immer , auf die Urwelt und die Troglodyten gekommen und von diesen auf die Katakomben in Rom ... Frau von Sicking kannte die Katakomben so genau , wie die Boudoirs ihrer Wohnungen in Deutschland und Belgien ... Sie erzählte von mehrern wieder neu eröffneten Grabstätten der alten Christen und Lucinde wußte sogar die Jahreszahl einzuschalten von der Verfolgung des Diocletian ... Levinus rückte ihr überrascht näher und näher ... Da aber erhob sich schon Frau von Sicking ... Auch Lucinde mußte es thun ... Wie gab sie so sicher Paula die Hand und lächelte ihr und sprach vom Wiedersehen , vom Frühling , von Gesundheit und , leiser und demüthig , von ihrer Wunderkraft ! Wie versicherte sie , daß sie für Paula bete , und bat , daß Paula dies auch für sie thun möchte ... Der Onkel unterbrach diesen Abschied und hörte voll Leidwesen , daß das gelehrte Fräulein schon wieder abreise und erst zu den Exercitien zurückkäme - Die Commerzienräthin Kattendyk hatte in der That ihren Wunsch erreicht , hatte eine große Summe für die geheime Thätigkeit der Frau von Sicking versprochen , hatte auch der » Mutter Gottes von Telgte « , einem wunderthätigen Gnadenbild der Gegend , ein kostbares neues durch und durch mit Silber gesticktes Kleid angelobt , eine Prachtschöpfung aus den Ateliers der Damen Eva und Apollonia Schnuphase ... Ein unendliches Weh lag auf den Zügen Bonaventuras , Paula ' s und Armgart ' s ... In dem : » Segne Sie Gott , Gräfin ! « Lucindens lag etwas , als wenn ihr die Leiden aller Märtyrer für die Zukunft vorausgesagt würden ... Bonaventura fühlte die Absicht dieses ihm nur allein kalt und wie ein Fluch erklingenden Tones ... Die Hand hätte er zurückreißen mögen , die erstarrt Paula in die schwarzen Handschuhe Lucindens legte ... Beide Frauen , die Geliebte und die Verschmähte , waren an Wuchs sich gleich ; Paula schön an sich und noch mehr durch den Reiz der Jungfräulichkeit ätherisch wie ein Hauch ; Lucinde wie eine Brunhild - durch ihre geheimnißvolle Kälte bestrickend ... Paula hätte Lucinden festhalten mögen , trotzdem daß sie fühlte : Das ist sie immer noch mit ihrem Haß gegen dich und mit ihrer Eifersucht ! Sie ist es immer noch , die sich berufen glaubt , die Einzige zu sein , die über Bonaventura wachen dürfe ! Sie , die sonst schon nicht ruhte und rastete in Annäherungen und Verhinderungen der Ruhe und des Glücks eines Mannes , der , wenn er lieben dürfte , seine Wahl doch so nicht treffen würde ... Aber Lucinde war das einzige Wesen , das sie vom Traumschlaf heilen konnte ... Seit der ersten Vision beim Eintritt Lucindens in das Institut , seit der ersten Einmischung der Eifersucht schon damals , als Paula , träumend , den geliebten Priester vom Bekennen der ewigen Gelübde abzuhalten suchte und Lucinde in diesem Priester Den in Erfahrung brachte , der ihr selbst eben der wiedererstandene Serlo erschienen - war in Lucindens unmittelbarer Nähe jenes Traumleben nie wieder eingetreten und sie sehnte sich ja , frei zu werden von diesen unheimlichen magischen Gewalten ... Endlich war das ein Ausbruch von Urtheilen , als Lucinde und Frau von Sicking gegangen waren ! Alle Schleusen waren aufgezogen ... Paula und Bonaventura konnten sich eine Weile allein angehören ... Die Blumen , die am Fenster blühten , die im Wasserglase gezogenen Hyacinthen , die behenden Goldfischchen in kristallener Schale , all der lieblich trauliche Vorfrühling , den beide in der Nähe des Fensters genießen konnten , hätte sie fortreißen sollen , das warme blühende Leben auch Athem an Athem zu empfinden und sich leise zu sagen : Wir , wir gehören uns doch ! ... Das lauschte aber und plauderte und klatschte und lauschte ... Es stand glücklicherweise nichts still , alles schritt vorwärts ... Selig wogen durfte wenigstens die Brust und auf die Lippen treten selbst ein lauteres Wort der Vertraulichkeit ... Inzwischen fehlte Armgart , ohne daß man es sofort bemerkte ... Armgart war Lucinden und Frau von Sicking gefolgt , hatte Hut und Mantel und eine große Tasche ergriffen , die schon im Vorsaal zu ihrer Flucht bereit lagen , hatte den Brief Terschka ' s in ihrem Busen verborgen und schlich den sich Entfernenden an das Hauptportal nach ... Als sie einstiegen , sagte sie rasch : Lassen Sie mich mit , meine Damen ! Ich habe in Witoborn zu thun ! Vergeben Sie ! Ich störe nicht ! Ich sitze hier rückwärts ! ... Schon saß sie ... Frau von Sicking lächelte zerstreut und meinte , sie wollten einen Umweg machen , um sich nach dem Befinden des Herrn Pfarrers Müllenhoff zu erkundigen ... Das thut nichts ! antwortete Armgart in Hast . Wenn Sie mir nur versprechen , mich dann von Ihrer Wohnung aus nach Witoborn fahren zu lassen ! ... Sehr gern ! sprach Frau von Sicking , mächtig ergriffen , wie es schien ,