Casutt ! « sagte er . » Dein Vertrauen aber sollst du nicht weggeworfen haben . Bleibe hier . Vielleicht bring ich euch heut nacht noch selber sichere Nachricht . « » Têtebleu « , erscholl hinter Jenatsch eine fröhliche Baßstimme » du hast die rechte Türe verfehlt , Herr Kamerad ! Drüben erwartet man dich mit Ungeduld ! « und ein gewaltiger Kriegsmann schob seinen Arm unter den des Obersten Jenatsch und zog ihn ohne Umstände in die Herrenstube hinüber , wo er mit lärmendem Willkomm empfangen wurde . Der Oberst grüßte , aber ließ keinen seiner Kameraden zu Worte kommen . » Vor allem gebt mir über eines Auskunft , Herren « , rief er ihnen entgegen , » was ficht euch an , daß ihr eure Stellungen an der Grenze verlassen und eure Regimenter im sichern Domleschg aufgestellt habt ? Dazu kann euch der Herzog nicht Ordre gegeben haben . Still , Guler , dir steigt das Blut zu Haupt ! – Gebt Ihr mir geneigten Aufschluß , Graf Travers , Ihr seid der Ruhigste . « – Der Graf , ein noch jugendlicher Mann mit scharf ausgeprägten italienischen Zügen und fester Feinheit des Ausdrucks , erzählte , alle hätten sie bei der Nachricht vom Tode des Herzogs , dessen Ehre und Persönlichkeit ihre einzige Bürgschaft gewesen , den gänzlichen Verlust des rückständigen Soldes ihrer Regimenter befürchtet , der , wie Jenatsch wisse , eine Million Livres übersteige . Dieser Verlust , für den sie bei ihren Soldaten , wie der Kontrakt einmal sei , persönlich einzustehen hätten , wäre ihrem völligen Ruin gleichgekommen . Um diesem vorzubeugen , hätten sie nur ein Mittel gekannt und es zu ergreifen einstimmig beschlossen : das Verlassen ihrer Stellungen an der Grenze mit der Erklärung , dieselben erst dann wieder beziehen zu wollen , wenn der französische Kriegsschatzmeister die Rückstände ausgeglichen habe . Die Kunde vom Tode des Herzogs hätte sich glücklicherweise nicht bestätigt ; aber nachdem der Schritt einmal getan gewesen , hätten sie vorgezogen , statt ihn zurückzutun , auch dem von ihnen allen hochverehrten Herzog Heinrich gegenüber auf ihrem Entschlusse zu beharren , bis ihre gerechte Forderung befriedigt sei . Als dieser davon gehört , habe er ihnen den Kriegsschatzmeister Lasnier mit einer kleinen Abschlagszahlung , der unbedeutenden Summe von dreiunddreißigtausend Livres , zugesendet und zugleich die Weisung , ohne Verzug ihre früheren Stellungen an der Grenze wieder zu beziehen ... » Was moralisch unmöglich war « , brach Guler los , » da dieser kleine Bösewicht uns mit Gift und Galle überschüttete und die unglaubliche Drohung ausstieß , er wolle uns den Bauch zertreten ! « ... » Passer sur le ventre « , spottete Jenatsch , » das ist unendlich unschuldiger , als es klingt . Du scheinst vom Französischen unsrer Kriegskameraden nur die Flüche erlernt zu haben . « » Morbleu « , rief Guler hitzig . » da will ich dir ein anderes beweisen . Ich weiß einen häßlichen Witz des boshaften Kobolds , den ich ganz allein verstanden habe . Er höhnte , der Herzog habe ihn gesandt , uns an die Grenze zurückzutreiben , und solcherweise das Amt auszuüben , das sein Name bedeute . Dieser Ausspruch ließ mir keine Ruhe . Ich suchte das Wörterbuch hervor welches mir mein in Paris verstorbener Bruder – gewissermaßen ein verlorner Sohn – als einziges Erbstück hinterlassen hat . Was heißt nun Lasnier , ihr Herren ? – Der Eseltreiber . Hätte ich ' s gewußt , als er noch da war , ich hätte das Männchen trotz seines Skorpionengifts zwischen Daumen und Zeigefinger zerrieben . « Jenatsch , der während dieser Rede mit zusammengezogenen Brauen nachgedacht hatte , wandte sich auf einmal zur ganzen Gesellschaft mit den Worten : » Haltet ihr mich für zahlungsfähig ? . . . Ihr wißt , ich war immer ein guter Haushalter . Aus meiner Kriegsbeute habe ich mir in Davos ein stattliches Haus erbaut und mir ringsum schöne Alpen erworben . Überdies liegen mir Summen bei a Marca in Venedig , welche der kluge Wechsler nicht müßig gehen läßt . Das alles deckt euch freilich nicht , aber mein Kredit ist aufrecht und es wäre mir nicht unmöglich , das Fehlende herzuschaffen . Ich verbürge mich euch mit schriftlichem Kontrakt für die ganze Summe , die euch der Herzog schuldet . Ihn sollt ihr mir heute nicht belästigen , denn er ist müde und krank . Zur gelegenen Stunde werde ich beim Herzog für euch reden und auch für mich , denn eure Sache ist die meinige und ich werde zum Bettler , wenn sie scheitert . « Jetzt erhob sich ein Sturm der Rede , in dem Stimmen des Bedenkens , des Beifalls , des Erstaunens sich bekämpften und mischten . Eine lärmende Begeisterung behielt die Oberhand . Da öffnete sich die Tür und das scharfe Gesicht , die kleine straffe Gestalt des herzoglichen Adjutanten Wertmüller wurde auf der Schwelle sichtbar . Sein schnelles graues Auge erfaßte die zügellose stürmische Szene und sie erregte seinen entschiedenen Widerwillen . Er meldete in kurzen Worten , der erlauchte Herzog nähere sich Thusis , verbitte sich aber jeden öffentlichen Empfang . Er wünsche auszuruhen . » Nur dieser Herr wird in einer Stunde bei ihm vorgelassen « , schloß der einsilbige Locotenent und grüßte den Oberst Jenatsch gerade so flüchtig und so knapp , als es der militärische Anstand noch erlaubte . Viertes Kapitel Viertes Kapitel Als der Oberst Jenatsch zur Zeit des Sonnenuntergangs die für die kurze Ruhe des Herzogs bereitete Wohnung betrat , fand er , die Steintreppe hinaneilend , in der offenen Vorhalle des ersten Stockes den zürcherischen Locotenenten . Mit der Wachsamkeit einer bissigen Dogge hütete Wertmüller die Türe seines Feldherren vor jedem unbefugten Eindringen . Eben durchschritt eine schlanke feine Gestalt , abschiednehmend , leisen Fußes die Halle , der herzogliche Privatsekretär Priolo , den der Adjutant mit bösen Blicken begleitete – denn er war in seiner stachlichsten Laune – und mit stillen Wünschen , die offenbar keine Segenswünsche waren . » Aus welcher Himmelsgegend hat der Wind diesen hergeweht ? « fragte der Oberst mit gedämpfter Stimme . » Er ist , soviel ich weiß , nicht mit dem Herzog über den Berg gekommen . « » Er wurde schon vor einer Woche nach Chur vorausgesandt um die neuesten Pariser Depeschen abzuholen , nach denen der Herr Verlangen trug « , versetzte Wertmüller . » Und sie sind in des Herzogs Händen ? « fragte Jenatsch leise und mit ungewohnter Hast , denn sein Herz fing an zu pochen . » Kennt Ihr den Entscheid ? Ist die Unterschrift des Königs da ? « » Ich kenne nur meine Ordre « , sagte der andere unhöflich , » und diese ist , den Obersten Jenatsch ohne Zeitverlust einzulassen . « Wertmüller schritt voran in ein vom Widerschein des Abends erhelltes wohnliches Zimmer , dessen Fenster auf die sonnig leuchtenden Halden und herbstlich geröteten Wälder des schönen Heinzenbergs hinausschauten . Der Oberst trat in den kleinen Erker , während Wertmüller sich leise in ein Nebenzimmer begab , wo der Herzog noch ausruhte . » Es belieb Euch einen Augenblick zu warten ! « schnarrte zurückkommend der Locotenent , der sich unverzüglich wieder auf seinen Posten in der Vorhalle zurückzog . Der Blick des Alleingebliebenen haftete auf einer geöffneten Ledertasche und zwei daneben auf den Tisch geworfenen , entsiegelten Briefen . Die Federzüge , welche sie bargen , entschieden über das Wohl oder Wehe seines Landes . Jetzt öffnete sich langsam die Türe der Kammer und Heinrich Rohan erschien blaß und hager auf der Schwelle . Mit einer unwillkürlichen , freudigen Bewegung schritt er dem Bündner entgegen , der dem hohen Herrn in raschem Diensteifer einen tiefen Lehnstuhl neben das Fenster rückte , wo der Blick des Reisemüden sich an der goldenen Abendruhe seines Berges erquicken konnte . Der Herzog ließ sich mit jetzt sichtbar werdender Abspannung nieder und richtete sein klares Auge auf Georg Jenatsch ; dann begann er mit leiser Stimme und in fragendem Tone : » Ihr kommt von Finstermünz ? « Dieser hatte sich ehrfurchtsvoll vor den in den Sessel Zurückgelehnten gestellt und betrachtete unverwandt die edlen Züge welche in mehr als einer Weise ihm verändert erschienen . Neben den erwarteten Spuren der schweren Krankheit befremdete ihn darin ein tief eingegrabener Zug verschwiegenen , hoffnungslosen Grames , der peinlich hervortrat , wenn der Herzog seinen lautern strahlenden Blick zeitweise senkte . Jenatsch brannte vor Begierde zu erfahren , ob der von ihm mit rastloser Anstrengung in Bünden durchgesetzte Vertrag in St. Germain durch die Unterschrift des Königs endgültig geworden sei ; aber diesem Antlitze gegenüber hatte der sonst vor nichts Zurückschreckende keinen Mut zur Frage . Er begnügte sich auf des Herzogs Erkundigung zu antworten und ihm einen genauen Bericht über die Feststellungen der Grenze zwischen Tirol und Unterengadin zu geben , wie sie während des Waffenstillstandes gelten sollten . » Die Österreicher sind langsam und umständlich ; ich wurde hingehalten und bis nach Innsbruck gezogen « , sagte er . » Wär ich im Lande gewesen , niemals hätten mir meine störrischen Kameraden ohne Euren Befehl , erlauchter Herr , ihre Posten verlassen , niemals Euch in Thusis als erste Begrüßung den widerwärtigen Anblick ihres Ungehorsams entgegengebracht . Einen schlimmern Ausbruch vor Euern Augen « , schloß er zögernd , » habe ich nur mit Mühe verhütet und indem ich mich , da mir kein anderes wirksames Mittel mehr zu Gebote stand , meinen Kameraden mit Hab und Gut für den rückständigen französischen Sold verbürgte . Ich hoffe , daß Ihr mir meine ungemessene Ergebenheit nicht verargen werdet ! « fügte er schmeichelnd hinzu . Der Herzog lehnte , zusammenzuckend , tiefer in die Kissen zurück und der schmerzliche Zug in seinem Angesichte trat schärfer hervor . Es durchblitzte ihn der Gedanke , welche gefährliche Gewalt in die Hand des Menschen falle , dem er einen so unerhörten , von ihm nie begehrten Dienst schulde . Aber er hielt an sich . » Ich danke Euch , mein Freund « , sagte er , » Ihr sollt nicht zu Schaden kommen , solange ich selber noch etwas besitze . Ich fürchte , Lasnier , den ich zur Beruhigung der Obersten mit Geldern an sie voraussandte , hat im Verkehr mit ihnen nicht den rechten Ton getroffen . « » Er hat sie aufs tiefste beleidigt . Darin muß ich zu ihnen stehn , erlauchter Herr , und mit ihnen verlangen , daß er abberufen werde . Nicht seine Zornausbrüche , noch seinen unsere Personen treffenden Spott will ich ihm verdenken ; aber daß er , wie ich aus sichrer Quelle weiß , unserm Vaterlande das Recht bestreitet , überhaupt dazusein , weil es ein kleines Land ist , und diese vernichtende Behauptung uns auf unserm eigenen Bündnerboden entgegenwirft , daß er uns als ein verachtetes Anhängsel Frankreichs behandelt , das dreht jedem Bündner das Herz um , und unmöglich ist es , daß ein solcher Mann länger unser Brot esse und unsern Wein trinke ! Tut mir die Liebe , edler Herr « , bat er in gemäßigtem Tone , » und sorgt für seine Abberufung . « – » Lasniers Abberufung ist auch mein entschiedener Wunsch , den der Kardinal ohne Zweifel erfüllen wird . Betrachtet es als abgetan . Um auf Wichtigeres zu kommen « , lenkte Rohan ab , der die auflodernde Vaterlandsliebe des Bündners in diesem Momente der Abspannung zu scheuen schien , » Ihr waret in Innsbruck , da habt Ihr wohl etwas von der Stimmung des erzherzoglichen Hofes gegen uns erfahren . Gedenken uns die Österreicher noch einmal im Veltlin anzugreifen ? « » Dazu sind Eure Lorbeeren noch zu frisch , erlauchter Herr . Solange Eure Hand den Feldherrnstab führt , dürfen sie ' s nicht wagen . – Aber « , der Bündner seufzte tief , » laßt mich mein ganzes Herz vor Euch ausschütten ! Bei der falschen Kunde von Eurem Hinscheiden regte sich wieder alles kriechende Gewürm der Kabale und unsere Landesverbannten von der spanischen Partei fingen wieder an , unterirdisch zu wühlen . Diese ekeln Totengräber glaubten schon , Bündens zwei höchste Kleinodien : Eure geliebte Person und seine teure Freiheit , deren Bürge Ihr seid , in die gleiche Gruft versenkt . In Innsbruck « , fuhr er nach einer beobachtenden Pause mit unverhehlter Bewegung fort , » glaubt man auch jetzt , da Gott Euch uns wieder zum Leben erweckt hat , nicht an den Vertrag von Chiavenna . Wie hätten sie es sonst gewagt , mir spanischerseits Bündens Unabhängigkeit in seinen alten Grenzen als Preis unserer Trennung von Frankreich anzubieten , ja versucht , mich durch gemeines Gold von Euch zu scheiden ! . . . Ich beschwöre Euch , edler Herr , macht diesen Vorspiegelungen ein Ende , indem Ihr die zwischen uns vereinbarte und von Eurem König unterschriebene Akte allem Volke kundgebt . Sonst wird Bünden an Frankreichs Absichten irre , die spanischen Versprechungen verwirren die Gemüter und wir versinken wieder in das Blutbad des Bürgerkrieges , aus dem Ihr uns emporzogt ! « Der Herzog antwortete nicht . Er erhob sich rasch , trat ans Fenster und blickte nachdenklich in die Berglandschaft hinaus , deren untere Stufen im Schatten lagen , während die höchst gelegenen Weiler noch in der Sonne glitzerten . » Gott weiß , wie lieb mir dieses Land ist « , wandte er sich jetzt zu Jenatsch , » und wie gern ich alles daransetze , um es wieder glücklich und frei zu machen ! . . . Darum versteht niemand besser als ich Eure eifersüchtige Vaterlandsliebe , auch wo sie sich ungeduldig und rauh , und heute mir , dem redlichsten Freunde Bündens gegenüber , ehrlich gestanden , grausam äußert . Doch gebt Ihr mir zugleich so überzeugende Beweise von Eurer Aufopferung und Treue , da Ihr bei Euren Kameraden für Frankreichs Ehrenhaftigkeit mit all dem Euern einsteht und mir die von Spanien versuchten Intrigen und Bestechungen aufdeckt , daß ich glaube , Euch volles Vertrauen schenken und auch in den schwierigsten Fällen auf Eure sichern Dienste zählen zu dürfen . – Darf ich das , Georg , auch wenn ich Euch viel Geduld und Selbstverleugnung zumute ? « » Wie konntet Ihr an mir zweifeln ? « sagte Jenatsch mit leidenschaftlicher Wärme und einem Blicke schmerzlichen Vorwurfes . » Offenheit also gegen Offenheit « , fuhr Rohan fort und legte die Hand auf des Bündners Schulter , » Vertrauen gegen Vertrauen . – Es ist mir peinlich auszusprechen : Der Vertrag von Chiavenna ist von Paris zurückgekommen ohne Unterschrift und mit Änderungen , die ich nicht billige , die ich Eurem Volke nicht zumuten und nicht vorschlagen will . « Bei diesen traurig und leise gesprochenen Worten sah der Herzog dem Bündner in das ausdrucksvolle Gesicht , wie nach der Wirkung des ungern gemachten Geständnisses forschend . Es blieb unbewegt , aber überzog sich langsam mit fahler Blässe . » Und welches sind diese Änderungen , gnädiger Herr ? « fragte Jenatsch nach kurzem Schweigen . » Zwei Hauptpunkte : Französische Besatzungen in der Rheinschanze und im Veltlin bis zum allgemeinen Frieden und für die in diesem katholischen Landesteile begüterten protestantischen Bündner Beschränkung ihres dortigen Aufenthalts auf jährlich zwei Monate . « Ein unheimliches Wetterleuchten flog durch die Züge des Bündners , dann sagte er fast gelassen : » Das eine ist unsere politische Auslieferung an Frankreich , das andere ein unerträglicher Eingriff in die Verwaltung unseres Eigentums . Beides sind unmögliche Bedingungen . « » Auch dürfen sie nicht im Vertrage stehen bleiben « , sagte Rohan mit Bestimmtheit . » Ich will meinen ganzen persönlichen Einfluß beim Könige in die Waagschale werfen , will meine ganze Überredungsgabe erschöpfen , den Kardinal über den entscheidenden Ernst der Lage aufzuklären , will nichts unversucht lassen , die verderbliche Einwirkung des Paters Joseph zu lähmen , denn dieser , vermut ich , ist der Böse , der Unkraut unter unsern Weizen sät . Wegen des schnöden roten Hutes , wonach dieser Kapuziner gelüstet , und für den er dem Heiligen Stuhle eine Berücksichtigung in der Politik meines edlen Vaterlandes verschaffen soll , die einer fremden Macht nicht gebührt , darf das Ehrenwort eines Rohan keinen Schaden leiden . Schon habe ich beschlossen meinen geschickten Priolo nach Paris zu senden mit dringenden Briefen an den König selbst und an den Kardinal . Morgen wird er abreisen . Gehorchte ich meinem verletzten persönlichen Ehrgefühle , wahrlich heute noch legte ich mein Kommando nieder ; aber das darf ich nicht um euretwillen . Ich zweifle , daß meine Liebe zu euch und meine persönlichen Verbindlichkeiten mit meinem Feldherrnstab auf meinen Nachfolger in Bünden übergingen . « » Das tut uns nicht an ! « rief Jenatsch erschrocken , » bei Euerm Heil – nein , bei dem unsern beschwör ich Euch – tut es nicht ! Lasset nicht das Werk Eurer Hände ! Stoßt uns nicht in einen solchen Abgrund der Ratlosigkeit ! « » Darum will ich bis ans Ende ausharren « , fuhr der Herzog mit einer Festigkeit fort , wie sie die klar erkannte Pflicht gibt . – » Aber wißt , Jenatsch , von Euch erwarte ich hier im Lande alles . Durch mein grenzenloses Zutrauen seid Ihr in meine Sorgen und in die Schwankungen des Loses eingeweiht , das ich im festen Glauben war Eurer Heimat schon gesichert zu haben . Ihr seid es allein . Ich weiß , Ihr ehret mein Vertrauen durch unverbrüchliches Schweigen . Beruhigt Eure Landsleute . Ich sehe , welche außerordentliche , ja wunderbare Macht Ihr auf die Gemüter ausübt . Schaffet Frist ! Haltet den Glauben an Frankreich aufrecht ! Versichert Eure Bündner , daß der Vertrag von Chiavenna , wenn auch heute noch nicht verkündet , doch in Bälde in Kraft treten muß , und Ihr werdet bei der Wahrheit bleiben , denn mit Gottes Hilfe überwinden wir die Widerwärtigen . – Heute nacht noch zieh ich weiter nach Chur . Bringt mir dorthin bald über die Stimmung des Landes Bericht . « Jenatsch bückte sich tief über die Hand des Herzogs , und suchte dann noch einmal sein Auge mit einem Ausdrucke sprachlosen Schmerzes . Rohan sah in diesem langen seltsamen Blicke die Teilnahme eines Getreuen an seinem ausnahmsweise herben Lose er ahnte nicht , welche Wandlung sich im Geiste des Bündners zu dieser Stunde vollzog und daß Georg Jenatsch nach innerm schweren Kampfe sich von ihm lossagte . » Ihr tut wohl , edler Herr « , sagte der Oberst , sich beurlaubend , » in der guten Stadt Chur Euern Sitz zu nehmen . Ihr seid dort hochgeliebt , und solange die Churer Euer Angesicht sehen , und Ihr es seid , o Herr , der den König in Bünden vertritt , wird das Land nicht aufhören von Frankreich das Beste zu hoffen . « Der Herzog sah dem Scheidenden sorgenvoll nach , ohne Mißtrauen , aber im Gefühle , daß , wie er selber eine Zuversicht an den Tag gelegt , die nicht in seinem müden Herzen war , auch der Bündner die Stürme seines unbändigen Gemüts niedergehalten und vor ihm verheimlicht habe . Er blickte noch eine Weile , im Innersten entmutigt und traurig , hinüber an den dunkelnden Berg . Eine Klage entwand sich seiner Brust : » Herr « , seufzte er , » warum hast du deinen Diener nicht in Ehren dahinfahren lassen ! « Fünftes Kapitel Fünftes Kapitel Jenatsch war hinausgeeilt . Ein Sturm wildstreitender Gedanken tobte in seinem Innern , den vor dem Herzog niederzuhalten ihn Anstrengung gekostet hatte . Er verabscheute die Möglichkeit , während dieses Seelenkampfes irgendeinem Menschen Rede stehen zu müssen . Mit eilenden Schritten stieg er , das Gewühl des wachen Dorfes unter sich lassend , die dämmerigen Bergwiesen hinan und ließ seine zornigen Gefühle dahinstürmen wie eine Schar ins Gebiß knirschender Rosse ; aber sein berechnender Geist behielt die Zügel und lenkte die brausenden Mächte seines Gemüts auf immer neuen immer gefahrvolleren , aber wohlbemessenen Bahnen . Das Ziel wonach er sein ganzes Leben lang gerungen , das seine Tage beschäftigt und seine Nächte beunruhigt hatte , um das er mit den verschiedensten Kräften seines Wesens gekämpft , das Ziel wonach er auf den blutigsten Irrwegen geklommen und dem er sich seit Jahren mit gebändigtem Willen als ergebenes Werkzeug einer edeln und , wie er glaubte , in ihrem Machtkreise unbeschränkten Persönlichkeit auf dem sichern Wege der Gerechtigkeit und Ehre genähert hatte – dies Ziel , das er noch heute mit der Hand berührte , es war ihm entrückt – nein , es war vor ihm versunken ! Denn eines stand vor seiner Seele mit entsetzlicher Klarheit : Bünden sollte nie frei werden , sollte nach der Absicht des allgewaltigen und gewissenlosen Geistes , der Frankreichs schwachen König beherrschte und dessen innere und äußere Politik nach Gefallen lenkte , aufbehalten werden bis zum allgemeinen Frieden . Dann von Richelieu in die zu verteilende Masse verfügbarer Länder geworfen , unter die übrigen Tauschobjekte gemengt , war seiner armen Heimat unvermeidliches Schicksal , beim Länderschacher des Friedensschlusses auf den Markt gebracht und diesem oder jenem einen günstigen Handel Anbietenden zugewogen zu werden . Der Herzog trug keine Schuld daran . Er liebte Bünden und wollte es freigeben ; aber er war nicht stark genug , seinen Willen gegen den ihn mißbrauchenden des Kardinals durchzusetzen . Er wagte es nicht , sich mit einem Nebenbuhler zu messen , der über den Schranken der Gewissenhaftigkeit stand ; er scheute sich seinen Gegner mit jenen wirksamsten Waffen zu bekämpfen , die Richelieu mit Meisterschaft führte ! – War es nicht möglich , diese von Rohan kindisch verschmähten Waffen zu ergreifen ? Dem Jäger selbst eine Schlinge zu legen ? Wo galt die menschliche Gerechtigkeit , die der Herzog verwirklichen wollte – wo war ihr Urbild , die göttliche , um sie zu Ehren zu bringen und zu belohnen ? Eitle Träume beides ! Ein frommer Tor nur konnte daran glauben ! . . . Der Herzog war blöde genug zu meinen , der Kardinal anerkenne die Gültigkeit des von dem Mächtigen einem Schwachen gegebenen Wortes ! Er war töricht genug zu wähnen , ein zugunsten der Hugenotten im Bürgerkriege gezogenes Schwert könne jemals von Richelieu vergeben und vergessen werden , es sei möglich durch ruhmreiche Dienste den Haß des mächtigen Ministers auszulöschen ! . . . Er war so blind , nicht einzusehen , daß gerade seine zu Frankreichs Ehre verrichteten Heldentaten für den Eifersüchtigen ein Grund mehr waren , ihn zu beargwöhnen und ihn aufzuopfern ! Wohin aber war es gekommen mit diesem christlichen Ritter ? Er stand am Rande des Abgrundes , ein verlorener Mann ! . . . Und Jenatsch hafte ihn zu dieser Stunde darum daß er ein Betrogener und Besiegter war . Doch unglaublich ! er selber hatte sich ja verblenden lassen durch ein Gefühl bewundernder Liebe zu diesem edlen Menschenbilde ! Er hatte geglaubt , daß der Wert reiner Gesinnung , der ihn berückt hatte , auch in der Rechnung des Kardinals eine Zahl sei ... Ja , wohl hatte Richelieu mit dieser Zahl gerechnet – wie der schlaue Fischer auf seinen Köder zählt – und Jenatsch selbst – , doch nicht allein er – Verzweiflung ergriff ihn – sein Vaterland war ein Opfer dieses Betruges . Vielleicht war noch Rettung möglich ! Weg jetzt mit jedem hemmenden Bedenken , mit allen Banden der Dankbarkeit , mit allen Berückungen der Liebe , mit jeder Eigensucht eines rein gehaltenen Charakters ! Hinunter mit der Vergangenheit ! Weg die Fesseln ihrer liebgewordenen Überzeugungen und Vorurteile ! Gelöst werde jeder Zusammenhang des Dankes und der Treue ! – Jetzt vertiefte sich Jenatsch mit einem durch das Gefühl der Gefahr geschärften Geiste in die Schlangenwege und Berechnungen der französischen Politik . – Eine Befürchtung , die Rohan ihm preisgegeben , ließ ihn einen Schlüssel finden zu den Gedanken des Kardinals . » Es ist nicht anders « , sagte er zu sich , » Richelieu überläßt uns seinen protestantischen Feldherrn , solange der selbst Getäuschte auch uns aufrichtig zu täuschen vermag . – Stirbt des Herzogs Glaube oder unser Glaube , so ruft er ihn plötzlich ab und ersetzt den christlichen Worthalter durch einen Soldaten , der seine Kreatur ist ... Ich aber will Fuß fassen auf dieser hugenottischen Ehre ! Ich stelle mich auf diesen Felsen . Ich halte es fest dieses gute französische Pfand ! « ... und er schloß die eiserne Faust . Er sann nach , wie das möglich wäre – und es trat ein Judasgedanke aus seiner Seele und stand plötzlich in so naher Häßlichkeit vor seinem Angesichte , daß ihn schauderte . Aber er sagte sich mit einem sichern Lächeln : » Der gute Herzog wird mich nicht durchschauen , wie sein Gott den Judas . « Rasch wandte er den Blick weg von dem Verrate an diesem Reinen ; er konnte ihn vollbringen , aber nicht betrachten . Hinüber richtete er das Auge nach dem fernen Frankreich und er forderte den großen Kardinal zum Zweikampf in die Schranken seines Berglandes , Mann gegen Mann , List gegen List , Frevel gegen Frevel . Und sein Herz brannte in wilder Freude , weil in Bünden einer war , der sich der schlauen Eminenz gewachsen fühlte . So durchjagte Jenatsch das Reich der Möglichkeiten mit rastlosen Gedanken . Er achtete des Weges nicht und jetzt eilte er schon im nächsten talabwärts gelegenen Dorfe längs einer langen Kirchhofmauer dahin , als er gewahr wurde , daß ein barfüßiges Bauerkind eilig neben seinen langen Schritten einherlief . Die Kleine hielt schon längst einen Brief in die Höhe , der ihr , wie sie ehrerbietig ausrichtete , von der Schwester Perpetua für Seine Gnaden den Herrn Oberst übergeben worden sei , welchen die Schwester an der Pforte des Klostergartens habe vorübergehen sehn . – Der Oberst blickte um sich , er war in Cazis . Er verabschiedete die Kleine und lenkte , wie vom Finger des Schicksals berührt , in die Dorfgasse ein , wo sich die Lichter entzündet hatten . Er hatte auf dem Umschlage im letzten Dämmerscheine die Handschrift seines alten Freundes , des Paters Pancraz , zu erkennen geglaubt . Am Fenster eines Erdgeschosses sah er ein graues Mütterchen beim Scheine der Ampel spinnen . Er lehnte sich außen an die Mauer , so daß ein spärlicher Strahl auf das Blatt fiel und las : » Hochmögender Herr Oberst , ich erdreiste mich , Euch einiges zu melden , das für Euch und unser Land wichtig sein kann . Der Vertrag von Chiavenna ist ein vergängliches Blendwerk , das uns die Eminenz in Paris vorspiegelt . Seit ich in Mailand verweile , wurde mir zur Gewißheit , was mir schon früher eine in meinem Kloster am Comersee zufällig aufgefangene Rede verriet . Kurz vor der Weinlese herbergte dort ein französischer Ordensbruder , ein beredter Prediger , der zur Erholung seiner abgearbeiteten Lunge und des ewigen Heiles wegen – wozu Gott uns allen in Gnaden verhelfe – den Weg nach Rom angetreten hatte . Beim Nachtessen im Refektorium klagte der Prior mit ihm über die Zeitläufte und bedauerte , daß das Valtelin durch den Vertrag von Chiavenna wiederum zu Bünden geschlagen werde . › Darüber seid ohne Sorgen ‹ , fuhr der Franzose heraus , der nicht wußte , daß ein guter Bündner am Tische saß , daß dieser Vertrag keinen Soldo wert ist , weiß ich aus bester Quelle . Als ich mich in Paris vor meiner Abreise bei meinem Superior , dem Pater Joseph , beurlaubte , kam ich gerade dazu , wie dieser und der Nuntius des Heiligen Vaters den Entwurf besagten Vertrags ihren prüfenden Blicken unterwarfen . Der Nuntius ließ sich hart dagegen aus , der hitzige Pater Joseph aber zerknitterte das Papier in seiner Faust , ballte es zu einer Kugel zusammen und warf es in den Winkel mit den Worten : › Dieser Vertrag eines Ketzers mit Ketzern wird niemals gelten . ‹ – Ich verhielt mich mausestill , aber hatte meine Gedanken ; denn , was der Pater Joseph bedeutet , wißt Ihr besser als ich . – Hier in Mailand , wo ich mich in Ordensgeschäften seit zehn Tagen aufhalte , wurde ich gestern in den Palast des Gubernatore gerufen , um seinem Gesinde wegen eines häuslichen Diebstahls ins Gewissen zu reden . Da beschied mich der Herzog , der meine bündnerische Herkunft erfahren , zu sich und sagte mir halb ernst halb scherzweise : › Wie ich jetzt Euch vor Augen habe , Pater Pancraz , möcht ich wohl den Obersten Jenatsch liedhaft vor mir sehen . Es wäre mir ein leichtes dem verständigen Manne darzutun , daß der Vertrag von Chiavenna nichts ist als ein verdorbenes Pergament , daß euch Frankreich das Veltlin nie zurückgibt und daß Spanien euch Bündnern Bedingungen machen könnte , bei denen ihr euch ganz anders stündet . – Pater Pancraz , Ihr habt mir den gestohlenen Siegelring hervorgezaubert , könntet Ihr mir Euern Jenatsch , den einzigen , mit dem mir zu verhandeln möglich ist , auf dieselbe stille und prompte Weise in dies Kabinett bringen , so solltet Ihr Eurerseits Wunder erleben . ‹ – Da kam es wie eine Erleuchtung über mich , Euch von dieser merkwürdigen Rede Kunde zu geben . Kommt Ihr , so werde ich dafür sorgen , denn ich bleibe einstweilen in Mailand , daß Ihr außer dem hohen Herrn von niemand erblickt werdet . Könnet Ihr Euch daheim nicht frei machen , was ein Unglück wäre , so schickt eine Vollmacht , aber nur durch einen Mann , dem Ihr traut wie Euch selbst , wenn Ihr einen solchen kennt . Vergebt meinen Vorwitz und säumt nicht ! Der für meines Herrn Obersten zeitliches und ewiges Heil täglich betende Pater Pancraz . « Das Schreiben des Kapuziners , dessen menschenerfahrene Klugheit