... Sie hätten sämmtlich ihren gewöhnlichen Arzt , Müllenhoff , sofort aufgegeben und dem neuen von sich weit , weit mehr , als nur Fastengebotverstöße eingestanden ... Wie » bedeutend « hätte sich jede in ihren Zweifeln und Beunruhigungen hingestellt ! ... Fräulein von Merwig , die » Anflickerin « , hätte ihren starken Geist gedemüthigt und ein Mittel gegen den Ehrgeiz begehrt , nur um zu verrathen , daß es Dinge gab , worauf sie ehrgeizig sein konnte ... Fräulein von Absam hätte » Neid « in der Brust gehabt und damit verrathen , worauf ihre geheimen Sehnsuchten gingen ... Fräulein von Tüngel-Appelhülsen , eines der jüngern Mitglieder , erst im Anfang der vierziger , hätte vielleicht eine Indiscretion gebeichtet , die beinahe wie eine Rache herauskam . Sie war eine Verwandte der Schwester Scholastika , Aebtissin der Hospitaliterinnen in Wien . Aber die Tüngel-Heides und die Tüngel-Appelhülsens wichen voneinander ab wie Tag und Nacht . Unbekannt mit diesem Unterschied ging Monika jene Portiuncula unter dem Siegel der Verschwiegenheit an , ob sie nicht bei ihr mit fremdem Namen absteigen und in Armgart ' s Nähe einige Tage leben und sich ihrer Nachbarschaft einwohnen könnte , ohne daß sie es wisse . Und auf diesen Brief hatte das Fräulein geantwortet , ganz so steif , ganz so beschränkt , wie ihrem Charakter entsprach . Monika hatte diesen Brief nicht vertrauenerweckend gefunden und nur noch kurzweg um Entschuldigung gebeten und ihre Hülfe abgelehnt . Aber - dumme Menschen sind immer gefährlich und gerade die klugen Leute machen dann auch noch gerade die dümmsten Streiche . Portiuncula hatte sich , aus Rache für diese Ablehnung , gestern Abend in ihrer ganzen Glorie gezeigt ... Zu Armgart , die seit dem Brand in Westerhof blieb , hatte sie unter Kichern und zweideutigen Anspielungen , ganz im Geist des Stiftes , gesagt : » Na ja , Fräulein von Hülleshoven , jetzt kann ich Ihnen doch sagen , Ihre Frau Mama ist schon in Eschede ! Sie wohnt bei Schönians . Die Müllern , die Angelika steckt sogar von Paris aus dahinter ! Ja , und von da geht sie noch heute zur Frau von Sicking , und denken Sie ! wer wird sie da eingeführt haben ? Niemand anders , glaub ' ich doch , als die Person , die mir mein ganzes Lebensglück ruinirt hat , Sie wissen ja - die Schwarzin ! O , ich könnte in Neuhof die Erbin so gut sein wie andere ! Aber , wenn Sie morgen Abend beim Thee in Westerhof sitzen , da passen Sie mal auf , dann ist die Mutter da und hält Ihnen die Augen zu ! Sie hat sich mit Benigna hinter Ihrem Rücken ausgesöhnt ! Und wollen Sie von Ihrem Vater hören , so müssen Sie - aber verrathen Sie mich nicht - zu Hedemann nach Witoborn ! Lassen Sie doch Ihren Herrn von Terschka da anfragen - Freilich - bei Hedemann wohnen Herr von Asselyn und Herr de Jonge ... Er - Sie Kleine , Sie fangen ja schon früh an ! - - « Und nun kam alles so heraus , wie es ist in der Welt , wenn der Mensch sich einbildet , sein Leben und sein Handeln wäre nur für ihn allein da ; alle wissen davon und oft mehr , als wir ... Diese Beichten blieben jedoch aus ... Es war schon Abend , als Bonaventura in Westerhof eintraf ... Er fand das Schloß in eigenthümlicher Bewegung ... Im Vorhause hörte er aufs lebhafteste sprechen ... Die Diener standen in Gruppen ... Fast übersah man das Anfahren seines Wagens ... Er achtete wenig darauf , da er sich schon erleichtert fühlte , nur kein Anzeichen zu sehen , das auf eine etwaige Anwesenheit von Besuch und wol gar Lucindens schließen ließ ... Herr Domherr ! hieß es . Bisjetzt haben Herr von Asselyn auf Sie gewartet und Herr de Jonge ... Beide empfahlen sich zur Rückreise und hätten Sie gern noch einmal gesprochen ... Benno schon zurück ? ... Bonaventura hoffte , daß er ihn und Thiebold morgen noch in der Stadt fand ... Ueber Terschka erfuhr er , daß in der That dieser und Benno , Thiebold und der Onkel , wie sie gewollt , am Nachmittag das Archiv geordnet hatten ... Vom Hof aus leuchteten die Laternen , die , um Unglücksfällen vorzubeugen , die düstere Brandstätte erhellten ... Klingeln erschallten von da und dort ... Ist Paula - doch nicht - krank ? dachte er bangend und wagte nicht zu fragen , ob dies Klingeln und Laufen der Gräfin gälte - Die Herrschaften sind alle oben ! hieß es ungefragt ... Und Herr von Terschka kleidet sich um ... Und auch Herr von Hülleshoven ... Wozu umkleiden ? dachte er ... Eine Kammerjungfer des Hauses eilte an ihm vorüber , blieb stehen und sagte : Herr Domherr - Sie wissen doch schon ? - Sein Blick deutete das Gegentheil an ... Das Document - die langgesuchte Urkunde - Eine Klingel zwang die Sprecherin , in Eile abzubrechen ... Bonaventura blieb wie mit einem Riß durch sein Herz ... Indem stand ihm plötzlich Onkel Levinus zur Seite ... Da sind Sie ! Nun , Domherr , sprachen Sie schon Ihren Vetter Benno ? ... Was ist ? ... Sie hörten doch ? Die Urkunde ist gefunden ! Beim Räumen des Archivs ! Sehen Sie , so hab ' ich mich umkleiden müssen ! Vor Ruß und Brandgeruch ! Auch Herr von Terschka ! Ein Wunder ist ' s ! Staunen Sie nur ! Unbegreiflich ! Aber Sie wissen doch , die Urkunde , der zufolge Graf Hugo nicht erben soll , wenn nicht die Religion stimmt ! Paula bleibt die Erbin ! Darüber ist jetzt kein Zweifel ... Bei allen Heiligen - Wunderbar ! Aber kommen Sie ! Sehen Sie das Document ! Wir fanden es mitten unter den geretteten Papieren ... Schon stand Bonaventura in der geöffneten Thür des großen Vorsaals ... am Weihwasserbecken ... Besinnung hatte er nicht , sich zu benetzen ... Die Gruppe , die sich seinen Augen bot , ließ auch nichts anderes aufkommen , als zunächst den Gedanken : Paula stirbt ! ... Beleuchtet von Kerzen , die Diener und einige Mädchen in die Höhe hielten , stand Paula mit einer Pergamentrolle in den Händen , leichenblaß , Wachsfarben , wie ein Cherub des Himmels und wie schwebend im Chor der Seligen ... Armgart , zu ihr aufsehend , hielt sie in Andacht und Schrecken ... Die Tante Benigna hielt sie ebenso mit ihrer Rechten ... Paula las zwar , aber ihr Auge stand starr und wie gebrochen ... Die Worte : » Vorbehaltlich daß die jüngere Linie meinem Beispiel folgt und bis dahin in den Schoos der alleinseligmachenden Kirche zurückgekehrt ist « standen wie mit Geisterhand aus ihrer Stirn zu lesen ... Onkel Levinus sprach diese Worte ... Und nun trat Bonaventura ein ... Da erlosch Paula ' s Auge ganz ... Ihre Kniee wankten ... Mit einem Hauch des Schreckens verging ihr die Kraft , sich zu halten ... Ohne Bewußtsein lag sie in den Armen der Hinzuspringenden , die sie nebenan auf ein Sopha trugen ... Wie mit Donnerton wollte Bonaventura rufen : Aber die Urkunde ist ja falsch ! ... Doch auch ihn entwaffnete der Anblick derselben . Er kannte so viele solcher alten Urkunden . Diese trug die Spuren ihrer Echtheit unverkennbar ... Das Pergament war zermürbt , mannichfach zerbrochen , altersbraun ... Die Buchstaben der Handschrift im steifen Kanzleigeschmack der Zeit nach dem Dreißigjährigen Kriege ... Während Paula nebenan ins grüne Zimmer getragen wurde , erzählte der Onkel die Art des Fundes , die Ueberraschung Benno ' s , die Zweifel Thiebold ' s , seine eigenen Untersuchungen ... Aber Terschka ? fragte Bonaventura außer sich ... Betroffen - natürlich - erschüttert - Es ändert sich vieles - wenn nicht - ... Alles ! rief Bonaventura ... Der Onkel bestätigte dies ... Sonst hörte er nichts und sah nichts , als die wahrscheinliche Geschichte der Urkunde ... Er bewies an den Brüchen des Documents , wie dasselbe zwei Jahrhunderte lang an der hintern Wand eines Schubfachs hätte müssen eingeklemmt gewesen sein ... Er hatte das Siegel der Dorstes nie in so richtiger Prägung gesehen ... Drei Sterne fand er wieder , die gerade Maximilian von Dorste zuerst in das Wappen des Hauses einführte ... Er bewunderte die damalige Schreibart einiger Dorfschaften , die zu den gräflichen Gütern gehörten ... Längst von ihm geahnte Ursprünge derselben sah er jetzt bewiesen ... Paula blieb inzwischen auf dem Sopha ; Armgart kniete vor ihr und barg thränenvoll ihr Haupt ... Tante Benigna sagte halb bangend , halb von ihrem Standpunkt schon freudestrahlend : Eine große Wendung ! Paula - die Herrin des Ganzen ! Das steht nun fest und bleibt unwiderruflich ... Und auf ein Wort , das sie eben von den Rücksichten der Etikette beginnen wollte , trat Terschka ein , in schwarzen Kleidern , in völlig veränderter Haltung gegen sonst , bleich wie der Tod ... Die Augen Bonaventura ' s wagte er nicht auszuhalten ... Er verbeugte sich und blinzelte auf alle Umstehenden von der Seite , während er aufs neue die Urkunde ergriff ... Wie oft hatte man sich aus Wien bereit erklärt , sich ihr unterwerfen zu wollen , falls sie gefunden werden könnte und überhaupt je ausgestellt wäre ... Es handelte sich um eine veränderte Stellung aller der Fragen , die bisher Rück vertreten hatte . Es handelte sich um die weitere Erbfolge , die eine völlig verschiedene wurde , wenn sie von Paula als Herrin ausging , als wenn von der jüngern Linie . Blieb Paula die Besitzerin , so hatte auch die weibliche Linie der Dorstes Erbrechte und da ergab sich auf diese Art nicht nur der berechtigtste Antheil drüben in der Person des Präsidenten auf Neuhof , durch diesen in Bonaventura selbst , sondern auch für viele entfernter wohnende Angehörende ... Gerade von dieser Seite aus war schon lange und besonders durch den Kronsyndikus wie eine felsenfeste Nothwendigkeit die Convenienzregel hingestellt worden , daß , wenn Graf Hugo nicht mit dem Erwerb dieser großen Güter , weil er nicht katholisch wäre , durchdränge , doch Gräfin Paula dann seine Hand annehmen müßte , um ihn und die jüngere Linie von ihrem tiefen Verfall emporzubringen ... Ein solcher Receß , wie er nun jetzt eintrat , gestattete Paula nicht die freie Disposition über ihr Eigenthum ; Vettern und Muhmen und Kirche und Landschaft nahmen an den Pacten einer Ehe theil und legten die mannichfachsten Beschränkungen der vollen Besitzergreifung auch für Paula auf ... Paula , die darum aber doch die reiche Erbin blieb und höchstens aus freiem Willen , aus Hinopferung ihrer Hand etwas für die jüngere Linie thun konnte - für den Grafen Hugo , den Lutheraner , den Freund Angiolina ' s - den Freund des Freifräuleins von Wittekind , der Schwester Benno ' s ! - Paula erhielt an die Freiheit ihres Willens Berufungen , denen wenigstens jetzt ihre Kraft nicht gewachsen war ... Alles das übersah Bonaventura voll Schrecken und Wehmuth ... Terschka erklärte mit scheinbarer Ruhe und mit einer den Onkel und die Tante wohlthuend berührenden Mäßigung nur seine Ueberraschung zu diesem Schicksalsschlage ... Seinen unbedingten Glauben an die Urkunde verweigerte er nicht ... Er erwähnte die Anstalten , die er getroffen hätte , sofort durch einen Courier nach Wien die neue Wendung wissen zu lassen , die man jedenfalls - er verbeugte sich gegen Paula - hoch in Ehren zu halten hätte ... In seinem Innern kämpften die Entschließungen , die er fassen sollte ... Seine irrenden Augen suchten Armgart , die die ihrigen verbarg ... Die Beichtworte , die Bonaventura von Hammaker und Bickert gehört hatte , lauteten auf » Feuersbrunst « und » falsche Urkunde « ... Ein Wie ? ein Wo ? und Wann ? hatte er von keinem von beiden erfahren können ... Vielleicht hatte er in der That diese beiden Geständnisse in eine zu rasche Verbindung gebracht mit den Scherzreden Benno ' s bei jenem Abendspaziergang am Ufer des Stroms , die gelautet hatten : » Die Kunst , in alten Lettern auf Pergament zu schreiben , ist in unserer Stadt heimisch « ... Konnte er auch eine Wendung , die zunächst eine scheinbare Glückswendung für Paula war , so ohne weiteres auf diesen seinen Verdacht hin als ein Werk des Betrugs erklären ? ... Wie er Terschka lesen und lesen sah , kam ihm sogar der Gedanke : Hat wol gar , in falscher Freundschaft für den Grafen Hugo , ein Jesuit dies Verbrechen gefördert - fördern müssen - in majorem Dei gloriam ? ... Reißt man Paula mit Gewalt zu dem Mann hinüber den sie in den Schoos der Kirche führen soll und - führen wird ! ... Sicherte man sich in Rom zwei Magnete zur Bekehrung : Paula - und Angiolina ? ... Paula erholte sich und ihr Auge suchte Bonaventura . Sie wollte den Rath der geliebten Stimme hören ... Den Rath - des entmannten Abälard - an Heloisen ... Die Aufregungen des Onkels , der Tante dauerten fort ... Benno , der bisjetzt kaum von der Tante genannt wurde , erhielt plötzlich von ihr die höchste Anerkennung und Thiebold de Jonge verschwand . Eine Neigung zum Skepticismus , die Thiebold beim Anblick des wunderbaren Fundes und beim dadurch bedingten Rückgängigwerden seines Waldankaufs verrathen hatte , verdächtigte ihr Thiebold ' s Gemüth , sogar seine Grundsätze ... Die Tante sprach kein Bedauern aus , daß der junge sonst so liebenswürdige Herr von Jonge heute und nun für immer fehlte ... Bonaventura verließ endlich das Schloß , dessen Bewohner sich nicht sammeln konnten ... Terschka schien zögernd mit ihm sprechen zu wollen ... Er entriß sich ihm voll Grauen ... Wie die Nebel um ihn her aufstiegen , wie rings alles in ein undurchdringliches Dunkel sich hüllte , so umnachtet in seiner Seele schritt er dahin und fast den Weg verfehlend ... Erst die Glocken von Sanct-Libori wiesen ihm die rechte Straße ... Sie läuteten schon seit einigen Tagen auf die kommende Fasten- , Leidens- und Osterzeit ... Aber in seinem immer tiefer und schwerer belasteten Innern griff das Kirchenjahr schon weiter hinaus - schon zum Tag der Verklärung und der Himmelfahrt : Ostern ! Ostern ! Dein Erwachen Führt nur himmelwärts den Nachen Aufwärts aus der Erde Noth ! - Ach , zu tödlich ist der Tod ! - - Wer entronnen seiner Truhe , Sucht auf Erden nicht mehr Ruhe . 22. Von der Etikette hatte die Tante zu Terschka gesprochen ... Etikette - das ist so ein Wort , das uns in Armgart ' s Welt zurückführt ... Etikette war ihr von allen Erb- und Erbsketten schon von frühster Kindheitserinnerung an eine der härtesten und grausamsten - Auch im Stift wurde noch jetzt der Vorwurf des Mangels an Etikette nie anders ausgesprochen als mit jener Geringschätzung etwa , die den Mangel an sechszehn Ahnen begleitete ... Wer das Geheimniß der Liebe in einer reinen , eben vom Kind zur Jungfrau erblühten Natur beobachtet hat , weiß es , daß sich die älteste aller Weltbegebenheiten im Mädchenherzen immer wie das Allerneueste wiederholt . Jede liebende Seele glaubt die Liebe zuerst erfunden zu haben ... Die Tradition ist dann allerdings mächtig . Es gibt sechszehnjährige Oberflächlichkeiten genug , die die angeborne Nichtsbedeutung durch das schnellste Annehmen aller über Welt , Leben , auch die Liebe überlieferten Begriffe kund geben und ebenso basenhaft von der Liebe fühlen und sprechen , wie jede ihrer Tanten ... Doch fehlen auch Erscheinungen nicht , die , wie die Schnecke ihr eigenes Haus , so sich ihre eigene Welt aus ihrem Innersten erbauen ... Erscheinungen , die erst lange , oft nach den gefahrvollsten , ja das eigene Leben bedrohenden Umwegen auf euere gemeinplätzlichen Entweder-Oders , euere » Liebe oder Haß « , euer » Wille oder Zwang « , euere » Natur oder Unnatur « ankommen , Gegensätze , die nun einmal die geltenden sind . Sie kommen dahin oft an erst mit gebrochenem Herzen , geknicktem Genius , für immer verbrauchter Lebenskraft ... Weiß denn wol Armgart , was die Liebe ist ? ... Sie sollte es doch wol empfunden haben , wie es thut , im Arm eines Mannes zu ruhen , der von glühender Neigung ergriffen ist ... Sie sollte es doch wol wissen von damals , als sie vom Hüneneck herabstürmte und in Benno ' s Arme sank , der sie auffing und so lange hielt , bis sie wieder den verlorenen Athem gefunden ... Sie sollte Thiebold ' s » Schmachten « verstanden haben und aus der Pension vollkommen wissen , wonach sich schon so früh Tausende von jungen Mädchenherzen sehnen ... Aber sie hatte nun eben nicht den Trieb , immer allein in sich selbst zu verharren ... Schon als Kind lebte sie nur für andere - sie lebte für Paula , die sie bediente , der sie half , die sie vertheidigte , so klein sie war . Der Freundin war sie ein Bannerträger , wenn auch nur gegen Sonnenstrahl und Regen ... Und die Tante ließ das Gefühl , daß sie auch selbst etwas war , niemals bei ihr aufkommen ... Sie wuchs auf unter Anklagen , daß sie , wie sie ' s nannte , überhaupt nur in der Welt wäre ... Bettina liebte als Kind den schon bejahrten Goethe deshalb , weil sie in Frankfurt nur von ihm hören konnte : Der kalte , herzlose , unpatriotische , fürstendienerische Egoist ! ... Armgart hörte ebenso nichts , als daß sie einen herzlosen Vater , eine herzlose Mutter hätte ... Sie hörte , daß sie eigentlich ein Leben führte , das eine Beschämung der Verwandtschaft wäre ... Sie wäre ein Wildling ... Sie sollte nur sorgen , daß man sich nicht auch noch ihrer schämen müsse ... Dem alten Grafen Joseph war sie in der That selten bequem ... Geduldet wurde sie in Westerhof nur durch ein stetes Gemeistert- und Gestraftwerden ... Paula schützte sie , soweit Paula Kraft und Willen hatte ... Aber mit träumerischem Herzen ging Armgart doch im Schloß wie in der Fremde und mistraute jeder Huldigung , jedem Schmeichelworte , das ihr wurde ... Bettina fand einen einzigen Freund des verketzerten Goethe , die alte Mutter des Dichters ... Mit der » schwärmte « sie für ihn ... Mit der erfand sie sich eine Idealgestalt und hielt die fest ... Auch Armgart saß so auf einem Fußschemel und legte den Kopf in den Schoos einer einzigen theilnehmenden Seele und malte sich den Vater und die Mutter entgegengesetzt alledem aus , was ihr täglich von ihnen gesagt wurde ... Nur konnte Paula nicht , wie die Frau Rath , kleine Züge des Herzens von ihren so hart Angefeindeten erzählen , Erinnerungen der Kindheit , die ein Mutterherz bewahrt ... Aber Paula war doch die einzige , die zuhörte , wenn Armgart von alten Dienern und Beamten des Schlosses Erinnerungen an ihre Aeltern und besonders an die Zeit , wo sie ihnen so gewaltsam vorenthalten wurde , aufgetrieben hatte ... Der alte Tübbicke hatte ihr den Versteck im Laboratorium , die Krankheit der Mutter , das Ergrauen ihrer Haare erzählt ... Der alte Oberförster lobte jeden Soldaten , der sich im Frieden nicht gefalle und es mache wie Herr Ulrich von Hülleshoven und Hedemann , die in fremde Dienste und Länder gegangen wären ... Was nur unterhaltend , abenteuerlich , bedeutsam im Leben war , knüpfte sich für Armgart an die Aeltern ... Ihre Liebe zu ihnen wurde ihr wie ein angewöhntes Sprichwort , das man aus Laune und gerade zum Trotz in Gegenwart von Menschen , die sich aus Gründen , die uns nicht überzeugen können , darüber ärgern , nicht ablegt ... Wie dann die Religion auf Armgart wirkte , wissen wir ... Die Religion war ihr wie dem Volk und wie im Mittelalter der ganzen Bildung der Anhalt alles Heroischen und Großen ... Man führte im Mittelalter die Vorgänge des Evangeliums auf öffentlicher Bühne auf , um zu zeigen , daß Tyrannen , wie Herodes , vor Gott nicht bestünden ... Was wollten denn nun diese bösen Philipps und Ludwigs von Frankreich gegen die vom Christenthum berechtigten Augenspiegel beginnen ? ... » Hauspapen « , Französinnen aus klösterlicher Region legten den Grund der Bildung Armgart ' s ... Das Pensionat in Lindenwerth hatte nur auszubessern , ohne daß man dabei an besonders Neues ging ... Armgart lernte etwas zeichnen aus sich selbst ... Nie , daß sie dafür zur Ermunterung kam ; nie , daß sie angefeuert wurde , einen Werth auf sich zu legen ... Sie war so anmuthig , so hold und lieblich - aber das war ja ihre Schuldigkeit - Himmel ! Wie würde sie » gestanden « haben bei ihrer ohnehin so » schiefen Stellung « , wenn sie nun gar noch häßlich gewesen wäre ! ... So warm und innig , wie Benno mit ihr sprach , so schwärmerisch wie Thiebold , das war alles nicht die Fortsetzung dessen , worauf sie im Leben früh angewiesen war ... Euere Liebe , ihr jungen Mädchen , ist nur das stündliche Eintreffen einer sechszehnjährigen Prophezeiung , die Folge des stündlichen Erwartens einer verheißenen Huldigung ! ... Seht nur die blasse Klavierspielerin , wie sie ermattet am Fenster sitzt und hinter den Blumen die Vorübergehenden mustert und berechnet : Der da mit dem goldnen Knopf am Spazierstock und dem Bärtchen geht heute schon zum dritten Mal vorüber - gilt das dir ? Und galt es ihr , so läßt sie auch gleich das Leben für ihn . Sie sagt das wenigstens den Aeltern . Werden die Annäherungen des jungen Manns von diesen nicht gewünscht , so verfällt sie in einen Zustand » unglücklicher Liebe « , der ein halbes Jahr dauert und mit dem ersten Winterball endet . In Lindenwerth machte es Armgart , wie sonst in Westerhof ; sie nestelte und bändelte und strickelte den ganzen Tag - für andere ... Sonst schnitzte sie den kleinen Kindern - sogar den Kindern der Bedienten Schiffchen von Borke und machte ihnen Püppchen aus Schneiderlappen , die der alte Tübbicke aus Witoborn von seinem Sohn mitbrachte ... In Lindenwerth hatte sie erst da , als sie die Ankunft der Aeltern in jener Gegend in Erfahrung brachte , das Bedürfniß , allein zu sein oder doch nur mit Angelika ... Benno ' s Liebe war ihr nur das Erwerben eines besten und einzigsten Freundes und Thiebold - das war dann nur der dritte im Bund dieser großen Verschwörung gegen die schlechten Menschen und Dinge in der Welt ... Da so sagen : In diesen treuen Seelen hab ' ich zwei Menschen gefunden , die ich für mich festhalten will und von denen ich den liebsten mir zum Glücklichsein wähle ... Das empfand sie nicht - Und was gab es nicht alles Wichtigeres in der Welt ! ... » Sie ist kalt « ! » entdeckte « eines Tages Thiebold und in der That , ein Kuß war ihr ein Ausdruck der Seele - Benno hätte sie beim Abschied getrost küssen dürfen ... Ein Gelübde ist dann in der katholischen Kirche etwas Hochheiliges . Die Kirche will in diesem Auslöschen der Freiheit zunächst eine Huldigung für Gott , dann eine für sich selbst . Jede Entäußerung der freien Verfügung über späteres Ja ! und Nein ! des Willens soll sich treu bleiben ; selbst die Erkenntniß der Uebereilung , selbst die bitterste Reue soll die Erfüllung nicht hindern ; denn so nur erhalte sich die Würde des Altars , dem ja die meisten Gelübde gewidmet werden , und vorzugsweise jene Regel und Ordnung im Beten und Fasten und in alledem , was dann zuletzt seine heiligste Gestalt im Klostergelübde findet ... So blieb auch Armgart bei ihrem Wort : Die Stunde ist da , wo meine Aeltern auf mich Ansprüche machen ! Jeder will den Vorzug meiner Liebe ! Warum soll ich ihnen beiden die Hand nicht festhalten und ihr Priester werden zum neugeschlossenen Bunde ! ... Terschka stört diesen Bund ? Nun wohl ! Terschka ist - furchtbar . Er ist der Freund des Grafen Hugo und die Mutter des Grafen ist die Freundin meiner Mutter - Sie liebt ihn vielleicht nur noch in ihren geheimsten Gedanken - ich will Paula glauben , die das Gegentheil versichert - aber Terschka ist voll List . Wohin mich auch mein Gelübde führt , Terschka soll meine Mutter nie beirren - nie - nie ! ... Ich ahne meinen Untergang , aber ich opfere lieber mich selbst an Terschka und nehm ' ihn , wenn er mich will ... Gott wird mein Beginnen » crönen « ! ... Und so kam es , daß Armgart zu Terschka sagen konnte : Begleiten Sie mich doch heute Abend nach Hause ! ... So kam es , daß sie sprach : Soll ich morgen mit auf die Jagd ? ... So kam es , daß sie gestern sagte : Wie lange bleiben Sie auf Schloß Neuhof ? ... So - daß sie ihm sogar nachrief : Kommen Sie doch nicht zu spät ! ... Daß Terschka dann auch noch einen bestrickenden Zug des Unvermeidlichen hatte , that das Uebrige zu einem Entschluß , mit dem sie vielleicht unter Tausenden allein steht ... » Ich nehme nur Den , den ich liebe ! « sagte einst eine Stiftsdame und that mit dem Wort unendlich groß . Armgart erwiderte : » Trivial ! « ... Bonaventura war gegangen ... Paula hatte sich zurückgezogen ... Man fand sich immer mehr und mehr in den Fund der Urkunde , wie man sich schon gestern in den Brand gefunden hatte ... Armgart flatterte in der tiefen Verschüchterung ihres ganzen Seins dahin ... Einmal hörte sie das Wort » Etikette « zu Terschka sprechen , der mit Augen dasaß , die zwei Kratern eines Vulkans glichen ... Glaubt nur nicht , rief sie , daß Paula nun diesen Grafen Hugo nimmt ! Sie geht in ein Kloster ! ... Die Tante rief zornig : Und du gehst zu Bett ! ... Armgart ging , aber sie erschrak vor jedem Fußtritt , der gehört wurde , vor jedem Geräusch im Schlosse ... Fräulein von Tüngel-Appelhülsen hatte den Stachel in ihre Brust gesenkt , daß schon die Mutter bei Frau von Sicking wäre ... Bei Hedemann würde sie vom Vater hören ... Das nun klang in alles , was sie that und sprach , wie ein stürmisches Läuten hinein und wohnten nur Benno und Thiebold nicht bei Hedemann , sie wäre schon in aller Frühe zu ihm gerannt ... Der Onkel entließ sie zur Ruhe mit einem herzinnigen Kuß auf die Stirn . Die Aufregung des Schlosses machte , daß nicht sogleich die Diener zur Hand waren ; sie sagte in ihrer Weise darüber : Es geht wahrhaftig bei uns jetzt alles Hott und Tule ! ... Terschka kannte diesen Ausdruck nicht ... Armgart , darum befragt und ohnehin immer mit schwarzen Seelen beschäftigt , leitete ihn von den Hottentotten her ; für » Tule « fragte sie den Onkel ... Von den Hottentotten ? wiederholte der Onkel ... Hott und Tule ? ... Angeregt wie er war durch seine archivalischen Studien , hörte er diese Deutung mit Erstaunen , begann von Ultima Thule , als dem äußersten Norden der Alten , ließ » Hott « in der That als äußersten Süden gelten und hatte nun noch für die Nacht eines jener Objecte , mit denen er selbst in der Sterbestunde seinen bevorstehenden Tod vergessen konnte ... Armgart ging in ihren Thurm , vor dem Fall ihres eigenen Schattens erschreckend ... Spähend suchten die Augen , ob sie auch vor jeder Ueberraschung sicher war ... Sie riegelte heute zu , wie auf der Flucht ... Eine Viertelstunde später , als sie fast entkleidet war , klopfte es ... Wer sollte wol anders so vorsichtig klopfen als Terschka ? ... Sie erbebte und meldete sich nicht ... Terschka war es in der That und flüsterte : Fräulein Armgart ! Ihre Mutter kommt morgen ... Sie hörte nur ... Ich bin morgen früh in Witoborn zum Begräbnis des Landraths ... Sie schwieg und zitterte ... Haben Sie keinen Auftrag ? ... Möglich , daß ich erst zurückkomme , wenn Ihre Mutter schon da ist ... Mein Gott ! Ich bin so unglücklich , die Mutter nicht begrüßen zu können ... Aber ich werd ' s halt schriftlich thun ... Küssen Sie ihr doch in meinem Namen die Hand ! ... Teufel ! sprach Armgart mit knirschenden Zähnen und sprang vom Bett herab , auf dem sie schon halb entkleidet saß ... » Küssen Sie ihr die Hand « ! ... Eine jener Galanterieen , die in diesem tugendhaften Land mehr etwas Frivoles , als Artiges ausdrückten ... Hören Sie denn aber ? fuhr Terschka fort ... Ja ! sagte sie mit erstickter Stimme , doch laut genug , um vernehmbar zu werden ... Sie wird oben am Cavaliersaal wohnen ! fuhr Terschka fort . Die beiden Zimmer rechts ; alles ist vorbereitet , ohne daß Sie davon ein Wort wissen sollen ! Verrathen Sie mich aber nicht ! ... Meine Blumen müssen einstweilen als Selam für mich sprechen ! Von den Gerichten und Justizräthen rundum komm ' ich morgen vor Abend nicht frei und einen Courier muß ich auch von Witoborn in erster Frühe noch nach England expediren ... Haben Sie doch ja ein wenig Mitleid mit mir ! ... Nach England , wo die Menschen protestantisch werden und fünfmal hintereinander heirathen dürfen ! ... So fühlte Armgart ... Terschka mochte nicht ganz das teuflische Raffinement besitzen , Armgart ' s Eifersucht erregen zu wollen , dennoch that er es mit seinen , der südländischen Galanterie angehörenden Worten wider Willen ... Armgart blieb im Zustand der Verzweiflung zurück ... Nicht ' nur daß die Mutter schon wieder