gemeiner Neid ! Er kann es nicht ertragen , daß Ernst jetzt immer und überall die Hauptperson ist , während sich um ihn kein Mensch kümmert . « » Glauben Sie ? « Die Frage klang etwas kleinlaut . » Mir ist es auch schon so vorgekommen . Er will nie von seinem Bruder und dessen Erfolgen hören , neulich sagte er mir sogar sehr unartig : › So höre doch endlich auf mit deinem Ernst , das wird ja langweilig ! ‹ « Maxl war offenbar nicht mehr Alleinherrscher bei seinem Onkel , man sah es , aber für jetzt machte der Eintritt Ernst Raimars dem Gespräch ein Ende . Der alte Herr eilte ihm entgegen . » Da bist du ja endlich , Ernst ! Ich sitze seit einer Stunde hier und warte auf dich – habe unendlich viel zu thun , aber ich muß dir nochmals gratulieren zu deiner gestrigen Rede . Ich habe das zwar schon gethan – « » Ja , Onkel , schon zweimal , « unterbrach ihn Ernst abwehrend , aber das half ihm nichts . Der begeisterte Onkel gratulierte zum drittenmal , zog eine höchst schmeichelhafte Parallele zwischen seinem Neffen und Cicero und berichtete dann ausführlich über das » Interview « . Das befreite denn auch die beiden Herren von seiner Gegenwart , er wollte es schleunigst niederschreiben für die » Burgwarte « und verabschiedete sich , strahlend vor Glück . » Da hast du einen Erfolg errungen , größer als all die anderen , « sagte der Major lachend , als sie allein waren . » Onkel Treumann ist ganz außer Rand und Band . Uebrigens bin ich nur auf eine halbe Stunde nach Hause gekommen , um zu fragen , ob du dich heute abend frei machen kannst ? Wilma möchte dich natürlich sehen , dürfen wir auf dich rechnen ? « » Für einige Stunden gewiß , « versetzte Ernst , » Ich werde freilich erst spät kommen können , du weißt es ja , wie ich in Anspruch genommen bin . « » Ja , sie lassen dich kaum zu Atem kommen , alle Welt reißt sich ja um dich ! Uebrigens bekommt dir das ausgezeichnet , es scheint , du brauchst Kampf und Streit , um dich völlig zu entwickeln , je ärger es dabei zugeht , desto mehr wächst deine Kraft . « Hartmut hatte recht mit seiner Bemerkung . Der Mann , der da mit hoch erhobener Stirn und feurig blitzenden Augen vor ihm stand , war ein völlig anderer als der frühere Ernst Raimar . Er zuckte leicht die Achseln . » Ich habe hier keine Wahl , ich muß kämpfen . Ronald hat seinen ganzen Heerbann aufgeboten ; seine Presse , seine gesamte Anhängerschaft toben förmlich gegen mich . Glaubst du , ich hätte mich herbeigelassen , schon vor den Gerichtsverhandlungen zu sprechen , wenn ich nicht gezwungen war , mich zu wehren ? « » Das hast du aber gründlich gethan ! Das ging ja gestern wie mit Keulenschlägen nieder ! Hast recht , sie machen dir das Leben schwer genug . Da muß man um sich schlagen . Eins freilich , was ich am meisten für dich fürchtete , weil du das am schwersten ertrügst , das ist völlig ausgeblieben . Ich glaubte , man würde die alten unseligen Erinnerungen beim Sturze deines Vaters gegen dich ins Feld führen , um dir den festen Boden zu untergraben , auf dem du stehst . « Ernst schwieg , er schien auf dies Thema nicht eingehen zu wollen , aber der Major hielt es fest . » Dem Ronald ist doch wahrhaftig jedes Mittel recht , « fuhr er fort . » Der kennt doch keine Rücksichten , und hier , wo er dich verwunden kann , schweigt er völlig . Es ist , als ob er das Losungswort ausgegeben hätte , an den Punkt nicht zu rühren . « » Das hat er auch gethan , « sagte Raimar kalt . » Ich warnte ihn damals bei unserer Unterredung in Heilsberg , den Stachel nicht einzusetzen , wenn er mich nicht zum Aeußersten treiben wolle , und er hat sich das gesagt sein lassen . Ronald weiß , was er thut ! « » Hast du wirklich die Macht , ihn zu zwingen ? « fragte der Major stutzend . » In dem einen Punkte – ja ! « Hartmut schüttelte den Kopf und sah seinen Freund forschend an . » Ernst , da liegt noch etwas , was du mir verschweigst . « » Was ich verschweigen muß ! Frage nicht , Arnold , hier handelt es sich nicht um Thatsachen , sondern um Empfindungen , und das bleibt mein Geheimnis . « » Meinetwegen , wenn es dir nur hilft , endlich die Vergangenheit zu überwinden ! Du hast ihn so gefürchtet , den alten Schatten , Du siehst es ja , er zerrinnt , sobald du ihm klar und fest ins Auge blickst . Die paar Stimmen , die sich im Anfange regten , sind völlig untergegangen in der Woge , die dich emportrug . « » Solange der Kampf währt ! « sagte Raimar mit einem Anflug seiner alten Schwermut . » Was später geschieht , gleichviel ! Ich weiß es ja , daß ich nicht rechts noch links blicken darf , daß ich nur geradeaus auf das Ziel schauen muß , aber es wird mir nicht immer leicht . « » Komm mir um Gottes willen nicht wieder mit der Heilsberger Stimmung ! « schalt der Major . » Die können wir hier am wenigsten brauchen , komm lieber heute abend eine Stunde früher zu uns und sieh dir ein echtes , rechtes Menschenglück an . Wir werden die Ehre haben , es mit unseren ganz bescheidenen Persönlichkeiten dem großen Cicero vorzuführen , zu dem dich Onkel Treumann proklamiert hat , das wird dir die Grillen vertreiben . « Ernst lächelte . » Ich komme bestimmt , und ich gönne dir dein Glück von Herzen , Arnold . « » Mach es mir lieber nach ! « rief Arnold lachend . » Aber ich muß fort , Wilma erwartet mich zu Tische . Auf Wiedersehen ! « Er ging und traf auf dem Wege zu seiner Braut wieder mit Treumann zusammen , der in dem gleichen Hotel wohnte . Aber der alte Herr hatte das frühere strahlende Aussehen völlig verloren , er ging mit düsterer Miene , den Blick auf den Boden geheftet , und wäre beinahe gegen den Major geprallt . » Was ist denn los ? « rief dieser . » Sie sehen ja so gekränkt aus ! « » Ich bin auch gekränkt , « entgegnete der Notar . » Eben bin ich dem Maxl begegnet , aber wie ! Er ging mit einem Menschen – einem Menschen – « » Nun ja , ein Mensch wird es wohl gewesen sein , « meinte Hartmut . » Das ist doch weiter nichts Verfängliches . « » Der Redakteur des Neustädter Tageblattes war es ! « brach Treumann grimmig aus . » Dieser Leibsklave des Pascha von Steinfeld , der mit seinem Herrn durch dick und dünn geht , der in jeder Nummer auf Heilsberg und auf Ernst schimpft – der mich damals verhöhnt hat wegen meiner Prophezeiung – « » Der Ihnen die fossile Beleidigung an den Kopf geworfen hat ? « » Derselbe ! Und mit dem geht mein Neffe Arm in Arm auf offener Straße . Ich habe den Maxl natürlich zur Rede gestellt – was gibt er mir zur Antwort ? Der Herr wäre auch als Berichterstatter hier , es wäre ein ganz netter Junge , und wenn man sich öffentlich befehde , so hindere das nicht , daß man privatim gemütlich miteinander kneipe . Sie hatten allerdings sehr gekneipt , sie waren beide nicht mehr nüchtern . Da habe ich ihm freilich derb den Text gelesen , und er schien sein Unrecht auch einzusehen , aber ich fürchte – « Der Notar brach ab und starrte düster vor sich hin . » Daß er trotzdem weiter kneipt mit diesem schändlichen Redakteur , « ergänzte Hartmut . » Ja , das fürchte ich auch , denn wenn der Maxl vor einer Weinflasche sitzt , ist er im stande , mit dem Ronald selbst Brüderschaft zu trinken , das gehört auch zu seiner Selbstachtung . « Sie hatten inzwischen das Hotel erreicht , und während sie die Treppe hinaufstiegen , hob der alte Herr in unsicherem Tone wieder an : » Herr Major , mir sind da in der letzten Zeit doch Bedenken aufgestiegen wegen meines Testamentes , das ich schon vor Jahren gemacht habe . Der Maxl ist nämlich mein Universalerbe , Ernst bekommt nur ein kleines Legat . Er war ja hinreichend versorgt durch seine Stellung und auch ganz einverstanden mit der Bestimmung , denn Maxi hatte gar nichts und sollte seine Künstlerlaufbahn erst beginnen , aber wenn er solchen Umgang hat ! Das ist der Weg zum Verderben . « » Ja und dann verjubelt er die ganze Erbschaft mit dem Neustädter Redakteur , « sagte der Major , » Dann gehen sie von einem Wirtshaus in das andere und bringen alles durch . « » Im Grabe würde ich mich umdrehen ! « rief Treumann heftig . Da wurde im ersten Stock eine Thür geöffnet , Klein-Lisbeth guckte heraus , und hinter ihr wurde das rosige , glückliche Gesicht Wilmas sichtbar . » Da ist der Papa ! « rief die Kleine jubelnd . » Natürlich ist er da ! « bekräftigte Arnold und verschwand urplötzlich von der Seite seines Gefährten . Dieser sah nur noch , wie er seine Braut umfaßte und Lisbeth sich an ihn hing , dann schloß sich die Thür . Dem alten Junggesellen wurde es ganz wehmütig um das Herz . Er gönnte ja der jungen Frau ihr Glück , sie hatte nicht viel davon gehabt in ihrer ersten Ehe . Diesmal hatte sie es besser getroffen , Major Hartmut war ein prächtiger Mensch , und Ernst war ein großer Mensch – aber der Maxl , der Maxl ! Der Berliner Aufenthalt hatte dem Onkel die Augen geöffnet über vieles , wovon er bisher nichts geahnt . Jetzt wollte das düstere Bild , das Hartmut heraufbeschworen hatte , nicht wieder weichen . Er sah den Maxl als seinen Erben , wie er , Arm in Arm mit seinem Todfeinde , dem Neustädter Redakteur , die ganze Erbschaft verjubelte , und sah sich selbst empfindlich dadurch gestört in seiner Grabesruhe . Ganz niedergebeugt ging er weiter , richtete sich aber plötzlich mit einem förmlichen Ruck empor . » Aber ich bin ja noch gar nicht tot ! « sagte er ganz laut . » Vorläufig hast du noch nichts zu verjubeln , Maxl , vorläufig bin ich noch am Leben – sehr bin ich das ! « Und mit dieser tröstlichen Gewißheit stieg er die Treppe vollends hinauf . – – Die Gerichtsverhandlungen hatten begonnen , und die fieberhafte Teilnahme , die sich nicht nur in der Hauptstadt , sondern im ganzen Lande kundgab , zeigte am besten die Tragweite der Interessen , die hier auf dem Spiele standen . Dem Wortlaute nach handelte es sich ja nur um eine Klage wegen Verleumdung und Beleidigung , in Wahrheit galt es einen Kampf zwischen der Macht des Geldes und dem öffentlichen Rechtsbewußtsein , das sich auch hatte blenden und einschläfern lassen , jahrelang , bis ein Mann auftrat , der es wach rüttelte mit seinem Mahnworte . Die meisten hatten es gemacht wie Bankier Marlow , sie hatten nicht sehen wollen , bis ihnen gezeigt wurde , daß der erträumte Gewinn trügerisch war und sich in Verlust verwandelte , und nun waren sie die ersten , die sich gegen den Mann wandten , den sie früher umschmeichelt hatten . Als Ernst Raimar seine Schrift in die Welt hinaussandte , stand er allein und wußte nicht , ob ihm auch nur ein einziger folgen würde , jetzt stand er inmitten einer immer wachsenden Partei , die nur auf den Führer gewartet zu haben schien . Jetzt wurde er gefeiert als der Mutige , der allein zu reden gewagt hatte , wo alles schwieg . Zwei Tage schon hatten die Verhandlungen gewährt , und immer drohender zog sich das Ungewitter zusammen über dem Haupte des Mannes , der hier als Kläger auftrat und nun zum Angeklagten wurde , denn Steinfeld selbst zeugte wider seinen Herrn . Zwar die Oberbeamten , die Vertreter jener Presse , die er beeinflußte , standen zu ihm oder schützten zum mindesten Unkenntnis vor . Sie durften ja nicht reden , wenn sie nicht eingestehen wollten , daß ihr Schweigen jahrelang erkauft worden war . Aber ihre Untergebenen , denen man den Einblick doch nicht ganz hatte verwehren können , redeten jetzt , und da wurden Dinge enthüllt über den Betrieb der Werke , über das Lohn- und Bedrückungssystem den Arbeitern gegenüber , daß man sich fragte , wie dergleichen möglich gewesen war auf großen Industriestätten , die doch aller Welt offen standen . Die Macht des Geldes , die alles geknebelt hatte , zeigte sich hier in wahrhaft unheimlicher Weise . Daß Steinfeld , diese große , vielbewunderte Schöpfung Ronalds , vor dem Ruin stand , galt bereits als öffentliches Geheimnis . Der Meister der Spekulation hatte mit der Aktiengesellschaft wieder einen meisterhaften Zug versucht , nur daß er diesmal damit scheiterte . Was kümmerte es ihn , was hinter ihm zusammenstürzte ! Ein Mahnruf in letzter Stunde ! hatte Raimar seine Schrift genannt , sie war in der That in der zwölften Stunde gekommen . Der heutige Tag brachte die Schlußverhandlung , wo die Entscheidung fallen sollte , brachte die große Verteidigungsrede Raimars . Er sprach seit länger als einer Stunde , und in atemloser Spannung hing die gesamte Zuhörerschaft an seinen Lippen . Dergleichen freilich hatte man kaum jemals gehört vor den Schranken , wo man sonst nur mehr oder weniger geistvolle Auseinandersetzungen , kühle Beweisführung vernahm . Ernst Raimar stand an dem Platze , der ihm so lange verschlossen geblieben war und sprach – der geborene Redner in jedem Worte , in jeder Bewegung ! Hoch aufgerichtet , mit flammenden Augen stand er da , die einst so müde , verschleierte Stimme füllte jetzt mit vollem , mächtigem Klange den ganzen weiten Raum , und wie ein Sturm brauste es dahin und riß alles mit sich fort . Die Verteidigung wurde zu einer Anklage , jedes Wort wurde eine Waffe , und Streich auf Streich fiel nieder auf jenen anderen , der nie nach den Rechten und dem Schicksal der Menschen gefragt hatte , die er niederwarf . Jetzt fühlte er selbst , was es heißt , niedergeworfen zu werden . Und nun schloß Raimar seine Rede : » Ich halte jedes Wort aufrecht , das ich in meiner Schrift ausgesprochen habe , ich habe nichts zurückzunehmen , nichts zu mildern . Hexengold ist es , was man euch gezeigt hat , mit seinem gleißenden Schimmer ! Hexengold , das den verdirbt , der es sich zu eigen macht , das in seinen Händen zu Staub und Asche wird . Ich habe das als Mahnwort laut in die Welt hinausgerufen , ehe es nochmals Tausenden zum Verderben wird . Ich habe gethan , was mir Recht und Pflicht hieß – ich erwarte den Spruch ! « Er trat zurück , und eine mächtige Bewegung ging wie eine mühsam zurückgehaltene Woge der Zustimmung und Bewunderung durch die gesamte Zuhörerschaft . Er hatte gesiegt , noch ehe der Spruch des Gerichts gefallen war , das fühlte man , und jetzt , wo er nicht mehr alles mit dem Banne seiner Rede gefesselt hielt , jetzt wandten sich aller Blicke auf den Mann , der mit eherner Stirn , als ginge ihn die ganze Rede nichts an , ihr standgehalten hatte . Felix Ronald bewahrte seine Selbstbeherrschung , regungslos , mit gekreuzten Armen saß er da , und nicht eine Muskel zuckte in seinem Gesichte . Nur in den Augen brannte ein unheimliches Feuer , und bisweilen wandten sich diese Augen von dem Gegner hinüber zu den Tribünen , wo sie stets nur an einem Punkte hafteten . Für Ronald gab es nur zwei Menschen unter dieser ganzen Menge , den Mann , den er haßte bis zum Tode , und das Weib , das er liebte , und jener glühende , drohende Blick galt ihnen beiden . Edith Marlow saß neben ihrem Vater , auch sie hielt äußerlich stand , in der Schule der großen Welt lernt man die Selbstbeherrschung . Das schöne , anscheinend so kalte Antlitz verriet nichts von dem , was im Innern wogte , aber Marlow , der ihre Hand in der seinen hielt , als wolle er sie schützen , fühlte das krampfhafte Beben dieser Hand . Als Raimar zurücktrat , neigte er sich zu seiner Tochter nieder . » Edith , komm , laß uns gehen ! « Sie schüttelte mit Entschiedenheit das Haupt . » Nein , ich bleibe bis zum Ende ! « Der Vater sah es , daß er hier machtlos war , und fügte sich . Die Beratung der Richter dauerte nur kurze Zeit , dann wurde unter atemlosem Schweigen der Zuhörer der Spruch verkündet : Ernst Raimar war freigesprochen ! Das Gericht erkannte an , daß er nur als Anwalt des öffentlichen Rechtsbewußtseins gehandelt hatte , und erkannte damit auch die Wahrheit seiner Anklagen an . Das Urteil wurde mit einem wahren Sturm der Begeisterung begrüßt . Auf den Tribünen gab es einen förmlichen Aufstand , und im Saale drängte sich alles um Raimar , um ihn zu beglückwünschen . Man jubelte ihm zu wie einem Helden nach gewonnener Schlacht und bemerkte es kaum , daß sein Gegner und dessen Anhänger sich entfernten – Felix Ronald war gerichtet ! Es war am Tage nach der Gerichtsverhandlung , in den Nachmittagsstunden , als Ernst Raimar in das Hotel trat , wo Frau von Maiendorf wohnte . Er hatte eine Verabredung mit seinem Freunde getroffen , den er hier abholen wollte , und hatte sich eine halbe Stunde früher frei machen können . Der Portier berichtete , der Herr Major sei mit der gnädigen Frau und der Kleinen ausgefahren , habe aber eine Karte mit einigen Worten für Herrn Raimar zurückgelassen . Arnold bat ihn darin , zu warten , falls er früher kommen sollte , er selbst werde zur verabredeten Zeit wieder dasein . Wilma , die einige Wochen zu bleiben beabsichtigte , bewohnte im ersten Stock mehrere Räume , einen hübschen Salon mit angrenzendem Schlafzimmer und einem kleinen Vorgemach , die ziemlich abgeschlossen von den übrigen Hotelzimmern lagen und die Behaglichkeit einer eigenen Wohnung gewährten . Da man Raimar kannte , wurde er äußerst dienstbeflissen nach dem Salon geleitet , und ihm war ein kurzes Alleinsein gerade erwünscht , er brauchte wirklich Erholung . Seit gestern mittag war er in der That nicht mehr zu Atem gekommen . Jetzt half kein Abwehren und kein Zurückziehen mehr , er hatte der allgemeinen Bewunderung standhalten müssen , und jetzt , wo die Aufregung des Kampfes vorbei war , kam naturgemäß auch die Abspannung . Aber es lag nichts von Siegesfreude in den Zügen des Mannes , der sich da in einen Sessel geworfen hatte und düster vor sich hin blickte . Der Sieg war ja erfochten , aber er hatte das Lebensglück gekostet ! Da wurde die Thür des Vorzimmers geöffnet , Ernst richtete sich empor in der Meinung , daß die Erwarteten zurückkehrten , doch er hörte eine fremde Stimme . » Bitte nur einzutreten ! Die gnädige Frau muß bald kommen , sie wollte um vier Uhr zurück sein . « Dann schloß sich die Thür wieder und eine Dame im Pelz und dunklen Seidenkleide trat in den Salon . Raimar war aufgesprungen , er erkannte Edith Marlow . Auch sie sah ihn beim Eintritt und wich jäh zurück , um dann wie angefesselt stehen zu bleiben . Ernst verneigte sich stumm , er hatte jene fluchtartige Bewegung gesehen , und das nahm ihm den Mut zur Anrede . Einige Sekunden lang herrschte völliges Schweigen . » Ich wollte Wilma aufsuchen , « begann die junge Dame endlich . » Ich hatte keine Ahnung – « » Von meinem Hiersein ! « ergänzte Ernst , als sie innehielt , » Ich bin unschuldig an diesem Zusammentreffen , gnädiges Fräulein , ich erwarte meinen Freund , Major Hartmut . « Edith stand noch immer an der Schwelle , ungewiß , ob sie gehen oder bleiben solle , schien sich aber doch für das letztere zu entscheiden . Sie trat langsam näher und schlug den Schleier zurück . Raimar sah erst jetzt , wie bleich sie war , aber ihre ganze Haltung zeigte jetzt wieder die stolze , eisige Abwehr , die er von den ersten Begegnungen her kannte . » Sie erwarten wohl von mir keinen Glückwunsch , Herr Raimar , « sagte sie in herbstem Tone . » Aber Sie haben glänzend gesiegt . « » Glauben Sie , daß ich Freude habe an diesem Siege ? « fragte er ernst und vorwurfsvoll . » Gleichviel , er trägt Sie doch empor und öffnet Ihnen die Zukunft . « » Nein ! « das Wort kam schwer und düster von Ernsts Lippen . » Nein ? Nach diesem Erfolge ? Ihr Name ist ja jetzt in aller Munde ! « » Sie vergessen , was an diesem Namen hängt – Sie wissen es ja längst von Ihrem Vater . « » Das ist ausgelöscht , seit gestern . « » Das ist nicht ausgelöscht , nur vertagt . Jetzt hat man es vergessen , weil man vergessen wollte , weil ich die gesamte öffentliche Meinung vertrat . All die Feinde meines Gegners scharten sich um mich und deckten mich , der ganze Kampf stand ja überhaupt im Zeichen des Ungewöhnlichen . Wenn ich wieder dem Alltagsleben und der nüchternen Kritik gegenüberstehe , dann erinnert man sich auch wieder an das Vergangene , und dann muß ich büßen , was man mir jetzt verzeiht , weil man mich brauchte . « Betroffen , fast bestürzt blickte ihn Edith an , der Gedanke war ihr noch nicht gekommen . » Sie thun der Welt unrecht , « sagte sie leise , aber es klang nicht mehr überzeugungsvoll . » Wenn Sie es überwinden können – « » Das eben kann ich nicht ! « fiel Raimar finster ein . » Was mich jetzt stählte und trug , das war der Kampf , den ich nun einmal begonnen hatte , und den ich durchführen mußte . Es galt ja meine eigene Verteidigung . Aber wenn dieser Sporn fehlt , dann stehe ich wieder unter dem alten Verhängnis . Ich muß mit freier Stirn hintreten können vor die Welt , wenn ich zu ihr reden will , und ich weiß es doch , daß der Haß oder die Bosheit jedes Buben mir zurufen darf : Du sprichst von Recht und Ehre ? Denke an den Namen , den du selber trägst ! Ich habe schon diesmal schwer genug gekämpft mit diesem Bewußtsein , und da schwieg doch jeder Vorwurf . Das hängt wie ein Bleigewicht an mir und zieht mich immer wieder zu Boden , das verschließt mir auch jetzt die große Laufbahn , von der ich einst geträumt – Sie sehen , es bedarf keines Glückwunsches ! « Edith stand wortlos da , sie hatte stolzes Siegesbewußtsein , einen nur mühsam verhehlten Triumph erwartet und begegnete nun dieser düsteren Hoffnungslosigkeit , diesem völligen Verzicht auf die Zukunft . Ihr eigenes Urteil sagte ihr , daß Raimar recht hatte mit seinen Befürchtungen , sie kannte ja auch die Welt . Aber sobald sie ihn leiden sah , gingen Herbheit und Bitterkeit unter , ihre Stimme bebte hörbar , als sie erwiderte : » Ich habe Sie nicht anklagen wollen mit jenen Worten . Sie sprachen es ja gestern aus , daß Sie nur thaten , was Ihnen Recht und Pflicht hieß – es war wohl auch Verhängnis , daß Sie damit so unheilvoll in unser Leben eingriffen . « » In unser Leben ? « fuhr Ernst auf . » Denken Sie wirklich noch an eine Verbindung , an eine gemeinsame Zukunft mit diesem Manne – « » Der noch derselbe ist wie damals , als ich seine Braut ward ! « fiel Edith ein . » Man kannte längst ihn und sein Schaffen , man wußte , daß er immer über die Grenzen hinausging , die da gezogen sind , und niemand wagte , ihm das vorzuwerfen , niemand erhob sich gegen ihn . Da kamen Sie und hoben den ersten Stein , und nun rufen sie alle : Steinigt ihn ! « Raimar stand vor ihr und sah sie unverwandt an , als wolle er in ihren Zügen lesen . » Sie betrachten sich noch immer als gebunden ? « » Gewiß ! Sobald Ronald es fordert , werde ich sein Weib , und er wird es fordern ! « » Das werden Sie nicht ! « sagte Ernst in einem beinahe drohenden Tone . » Herr Raimar ! « » Nein , Edith , Sie werden nicht Felix Ronalds Weib ! Ich lasse Sie nicht in das Verderben gehen , eher greife ich zum äußersten Mittel . Sie wissen nicht , wem Sie die Hand reichen wollen . « » Ich weiß es ! « erklärte Edith mit neu aufwallender Bitterkeit , » Sie haben uns ja keinen Zug erspart in dem Bilde , das Sie aller Welt hinstellten , Ronald ist eine groß angelegte Natur , die zügellos geworden ist im schrankenlosen Besitz der Macht und des Goldes . Er hat sich allmächtig gedünkt , weil alles vor ihm und seinem Reichtum auf den Knieen lag , und da hat er die Menschen verachtet und geknechtet . Er mag ja viel verschuldet haben , aber es ist nichts Gemeines und Niedriges darin , nichts , was mich frei macht von jenem Bande . Stände er noch mitten im Glück und Glanz , ich würde mein Wort zurückfordern , jetzt ist er im Unglück , jetzt verlasse ich ihn nicht ! « Sie sprach mit der Energie eines unbeugsamen Willens . Edith Marlow hatte sich ja auch blenden lassen von dem » Hexengolde « , und auch in ihren Händen wurde es jetzt Staub und Asche , aber die Seele hatte es ihr nicht verdorben . Was sie einst in Eitelkeit und Ehrgeiz verschuldet , als sie sich dem ungeliebten Manne zusagte , das sühnte sie nun mit dem Entschluß , dem ungeliebten Manne zu folgen , von dem Glück und Glanz gewichen war . In Raimars Innerem flammte ein heißes Weh auf , er fühlte erst jetzt ganz , was dies Mädchen ihm hätte sein und werden können . » Und Steinfeld ? « fragte er . » Ronald wußte , daß der Zusammensturz unvermeidlich war , und wir wissen alle , was er that . Wollen Sie das auch die Verirrung einer › großen ‹ Natur nennen ? « » Nein , es war der Verzweiflungsschritt eines Mannes , der nach jedem Mittel griff , um sich und seine Stellung im Leben zu behaupten . Das dürfen Sie nicht verurteilen , denn das , was Sie Ihr Verhängnis nennen , das war doch auch nur eine Schuld der Verzweiflung . « » Mein Vater war nicht schuldig , « sagte Ernst langsam , aber mit schwerer Betonung , Edith trat in äußerstem Erstaunen einen Schritt zurück . » Nicht schuldig ? Er galt doch allgemein dafür ! « » Er gilt noch heute dafür in seinem Grabe ! Hören Sie mich an , Edith , die Sache geht auch Sie an ! « Edith antwortete nicht , aber ihre Augen hefteten sich mit unruhiger Spannung auf sein Gesicht . Sie hatte keine Ahnung , wo das hinaus wollte , aber sie hatte das Gefühl , als tauche da etwas Dunkles , Furchtbares auf , das langsam näher kam . Raimar stand ihr gegenüber , in scheinbar ruhiger Haltung , aber in seiner Stimme verriet sich die mühsam zurückgehaltene Erregung . » Es war vor zehn Jahren , mein Vater hatte sich durch einen seiner – Beamten , dem er volles Vertrauen schenkte , zu gewagten Spekulationen verleiten lassen , was er bisher stets vermieden hatte . Die Sache scheiterte , und infolge der ziemlich bedeutenden Verluste trat eine Geschäftskrisis ein , nur eine Krisis , kein Ruin , denn es war Deckung vorhanden für alle Forderungen , und der Name und Ruf des Hauses Raimar gaben ihm Anspruch auf die Stützen , deren es in der augenblicklichen Verlegenheit bedurfte . Da wurden , vielleicht veranlaßt durch ein Gerücht über jenen Verlust , zwei der größeren Depots plötzlich zurückgefordert , und da brach das Unheil herein . Ich war damals nicht in Berlin , ein Rechtsfall , bei dem ich die Verteidigung übernehmen sollte , hatte mich in die Provinz geführt . Eine Depesche rief mich nach Hause , und dort trat mir unser Prokurist entgegen mit Nachrichten , die mich völlig niederschmetterten : die sämtlichen Depots nicht mehr vorhanden – die Ehre unseres Namens rettungslos verloren , und mein Vater – in den Tod gegangen ! « » Furchtbar ! « sagte Edith leise , als er schwieg , überwältigt von der Erinnerung . » Das steuerlose Schiff scheiterte natürlich , « fuhr Ernst fort . » Die Nachricht verbreitete sich sofort , und von Hilfe und Stütze war nun selbstverständlich keine Rede mehr . Alle Forderungen wurden auf einmal geltend gemacht , es stürzte von allen Seiten über uns herein , und ehe wir noch überhaupt zur Besinnung kamen , war der Ruin da . Es galt für ausgemacht , daß mein Vater sich an den anvertrauten Geldern