veranlaßte sein Abschiedsgesuch . Es kommt nun freilich darauf an , auf wessen Seite du dich stellst , Waldemar . Ich glaube , der Administrator wäre nicht abgeneigt , zu bleiben , wenn du ihm gestattetest , nach wie vor den unumschränkten Gebieter zu spielen . Ich füge mich natürlich deiner Entscheidung . « Der junge Nordeck machte eine ablehnende Bewegung . » Ich bin ja erst seit gestern abend hier und kann mich unmöglich so schnell in die Verhältnisse finden . Wenn Frank übrigens gehen will , so werde ich ihn nicht halten , und wenn wirklich Streitigkeiten mit dem Schlosse die Veranlassung dazu sind , so traust du es mir doch hoffentlich nicht zu , daß ich dem Administrator gegenüber meine Mutter dementieren werde . « Die Fürstin atmete auf . Sie hatte doch einige Besorgnis hinsichtlich Franks gehegt . Ihr Sohn sollte erst mit ihm in Verkehr treten , wenn er mit ihren Augen sehen gelernt hatte und gründlich gegen seinen Beamten eingenommen war . Bei dem rücksichtslosen Freimute desselben und dem ungestümen Charakter des jungen Gutsherrn , der nicht den geringsten Widerspruch ertrug , mußte es dann notwendig zu einem Zusammenstoße kommen – da störte der unerwartete und unpassende Besuch im Gutshofe den ganzen Plan . Indessen Waldemars Haltung bewies , daß es in der kurzen Zeit , die er drüben verweilte , zu keinen Erörterungen gekommen war ; er legte augenscheinlich gar keinen Wert auf das Gehen oder Bleiben des Administrators und besaß Schicklichkeitsgefühl genug , sich von vornherein und ohne jede Prüfung auf die Seite seiner Mutter zu stellen . » Ich wußte , daß ich auf dich rechnen konnte , « erklärte sie , sehr befriedigt von dieser ersten Zusammenkunft . Es fügte sich ja alles und jedes nach ihren Wünschen . » Aber da geraten wir gleich in den ersten Stunden auf dieses unerquickliche Beamtenthema , als ob uns nichts Besseres zu Gebote stände . Ich wollte – ah , da bist du ja , Bronislaw ! « wandte sie sich an ihren Bruder , der mit seiner Tochter am Arme eintrat . Waldemar hatte sich bei den letzten Worten gleichfalls umgewendet . Einen Moment schien er doch betroffen , so fremd war ihm die Erscheinung , die so hoch und stolz ihm gegenüberstand . Er hatte nur das sechzehnjährige Mädchen mit seinem frischen Jugendreize gekannt ; diese Gestalt mochte ihm doch neu sein . » Sie verspricht dereinst schön zu werden , « hatte die Fürstin Baratowska von ihrer Nichte gesagt . Wie sehr dieser Ausspruch sich bewähren würde , hatte sie wohl selbst nicht vorausgesehen . Freilich lag die Schönheit hier nicht in dem Begriffe der Regelmäßigkeit , denn dem entsprachen Wandas Züge durchaus nicht . Der slavische Charakter trat zu deutlich darin hervor , und sie entfernten sich ziemlich weit von dem griechischen oder römischen Ideale , aber trotzdem war dieses immer noch etwas bleiche Antlitz von einem hinreißenden Zauber , dem sich niemand verschließen konnte . Das tiefschwarze Haar , im Widerspruche mit der herrschenden Mode ganz einfach geordnet , zeigte sich eben dadurch in seiner ganzen prächtigen Fülle ; was aber der jungen Gräfin den mächtigsten Reiz lieh , das waren ihre dunkeln , feuchten Augen , die sich groß und voll unter den langen Wimpern aufschlugen . Jetzt freilich stand etwas andres darin , als Kindesübermut und Kinderscherze . Mochten diese tiefen Augen sich nun in träumerischer Ruhe verschleiern oder in leidenschaftlicher Glut aufstrahlen , rätselhaft und gefährlich blieben sie immer . Man fühlte bei ihrem Anblicke , daß sie rettunglos bestricken , unwiderstehlich festhalten konnten , und Gräfin Morynska hatte diese Macht zu oft erprobt , um sich ihrer nicht im vollsten Maße bewußt zu sein . » Sie haben ganz Wilicza mit Ihrer Ankunft überrascht , Waldemar , « sagte der Graf , » und finden nun gleich Gäste in Ihrem Hause . Wir wollten eigentlich schon heute früh abreisen , auf die Nachricht von Ihrem Eintreffen hin aber mußten wir uns doch noch Zeit zur Begrüßung nehmen . « » Gewiß , Cousin Waldemar ! « bestätigte Wanda , indem sie ihm mit einem reizenden Lächeln und der graziösesten Unbefangenheit die Hand entgegenstreckte . Nordeck verneigte sich sehr förmlich und abgemessen vor seiner schönen Cousine . Er schien die dargebotene Hand nicht zu sehen und die liebenswürdig vertrauliche Anrede nicht gehört zu haben , denn ohne auch nur eine Silbe darauf zu erwidern , wandte er sich zu Morynski . » Ich will doch nicht hoffen , daß ich Sie vertreibe , Herr Graf ? Da ich vorläufig ja auch nur der Gast meiner Mutter bin , so sind wir im gleichen Falle . « Der Graf schien angenehm berührt von dieser Artigkeit , die er seinem Neffen gar nicht zugetraut hatte ; er antwortete verbindlich , Wanda dagegen stand stumm mit fest zusammengepreßten Lippen da . Sie hatte für gut befunden , dem jungen Verwandten mit der ganzen Unbefangenheit der Weltdame entgegenzutreten , ihm großmütig eine peinliche Erinnerung zu ersparen , indem sie dieselbe vollständig vergaß , und nun mußte sie es erleben , daß die Unbefangenheit gar nicht angenommen , die Großmut zurückgewiesen wurde . Der Blick , der mit so eisiger Gleichgültigkeit über sie hinglitt , zeigte ihr , daß Waldemar die einstige Neigung allerdings vergessen , die einstige Beleidigung aber nicht verziehen hatte und sich jetzt dafür rächte . Das Gespräch wurde bald allgemein , da auch die Fürstin und Leo sich daran beteiligten . An Stoff fehlte es nicht . Man sprach von Waldemars Reisen , von seiner unvermuteten Ankunft , von Wilicza und der Umgegend , aber so belebt die Unterhaltung auch war , es blieb doch jede Vertraulichkeit ausgeschlossen ; man sprach zu einem Fremden , mit dem man zufällig in verwandtschaftlichen Verhältnissen stand . Dieser Nordecksche Sprößling gehörte nun einmal nicht zu dem Kreise der Baratowski und Morynski – das wurde von beiden Seiten gefühlt und unwillkürlich regelte sich der Ton danach . Der Graf konnte es auch jetzt nicht über sich gewinnen , den ältesten Sohn seiner Schwester mit dem Du anzureden , das er dem jüngsten als selbstverständlich gab , und Waldemar hielt konsequent das » Herr Graf « gegen seinen Oheim fest . Er zeigte sich in der Unterhaltung nicht viel anders als sonst , schweigsam und zurückhaltend , aber nicht mehr unbeholfen . Da es um die Herbstzeit war , so kam das Gespräch natürlich bald auf die Jagd , die überhaupt das bevorzugteste Vergnügen auf den Gütern der Umgegend bildete , und der auch die Damen nicht fremd waren ; sie beteiligten sich lebhaft an den Erörterungen . Leo erwähnte schließlich der großen Nordeckschen Waffensammlung und rühmte einige dort befindliche Büchsen ganz besonders . Graf Morynski widersprach und wollte die betreffenden , allerdings sehr kostbaren Stücke nur als Merkwürdigkeiten gelten lassen , während Waldemar sich entschieden auf die Seite seines Bruders schlug . Die Herren gerieten ins Feuer und beschlossen , den Streit durch einen Gang nach dem Waffensaale und eine vorläufige Probe zu entscheiden , sie brachen auch ungesäumt dahin auf . » Noch ganz der alte Waldemar ! « sagte die Fürstin , ihnen nachblickend . » Nur wenn es sich um Jagdgeschichten handelt , fängt er Feuer . Alles übrige ist ihm gleichgültig . Findest du ihn verändert , Wanda ? « » Ja , « entgegnete die junge Gräfin einsilbig . » Er ist eigentümlich ruhig geworden . « » Ja , Gott sei Dank ! Einigermaßen scheint er die Schroffheit und Formlosigkeit abgelegt zu haben , wenigstens solange er sich im Salon befindet . Man kann ihn jetzt vorstellen , ohne sich lächerlich zu machen und braucht nicht gleich bei der harmlosesten Unterhaltung einen Eklat zu fürchten . Seine nähere Umgebung freilich wird wohl nach wie vor zu leiden haben ; bei dem ersten Versehen , das der Reitknecht bei den Pferden sich zu schulden kommen läßt , ist der alte Berserker mit seinem ganzen Ungestüm wieder da . « Wanda erwiderte nichts auf diese Bemerkung . Sie hatte sich in einen Sessel geworfen und spielte mit den Seidenquasten desselben . » Gleich seine Ankunft war ein echt Nordeckscher Streich , « fuhr die Fürstin unwillig fort , » Es war schon arg , daß er die Extrapost auf der letzten Station fortschickte und zu Fuße ankam , wie der erste beste Abenteurer , aber daran hatte Waldemar natürlich noch nicht genug . Als er das Schloß erleuchtet sieht und von einer Festlichkeit hört , kehrt er schleunigst beim Administrator ein , aus bloßer Angst , man könne ihn zwingen , sogleich in die Gesellschaft zu treten . Spät abends erst kommt er mit dem Doktor ins Schloß , gibt sich Pawlick zu erkennen und läßt sich nach seinen Zimmern führen , verbietet aber auf das bestimmteste , mich noch zu stören . Ich erfuhr natürlich seine Ankunft fünf Minuten darauf . Meine Dienerschaft ist doch besser geschult , als er voraussetzt , da er aber in dieser Hinsicht einen so entschiedenen Befehl gegeben hatte , so blieb mir nichts übrig , als sein Hiersein zu übersehen und mich erst heute morgen überraschen zu lassen . « » Eine Ueberraschung , die auch uns zum Bleiben nötigte , « fiel Wanda ungeduldig ein . » Ich hoffe , Papa kommt bald zurück , damit wir abreisen können . « » Doch nicht sogleich ? Ihr werdet doch wenigstens noch zu Tische hier bleiben ? « » Nein , liebe Tante , ich werde den Papa bitten , sofort anspannen zu lassen . Denkst du , daß es mir Vergnügen macht , mich von Herrn Waldemar Nordeck fortgesetzt so übersehen zu lassen , wie er es wahrend dieser halben Stunde that ? Er vermied es mit bewundernswürdiger Konsequenz , mir zu antworten oder nur ein einziges Mal das Wort an mich zu richten . « Die Fürstin lächelte . » Nun , diese kleine Rache kannst du ihm bei der ersten Zusammenkunft immerhin gestatten . Du hast ihm ziemlich schonungslos mitgespielt und kannst dich wirklich nicht wundern , wenn der Groll darüber sich noch hin und wieder in ihm regt . Doch das gibt sich bei dem öfteren Zusammensein . Wie findest du sein Aeußeres ? Mich dünkt , ein wenig hat er sich doch zu seinem Vorteil verändert . « » Ich finde ihn noch gerade so abstoßend wie früher , « erklärte die junge Gräfin . » Ja , mehr noch , denn damals war der Eindruck seiner Persönlichkeit ein unbewußter und jetzt habe ich ihn beinahe in Verdacht , daß er abstoßen will . Aber trotzdem – ich weiß nicht , worin es liegt ; vielleicht darin , daß er die Stirn jetzt so frei und offen trägt – aber er verliert nicht mehr gegen Leo . « Die Fürstin schwieg betroffen . Die gleiche Bemerkung hatte sich ihr vorhin aufgedrängt , als die beiden Brüder nebeneinander standen . So unbestritten die Schönheit des jüngeren war und so wenig der ältere auch nur den geringsten Anspruch darauf machen konnte , er geriet dennoch nicht in Gefahr , in den Hintergrund gedrängt zu werden . Mochte man , wie Gräfin Morynska , seine Erscheinung immerhin unsympathisch und abstoßend finden , es lag etwas darin , das trotz alledem seinen Platz behauptete , und auch die Mutter sah sich genötigt , das zuzugeben . » Solche Hünengestalten haben immer einen großen Vorteil voraus , « meinte sie , » sie imponieren beim ersten Anblick , aber das ist auch alles . Geist und Charakter darf man niemals dahinter suchen . « » Niemals ? « fragte Wanda mit eigentümlicher Betonung . » Bist du dessen so ganz sicher ? « Die Fürstin schien diese Frage sehr seltsam und überflüssig zu finden , denn sie blickte ihre Nichte erstaunt an . » Wir wissen beide , welchen Zwecken Wilicza noch dienen soll , « fuhr diese mit unterdrückter Heftigkeit fort , » und da wirst du mir zugeben , liebe Tante , daß es sehr unbequem und gefährlich wäre , wenn es deinem Sohne urplötzlich einfiele , › Geist ‹ zeigen zu wollen . Sei vorsichtig ! Mir will diese Ruhe und vor allen Dingen diese Stirn nicht gefallen . « » Mein Kind , « sagte die ältere Dame mit ruhiger Ueberlegenheit , » willst du es nicht mir überlassen , für den Charakter meines Sohnes einzustehen , oder traust du dir mit deinen zwanzig Jahren eine größere Urteilsfähigkeit zu , als ich sie besitze ? Waldemar ist ein Nordeck – und damit ist alles gesagt . « » Und damit hast du dein Urteil über ihn von jeher abgeschlossen . Er mag das Ebenbild seines Vaters sein in jedem Zuge , die Stirn aber mit der scharfgezeichneten blauen Ader an den Schläfen – hat er von dir – hältst du es denn gar nicht für möglich , daß er sich auch einmal als Sohn seiner Mutter zeigt ? « » Nein ! « erklärte die Fürstin in einem so herben Tone , als beleidige sie diese Idee förmlich . » Was ich von meiner Natur vererben konnte , das besitzt Leo allein . Sei nicht thöricht , Wanda ! Du bist gereizt durch das Benehmen Waldemars gegen dich , und ich gebe zu , daß es nicht sehr zuvorkommend war , aber du mußt darin wirklich seiner Empfindlichkeit Rechnung tragen . Wie du jedoch dazu kommst , aus seinem zähen Festhalten an dem alten Grolle auf einen wirklichen Charakter zu schließen , das begreife ich nicht ; mir beweist es das Gegenteil . Jeder andre wäre dir dankbar dafür gewesen , daß du ihm über eine halbvergessene peinliche Erinnerung hinweghelfen wolltest , und hätte mit der gleichen Unbefangenheit der Braut seines Bruders – « » Weiß Waldemar bereits – ? « unterbrach sie die junge Gräfin . » Gewiß , Leo selbst teilte es ihm mit . « » Und wie nahm er die Nachricht auf ? « » Mit der grenzenlosesten Gleichgültigkeit , obgleich ich ihm in meinen Briefen niemals eine Andeutung davon gemacht habe . Das ist ' s ja eben . Mit seiner einstigen Schwärmerei für dich ist er sehr schnell fertig geworden – davon haben wir Proben , an die vermeinte Beleidigung aber klammert er sich noch mit dem ganzen Eigensinn des ehemaligen Knaben . Willst du vielleicht , daß ich eine solche Natur als › Charakter ‹ gelten lasse ? « Wanda erhob sich mit unverkennbarer Gereiztheit . » Durchaus nicht , aber ich fühle keine Neigung , mich diesem Eigensinn noch länger auszusetzen , und deshalb wirst du es entschuldigen , liebe Tante , wenn wir Wilicza verlassen . Ich wenigstens bleibe auf keinen Fall hier – der Papa läßt mich schwerlich allein abreisen ; wir fahren noch in dieser Stunde . « Die Fürstin widersprach vergebens ; sie mußte wieder einmal die Erfahrung machen , daß ihre Nichte es ebensogut wie sie selbst verstand , ihren Willen durchzusetzen , und daß Graf Morynski den Wünschen seiner Tochter gegenüber » grenzenlos schwach « war . Trotz des wiederholten Wunsches der Schwester und der sichtbaren Verstimmung Leos blieb es bei der Anordnung , die Wanda getroffen hatte , und eine halbe Stunde später fuhr der Wagen vor , der sie und ihren Vater nach Rakowicz zurückbrachte . Einige Wochen waren vergangen , ohne daß die Ankunft des jungen Gutsherrn irgend etwas Nennenswertes in Wilicza geändert hätte . Man merkte seine Anwesenheit kaum , denn er war , wie die Fürstin richtig vorausgesehen , nur selten im Schlosse zu finden und streifte statt dessen tagelang in den Wäldern und überhaupt in der Umgegend umher . Die alte Jagdleidenschaft schien ihn mit voller Macht wieder ergriffen zu haben und alles andre in den Hintergrund zu drängen . Nicht einmal bei Tische erschien er regelmäßig . Seine Streifereien führten ihn gewöhnlich so weit , daß er genötigt war , auf irgend einer Försterei oder einem Pachthofe einzusprechen , und dies geschah in der That sehr häufig . Kam er dann spät und ermüdet nach Hause , so brachte er die Abende meist auf seinen Zimmern mit dem Doktor Fabian zu und erschien nur , wenn er mußte , in den Salons seiner Mutter . Leo hatte es schon nach den ersten Tagen aufgegeben , den Bruder zu begleiten , denn es ergab sich in der That , daß sie beide die Jagd auf sehr verschiedene Weise trieben . Der junge Fürst zeigte sich auch hier , wie in allen andern Dingen , feurig , verwegen , aber keineswegs ausdauernd ; er schoß , was ihm gerade vor den Lauf kam , scheute im Nachsetzen kein Hindernis und fand ein entschiedenes Vergnügen daran , wenn die Jagd eine gefährliche Wendung nahm ; Waldemar dagegen ging mit zäher , unermüdlicher Ausdauer dem Wilde oft tagelang nach , das er sich gerade ausersehen hatte , ohne sich um Essens- oder Schlafenszeit zu kümmern , und legte sich dabei Strapazen auf , denen eben nur sein eiserner Körper gewachsen war . Leo fing bald an , das ermüdend , langweilig und im höchsten Grade unbequem zu finden , und als er vollends die Entdeckung machte , daß sein Bruder das Alleinsein vorzog , überließ er ihn mit Vergnügen sich selber . Auf diese Art konnte von einem eigentlichen Zusammenleben mit der Mutter und dem Bruder gar keine Rede sein , obgleich man sich täglich sah und sprach . Die starre Unzugänglichkeit Waldemars war dieselbe geblieben , und seine Verschlossenheit im engeren Verkehr hatte eher zu- als abgenommen . Weder die Fürstin noch Leo waren ihm nach wochenlangem Zusammensein auch nur einen Schritt näher gekommen als am Tage seiner Ankunft , doch dessen bedurfte es auch nicht . Man war zufrieden , daß der junge Gutsherr so vollständig den gehegten Voraussetzungen entsprach und in gesellschaftlicher Hinsicht sogar eine Fügsamkeit bewies , die man gar nicht erwartete . So hatte er sich zum Beispiel nicht geweigert , den Gegenbesuch in Rakowicz zumachen , und der Verkehr zwischen den beiden Schlössern war lebhafter als je ; Graf Morynski kam mit seiner Tochter sehr oft nach Wilicza , wenn sie den Herrn desselben auch meistenteils nicht antrafen . Das einzige , was der Fürstin bisweilen Aerger verursachte , war das Verhältnis zwischen ihrem ältesten Sohne und Wanda , das sich durchaus nicht ändern wollte ; es blieb kalt , gezwungen , sogar feindselig . Die Mutter hatte es einigemal versucht , vermittelnd einzutreten , aber ohne jeden Erfolg ; sie gab es schließlich auf , die beiden » Trotzköpfe « von ihrem Eigensinn abzubringen . Die ganze Sache war ja überhaupt nur insofern von Wichtigkeit , als sie nicht etwa den Anlaß zu einem Bruch geben durfte , und das geschah durchaus nicht . Waldemar zeigte dem Grafen gegenüber so viel Verbindlichkeit , wie sein unverbindliches Wesen nur irgend zuließ , und that im übrigen seinen sämtlichen Verwandten den Gefallen , sich ihnen so viel wie möglich zu entziehen . Es fand wieder eine jener großen Jagdfestlichkeiten statt , welche gewöhnlich die ganze Umgegend in Wilicza zu versammeln pflegte ; auch diesmal waren die ergangenen Einladungen sämtlich angenommen worden und die Gesellschaft , die ausschließlich aus dem polnischen Adel der Nachbarschaft bestand , zahlreicher als je . Der Fürstin war es sehr lieb , daß die Rücksicht auf ihren Sohn darin keine Aenderung verlangte . Sie hätte ihm allerdings das Opfer gebracht , die Einladungen nach seinen Wünschen zu regeln , aber davon war gar nicht die Rede . Waldemar schien es durchaus selbstverständlich zu finden , daß der Umgangskreis seiner Mutter auch der seinige sei , und bei dem äußerst geringen Anteile , den er überhaupt an den geselligen Beziehungen nahm , konnte ihm das auch ziemlich gleichgültig sein . Er selbst verkehrte bis jetzt noch mit niemand in der Umgegend und vermied auch die Bekanntschaften , welche die Fürstin einigermaßen fürchtete , die höheren Beamten aus L. und die Offiziere der dortigen Garnison , obwohl er die meisten von ihnen am dritten Orte kennen gelernt hatte . Man hatte sich in diesen Kreisen denn auch darein gefunden , den jungen Nordeck als gänzlich zu den Baratowski gehörig zu betrachten , und nahm an , daß er vollständig in der Gewalt der Mutter sei , die ihm kein fremdes Element auch nur nahe kommen lasse . Der Aufbruch der Jagdgesellschaft erfolgte diesmal ungewöhnlich spät . Ein dichter Nebel , der wie festgemauert stand und kaum einige Schritt weit zu sehen gestattete , hatte am Morgen gedroht , die ganze Jagd in Frage zu stellen . Erst in den Vormittagsstunden lichtete es sich soweit , daß das Programm des Tages zur Ausführung gebracht meiden konnte , mit der alleinigen Abänderung , daß das Frühstück im Schlosse statt im Walde eingenommen wurde . Ein Teil der Gäste war schon im Aufbruche begriffen . Die Herren und die jüngeren Damen , welche an der Jagd teilnahmen , verabschiedeten sich von der Fürstin , die mit Leo in der Mitte des großen Saales stand . Wer die Verhältnisse nicht kannte , mußte unbedingt den jungen Fürsten für den eigentlichen Gebieter von Wilicza halten , denn er und seine Mutter bildeten den Mittelpunkt der ganzen Gesellschaft , nahmen alle Artigkeiten , alles Interesse derselben in Anspruch und machten die Honneurs in einer Weise , die an Vornehmheit und Sicherheit nichts zu wünschen übrig ließ , während Waldemar einsam und fast übersehen am Fenster stand , im Gespräche mit dem Doktor Fabian , der natürlich im Schlosse zurückblieb und nur an dem Frühstücke teilgenommen hatte . Die Haltung des jungen Schloßherrn fiel keinem auf , da er stets freiwillig diese untergeordnete Rolle wählte . Er schien sich durchaus als Gast seiner Mutter zu betrachten , der mit der Repräsentation des Hauses gar nichts zu thun habe , und wies alles , was damit zusammenhing , als lästig und unbequem von sich . Man hatte sich daher allmählich gewöhnt , dem , der so gar keine besonderen Rücksichten beanspruchte , auch keine zu gewähren . Man grüßte ihn stets sehr verbindlich beim Kommen und Gehen , hörte aufmerksam zu , wenn er sich einmal herbeiließ , an der Unterhaltung teilzunehmen , und bequemte sich sogar zu dem Opfer , in seiner Gegenwart deutsch zu sprechen , trotz der allgemeinen Abneigung gegen diese Sprache . Er war und blieb doch nun einmal dem Namen nach der Herr dieser Güter , und man wußte , was seine Fügsamkeit als solcher wert war . Die vergebliche Mühe , die eigensinnige Zurückhaltung zu durchbrechen , in der er sich gefiel , gab sich schon lange niemand mehr und im großen und ganzen nahm die Gesellschaft nicht mehr Notiz von ihm , als er von ihr . » Nur nicht wieder so wild reiten , Leo ! « ermahnte die Fürstin , während sie mit einer Umarmung von ihrem jüngsten Sohne Abschied nahm . » Du und Wanda , ihr wetteifert dabei immer in allen nur möglichen Wagnissen . Ich bitte diesmal ernstlich um Vorsicht . « Sie wandte sich zu ihrem Aeltesten , der jetzt auch herantrat , und reichte ihm mit kühler Freundlichkeit die Hand . » Leb wohl , Waldemar ! Du bist ja heute wohl recht eigentlich in deinem Elemente ? « » Durchaus nicht ! « war die unmutige Antwort . » Solche große Staats- und Konvenienzjagden , wo der ganze Wald voll von Treibern und Jägern ist und das Wild zum mühelosen Schusse vor den Lauf getrieben wild , sind durchaus nicht nach meinem Geschmacke . « » Waldemar ist nur froh , wenn er mit seiner geliebten Büchse allein ist , « sagte Leo lachend . » Ich habe dich entschieden im Verdacht , daß du mich geflissentlich durch das ärgste Gestrüpp und den tiefsten Moor geschleppt und mich dem Hunger und Durst preisgegeben hast , nur um mich möglichst bald los zu werden . Ich bin doch auch gerade kein Weichling in solchen Dingen , aber ich hatte schon nach den ersten drei Tagen genug von den Strapazen , die du › Vergnügen ‹ nennst . « » Ich sagte es dir ja vorher , daß unsre Neigungen darin auseinander gehen , « meinte Waldemar gleichgültig , während sie gemeinschaftlich den Saal verließen und die Treppe hinabstiegen . Ein Teil der Gesellschaft war bereits unten auf dem großen Rasenplätze vor dem Schlosse versammelt , auch Graf Morynski mit seiner Tochter befand sich dort . Die Herren bewunderten einstimmig das schöne Reitpferd Nordecks , das dieser erst kürzlich hatte nachkommen lassen und das vorgestern eingetroffen war ; sie gestanden es dem jungen Gutsherrn zu , daß er in dieser Beziehung wenigstens sehr viel Geschmack zeige . » Ein herrliches Tier ! « sagte der Graf , indem er den schlanken Hals des Rappen klopfte , der sich die Liebkosung geduldig gefallen ließ . » Waldemar , ist dies wirklich der wilde Normann , den Sie in C. ritten ? Pawlick stand jedesmal Todesangst aus , wenn er den Zügel halten mußte , denn das Tier war eine Gefahr für jeden , der in seine Nähe kam – es ist ganz eigentümlich sanft geworden . « Waldemar , der mit seinem Bruder soeben aus dem Schlosse getreten war , näherte sich der Gruppe . » Normann war damals noch sehr jung , « erwiderte er . » Es war das erste Jahr , wo er überhaupt den Sattel trug . Seitdem hat er sich an Ruhe gewöhnen müssen , wie ich selbst mir das wilde Reiten abgewöhnt habe . Was übrigens die Sanftmut des Tieres betrifft , so fragen Sie Leo danach ! Er hat sie gestern kennen gelernt , als er den Versuch machte , das Pferd zu besteigen . « » Ein Satan von einem Pferde ! « rief Leo ärgerlich . » Ich glaube , du hast es eigens darauf abgerichtet , sich wie unsinnig zu gebärden , wenn ein andrer als du den Fuß in den Bügel setzt . Aber ich zwinge es doch noch . « » Laß das lieber bleiben ! Normann gehorcht nur mir und keinem andern . Du bändigst ihn nicht – ich dächte , das hättest du gestern gesehen . « Eine dunkle Glut schoß in das Antlitz des jungen Fürsten ; er hatte einen Blick Wandas aufgefangen , der gebieterisch von ihm forderte , er solle der Behauptung widersprechen , daß er das Pferd seines Bruders nicht habe bändigen können . Das geschah nun zwar nicht , aber der Blick stachelte doch und verschuldete jedenfalls die Heftigkeit Leos , mit welcher er antwortete : » Wenn es dir Vergnügen macht , deine Pferde so zu dressieren , daß sie einen andern Reiter überhaupt gar nicht in den Sattel gelangen lassen , so ist das deine Sache . Solche Kunststücke habe ich meinem Vaillant allerdings nicht gelehrt . « Er wies nach dem schönen Goldfuchs hinüber , den sein Reitknecht am Zügel hielt . » Im übrigen aber würdest du mit ihm so wenig fertig werden , wie ich mit deinem Normann , Du hast freilich bisher noch nie die Probe machen wollen . Willst du es heute versuchen ? « » Nein , « versetzte Waldemar gelassen . » Dein Pferd ist bisweilen sehr ungehorsam . Du gestattest ihm allerlei Unarten und einen Eigenwillen , den ich nicht dulden würde . Ich käme in die Notwendigkeit , es mißhandeln zu müssen , und das möchte ich deinem Lieblinge denn doch nicht anthun . Ich weiß , wie sehr er dir ans Herz gewachsen ist . « » Nun , das käme doch auf einen Versuch an , Herr Nordeck , « mischte sich Wanda ein ; sie hatte gleich nach der ersten Begegnung das vertrauliche » Cousin Waldemar « ein für allemal fallen lassen . » Ich glaube zwar , Sie reiten beinahe so gut wie Leo . « Waldemar verzog keine Miene bei dem Angriff . Er blieb vollkommen ruhig . » Sie sind sehr gütig , Gräfin Morynska , mir doch wenigstens einige Fertigkeit im Reiten zuzugestehen , « erwiderte er . » O , das sollte keine Beleidigung für Sie sein , « erklärte Wanda in einem Tone , der noch verletzender war , als vorhin ihr » beinahe « . » Ich bin überzeugt , daß die Deutschen ganz gute Reiter sind , aber mit unsern Herren könnten sie es darin doch nicht aufnehmen . « Nordeck wandte sich , ohne irgend etwas darauf zu erwidern , an seinen Bruder , » Willst du mir deinen Vaillant für heut überlassen , Leo ? Auf jede Gefahr hin ? « » Auf jede ! « rief Leo mit blitzenden Augen . » Gehen Sie nicht darauf ein , Waldemar ! « fiel Graf Morynski ein , dem die Sache unangenehm zu sein schien , » Sie haben ganz recht gesehen – das Pferd ist ungehorsam und ganz unberechenbar in seinen Launen ; überdies hat Leo es an allerlei Tollkühnheiten und Wagestücke gewöhnt , denen ein fremder Reiter , und wäre es der beste , nicht gewachsen ist . Sie setzen sich fraglos dem Abwerfen aus . « » Nun , probieren konnte es Herr Nordeck doch wenigstens , « warf Wanda hin , » vorausgesetzt , daß er sich in die Gefahr begeben will . « » Seien Sie ohne Sorge ! « sagte Waldemar zu dem Grafen , der seiner Tochter einen unwilligen Blick zusandte . » Ich werde das Pferd reiten , Sie sehen ja , wie dringend Gräfin Morynska wünscht , mich – abgeworfen zu sehen . Komm , Leo ! « » Wanda , ich bitte dich , « flüsterte Morynski seiner Tochter zu . » Das wird ja jetzt eine förmliche Feindschaft zwischen dir und Waldemar . Du reizest ihn aber auch bei jeder Gelegenheit . « Die junge Gräfin schlug heftig mit der Reitgerte gegen die Falten ihres Sammetkleides , » Da irrst du , Papa