Tagen , man hat selbstverständlich für einen Posten gesorgt , der sofortige und dringende Vertretung erfordert . “ „ So ist keine Zeit zu verlieren . Du warst ja wohl erst kürzlich bei dem Hofrath Moser ? “ „ Ich habe ihm selbst einige Acten zurückgebracht , die ich mit nach Hause genommen hatte . “ Max sann nach . „ Gut , so hast Du einen Vorwand , das zum zweite Male zu thun . Nimm meinetwegen das dickste Actenheft mit , das Du in Deiner Kanzlei auftreiben kannst , aber richte Dich so ein , daß Du den Hofrath verfehlst ! Das ist die Hauptsache . “ Georg , der unruhig im Zimmer auf und nieder ging , blieb überrascht stehen . „ Aber was soll denn das alles heißen ? “ „ Geduld – ich habe einen ganz vorzüglichen Plan . Fräulein Agnes Moser ist mit Baroneß Harder bekannt , allerdings nur oberflächlich . Der Hofrath hat seine Tochter den Damen vorgestellt , und die jungen Mädchen haben sich einige Male gesehen und gesprochen . “ „ Woher weißt Du denn das alles ? “ fiel Georg ein . „ Ich denke , Du hast Fräulein Moser nur ein einziges Mal gesehen , bei jener irrthümlichen Visite ? “ „ Bitte um Entschuldigung ; ich sehe und spreche sie fast täglich bei meiner Patientin , die ich auf Deinen Wunsch behandele ; sie arbeitet an dem Seelenheil der Kranken und ich an deren leiblichem Wohle . Die Theilung der Arbeit geht ausgezeichnet von Statten . “ „ Aber Du hast mir ja niemals eine Silbe davon erzählt . “ „ Wozu das ? Du bist verliebt , und verliebte Leute haben selten Interesse für vernünftige Dinge . “ Winterfeld überhörte die Bosheit , die in diesen Worten lag ; der Gedanke an ein Wiedersehen mit Gabriele beschäftigte ihn vollständig . „ Und Du glaubst , das junge Mädchen , das , wie es heißt , in streng klösterlichen Umgebungen und Grundsätzen erzogen ist , werde sich zur Vermittlerin hergeben ? “ fragte er . „ Mühe genug wird es kosten , “ antwortete der junge Arzt bedenklich . „ Indeß , ich will es versuchen . Im schlimmsten Falle lasse ich mich einmal ordentlich bekehren ; dann denkt sie an nichts weiter , als meine Seele dem Himmel zu retten , und willigt in Alles . Du mußt nämlich wissen , daß ich jetzt nach allen Regeln bekehrt werde . “ [ 309 ] Georg mußte trotz seines Kummers lächeln . „ Du armer Max ! “ sprach er mitleidig . „ Höre , Georg , “ sagte dieser ganz ernsthaft , „ das ist auch so eine von den vorgefaßten Meinungen , daß man glaubt , das Bekehren müsse immer langweilig und trübselig sein , es ist bisweilen auch recht angenehm . Ich sage Dir , mir fehlt ordentlich etwas , wenn ich einmal nicht zu meiner Patientin komme , wo die üblichen Bekehrungsversuche mit mir angestellt werden . “ „ Von Deiner Patientin ? “ „ Warum nicht gar ! Von Agnes Moser . Bis jetzt hält sie mich allerdings noch für einen verstockten Sünder und verabscheut mich demgemäß , trotzdem sind wir schon ziemlich weit vorwärts gekommen . Die heilige Sanftmuth zum Beispiel , die mich im Anfange oft genug zur Verzweiflung brachte , habe ich ihr gründlich abgewöhnt . Sie kann jetzt schon ein ganz hübsches Trotzköpfchen aufsetzen , und wir zanken uns oft in einer herzerquickenden Weise . “ Georg ’ s Auge ruhte forschend auf dem Gesichte seines Freundes . „ Max , “ sagte er plötzlich , ohne jeden Uebergang , „ so viel ich weiß , besitzt Herr Hofrath Moser gar kein Vermögen . “ „ Was in aller Welt geht das mich an ? “ „ Nun , ich meine nur wegen Deines Heirathsprogramms . Paragraph eins : Vermögen . “ Doctor Brunnow fuhr aus seiner Sopha-Ecke in die Höhe und starrte den Freund mit großen Augen an . „ Was fällt Dir denn ein ? Agnes Moser will ja Nonne werden . “ „ Ich habe auch davon gehört , und die Klostererziehung paßt nun allerdings nicht zu dem bequemen Leben , das Du in Deiner Ehe beanspruchst . Zartheit kannst Du bei Deiner Frau ohnehin nicht brauchen , und was die praktischen Hausfrauen-Eigenschaften und die blühende Gesundheit betrifft – “ „ Das brauche ich nicht erst von Deiner Weisheit zu hören ; das kann ich mir allein sagen , “ brauste Max im vollsten Aerger auf . „ Ich begreife wirklich nicht , wie Du zu solchen ganz grundlosen Folgerungen kommst . Du meinst wohl , alle Welt müsse sich lieben , weil Du und Deine Gabriele es thun ? Wir denken nicht daran , aber das hat man davon , wenn man sich als Freund in der Noth erweist . Die reinsten Absichten werden verdächtigt . Ich und Agnes Moser – lächerlich ! “ Winterfeld hatte Mühe , seinen höchst aufgebrachten Freund zu besänftigen ; endlich gelang es ihm . Der Herr Doctor ließ sich herab , die lächerliche Idee zu vergessen , mit der man ihn beleidigt hatte , und versprach seine Hülfe . Er trat denn auch bald darauf den gewohnten Weg zu seiner Patientin an . – Die Kranke befand sich in der That ganz vortrefflich bei dem Eifer , mit dem man sich von zwei verschiedenen Seiten um ihr Wohl bemühte . Die Cur ihres Arztes hatte einen Erfolg , den dieser selbst im Anfange kaum zu hoffen wagte . Die Krankheit nahm die entschiedenste Wendung zum Besseren ; es war gegründete Hoffnung zur vollen Genesung vorhanden , und heute hatte die Patientin bereits bei dem warmen Sonnenschein eine halbe Stunde in dem kleinen Garten zubringen können , der das Haus umschloß . In diesem Gärtchen nun spazierten Doctor Brunnow und Fräulein Moser dem Anscheine nach ganz friedfertig auf und nieder . Es hatte sich in den wenigen Wochen ihrer Bekanntschaft ein Verkehr zwischen ihnen herangebildet , dessen Unbefangenheit hauptsächlich in der felsenfesten Ueberzeugung wurzelte , daß sie gar nichts für einander fühlten . Agnes hegte wirklich die ernstliche Absicht , den tief in Weltlichkeit und Unglauben versunkenen jungen Arzt für den Himmel zu retten , und sie wiederholte diese Versuche um so hartnäckiger , je vergeblicher sie sich erwiesen . Daß diese Seelenrettung auch für sie selber schließlich etwas bedenklich werden könne , fiel ihr gar nicht ein . Man hatte ihr jede Gefahr , die ihrem Herzen etwa von der Männerwelt drohen könne , unter dem Bilde der Schmeichelei , der Artigkeit und Liebenswürdigkeit dargestellt . Hätte sie etwas dergleichen entdeckt , sie würde sich erschreckt und eiligst zurückgezogen haben , aber Doctor Brunnow war und blieb rücksichtslos ; er konnte unter Umständen sogar recht grob werden , und einzig diesen vertrauenerweckenden Eigenschaften dankte er es , daß das junge Mädchen ihn für vollständig ungefährlich hielt . Was ihn selbst betraf , so war er durchaus nicht verliebt , wenigstens war die Entrüstung , womit er gegen eine solche Zumuthung protestirte , vollkommen aufrichtig gemeint . Sein Heirathsprogramm enthielt bekanntlich sehr viel nützliche Paragraphen , aber nichts von dem unpraktischen Idealismus der Liebe . Da Agnes Moser ’ s Persönlichkeit nun durchaus nicht diesem Programm entsprach , so konnte von einer Neigung natürlich gar nicht die Rede sein . Uebrigens hatte der junge Arzt entschiedenes Glück mit seinen Curen , denn auch Agnes hatte sich im Laufe der letzten Wochen außerordentlich erholt , jedenfalls nur in Folge der Gewissenhaftigkeit , mit der sie die ärztlichen Vorschriften befolgte . Auf ihren sonst so blassen Wangen zeigte sich eine leise Röthe ; das Auge war belebter , die Haltung kräftiger , und ihr Wesen hatte viel von seiner Schüchternheit verloren , wenigstens dem Doctor Brunnow gegenüber . Seine Gottlosigkeit und ihr Bekehrungseifer begegneten sich so oft und sie vertieften sich so häufig in dieses interessante Thema , daß sie nothgedrungen vertrauter mit einander werden mußten . Auch heute hatte die junge Dame ihren Begleiter wieder gehörig abgekanzelt , der letztere sah aber durchaus nicht zerknirscht aus ; seine Miene verrieth im Gegentheil das außerordentliche Behagen , das diese theologischen Streitigkeiten ihm gewährten . „ Jetzt aber , mein Fräulein , bitte ich um Ihre Aufmerksamkeit für ewige irdische Dinge , “ sagte er , eine Pause des Gespräches benutzend . „ Die Angelegenheit , die ich Ihnen mittheilen will , ist jedoch Geheimniß , und ich rechne auf Ihr unbedingtes Schweigen , gleichviel , ob Sie meine Bitte gewähren oder nicht . “ Das junge Mädchen machte große Augen bei dieser feierlichen Einleitung , verhieß aber zu schweigen und hörte gespannt zu . „ Sie kennen Fräulein Gabriele von Harder , “ fuhr Max fort , „ und auch mein Freund , der Assessor Winterfeld , ist Ihnen bekannt . Ich weiß aus seinem Munde , daß er bereits einmal das Vergnügen hatte , Sie in Ihrer Wohnung zu sehen . “ „ Ich erinnere mich ; er war bei meinem Vater . “ „ Nun wohl , Baroneß Harder und der Assessor lieben sich . “ „ Lieben sich ! “ wiederholte Agnes , mit einem Gemisch von Bestürzung und Verlegenheit . Sie schien den Gegenstand der Unterhaltung sehr unpassend zu finden . „ Ja , sie lieben sich ganz bedeutend , “ sagte Max mit Nachdruck . „ Der Vormund der jungen Dame aber , Freiherr von Raven , und die Baronin Harder widersetzen sich der beabsichtigten Verbindung , weil Georg Winterfeld seiner dereinstigen Gattin keinen Rang und Reichthum bieten kann . Was mich betrifft , so bin ich von Anfang an der Schutzengel dieser Liebe gewesen . “ „ Sie , Herr Doctor ? “ fragte das junge Mädchen , den Schutzengel mit sehr kritischen Blicken ansehend . „ Sie meinen wohl , daß ich nicht viel Engelhaftes an mir habe ? “ fragte Max nun seinerseits . „ Ich meine , daß es unter allen Umständen Sünde ist , sich gegen den Willen der Eltern zu lieben , “ lautete die ein wenig scharfe Antwort . „ Das verstehen Sie nicht , mein Fräulein , “ belehrte der junge Arzt . „ Danach wird bei der Liebe gar nicht gefragt , und hier ist das junge Paar vollends in seinem Rechte . Was soll man denn anfangen , wenn die Eltern und Vormünder aus bloßem Vorurtheil und äußeren Rücksichten zwei eng verbundene Herzen trennen ? “ „ Man soll gehorchen , “ erklärte Agnes mit einer Feierlichkeit , die ihr in diesem Augenblicke eine gewisse Aehnlichkeit mit ihrem Vater gab . „ Das sind ganz veraltete Ansichten , “ sagte Max ungeduldig . „ Im Gegentheil , man rebellirt und heirathet sich doch . “ Fräulein Agnes hatte seit den letzten Wochen offenbar schon bedeutende Fortschritte gemacht . Sie setzte den verwerflichen Ansichten des Doctor Brunnow durchaus kein resignirtes Schweigen mehr entgegen ; sie hatte es wirklich schon gelernt , ein ganz hübsches Trotzköpfchen aufzusetzen , und machte jetzt von dieser neuen Errungenschaft Gebrauch , als sie erwiderte : „ Das haben Sie gewiß dem Herrn Assessor angerathen . “ „ Keineswegs ! Ich habe im Gegentheil alle Hände voll zu thun , um ihn nur einigermaßen bei Vernunft zu erhalten . “ „ Genug , mein Freund verläßt R. schon in den nächsten Tagen , und man geht so weit , ihm sogar den Abschied von seiner Braut zu verweigern . Er will und muß sie aber noch einmal sehen , um ihr ein letztes Lebewohl zu sagen . Fräulein Agnes – “ der Redende [ 310 ] machte hier eine äußerst wirkungsvolle Pause – es ist etwas Schönes , der Schutzengel einer reinen und wahren Liebe zu sein . Ich muß das wissen , ich habe es lange genug durchgemacht . “ „ Was meinen Sie denn eigentlich , Herr Doctor ? “ fragte das junge Mädchen , das jetzt Verdacht schöpfte und sehr eilig vorwärts zu schreiten begann . „ Das will ich Ihnen erklären , “ rief Max , und schloß sich ihr augenblicklich mit der gleichen Geschwindigkeit an . Agnes blieb stehen , sie wußte aus Erfahrung , daß das Davonlaufen hier nichts half ; dieser unverwüstliche Doctor hielt jedes Tempo von Schritten aus . Sie fügte sich also und hörte zu . „ Sie erzählten mir , daß Baroneß Harder bereits einmal bei Ihnen gewesen sei , “ nahm Max wieder das Wort . „ Wenn das nun wieder geschähe und zufällig zu derselben Zeit Assessor Winterfeld – “ „ Ohne Wissen der Frau Baronin ? “ fuhr Agnes entrüstet auf . „ Niemals ! “ „ Aber so bedenken Sie doch – “ „ Niemals ! Das ist ein Unrecht , eine Sünde . Solch einen Plan konnten nur Sie ausdenken , aber ich werde mich nie zur Mitschuldigen dabei machen . Ich will nicht . “ Fräulein Agnes war purpurroth vor Erregung und Entrüstung und traf den Doctor Brunnow mit einem so strafenden Blicke , daß er eigentlich die Augen hätte niederschlagen müssen . Aber Max war und blieb verstockt ; er blickte das junge Mädchen mit ganz unzweideutigem Wohlgefallen an . „ Sieh den Trotzkopf ! “ sagte er bei sich selber . „ Ich wußte es ja , die ganze gottselige Ergebung und fromme Lammesgeduld ist nur angelernt , und sobald diese verwünschte Klostererziehung in den Hintergrund tritt , kommt etwas ganz Erträgliches zum Vorschein . Ich werde die Taktik ändern müssen . – Sie willigen also nicht ein ? “ setzte er laut hinzu . „ Nein , “ erklärte Agnes mit einem Tone , in dem zwanzig Proteste lagen . Max nahm eine resignirte Miene an . „ So mag das Unglück denn seinen Lauf nehmen ! Ich habe alles versucht , meinen Freund von verzweifelten Schritten zurückzuhalten , und ich hoffte das mit Ihrer Hülfe auch zu thun , indem ich ihm wenigstens den Abschied von seiner Braut ermögliche . Wird ihm dieser letzte Trost geraubt , so stehe ich für nichts mehr ein . Er nimmt sich wahrscheinlich das Leben . “ „ Er wird doch nicht ! “ meinte Agnes unruhig . „ Ich bin leider davon überzeugt . Was Fräulein von Harder betrifft , so wird sie seinen Tod schwerlich überleben ; sie stirbt ebenfalls vor Gram und Kummer . “ „ Kann man denn wirklich vor Kummer sterben ? “ fragte das junge Mädchen , das sichtlich ängstlich geworden war . „ Ich habe in meiner Praxis bereits mehrere derartige Fälle erlebt , “ log der gewissenlose Doctor . „ Ich zweifle gar nicht daran , daß ein solcher auch hier eintreten wird . Die Baronin und Freiherr von Raven werden ihre Härte zu spät bereuen , und auch Sie , mein Fräulein , werden dies thun , denn in Ihrer Hand lag es , zwei brechende Herzen vor der Verzweiflung zu bewahren . “ Agnes hörte mit tiefem Mitleid , aber auch mit steigender Verwunderung zu ; sie hatte den Doctor Brunnow gar nicht für so gefühlvoll gehalten , aber dieser war jetzt einmal in das Rührende gerathen , und da ihm dies zu seiner eigenen höchsten Verwunderung so ausgezeichnet glückte , griff er zu einem kühnen Schlußeffect . Es kam ihm dabei gar nicht darauf an , den Selbstmord und den Tod aus Kummer , woran vorläufig noch Niemand dachte , als bereits geschehen anzunehmen . „ Und ein solches Ende muß ich erleben ! “ sagte er melancholisch . „ Ich , der ich gehofft hatte , meinen Freund und dessen Erwählte in die Kirche und zum Altare zu geleiten ! “ „ Das würden Sie schwerlich gethan haben , “ warf das junge Mädchen ein . „ Sie haben mir ja selbst gesagt , daß Sie niemals in die Kirche gehen “ „ Ich werde es in Zukunft thun , wenn das Unglück abgewendet wird , “ erklärte Max . „ Uebrigens ist eine Hochzeit eine Ausnahme . “ Fräulein Agnes spitzte bei den ersten Worten die Ohren . Sie war viel zu eifrig im Bekehren , um sich nicht schleunigst der Handhabe zu bemächtigen , die sich ihr so unerwartet darbot . „ Ist das Ihr Ernst ? “ fragte sie hastig . „ Wollen Sie wirklich in die Kirche gehen ? “ „ Wollen Sie meine Bitte erfüllen und nur auf eine einzige Viertelstunde meine Schutzengelrolle übernehmen ? “ Agnes überlegte ; es war ohne Frage ein schweres Unrecht , eine Zusammenkunft zu begünstigen , die der Vormund und die Mutter verboten hatten , aber andererseits galt es , eine Seele dem Himmel zu retten , und dieser letzte Beweggrund besiegte alle Bedenken . Der jesuitische Grundsatz , daß der Zweck die Mittel heilige , richtete auch hier wieder Unheil an . „ Morgen ist Sonntag , “ sagte das junge Mädchen zögernd . „ Wenn Sie – wenn Sie die Vormittagspredigt im Dome besuchen wollten – “ „ Die Frühmesse , “ verbesserte Max , der eine dunkle Idee davon hatte , daß diese Ceremonie die kürzeste zu sein pflegte . „ Die Vormittagspredigt ! “ sagte Agnes so diktatorisch , als hätte sie dem Doctor Brunnow den Ton , in welchem er seine Verordnungen zu geben pflegte , förmlich abgelernt . Sie traute ihm offenbar noch nicht recht ; jedenfalls wollte sie den betreffenden Kirchgang erst controlliren , ehe sie sich zur Gegenleistung entschloß ; sie setzte deshalb hinzu . „ Aber die ganze Predigt , von Anfang bis zu Ende . “ Max stieß einen Seufzer aus . „ Wenn es nicht anders geht – in Gottes Namen ! “ Das war endlich eine fromme Aeußerung , wie Fräulein Agnes mit Wohlgefallen bemerkte . Sie gab sich der gegründeten Hoffnung hin , daß die Predigt den so mühsam gewonnenen Grund für die rechte Gläubigkeit weiter bearbeiten werde , und in der Freude darüber reichte sie ihrem Widersacher , der jetzt ihr Bundesgenosse geworden war , die Fingerspitzen , bereute dies aber sofort wieder , denn Max machte es wie der Teufel im Sprüchwort ; er nahm die ganze Hand , die er in der herzhaftesten Weise drückte und schüttelte . Textdaten zum vorherigen Teil < < < > > > zum nächsten Teil zum Anfang Autor : W. Heimburg Titel : Um hohen Preis aus : Die Gartenlaube 1878 , Heft 20 , S. 323 – 326 Fortsetzungsroman – Teil 12 [ 323 ] Am nächsten Morgen , als die Glocken des Domes läuteten , schritt Hofrath Moser , seine Tochter am Arme , langsam und würdevoll nach der Kirche , um dort seinen gewohnten Platz einzunehmen . Die Aufmerksamkeit des frommen alten Herrn war natürlich nur auf den Gottesdienst gerichtet , und deshalb bemerkte er nicht , daß Agnes nicht wie sonst mit niedergeschlagenen Augen andachtsvoll im Kirchstuhl saß , sondern halb ängstlich und halb erwartungsvoll umherspähete . Sie brauchte nicht allzu lange zu suchen ; kaum zwölf Schritte von ihr entfernt , in der Nähe der Kanzel , stand Doctor Brunnow und spähete gleichfalls erwartungsvoll umher . Die beiden Augenpaare , die sich mit solchem Eifer suchten , mußten sich nothgedrungen begegnen . Das geschah denn auch , und als Max sah , wie das blasse , zarte Gesichtchen in freudigster Ueberraschung aufleuchtete und von einer förmlichen Rosengluth übergossen wurde bei seinem Anblick , als er einen dankbar innigen Blick der dunklen Augen auffing , die ihm noch nie so ausdrucksvoll erschienen waren , wie heute , da dachte er weder an sein Programm noch an dessen Paragraphen ; er dachte nur , daß dieser Kirchenbesuch doch auch seine großen Annehmlichkeiten habe , und setzte sich mit einer Energie nieder , die seinen Entschluß , die ganze Predigt von Anfang bis zu Ende auszuhalten , auf das Deutlichste bekundete . Er hörte nun allerdings die Predigt , ob mit oder ohne Andacht , mochte dahingestellt bleiben , aber dafür hatte er einer der eifrigsten Kirchgängerinnen alle Andacht geraubt . Es ließ sich wirklich schwer entscheiden , wer von den Beiden eigentlich der Bekehrte war . – Am Nachmittage desselben Tages fand nun wirklich die beabsichtigte Zusammenkunft statt , die der Zufall außerordentlich begünstigte . Hofrath Moser hatte die Einladung eines Collegen angenommen und befand sich in der Stadt . Frau Christine war gleichfalls ausgegangen ; es bedurfte also nicht einmal eines Vorwandes , und der Besuch Gabrielens bei Agnes Moser einerseits und das Eintreffen des Assessor Winterfeld , der seinen Vorgesetzten verfehlte , andererseits machten sich so zwanglos , daß beides immerhin für einen Zufall gelten konnte . „ Verzeih , daß ich zu diesem Mittel griff ! “ sagte Georg hastig , sobald er sich mit Gabriele allein sah . „ Mir blieb keine Wahl , und ich habe es dem Freiherrn offen erklärt , daß ich es auch gegen seinen Willen versuchen werde , Dich noch einmal zu sehen und zu sprechen . Ich komme , Dir Lebewohl zu sagen – vielleicht auf Jahre . “ Gabriele war bleich geworden , und ihre Augen hafteten mit dem Ausdruck des Schreckens auf dem Redenden . „ Um Gotteswillen – was ist geschehen ? “ „ Nichts von meiner Seite , was Dich beunruhigen könnte . Es ist die Hand Deines Vormundes , die uns so unerbittlich trennt . Er kündigte mir gestern meine Versetzung nach der Residenz und an das Ministerium an . Du siehst , wie weit sein Einfluß reicht und wie er ihn zu brauchen weiß , wenn es gilt , uns von einander zu reißen . “ „ Nein , nein , Du darfst nicht fort , “ rief Gabriele angstvoll und schmiegte sich , wie Schutz suchend , an ihn . „ Du darfst mich jetzt nicht verlassen , Georg . Nur jetzt laß ’ mich nicht allein ! “ „ Weshalb nicht ? “ fragte er betroffen . „ Quält man Dich so sehr um meinetwillen ? Freilich , ich hätte es ahnen können ! Raven ist hart und rücksichtslos bis zur Grausamkeit , sobald man sich gegen seinen Willen auflehnt . Du wirst mit Vorwürfen , mit Quälereien und Drohungen verfolgt , nicht wahr , Gabriele ? Man bietet Alles auf , Deinen Widerstand zu brechen ? Sprich , ich muß die Wahrheit wissen . “ Das junge Mädchen machte eine matte , verneinende Bewegung . „ Du irrst , davon ist keine Rede . Mein Vormund hat seit jenem Tage , wo er mir erklärte , daß er unwiderruflich bei seinem Nein bleibe , Deinen Namen nicht wieder genannt und auch die Mama veranlaßt , mich mit den Vorwürfen zu verschonen , mit denen sie anfangs auf mich einstürmte , aber er geht seitdem mit einer Eiseskälte an mir vorüber , und ich – Georg , ist es denn nicht möglich , daß Du in meiner Nähe bleibst ? “ „ Ich kann nicht , “ sagte Georg , der selbst nur mit Mühe seine tiefe Erregung beherrschte . „ Ich muß dem Rufe folgen ; es ist unmöglich , ihn abzulehnen . Unter anderen Umständen würde ich diese neue Lebensrichtung ja mit Freuden begrüßen ; sie eröffnet mir eine ganz andere Zukunft als meine Stellung hier in R. , wo das Uebergewicht , das der Freiherr nach allen Richtungen hin ausübt , jede selbstständige Regung und jedes eigene Streben unterdrückt , aber ich weiß nur zu gut , daß diese sogenannte Beförderung nur den Zweck hat , mir mein Höchstes , Theuerstes , Deine Liebe , zu rauben und Dich mir auf immer zu entreißen . Dein Vormund hat zwei mächtige Bundesgenossen zu Hülfe gerufen , die Zeit und die Entfernung . Vielleicht verhelfen sie ihm doch zum Siege . “ [ 324 ] „ Niemals ! “ brach Gabriele leidenschaftlich aus . „ Er soll und wird nicht siegen . Ich habe es Dir versprochen , ich halte Wort . “ Georg hörte nicht die verhaltene Angst , die auch jetzt wieder in dem Tone lag ; er hörte nur die ungewohnte Willenskraft darin , und trotz der Abschiedsstunde leuchtete in seinem Antlitz ein Strahl des Glückes auf . Er hatte nur zu sehr gefürchtet , die Geliebte auch jetzt wieder so kindisch , so sorglos und gleichgültig gegen die Trennung zu finden , wie einst , wo sie seinem Schmerz auch nicht das mindeste Verständniß entgegenbrachte . Es beseligte ihn unendlich , daß auch sie seine Trennung so schmerzlich empfand , daß sie ihn so angstvoll zurückzuhalten strebte , und ihr leidenschaftlich gegebenes Versprechen erfüllte ihn mit nie gekanntem Entzücken Im überströmenden Gefühl beugte er sich nieder und küßte ihre Hand . „ Ich danke Dir , “ sagte er innig . „ Aber Du bist seltsam verändert , seit wir uns nicht gesehen haben . Wo ist denn die sonnige Heiterkeit meiner Gabriele geblieben , die sonst , noch mit der Thräne im Auge , schon wieder lächeln konnte ? Einst sagtest Du mir im Scherze : ‚ Du kennst meine eigentliche Natur noch gar nicht . ‘ Ich habe sie wirklich nicht gekannt – das fühle ich in diesem Augenblicke . “ Das junge Mädchen blieb die Antwort schuldig , aber die rosigen Lippen hatten in der That das Lächeln verlernt ; sie schienen ein geheimes Weh zu verschließen , das sich nicht in Worten erleichtern konnte . „ Verzeih , wenn ich Dich verkannte ! “ fuhr Georg mit steigender Zärtlichkeit fort . „ Ich bekenne es – ich habe oft an Dir gezweifelt und mit Bangigkeit der Stunde entgegengesehen , die den unausbleiblichen Kampf mit Deiner Familie bringen mußte . Jetzt sehe ich , daß Du auch tief und ernst empfinden kannst , und jetzt glaube ich an Dich und Deine Liebe , auch wenn ein Raven mit seinem Machtgebote dazwischen tritt . “ Gabriele zuckte bei den letzten Worten zusammen ; sie hob das gesenkte Auge empor . Es war ein Blick , den Georg nicht zu enträthseln vermochte , ein Blick voll Angst , Schmerz und rührender Bitte , aber schon im nächsten Momente wurde das Alles verdunkelt von einem Thränenstrom , der unaufhaltsam hervorstürzte . „ Meine arme Gabriele , “ flüsterte der junge Mann zu ihr niedergebeugt . „ Du bist so wenig an Leid und Kummer gewöhnt , und gerade ich muß es sein , der sie Dir bringt . Aber wir waren ja darauf gefaßt , für unsere Liebe zu kämpfen ; jetzt ist die Zeit da ; wir müssen ertragen und überwinden . Vielleicht bereut Freiherr von Raven es doch noch einmal , in solcher Weise die Vorsehung gespielt zu haben . Er entläßt einen Feind mehr in die Welt und keinen so unbedeutendem wie er glaubt . “ Gabrielens Thränen stockten ; sie entzog dem Sprechenden die Hand , die er noch in der seinigen hielt . „ Ihr seid – Feinde geworden ? “ „ Ich bin längst der Gegner Ravens gewesen . Frage mich nicht weshalb ! Dir gegenüber kann und will ich Deinen Vormund und Verwandten nicht anklagen ; das gehört vor ein anderes Forum . Aber glaube mir , er hat viel Haß und Feindschaft herausgefordert , hat seine Macht oft genug in einer Weise gebraucht , die unheilvoll geworden ist für seinen Wirkungskreis und einst noch unheilvoll für ihn selber werden wird . Er that nicht gut daran , mich mit eigener Hand aus dem Bannkreise seiner Persönlichkeit zu stoßen , der mich , wie so viele Andere , gefesselt hielt und dem ich mich nicht entziehen konnte , obgleich ich fühlte , daß er meine Willenskraft lähmte . Doctor Brunnow warnte mich nicht umsonst vor der dämonischen Macht dieses Mannes ; auch mich hat sie oft bewundern gelehrt , wo ich hätte verurtheilen sollen . Jetzt ist der Bann gebrochen , und dort in der Residenz fallen auch die Rücksichten die mich meinem unmittelbaren Vorgesetzten gegenüber banden . “ „ Was meinst Du ? “ fragte Gabriele unruhig . „ Ich verstehe Deine Andeutungen nicht . “ „ Du sollst sie auch nicht verstehen , “ sagte Georg fest , „ aber versprich mir eins ! Was Du auch hören magst , glaube nicht , daß persönliche Feindschaft oder niedrige Rache für einen versagten Wunsch mich zum Handeln treibt . Ich hatte längst beschlossen , den Kampf mit dem Gouverneur unserer Provinz aufzunehmen , weil er angenommen werden mußte und weil sich sonst Niemand fand , der es wagte , dem allmächtigen Raven die Stirn zu bieten . Ich hatte meine Waffen bereit – da lernte ich Dich kennen und erfuhr , daß der Mann , den ich auf Tod und Leben bekämpfen wollte , mein ganzes Lebensglück in Händen hielt , und da sank mir der Muth . Es mag unrecht , mag feige gewesen sein , aber ich möchte den sehen , der an meiner Stelle anders gehandelt , der es vermocht hätte , sich selbst all die Liebes- und Lebenshoffnungen zu zerstören , die ihm eben erst erblüht waren . Jetzt sind sie zerstört . Dein Vormund hat mir mit grenzenloser Härte auch für die Zukunft Deine Hand versagt , er , der nicht mehr wie ich zu bieten hatte , als er um die Tochter des Ministers warb . Wir sind als offene Gegner geschieden ; jetzt werde ich mich nur noch von dem leiten lassen , was ich für Pflicht anerkenne . Und nun – lebe wohl ! “ Gabriele hielt ihn zurück . „ Georg , so darfst Du nicht von mir gehen , nicht mit diesen dunklen Drohungen , die mich namenlos ängstigen . Was hast Du vor ? Ich will und muß es wissen . “ „ Erlaß mir das ! “ sagte der junge Mann , sanft , aber entschieden ablehnend . „ Um Deiner selbst willen darf ich Dir die Mitwissenschaft nicht auferlegen . Du bist nicht frei wie ich . Du bleibst hier in der Nähe Deines Vormundes ,