. „ Ich fange jetzt auch an , die einfachsten Dinge vom ideal-romantischen Standpunkte aufzufassen . Was ist denn eigentlich an dieser Begegnung , daß ich so gar nicht darüber hinauskommen kann ? Die Erlau ’ schen Salons sind eben eine gute Schule gewesen , und die Schülerin hat über Erwarten leicht und schnell begriffen . Geahnt habe ich längst so etwas und doch – Thorheit , was geht es mich denn an , wenn Reinhold schließlich seine Blindheit bereuen lernt ! Und sie weiß noch nicht einmal , wie nahe er ihr ist , so nahe , daß eine Begegnung auf die Dauer nicht ausbleiben kann . Ich fürchte , der Versuch einer Annäherung käme Reinhold dieses Mal noch viel theurer zu stehen als jener erste . Was war das für ein seltsam eisiger Ausdruck in ihrem Gesichte , als ich auf die Möglichkeit einer Versöhnung hindeutete ! Das , “ – hier athmete Hugo auf , in vielleicht unbewußter , aber tiefster Genugthuung – „ das sprach ‚ Nein ‘ bis in alle Ewigkeit . Und wenn sie jetzt auch Zufall oder Schicksal wieder zusammenführt , jetzt ist ’ s zu spät – jetzt hat er sie verloren . “ Ueber den blauen Spiegel der Fluth glitt ein Boot , das , von S. kommend , die Richtung nach Mirando nahm . Das zierliche Aussehen der Barke ließ sie als das Eigenthum irgend einer reichen Familie erkennen , und die beiden Ruderer trugen die Farben des Hauses Tortoni . Für den Herrn jedoch , der sich außerdem noch im Boote befand , schien weder die schwebend schnelle Fahrt noch das herrliche Panorama ringsum auch nur das mindeste Interesse zu besitzen . Er lehnte , wie schlafend , mit geschlossenen Augen in seinem Sitze und blickte erst auf , als das Fahrzeug an der Marmortreppe anlegte , die von der Terrasse der Villa direct in ’ s Meer hinab führte . Er stieg aus . Ein Wink verabschiedete die beiden Leute , die , wie die gesammte Dienerschaft des Marchese , gewohnt waren , dem berühmten Gast ihres Herrn fast noch größeren Respect als diesem selbst zu erweisen . Einige Ruderschläge trieben das Boot seitwärts , und gleich darauf legte es drüben am Parke in einem kleinen Hafen an . Reinhold betrat die Stufen und stieg langsam hinauf . Er kam von S. her , wo Beatrice inzwischen eingetroffen war . Wie gewöhnlich war die Künstlerin auch hier , wo alle Fremden und Einheimischen von Bedeutung sich zur Villeggiatur zusammenfanden , von Bekannten umringt und mit Huldigungen umgeben worden , und Reinhold befand sich kaum an ihrer Seite , als auch ihm , und zwar in noch höherem Maße , dieses Schicksal zu Theil wurde . In Beatrice ’ s Nähe gab es nun einmal für ihn kein Ausruhen und keine Erholung ; sie zog ihn sofort wieder in den Strudel hinein . Aus den Stunden , die er bei ihr zubringen wollte , waren Tage geworden , die an Aufregung und Zerstreuung den letzten Wochen in der Stadt wenig nachgaben , und nachdem er sie gestern Abend noch zu einer größeren Festlichkeit begleitet , welche die ganze Nacht hindurch bis an den lichten Morgen währte , hatte er sich endlich mit Tagesanbruch losgerissen und sich in ’ s Boot geworfen , um nach Mirando zurückzukehren . Er athmete tief auf bei der Stille und Einsamkeit , die ihn hier umfing und die nicht einmal durch einen Gruß oder Empfang gestört wurde . Cesario hatte , wie er wußte , heute bereits in aller Frühe und in Begleitung Hugo ’ s einen Ausflug nach der benachbarten Insel unternommen , von dem beide erst gegen Abend zurückerwartet wurden , und für Fremde war die Villa jetzt nicht zugänglich . Der junge Marchese liebte es nicht , in der Einsamkeit seiner Villeggiatur gestört zu werden , und der Verwalter hatte Befehl erhalten , während seiner Anwesenheit keine fremden Besucher zuzulassen , ein Befehl , der in vollster Strenge aufrecht erhalten wurde , zum großen Mißvergnügen der Fremden , denen Mirando als ein beliebtes Ziel ihrer Ausflüge galt . Die Besitzung mit ihren weiten Gärten und prachtvollen Gebäuden , die man im Norden unbedingt ein Schloß genannt hätte , und die hier nur den bescheidenen Namen einer Villa führte , war weitberühmt , nicht allein wegen ihrer paradiesischen Lage und des unbegrenzten Blickes auf das Meer hinaus , sondern auch wegen der reichen Kunstschätze , die sie in ihrem Innern barg und die jetzt nur das Auge der Wenigen entzückten , die das Glück hatten , sich die Gäste des Marchese nennen zu dürfen . Ueberwacht , ermüdet , und doch unfähig , Schlaf und Ruhe zu suchen , warf sich Reinhold auf eine der Marmorbänke im Schatten der Säulenhalle ; er fühlte sich abgespannt bis zur äußersten Erschlaffung . Jawohl , diese schwülen italienischen Nächte , mit ihrem betäubenden Blüthenduft und ihrer mondbeglänzten Ruhe oder dem rauschenden Festesjubel , diese sonnenhellen Tage mit dem ewig blauen Himmel und der glühenden Farbenpracht der Erde , sie hatten ihm alles gegeben , was er nur je im kalten trüben Norden davon geträumt , aber sie hatten ihm auch den besten Theil seiner Lebenskraft gekostet . Die Zeit war längst vorüber , wo dem jungen Künstler das ganze Dasein nur ein Wechsel war von glühendem Rausch und beseligenden Träumen . Das hatte monden- , jahrelang gewährt – dann war allmählich die Ermüdung gekommen und dann zuletzt das Erwachen , wo diese herrliche farbenglänzende Welt so kalt und leer vor ihm lag , wo die Ideale zusammensanken und die einst so heiß ersehnte Freiheit zur grenzenlosen Oede wurde , die keine Pflicht , aber auch keine Sehnsucht mehr begrenzte . Mit den Fesseln , die er so energisch und rücksichtslos gesprengt , hatte er auch den Zügel verloren ; er schweifte hinaus ins Schrankenlose , und die Schrankenlosigkeit war ihm zum Fluche geworden . Den Künstler bewahrte freilich der Prometheusfunke in seinem Inneren vor dem Schicksal , das so viele Andere ereilte , vor dem rettungslosen Versinken in diese Ernüchterung und Gleichgültigkeit gegen alles , aber dieselbe Macht , die ihn immer und immer wieder daraus emporriß , jagte ihn auch ruhelos umher , dem Einen nie Erreichten nach , das er nicht zu nennen wußte , und von dem er nur fühlte , daß es ihm fehle und ewig fehlen werde . Italien in all seiner Schönheit hatte es ihm nicht zu geben vermocht , nicht die glühende Liebe Beatricens und nicht die Kunst , die ihm doch den vollsten Ruhmeskranz gereicht – das Phantom zerfloß , sobald er die Arme danach ausstreckte . Und wenn die Wunderblüthe des Südens sich ihm auch geöffnet hatte in ihrer ganzen berauschenden Pracht – die blaue Märchenblume hatte er nicht gefunden . – Reinhold schreckte plötzlich empor aus seinen Träumereien . Irgend etwas hatte ihn darin gestört . War es ein Schritt , ein Rauschen gewesen – er erhob sich und sah mit grenzenlosem Erstaunen eine Dame nur wenige Schritte entfernt auf der Terrasse stehen und in das Meer hinausblicken . Was sollte das heißen ? und wie kam diese Fremde hierher , jetzt wo Mirando doch für Besucher nicht zugänglich war ? Sie konnte erst vor wenigen Minuten aus der noch offenen Thür getreten sein , die in den Saal führte , der die berühmte Gemäldesammlung der Villa enthielt , und schien den einsamen Träumer in der Säulenhalle so wenig bemerkt zu haben , wie er sie . Reinhold war längst auch gegen Frauenschönheit gleichgültig geworden , aber diese Erscheinung fesselte ihn doch unwillkürlich . Sie stand im Schatten einer der riesigen Vasen , welche die Terrasse schmückten ; nur das etwas vorgeneigte Haupt wurde von dem vollen Sonnenlicht getroffen und die schweren blonden Flechten schimmerten in dem Strahle wie gesponnenes Gold . Das Gesicht war zur Hälfte abgewendet . Man sah kaum das zarte , rein und edel gezeichnete Profil . Die schlanke Gestalt im luftig weißen Gewande lehnte leicht in unbeschreiblich graziöser Haltung an der Marmorbalustrade ; die linke Hand stützte sich darauf , während die herabhängende Rechte den blumengeschmückten Strohhut hielt . Sie stand unbeweglich , ganz im Anblick des Meeres versunken und hatte augenscheinlich keine Ahnung davon , daß sie beobachtet wurde . Es war noch früh am Tage . Der Morgen war in leuchtender Klarheit aus dem Meere emporgestiegen und lag jetzt sonnig lächelnd in thauiger Frische über der ganzen Umgebung . Noch umwob blauer Dunst das Vorgebirge und die fernen Küsten , deren Linien wie hingehaucht am Horizont zu schweben schienen , und in der Luft flimmerte es noch wie feuchter Silberglanz . Es lag etwas Märchenhaftes in dieser Morgenstunde und dieser Umgebung , vor Allem in der weißen Gestalt da drüben mit dem goldschimmernden Haar , und wie ein Märchenschloß , das aus der feuchten Tiefe emporgestiegen , erschien auch Mirando mit seinen weißen Marmorsäulen und Terrassen . Tiefblau wölbte sich der Himmel darüber hin und tiefblau rauschte das Meer zu seinen Füßen . Aus den Gärten wehte der Blüthenduft herüber , aber geisterhafte Stille umfing Alles , als sei jedes Leben hier gebannt oder in Schlaf versunken . Kein Ton ringsum , nichts als das leise Wallen des Meeres , der immer gleiche , träumerische Laut der Wellen , welche die Marmorstufen küßten , und vor den Blicken [ 509 ] nur die blaue wogende Unermeßlichkeit , die sich fernhin dehnte in unbegrenzter Weite . Reinhold verharrte regungslos in seiner Stellung ; er mochte mit keiner Bewegung den Zauber dieser Minute stören . Wehte es doch auf einmal zu ihm herüber wie ein Hauch der alten Sagenpoesie seiner Heimath , die er längst vergessen , und die mit ihrem schwermüthig süßen Reiz in diesem Augenblicke wieder vor ihm auftauchte . Aber die tiefe Stille wurde plötzlich unterbrochen durch das helle Jauchzen einer Kinderstimme . Ein Knabe von sieben oder acht Jahren stürmte die Stufen zur Terrasse herauf , eine große , glänzende Muschel in der Hand , die er irgendwo am Ufer aufgelesen haben mochte . Das Kind war sichtlich voll Entzücken über seinen Fund ; das ganze kleine Gesicht strahlte , als er mit glühenden Wangen und fliegenden Locken auf die Dame zueilte , die sich auf seinen Ruf umwandte . Mit einem halb unterdrückten Aufschrei fuhr Reinhold auf und stand dann wie in dem Boden festgewurzelt . In dem Momente , wo sie ihm das Gesicht voll zuwendete , erkannte er die Fremde , die Ella ’ s Züge trug und doch nicht Ella sein konnte . Betäubt , todtenbleich starrte er die Frau an , deren poetische Erscheinung er soeben noch bewundert und die doch Zug um Zug seiner so sehr mißachteten und schließlich verlassenen Gattin glich . Auch sie hatte ihn erkannt ; das bewies die tiefe Blässe , die auch ihr Antlitz überflog , bewies auch ihr jähes Zurückweichen . Sie faßte nach der Marmorbalustrade , wie um einen Halt zu suchen , aber jetzt hatte der Knabe sie erreicht , und seine Muschel mit beiden Händen emporhaltend , rief er triumphirend : „ Mama ! Liebe Mama , sieh nur , was ich gefunden habe ! “ Das riß Reinhold aus seiner Erstarrung . Betäubung , Schreck , Erstaunen , das Alles verschwand , als er die Stimme seines Kindes vernahm . Nur der Eingebung des Augenblickes folgend , stürzte er vorwärts und streckte die Arme aus , um den Knaben stürmisch an seine Brust zu reißen . „ Reinhold ! “ Almbach hielt betreten inne , aber der Name galt nicht ihm , sondern dem Knaben , der , dem Rufe augenblicklich gehorchend , zur Mutter eilte . Mit einer raschen Bewegung legte sie beide Arme um ihn , als wolle sie ihn schützen oder verbergen , und richtete sich dann empor . Noch war die Blässe nicht von ihrem Antlitze gewichen , und die Lippen bebten noch , aber die Stimme klang fest und energisch . „ Du darfst Fremde nicht belästigen , Reinhold . Komm ’ , mein Kind ! Wir wollen gehen . “ Almbach zuckte zusammen und trat einen Schritt zurück ; der Ton war ihm so neu , wie das ganze Wesen derjenigen , die er einst seine Gattin genannt . Hätte er nicht ihre Stimme erkannt , er würde jetzt mehr als je an eine Täuschung geglaubt haben . Der Kleine dagegen blickte bei dem Vorwurf verwundert auf . Er war dem fremden Herrn ja nicht einmal nahe gekommen und hatte ihn sicher nicht belästigt , aber er sah an der Blässe und Aufgeregtheit der Mutter , daß irgend etwas Ungewöhnliches vorging , und die großen blauen Augen des Kindes richteten sich trotzig , fast feindselig auf den Unbekannten , von dem es instinctmäßig errieth , daß er es sei , der die Mama so erschreckt habe . Ella hatte sich bereits wieder gefaßt . Sie wandte sich zum Gehen , den Arm noch immer fest um die Schulter ihres Knaben gelegt , aber Reinhold vertrat ihr jetzt heftig den Weg – sie mußte stehen bleiben . „ Wollen Sie die Güte haben , uns vorüber zu lassen ? “ sagte sie kalt und fremd . „ Ich bitte darum . “ „ Was soll das , Ella ? “ brach Reinhold jetzt in leidenschaftlicher Erregung aus . „ Du hast mich so gut erkannt , wie ich Dich . Wozu dieser Ton zwischen uns ? “ Sie sah ihn an ; in dem Blicke lag die ganze Antwort , eiskalte niederschmetternde Verachtung . Er hatte es freilich nie für möglich gehalten , daß Ella ’ s Augen so blicken konnten , aber er wandte sein Angesicht vor ihnen zu Boden . „ Wollen Sie die Güte haben , uns den Weg frei zu geben , Signor ? “ wiederholte sie in vollkommen reinem Italienisch , als nehme sie an , er habe die deutsche Anrede nicht verstanden . Es lag ein entschiedener Befehl in den Worten , und Reinhold – gehorchte . Ganz fassungslos wich er zur Seite und ließ sie vorüber . Er sah , wie sie mit dem Kinde die Stufen hinabstieg , wie dort unten ein Diener in fremder Livree , der gewartet zu haben schien , sich ihnen anschloß , und wie alle Drei durch die Gärten davon eilten ; er selbst aber stand noch immer oben auf der Terrasse und besann sich , ob er denn geträumt habe und das Ganze nur ein Gebilde seiner Phantasie sei . Das geräuschvolle Schließen der Thür , die in den Gemäldesaal führte , brachte ihn wieder zur Besinnung . Mit wenigen Schritten stand er dort , und die Thür ungestüm aufreißend , trat er in den Saal , wo der Verwalter von Mirando soeben beschäftigt war , die Vorhänge wieder niederzulassen , die er der besseren Beleuchtung wegen aufgezogen hatte . „ Wer war die Dame mit dem Kinde , die sich soeben hier auf der Terrasse befand ? “ Mit dieser hastigen Frage stürmte Reinhold auf den Mann ein , der sehr bestürzt schien , als er den Gast seines Herrn , den er noch in S. vermuthete , so plötzlich vor sich sah ; er zögerte in sichtlicher Verlegenheit mit der Antwort . „ Verzeihung , Signor – ich hatte keine Ahnung davon , daß Sie schon zurück seien , und da Eccellenza und der Signor Capitano erst gegen Abend erwartet werden , so hatte ich mir erlaubt – “ „ Wer war die Dame ? “ drängte Reinhold in fieberhafter Ungeduld , ohne auf die Entschuldigung zu achten . „ Woher kam sie ? Schnell ! Ich muß es wissen . “ „ Drüben aus der Villa Fiorina , “ sagte der Verwalter , halb verwundert , halb erschreckt über das Ungestüm des Fragenden . „ Die fremde Signora wünschte Mirando zu sehen und ließ durch ihren Diener anfragen . Eccellenza haben freilich befohlen , während ihres Hierseins keine Besucher einzulassen , aber es war ja heute Morgen Niemand von den Herrschaften anwesend , und da glaubte ich eine Ausnahme machen zu dürfen . “ Er hielt inne und setzte dann im Tone der Bitte hinzu : „ Es würde mir freilich große Ungelegenheiten bei Eccellenza bereiten , wenn Signor Rinaldo es ihm mittheilen wollten . “ „ Ich ? Nein , “ sagte Reinhold wie abwesend . „ Und wie nannte sich die Dame ? “ „ Erlau , wenn ich recht verstanden habe . “ „ Erlau – so ? “ Almbach fuhr mit der Hand über die Stirn . „ Es ist gut , Mariano ; ich danke Ihnen , “ sagte er und verließ den Saal . Der Tag war glühend heiß geworden , und auch der Abend brachte weder Kühle noch Erfrischung . Luft und Meer schienen von keinem Hauche bewegt , und die Sonne ging in heißen Dunstwolken nieder . Auch in der Villa Fiorina schien man von der Gluth zu leiden . Die Bewohner hielten sich vermuthlich drinnen in den kühleren Zimmern , denn die Jalousien waren während des ganzen Tages nicht geöffnet worden und die Glasthüren , welche nach der Terrasse führten , blieben geschlossen . Die deutsche Familie bewohnte das weitläufige Gebäude , das sie für sich allein in Anspruch genommen hatte , kaum zur Hälfte . Einige Zimmer rechts vom Gartensaale waren für den Consul eingerichtet worden ; die auf der andern Seite gelegenen bewohnte dessen Pflegetochter mit ihrem Kinde ; die Dienerschaft war in den hinteren Räumen untergebracht , und das Uebrige stand leer . Es war schon in vorgerückter Abendstunde , als Ella in den von einer Lampe erhellten Gartensaal trat . Der Consul hatte sich bereits zur Ruhe begeben , und die junge Frau kam von ihrem Knaben , den sie , nachdem er eingeschlummert war , der Obhut seiner Wärterin überließ . Vielleicht war es der matte Lampenschein , der ihr Antlitz auch jetzt noch so blaß erscheinen ließ ; seit dem heutigen Morgen war die Farbe noch nicht wieder darauf zurückgekehrt , wenn auch die Züge selbst vollkommen ruhig erschienen . Sie öffnete die Glasthür und trat auf die Terrasse . Draußen herrschte bereits völlige Dunkelheit ; kein Mondstrahl drang durch das Gewölk , das noch immer den Himmel umzogen hielt , kein Hauch des Seewindes bewegte die blühenden Gesträuche . Schwül und schwer , schien die Luft auf der Erde förmlich zu lasten , und das Meer lag in träger Ruhe , fast regungslos . Es war beängstigend in dieser schwülen Stille und Dunkelheit ; dennoch schien Ella sie dem Aufenthalt in dem erhellten Gartensaale vorzuziehen ; sie stand wie heute Morgen an die Steinbalustrade gelehnt , zur Hälfte noch in dem matten Lichtkreise , der aus der geöffneten Thür auf die Terrasse fiel und die helle Gestalt , wenn auch undeutlich , erkennen ließ . [ 510 ] Einige Minuten mochten so vergangen sein , als ein Geräusch in ihrer Nähe sie aufschreckte . Mit einem leichten Aufschrei wollte sie nach dem Hause zurückflüchten , denn dicht neben ihr stand eine hohe dunkle Männergestalt , in demselben Augenblicke aber legte sich auch eine Hand auf ihren Arm , und eine unterdrückte Stimme sagte : „ Beruhige Dich , Ella ! Es ist weder ein Räuber noch ein Dieb , der vor Dir steht , wenn Du mich auch gezwungen hast , den Weg eines solchen zu wählen . “ Die junge Frau hatte beim ersten Ton Reinhold ’ s Stimme erkannt , aber sie wich nur um so weiter zurück , bis an die Schwelle der Glasthür . „ Was wünschen Sie , Signor ? “ sagte sie kalt in italienischer Sprache . „ Und was bedeutet dieser Ueberfall zu einer solchen Stunde ? “ Reinhold war ihr gefolgt , aber er versuchte es nicht wieder , ihren Arm zu berühren oder ihr auch nur nahe zu kommen . „ Vor allen Dingen wünsche ich , daß Du die Güte haben mögest , einmal Deutsch mit mir zu sprechen , “ versetzte er mit mühsam verhaltener Erregung . „ Ich habe unsere Sprache doch nicht so ganz verlernt , wie Du vorauszusetzen scheinst . Woher ich komme ? Aus dem Boote dort ! Die Terrasse wenigstens hat sich nicht so unzugänglich gezeigt , wie die Thüren Deines Hauses , die mir verschlossen blieben . “ Er wies nach dem Meere hinüber . Es war ein Wagniß , von dem schwankenden Boote aus die hohe Steinterrasse zu ersteigen , aber Reinhold schien nicht in der Stimmung , nach der Möglichkeit einer Gefahr zu fragen . Er war augenscheinlich schon hier gewesen , als sie heraustrat , und fuhr jetzt noch erregter fort : „ Es wird Dir wohl nicht unbekannt geblieben sein , daß ich bereits heute Nachmittag hier war . Du ließest mich abweisen , oder vielmehr Erlau that es , denn ich hatte begreiflicher Weise nicht die Tactlosigkeit , mich bei Dir melden zu lassen . Er hat mich weder empfangen , noch das Billet angenommen , das meine Bitte enthielt , und doch mußtet Ihr Beide wissen , was mich herführte . Da blieb denn nur die Selbsthülfe übrig . Du siehst , ich habe den Eingang dennoch erzwungen . “ Er sprach in tiefster Erbitterung . Der stolze Künstler empfand die doppelte Zurückweisung , die er heute erfahren hatte , als eine tödtliche Beleidigung . Man hörte , wie er noch jetzt jedes einzelne Wort seinem Stolze abrang , und es mußte ein mächtiger Beweggrund sein , der ihn trotz alledem herführte und noch dazu auf solchem Wege . Seine Gattin hatte wohl keinen Antheil daran , denn er stand ihr gegenüber in finsterem , ungebeugtem Trotze . Reinhold Almbach hatte es schon als Knabe nie vermocht , sich zu demüthigen , selbst da nicht , wo er sich im Unrecht wußte , und er hatte während der letzten Jahre nur zu oft die gefährliche Erfahrung gemacht , daß jedes Unrecht , das er beging , mit dem Rechte des Genius gedeckt wurde , der sich nahezu Alles erlauben darf . Sie waren während der letzten Worte vollends in den Gartensaal getreten . In der Mitte desselben blieb Ella stehen . „ Signor Rinaldo scheint diesmal den Weg verfehlt zu haben , “ sagte sie , jetzt zwar in deutscher Sprache , aber in dem gleichen Tone wie vorhin . „ Drüben in S. liegt die Villa , wo sich Signora Biancona befindet , und es konnte wohl nur ein Irrthum sein , der sein Boot an unserer Terrasse landen ließ . “ Der Vorwurf traf . Almbach ’ s trotziger Blick senkte sich , und für einige Secunden fehlte ihm die Antwort . „ Ich suchte diesmal nicht Signora Biancona , “ erwiderte er endlich , „ und daß ich Eleonore Almbach nicht suchen darf , hat sie mir heute Morgen bereits hinreichend gezeigt . Es war nicht meine Absicht , Dich nochmals durch meinen Anblick zu beleidigen ; es wäre Dir erspart worden , hättest Du meiner schriftlichen Bitte nachgegeben . Ich kam einzig , mein Kind zu sehen . “ Mit einigen raschen Schritten war die junge Frau an der Thür des Schlafzimmers und stellte sich davor . Sie sprach kein Wort , aber in der inneren Bewegung lag ein so energischer Protest , daß Reinhold sofort ihre Absicht begriff . „ Willst Du es mir nicht einmal gestatten , meinen Sohn zu umarmen ? “ fragte er heftig . „ Nein ! “ lautete die feste , mit vollster Entschiedenheit gegebene Antwort . Reinhold wollte auffahren ; sie sah , wie er die Hand ballte , aber er zwang sich zur Ruhe . „ Ich sehe , daß ich Deinem verstorbenen Vater Unrecht gethan habe , “ sagte er bitter . „ Ich hielt es für sein Werk , daß mir jede Nachricht über meinen Knaben vorenthalten wurde . – Hast Du selbst meinen ersten Brief gelesen und ihn unbeantwortet gelassen ? “ „ Ja . “ „ Und den zweiten unerbrochen zurückgesandt ? “ „ Ja . “ In Reinhold ’ s Antlitz wechselten Röthe und Blässe ; stumm sah er die Frau an , aus deren Munde er nie eine eigene Willensäußerung , viel weniger einen Widerspruch vernommen , die er nur als demüthig und schweigend Gehorchende kannte und die es jetzt wagte , ihm mit solcher Entschiedenheit Etwas zu versagen , was er als sein unbedingtes Recht in Anspruch nahm . “ „ Nimm Dich in Acht , Ella ! “ sagte er dumpf . „ Was auch zwischen uns geschehen ist , was Du mir vorwerfen magst , diesen Ton der Verachtung ertrage ich nicht , und vor allem dulde ich es nicht , daß mir der Anblick des Knaben versagt wird . Ich will mein Kind sehen . “ Die Forderung klang beinahe drohend , die bleichen Wangen der jungen Frau begannen sich leise zu röthen , aber sie wich nicht von ihrem Platze . „ Dein Kind ? “ fragte sie langsam . „ Der Knabe gehört mir , mir allein . Du hast jedes Recht auf ihn verloren , als Du ihn mir zurückließest . “ „ Das möchte doch noch die Frage sein , “ rief Almbach mit ausbrechender Heftigkeit . „ Sind wir gerichtlich geschieden ? Haben die Gesetze Dir Reinhold zugesprochen ? Er bleibt mein Sohn , was auch zwischen Dir und mir liegen mag , und wenn Du mir meine Vaterrechte noch länger verweigerst , so werde ich sie mir zu erzwingen wissen . “ Die Drohung blieb nicht wirkungslos , aber sie verfehlte vollständig ihren Zweck . Ella richtete sich auf mit zuckenden Lippen , aber mit vollster Energie . „ Das wirst Du nicht . Die Stirn hast Du nicht , und hättest Du sie , so giebt es , Gott sei Dank , noch eine andere Macht , die ich anrufen kann , und die Dir vielleicht nicht so gleichgültig ist wie Familienbande und Pflichten , welche Du so leicht zerrissest . Die Welt würde es erfahren , daß Signor Rinaldo , nachdem er Weib und Kind verlassen und jahrelang nicht nach ihnen gefragt hat , es jetzt wagt , seinem Weibe mit denselben Gesetzen zu drohen , die er verhöhnt und mit Füßen getreten hat , weil sie nicht will , daß ihr Knabe ihn Vater nennt – und all Dein Ruhm und all die Vergötterung würden Dich nicht schützen vor der verdienten Verachtung . “ „ Eleonore ! “ Es war ein Aufschrei der Wuth , der seinen Lippen entfuhr , als sie das letzte Wort aussprach , und sein Blick flammte in erschreckender Wildheit nieder auf die zarte vor ihm stehende Gestalt . Wenn Reinhold ’ s Leidenschaftlichkeit erst einmal auf ’ s Aeußerste gereizt war , so kannte er keine Schranken mehr und seine ganze Umgebung pflegte dann vor ihm zu zittern . Selbst Beatrice , so wenig sie ihm sonst an Heftigkeit nachgab , wagte es in solchen Augenblicken nicht , ihn noch mehr zu reizen . Sie kannte die ihr gezogene Grenze , und war diese erst einmal erreicht , so fügte sie sich stets . Hier war das anders ; zum ersten Male seit Jahren scheiterte er an einem fremden Willen ; vor dem Auge , das so klar und groß dem seinigen begegnete , sank sein ganzer Trotz zusammen – er verstummte . „ Du siehst wohl selbst ein , daß es mehr als Hohn wäre , wolltest Du Dich auf die Gesetze berufen , “ sagte die junge Frau ruhiger . Reinhold stützte sich schwer auf den Sessel , an dem er stand . War es Scham oder Zorn , die Hand , welche sich in die Polster vergrub , zitterte . „ Ich sehe , daß ich in einem verhängnißvollen Irrthum befangen war , als ich die Frau zu kennen wähnte , die zwei Jahre lang meine Gattin hieß , “ erwiderte er in seltsam gepreßtem Tone . „ Hättest Du mir nur ein einziges Mal die Eleonore gezeigt , der ich jetzt begegne , es wäre wohl Manches ungeschehen geblieben . Wer hat Dich diese Sprache gelehrt ? “ „ Die Stunde , in der Du mich verließest , “ antwortete sie mit vernichtender Kälte , indem sie sich abwandte . [ 512 ] „ Die Stunde scheint Dir noch Manches Andere gegeben zu haben , was Dir sonst fremd war – die Lust an der Rache zum Beispiel – “ „ Und den Stolz , den ich Dir gegenüber nie gekannt , “ ergänzte Ella . „ Ich mußte erst zu Boden getreten werden , ehe er aufwachte und mir zeigte , was ich mir und meinem Kinde schuldig war , dem Einzigen , was Du mir noch gelassen hattest , dem Einzigen , was mich noch aufrecht erhielt . Um seinetwillen habe ich noch einmal angefangen , zu lernen und zu arbeiten , als die Zeit des Lernens längst hinter mir lag , um seinetwillen habe ich mich emporgerissen aus den Vorurtheilen und Banden meiner Erziehung und meinem Leben eine neue Richtung gegeben , als der Tod der Eltern mich frei machte . Ich mußte dem Kinde jetzt alles sein , wie es mir alles war , und ich hatte mir gelobt , daß mein Sohn sich dereinst nicht der Mutter schämen sollte , wie sein Vater sich ihrer schämte , weil sie äußerlich hinter anderen Frauen zurückstand . “ Almbach ’ s Stirn färbte sich dunkelroth bei den letzten Worten . „ Es war nicht meine Absicht , Dir Reinhold streitig zu machen , “ sagte er hastig . „ Nur sehen wollte ich ihn , wenn es sein muß , in Deiner Gegenwart . Du weißt nur zu gut , welch ’ eine Waffe Du mit dem Kinde in Deiner Hand hast , und gebrauchst sie schonungslos gegen mich . Ella , “ er trat ihr näher und zum ersten Male klang etwas wie Bitte in