. Er konnte sich im Dunkeln orientiren . Es war ihm ein Leichtes , den Weg zurück zu finden , während Schmelzing taumelte , überall anstieß und nur von Hackert ' s leitender Hand zurechtgeführt werden konnte . Oben auf der Treppe sagte Hackert : Ich steige jetzt höher , Schmelzing ! Folgen Sie ? Nicht um funfzig Thaler ! Sie lassen sich ja schon handeln ! Vorhin nicht um hundert ? Kommen Sie ! Nimmermehr . Ich beschwöre Sie , Hackert ! Hackertchen , führen Sie mich an die Thür . Wenn Sie zärtlich sein können , Schmelzing , bin ich jedes Opfers für Sie fähig . Hier geht der Weg ! Da ! Den Fuß ausgestreckt ! So ! Die Stufen abwärts ! Finden Sie sich zurecht ? Ja , Hackert ! Hier ist ja die Vorhalle . Bei Licht waren Sie so muthig . Sie müssen schreckliche Sachen aufgeschrieben haben . Das hab ' ich ! Pax wird sich freuen - Und wie ! Halt ! Was ist ? Hörten Sie nicht oben knarren ? Eine Thür ... Das ist ein Ritter , der einmal gefänglich eingeschlossen war , weil er eine Nonne liebte , die blond war . Diese geistlichen Ritter durften keine Nonnen lieben , die blond waren . Kommen Sie ! Ich höre Eisen ... Wenn es zwölf schlägt , hört man den Ritter an der Kette klirren und die blonde Nonne ächzen , weil die auch noch nicht erlöst ist . Sie wartet auf einen Jüngling , der durch Zufall dreimal : Kommen Sie ! sagt ! Wenn er zum dritten male hier über dem Rathskeller sagt : Kommen Sie ! dann geschieht etwas . Der unglückliche Schmelzing mußte nun , er wollte oder wollte nicht , verstummen . Selbst sein wiederholtes : Kommen Sie ! konnte ja nur Unheil bringen . Er zerrte Hackerten , der ihn völlig verwirrte , mit Gewalt vorwärts . Sie werden noch in das Grab der Nonne fallen , die hier enthauptet worden ist , flüsterte Hackert . Hier sind alle Leichensteine jetzt aufgedeckt . Nehmen Sie sich in Acht . Schmelzing fürchtete sich aber nicht mehr . Er sah die offenstehende Thür , die über die kleine Holztreppe in den Hof führte . Daß er sie , als er den Oberkommissair begleitet hatte , selbst verschlossen und nun offen fand , entsetzte ihn freilich , allein er fühlte die Nachtluft , sah den Himmel wieder und war schon im Begriff , die Holztreppe hinabzusteigen . Jetzt , sagte Hackert , irren Sie sich , Schmelzing , wenn Sie glauben , daß ich eine nächtliche Visitation dieser Registraturen irgend einem Geiste oder Menschen gestatte ! Im Hause ist Jemand . Der Lichtschimmer konnte Täuschung sein , das Knistern auf dem Sandsteine konnte von den Ratten kommen , deren ich gräuliche gesehen habe - aus Schonung für Sie schwieg ich über die Augen dieser Ratten , Schmelzing - aber diese Thür steht offen . Ich muß wissen , wer hier nächtliche archivalische Studien macht . Lassen Sie Das , bedeutete Schmelzing , der jetzt an der Luft in dem stillen Rathhaushofe neuen Muth geschöpft hatte . Lassen Sie Das ! Man würde immer in die Lage kommen können , sagen zu müssen , was man hier wollte . Die Entdeckungen , die ich machte , sind zu wichtig - Hackert hatte aber schon seine Stiefeln ausgezogen und sie unter den Arm genommen . Was thun Sie ? sagte Schmelzing erschrocken . Leben Sie wohl , Schmelzing ! antwortete Hackert . Ich will die blonde Nonne , wenn es geht , selbst erlösen und zu dem Ritter dreimal sagen : Kommen Sie ! Schmelzing ' s Bitten half nichts . Hackert ersuchte ihn , hier wenigstens an der Thür Wache zu stehen . Er war dann schon unterwegs , gleichviel ob Schmelzing blieb oder nicht . Auf den Socken schlich er sich den Weg zurück , bestieg wieder die Stufen , die emporführten und sah sich bei jedem Absatze der Treppe um , ob er nirgends Lichtschimmer entdeckte . Im ersten Stock sah Hackert nichts . Auch im zweiten nichts . Im dritten über sich hörte er das Knarren einer Thür . Er schlich vorsichtiger ... Als er oben im dritten Stockwerk war , spähte er nach dem Lichtschimmer . Er entdeckte nichts . Er mußte sich in Acht nehmen , weiter zu schreiten . Bei irgend einem Fehltritt konnte er von den verwahrlosten Brüstungen herabstürzen . Er tastete sich weiter und prüfte erst jeden Schritt mit einem Fuße , ehe er ihn mit beiden machte . Er war auf einem Gange . Nun hörte er hüsteln . Dies Hüsteln schien ihm bekannt zu sein ... In dem Augenblick mußte der nächtliche Besucher dieser Räume wol seine Laterne anders stellen . Die Seite des Lichtschimmers fiel auf den Gang , auf dem sich Hackert befand . Hackert fand sich dadurch zurecht . Er kannte diese Räume , die er oft im Auftrage Schlurck ' s und in Begleitung des städtischen Archivars , der ein sehr vertrauter Freund des Justizraths war , besucht hatte . Hier zur Linken ging es in die Aktensammlung über vormundschaftliche Angelegenheiten ... Wie er näher kam und von einer dunklen Stelle aus in ein kleines Gemach sehen konnte , erkannte er auf den ersten Blick seinen grämlichen alten Gegner im Schlurck ' -schen Hause , den vertrauten Rathgeber der ganzen Familie des Justizraths , Bartusch ... Der nächtliche Forscher im Archiv wandte ihm zwar , in Papieren blätternd , den Rücken , aber an seinem grauen Rock erkannte er den alten Schleicher sogleich . Bartusch blätterte eifrig in Akten , die er bald aus einem geöffneten Schranke herausnahm , bald wieder zurücklegte ... Anfangs glaubte Hackert , ganz erfüllt noch von Dankmar ' s Vortrag , tief ergriffen von der hohen Bedeutung , die er jetzt den Ansprüchen der Wildungen ' schen Familie beimessen durfte , daß Bartusch , in Schlurck ' s Auftrage , vielleicht Papiere suchte , die auf einen für den Justizrath so wichtigen Proceß Bezug hätten . Dann aber sagte er sich : Warum besucht er diese alte Registratur bei Nacht ? Was wäre dabei Geheimes und Ängstliches zu beobachten ? Er bewunderte den Muth Bartusch ' s , der sicher hier , der Schmelzing ' schen Erzählung zufolge , schon zum zweiten male erschien . Sollte er , dachte er sich , sollte er die Absicht haben , Dokumente zu vernichten ? Was sucht er so eifrig ? Was schüttelt er so den Kopf ? Ist es nicht das rechte Papier , was er eben so emsig durchlas ? Bartusch ging an einen andern Schrank , an dem er ein Bund Schlüssel probirte . Diese Schlüssel gab ihm der städtische Archivar ! sagte sich Hackert . Oder er stahl sie ihm . Halt - die Rathsdienerin Spieß vielleicht ? Oder sie verabredeten sich Beide , daß er sie sich selbst nahm , und der Archivar so that , als sähe er es nicht . Wenn Schlurck ' s Champagner strömt , fließen alle Bedenklichkeiten mit ihm . Man ist ja ehrlich , man wird ja nur betrogen ! Schnöde Welt ! Die Blinden gelten alle für gut und sind meist die durchtriebensten . Die Laterne war hinterwärts auf einem Fußschemel stehen geblieben . Noch besann sich Hackert auf seine eigenen Erinnerungen an die Angelegenheiten der Häuser und Liegenschaften , die Schlurck verwaltete , und malte sich für gewiß aus , daß dieser nächtliche Besuch mit dem Johanniter-Processe in Zusammenhang stand , sann und grübelte hin und her , ob er den Gebrüdern Wildungen hier nicht auf ' s neue von Nutzen sein könnte , als er erstaunte , auf dem Schranke die Jahreszahl 1825 geschrieben zu sehen . Was konnte ein so junges Datum mit jenem Processe zu thun haben ! Auch besann er sich , daß er sich sonst hier immer nach vormundschaftlichen Papieren umgesehen hätte . 1825 ! Es war ihm immer gewesen , als müßte dies sein Geburtsjahr sein ! Obgleich er in den Angaben seines Alters bald diese , bald jene Zahl nannte , liebte er doch die Zahl : 1825 ! Er kannte nichts von seiner Geburt , von seinen Eltern , nichts von seiner Heimat . Allein soviel konnte er berechnen , daß er , wenn er etwa sechs bis acht Jahre alt war , als er aus dem Waisenhause zu Schlurck gekommen , wol um das Jahr 1825 geboren sein mußte . Nicht , daß er annahm , Bartusch suche nach Papieren , die ihn beträfen . Aber etwas mächtig Verführerisches lag darin , daß er gerade sein vermeintliches Geburtsjahr , 1825 , über dem Schranke erblickte . Sein Entschluß stand so wie so fest ... Bartusch hatte ein Papier in der Hand . Er überflog es und laut entfuhr ihm ein Ah ! Das ist es ! Er las noch einmal , nickte dann mehrmals und wollte selbstzufrieden eben den Schrank zuschließen . Vorher steckte er das Papier in die linke Brusttasche . Eben schlug das Schloß in dem Schrank wieder zu , als er sich plötzlich im Dunkeln fand . Bartusch zuckte erschrocken auf . Im Nu hatte ihn eine kräftige Hand umklammert . Todesschreck schnürte dem Alten die Kehle zu . Er wollte schreien . Der Ton erstickte ihm . Er fühlte eine Hand , die ihm das Halstuch fast mörderisch zusammen würgte . Aus seiner Brusttasche wurde von einem Unsichtbaren das eben gefundene Papier entrissen . Halb ohnmächtig , unvermögend zu schreien , lag Bartusch rücklings auf der Erde . Der Gedanke an die Erzählung der Bibel von einem nächtlich auf dem Wege mit Jakob ringenden Engel mochte ihm in der grauenhaften Einsamkeit eingefallen sein . Kannte er die Erzählung nicht , so war dieser ungeahnte Überfall nicht minder schauerlich und gespenstisch genug für ihn ... Schmelzing harrte inzwischen unten in der That noch seines Kameraden . Er fürchtete sich , durch die mehreren Höfe und Durchgänge , die noch bis zur Schildwacht am Eingange des Rathhauses zu durchwandern waren , allein zu gehen . Es schlug halb zwölf Uhr . An eins der leeren Weinfässer lehnte er sich , um Luft zu schöpfen . Jeden Augenblick erwartete er irgend einen Schrei im Innern des unheimlichen Hauses , irgend einen Hülferuf zu hören . So stand er zitternd , bis Hackert plötzlich am Rande der Treppe erschien . Pst , Schmelzing ! Wo sind Sie ? Hier ! Leben Sie denn noch ? Ha ! Die Nonnen ! Herr Gott ! Die Ritter ! Die Geister ! Fort ! fort ! Kommen Sie ! Die blonde Nonne hatte wirklich keinen Kopf ! Hackert ! Sie kommt uns nach ! Eilen Sie ! Schmelzing , die Polizei erlebt mehr als gewöhnliche andere Menschen . Grauenvoll ! Damit zog Hackert den taumelnden , von der Luft und dem Wein und dem Schrecken an Hand und Fuß zitternden Schmelzing vorwärts . Die Höfe , die sie im Flug durchschritten , widerhallten . Durch einige Durchgänge mußten sie an den Wänden sich streifend . Da und dort ein mattes flackerndes Lämpchen . Sie kamen an die offene Thür des Rathhauses , die immer von einer Feuerwache in der Flur , von einer Militairwache am Eingange besetzt war . Die Feuerwächter kannten die beiden neuen Polizeiagenten hinlänglich und ließen sie um so mehr passiren , als sie überdies noch eine geheime Parole sagen konnten . Nach einer halben Stunde kam ein graues Männchen durch den Hof geschlichen , wandte sich ächzend und stöhnend nicht durch den Thorweg auf die Straße , sondern schlich sich in eine offene Thür , wo eine Stiege zu einem Fenster führte , in dem noch Licht brannte . Dort wohnte der Rathsdiener Spieß , der eine hübsche junge Frau hatte , die an Abenden , wo ihr Mann zu Pfändungen und gerichtlichen Executionen in der nächsten Umgegend reiste und zuweilen eine Nacht ausblieb , immer länger Licht zu haben pflegte als gewöhnlich . Bartusch , der das geheimnißvolle Wort der Polizei nicht kannte , wäre schwerlich an der Feuer- und Thorwache hindurch gekommen . Wir glauben , daß er mit dem Glockenschlag zwölf sich anschicken wird , einen beruhigenden Thee zu trinken , den ihm die Rathsdienerin gewiß mit größter Gefälligkeit kochen wird , da sie und ihr Gemahl diesem guten vielvermögenden Herrn Bartusch einen solchen Posten und hier in dem ehrwürdigen alten Rathhause die bequemste freie Wohnung verdankten . Zwölftes Capitel Der Sechste im Bunde Am Morgen nach diesem ereignißreichen Tage und der ihm folgenden ernsten Nacht finden wir die Brüder Wildungen in einem Gespräch auf dem Sopha der » Akademie « . Die Akademie , wissen wir , ist Siegbert ' s , die Aula ist Dankmar ' s Wohnzimmer . Sie waren trotzdem , daß sie so spät zur Ruhe gegangen waren , früh erwacht . Trotz des Weines , trotz der Reden , trotz der gewaltigsten Aufregung des Geistes fühlten sich die kräftigen jungen Männer nicht angegriffen ... Nur Siegbert konnte sein inneres Leid nicht verbergen ... Bist du unzufrieden mit mir , sagte Dankmar , daß ich mich gestern von dem traulichen Beisammensein so erregen ließ und so offen mit meinen Träumereien hervortrat ? Sage mir nichts Weises darüber ! Du kennst meinen Unmuth , wenn ich mich des Morgens besinne , daß ich am Abend zu viel sprach , zu exaltirt und zu offenherzig war . Mein schlimmster moralischer ... Siegbert stellte eben der Katze der Frau Schievelbein den Rest ihrer Milch an die Erde und ergänzte : Katzenjammer ! Katzenjammer ! Was ist Das nur ! fuhr Dankmar fort . Gebrochene Wehmuth ! Reue , die bei mir die Morgenstunde mehr im Munde hat als Gold ! Er legte die Cigarre fort , die ihm nicht schmecken wollte , und spitzte sich Federn zum Arbeiten . Siegbert sprach ihm Muth zu . Er sagte , daß er sich fast gefürchtet hätte , als Dankmar mit seinem kühnen Plane so offen hervorgetreten wäre . Allein die Wirkung wäre auf Alle doch die mächtigste gewesen . Und , setzte er hinzu , es sind doch Das nur gemeine Naturen , die bei nüchterner Stimmung die Entschließungen nicht wahr haben wollen , die sie in aufgeregten Augenblicken faßten . Nur Die Menschen sind groß und bedeutend , bei denen sich der Morgen erfüllend an den prophetischen Abend knüpft . Man vereinigte sich nun darüber , daß die Freunde es aufrichtig gemeint hätten in ihrer Zustimmung zu Dankmar ' s Planen . Selbst Leidenfrost , der ihnen so plötzlich und rührend als Max Brüning Enthüllte , wäre ergriffen gewesen und hätte die blanke Revolutionsidee preisgegeben , von der man ohnehin nicht wisse , ob er sie im Ernste oder humoristisch verstehen wollte . Des edeln Werdeck ' s Augen hätten geglänzt wie zwei funkelnde Sterne ... jetzt in warmer , nicht mehr in kalter Winternacht , setzte Siegbert hinzu . Diese Natur , sonst so verschlossen , wäre durch die Erinnerung und die Ahnung endlich aufgethaut gewesen und der Händedruck , den er den Freunden gegeben , als sie auf der Straße schieden , hätte etwas Krampfhaftes , ja tragisch Bedeutendes gehabt . Nur von Louis Armand mußten sie sich eingestehen , daß es ihm schwer wurde , sich von den unmittelbaren Aufforderungen der politischen Sachlage zu trennen und jetzt mehr für die Zukunft wirken zu sollen als für die ihm der dringendsten Beihülfe bedürftig erscheinende Gegenwart . Auch wär ' er nach der Erzählung über Jagellona Werdeck plötzlich sonderbar zerstreut gewesen ... Aber du ! Aber du ! unterbrach Dankmar . Du kamst ja schon verstimmt und mit Gespensteraugen in die Sitzung ... Verstimmt nicht ; nachdenkend ! Du hast etwas mit Olga gehabt ? Siegbert schwieg . Wer sah es dem Mädchen nicht an ? Diese Fröhlichkeit , als wir schieden ! Ihr kamt zum Gesang der Trompetta und der Flottwitz als Nachzügler aus dem dunkeln Garten . Ich sah dir an , daß du zittertest . Olga glühte dagegen und hätte lieber selbst tanzen mögen , als Tänze spielen . Wie sie auf das Klavier schlug , merkt ' ich , daß sie die gewaltigste Aufregung zu beherrschen suchte . Die Situationen sind doch immer unser Fluch ! Aha ! Die Raketen waren zerplatzt , die Leuchtkugeln flimmerten noch vor den Augen . Es wurde still . Das Herbstlaub raschelte an den Bäumen . Die Sterne funkelten . Zwei Herzen liegen aneinander und jubeln : Himmlischer , Sternengewaltiger , sieh herab auf deine kleinen Kinder ! Wir wollen uns lieben wie die Lämmerchen , weil deine Erde so schön ist ! Siegbert nickte mit schmerzlichem Ausdruck . Wenn es dich trösten kann , sagte Dankmar , so sag ' ich dir , daß ich fast deinem Beispiele gefolgt wäre . Die blonde Reubündlerin ist doch eine schwärmerische Natur ! Es hätte nicht viel gefehlt , so hätte ich sie im Vorüberflug an mein Herz gezogen , ihr einen demokratischen Kuß gestohlen und ausgerufen : Soll uns denn unser politischer Glaube trennen ? Ist Das das moderne Schicksal liebender Herzen , sich fliehen zu müssen wie die Capulet ' s die Montagues flohen ? Deine selbstgefällige Vergleichung mit Romeo tröstet mich nicht , sagte Siegbert nachdenklich . Du verräthst , daß mich nur eine Erregung der Sinne treiben konnte , Olga in die Arme zu schließen und ihre Lippen zu berühren ... Sinne ! Sinne ! Lieber Bruder , was sind die Sinne ! Todte Diener ! Elende Sklaven ! Der Vollmachtgeber ist die Seele . Ich wenigstens fühle wirklich etwas für meine Reubündlerin . Ihr Auge ist feucht wie der See . Es zieht herab . Ihre Locken kann ich mir freier denken , hängender , weniger nach dem Lockenholz aufgerollt . Aber ihre Zähne sind ohne Widerrede schön . Die Lippen kirschroth ... Dankmar ! unterbrach Siegbert . Du wirst ein solches Mädchen unglücklich machen . Ich hab ' es wohl bemerkt , wie lange Fäden ihre Augen zu dir hinüber spannen ! Fast verzehrt , fast lechzend nach Liebe ! Du kommst mir wie einer der Religionsstifter vor ! Alle zogen erst die Frauen an . Aber sie waren gewissenhafter als du und entsagten ... Ihr Wuchs ist untadelhaft - Hörst du nicht ? Aufrichtig ! betheuerte Dankmar . Sie zieht mich an und gerade deshalb , weil sie mein vollkommenstes Gegenbild ist . Sie hat etwas zerflossen Weibliches , wie ich es liebe . Die schönsten Weiber , Melanie an der Spitze , machen mir keinen dauernden Effekt . Ich war von Melanie auch nur geblendet . Ich bedurfte ihrer . Ich weidete mich an ihrer Haltlosigkeit , ihrer eitlen Hingebung . Ich war auf Augenblicke entzückt und habe mich doch so von ihr getrennt , daß ich sie mit der größten Ruhe ihrem Ziele , den Prinzen Egon nun wirklich noch zu erobern , zusteuern sehe . In der That ? Wäre Das jetzt ... schaltete Siegbert voll Schmerz und doch überraschtem Antheil ein . Melanie ist , seit wir ihr an dem Eisenbahndurchschnitt begegneten , sehr oft bei Pauline von Harder . Egon spricht mit Wärme von ihr ... Und Helene d ' Azimont ? Bahnt ihrem Gewissen eine Brücke , um von der Verzweiflung über Egon sich zu neuem Leben wieder in eines Malers Armen zu sammeln ... Eines Malers ? Heinrichson ' s ? unterbrach Siegbert entrüstet , stand auf und ließ zuvörderst die Katze hinaus ... Du phantasirst ! rief er dann schmerzergriffen über die Voraussetzung , daß menschliche Herzen solcher Lügen , solcher Irrthümer und Wandelungen fähig sein sollten . Mein guter Bruder ! sagte Dankmar . Psychologie und etwas Schädellehre ! Die länglichen , schlanken Formen des Ledamalers kennst du ... Er wäre gewissenlos genug ... Die runden Formen der d ' Azimont bedeuten Das , was die Menschen Gemüth nennen und was ich Leidenschaft und excentrische Gegensätze nenne . Bei einer gewissen Klasse von vornehmen Frauen ohnehin siegen erst Die , die ihnen ebenbürtig sind . Bei der ersten Furche auf der Stirn wählen sie einen berühmten Musiker zum Freunde , bei der zweiten einen berühmten Maler , und wenn es abwärts geht , findet sich wol noch irgendwo ein flammender Naturpoet , der für seine lyrischen Vokale einen Consonanten braucht . Guido Stromer mein ' ich z.B. könnte noch bei Paulinen von Harder Glück machen und Heinrichson ' s Nachfolger werden . Abscheulich ! Abscheulich ! rief Siegbert , mehr von den bizarren , menschenfeindlichen Ansichten des Bruders entrüstet , als an die Möglichkeit solcher Verbindungen glaubend . Und Adele Wäsämskoi , fuhr Dankmar unbarmherzig fort , liebt die Fürstin nicht auch einen Maler ? Warum sollte Helene d ' Azimont nicht an Heinrich Heinrichson Ersatz für Egon - Siegbert hielt dem grausamen Spötter den Mund zu . Er konnte seine Anschuldigung nicht vollenden . Abscheulicher ! sprach er dann voll ernsten Unwillens . Wie spielst du mit Frauenherzen ! Irren diese schwachen Wesen , so sind sie bemitleidenswert und die meiste Schuld trifft uns . Daß Egon Helenen nicht mehr liebt , ist wol gewiß . Es ist ein schmerzlicher Beweis der Umkehr seines Charakters . Diese Hingebung , diese Liebe Helenen ' s war ein Wunderwerk , eine Fabel , unglaublich und doch wahr . Lauschte sie nicht seinem Athemzuge , betete sie ihn nicht an ? Was soll ein Weib beginnen , das nun einmal im Manne lebt und sich von der Seele des Geliebten dann ausgeschlossen sieht , nur angewiesen auf einen Pflichttheil der Achtung und öffentlichen Schonung ! Kann man Helenen verdenken , daß sie Egon statt zu lieben , wird hassen lernen ? Und daß sie dem Prinzen einen berühmten Maler gegenüberstellt ? sagte Dankmar . Das ist nicht wahr ! Verleumdung ! Heinrichson zeichnet mit ihr die Erinnerungen an der See von Enghien , er übermalt ihre schwachen Leistungen , zu denen sie die Liebe spornte , ohne daß sie die Kraft besaß , Das , was ihr in voller Seligkeit der Erinnerung vorschwebte , zu vollenden . Er ist einschmeichelnd , das ist wahr , ist verführerisch , charakterlos . Ich zweifle nicht , daß er sich von seiner brillantesten Seite zeigt , sie mit Artigkeiten überhäuft , sie durch eine scheinbare Zurückhaltung verwirrt und durch seinen trockenen , zuweilen geistreichen Witz unterhält ... Nun ... nun ... und dem Allen widerstände ein beleidigtes Frauenherz und benutzte es nicht , um dem Treulosen zu zeigen : Sieh ! Da weckt ' ich doch noch neue Flammen ! Siegbert schauderte und blickte fast vernichtet zur Erde . Es war ein zu greller Schatten gewesen , den Dankmar da auf die Menschenseele fallen ließ . Lieber Bruder , sagte Dankmar ruhig und ergriff Siegbert ' s Hand . Ich wünsche , daß ich mich immer täuschte , wo du anders und gläubiger siehst . Du siehst die Dinge schön und warum sollt ' ich nicht wünschen , daß die Menschen gut , ihre Thaten schön sind ! Aber kannst du leugnen , daß dich die Fürstin Wäsämskoi liebt , daß sie zittert , in deiner Nähe zu sein , daß sie Augen nur hat für dich , daß sie in Zorn geräth , wenn Olga dich eine Weile anblickt ? Und du selbst , Siegbert , bist du frei von der Einwirkung dieses eigenthümlichen Verhältnisses ? Es macht dich unlustig zur Arbeit ! Du tändelst deine Zeit so hin ! Du beginnst nichts Neues mehr , vollendest nichts Altes ! Gestehe nur , daß es in deinem Innern bewegt und bunt genug aussieht . Siegbert ging im Zimmer auf und ab . Er fühlte nur zu tief die Wahrheit dieser Vorwürfe und widersprach ihnen nicht . Du hast Recht ! sagte er leise und mit feuchten Augen und setzte sich neben den Bruder , das Haupt auf die alte Sophalehne stützend . Du hast Recht ! ... Rathe mir ! Liebst du die Fürstin ? fragte Dankmar . Siegbert antwortete nicht ... schüttelte aber zuletzt entschieden sein ernstes Haupt . Und Olga ? Siegbert schwieg wiederum und blickte zur Erde nieder . Du hast vielleicht , fuhr Dankmar , um die drückende Stimmung zu erleichtern , scherzend fort , du hast vielleicht ein Gefühl wie ich gestern . Der Gegensatz reizt , die Ungleichartigkeit der Naturen stachelt ? Sage mir lieber , unterbrach Siegbert , was du empfindest , seit du weißt , daß der Knabe , der deinen so hochverehrten Ackermann begleitete , kein Knabe , sondern ein Mädchen ist ? Dankmar sah betroffen auf . Du bist scharf , erwiderte er nach einer Weile . Ich glaube , wenn ich mich im Spiegel untersuchte , ich würde finden , daß ich erröthete . Bin ich roth geworden ? Blaß und marmorgelbgraukalt wie immer , sagte Siegbert vorwurfsvoll . Dann lügt mein Gesicht ! antwortete Dankmar . Ich kann mich an meine Freunde im Ullagrunde nie ohne tiefste Erregung gemahnt sehen . Ich sage gemahnt ! Denn , wenn ich ihrer gedenke , ist ' s nicht Erinnerung nur , sondern wie Vorwurf . Selma und Olga ! sagte Siegbert . Was darf man für so beginnende , noch im grünen Kleide versteckte Knospen fühlen ? Ehrfurcht ! sagte Dankmar . Heilige Scheu ! Oft versink ' ich in ein stilles Grübeln . Ich bin dann im Walde von Hohenberg , in der Ferne rauscht die Mühle , der Specht hackt im Baume , die Vögel singen , ich schreite mit Selma durch die junge Eichenschonung . Sie spricht ebenso heiter , so klar , so nachdenkend wie damals , als ich nicht wußte , welch ' ein Zauber mich zu ihr zog . Wie mag als Mädchen sein ? Ich träume davon . Wenn ich gearbeitet habe und aufblicke , steht sie vor mir in leichtem weißen Kleide . Sie ist immer um mich . Ich scherze schwesterlich mit ihr . Weißt du unser kleines Schwesterlein ? Die holde Mechtild ! Wie liebten wir sie ! Wie herzten wir das liebe Kind und weinten , als es im Sarge lag mit Blumen bestreut ! Selma ist mir wie Mechtild . Und wenn ich ihrer gedenke , so senken sich alle Spitzen meines Wesens , wie man die Waffen senkt , wenn man sich gefangen gibt . Ich denke dann an Nichts mehr von Dem , was mich so foltert und quält . Unser Streithandel , die Weltlage , die Zeitfragen , die Stiftung des Ordens ... was ist das Alles , wenn ich an Selma denke ! Sie kommt dann und nimmt mir Schild und Speer aus der Hand , sie legt das Schwert unter Blumen , entwaffnet mich ganz und sitzt dann auf meinem Schooß und herzt mich und küßt mich , ohne daß die Küsse mich erregen oder mir etwas Anderes bedeuten als eins ihrer traulich gesprochenen Worte . Selma ! Wenn ich sie sehen könnte ! Du liebst sie , Bruder ! sagte Siegbert in seine Nähe rückend . Wie kannst du von den Lippen Wilhelminen ' s von Flottwitz sprechen ! Aber ! schaltete Dankmar rasch ein . Selma ist ein Kind , wie es Olga ist . Genug ! Wir wollen vernünftig sein . Er stand auf und wollte , seine Gefühle , wie er immer that , abschüttelnd , in die » Aula « gehen , als der Postbote eintrat und einen Brief brachte . Er kam von der Mutter . Siegbert las die sonst so feste Handschrift , die ihm heute schwankend schien . Die Mutter wird leidend sein ! bemerkte Dankmar erschreckend . Das verhüte Gott ! sagte Siegbert und durchflog die Zeilen . Sie klagte in der That . Auch ihr wollte der Aufenthalt in den großen kalten Räumen des alten Tempelhauses nicht bekommen . Sie sprach von der Rückkehr alter Leiden und beängstigte ihre Söhne so lebhaft , daß Siegbert sich die bittersten Vorwürfe machte . Was haben Eltern von ihren Kindern , sagte er , wenn diese selbstständig geworden ! Jedes Band ist da wie abgeschnitten ! Der flügge Vogel ist aus dem Neste und denkt nicht mehr daran , zu den trauernden Alten zurückzukehren . Dankmar , nicht minder bewegt , kleidete sich an und beruhigte den Bruder , daß es leicht möglich werden könnte , er müsse noch in diesem Herbste nach Angerode . Ob ich nicht sogleich lieber selbst ginge ? sagte Siegbert und wiederholte einige Stellen aus dem Briefe der Mutter , die ihm ganz besonders bedenklich schienen . Du weißt , daß sie nicht zu Denen gehört , die von sich selbst viel Aufhebens machen . Sie beschlossen bei dieser Gelegenheit , die Mutter , wenn das Trauerjahr im Pfarrhause vorüber wäre , zu sich in die Residenz zu nehmen , wobei sie sich freilich nicht verschweigen konnten , daß sie ungern ihren Bitten nachgeben und den Aufenthalt innerhalb ihrer gewohnten kleinen Lebensbeziehungen vorziehen würde . Auch Siegbert hatte sich angekleidet . Beide Brüder waren im Begriff auszugehen . Siegbert gedachte das Atelier zu besuchen und heute dort länger zu arbeiten , als er schon seit geraumer Zeit gewohnt war . Dankmar dagegen wollte aufs Gericht , um zu hören , ob der richterliche Senat die , wie er schon wußte , ihm ungünstige Entscheidung des Referenten bestätigt hätte . Es lag ihm daran , die genauere Ausführung des Urtheils zu hören und sich vorbereiten zu können , in zweiter Instanz neue Materialien zu sammeln . Wie sie aus dem Hause traten , sahen sie Louis Armand hastig die Straße daher kommen . Schon in der Ferne zog er ein Zeitungsblatt aus der Rocktasche und hielt es in die Höhe . Louis brachte die neueste Nummer des » Jahrhunderts « , das seit einiger Zeit auch in einer Morgenausgabe erschien . Egon - fing er stammelnd an , ohne weiter sprechen zu können - Egon - Die Brüder staunten über seine Erregung . Das Ministerium hat abgedankt