Sicherheit den Armen Moral , Religion und Reinlichkeit predigten . Warum sollten sie denn nicht stehlen , wenn sie hungerten ? Warum an Gott glauben , der sich nicht um sie kümmerte ? Wie konnten sie reinlich sein , wenn sie kein Geld hatten , Seife zu kaufen ? Agathe schämte sich , mit gutem Schuhwerk , in ihrer warmen Winterjacke zu ihnen zu kommen — sie schämte sich , etwas zu geben , das , wie sie wohl wußte , die Not nicht ändern konnte — mit dem sie selbst sich nur die Vollendung im Glauben erkaufen wollte . Trotz heißer Bemühungen wurde sie keine tapfere , fröhliche , bekenntnismutige Nachfolgerin des Herrn , wie ihre Cousine Mimi Bär . . . . . Als ein Kreuz vom Herrn die Lächerlichkeit und das Vergebliche , das all ihrem Thun anhaftete , auf sich nehmen und in Geduld tragen — vielleicht ging es auf die Weise . Der Kampf um den Glauben , um den Frieden füllte doch ihre Tage — gab ihrem Erwachen in der Frühe doch Zweck und Ziel . Wozu in aller Welt lebte sie sonst ? Die Sorge für die Eltern . . . . Eigentlich sorgten Papa und Mama ganz gut für sich selbst . Unermeßliche Räume in ihrem Herzen wurden dadurch nicht ausgefüllt . Sie hatte sich das nicht so gedacht — als sie ihnen so dankbar war für die Liebe und die Verzweiflung an ihrem Krankenbett . Selbst die Sehnsucht war in ihr verdorrt und gestorben . Sie wußte nicht mehr , wovon sie träumen sollte . Sie grämte sich nicht einmal mehr um Lutz . Es war alles eine grauenhafte Täuschung gewesen . Sie hätte ihn ruhig wiedersehen können . Aber er war in ihrem Dasein ausgelöscht wie ein Licht . Von M. war er fortgegangen — in jenem Sommer , als sie sich in Bornau langsam erholte . Sie wußte nicht , wo er nun lebte , und sie konnte sich nicht vorstellen , daß er sich überhaupt noch auf der Welt befand . Die Daniel hatte einen Schauspieler geheiratet . Sie — die von ihm geliebt worden war — die Mutter seines Kindes . . . . Agathe verstand die inneren Möglichkeiten solcher Schicksale so wenig , wie sie sich das alltägliche Dasein der Marsbewohner vorstellen konnte . Martins soziale Schriften hatte sie ihm ohne ein Begleitwort nachgesandt . Sie waren sündiges Gift . Der Rausch , der sie bei ihrem Lesen befallen , war auch eine Versuchung zum Bösen gewesen . Nach und nach gewann Agathe sich stille kleine Siege ab . Bei einem großen Ballsouper neigte sie ruhig das Haupt und sprach mit leise sich bewegenden Lippen ihr Tischgebet . Als sie zu Haus den Gebrauch angenommen hatte , blickte ihr Vater sie einige Male verwundert an , ließ sie aber gewähren . Nach dem Tanzfest beim Oberpräsidenten verwies er ihr strenge , sich in Gesellschaft auffällig zu benehmen . Als Antwort bat Agathe um die Erlaubnis , keine Bälle mehr besuchen zu dürfen . “ Wie kommst Du auf solche Ideen ? ” fragte der Regierungsrat ärgerlich . Er legte die Zeitung , in der er las , beiseite . Seine erste Ermahnung hatte er über den Rand des Blattes fort in die Unterhaltung zwischen Mutter und Tochter über den gestrigen Abend einfließen lassen . Jetzt wurde es ernst . “ Papa , ” begann Agathe gesammelt , “ Tanzen macht mir kein Vergnügen mehr . ” “ Was für ein Unsinn ! Du bist ein junges Mädchen , freue Dich Deines Lebens . — Ich will keine alberne , sentimentale Person zur Tochter haben . ” “ Ja , Papa . Aber . . . ” “ Was — aber ? ” “ Mit echtem Christentum verträgt es sich doch nicht , auf Bälle zu gehn . Bitte , bitte — erlaube mir doch nur . . . . Es ist ja auch . . . Du brauchst mir dann keine Ballkleider mehr anzuschaffen . ” Instinktiv griff Agathe nach dem Grunde , durch den sie ihren Vater am leichtesten zu überzeugen hoffte . Die Bälle und Gesellschaften waren ihr eine Qual . Nirgends fühlte sie sich so ausgeschlossen von jeder Lebensfreude wie in den lichterhellten Sälen , wo schon ein jüngeres Geschlecht den ersten Platz einnahm und die Herren zu den jungen Frauen drängten , die in glänzenderen Toiletten mit freierer Lustigkeit große Kreise von Anbetern um sich sammelten . Agathe wollte ja hier gar keine Rolle mehr spielen . Fand sich hin und wieder ein Herr , dem sie gefiel , so machte sie sich Vorwürfe , daß sie sich der Eitelkeit hingab . Blieb sie unbeachtet , so kränkte sie sich über ihren eigenen unwürdigen Ärger . Nie kam sie zur Ruhe , solange sie zween Herren diente — Gott und der Welt . Mimi Bär hatte es viel leichter , die ging ihren Weg , ohne nach links oder rechts zu sehen . Sie hatte ihr Probejahr in dem Schwesterhause in Berlin vollendet , war vor kurzem an das Krankenhaus nach M. versetzt und trug mit ruhigem Stolz ihre weiße Diakonissenhaube . Was sie zu thun und zu lassen hatte , war ihr genau vorgeschrieben . Wie der Offizier in seiner Uniform , mit seiner Ordre du jour und seinem festgefügten Standesbegriff lebte sie in klar abgegrenztem Kreise ein thätiges und befriedigtes Leben . Und Agathe konnte nicht einmal Kindespflicht und Christentum vereinen . Zwar . . . . . Mimi hatte dies beides auch nicht vereinigt . Sie hatte einfach ihren inneren Beruf über die Kindespflicht gestellt — ihre alten Eltern fröhlich der Obhut und Pflege Gottes überlassend . Der Regierungsrat verurteilte ihre Handlungsweise aufs schärfste . Er fürchtete den Einfluß , den Mimi auf seine Tochter üben könne und ergriff energisch die Gelegenheit , um seine Meinung dagegenzustellen . Agathes Hinweis auf die Ersparnisse durch die nicht gekauften Ballkleider machte diesmal keinen Eindruck , obgleich der Papa sonst gern über die Ausgaben der Frauen schalt . “ Liebes Kind , ” sagte er , sich erhebend , die Hand auf den Tisch stützend und durch den Klemmer einen ernsten Blick auf seine Tochter richtend , “ Du hast nicht nur Verpflichtungen gegen Dich selbst , sondern auch gegen die Gesellschaft , vor allem aber gegen die Stellung Deines Vaters . Dich ihnen zu entziehen , wäre gewissenlos gehandelt . Als Vertreter der Regierung habe ich mich in der Öffentlichkeit und bei meinen Vorgesetzten zu zeigen . Was sollen die Leute denken , wenn ich meine Tochter zu Hause lasse ? Wir Männer des Staates haben nach oben und nach unten , nach rechts und nach links zu blicken , um keinen Anstoß zu erregen — wir sind keine freien Menschen , die ihren Launen folgen dürfen . Mir ist schon öfter in letzter Zeit zu Ohren gekommen , daß Du mit der eigentümlich strengen religiösen Richtung , die Du angenommen hast , Aufsehen erregst . Mein liebes Kind — das geht durchaus nicht an . Der Oberpräsident hat mir gestern Andeutungen gemacht , die mich sehr peinlich berührt haben . . . Ich höre , Du besuchst die Versammlungen einer Sekte , die sich Jesubrüder nennen ? ” “ Papa — ich war ja nur ein paarmal da , ” stammelte Agathe . Ihres Vaters Stimme hatte den strengen Amtston angenommen , den sie und die Mutter so sehr fürchteten . “ Es predigt dort ein gewisser Zacharias — ein Pfarrer , der aus der Landeskirche ausgetreten ist ? ” “ Ja , Papa ! Aber er kommt nur alle vier Wochen . Er redet wundervoll ! ” “ Ein eigensinniger Kopf ! Wegen der Maigesetze geriet er in unliebsamen Streit mit dem Konsistorium . Ich erinnere mich der Sache . — Der Oberpräsident hat mir offen gesagt , man sieht es ungern , daß die Tochter eines hohen Regierungsbeamten die Versammlungen eines solchen Mannes besucht . ” “ Aber Papa , man kann ihm ja gar nichts vorwerfen . Er folgte nur seiner Überzeugung . Leicht wird es ihm gewiß nicht geworden sein , mit seinen fünf Kindern die gute Stelle aufzugeben . Oft essen sie zu Mittag nur Kartoffeln und Schmalz . Ja , das weiß ich . ” “ Ist ihm ganz recht , ” sagte der Regierungsrat , im Zimmer umhergehend . “ Du hörst doch , welche unangenehme Scene ich deinetwegen gehabt habe . Es ist mir unbegreiflich , wie Deine Mutter Dir erlauben konnte , zu diesen Sektierern zu gehen ! Ich verbiete es Dir hiermit ausdrücklich . Hörst Du ! Du hast den Gottesdienst im Dom . Da kannst Du Dir genug Frömmigkeit holen . Jede Übertreibung ist vom Übel . ” Frau Heidling entschuldigte sich verwirrt , Agathe nicht besser beaufsichtigt zu haben , und der Regierungsrat ging verstimmt auf sein Bureau . Als er zum Essen nach Haus kam , versuchten die beiden Frauen , ihn auf jede Weise zu erheitern . Mit besonderer Sorgfalt war das Mahl bereitet . Agathe mußte noch einmal selbst zum Fleischer gehen , um ein Stückchen zarte Lende zu bekommen . Und sie hatten Glück , es schmeckte dem Vater . Nach Tisch klopfte er Agathe die Wange und sagte freundlich : “ Was so ein kleines Ding immer für Einfälle hat ! Ja , ja — Euch muß man ordentlich hüten ! ” Der Kreis von Agathes Freundinnen hatte sich im letzten Jahre recht gelichtet . Dem kleinen Schwarzköpfchen , das sich so gern von Onkeln und Vettern küssen ließ , hatte sie als Fee der Jugend den Myrtenkranz gereicht . Auf Lotte Wimpfens Polterabend stellte sie den Frieden des Hauses dar , und Kläre Dürnheim begrüßte sie beim Scheiden von der Mädchenzeit als Genius des Glückes . Und jedesmal hatte sie sich bei diesen Festen himmlisch amüsiert . Das galt als Ehrenpunkt unter den jungen Damen — gerade auf einem Polterabend . . . . man hätte ja sonst denken können . . . . Nein — es wäre geradezu feige gewesen , sich auf den Polterabenden der Freundinnen nicht himmlisch zu amüsieren . Später verkehrte Agathe nicht mehr allzu gern mit den Verheirateten . Fast ging es ihr da , wie einst in der Pension unter den erfahreneren Genossinnen : kaum waren ein paar von den jungen Frauen beieinander , so steckten sie die Köpfe zusammen , flüsterten eifrig , lachten und hatten endlose Geheimnisse , die Agathe um alles in der Welt nicht erfahren durfte . Denn sie war ein junges Mädchen . Lisbeth Wendhagen freilich , die ruhte nicht und sagte so lange : Pfui — Ihr seid scheußlich ! bis sie alles wußte , worauf sie neugierig war . Mit ihrem sommersprossigen , spitzigen Altjungferngesichtchen und ihren prüden kleinen Ausrufen war sie die Vertraute in den meisten jungen Haushalten . Es machte den Herren großen Spaß , sie zu necken und zu hänseln . Man ließ sich geflissentlich vor ihr gehn in zweideutigen Scherzen und übermütigen Zärtlichkeiten . Lisbeths entzückte Empörung war zu komisch . Aber Agathe flößte den Pärchen unbehagliche Scheu ein . Ihr Mund konnte so herbe und verächtlich zucken , ihre Augen waren so traurig . Und sie war so fromm ! Da hieß es : “ Schäm ' Dich doch vor Agathe ! ” Dann ging der junge Ehemann ins Nebenzimmer und rief von dort : “ Schatzi , komm schnell mal rein ! ” Schatzi huschte fort . Agathe saß allein , blätterte in einem Album und hörte ersticktes Gekicher und das Geräusch zahlloser Küsse . Es war wirklich besser , mit strebsamen älteren Mädchen zu verkehren . Sie wurde aufgefordert , an einem italienischen Kursus teilzunehmen und lernte auch eine Weile fleißig die Sprache , obschon sie bei der zunehmenden Kränklichkeit ihrer Eltern keine Aussicht hatte , jemals nach Italien zu kommen . Auch nahm sie unaufhörlich Musikunterricht . Aber warum sie das that , war ihr noch weniger klar . Bei ihrer nervösen Befangenheit würde sie es niemals bis zum Vorspielen bringen . Und singen konnte sie schon gar nicht mehr . Seit ihrer Krankheit klang ihre Stimme zum Erbarmen dünn und zitterig . Wollte sie es trotzdem versuchen , so überwältigte sie jedesmal eine Traurigkeit , gegen die kein Ankämpfen mehr möglich war . Sie fürchtete sich förmlich vor den alten lieben Melodieen , aus denen die Geisterstimmen so vieler gestorbener und begrabener Hoffnungen ihr entgegenklangen . Agathes Lehrerin veranstaltete zuweilen musikalische Abende . Sie verband dabei den doppelten Zweck , mit ihren Schülerinnen ein Examen abzuhalten und sich ihrer gesellschaftlichen Verpflichtungen zu entledigen . Auch Agathe wurde schon eine Woche zuvor auf das Dringendste von Fräulein Kriebler gebeten , ihr die Ehre zu schenken . Es war ein heißer Sommerabend , kurz vor Beginn der großen Ferien . Alle drei Fenster des möblierten Zimmers mit Schlafkabinett , welches die Klavierlehrerin in einem Hinterhause bei einem Gerichtsschreiber bewohnte , waren weit geöffnet . Dennoch schlug Agathe , als sie aus der Küche der Frau Gerichtsschreiberin in den mit Damen gefüllten Raum trat , eine Luft entgegen , die von dem Geruch von Braten , Käse und Heringssalat durchzogen war . Niemand ließ sich von der Hitze anfechten . Die Stimmen surrten fröhlich durcheinander . Kleine Backfische in hellen Kleidern , die später singen sollten , saßen vorläufig zusammengedrängt in Fräulein Krieblers Schlafkämmerchen auf dem von einem Reiseshawl bedeckten Bett . Sie machten unter sich Bemerkungen von unehrerbietig jugendlichem Witz über das Buffet , das auf dem Waschtisch arrangiert war . Das Wohnzimmer wurde von Fräulein Krieblers Kolleginnen und Gönnerinnen eingenommen . Außer Agathe war noch eine ältere Schülerin da , die sich seit zehn Jahren ausbildete , anfangs für die Bühne , dann als Konzertsängerin . Es ging auch das Gerücht , sie sei einmal irgendwo öffentlich aufgetreten . Für Fräulein Kriebler waren die Musikabende ein Ereignis — eine höchst aufregende Sache . Sie hatte ihre kleinen Zimmer dazu gänzlich umräumen müssen . Die gestickten Decken , mit denen die Tische und Stühle , die bunten Papierblumen , mit denen sie die Wände geschmückt hatte , überall , wo Photographieen , Bücherbretter , Staubtuchkörbchen und gemalte Sprüche ein Plätzchen freiließen , fanden ungeteilte Bewunderung . Zwei heiße , rote Flecken auf den spitzen Backenknochen des kränklichen , von ruheloser Leidenschaft verzehrten Gesichts , lief sie unaufhörlich vom Klavier in die Schlafkammer , flüsterte den jungen Kindern Ermahnungen ins Ohr , ordnete ihre Noten , fragte , ob ihre Gäste vielleicht jetzt schon Thee haben möchten , sie dächte , es wäre besser , wenn er erst später käme — aber wenn sie wollten , dann hätte sie ihre beiden Petroleumkocher bereitgestellt . . . . Eine dicke , bucklige Lehrerin mit kurzgeschnittenen Haaren hatte schon ein paarmal gefragt , warum sich Fräulein Kriebler nur den Umstand mache ? Sie riet jetzt , da sie doch alle beisammen wären , das Konzert nur zu beginnen . Fräulein Kriebler warf noch einen hilflosen Blick auf eine Dame in Seide , die gerade aufgerichtet im Sofa saß und mit kalten Dorschaugen den zum Instrument getriebenen blonden und braunen seufzenden und sich schämenden Kindern folgte . Sie hatte die meisten der jungen Mädchen unter ihrer mütterlichen Leitung und war daher eine schreckliche und einflußreiche Persönlichkeit in dem Kreise . Die zitternden , vor Erregung klammen Finger der Lehrerin schlugen an . Dünne , liebe Stimmchen begannen ausdruckslos und ängstlich vor dieser Runde strenger Richterinnen zu ertönen und zu singen von Liebe und Lenz und der seligen Gewalt heimlicher Gluten . . . . Kaum war das geendet , da rauschten und flatterten die hellen Kleidchen eilig , eilig in die enge Schlafkammer . Und wie vorhin Seufzen und Kichern der Furcht , so nun Seufzen und Kichern der Erleichterung . Es war entsetzlich gewesen ! Ach wie gut , daß es vorbei war ! Und Erna stahl ein Schinkenbrötchen vom Buffet . Nein , aber — so unverschämt zu sein ! Linchen verschwand hinter der Garderoben-Gardine , die sich infolgedessen unförmig blähte , und aus der ab und zu ihre nackten Arme herausgriffen , bis sie in schief angezogenem Zerlinenkostüm wiedererschien . Sie sollte mit der Dame , die sich für die Bühne ausbildete , das Duett aus Figaros Hochzeit singen . Ja — Fräulein Kriebler verstand ihre Gäste zu überraschen . Sie hatte der losen Gräfin wie dem loseren Kammerkätzchen förmlich so etwas wie Koketterie beizubringen versucht . Man applaudierte natürlich so viel man nur konnte . Nachdem noch ein paar Klaviervorträge stattgefunden hatten , wurde das Buffet freigegeben . Auf den beiden Petroleumkochern brodelte das Theewasser . Fräulein Kriebler schenkte unaufhörlich ein . Sie schrie der Schar der Backfische , die ihr beim Servieren halfen , ihre Befehle zu . Eine laute Fröhlichkeit griff um sich . Die kleinen Fräuleins im Schlafgemach hörte man kaum noch , seit sie bei den Schinkenbrötchen und dem Flammerie saßen . Jetzt begannen die Lehrerinnen sich zu amüsieren . Sie hatten sich nicht umsonst mit ihren besten Kleidern und weißen Spitzen herausgeputzt — sie wollten nun auch ihr Vergnügen haben ! Die rauhen tiefen und die scharfen kräftigen Organe der energischen , älteren Mädchen tönten in lebhaften Unterhaltungen durcheinander . Fräulein Kriebler lief zwischen ihren Gästen umher , nötigte zum Zulangen und schrie mit ihrer hohen , leidenschaftlichen Stimme : “ Nehmen Sie fürlieb — a gipsy tea ! Sie müssen sich selbst bedienen . Meine Lakaien sind auf Urlaub ! Ein Löffel fehlt ? Es waren doch genug Löffel da ! Spülen Sie mal einen Löffel ab , Linchen — ein junges Mädchen muß schnell bei der Hand sein ! Nein — entschuldigen Sie nur , Fräulein Heidling — a gipsy tea . ” Die bucklige Lehrerin mit den kurzen , krausen Haaren erzählte , von Asthma pfeifend , die launigsten Geschichten . Ein sehr kurzsichtiges Mädchen ließ vor Lachen den Kneifer in die Majonaise-Sauce fallen . Endlich forderte eine blasse Person mit einer kolossalen Nase und demütigen Augen , die jedermann um Verzeihung für diese Nase zu bitten schienen , die allgemeine Aufmerksamkeit . Sie hatte den Plan , an ihrem gemeinsamen Wohnsitz ein Heim für alleinstehende , invalid gewordene Mädchen zu gründen . Mit vereinten Kräften . Was sagten die Damen dazu ? Lebhafter , stimmenreicher Beifall folgte . Als hätte sie eine neue , herrliche Lustbarkeit vorgeschlagen , so drängte man sich , um Aufrufe zu erlassen und zu verbreiten , Lotterieen zu veranstalten , reiche Kaufleute um Beiträge anzugehen , den Magistrat um Überlassung eines Baugrundes anzugehen . Lauter Dinge , die den von ihrer Hände und ihres Kopfes Arbeit lebenden Mädchen nur neue Lasten auflegten . Aber ihre Tage bestanden doch schon in einem so unaufhörlichen , eiligen Jagen um den Lebensunterhalt , daß es nicht darauf ankam , noch mehr Lauferei und Hetzerei auf sich zu nehmen . Es galt ja ein gemeinsames Interesse , zu jeder einzelnen Vorteil . — Warum sind nur alle so lustig , dachte Agathe , sie haben doch gar keinen Grund dazu . Für den Braten und die süßen Speisen , die ihnen vorgesetzt wurden , mußte Fräulein Kriebler mit ihrer nervösen Hast viele Male die ganze Stadt durchtraben und mindestens fünfzehn Stunden geben . Das wußten sie alle . Aber sie wußten auch , daß es Fräulein Krieblers Stolz war — ein nicht unwesentlicher Teil ihrer Menschenwürde , die Kolleginnen einige Mal im Jahr bei sich zu bewirten . Jede von ihnen hielt auf diese Sitte . Und sie ließen es sich behaglich schmecken , während sie von dem Mädchenheim redeten , das ihnen eine Aussicht auf eine gesicherte Zukunft eröffnete . Die Zukunft , die sie sich im besten Falle mit ihrer energischen Arbeit bei Tage und die halbe Nacht hindurch , mit allem ängstlichen Sorgen und Sparen schaffen konnten — eine Stube mit einem Ofen in einem öffentlichen Stift , wo sie ihre paar Andenken um sich sammeln und darauf rechnen konnten , daß ein Fremdes ihnen eine Suppe brachte , falls sie krank wurden — denn dafür sollte ja die Stube sein : um , ohne jemand zu stören , einsam die letzten Arbeitstage hinzubringen und dann zu sterben . Ihre Heiterkeit war ein wenig laut und gewaltsam . Alle die Damen sprachen mit einer gewissen Aufdringlichkeit von ihrer inneren Befriedigung , von ihren segensreichen Berufspflichten , von den Beschwerden der Ehe und der Schönheit ihres freien Mädchenlebens . Schönheit — ach Du lieber , gütiger Gott — wo war denn da wohl ein Fünkchen Schönheit zu finden ? Wie geheimnisvolle Schuld , die andere Geschlechter ihnen aufgebürdet , mußten die armen Geschöpfe ihre körperlichen Gebrechen , den anmutbaren Frauenleib mit sich schleppen . Agathe versuchte vergebens , sich zum Mitleid zu zwingen . Ihre tiefsten Instinkte empörten sich — ihre zärtlich geschonte Seele wand und krümmte sich vor Entsetzen , unter diese Schar gezählt zu werden . Und man rechnete sie schon beinahe dazu . . . . . Sie durfte sich doch nicht zu den halbwüchsigen Kindern in die Kammer setzen wollen ? Interesse und Begeisterung für das Frauenheim ? — Es schauderte ihr davor , wie vor beginnender Verwesung . . . . . Geschenke für die Lotterie — ja , die versprach sie zu liefern , und Lose würde sie gern nehmen . Sie stand auf , denn sie ertrug es nicht länger — es kam ihr vor , als überschleiche sie die Ansteckung von Häßlichkeit und Alter in dieser harten , glücklosen Heiterkeit . Fräulein Kriebler zeigte sich empfindlich über ihren frühen Abschied . “ Wir sind doch so gemütlich beisammen ! Freilich — viel kann ich ja nicht bieten . A gipsy tea ! ” Agathe hatte darauf gerechnet , sich der verwachsenen Lehrerin anzuschließen , die in ihrer Nähe wohnte . Sie fühlte ein leichtes Bangen , weil sie sich des Abends niemals allein auf der Straße befand . Doch war es noch fast hell , und ganze Ströme von Menschen bewegten sich auf dem Pflaster . Handwerker , Ladenmädchen , Arbeiter , Bürgerfamilien mit Kindern kehrten aus den Biergärten , wo sie bei Militärmusik in Hitze und Cigarrenqualm den Sommer genossen hatten , nach Haus zurück . — — Sommer . . . War es zu glauben , daß irgendwo auf der Welt , gar nicht so fern von hier , weite Felder blaßgoldenen Kornes in schweren , langen Wogen , vom duftenden Abendwinde durchstrichen , der Ernte entgegenreiften ? Daß der Sommer heut , zu dieser Stunde , in vogelstillen Wäldern den reinen Würzgeruch des Harzes aus dunklen Fichten sog — und durch das hohe Gras der Obstgärten schreitend , ihre Früchte mit Saft und Fülle formte . Auf den Bänken der Pferdebahnwagen lag der Staub , wie auf den Röcken und Stiefeln der Männer , der Frauen . Er bedeckte ihren kläglichen Putz — ihr Haar , das glanzlos durch ihn geworden war . Und auf den Gesichtern der Kinder zog er graue Schattenstreifen . Schläfrig , mit Scheltworten überhäuft , wurden sie an der Hand der Eltern vorwärtsgezogen , der schwülen Nacht in der widrigen Luft ihrer ungesunden Heimstätte entgegen . Sommer . . . Warum tauchte er die ganze Natur in Gold und Grün und reifende Fülle und machte nur die Menschen müde , weinerlich oder zänkisch ? War es , weil sie allein sich Kinder Gottes nennen durften und geprüft — gequält — geläutert werden mußten ? Mit vor Traurigkeit ausdruckslosen Augen sah Agathe in das Gewimmel des Volkes , das sich schweißdünstend und schwerfällig an ihr vorüberdrängte . Sie war durstig , ihre Lippen waren trocken und zersprungen . Sie träumte von Wasser , das unter Farnkräutern hell über glatte Kiesel sprang . Aber die vielen , vielen Menschen hinderten sie , dorthin zu gelangen . Sie war eine von ihnen — nur ein Glied dieser Menge — der Staub des Abends lag auch auf ihr , der Schweiß dunstete auch aus ihren Poren . Und sie war sehr müde . . . Die kleinen Backfische hatten gekichert , die tüchtigen Lehrerinnen waren lustig gewesen — die frechen angemalten Mädchen , die mit ihren bunten Kleidern das Trottoir einnahmen , lachten laut . . . . Warum konnte sie allein sich nicht freuen ? Niemals wieder ? Warum sah sie überall mehr als andere , die doch klüger waren und schärfer und die Welt besser kannten , die etwas leisteten — die ungeheure Armseligkeit und Abscheulichkeit dieses ganzen Gesellschaftslebens , und trug das heimliche Wissen wie einen Stein auf der Brust ? — Warum hörte sie immerfort vor ihren Ohren ganz aus der Ferne melodische Lust und klingendes Glück ? — — Das war wieder krankhaft . Und sie wollte nicht krank sein . Sie wollte gesund sein . Mit aller Gewalt wollte sie gesund sein ! Was es auch kosten mochte — einmal nur sich an des Lebens Tisch setzen und frisch und fröhlich genießen , was sie nur erraffen konnte . . . War sie denn dazu gar nicht mehr im stande ? Vor Agathe gingen zwei Frauen die Straße entlang . Die eine von ihnen trug ein graues Kleid , ein Reisehütchen und eine Handtasche . Unter dem Hut sah Agathe einen kleinen Knoten rotbraunen Haares . Die andere hielt sich schlecht und ging mit nachlässig schleifenden Schritten . “ Nein , nein , ” sagte die kleine zierliche Reisende , “ jede Frau kann einen Mann in sich verliebt machen , sobald er nicht gerade eine andere große Liebe hat . ” “ Das scheint mir doch gewagt . . . . Damit behaupten Sie ja , daß jedes Mädchen heiraten könnte ? ” “ Das kann sie auch — wenn sie ihren ganzen Willen auf das eine Ziel setzt . Natürlich darf sie nicht . . . . ” Die beiden bogen um die Ecke und Agathe sah sie nicht mehr . Sie hatte nun auf einen daherkommenden Pferdebahnwagen zu achten , in dem sie die letzte Hälfte ihres Weges zurücklegen wollte . Als sie eingestiegen war , machte ein Herr ihr Platz neben sich . Sie erkannte Raikendorf . “ Mein gnädiges Fräulein , so ganz allein in dieser späten Stunde ? ” Raikendorf reichte ihr die Hand mit einem zärtlich zögernden Druck . Da Agathe diese seine Art , Damen die Hand zu geben , seit ungefähr sieben Jahren an ihm kannte , machte sie ihr natürlich nicht den geringsten Eindruck mehr . Jetzt hatte sie Raikendorf lange nicht gesehen . Er war in einer benachbarten kleinen Stadt Landrat . Aber sie freute sich jedesmal , ihm zu begegnen , wenn sie ihn auch im Grunde verachtete . Er verstand es , sie zum Widerspruch zu reizen , sie wurde immer lebhaft und bekam rote Backen , wenn sie mit ihm zusammenkam . “ Ach , ” sagte sie vertraulich zu ihm , “ ich bin sehr schlechter Laune — ganz melancholisch ! Ich war in einem Thee mit alten Jungfern . ” “ Schrecklich ! ” rief er schaudernd . “ Wie kam denn das ? Da gehören Sie doch nicht hin ! ” “ Es waren alles sehr vorzügliche Mädchen , ” seufzte Agathe . “ Nein — es ist schlecht von mir , daß ich so über sie rede . ” “ Ach seien Sie nicht zu gewissenhaft . ” Beide sprachen halblaut , damit ihre Umgebung sie nicht beaufsichtige . “ Nein , wirklich — ich müßte doch Interesse dafür haben , daß sie versuchen , unser Geschlecht weiterzubringen . Es ist oberflächlich und egoistich von mir — aber — ich kann es nicht erklären , was mich so abstößt . Sehen Sie — zum Beispiel : wenn man harmlos sagt : ich habe Veilchen gerne — da heißt es unfehlbar : Ja , würden die Frauen ihre Intelligenz mehr zusammennehmen , dann könnten sie Veilchen-Kulturen gründen , die würden guten Ertrag geben . Macht man die Bemerkung : das Bild dort hängt schief an der Wand , muß man hören : Das kommt davon , daß kein System in der weiblichen Erziehung ist . Haben wir erst Gymnasien , so wird kein Bild in der Welt mehr schief hängen . . ” Raikendorf lachte . “ Ach , mein gnädiges Fräulein — bei uns Männern ist es auch nicht viel anders . Jeder reitet eben sein Steckenpferd — und schließlich — wohl dem , der eins hat . Aber in allem Ernst — gehen Sie nur da nicht wieder hin ! Zu der Gesellschaft , die man frequentiert , wird man schließlich auch gezählt . ” “ Ich gehöre doch dazu ! ” “ Unsinn ! Pardon . . . . Sehen Sie mich einmal an . Na — Fältchen sehe ich vorläufig noch nicht — kein einziges . . . . ! ” “ Was haben Sie da für wundervolle Rosen ! ” “ Nicht wahr ? Frau von Thielen hat sie mir gepflückt — ich war heute Nachmittag draußen auf dem Werder , in ihrem Garten . Jetzt wollen wir einmal eine heraussuchen für Sie ? Eine , die Ihnen ähnlich sieht ? Was ? ” Seine grünlichen Augen waren nur klein und nicht besonders hübsch , aber sie konnten sehr freundlich blicken . Und er hatte so etwas einfach Natürliches beim Sprechen . Er wählte eine schöne , zarte Theerose , gab sie ihr schweigend , und sie nahm die auserlesene Blume mit einem flüchtigen “ O danke sehr . ” Ihre Wangen röteten sich leicht vor Vergnügen . “ Sie werden mir doch gestatten , Sie nach Haus zu begleiten ? ” “ Ja , sehr gern ! Ich fürchte mich des Abends allein auf der Straße . ” “ Es ist auch unangenehm für eine Dame . ” “ Wir sollten nicht so unselbständig erzogen werden . ” “ Aha — die Gymnasien . . . ? — Sie sehen doch , daß Sie zu rechter Zeit einen Beschützer