. Es hatte eine Differenz von funfzehn Stimmen gegen sich . Aber der Fürst ? fragte Siegbert . Stimmte mit der Minorität , sagte Louis . Ministeriell ? Mehr als ministeriell ! Lesen Sie seine Motivirung ! Man trat in die offene Flur des nächsten Hauses , breitete die Zeitung auseinander und las : » Fürst Hohenberg . Meine Herren , Sie wollen in dies Haus eine Ordnung einführen , die eine Tyrannei ist und allen Gesetzen des Anstandes widerspricht . Ich billige vollkommen , wenn Sie sagen , in diesem Hause wären Sie die Herren und die Herren Minister nur Ihre Gäste ; ich theile durchaus nicht die Ansicht der Herren Minister , denen dies Verhältniß umzukehren beliebt . Allein , wer sich vorgesetzt hat , nur seinen eigensten Überzeugungen zu folgen , wird unfähig sein , sich in dieser Frage auf irgend einen Parteistandpunkt zu stellen . Die Minister haben Thatsachen zu vertreten , während Sie nur Meinungen . Ein Minister kann in jedem Augenblick in der Lage sein , einen neuen Brennstoff in die Debatte zu werfen ... Eine Stimme . Öl in ' s Feuer ! Fürst Hohenberg . Wohl ! Mein Herr ! Öl in ' s Feuer ! Daß es lodere , daß es flamme , daß die Wahrheit heller erkannt werde ! Und wenn hier ein Minister des Absolutismus oder ein Minister in der Blouse stünde , er müßte das Recht haben , die furchtbare und leider meist unwiderstehliche Kraft der ihm anvertrauten Thatsachen zu vertreten , zu geschweigen , meine Herren , daß die einfachsten Gesetze des Anstandes Demjenigen , den man bei sich eingeladen hat , das letzte Wort zuzugestehen . Ich stimme gegen den Antrag der Commission . ( Bewegung . Bravo . Zischen . ) « Es ist acht Uhr , sagte Dankmar , nach einem Augenblick des Erstaunens rasch auflodernd , wollen wir Egon besuchen ? Ich muß es thun , sagte Louis ; ich hab ' ihm versprochen , Bericht zu erstatten von unserm gestrigen Abend , an dem er Antheil zu nehmen schien , als ich ihm davon erzählte . Wenn ihn irgend ein Gedanke ergreifen kann , so sollte es dieser hochherzige ! Egon ist ja schon ein Ritter vom Geiste ... denn Sie sehen , wie er sich vom Buchstaben der Partei lossagt . Dieser Buchstabe , bemerkte Dankmar auf eine so zweifelnde , schmerzliche Wendung , ist leider in Übergangskrisen , wie wir sie jetzt erleben , der Geist selbst . Wer nicht die Kraft hat , selbst eine Partei zu bilden , muß sich bezwingen , die Zahl Derer , die ihm am verwandtesten denken , durch seine Zustimmung zu vergrößern . Die edelste Aufgabe meines Bundes wird auch die sein , die Kunst zu lehren und zu üben , Majoritäten zu bilden . Wir wollen zu Egon gehen . Als die Freunde eine Seitengasse einschlugen , bestätigte Louis auf ' s neue , wieviel Sorgen ihm der hochgestellte Freund mache . Seit vierzehn Tagen schiene er an einem tiefen Kummer zu leiden und wäre nicht mehr der Alte . Leider hätte diese Verstimmung zur Folge , daß er alle seine alten Pläne aufgäbe und nur noch dem Ehrgeize lebe . Louis erzählte von Wiederherstellung eines verwitterten Wappens über seinem Palais , eine Unternehmung , die Siegbert noch mit den Worten entschuldigte : Warum soll er das Wappen vermodern lassen ? Entweder mußte die steinerne Tafel ganz abgenommen oder restaurirt werden . Aber man hörte von Vermehrung der Bedienung , von neuen Livreen nach englischem Schnitte , von einer verschwenderischen Anwendung des Hohenberg ' schen Wappens auf Briefcouverten , Büchern , Tellern , Pferdegeschirren u.s.w. Unsre Freunde gestanden sich , daß die sonst so demüthigen Blicke der Diener impertinent geworden waren . Die Wandstabler ' s , die sich schon anschickten , das Haus zu verlassen , rümpften die Nase , als wollten sie sagen : Unsre Zeit bricht wieder an ! Die Art der Anmeldung bei Egon wäre umständlich , complizirt , erkältend , noch ehe man ihn sähe . Er erweise sich herzlich nach wie vor , aber er wäre zerstreut ... oder ein Kummer drücke ihn , den Niemand errathen könne ... Man war bei dem Thema über Helene d ' Azimont angekommen und schwieg . Der Weg zum Palais war noch nicht zurückgelegt . So knüpfte man an den gestrigen Abend an und Louis Armand sprach nun aus , was er gestern zurückgehalten hatte . Also nur der Geist soll triumphiren ? sagte er . Nur der Gedanke soll uns frei machen ? Wir sollen uns also die Hand reichen über Länder und Völker hinweg ? Anfangs , meine Freunde , fürchtete ich , die Idee der Ritter vom Geiste würde auf jene Sekte hinauskommen , die sich in Paris unter dem Namen der neuen Templer begründet hat . Ich war Zeuge einer Sitzung dieser neuen Templer . Es sind Affen alter Ceremonien , schwache eitle Copieen der Freimaurer . Sie scheinen keinen andern Zweck zu haben , als sich , wie auf der Maskerade , im Costüme des Mittelalters zu brüsten , gut zu essen , sich mit großen fabelhaften Titeln zu beladen , und alle diese Narrheiten entschuldigen und beschönigen sie dann mit einigen Phrasen über Menschenliebe , Wohlthätigkeit , den ewigen Frieden , die Fraternität der Nationen und die Ehrwürdigkeit aller Religionen ! Mit Egon war ich bei einer dieser Sitzungen zugegen und schon damals sagte er : Das Streben , auf die überlieferte Ordnung , in der wir geboren werden , gleichsam eine neue zu pfropfen , die Ordnung einer eigenen Wahl , ist gewiß ehrenwerth , aber wie müßte es doch großartiger und heroischer ausgeführt werden ! Sagte er Das ? Ich kenne die Statuten dieser neuen Pariser Templer , schaltete Dankmar ein . Egon rief damals aus , fuhr Louis Armand fort : Welche Affen , welche Komödianten ! Ich sehe mit klaren Augen die alten Templer auf dem geweihten Boden Palästina ' s mit den Sarazenen im Kampfe , Hugo des Payens schwingt sein tapfres Schwert , ich sehe Tausende hinsiechen an der Pest , ich sehe den Sturm auf Ptolomais und den Tod der letzten Ritter , die das Castell des Tempels vertheidigen , der Großmeister stirbt an einem vergifteten Pfeile - ich sehe Jakob von Molay in den Flammen , Hunderte ihm vorangehen , Hunderte folgen und nun da ... diese Advokaten , Börsenmäkler , Banquiers , Quacksalber , Polizeiagenten , die setzen sich da in weißen Mänteln mit dem rothen Kreuz in befiederten Barets hin und essen Austern und Pasteten zum Zweck des allgemeinen Weltfriedens , der Bruderliebe und der Gleichartigkeit aller Religionen ... pfui , welche Gemeinplätze und welche Possenreißer ! Siegbert sah unwillkürlich zu Dankmar hinüber und lächelte . Beruhige dich , lieber Bruder ! erwiderte dieser . Das gemeinschaftliche Essen ist ausdrücklich aus unsern Statuten verbannt . Die Ritter vom Geiste werden sogar in Betreff des Trinkens mäßiger sein müssen , als wir es gestern Abend waren . Ich spüre Kopfweh . Doch glaub ' ich fast , es kommt von der Nähe des Palais da , das ich gar nicht mehr mit den alten frohen Empfindungen sehen kann , mit denen ich es sonst begrüßte . Sonst schien es mir die häßliche Raupenhülle eines Schmetterlings zu sein , jetzt gehört es zu dem Besitzer so organisch , so fast nothwendig hinzu , wie das Haus zur Schnecke . Schon seit einigen Tagen begrüßten die Diener ihres Herrn Freunde nicht mehr mit der Furcht und Ehrerbietung wie sonst . Dankmar flüsterte den beiden Begleitern zu , daß es gut wäre , wol auch solche äußeren Zeichen zu beachten und sie bei Egon zur Sprache zu bringen . Nur Dorette Wandstabler , die Älteste , war besonnen und wußte sich zu beherrschen . Sie unterließ , als sie den Ankommenden auf der Treppe begegnete , nicht im geringsten die Beweise äußrer Achtung . Louis erhielt sogar von ihr im Vorbeigehen zugeflüstert , es wäre soeben vom Hofe ein Brief in Rosa-Umschlag angekommen . Ein Brief in Rosa-Umschlag , wisse sie noch vom alten Fürsten her , käme aus dem Cabinet des Königs . Ein Brief vom König ? bemerkte Louis und sah die Brüder fragend an . Man wird seinen Rath begehren ! sagte Siegbert . Und Dankmar setzte hinzu : Man wird ihm das Ministerium anbieten . Indem hatte sie ein neuer Kammerdiener schon gemeldet und kam mit dem Bescheide , daß Sr. Durchlaucht sie bäte , eine Viertelstunde zu warten . Er zöge sich an . Sr. Majestät hätten ihn um zehn Uhr auf ' s Schloß beordert . Die Freunde betrachteten sich bedeutungsvoll und harrten im Vorzimmer . Sie sprachen nichts . Es war ihnen , als wären sie im Begriff , von einer geliebten Person für ewig Abschied zu nehmen . Diese Bilder , Statüen , Vasen , die hier ringsum standen , hatten ihnen früher nur flüchtigen Eindruck gemacht . Es war ihnen immer gewesen , als wenn diese Gegenstände weit unter ihnen ständen . Heute blickte sie Alles vornehm und fast verachtend an . Eine alabasterne Tänzerin , auf einem Säulenpiedestal von Marmor , schien ihnen zu sagen : Wer seid Ihr ? Was wollt Ihr hier ? Der Geist des alten Generalfeldmarschalls spukte um sie her und wies ihnen mit ihrer nicht hierhergehörenden Gesinnung fast die Thür . Endlich wurden sie vorgelassen ... Sie trafen Egon in gewähltester Toilette . Sein Haar war frisirt , der Kinnbart mit großer Sorgfalt behandelt . Es lag etwas Imponirendes in dieser schönen jugendlichen Gestalt , deren mit der Krankheit sehr hochgewordene Stirn recht den Denker verrieth . Die Augen waren ein wenig eingefallen , blitzten aber aus den tiefern schattigen Höhlen nur um so feuriger , voll Geist und Anregung hervor . Um den Mund lag unverkennbarer Muth und schnelle Entschlossenheit ausgeprägt , doch milderte ein gefälliges Lächeln den allzustrengen Ernst der Züge . Auf dem Frack glänzte zum erstenmale der Stern des Großkreuzes vom Verdienstorden , das ihm der König bei seiner ersten Vorstellung am Hofe , vor etwa zwölf Tagen , selbst mit den huldvollen Worten überreicht hatte : Er hätte sämmtliche einheimische Orden des großen Helden , seines Vaters , bei Seite gelegt , und hoffe , sie mit der Zeit einen nach dem andern dem Sohne wieder einhändigen zu können . Es war dies eine Artigkeit gewesen , durch die Egon zu Nichts verpflichtet wurde . Sie galt seinem Stande und gehörte fast zur Etikette einer solchen Präsentation . Ich bin zum König gerufen , sagte Egon und begrüßte die Freunde wie sonst durch den alten Handschlag . Was habt Ihr beschlossen ? Ich höre nichts mehr von Euren Plänen ! Ihr feiert Weinlesen , seht Schwärmer prasseln , macht schönen Mädchen den Hof , während ich Armer den Dunst unsrer schlechten Ölbeleuchtung in der Kammer einathmen muß . Siegbert , wie geht es der kleinen Olga ? Ihr Glücklichen ! Sie und du , Dankmar ... was seid Ihr beneidenswerth ! Die eine Hälfte der schönen Welt spekulirt auf Eure Million und die andere tröstet sich , wenn es nichts damit ist , doch wenigstens mit zwei liebenswürdigen Männern kokettirt zu haben ! Und Louis hat auch seine stillen Freuden und sieht lyrisch aus ! Ich wette , er wetteifert schon wieder mit Béranger und Lamartine . Ihr seid nicht aufrichtig , Alle , Alle seid Ihr ' s nicht ! Vor dem neuen Minister des Innern , bemerkte Dankmar , wird man bald keine Geheimnisse mehr haben . Egon blickte auf Dankmar mit einem eigenthümlichen , sichern , lächelnden Blick . Glaubst du , sagte er nach einer Pause , glaubst du , lieber Freund , daß ich deshalb , weil ich gestern Abend einmal meiner eigenen Grille folgte , nun auch gleich die Grillen des Hofes wahrmachen werde ? Es ist gefährlich , eigene Grillen zu haben , bemerkte Dankmar mit kalter Ruhe . Wenn man sich von seinen Freunden trennt , werden die Feinde der Freunde immer glauben , einen Verbündeten zu haben . Und sie werden sich täuschen in diesem Glauben , lieber Dankmar , sagte Egon ruhig . Ich glaube in der That , daß man die Absicht hat , mir heute um zehn Uhr im Schlosse ein Portefeuille anzubieten . Ich werde ein Programm stellen . Erlaubt man mir nach diesem Programm zu regieren , so werd ' ich das Portefeuille annehmen ! Die Lage des Hofes , erwiderte Dankmar , ist nicht von der Art , ein Programm , wie du es mit Ehren nur stellen kannst , annehmen zu können . Dies Wort verletzte Egon sichtlich . Doch behielt er seine Mienen in der Gewalt und fragte Siegbert und Louis , ob sie gemeinschaftlich frühstücken wollten ? Ich habe , sagte er launig , den Keller meines Vaters revidirt und gefunden , daß da unten viel Poesie versteckt lag . Wie ich die Etiketten las : Alicante , Xeres , Marsala , welche Vorstellungen weckt Das ! Man fühlt sich in die Gegenden versetzt , wo diese gekelterten Trauben einst am Stocke hingen , man sieht das Ultramarin des südlichen Himmels , man hört die Woge des Meeres an den hohen steinigten Ufern branden und streckt sich unter Palmen- und Olivenbäumen hin und träumt dolce far niente . Damit klingelte Egon und bestellte ein Frühstück . Unten im Pavillon , sagte er . Aber rasch ! rasch ! Bringt , was Ihr zur Hand habt und Alicante und Xeres ! Der Kammerdiener flog . Ich kann mir denken , sagte Egon , daß Euch meine gestrige Abstimmung überrascht hat . Ich kann mir aber nicht helfen . Ich muß so reden , wie ich fühle . Tretet nur einmal in eine dieser Vorberathungen der Parteien , hört diese blinde , tolle , sich überstürzende Hast der Menschen , die die Parole austheilen , ich wette , Ihr haltet es mit aller Eurer Überzeugung von der Notwendigkeit , Partei halten zu müssen , nicht drei Tage aus . Ich hielt es vierzehn Tage aus . Aus der Partei der Linken bin ich ausgetreten . Und welcher Seite des Centrums schließest du dich an ? fragte Dankmar . An keine . Nicht einmal an den Club Justus ? sagte Dankmar immer erregter . An diesen am wenigsten , antwortete Egon . Was soll ich dasitzen und dies Durcheinander der Intriguen hören ! Alles soll Taktik und immer Taktik sein , an die Thatsachen denkt Niemand . Sie sitzen und zählen Stimmen . Immer ist Einer unterwegs , der bald zu der , bald zu jener kleinen Fraktion läuft und ein Compromiß beantragt : gebt uns acht Stimmen für Das , so geben wir Euch acht Stimmen für Das ... o pfui , ich habe diese Methode Politik zu treiben satt . Es ist ein kleiner Schacher , kein großer Handelsgeist , der dort herrscht . Ich will von heute an stimmen , wie ich denke . Die Freunde konnten diesen Entschluß eigentlich doch nur billigen , befürchteten aber , daß sich Egon isoliren würde . Nein , sagte Egon , es gibt Männer genug in der Kammer , die unter dem Druck der vorlauten Intrigue seufzen . Sie Alle sehnen sich nach Befreiung . Sie werden sich mit Freuden unter dem Banner schaaren , das irgend ein Retter der gesunden Vernunft aufsteckt . Ob ich dieser Retter sein werde , weiß ich nicht ! Will man sich mir anschließen , wohlan , da ist meine Hand ! Aufsuchen werd ' ich Niemand ! Aristokratisch oder bequem ? fragte Dankmar mit feinem Lächeln . Egon schien an dieser Alternative keinen Anstoß zu nehmen . Im Gegentheil sagte er : Entsinnst du dich unsres ersten Gespräches im Walde hinter dem Heidekrug ? Wohl ! sagte Dankmar . Damals trugst du eine Blouse . Allerdings würde ich jetzt dieselben Ansichten , von einem Fürsten in gesterntem Fracke vorgetragen , vorsichtiger auffassen . Du protegirst die Zeitung : das Jahrhundert . Man nennt den Ton derselben doctrinair . Die Doctrinaire sind die Aristokraten der Idee . Beruhige dich , Freund , erwiderte Egon , ich werde auch nicht mit den Professoren stimmen . In einer Zeit des Handelns ist Niemand überflüssiger als Der , der ewig nur räth und lehrt . Aber kommt ! Kommt ! Es ist bald neun Uhr ! Wir gehen in den Pavillon ! Durch mehre Zimmer , Cabinete , einen Corridor und dann eine kleine Wendeltreppe herab führte Egon die Freunde nach jenem geheimnißvollen Pavillon seines Vaters . Niemals hatte er gern von diesem Orte gesprochen , die Freunde niemals veranlaßt , ihn zu besuchen . Heute sprach er von ihm wie von einer seiner gewöhnlichen Retraiten . Die Freunde folgten ihm in einer eigenen beklommenen Stimmung . Sie fühlten , es war zwischen ihnen und dem jungen Fürsten nicht mehr wie sonst . Die Unbefangenheit fehlte , der Duft des Verhältnisses war verflogen . Sie fühlten , daß er ihnen nicht wehthun , sie in ihren Grundsätzen nicht verletzen wollte , und nichts verletzte sie doch mehr , als gerade , daß sie sahen , wie er ihnen auswich und durch Artigkeiten und Scherze den tiefern Bruch zwischen ihnen zu verdecken suchte . Siegbert hatte noch den meisten Glauben , oder er fühlte in Dem , was ihn sonst drückte , nicht den Zwang dieser Scenen , denen er doch nur halb beiwohnte . Seine Phantasie weilte bei Olga , bei der Vorstellung , wie er ihr nun heute begegnen , ihr in ' s Auge sehen sollte ! Louis war erschüttert . Dankmar verstimmt . Er stand sogar einige male auf der Wanderung nach dem Pavillon still , als ob er sich besänne , zu folgen und nicht besser thäte , sich heimlich zu entfernen . Sie hatten die kleine Wendeltreppe hinter sich . Ein Bedienter , der an ihrem Fuße harrte , stieß zwei Thorflügel auf , die in ein Vestibül führten , das rings mit Blumen geschmückt war . Zwei Victorien von Bronze hielten den Eintretenden Kränze entgegen . Der Fußboden war mit bunten , dichtwollenen Teppichen belegt . Hinter den Victorien rauschte ein Vorhang auf von schwerem , rothem Sammet . Man befand sich in einer Rotunde . Rings an den Wänden Spiegel mit Goldleisten und neben ihnen Candelaber . An den Wänden eine einzige Ottomane rundum , unterbrochen nur von den Eingängen in kleine durch Vorhänge unterschiedene Cabinete . Als sie über die schweren Teppiche hinschritten , sagte Egon : Ich entsinne mich , daß Ihr zum ersten male hier seid ! Seht da die Erfindungsgabe meines Vaters ! Von der rechten Seite hier bis zur Linken ziehen sich kleine allerliebste Gemächer . Über jedem ist in Wachsmalerei angegeben , wozu die Bestimmung der Gemächer dienen soll . Hier über dem Vorhang der erschöpfte Mars . Amor nimmt ihm die Waffen ab . Es ist das Entrée eines Badezimmers , das sich hier nebenan befindet . Die badende Nymphe macht es kenntlich . Daneben sitzt Pan und bläst auf seiner Flöte , während Tritonen aus Hörnern Wasserstrahlen spritzen . Ich weiß nicht , welche Tändeleien für das dritte Cabinet bestimmt waren . Über jenes vierte seht Ihr Hebe mit der Kanne und einem Teller schweben . Wahrscheinlich ist in der Kanne Nektar und auf der Schale Ambrosia . Soviel weiß ich , daß in diesem vierten Cabinet vortrefflich gespeist worden ist und sich die Ambrosia als die Praxis eines guten Pariser Kochs zu erkennen gab . In dem fünften waltete die Nachmittagsruhe . Es ist das Cabinet der türkischen Pfeifen . Der talentvolle Künstler , der diese Medaillons über die Thüren malte , muß in Verlegenheit gewesen sein , die türkischen Pfeifen in den Kreis seiner mythologischen Allegorieen einzuführen und doch hat er sich sehr artig geholfen . Seht die drei schönen Mädchen , die über einem todten von Flammenglut umgebenen Knaben weinen und die Hände ausstrecken . Sie verwandeln sich eben in Pappeln und die Thränen , die ihnen entfallen , flimmern von dem gelben Schein des Knaben gelb ... Recht geschickt ! sagte Siegbert . Der gelbe Knabe ist der soeben von der Sonne herabgestürzte Phaethon . Die Schwestern beweinen seinen Fall und verwandeln sich in Pappeln . Ihre Thränen , die in dem gelben Scheine des versengten von der Lichtmaterie des Sonnenballs gedörrten Phaethon gelb erscheinen , sind der Bernstein . Richtig , fuhr Egon fort und diese Sage vom Ursprung des Bernsteins paßt in der That für ein Cabinet mit türkischen Pfeifen , deren Spitzen von Bernstein sind . Ich kenne den Maler nicht . Es ist unser herrlicher Berg selbst , sagte Siegbert , der diese Wachsmalereien fertigte . Sie sind berühmt . Ich bekomme Ehrfurcht vor dem Geschmack meines Vaters , des alten Haudegens . Seht da , das sechste Cabinet hat als Medaillon eine Nymphe , die sich im Wasser spiegelt und sich dabei selber kopirt , mit einer Stecknadel nämlich auf einem großen Feigenblatt , das ihr ein Satyr hinreicht . Seht den Satyr mit dem Feigenzweig ! Wie zierlich und schalkhaft die ritzende Nadel auf dem Blatt ! In diesem Cabinet sind Bildersammlungen , die ich Euch nicht zeigen mag . Und hier im siebenten und letzten Cabinet befindet sich sogar eine Bibliothek verbotener Bücher . Mein loyaler Papa war ein eifriger Sammler in diesem Fache der Literatur , das der Maler in jenem Medaillon kenntlich machte : Ein Faun sitzt und lehrt Amor schreiben . Der kleine Junge weint , weil die Feder vielleicht kritzelt oder ihm die Mühe zu sauer wird . Der Faun liest behaglich , was Amor geschrieben hat . Die beiden Tauben , die sich über dem Busch , wo die Schulscene passirt , schnäbeln , drücken das Thema der hier gesammelten wilden Literatur aus . Inzwischen waren die Diener gekommen und hatten in das vierte Cabinet silberne Schüsseln , Körbe , Servirbreter , Flaschen getragen . Der Kammerdiener schlug den Vorhang zurück . Egon forderte die Freunde auf einzutreten . Ein zierliches , behagliches Gemach umfing sie . Die kleine gedeckte Tafel in der Mitte widerstrahlte von Krystall und Silberzeug . Die nach außen zu unscheinbaren Fenster waren durch ein zweites Fenster verdeckt , das von innen vorgebogen werden konnte , ein Fenster von mattgeschliffenem Milchglase mit eingefugten Lithophanieen . Die Sessel waren außerordentlich bequem mit Lehnen von blau- und weißgestreiften Gurten . Von derselben Farbe waren ringsum Ottomanen . Ein Gemälde an der Wand erwies sich alsbald als Flötenuhr und spielte mit reingestimmtem Glockenton die Gnadenarie aus Robert dem Teufel . Der einfachere Charakter dieses kleinen Cabinets entsprach seiner Bestimmung ; denn in einem Eßzimmer sollen die Sinne des Auges nicht durch eine überladene Staffage zerstreut werden . Egon machte den Wirth mit gewohnter Freundlichkeit . Drei galonnirte Diener , schon in Bereitschaft mit nach Hofe zu fahren , servirten in weißen Handschuhen . Es war ein Ton in das Hauswesen gekommen , gegen den Egon früher selbst protestirt hatte und der sich nun seit etwa vierzehn Tagen von selbst verstand . Seine Gäste aßen nur wenig . Sie machten sich Vorwürfe , ihn jetzt , wo er seine Gedanken zusammenzufassen hätte , noch aufzuhalten . Dankmar fragte ihn sogar , ob er das Programm schon fertig hätte ... Seit Jahren denk ' ich darüber nach und schrieb es in zehn Minuten nieder ! erwiderte Egon . Und darf man nicht einen der Paragraphen erfahren ? Ich werde dem Hofe Bedingungen stellen , die er niemals eingehen kann . Denn leider haben diese bedrängten Machthaber schon eine solche Furcht , von der Sprache unsrer Tage abzuweichen , daß sie eher die Richtung , die sie selber fürchten , an ' s Ruder bringen als etwas Neues zu versuchen . Dies vortreffliche Dejeuner , bemerkte Dankmar sarkastisch , ist wenigstens Bürgschaft , daß du keine so spartanischen Vorschläge machen wirst , wie ich zuweilen deinen Ideen abgelauscht habe . Welche Rolle wird denn in diesem Programm die vielbesprochene Arbeit spielen ? Dieselbe Arbeit , sagte Egon mit ruhigem Ernst , die ich immer pries , wird auch in meinem Programm die Hauptrolle haben . Ich kenne nur den Staat der Pflichten . Einer Zeit gegenüber , die nur ewig von den Rechten der Menschheit träumt , muß man es offen aussprechen , daß die Pflichten es sind , deren gewissenhafte Erfüllung allein die Rechte gewährleistet . Wenn Alles von seinen Rechten spricht , wo bleiben die Pflichten ? Nur da , wo Jeder bereit ist , zu geben , was er geben muß , nur da kann ein freudiges Empfangen und ein reichliches ermöglicht werden . Das , was uns überliefert ist , ist des Menschen erste Lebensbedingung . Ich bin der Thor nicht , der da auftreten und das Unrecht deshalb vertheidigen wird , weil es überliefert ist . Dem Unrecht als solchem dien ' ich nicht . Aber auch in dem überlieferten Unrecht liegt eine Menschenpflicht und ein Menschenrecht . Die Tradition ist die Aufgabe , die wir friedlich lösen sollen . Die Tradition ist das Chaos , das wir zu lichten , der Knoten , den wir zu entwirren haben . Wer darf auftreten und mit dem Schwerte alle diese Schwierigkeiten durchhauen ? Ich verlange , daß man das Leben reformirt nach einer überlieferten Gestaltung , d.h. die Methode des neuen Lebens muß das Leben selber sein . Ich werde Jedem , der trotzig von seinem Rechte spricht , auch eine Pflicht entgegenhalten , dem Armen , wie dem Reichen , dem Niedrigen und dem Vornehmen . Ich fürchte , bemerkte Dankmar unerschütterlich , daß diese Grundsätze dem Hofe und den kleinen Cirkeln , die am Ende doch Alles regieren , zu allgemein sein werden . Man wird ganz einfach den Verfassungsentwurf der frühern radikalen Ministerien nehmen und dich fragen , was du mit ihm zu thun gedenkst ? Ich bin auch darauf gefaßt , sagte Egon . Ich nehme diesen Verfassungsentwurf nicht an . Ich erkläre , ihn nicht vertheidigen zu können . Ich habe die Vorstellung von einer andern Urkunde unsres gesellschaftlichen Paktes . Von unten herauf , vom Zweck der gesitteten Gesellschaft aus , muß der Aufbau vollendet werden . Damit wirst du den kleinen Cirkeln nicht gelegen kommen , bemerkte Dankmar fast erschrocken über diese Kühnheit . Diese wollen nur einen überlieferten historischen Staat , der in die traurige Lage gekommen ist , zu den schon berechtigten Gewalten eine neue Berechtigung , das Volk , mit hinzuzulassen . Man streitet dort nur über das Maß von Freiheiten , das man an die neuen stürmischen Dränger abzulassen gedenkt . Wenn du von der Überflüssigkeit z.B. einer ersten Kammer sprächest , würdest du sogleich bemerken , daß alle Hofdamen , die Euer Gespräch belauschen dürften , die Nase rümpfen werden . Ich bin für eine erste Kammer , sagte Egon . In der That ? bemerkten erstaunt die Freunde . Jede Frage verlangt eine doppelte Erwägung . Prometheus und Epimetheus , Das ist eine alte Wahrheit . Aber ich verwerfe das nur geschichtliche Element , das die erste Kammer bilden soll . Ich verlange von der Gesetzgebung zwei Instanzen . Die eine soll die der Interessen , die andere die der allgemeinen Freiheit sein . Um ein Beispiel zu geben , würd ' ich gleichsam in die erste Kammer die Meister , in die zweite die Gesellen bringen . Unser ganzes Wirken ist aus den Faktoren des Besitzes und Erwerbes , des Stabilen und des Strebsamen zusammengesetzt . Ich verachte die Stabilität der Beamtenwelt , des Geldsackes , selbst die der Geburt einzelner vornehmer Geschlechter . Ich erkenne nur die Arbeit als das Princip des Staates an , schließe das Kapital als arbeitende Potenz , eine Lüge , völlig aus , anerkenne nirgendwo die todte Hand , auch die todte Hand des Besitzes nicht , ich anerkenne nur die lebendige , individuelle Arbeit . Meine erste Kammer besteht aus den Bevollmächtigten der positiven Interessen der einzelnen Arbeitsbranchen des Lebens , meine zweite aus den Bevollmächtigten gleichsam des arbeitgebenden Publikums . In der ersten wird gleichsam der Zunftzwang , in der zweiten die Gewerbfreiheit sitzen . Ich lasse nicht nach Ständen , Städten , Census und ähnlichen Unterscheidungen wählen , sondern in die erste Kammer nach den speziellen Thätigkeitsbranchen des Lebens , in die zweite nach dem öffentlichen Bedürfniß . Es ist möglich , daß in meiner zweiten Kammer Fürsten und Grafen , in meiner ersten Blousenmänner sitzen . Das kommt auf Eins heraus , fiel Dankmar lächelnd ein . Man würde diese Einrichtung allenfalls bei Hofe und in Petersburg als einen Druckfehler entschuldigen können ... Doch nicht , lieber Freund , sagte Egon , sich bekämpfend . Das Wahlprincip der zweiten Kammer fass ' ich numerisch . Das Publikum ist unbeschränkt . Nur einige Modificationen mit Ansiedlung und Bürgerrecht , sonst ist jedes Staatsglied Wähler . In die erste Kammer setz ' ich Die , die die Träger des Staates sind , die fleißigen Hände . Erschrickt der Hof vor Pairs , die keine Glaçeehandschuhe tragen , so ist die Zeit dieser Ideen noch nicht gekommen und ich ziehe mich gern zurück , um das Chaos zu beobachten , bis unsre Zeit gekommen ist . Louis und Siegbert waren von diesen Auseinandersetzungen überrascht und freuten sich der noch immer so stark in ihrem hochgestellten , nun zu so glänzender Laufbahn berufenen Freunde nachwirkenden alten volksthümlichen Einflüsse . Dankmar aber äußerte sich entschieden zweifelnd und bemerkte : Ich habe , mein verehrter Freund , seit ich dich kennen lernte und du mir einst sagtest , unter diesen Spiegeln und Kronenleuchtern würd ' ich einmal noch in dein tiefstes Innere blicken , nie anders von dir gedacht als bedeutend und groß . Etwas Gewöhnliches wirst du niemals bieten . Allein ich fürchte sehr , daß sich bei dir eine alte Erfahrung bestätigt . Die Richtung der Zeit ist wie der reißende Strom eines Flusses , der