nehmen , die ihnen seit Monaten ein Bedürfniß geworden ist , wie diese tägliche Messe in der Wallfahrtskirche . “ „ Vorgeschrieben ist sie aber keineswegs ! “ wandte der alte Pfarrer schüchtern ein . Ich selbst – nun freilich , meine Kräfte hätten schon längst nicht mehr ausgereicht zu solchen täglichen Strapazen , ich mußte sie für die nothwendigen Gänge zu Kranken und Sterbenden schonen – ich selbst habe nur an Wallfahrtstagen dort Gottesdienst gehalten . “ Es ist aber eine unendliche Erleichterung für die Bewohner all der einzelnen und zerstreuten Gehöfte , wenn sie nicht jedesmal den beschwerlichen Weg bis N. zu machen brauchen . Sie sparen Zeit und Kräfte , die ihnen beide für die Arbeit so nothwendig sind , und ich habe Muße genug , zumal jetzt , wo “ – hier zuckte ein bitterer Ausdruck um seine Lippen – „ wo mir das Predigen untersagt ist und ich höchstens noch die Ceremonien ausüben darf . Ueberdies gehe ich ja morgen den Gang zum letzten Male . “ Der Pfarrer blickte wie erschreckt auf . „ Zum letzten Male ? “ „ Nun , Sie wissen doch , daß ich nach dem Stifte zurückberufen bin ? “ „ Aber hoffentlich nur auf einige Tage . “ Benedict schüttelte finster das Haupt . „ Man wird mich schwerlich zurückkehren lassen , ich kenne den Prälaten ! Das geringe Maß von Freiheit , welches dies Amt mir ließ , hat sich doch noch als zu groß erwiesen ; er wird nicht säumen , es mir zu entziehen . “ „ Sie meinen Ihre Predigt am letzten Kirchentage ? Herr Bruder , Herr Bruder ! “ Die Stimme des Greises zitterte , aber er brach ab , als er das Stirnrunzeln des jungen Priesters gewahrte . „ Nun , ich mag Sie nicht auch noch damit quälen ; aber ich kann mich im tiefsten Innern der Angst nicht erwehren . Bleiben Sie hier , Benedict ! Schützen Sie Krankheit vor , oder suchen Sie die Rückkehr unter irgend einem andern Vorwande hinauszuschieben ; es ist nichts Gutes , was man im Stifte gegen Sie braut ! Hier sind sie sicher , die Gemeinde hängt mit Begeisterung an Ihnen und würde Sie nöthigenfalls vertheidigen ; in unserer Mitte wird man es nicht wagen , Sie anzugreifen . “ „ Ich gehe ! “ erklärte Benedict entschieden . „ Aber man hegte schon längst Mißtrauen gegen Sie , “ fuhr Jener dringender fort . „ Unser Schullehrer – ich mag dem Manne nichts Uebles nachreden , da ich keine Beweise habe ; aber es hat mir nie gefallen , daß er sich gleich vom ersten Tage an mit so auffallender Dienstbeflissenheit an Sie drängte . Sie waren nie vorsichtig genug mit Ihren Büchern , Ihren Schreibereien ; ich fürchte , sie sind mehr als einmal untersucht worden . War doch auch mir befohlen – “ er stockte und sah verlegen zu Boden . „ Hat man auch Sie zum Spion erniedrigen wollen ? “ fragte der junge Priester bitter . „ Ein trauriges Amt , zumal wenn es gegen den Gast geübt wird , der seit Monaten unter dem Dache des Hauses schläft ! “ „ Was ich berichte , schadet Ihnen nichts , Herr Bruder , “ entgegnete der Greis sanft . „ Mögen sie mich immerhin im Stifte einen alten Schwachkopf nennen , der nicht sieht und hört , was um ihn her vorgeht , ich will das lieber ertragen , als Sie mit einem unvorsichtigen Worte in Gefahr stürzen . “ Benedict antwortete nicht , er streckte ihm nur stumm die Hand entgegen . „ Nicht wahr , Sie bleiben ? “ hob der Pfarrer nach einer kurzen Pause wieder bittend an . „ Ich kann nicht ! Glauben Sie nicht , daß ich der Milde des Prälaten allzusehr vertraue . Ich weiß , was mich erwartet , oder ahne es wenigstens , aber um Ihren Rath zu befolgen , müßte mir mehr am Leben liegen . Ich versichere Ihnen , es ist mir sehr , sehr gleichgültig , ich mag auch nicht einmal die Hand rühren , um es zu retten ! “ Sie hatten inzwischen das Crucifix erreicht , das am Rande des Plateaus stand , gerade dort , wo der Weg nach der Wallfahrtskirche sich abneigte , die beiden Geistlichen blieben stehen . „ So sollten Sie nicht sprechen , Herr Bruder , “ sagte der Pfarrer mit sanftem Vorwurf , „ Sie sind noch so jung ! “ „ Und Sie sind schon so alt , Hochwürden ! “ in Benedict ’ s Stimme klang ein leiser Hohn , „ und hängen immer noch an diesem Dasein , das für Sie doch wahrlich entsagungsvoll genug gewesen ist ? Was haben Sie denn erreicht mit dieser elenden [ 136 ] Pfarre hier oben , die Sie eben nur vor dem Hunger schützt , die Sie seit zwanzig Jahren von Welt und Menschheit abschneidet , und Sie nur Scenen der Armuth und des Elendes schauen läßt ? Darum mit dem Leben gebrochen , die Zukunft verschüttet , das Glück abgeschworen – der Tausch ist doch zu ungleich ! “ Die hellen milden Augen des Greises begegneten ruhig dem düster flammenden Blick seines jungen Mitbruders . „ Darnach habe ich nie gefragt ! “ sagte er einfach . „ Ich habe es als eine mir zugewiesene Pflicht genommen , und mich redlich bemüht , sie zu erfüllen . Leicht freilich ist sie mir nicht immer geworden . Ich habe schlimme Zeiten hier oben durchlebt ; es hat Tage und Wochen gegeben , wo ich mit meinen armen Dörflern gedarbt habe , weil ich ’ s nicht über ’ s Herz bringen konnte , mit Härte meine schmalen Einkünfte einzutreiben , die sie beim besten Willen nicht schaffen konnten , und noch schwerer ist ’ s mir oft geworden , wenn ich nur geistlichen Trost spenden konnte , wo ich so gern mit der That geholfen hätte , und wo die Hülfe so nothwendig gewesen wäre . Wie der Herr will ! Ich bin nun über die Siebenzig hinaus , lange kann es ja doch nicht mehr währen , bis ich mein Haupt zur Ruhe lege . Hat mir das Leben auch nicht viel Gutes gegönnt , ich nehme doch die Ueberzeugung mit , daß ich mich auf meinem geringen Acker redlich gemüht habe ; Gott weiß es – ich war ja wohl keines besseren werth ! “ Es lag eine rührende Resignation in den einfachen Worten , Benedict blickte schweigend auf das greise , müde Leben , das sich so still und geduldig dem Grabe zuneigte , so ohne alles Murren und Klagen auf das Loos zurückblickte , das ihm gefallen war ; aber für den jungen Priester war diese stille Ergebung nur ein Stachel mehr , er hatte noch den ganzen Trotz der Jugend , die wohl unterzugehen , aber nicht zu entsagen versteht , und er war im Begriff eine leidenschaftliche Antwort zu geben , als in ihrer Nähe Schritte ertönten ; vom Dorfe her kamen zwei Freunde , gleichfalls in ihre Mäntel gehüllt , auf sie zu . Die Erscheinung Fremder war hier etwas so Ungewöhnliches , daß die beiden Geistlichen ihr Gespräch unterbrachen und ihnen überrascht entgegenblickten . Benedict schien sie zu erkennen , und sofort verschwand die kurze Offenheit , die er dem Pfarrer gegenüber gezeigt hatte , um der alten Verschlossenheit Platz zu machen , als er den Ankommenden entgegenging und den Aelteren von Beiden artig , aber eisig begrüßte . „ Herr Graf Rhaneck , Sie hier ? “ Der Graf bot ihm die Hand und wandte sich dann an den Pfarrer . „ Verzeihen Sie , Hochwürden , mein Hiersein gilt nur Ihrem Caplan , den ich dringend zu sprechen wünschte . Man sagte uns im Pfarrhause , daß er soeben fortgegangen sei , und daß wir ihn noch einholen würden . “ Der Greis verneigte sich höflich vor den beiden vornehmen Herren , die Benedict ihm nannte . „ Wollen der Herr Graf nicht mit uns umkehren ? Der Ort und das Wetter ist wenig geeignet zu einer Unterredung im Freien . “ „ Ich danke ! “ unterbrach ihn Rhaneck schnell . „ Unser Gespräch wird nur kurz sein ; überdies ist Pater Benedict , wie ich höre , auf einem Amtswege begriffen , ich möchte nicht die Schuld einer Verspätung auf mich nehmen . “ Der Pfarrer mochte wohl an dem Wesen des Fremden sehen , daß es sich hier um eine Unterredung von Wichtigkeit handelte , er verabschiedete sich daher , indem er die Hoffnung aussprach , die Herren würden ihm bei der Rückkehr die Ehre erweisen , noch auf einige Minuten in ’ s Pfarrhaus zu treten . Der Graf sagte zerstreut zu , er wartete mit offenbarer Ungeduld , bis der Geistliche außer Gehörweite war , und wandte sich dann rasch zu Benedict . „ Wir suchten Dich , Bruno ! Wie Du siehst , hat Ottfried mich begleitet . Ihr seid im Grolle geschieden und schuldet einander noch die Aussöhnung , die ich von Euch verlangte . Was Ihr damals in der Hitze des Streites verweigertet , werdet Ihr mir jetzt gewähren . Ottfried bietet Dir die Hand zur Versöhnung , Du wirst sie annehmen . “ Die Worte waren milde , aber doch im Tone eines unbedingten Befehls gesprochen . Ottfried ’ s Antlitz verrieth deutlich genug , daß sein Entgegenkommen ein erzwungenes war , dennoch streckte er gehorsam die Hand aus , Benedict rührte sich nicht . „ Nun ? “ fragte der Graf noch ruhig , aber doch in schärferem Tone . Der junge Priester trat zurück . „ Ich bitte , ersparen Sie dem Grafen und mir eine Ceremonie , die uns Beiden gleich peinlich ist und in unserer gegenseitigen Stellung nicht das Geringste ändert ! “ entgegnete er kalt . Ottfried ließ wie erleichtert die Hand wieder sinken , aber trotzdem schoß ein Blick tiefen Hasses aus seinem Auge auf den „ Bedientensohn “ , der es wagte , sein Entgegenkommen in dieser Weise abzulehnen . Das Auge Rhaneck ’ s glitt langsam von Einem zum Anderen . Man konnte nicht Verschiedeneres sehen , als diese Beiden , wie sie so nebeneinander standen . Der junge Graf mit dem blonden Haar , den hellen Augen und den matten , leblosen Zügen , die , so deutlich sie auch seine Rhaneck ’ sche Abstammung bekundeten , so sehr sie denen des Vaters glichen , doch nicht das Geringste von jenem charakteristischen Ausdruck zeigten , der dem stolzen Geschlecht eigen war , und das bleiche , energisch gezeichnete Antlitz des jungen Priesters mit dem schwarzen Lockenhaar und den tiefdunklen Augen . Nicht in einem Zuge , nicht in einer Linie glichen sie sich und doch hatten sie Eins gemeinsam , die hohe schlanke Gestalt , die eigenthümlich stolze Wendung des Kopfes , den Gang und die Haltung . Die Aehnlichkeit trat heute , wo auch Ottfried einen dunklen Mantel trug , auffallender als je hervor ; von ferne gesehen hätte man sie mit einander verwechseln können . Auch dem Grafen schien sich diese Wahrnehmung aufzudrängen , sein Blick lag schwer und düster auf den beiden jungen Männern und blieb zuletzt auf dem Aeltesten haften . „ Diesmal bist Du es , Bruno , der den alten , unheilvollen Riß noch erweitern will ! “ sagte er vorwurfsvoll . „ Sei ’ s darum ! in einer Stunde wirst Du anders denken , Du wirst dann selbst die Hand zur Versöhnung bieten , ich weiß es . Laß uns allein , Ottfried ! “ Der junge Graf gehorchte , aber der alte Groll wallte wieder heiß in ihm auf , als er sich zurückzog . Die Vorgänge der letzten Zeit waren ihm nicht verborgen geblieben und er errieth nur zu gut , was der Vater mit dieser plötzlichen Fahrt in ’ s Gebirge beabsichtigte . Er wollte seinen Schützling warnen , ihn retten vielleicht vor dem drohenden Zorne des Bruders , aber weshalb er dabei den Sohn mit sich nahm , weshalb er auf einmal so hartnäckig auf einer Aussöhnung bestand , nachdem Monden seit jenem Streite vergangen waren , das wußte sich Ottfried nicht zu erklären . Gereizt , wie er schon war , verletzte es ihn noch tiefer , daß der Graf ihn so ohne Weiteres fortschickte , weil er mit Pater Benedict zu reden hatte , verletzte es ihn um so mehr , als er sich sagen mußte , daß diesem gegenüber eine gleiche Rücksichtslosigkeit nie stattgefunden hätte . Freilich , dieser Mönch durfte sich ja Alles erlauben , er bewies es eben wieder auf ’ s Neue , wo er dem Befehl seines hohen Gönners so entschieden den Gehorsam versagte , und der Graf , der bei dem eignen Sohne so energisch jede Regung des Ungehorsams zu unterdrücken wußte , schien diesem Trotz gegenüber machtlos . Das räthselhafte Verhältniß , in welchem sie Beide zu einander standen und das Ottfried schon seit jener Begegnung im Walde beschäftigte , trat ihm jetzt auf ’ s Neue vor Augen , aber er fand heute so wenig eine Erklärung dafür wie damals . Rhaneck befand sich jetzt allein mit Benedict , der ihm gegenüberstand wie gewöhnlich , stumm , finster und ohne die geringste Empfindung für den augenscheinlichen Beweis der Theilnahme , den sein Beschützer ihm mit diesem Erscheinen hier wiederum gab . „ Bruno , um Gotteswillen , was hast Du gethan ! “ Der Gefragte hob mit kaltem Trotze das Haupt . „ Was ich gethan habe , werde ich zu vertreten wissen ! Jedenfalls steht nur meinem Abte das Recht zu , Rechenschaft darüber zu fordern – ihm werde ich sie geben , sonst Keinem ! “ In dem Antlitz des Grafen kämpfte der ansteigende Zorn über die schroffe Antwort mit einer anderen schmerzlicheren Empfindung . „ Das also ist der Dank für all meine Sorge und Angst um Dich ! “ sagte er bitter . „ Dein Vertrauen habe ich freilich nie besessen , seit einiger Zeit aber scheinst Du Dich förmlich feindselig von mir abzuwenden . “ Benedict senkte das Auge , der Vorwurf rief wieder jenes Gefühl der Beschämung in ihm wach , das immer und immer mit der geheimen Abneigung kämpfte , deren er sich nun einmal nicht erwehren konnte , dem Manne gegenüber , dem er doch so Vieles dankte . [ 149 ] „ Ich habe Ihnen schon einmal bekannt , Herr Graf , daß ich Ihrer Güte nur Undank entgegen setze , “ erwiderte Bruno leise . „ Verzeihen Sie mir und – geben Sie mich auf ! “ Bei der geringsten Nachgiebigkeit von Seiten seines Schützlings verschwand sofort aller Zorn aus dem Wesen des Grafen . „ Dich aufgeben ! Also weißt Du wenigstens , daß Du in Gefahr schwebst ! Bruno , wie konntest Du diese unselige Predigt wagen ! Du mußtest doch wissen , mußtest doch berechnen , welche Folgen sie auf Dein Haupt herabzieht . “ Der junge Priester hob düster das Auge wieder empor . „ Wenn ich überhaupt berechnet hätte , so wäre das Ganze unterblieben . Ich bin doch noch Mönch genug , den Gehorsam zu halten , den ich meinen Oberen gelobt habe , und ich weiß , daß jene Rede furchtbar dagegen stritt . Aber als ich mich inmitten all der versammelten Wallfahrer sah , die sich in blinder Andacht vor mir neigten , als ich denken mußte , daß vielleicht Hunderte von ihnen ihre Kinder einst in dieselben Fesseln zwingen , die jetzt mich zu Boden drücken , da übermannte es mich mit unwiderstehlicher Gewalt und riß mich fort wider meinen Willen , ich konnte die Worte nicht mehr zügeln – erst als ich von der Kanzel zurücktrat , kam mir zum Bewußtsein , was ich eigentlich gesprochen . “ Rhaneck schüttelte das Haupt . „ Das Unglück ist der Ort , wo Du es gesprochen . Wäre es hier in N. geschehen , vor der kleinen Pfarrgemeinde , die Sache ließe sich vielleicht noch ausgleichen , aber vor dem zusammengeströmten Volke , vor den Tausenden von Wallfahrern , die jedes Deiner Worte bis in die fernsten Punkte des Gebirges tragen – das verzeiht Dir mein Bruder nie ! “ „ Ich weiß es ! “ „ Warum hast Du mir nicht bekannt , daß Du den Stand hassest , dem ich Dich weihte ? “ fragte der Graf gepreßt . „ Ich hätte Dich nicht gezwungen , beim Himmel , ich hätte es nicht gethan , trotz alles Drängens meines Bruders ! Aber ich glaubte Dich ja im vollsten Einklange mit Dir selbst und mit Deiner Zukunft . “ Benedict lächelte bitter . „ Hätte ich am Tage der Priesterweihe empfunden , wie ich jetzt empfinde , keine Macht der Erde hätte mich in dies Gewand gezwungen . Sie vergessen , daß ich im Priesterseminar erzogen bin , wo alles Wollen und Können immer nur blind in die eine Richtung geleitet wird , wo keine Minute unbewacht und keine unbenutzt bleibt . Erst im Kloster fand ich Zeit zum Denken , fand ich mitten unter all dem äußeren Zwange Freiheit genug , mir selbst zu leben , und da erst kam das Erwachen – zu spät ! “ Mit einem schweren Seufzer schien sich Rhaneck von dem peinigenden Gedanken losreißen zu wollen . „ Wir wollen nicht um Vergangenes streiten ! “ sagte er entschlossen , „ die Gegenwart ist drohend genug . Du bist nach dem Stifte zurückberufen ? “ „ Ja . “ „ Und Du wirst dem Rufe folgen ? “ „ Dem Befehle meines Abtes ? Gewiß ! “ Der Graf trat ihm hastig einen Schritt näher . „ Du darfst nicht zurück , unter keiner Bedingung ! Muß ich Dir erst sagen , was Dich dort erwartet ? Warnt Dich nicht das Schicksal so manches Deiner Gesinnungsgenossen und bist Du nicht lange genug Mönch gewesen , um zu wissen , welcher Rache ein Kloster , welcher Rache Deine Brüder fähig sind ? Und Du hast sie furchtbar gereizt , Bruno , Du hast ihnen den Fehdehandschuh ingeworfen – sie können Dir nicht verzeihen ! “ Der junge Caplan lehnte sich mit verschränkten Armen an den Stamm des Kreuzes und richtete das Auge fest auf den Sprechenden . „ Und was verlangen Sie denn , Herr Graf , daß ich thun soll ? Wollen Sie etwa , daß ich dem bestimmten Befehl zur Rückkehr offenen Widerstand entgegensetze und es auf Gewaltmaßregeln ankommen lasse ? “ Der Graf warf einen raschen Blick umher , Ottfried war weit genug entfernt , um keine Silbe des Gespräches auffangen zu können , dennoch sank seine Stimme zum Flüstern herab , aber sie bebte selbst in diesem Flüstern . „ Nein ! Dir bleibt nur eins übrig , die Flucht ! Schnelle , unverweilte Flucht – in ein anderes Land , wenn es sein muß , “ er schwieg einen Moment lang und ein schwerer Athemzug rang sich qualvoll aus seiner Brust empor , „ wenn es sein muß – in ein anderes Bekenntniß . “ Benedict fuhr auf . „ Und das sagen Sie mir , Graf Rhaneck ? Der Bruder meines Prälaten , das Haupt des alten , streng katholischen Geschlechtes , das von jeher seine Ehre darin suchte , eine Stütze der Kirche zu heißen ? Ein solcher Rath von Ihnen ? “ „ Wenn ich ihn Dir gebe , so magst Du die Größe der Gefahr daraus ermessen , “ sagte Rhaneck tonlos . „ Was er mich [ 150 ] kostet , das kannst Du nicht ahnen , Bruno , aber es gilt Deine Rettung , da ist mir kein Preis zu hoch . “ Es wehte aus diesen Worten wieder etwas von jener „ wahnsinnigen Zärtlichkeit “ , die der Prälat so oft schon seinem Bruder zum Vorwurf gemacht , auch Benedict fühlte das ; aber sie fand keinen Anklang in seinem Innern . Befremdet , mißtrauisch trat er einen Schritt zurück und wieder traf jener große , verwunderte Blick den Grafen , aber diesmal lag ein entschiedener Argwohn darin . „ Ehe wir weitergehen , Herr Graf , möchte ich Sie bitten , mir diese ungewöhnliche Theilnahme an meinem Schicksale zu erklären ! “ entgegnete er forschend . „ Ich habe mich oft genug gefragt , welcher Beweggrund Sie zu so langjähriger und eingehender Fürsorge für einen fremden , armen Knaben veranlassen konnte , und habe nie eine Antwort darauf gefunden . Jetzt aber , wo Sie Ihre eigene Ueberzeugung zum Opfer bringen , wo Sie mit allen Traditionen Ihrer Familie brechen um meinetwillen , jetzt , scheint es mir , habe ich ein Recht auf diese Antwort . Ich bitte dringend darum . “ Die Haltung des jungen Priesters verrieth hinreichend , daß er trotz alledem nicht die geringste Ahnung von der wahren Beschaffenheit des Geheimnisses hatte , in das er einzudringen versuchte ; der Graf sah ihn schweigend und unverwandt an . „ Du sollst es erfahren ! “ sagte er endlich . „ Es war beschlossen , ehe ich hierher kam , und es muß geschehen , ehe wir scheiden . Erst aber antworte mir , wirst Du fliehen ? “ „ Nein ! “ „ Bruno , ich beschwöre Dich – “ „ Ich bleibe ! “ Rhaneck machte eine heftige Bewegung . „ Dieser unselige Starrkopf ! Ich habe ihn so oft an mir selbst – “ er brach plötzlich ab . „ Warum willst Du das Mittel nicht ergreifen , das ich Dir biete ? Ich sage Dir doch , es ist das einzige . “ Benedict richtete sich hoch und fest auf . „ Weil es mir mein Gewissen und mein Eid verbieten ! Der Prälat mag mitleidlos sein bis zur Grausamkeit , aus gemeinen , aus persönlichen Beweggründen handelt er nie , und dem , was er im Namen des Ordens über mich beschließt , muß ich mich beugen . Ich habe den unseligen Schwur am Altare nun einmal geleistet , und wurde er mir auch längst zum Fluche , und stürzt er mich auch jetzt in ’ s Verderben , brechen kann ich ihn nicht ! Mit demselben Rechte könnte sich ja auch der Gatte von der Gattin reißen , der er an jenem Orte Treue geschworen , könnte jedes Wort gebrochen , jedes Band gelöst werden , das die Menschheit in Liebe und Vertrauen aneinander fesselt . Was auf der Welt ist noch heilig , wenn es Altar und Eidschwur nicht mehr sind ! Und müßte ich den meinen mit dem Leben bezahlen – ich bleibe und erwarte mein Geschick ! “ Es war ein stolzes leidenschaftliches Aufflammen in diesen Worten , etwas von jener Gewalt der Rede , mit welcher der junge Priester neulich die versammelten Wallfahrer hingerissen , aber auf den Grafen übte das einen anderen Eindruck . Er stand da wie ein Verurtheilter . Das Auge am Boden , die zuckenden Lippen fest aufeinandergepreßt , das Antlitz war todtenbleich , aber über die Stirn lief wieder jener flammende Schein , der dunkler und dunkler ward bei jedem dieser Worte , die den stolzen Mann bis in ’ s innerste Herz hinein zu treffen und niederzuschmettern schienen – es sah aus , als wolle er zusammenbrechen unter ihrer Wucht . Benedict fuhr mit der Hand über die Stirn und zog den Mantel , der bei der raschen Bewegung herabgeglitten war , wieder um die Schultern . „ Sie kennen jetzt meinen Entschluß , Herr Graf , er ist unwiderruflich . Und nun bitte ich meinerseits um die verheißene Antwort . “ Langsam hob der Graf das Auge vom Boden und heftete es mit einem unbeschreiblichen Ausdruck auf die gespannten Züge des Fragenden ; Schmerz , Scham , verzweifelnde Bitterkeit , das Alles lag in dem einen Blick , dann wandte er sich stumm zur Seite . „ Ich bitte Sie ! “ mahnte Benedict dringender . „ Nein ! “ sagte Rhaneck dumpf „ Jetzt nicht ! “ „ Aber Sie versprachen mir doch – “ „ Nie ! “ wiederholte der Graf leidenschaftlicher . „ Ich sage Dir , Du erfährst es niemals , wenigstens von meinen Lippen nicht – Du selbst hast sie mir geschlossen . “ Der junge Priester schwieg . Er machte keinen Versuch weiter , in das Geheimniß einzudringen , dessen schon verheißene Enthüllung man ihm auf einmal so hartnäckig weigerte , aber der Argwohn lag wieder finster auf seiner Stirn und fremder und kälter als je trat er vor seinem Beschützer zurück . Dieser strebte sichtbar , die Fassung wieder zu gewinnen , die ihm die leidenschaftliche Erklärung Benedict ’ s völlig geraubt hatte , er rief Ottfried herbei , aber als dieser , dem Rufe folgend , an seine Seite trat , schien er noch einmal zu schwanken . Es war , als dränge sich das verhängnißvolle Wort trotz alledem wieder auf seine Lippen , als wolle er dennoch einen Versuch der Versöhnung wagen ; er wandte sich zu Benedict . „ Du bestehst also darauf , nach dem Stifte zurückzukehren ? “ „ Morgen Abend bin ich dort . Sagen Sie dem Prälaten , die Kraft , die er dem Orden erhalten wollte , sei ihm verloren auf ewig , aber ich wäre trotzdem des Wortes eingedenk gewesen , mit dem er mich beim Abschiede entließ : Ich sei zu Allem fähig , nur nicht zum Meineide ! “ Der Graf zuckte wieder leise zusammen und die schon gehobene Hand , mit welcher er die des jungen Priesters ergreifen wollte , um ihn zu seinem Sohne zu führen , sank schlaff hernieder , stumm preßte er die Lippen zusammen . Von den beiden jungen Männern redete keiner ein Wort , sie standen sich gegenüber , finster , feindselig von einander abgewendet , nur mühsam den innern Groll zügelnd . Noch hielt die Gegenwart des Grafen sie in Schranken . Wenn diese Schranke fiel , so wiederholte sich vielleicht jene Scene im Walde , deren furchtbaren Ausgang er einst mit Mühe verhindert hatte . Er kannte freilich nicht die geheime Quelle , aus der jener Haß stammte , der den Beiden schon einmal die Waffen in die Hand gezwungen , und eben deshalb unterschätzte er die Gefahr , er ließ es bei seinem frühern Verbote bewenden , einander nicht feindlich zu nahen : ein ohnmächtiges Wort , ein Verbot sollte die volle heiße Leidenschaft der Jugend dämmen . Das eine Wort , welches allein der Feindseligkeit zwischen ihnen ein Ende machen und sie zur Versöhnung hätte zwingen können , blieb ungesprochen – der Graf ahnte nicht , was ihm dies Schweigen kosten sollte , und welche Qualen er damit auf sein eigenes Haupt herabrief . Der Abschied war hastig und kurz von seiner Seite , eisig von Seiten Benedict ’ s. Rhaneck schlug , von seinem Sohne begleitet , den Rückweg nach dem Dorfe ein , während Jener den verspäteten Gang nach der Wallfahrtskirche antrat . Pfarrer Clemens hatte nicht Unrecht , bei diesem täglichen Gange für seinen jungen Mitbruder zu fürchten , zumal in der jetzigen Jahreszeit . Es war ein einsamer und gefährlicher Weg , der nur Raum für die Schritte eines Wandernden bot . Rechts stieg der Fels jäh empor , links fiel er jäh ab in die Tiefe , steil bergabwärts wand sich der Pfad , über glattes Steingeröll , vorüber an stürzenden Bächen , an abgestorbenen Tannen bis zur „ Wilden Klamm “ . Schon in einiger Entfernung vernahm man das Rauschen und Tosen des Gewässers , das sich tief unten im Grunde sein felsiges Bett wühlt , zu beiden Seiten desselben stiegen die nackten Klippen schroff und steil empor , die Häupter so nahe zu einander geneigt , als wollten sie sich berühren . Es sah aus , als habe eine vulcanische Gewalt die mächtige Felswand gespalten und in zwei Hälften auseinander gerissen , zwischen denen nun der Fluß dahintobte . Eine schmale Brücke , roh aus Baumstämmen gezimmert , und mit einem schwachen Geländer nur als Stützpunkt für die Hand versehen , hing in halber Höhe der Felsen über der Schlucht . Nur ein matter Strahl des Tageslichts fiel von oben herein , gerade hell genug , um zu erkennen , daß die „ Wilde Klamm “ ihren Namen mit Recht führte , man konnte nichts Wilderes sehen , als diese Scenerie von der Brücke aus . Der Blick schwindelte , wenn er oben in der Höhe das dunkle zerklüftete Gestein zu umfassen strebte , das , schwer niederhängend , jeden Augenblick bereit schien , herabzustürzen und den schwachen Steg zu zerschmettern ; und er schwindelte , wenn er hinabsank im die Tiefe , wo das Wasser brausend und zischend dahinschoß , die schaumgepeitschten Wellen ewig am Fuße der Klippen brechend , die jäh ansteigend auch nicht einen Fuß breit Raum zwischen sich und dem wilden Elemente ließen . Wie Eiseshauch umfing hier die Luft den einsam Wandernden , sie legte sich feucht und kalt auf seine Stirn und wehte ihn an wie mit Grabesodem ; hier galt es , nicht aufwärts und nicht niederwärts [ 151 ] zu schauen , sondern fest und unverwandt auf den Steg vor sich zu blicken , wollte man ungefährdet hinüber . Furchtlos betrat Benedict die Brücke , er ging den Weg ja seit Monden beinahe Tag für Tag ; ohne das Geländer zu berühren , ohne auch nur die allergewöhnlichste Vorsicht zu brauchen , schritt er rasch vorwärts . Vielleicht gab sein schwindelfreies Auge ihm diesen Muth , vielleicht auch die Gleichgültigkeit gegen das Leben , die er vor Kurzem noch dem alten Pfarrer gegenüber ausgesprochen ; und es war wohl Schlimmeres als bloße Gleichgültigkeit dagegen , was , in der Mitte der Brücke angelangt , seinen Schritt bannte und ihn so unverwandt niederschauen ließ in den kochenden Gischt da unten . Leise kam die Versuchung herangeschlichen , es