des Küchenfensters sah sie Frau Löhn am Herde stehen , und nicht weit von ihr tauchte Gabriels blasses Gesicht wie ein Schemen aus einer dunklen Ecke auf ; dahin war er vorhin geflüchtet , als ihn der Hofmarschall während der Debatte mit einer heftig fortscheuchenden Bewegung aus dem Kreise der Hochgeborenen verwiesen hatte ... Es war ein arger Mißgriff ihrerseits gewesen , zu gunsten des Knaben zu sprechen – sie hatte damit seine Lage unzweifelhaft verschlimmert und dabei » ihr Genick gebrochen « , wie ihr eben der Hofmarschall triumphierend und unfein versichert – die widerwillig geduldete » zweite Frau « hatte mit diesem Schritt ihre Stellung dermaßen erschüttert , daß es nur eine Frage der Zeit war , wann sie in ihre Heimat zurückkehre ... Bei diesem Schluß atmete sie wie befreit auf , ein blendendes , hochbeglückendes Licht fiel in ihre Seele – jetzt ging der Anstoß zur Trennung von der anderen Seite aus , jetzt brauchte sie selbst nicht Hand anzulegen , um die Kette abzustreifen , in die sie , von einem grenzenlosen Irrtume befangen , selbst den Kopf gesteckt hatte . Jetzt freute sie sich des Mutes , mit welchem sie diesen orthodoxen Teufelsgläubigen ihre Ueberzeugung ins Angesicht geschleudert hatte – war nicht jedes Wort ein zerschmetternder Schlag auf Mainaus Verdummungsprogramm gewesen ? ... In ihren Händen konnte er unmöglich die Sorge für den Hausfrieden , die Erziehung des Erben von Mainau belassen , wenn er verreiste ; das litt schon der Hofmarschall nun und nimmer , und ihm selbst war sicher auch das Verlangen danach vergangen . Er brauchte auch das widerwärtige Aufsehen nicht mehr zu berücksichtigen – zum Eklat war es ja eben am Kaffeetische gekommen ... Frei werden ! ... Dort das verhaßte Schloß , in welchem sie schon so viel gelitten , erschien ihr von einem versöhnlichen Schimmer umgeben ; sie wollte die hier verlebte Prüfungszeit , wenn sie einmal hinter ihr versunken war , für einen schweren , glücklich abgestreiften Traum halten und seiner nicht mehr gedenken ... Zurück zu Magnus und Ulrike ! Mit ihnen wieder zusammenleben und weiterforschen in Rudisdorf , im trauten Gartensalon ! ... Wie gern wollte sie jetzt die schlimmen Launen der Mama , ihre heftigen Zornausbrüche ertragen ! Die Hölle dort – wie die Geschwister sich ausgedrückt , war nichts gegen die Qualen des Verlassenseins in der Fremde . Sie ging ja auch nicht zur Mutter , sondern zu Magnus – er hatte es ja fest und entschieden erklärt , daß Rudisdorf Heimat und Zufluchtsort für die Schwestern zu allen Zeiten sein werde ... O Magnus ! Thränen füllten ihre Augen bei der Vorstellung , ihn wiederzusehen . Hinter ihr stürmten in diesem Augenblicke die Jagdhunde freudig bellend aus dem Jägerhäuschen ; sie wandte den Kopf – dort kam eben Mainau und beschwichtigte mit einer gebieterischen Handbewegung die an ihm aufspringende Meute ... Wollte er in das Jägerhaus gehen , vielleicht den Shawl der Herzogin holen , der dort niedergelegt war ? ... Wie stolz und hoch er seinen Kopf trug , als sei er die personifizierte Mannesthat und Manneskraft ! Und er war doch der Erbärmlichste von allen – er sprach wider Wissen und Gewissen und schwieg wiederum bei den rohesten Angriffen , lediglich um einer Frau nicht beizustehen , die nicht in seine Pläne paßte ... Sie ging rasch weiter , als habe sie ihn nicht gesehen ; aber da stand er schon neben ihr . » Wie , Thränen , Juliane ? ... Du kannst weinen ? « sagte er mit der ganzen Wollust gesättigter Grausamkeit und sah ihr mit funkelnden Augen unter das Gesicht . Zornig fuhr sie mit dem Taschentuch über die Augen . » Nun , ereifere dich nicht – niemand weiß besser als ich , daß sie nicht aus weichem Herzen kommen . Es gibt Thränen der Erbitterung , des gekränkten Stolzes – « » Und der tieffsten Reue , « unterbrach sie ihn . » Ah , du bereust deinen Heldenmut von vorhin ? ... Wie schade – ich habe alles , was du sagtest , für die innigste Ueberzeugung gehalten , habe gemeint , du würdest nötigenfalls für jedes Wort märtyrhaft zu sterben wissen ... Du bereust also ? ... Soll ich dir den Hofprediger schicken ? Er suchte dir vorhin mit ganz unerklärlicher Bereitwilligkeit zu Hilfe zu kommen – die Herzogin ist außer sich darüber ... Soll ich schicken , Juliane ? Einen liebenswürdigeren Beichtvater hat die Welt nicht – ich weiß es von Valerie . « » Ich sollte es gestatten , « sagte sie , erbittert auf seinen lächelnden Hohn eingehend , » um mich in Hexen- und Gespensterglauben unterrichten zu lassen , damit ich « – sie verstummte unter glühendem Erröten mit einer ausdrucksvoll zurückweisenden Gebärde gegen ihn . » Damit du geliebt würdest , wie ich vorhin ausgesprochen , « ergänzte er . » Hier nicht ! Hier nicht ! « rief sie in Leidenschaft ausbrechend und streckte die Arme verneinend über die Schönwerther Gegend nach dem Schlosse hin . » Ich bereue , « setzte sie ruhiger hinzu , » daß ich mit meiner unbesonnenen Fürsprache Gabriels Geschick beschleunigt habe – alles andere , was ich ausgesprochen , bin ich bereit Wort für Wort zu wiederholen , ja , wenn ich dazu herausgefordert werden sollte , noch ganz anders zu begründen , jener hochgestellten Lügenhaftigkeit und deinem ätzenden Spott gegenüber ... Ich bereue ferner – « » Lasse mich das aussprechen , Juliane – ich möchte mir das nicht gern aus Frauenmunde sagen lassen , « unterbrach er sie plötzlich sehr ernst unter jenem raschen Farbenwechsel seiner Wangen , der sie heute schon einmal innerlich erschüttert hatte . » Du bereust ferner , daß du so blindlings , unwissend , so taubenhaft harmlos in die Ehe gegangen bist , und richtest nun gegen mich , › den erfahrenen Mann , der genau wissen mußte , was er that , was er verlangte , ‹ deine leidenschaftlichen Anklagen « – » Ja , ja ! « » Und wenn nun auch er bereute ? « » Du wolltest , Mainau ? Du würdest mir gestatten zu gehen ? Heute noch ? « fragte sie mit zurückgehaltenem Atem und aufstrahlenden Augen – sie preßte beide Hände wie inbrünstig bittend auf ihre Brust . » So war es nicht gemeint , Juliane , « antwortete er , sichtlich bestürzt über diesen mühsam verhaltenen Jubel . » Du hast mich falsch verstanden , « betonte er mit einem eigentümlich nervösen Aufzucken der Lippen . » Lassen wir das jetzt – es ist hier weder Zeit noch Ort für eine Verständigung . « » Verständigung ? « wiederholte sie tonlos und ließ die Arme sinken . » Sie ist ja ganz unmöglich ! Wozu denn dieses Hinschleppen ? ... Mein Gott , ich habe ja jetzt nicht einmal mehr den guten Willen , die ehrlich gemeinten Vorsätze , mit denen ich die neue Lebensstellung angetreten – ich bin verbittert und behaupte nur mühsam meine äußere Ruhe – mit Kopf und Herzen bin ich in Rudisdorf – nicht hier ! Das läßt sich wohl eine kurze Zeit durchsetzen , aber lebenslang – unmöglich ! ... Eine Verständigung ! « – Sie lachte bitter auf . – » Vor vier Wochen noch hätte ich sie aus eigenem Antriebe gesucht , im aufrichtigen Wunsche , die so unverzeihlich leichtsinnig übernommenen Pflichten zu erfüllen ; heute , nach allem , was vorgefallen , nicht mehr ! Ich weise sie zurück . « » Aber ich nicht , Juliane ! « rief er heftig , mit schwellenden Stirnadern ... Einen Moment stand sie stumm und eingeschüchtert vor ihm , den sie in solchen Augenblicken fürchtete ; aber war es nicht am besten für beide Teile , wenn es noch in dieser Stunde zum Bruch kam ? » Ich glaube zu verstehen , weshalb du vorderhand mein Verbleiben in deinem Hause wünschest , und das ist mir in diesem schweren Moment eine große Genugthuung , « sagte sie sanft . » Du hast erkannt , daß ich dein Kind mit aufrichtiger Liebe an mein Herz genommen habe – gib mir Leo mit nach Rudisdorf , Mainau ! Ich schwöre dir , daß ich nur für ihn leben , ihn wie meinen Augapfel behüten will . Ich weiß , Magnus und Ulrike werden ihn freudig aufnehmen ; was alles kann er lernen von diesen zwei Menschen , die geistig so hochbegabt sind ! ... Dann kannst du unbesorgt draußen in der Welt sein und auf Jahre verreisen – gib mir Leo mit , Mainau ! « Sie hielt ihm bittend die Hand hin – er stieß sie heftig zurück . » Wahrhaftig , es gibt eine Nemesis ! ... Ich möchte sie lachen hören , alle , alle ! « Er warf , selbst hohnlachend , den Kopf zurück und starrte in die blaue Luft hinein , als sähe er alle , die er meinte , vorüberfliegen . » Weißt du , wie die furchtbar gezüchtigte Eitelkeit aussieht , Juliane ? ... Ich werde es dir später einmal sagen ; jetzt nicht , noch lange nicht , bis – « Die junge Frau schritt plötzlich , ihm , der mit dem Rücken nach dem Jägerhäuschen stand , schweigend ausbiegend , nach den Ahornbäumen – dort kam die Herzogin in Begleitung der Hofdame ... Wie peinlich für Liane ! Die brennenden , neugierig vorwärtsstrebenden Augen der fürstlichen Frau hatten die heftige Bewegung beobachtet , mit welcher Mainau ihre Hand zurückgestoßen . Tieferrötend , wie mit Rosenglut überschüttet , ging sie den Damen entgegen – das boshafte Lächeln , das den Mund der Hofdame verzog , entging ihr nicht und machte sie noch befangener . Ah , die Frau Herzogin hatte eben einen unerquicklichen Auftritt durch ihr Erscheinen unterbrochen ! Der Eheherr hatte die junge Frau wegen ihrer Taktlosigkeit von vorhin gescholten und ihre Bitte um Verzeihung in so rauher Weise zurückgewiesen , wie es eben nur – die entschiedenste Abneigung vermochte . Jetzt gestand sie sich mit vollkommenster Ruhe , daß dem befangen daherkommenden » Rotkopf « dort zum vollendeten Bild des echt deutschen Gretchens nur die weissagende Sternblume in der Hand fehle – warum sollte sie nicht zugeben , daß diese von allen Seiten geschmähte und angefeindete zweite Frau von bestechendem Liebreiz sei ? – Faust liebte sie ja nicht ; er behandelte sie grausam , weil – nun , weil sein Tollkopf dieses Mädchen mit den rotgoldenen Flechten nicht so rasch wieder abzuschütteln vermochte , wie er es in glühender Rachsucht an sich gerissen hatte . » Meine beste Frau von Mainau , warum isolieren Sie sich ! « rief sie der jungen Frau gütig und herzlich entgegen . Sie trug ein Körbchen voll Obst in den Händen und hätte sie es ein wenig höher gehalten , so wäre man versucht gewesen , zu glauben , sie wolle » Tizians Tochter « als lebendes Bild verkörpern , in einer so anmutigen Stellung blieb sie stehen und erwartete die Herankommenden . » Hier mein Dank für Ihre schönen Blumen – ich habe sie mit eigener Hand gebrochen , « sagte sie und reichte Liane eine Frucht hin . Die Hofdame warf einen erstaunten Blick auf die Gabe ; sie war es nicht gewohnt , ihre stolze Herzogin auf diese freundschaftliche Art und Weise danken zu sehen – vielleicht wußte sie noch nicht , daß eine leidenschaftliche empfindende Frau , im Bewußtsein des vollendeten Sieges , über die Grenzen hinaus glück- und gnadenspendend zu sein vermag gegen die – Unterlegene ... Die Frau Herzogin ging noch weiter – war diese wunderschöne Hand , die nach der Frucht griff , nicht eben in unüberwindlicher Antipathie fortgestoßen worden ? » Und nun einen Vorwurf , liebe , junge Frau ! Warum haben Sie uns bis heute gemieden ? « fragte sie mit sanfter Freundlichkeit . » Ich hoffe Sie in der allernächsten Zeit bei mir zu sehen . « Liane streifte mit einem raschen Seitenblick den neben ihr stehenden Mann – seine Nasenflügel bebten leise , als unterdrückte er ein ironisches Lächeln ; im übrigen hatte er wieder jene vornehm lässige Haltung angenommen , die jedes Interesse an dem , was um ihn her vorging , leugnete . » Hoheit mögen mich entschuldigen , wenn ich dem Befehl nicht nachkomme , « sagte die junge Frau entschlossen . » Mainau wird in wenigen Tagen seine Reise antreten und mir erlauben , mich nach Rudisdorf zurückzuziehen . « – Da war es ausgesprochen , und zwar so unbefangen wie möglich ; die Lösung geschah unter vollkommen friedlichem Anstrich . » Wie , Baron Mainau – soll ich das glauben ? « fragte die Herzogin allzu rasch , wie atemlos – sie vergaß sich so sehr , daß die Hofdame in ein verlegenes Hüsteln verfiel . » Warum denn nicht , Hoheit ? « antwortete er , gleichmütig die Schultern emporziehend ; » Rudisdorf hat eine außerordentlich gesunde Lage und bietet die ungestörteste Stille für Geister , die sich am liebsten in sich selbst vertiefen ... Wenn auch selbst ein unstäter Wandervogel , denke ich doch billig genug , einem anderen es nicht zu verwehren , wenn er in sein Nest zurückkehren will ... Nimm dich in acht , Juliane , er wird dir dein hübsches Kleid zerreißen ! « – er meinte Leos riesenhaften Leonberger Hund , der wahrscheinlich , bis dahin im Jägerhaus eingesperrt , sich eigenmächtig befreit hatte , und nun wie rasend vor Freude an der jungen Frau in die Höhe sprang . » Der tolle Bursche hat sich wahrhaftig in eine förmliche Passion für dich verrannt , – was soll aus dem armen Narren werden , Juliane ? – Leo wird sich von ihm nicht trennen wollen ! « Liane biß sich auf die Lippen – das war die Antwort auf ihre Bitte von vorhin , und in welcher frivolen , kaltlächelnden Weise wurde sie ihr gegeben ! ... Den Blick , der sie begleitete , sah nur die Hofdame ; sie beschrieb ihn später der Herzogin als den Inbegriff von Widerwillen – wie ein Funken sei er über » die rothaarige Frau « hingefahren . 14. Mittlerweile durchstreiften die fürstlichen Kinder mit Leo den Park . Sie hatten es sehr bald langweilig gefunden , reifes und unreifes Obst abzureißen und den Weg mit angebissenen Früchten zu bestreuen . Der Kaffeetisch hatte auch keine Anziehungskraft für sie – Frau Löhn wurde mit ihren Tassen , Milchgläsern und Kuchentellern entschieden zurückgewiesen ; desto verlockender klangen die einzelnen kreischenden Laute aus den Affenkehlen vom indischen Garten herüber . Zwar war es den Prinzen streng verboten , das Thal von Kaschmir allein , ohne die Begleitung Erwachsener zu betreten , hauptsächlich des Teiches wegen , der eine bedeutende , ja , verrufene Tiefe hatte . Aber jenes Verbot beirrte sie wenig ; drüben unter den Ahornbäumen ging es ja so laut und lebhaft zu ; die Mama und Herr Werther kamen jetzt gewiß nicht , und die Hofdame » hatte ihnen ganz und gar nichts zu sagen « , wie der Erbprinz seinem Gespielen Leo im tiefsten Vertrauen versicherte . Zuerst wurde der Stier aufgescheucht , der sich vergnügt auf dem Uferrasen sonnte ; er war aber bejahrt und sehr friedfertiger Natur und zog sich schleunigst hinter die Boscage zurück . Die Schwäne auf dem Teiche flohen vor den gutgezielten Steinwürfen flügelschlagend in ihr Haus , und das flimmernde Volk der Gold- und Glanzfasane zerstob lautlos in alle Schlupfwinkel beim Geräusche der trabenden und verfolgenden Kinderfüße . » Du , Leo , steckt denn die Hexe noch immer drin ? « fragte der Erbprinz , nach dem indischen Hause zeigend . Leo nickte . » Wenn ich nur dürfte « – sagte er und hieb mit seiner Gerte durch die Luft . » Jagt sie doch fort – oder werft sie ins Wasser ! « » Dummheit – der weiß nicht einmal , daß Hexen nicht untergehen ! Sie schwimmen doch immer obendrauf , und wenn es hundert Jahre dauern sollte – die Berger hat ' s gesagt , die wußte es ganz genau . « Der Erbprinz blieb mit offenem Munde stehen ; das Wunder war ihm neu ; aber er wurde dadurch erst recht in seinen Vernichtungsplänen bestärkt . » Wenn wir Schießpulver hätten , « meinte er , » da könnten wir sie ganz bequem in die Luft sprengen . Hauptmann von Horst hat mir gestern erst in der Stunde erklärt , wie man das macht – man legt einen Schwefelfaden hin – « » Pulver gibt ' s im Jägerhäuschen , « schrie Leo auf – er war Feuer und Flamme . Die Hexe in die Luft sprengen ! Heisa , das gäbe einen Hauptspaß ! Die Kinder liefen durch die Plantagen ; sie begegneten dem Erzieher , der sie suchte , und kamen auch an dem Spaliere vorüber , wo die Mama Obst pflückte ; aber sie waren schlau genug , von ihrem Geheimnisse kein Wort verlauten zu lassen – es sollte ja eine große Überraschung geben . Geräuschlos huschten sie in das Jägerhaus . Der Schlüssel steckte wirklich im Gewehrschranke ; hinter den Glasscheiben hing verlockend ein zwar in den Ruhestand versetztes , aber reich verziertes Pulverhorn , und der Jägerbursche war nicht in der Stube . Der Erbprinz stieg auf einen Stuhl , nahm das Horn vom Nagel und prüfte den Inhalt – es war bis herauf gefüllt . Nach Schwefelfaden aber sah er sich vergeblich um ; indes der kleine durchlauchtigste Kopf wußte sich zu helfen . Dort auf dem Nachttische lag das fadendünne Endchen des Wachsstockes , und aus einem Becher guckten Schwefelhölzchen . » Es geht auch so , « sagte er und steckte das gesamte Material in die Tasche . In diesem Augenblicke trat der Jägerbursche herein und überflog mit einem Blick die ganze Situation . Es war ein junger Mann mit finsteren Zügen , von dem sich Mosje Leo nicht Gutes versprechen mochte . » Mache , daß du hinauskommst ! « befahl der Kleine in grobem , herrischen Tone , dem man aber doch die Angst um das eroberte Pulverhorn anhörte . » Oho – aus meiner eigenen Stube ? « versetzte der Jäger – das Blut stieg ihm in das braune Gesicht . Er ging auf den Erbprinzen zu , der , das Pulverhorn mit beiden Händen auf den Rücken haltend , in eine Ecke retirierte , und griff ohne Umstände über die Schulter des fürstlichen Knaben ; aber er kam schlimm an – Seine Durchlaucht trat mit den Füßen nach ihm ; der andere kleine Prinz zerrte ihn am Rockschoß zurück , und Leo sprang mit hochgehobener Gerte auf ihn los . » Warte , ich werde es machen , wie der Großpapa ! « schrie er . » Weißt du noch , wie er dich mit der Hetzpeitsche über das Gesicht geschlagen hat ? « Der Bursche wurde bleich bis an die Lippen – er hob die Faust , um den ungebärdigen Knaben zu Boden zu schlagen . » Brut ! « knirschte er , sich mühsam bezwingend . » Meinetwegen ! Thut doch , was ihr wollt ! Immerhin ! Für euch alle wär ' s am besten , man steckte einen Schwefelfaden unter euch an ! « Er ging hinaus und warf die Thür schmetternd in das Schloß . Die Kinder warteten in atemloser Spannung , bis seine Schritte auch hinter der Küchenthür verklungen waren , dann schlüpften sie hinaus . Wenige Minuten darauf kam die Beschließerin aus dem Hause gelaufen und sah , die Hand gegen den Sonnenschein über die Augen haltend , angestrengt über die Anlagen hin . Das geschah in dem Augenblick , wo Baron Mainau in Begleitung der Damen nach den Ahornbäumen zurückkehrte . » Was gibt ' s , Löhn ? « fragte er die sichtlich erregte Frau . » Im indischen Garten sind sie – die Kinder nämlich , gnädiger Herr – ich hab ' den kleinen Baron noch laufen sehen , « versetzte sie hastig . » Daß Gott erbarm – sie haben ja Schießpulver und Schwefelhölzchen mitgenommen ! Eben sagt ' s mir der Jäger . « Die Herzogin stieß einen Schreckenslauf aus und hing sich an Mainaus Arm , der sofort den Weg nach dem Thal von Kaschmir einschlug . Liane und die Hofdame folgten , und der Erzieher , der sorglos drüben durch die Spaliere schlenderte , setzte auf einen sehr ungnädigen Zuruf der Herzogin hin auch schleunigst seine langen Beine in Bewegung . Sie kamen eben recht , um jenes Entsetzen zu empfinden , das uns angesichts einer furchtbaren , an einem Haar schwebenden Gefahr schüttelt . Inmitten der Veranda des indischen Hauses , unmittelbar auf der schimmernden Palmriedmatte , hatten die Kinder das Schießpulver zu einem kleinen Haufen zusammengeschüttet , ihn in der Mitte vertieft und das Lichtstümpfchen hineingesteckt – da brannte das dünne Stengelchen lichterloh – die leiseste Erschütterung , ein starkes Ausatmen konnte es umwerfen , oder einen Funken vom Docht lösen . Die Pulvermenge hätte allerdings nicht genügt , um , wie es gewünscht wurde , » das Hexenhaus « in die Luft zu sprengen ; die Gefahr lag in der grenzenlosen Harmlosigkeit der Kinder , die sich selbst ganz und gar nicht in die Mitleidenschaft bei der Sache zu denken vermochten – sie hockten aneinander gedrängt um die sogenannte » Mine « , und die Gesichter darüber neigend , warteten sie atemlos auf den interessanten Moment , wo die Flamme so weit niedergekrochen sei , um an dem Pulver zu lecken . Leo kauerte zwischen den beiden Prinzen und konnte zuerst die Herbeieilenden sehen . » Still , Papa – wir sprengen die Hexe in die Luft ! « rief er bald flüsternd und die Augen kaum bewegend hinüber . Mit einem Sprunge stand Mainau vor der Veranda , und ohne die leicht zu erschütternden Stufen zu betreten , reckte er sich weit hinüber und zerdrückte die kleine Flamme in seiner Hand . Als er das Gesicht zurückwandte , war es fahl wie das eines Gespenstes ; die Herzogin aber sank unter einem hysterischen Aufschluchzen in die Arme der Hofdame . Sie erholte sich jedoch augenblicklich wieder . » Die Prinzen gehen heute ohne Abendbrot zu Bette und dürfen morgen zur Strafe nicht ausreiten , Herr Werther ! « befahl sie hart und streng , während Mainau seinen Knaben an den Schultern hielt und ihn unter heftigem Schelten derb schüttelte . Liane trat hinzu und legte beide Arme um das aufweinende Kind . » Willst du ihn wirklich für die Sünden seiner vorigen Erzieherin züchtigen , Mainau ? « fragte sie mit sanftem Ernst . » Ich meine , du darfst das so wenig , wie man das Volk für derartige Grausamkeiten verantwortlich machen kann , sobald es in seinen finsteren Wahnvorstellungen systematisch erhalten und bestärkt wird . « – Sie strich mit bebender Hand zärtlich über die wunderschönen Kinderaugen , die nur der entschlossene Griff der väterlichen Hand vor dem furchtbaren Geschick der Erblindung behütet hatte . Das Gesicht der Herzogin nahm plötzlich jene totenhafte Wachsweiße an , die Liane schon bei ihrer ersten Begegnung im Walde erschreckt hatte – die fürstliche Frau vergaß , daß der Erzieher der Kinder , die Hofdame , er selbst , dem so leicht das gefürchtete , triumphierende Spottlächeln auf die Lippen trat , um sie her standen ; sie sah nur , wie das junge liebliche Weib den Knaben an ihr Herz drückt , und das war sein Kind , sein Ebenbild , an welches diese gelassene junge Frau so ruhig und selbstverständlich ihre Mutterrechte geltend machte – das war nicht zu ertragen ! – Die mühsam niedergehaltene Eifersucht fiel sie an wie ein plötzlich eintretender Wahnsinn . So weit vermochte sie sich aber doch zu beherrschen , daß sie der Verhaßten nicht sofort mit höchsteigenen Händen den Knaben wegriß , wenn sie auch völlig aus der Rolle der gnädig und huldvoll gesinnten Herrscherin fiel . » Verzeihen Sie , meine Liebe ! Ihre Anschauungen sind so seltener Art , daß sie mir zu meinem alten , lieben Schönwerth zu passen scheinen , als wolle man die Trikolore auf die ehrwürdigen Türme dort pflanzen , « sagte sie schneidend und zeigte nach dem Schlosse . » Ich kann mir nicht helfen , und Sie mögen mir deshalb auch nicht gram sein , aber mir ist immer , als hörte ich irgend eine Gouvernante , irgend eine simple Schulze oder Müller , ihre wunderlichen Ansichten entwickeln – gilt Ihnen das Vorrecht , den glänzenden Namen Mainau zu tragen , so wenig ? « » Hoheit , bis vor wenigen Wochen war ich die Gräfin Trachenberg , « unterbrach sie die junge Frau , mit stolzer Ruhe ihren alten , hocharistokratischen Familiennamen betonend . » Wir sind verarmt , und auf den letzten Trägern des Namens liegt der Makel der Selbstverschuldung – aber der Stolz auf die Heldenthaten und das fleckenlose Verhalten einer langen Ahnenreihe ist trotz alledem mein Erbteil ; ich weiß gewiß , daß ich es nicht schädige , wenn ich menschlich fühle und denke , und deshalb können auch die Mainaus unbesorgt sein . « Die Herzogin klemmte zornig die Unterlippe zwischen ihre feinen , spitzen Perlenzähnchen , und an der wogenden Bewegung der Rockfalbeln sah man , daß ihre kleinen Füße den Kies ungeduldig bearbeiteten – die Hofdame und der Prinzenerzieher bemerkten erbebend dieses Zeichen ausgesprochenster allerhöchster Ungnade . Mainau hatte sich , solange Liane sprach , abgewendet , als wolle er gehen ; jetzt sah er über die Schulter zurück . » Hoheit , ich bin unschuldig , « versicherte er , beide Hände spöttisch beteuernd auf das Herz legend . » Ich kann wirklich nicht dafür , daß Sie im › lieben , alten Schönwerth ‹ eine solche Antwort hören müssen – ich glaubte selbst an schlichten Taubensinn . Diese Dame mit dem sanften Lavallièregesichtchen hat nicht allein den berühmten Namen , sondern auch das Schwert ihrer heldenhaften Vorfahren geerbt – es sitzt ihr in der Zungenspitze – ich weiß ein Lied davon zu singen . « Er zuckte unter höhnischem Auflachen die Achseln . Diese kleine , scharf zugespitzte Szene , bei der jedes Wort der eben zerdrückten Lichtflamme inmitten des Schießpulvers glich , wurde unausgesetzt von dem leisen Weinen der kleinen Prinzen begleitet – der heldenmütige Erbprinz wollte sein geliebtes Karottengericht auf dem Abendbrottisch nicht einbüßen , und sein Bruder weinte um den Pony , den er morgen nicht sehen durfte . Herrn Werthers eifrig geflüstertes Zureden verfing nicht , und als er sie , ohnehin geängstigt durch das sichtbare Zürnen der Herzogin , rasch hinwegführen wollte , da brach das moderierte Klagduett in ein lautes Aufschreien aus . Fast zugleich hörte man den Fahrstuhl des Hofmarschalls eiligst heranrollen . Mit angstbleichem Gesicht kam der alte Herr näher ; als er aber die gesamte Gesellschaft heil und unversehrt erblickte , befahl er dem Jägerburschen , der ihn fuhr , zu halten – er wollte offenbar den nächsten Umkreis des indischen Hauses meiden . Mit ihm kamen auch der Hofprediger und Frau Löhn , beide in sichtlicher Aufregung , die wohl das Weinen der Kinder erhöht hatte . » Um Gotteswillen , Raoul , was gehen hier für unerhörte Dinge vor ? « rief der alte Herr . » Ist es wahr , wie die Löhn sagt , daß die Kinder mit Schießpulver gespielt haben ? « » Ein Spiel mit tieferem Sinn , Onkel – die Lotosblume sollte schließlich doch noch in die Gefahr kommen , als Hexe zu sterben : die Kinder haben sie in die Luft sprengen wollen , « antwortete Mainau mit halbem Lächeln . » Wär ' s nur vor sechzehn Jahren geschehen ! « stieß der Hofmarschall mehr murmelnd heraus , wobei sein Blick scheu das Bambusdach streifte . » Aber nun frage ich , wie kommt das Pulver in die Hände der Kinder ? ... Wer hat es Ihnen gegeben , mein Prinz ? « wandte er sich an den konsequent heulenden Erbprinzen . » Der Mann da ! « sagte er und zeigte nach dem Jägerburschen , der unbeweglich , in dienstlicher Haltung , hinter dem Fahrstuhl stand . Der kleine Feigling hatte nicht den Mut , für seine That verantwortlich zu sein ; er wälzte sie auf die Schultern eines anderen . » Aber das ist ja gar nicht wahr ! « rief Leo aufgebracht – seine unbestechliche Wahrheitsliebe und Geradheit empörten sich gegen diese Lüge . » Dammer hat uns das Pulver nicht gegeben ; er wollte es ja gar nicht leiden – er war nur schrecklich grob und wollte mich zu Boden schlagen , und dabei hat er uns › Brut ‹ geschimpft und hat gesagt , für und alle wäre es besser , wenn ein Schwefelfaden unter uns angesteckt würde . « » Hund ! « fuhr der Hofmarschall wütend nach dem Jägerburschen herum – er schnellte empor , sank aber ächzend vor Schmerz wieder zurück . » Da siehst du nun , Raoul , wohin deine Humanitätsanwandlungen führen ! Man ernährt diese Tagediebe und schützt sie mit unerschöpflicher Güte vor dem Hungertode ; wenn man aber nicht stündlich mit der Hetzpeitsche hinter ihnen steht , da werden sie frech , stehlen , wo sie können , und schließlich ist man nicht einmal seines Lebens vor ihnen sicher . « » Beweisen Sie mir einen einzigen Diebstahl , gnädiger Herr ! « rief der Jäger mit auflodernder Heftigkeit – der Mann war schrecklich anzusehen mit seinen rollenden Augen und der dunklen Zornglut , die seine Wangen bedeckte . » Ein Tagedieb wär ' ich ? Ich arbeite redliche – « » Ruhig , Dammer – entfernen Sie sich ! « gebot Mainau und zeigte nach dem Jägerhause . » Nein , gnädiger Herr , ich habe die Ehre so gut wie Sie , und ich halte vielleicht mehr darauf als die großen Herren , denn