Forderungen einzelne , deren Gerechtigkeit ich anerkenne und denen ich also auch nachkommen werde . Die Untersuchung und Aenderung der Schachte , die Sie verlangen , wird geschehen ; der Arbeitslohn wird , wenigstens theilweise , erhöht werden . Ich werde schwere Opfer deswegen bringen müssen , mehr vielleicht , als ich gerade jetzt in geschäftlicher Hinsicht verantworten kann , aber es wird geschehen . Dagegen müssen die anderen Punkte fallen , die einzig und allein darauf abzielen , mir und meinen Beamten die Herrschaft aus den Händen zu winden und die Disciplin zu lockern , die für ein Unternehmen wie das unserige eine Lebensfrage ist . “ Der verächtliche Zug um Ulrich ’ s Lippen verschwand und machte einem Ausdrucke der Befremdung und des Argwohns Platz , mit dem er erst die Beamten und dann den jungen Chef anblickte , als habe er diesen in Verdacht , er sage etwas ihm Eingelerntes her . „ Es thut mir leid , Herr Berkow , aber die Punkte fallen nicht ! “ entgegnete er trotzig . „ Ich glaube wohl , daß sie gerade Ihnen eine Hauptsache sind , “ sagte Arthur , den Blick fest auf Ulrich gerichtet , „ dennoch wiederhole ich Ihnen , daß sie fallen müssen . Ich werde in meinen Bewilligungen bis an die Grenze des Möglichen gehen ; da aber bleibe ich stehen und thue keinen Schritt darüber hinaus . Was ich gewähre , soll und muß Jeden befriedigen , der ehrliche , lohnende Arbeit sucht . Wen es nicht befriedigt , der sucht [ 157 ] eben etwas Anderes , und mit dem ist keine Einigung zu hoffen . Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort , daß das Nothwendige zur Sicherung der Arbeiter in den Schachten und zur Erhöhung ihres Verdienstes geschehen soll , und fordere nun auch meinerseits von Ihnen das Vertrauen in meine Worte . Ehe wir aber diese Angelegenheit besprechen , müssen Sie auf den zweiten Theil Ihrer Forderungen verzichten . Die Erfüllung ist unmöglich , und ich gehe unter keiner Bedingung darauf ein . “ Er hatte noch immer den ruhigen , geschäftsmäßigen Ton beibehalten , aber dennoch wich die ganze Rede viel zu sehr ab von der sonstigen Art und Weise des jungen Erben , als daß sie Ulrich nicht hätte auffallen sollen . Dieser trauete seinen eigenen Ohren nicht , aber je unerwarteter ihm der Widerstand kam an einer Stelle , wo er mit Sicherheit auf scheues , zaghaftes Ausweichen gerechnet hatte , das die Brücke zur unbedingten Ergebung schlagen sollte , desto mehr reizte ihn der Widerstand , und seine unbändige Natur brach nur zu bald die ungewohnten Schranken . „ Sie sollten das lieber nicht so von sich weisen , Herr Berkow , “ sagte er drohend . „ Wir sind unser Zweitausend und die Werke so gut wie in unserer Hand . Die Zeit ist vorbei , wo wir uns knechten und treten ließen , wie es Ihnen gerade gefiel . Wir fordern jetzt unser Recht , und wenn es uns im Guten nicht wird , dann nehmen wir es uns mit Gewalt ! “ Eine halb zornige , halb angstvolle Bewegung ging durch den Kreis der Beamten . Sie sahen eine Scene herankommen , die bei der bekannten Wildheit Hartmann ’ s mit Gewaltthätigkeiten endigen konnte . Arthur war dunkelroth geworden ; er that einige Schritte vorwärts und stand jetzt dicht vor Ulrich . „ Vor allen Dingen ändern Sie den Ton , Hartmann , in dem Sie mit Ihrem Chef sprechen ! Wenn Sie hier als Abgesandter empfangen sein wollen und als solcher eine Art von Gleichstellung beanspruchen , so benehmen Sie sich auch , wie es bei solchen Verhandlungen Sitte ist , und schleudern Sie uns nicht gleich Drohungen von Gewalt und Empörung in ’ s Antlitz ! Sie verlangen Disciplin von Ihren Leuten , und ich verlange sie von Ihnen . Werfen Sie sich draußen bei Ihren Cameraden zum Herrn auf , wenn es Ihnen sonst beliebt ! So lange ich vor Ihnen stehe , bin ich der Herr dieser Werke und denke es zu bleiben . Richten Sie sich danach ! “ Wäre der Blitz in das Conferenzzimmer niedergefahren , er hätte keine größere Wirkung hervorbringen können , als diese mit vollster Energie und gebieterischem Stolze herausgeschleuderten Worte . Die Beamten wichen zuerst zurück und machten dann Miene , wie zum Schutze , einen Kreis um ihren jungen Chef zu schließen , der sie mit einer ruhigen Handbewegung zurückwies . Die beiden Bergleute blickten wie betäubt auf ihn hin , aber Keinen traf dies jähe Aufflammen so furchtbar , wie Ulrich . Er war leichenblaß geworden . Weit vorgebeugt stand er da , mit bebenden Lippen und weit offenen starren Augen , als könne und wolle er nicht begreifen , was er doch sah und hörte . Dann auf einmal schien ihm sein verhängnißvoller Irrthum über Den klar zu werden , von dem er noch vor wenigen Tagen mit verächtlichem Achselzucken behauptet , er zähle überhaupt nicht , und nun blitzte es furchtbar auf in seinen Zügen . Wie ein gereizter Löwe war er im Begriff sich vorwärts zu stürzen . Aber wie diesen zwang ihn ein furchtbarer Blick , der klar , fest und ruhig dem seinigen begegnete . Arthur war unbeweglich stehen geblieben , nur das Auge hatte er groß und voll aufgeschlagen und mit diesem Auge wies er die hervorbrechende Wildheit gebieterisch in ihre Schranken zurück . Nur einige Secunden lang dauerte dieses Anschauen der Beiden ; dann war es entschieden zwischen ihnen . Langsam löste sich die geballte Rechte Ulrich ’ s ; langsam wich die wilde Drohung aus seinen Zügen , und der Blick sank zu Boden . Er hatte in dem jungen Chef das ihm Ebenbürtige , vielleicht das ihm Ueberlegene erkannt , und – beugte sich ihm . Arthur trat zurück . Seine Stimme klang wieder kalt und ruhig , als er fortfuhr : „ Und nun theilen Sie Ihren Cameraden mit , was ich Ihnen bewilligen kann und was nicht ! Fügen Sie hinzu , daß ich kein Wort von dem Gesagten zurücknehmen werde ! Damit sind wir für jetzt zu Ende . “ „ Wir sind ’ s ! “ Ulrich ’ s Ton klang dumpf , fast erstickt von innerer Leidenschaft . „ So erkläre ich Ihnen denn im Namen der gesammten Knappschaft Ihrer Werke , daß diese Werke von morgen an feiern werden ! “ „ Es ist gut . Ich war darauf vorbereitet . Und nun warne ich Sie noch einmal , Hartmann , vor allen extremen Schritten . Man sagt , Sie übten eine unbedingte Herrschaft über Ihre Cameraden aus . So sorgen Sie auch , daß Ruhe und Ordnung aufrecht erhalten bleibt , und hoffen Sie nicht etwa , mich durch lärmende Scenen einzuschüchtern ! Ich und meine Beamten werden das Aeußerste thun , um jeden Conflict zu vermeiden ; wird er uns dennoch aufgezwungen , so müssen wir Stellung dagegen nehmen , und im äußersten Falle werde ich mein Hausrecht brauchen . Ersparen Sie das mir und sich selber ! “ Ulrich wandte sich zum Gehen ; aber in dem Abschiedsblick mischten sich Haß und Wuth mit noch etwas Anderem , Tieferem , was freilich Niemand ahnte , was aber die Brust des wilden , leidenschaftlichen Mannes wie im Krampfe zusammenzog . Er hatte den „ Weichling “ so lange verachtet und triumphirt in dem Gedanken , daß er auch – anderswo verachtet werden müsse . Wenn er sich dort jetzt auch so zeigte , wie eben hier , dann war es zu Ende mit der Verachtung und dieses große braune Auge , das ihn gezwungen , konnte wohl noch etwas Anderes erzwingen , als Haß und Abneigung . Die fahle Blässe , die das Antlitz des jungen Bergmannes seit jener Zurechtweisung bedeckte , war noch tiefer geworden , als er sich abwandte . „ Wir wollen sehen , wer ’ s am längsten aushält ! Glück auf ! “ Er ging , begleitet von seinen beiden Cameraden , aber man sah es an den Gesichtern der Leute , daß die eben beendigte Scene auf sie ganz anders gewirkt hatte , als auf ihren Führer . Es war ein halb scheuer , halb ehrerbietiger Blick , mit dem sie zu dem jungen Chef zurückblickten , und es lag etwas Zögerndes , Unsicheres in ihrem Wesen , als sie sich entfernten . Arthur hatte ihnen forschend nachgeblickt und wendete sich nun zu den Beamten . „ Da sind schon zwei , die ihm nur mit halbem Herzen folgen ! Ich hoffe , die Mehrzahl kommt zur Besinnung , wenn man ihr Zeit läßt ; für jetzt , meine Herren , müssen wir uns in die Nothwendigkeit ergeben und die Werke feiern lassen . Ich verkenne keineswegs die Gefahr , die uns hier in der Abgeschiedenheit droht von zweitausend aufgeregten Menschen , mit einem Führer wie Hartmann an der Spitze ; aber ich bin entschlossen , ihr Stand zu halten und nicht eher zu weichen , bis Alles entschieden ist . Es hängt natürlich von Ihrem freien Willen ab , ob Sie mir hierin folgen werden . Da Sie fast Alle gegen meine Entscheidung waren , so werde ich Ihnen die Folgen derselben natürlich nicht aufzwingen und bereitwillig Jedem Urlaub ertheilen , der jetzt etwa eine zeitweilige Entfernung von den Werken für nothwendig hält . “ Eine allgemeine entrüstete Verneinung beantwortete diesen Vorschlag . Die sämmtlichen Beamten drängten sich mit einem fast leidenschaftlichen Eifer um ihren jungen Chef , um ihm zu versichern , daß keiner von ihnen von seinem Platze weichen würde ; selbst der schüchterne Herr Wilberg schien auf einmal Löwenmuth gewonnen zu haben ; so energisch stimmte er ein . Arthur athmete tief auf . „ Ich danke Ihnen , meine Herren ! Am Nachmittage wollen wir das Weitere besprechen und uns über die zu nehmenden Maßregeln verständigen ; für jetzt muß ich Sie verlassen . Herr Schäffer , ich erwarte Sie in einer Stunde drüben in meinem Arbeitszimmer – noch einmal meinen Dank Ihnen Allen ! “ Erst als er gegangen war und die Thür sich hinter ihm geschlossen hatte , brachen all die Regungen des Erstaunens , des Beifalls und der Besorgniß hervor , die seine Gegenwart bisher zurückgehalten hatte . „ Mir zittern alle Glieder ! “ sagte Herr Wilberg , indem er sich , ohne an die Gegenwart seiner Vorgesetzten zu denken , auf einen Stuhl niederließ , aber der vorhergehende Auftritt schien alle Etiquettenrücksichten aufgehoben zu haben . „ Gott im Himmel , war das eine Scene ! Ich dachte , der wilde Mensch , der Hartmann , würde sich auf ihn stürzen , aber dieser Blick , diese Art zu reden – wer hätte das in dem Herrn gesucht ! “ „ Er war zu scharf , viel zu scharf ! “ tadelte Schäffer , aber selbst in diesem Tadel und in seinem bedenklichen Kopfschütteln lag ein ganz anderer Ausdruck , als der war , mit dem er vorhin von Arthur gesprochen . „ Er sprach , als hätte er noch immer über Millionen zu gebieten und als wäre der Betrieb der Werke [ 158 ] nicht eine Lebensfrage für ihn . Sein Vater hätte trotz seines Hochmuthes hier unbedingt nachgegeben , denn es wäre geschäftlich seine einzige Rettung gewesen , und Rücksichten auf seine Stellung und Würde kannte er nicht . Der Sohn scheint freilich anders geartet , aber diese Sprache , die noch vor einem Jahre am Platz gewesen wäre , ist es jetzt nicht mehr . Er hätte vorsichtiger , unbestimmter in seinen Ausdrücken sein müssen , damit ihm die Möglichkeit eines Rückzuges offen geblieben wäre , für den Fall , daß – “ „ Zum Kukuk mit Ihren Rücksichten und Bedenklichkeiten ! “ fiel der Oberingenieur heftig ein . „ Entschuldigen Sie , Herr Schäffer , daß ich grob werde , aber man sieht es , daß Ihre Thätigkeit nur in den Bureaux lag , und Sie niemals Arbeitermassen geleitet haben . Gerade das Richtige hat er getroffen , imponirt hat er ihnen , und das ist in solchem Falle Alles . Ein gütliches Zureden hätte ihnen für Schwäche , eine vornehme Ruhe für Hochmuth gegolten . Ihre eigene Sprache des Entweder – Oder muß man mit ihnen reden , und unser Herr versteht es wie Keiner ; das haben Sie an Hartmann gesehen . “ „ Ich fürchte nur , er unterschätzt trotz alledem den Kampf , der uns bevorsteht , “ sagte der Director ernst . „ Unsere Leute allein hätten sich mit diesen Zugeständnissen zufrieden gegeben , mit diesem Führer an der Spitze thun sie es nicht . Er wird keinen Ausgleich zulassen , und sie folgen ihm blindlings . Aber der Herr hat Recht , er ist bis an die Grenze des Möglichen gegangen , weiter gehen hieße , sich selbst , seine Stellung und uns Alle preisgeben ! “ Sie sprachen jetzt auf einmal Alle von ‚ dem Herrn ‘ , als ob sich das von selbst verstände . In einer einzigen Stunde hatte sich Arthur den Titel erobert ; jetzt schien gar keine andere Bezeichnung für den jungen Chef zu existiren . Er mußte sich doch wohl als Herr gezeigt haben . – Die drei Abgesandten hatten das Haus verlassen und schritten nach den Werken hinüber . Ulrich sprach kein Wort , aber Lorenz sagte halblaut : „ Du meintest neulich , wenn uns Einer zu rechter Zeit die Zähne wiese und zu rechter Zeit gute Worte gäbe , dann – höre Ulrich , ich glaube , der da oben versteht ’ s ! “ Ulrich antwortete nicht , er warf einen Blick nach den Fenstern hinauf , und es lagerte auf seiner Stirn wie eine Wetterwolke . „ Das also war hinter den Augen , die immer so schläfrig aussahen , als taugten sie zu nichts auf der Welt als zum Schlafen ! “ murmelte er zwischen den zusammengebissenen Zähnen . ‚ So lange ich hier stehe , bin ich der Herr dieser Werke ! ‘ Ich glaube wahrhaftig , er hat das Zeug dazu ! “ Sie begegneten jetzt einer Gruppe von Bergleuten , speciell Ulrich ’ s Leuten , die nicht mit angefahren waren und die drei Abgesandten mit stürmischen Fragen umringten . „ Laßt ’ s Euch von Ulrich erzählen ! “ meinte Lorenz trocken . „ Ich glaube , wir sind da an den Unrechten gekommen ; er denkt nicht an Nachgeben . “ „ Nicht ? “ Die Bergleute schienen sämmtlich enttäuscht . Sie hatten wohl auf einen andern Bescheid gerechnet . Es wurden einzelne Rufe und Drohungen gegen den jungen Chef laut , dessen Name dabei mehrere Male mit offenbarer Verachtung genannt wurde . „ Schweigt still ! “ herrschte ihnen Ulrich zu . „ Ihr kennt ihn nicht , so wie wir ihn eben sahen . Ich glaubte , wir würden leichtes Spiel haben , nun der Vater aus dem Wege ist . In dem Sohne haben wir uns Alle geirrt . Der hat etwas , was kein Mensch dem Weichling zugetraut , einen Willen ! Ich sage Euch , der wird uns noch zu schaffen machen ! “ [ 171 ] Es war noch ziemlich früh am Vormittage , noch dufteten und funkelten Berge und Wälder in der thauigen Frische des Frühlingsmorgens , als Eugenie Berkow allein , ohne jede Begleitung , den Waldweg entlang ritt . Sie war eine vorzügliche Reiterin und liebte dies Vergnügen leidenschaftlich , und dennoch hatte sie sich ihm hier auf dem Lande weit seltener als sonst hingegeben . Anfangs verbot das Wetter jeden Ausflug in ’ s Freie , später fehlte ihr die Lust dazu , der Hauptgrund aber war wohl der , daß ihr schönes Reitpferd ein Geschenk ihres Gemahls noch aus seiner Bräutigamszeit her war , und daß sie nun einmal gewohnt war , ihre Abneigung gegen den Geber auf Alles zu übertragen , was direct von ihm kam . Nur mit Widerwillen hatte sie bei der Trauung die kostbaren Diamanten ihres Brautschmuckes angelegt , die seitdem nicht wieder ihre Etuis verließen ; nur halb gezwungen bewegte sie sich in der verschwenderischen Pracht , die sie seit ihrer Vermählung umgab , und auch das herrliche Thier , das eine fabelhafte Summe gekostet hatte , und das , als sie das erste Mal an der Seite ihres Verlobten darauf erschien , die Bewunderung der ganzen Residenz herausforderte , wurde von seiner Herrin auffallend vernachlässigt und gänzlich der Sorge der Dienerschaft überlassen . Um so überraschter war diese daher , als die gnädige Frau heute Morgen befahl , Afra zu einem Spazierritte zu satteln , und den Diener , der sich fertig machte , sie wie gewöhnlich zu begleiten , bedeutete , daß sie diesmal allein reiten wolle . Ihrem Befehl wurde natürlich , wenn auch mit einiger Befremdung , Folge geleistet , und sie ritt wirklich ohne alle Begleitung fort . Arthur wußte selbstverständlich nichts davon , sie bekam ihn jetzt womöglich noch seltener als sonst zu Gesichte , da er sich häufig auch bei Tische entschuldigen ließ , und das Leben der beiden Gatten war ja überhaupt ein so getrenntes , daß nur in den seltensten Fällen der Eine wußte , was der Andere an diesem oder jenem Tage vornahm . Eugenie ritt in raschem Trabe durch den Wald , ohne irgend einem menschlichen Wesen zu begegnen , es war in der That sehr einsam hier , und diese Einsamkeit , die Frische und Schönheit des Morgens verfehlten keineswegs ihren belebenden Einfluß auf die junge Frau , die mehrere Tage lang nicht über den Umkreis des Parkes hinausgekommen war . Die Werke feierten , und eine unheimliche Ruhe und Stille lag über der ganzen , sonst so rastlos thätigen Colonie ; desto lebhafter ging es dagegen in dem Arbeitszimmer des jungen Chefs zu , das dieser kaum mehr verließ . Die Beamten kamen und gingen ; Conferenzen wurden gehalten , Bücher und Papiere geprüft ; Schäffer war fortwährend auf dem Wege zwischen der Residenz und den Gütern ; dabei flogen Briefe und Depeschen hin und her , aber diese ganz angestrengte Thätigkeit hatte ein so ernstes , so düsteres Gepräge , als schwebe irgend ein Unheil in der Luft , dem man zuvorkommen oder gegen das man sich wenigstens rüsten wollte . Eugenie wußte allerdings , daß eine Differenz mit den Arbeitern bestand . Arthur selbst hatte es ihr mitgetheilt und hinzugefügt , daß die Sache von gar keiner Bedeutung sei und in Kurzem beigelegt sein werde . Sehr ruhig , sehr kühl hatte er ihr das gesagt und sie nur gebeten , auf ihren etwaigen Spazierfahrten möglichst die Dörfer zu vermeiden , in denen die Bergleute wohnten , da für den Augenblick doch eine etwas gereizte Stimmung herrsche . Die Beamten mußten jedenfalls Winke erhalten haben , die gnädige Frau nicht zu beunruhigen , denn Eugeniens Versuche , von dieser Seite irgend etwas Näheres zu erfahren , scheiterten an höflichem Ausweichen oder beruhigenden Versicherungen . Sie hatten ihr gesagt , daß durchaus nichts zu besorgen , daß die Sache überhaupt von gar keiner Tragweite sei und der Ausgleich jeden Tag zu erwarten stände , – und doch fühlte Eugenie deutlich die geleugnete Gefahr , wie sie die Veränderung fühlte , die seit dem Tode des alten Berkow mit ihrem Gatten vorgegangen war , obgleich er gerade ihr gegenüber sein Benehmen nicht geändert hatte . Die junge Frau war eine zu furchtlose , zu stolze Natur , um dies Ausschließen , diese sichtbare Schonung nicht als eine Art von Beleidigung zu empfinden . Freilich , sie hatte kein Recht auf Offenheit , auf Theilnahme an den Sorgen und vielleicht Gefahren ihres Mannes ; was andere Frauen beanspruchen durften , lag ihr unendlich fern . Wenn das Trennungswort bereits ausgesprochen ist und man nur noch „ anstandshalber “ einige Monate mit einander aushält , um der Welt möglichst wenig Stoff zum Gerede zu geben , so ist man ja auch den gegenseitigen Interessen fremd . Das sah sie ein , und hätte sie es nicht eingesehen , so würde Arthur es ihr fühlbar gemacht haben , der sich in dem Maße , wie er sich täglich kräftiger aus seiner früheren Trägheit aufraffte und sich energischer in die angestrengteste Thätigkeit warf , immer fremder und kälter von ihr zurückzog ; sie dankte es ihm wahrlich , daß er ihr das Peinliche des bevorstehenden Schrittes dadurch zu erleichtern suchte , daß er sie jetzt schon als eine völlig Fremde behandelte . Eugenie verhehlte sich nicht , daß der Tod Berkow ’ s ein [ 172 ] großes Hinderniß ihrer Wünsche aus dem Wege geräumt hatte . Er hätte schwerlich je in die Aufhebung einer Verbindung gewilligt , die sein Ehrgeiz so sehr erstrebt und die er theuer genug erkauft hatte . Sein Sohn dachte anders darin . Ihm war jene Verbindung ebenso gleichgültig , wie die Gemahlin , die er sich in seiner ehemaligen passiven Nachgiebigkeit hatte aufzwingen lassen . Er hatte ihr freiwillig die Trennung zugestanden , noch ehe sie selbst einen Versuch gemacht , dieselbe von ihm zu erreichen , und ein Schritt , der fast überall so unendlich viel Kämpfe , Thränen und Bitterkeiten kostet , der nicht selten alle Leidenschaften des Menschenherzens in ihrer ganzen Tiefe aufwühlt , vollzog sich hier so ruhig und leidenschaftslos , in einem so vollkommenen gegenseitigen Einverständniß , und mit einer solchen Kälte , Höflichkeit und Herzlosigkeit , daß es wirklich ganz bewundernswerth war . Afra bäumte sich plötzlich in die Höhe . Das Thier war nicht gewohnt , mit der Reitgerte angetrieben zu werden , und noch dazu so heftig , als es eben geschah ; es hatte überhaupt heute viel von der Ungeduld seiner Herrin zu leiden , und wäre diese nicht eine so vollendete Meisterin in der Reitkunst gewesen , das feurige , leicht gereizte Pferd würde ihr Mühe genug gemacht haben . So zügelte sie es nach kurzer Anstrengung , aber die feinen Augenbrauen der jungen Frau blieben zusammengezogen und die Lippen fest aufeinandergepreßt , wie in innerem Zorne , ob über den Widerstand Afra ’ s oder über den Mangel an Widerstand von einer anderen Seite , das ließ sich nicht entscheiden . Sie hatte inzwischen den Pachthof erreicht , der eine halbe Stunde entfernt im Thale lag , und nun ging es bergaufwärts , freilich nicht den steilen Fußpfad hinauf , den sie damals mit Arthur hinabstieg und der reitend überhaupt nicht zu passiren war ; nicht weit davon führte ein Fahrweg in langen , aber bequemen Windungen auf die ohnehin nur mäßige Höhe . Dennoch ertrug ihr Pferd , des Bergaufsteigens ungewohnt , nur unwillig die Anstrengung , und sie mußte , oben angelangt , Halt machen , um ihm die nöthige Erholung zu gönnen . Jetzt freilich waren die Nebelschleier verschwunden , die damals über dem Gebirge flatterten , und der helle Sonnenschein floß so leuchtend warm auf die Erde nieder , als habe es nie eine Zeit gegeben , wo sich Regen und Sturm hier um die Herrschaft stritten und die Landschaft ringsum einem grauen , gestaltlosen Nebelbilde glich . Noch lagen die Thäler duftig blau im kühlen Morgenschatten . Desto klarer standen die Berge da , all die zahllosen Kuppen , von denen eine die andere überragte , eine die andere zurückdrängte , nur ein einziges grünes Waldmeer , bis hin zu den fernen blauen Höhenzügen . Die dunklen Tannen hatten sich geschmückt mit lichtem , frischem Grün , und drinnen auf dem Waldboden , draußen auf dem felsigen Grunde , zwischen Wurzeln und Gestein , wo nur eine Ranke Platz finden oder ein Pflänzchen Wurzel fassen konnte , da blühte und duftete es auch in tausend Formen und Farben . Und dazu schäumten die Bäche in ’ s Thal hinab , und die Quellen rieselten , und darüber wölbte sich ein wolkenloser tiefblauer Frühlingshimmel . Das Alles war so goldig klar , so frei und groß , als müsse in diesem neu erwachten Leben der Natur nun auch jede Wunde heilen , jede Kette brechen , als könne nichts dort athmen , was nicht der Freiheit , dem Glücke verwandt war . Und doch war der Blick der jungen Frau so seltsam ernst ; ihre Züge waren so schmerzlich gespannt , als läge für sie eine verborgene Qual in all dieser Schönheit ringsum . Sie hätte doch aufathmen müssen bei dem Gedanken an die auch ihr verheißene Freiheit , die ihr zu Theil werden sollte , noch ehe der nächste Frühling die Erde wieder grüßte . Warum konnte sie es denn nicht , warum zuckte bei dieser Vorstellung eine Empfindung durch ihre Seele , die selbst dem Schmerze verwandt war ? Wirkte vielleicht die Pein jener Stunde noch nach , in welcher zuerst das Trennungswort gesprochen und angenommen wurde ? Sie sehnte sich ja so heiß nach dieser Trennung , nach der Rückkehr zu den Ihrigen ; sie litt so schwer unter den Ketten , die sie kaum mehr ertragen konnte ; seit jenem Beisammensein hier oben konnte sie es nicht mehr ! Bis dahin war sie fest und sicher gewesen in ihrer Aufopferung für den Vater , in der Resignation des aufgezwungenen Schicksals , im Haß gegen die , welche es ihr aufgezwungen , aber mit jener Stunde schien sich die ganze Natur ihrer Empfindungen geändert zu haben . Mit ihr hatte der geheime Widerstreit in ihrem Innern begonnen , der Kampf gegen ein Etwas , das dunkel und unausgesprochen im tiefsten Grunde ihrer Seele lag , und das sie nicht Herr über sich werden lassen wollte , um keinen Preis , und doch hatte nur dies Etwas sie heute Morgen hinausgetrieben und sie fast wider ihren Willen fortgezogen bis an diesen Ort , und doch war es allein schuld daran , daß die Tochter des Baron Windeg die Etiquette soweit vergaß , den Diener zurückzulassen , der sie sonst immer auf ihren Ausflügen begleitete . Sie konnte und mochte heut ’ keinen Zeugen haben – und es war gut , daß sie keinen hatte , denn als sie einsam droben auf der Höhe hielt , da überkam es sie mitten in all der sonnigen Frühlingspracht wie eine leise Sehnsucht nach dem geheimnißvollen Reiz jener Stunde , wo Nebel und Wolken um sie her wogten , wo die Tannenwipfel über ihnen rauschten und der Sturm in den Schluchten und Thälern brauste , wo jene großen braunen Augen , die sich zum ersten Mal entschleiert zeigten , ihr auch die erste Ahnung davon gaben , daß aus diesem Mann vielleicht viel , vielleicht Alles hätte werden können , wenn er geliebt worden wäre und geliebt hätte , ehe die Hand des eigenen Vaters ihn in den Strudel riß , in dem schon so manche Kraft zu Grunde gegangen ist . Und mit dieser Erinnerung wachte etwas auf , was Eugenie Windeg nie gekannt hatte und was erst der Gattin Berkow ’ s zu lernen aufbehalten war , ein Weh , viel ruhiger , aber auch viel tiefer als Alles , was sie bisher erlitten , und sie legte die Hand über die Augen , aus denen ein heißer Thränenstrom unaufhaltsam hervorstürzte . „ Gnädige Frau ! “ Eugenie fuhr zusammen und zugleich machte Afra , erschreckt durch die fremde Stimme , einen Sprung seitwärts , aber in demselben Augenblick hatte auch schon eine kräftige Hand den Zügel ergriffen und zwang das Thier zur Ruhe . Ulrich Hartmann stand dicht neben demselben . „ Ich wußte nicht , daß das Pferd so schreckhaft ist , aber ich hatte es auch schnell genug am Zügel ! “ sagte er im Tone der Entschuldigung , während ein Blick halb der Besorgniß und halb der Bewunderung über die junge Reiterin hinglitt , die trotz der Ueberraschung fest im Sattel geblieben war Eugenie fuhr rasch mit der Hand über das Antlitz , um die Thränenspuren schnell zu verwischen , freilich zu spät ; ihr Weinen mußte nothwendig gesehen worden sein , und der Gedanke daran jagte eine tiefe Röthe auf ihre Wangen und gab ihrer Stimme einen Ausdruck von Unwillen , als sie rasch und etwas befehlend sagte : „ Lassen Sie den Zügel los ! “ Afra ist nicht gewohnt , von Unbekannten gehalten zu werden , und scheut leicht bei jeder fremden Berührung . Sie bringen mich und sich in Gefahr mit Ihrer Nähe ! “ Ulrich gehorchte und trat zurück . Eugenie legte mit schmeichelnder Liebkosung ihre Hand auf den Hals des Thieres , das in der That nur schnaubend und ungeduldig die fremde Hand am Zügel ertragen hatte , deren Macht es gleichwohl im ersten Moment erkannte . Allein Afra ließ sich durch die Liebkosung der Herrin in wenigen Secunden beruhigen . Während dessen hingen Hartmann ’ s Blicke unverwandt an der jungen Frau , die sich freilich zu Pferde so vortheilhaft ausnahm , wie nur wenige ihres Geschlechts . Das dunkle Reitkleid , das Hütchen mit dem Schleier auf den blonden Flechten und über dem schönen , noch vom Weinen gerötheten Antlitz , die leichte und sichere Haltung , die sie trotz der Unruhe Afra ’ s keinen Augenblick verlor , zeigten das Ebenmaß der hohen schlanken Gestalt im vollsten Lichte . Die ganze Erscheinung , wie sie , vom hellen Sonnenlicht umflossen , auf dem Rücken des schönen Thieres saß , war ein vollendetes Bild von Kraft und Anmuth . „ Sie waren hier oben , Hartmann ? “ fragte Eugenie , in der leisen Hoffnung , er könne die Höhe erst im Moment seiner Anrede erreicht und ihre Thränen nicht gesehen haben . „ Ich bemerkte Sie vorhin nicht . “ „ Ich stand dort drüben ! “ Er deutete nach dem Ausgange des Waldes hinüber , den sie allerdings nicht beachtet hatte . „ Ich sah Sie heraufreiten und blieb , um auf Sie zu warten . “ Die junge Frau , die im Begriff war , an ihm vorüber in den