sie dann leise , » sie ist sehr reizend , sehr – und nun leb wohl , Beate ! « » Willst du weinen ? « fragte die Cousine , » du hast so glänzende Augen ! « » Nein « , sagte Klaudine , » ich will nicht weinen . « » Na , dann leb wohl , Herzenskind , und denke an frische Toiletten . Lothar will ein Fest geben . Ich meine , du wirst dann selbst diese › sehr reizende ‹ Prinzessin ausstechen , und nicht wahr , du leihst mir ein wenig deinen Rat , ich hin in der Hofsitte so unerfahren wie ein kleines Kind . Leb wohl , Schatz , leb wohl ! « Klaudine eilte ins Haus zurück in ihr kleines Stübchen . Ihr war , als sei die Welt aus den Fugen gegangen seit gestern . Sie wußte ja nur zu gut , warum Prinzeß Thekla ihr zweites Töchterchen nach Neuhaus brachte ! » Verloren ! « flüsterte sie , » verloren für immer ! Aber – kann man denn etwas verlieren , was man nie besaß ? « Sie war nicht ärmer als bisher , und doch – seit gestern , seit diesem bunten schrecklichen Gestern hatte sich riesengroß eine Hoffnung in ihr Herz gedrängt , sie hatte wider Willen an seinen nächtlichen Ritt tausend süße törichte Gedanken geknüpft . Hoffen und Bangen hatte sie bewegt bis zum grauen Morgen . Welche Torheit ! Er war nicht gekommen , um mit liebendem Auge ihren Schatten zu erspähen , er hatte nachsehen wollen , ob sie daheim sei , wie es ehrbaren Mädchen ziemt ! O , er war sehr besorgt um die Ehre seines Namens ! Sie preßte die Hände vor die Augen , so fest , daß sie Feuerfunken zu sehen vermeinte , aber mitten darin gaukelte eine zierliche Mädchengestalt . Sie ließ die Arme wieder sinken und schaute durchs Fenster . War sie überhaupt noch bei Sinnen ? Durch die roten Flecke , die noch vor ihren Augen tanzten , leuchtete jenseit des Gitters die Purpurlivree des herzoglichen Dieners , und nun stürzte Fräulein Lindenmeyer bereits ins Zimmer : » Klaudinchen ! Fräulein Klaudine , die Hoheiten ! « Mit schwankendem Schritt trat Klaudine vor den Spiegel , setzte das weiße Strohhütchen auf , ließ sich von Fräulein Lindenmeyer den blaugefütterten Sonnenschirm in die Hand drücken und ging hinunter . Sie sah kaum , daß auf dem hohen Bock des sehr niedlichen zweisitzigen Wagens der Herzog in eigenster Person die Zügel hielt . Mechanisch beugte sie sich auf die Hand der Herzogin , deren zartes Gesicht vor Wonne über diese Spazierfahrt leuchtete . » O , danke , danke , meine beste Klaudine , es geht mir vortrefflich ! « sagte sie mit ihrer matten Stimme , » wie soll es auch anders sein ? Dieses himmlische Wetter , dieser Tannenduft , der Herzog als Wagenlenker und Sie mir zur Seite ! Sagen Sie selbst , meine Beste ! « Man war stundenlang in den Wäldern umhergefahren , vor einer einsamen Mühle wurde haltgemacht und die Herzogin hatte von der jungen , ganz bestürzten Müllersfrau ein Glas kühler Milch erbeten , während der Herzog dem Diener die Zügel zuwarf und plaudernd am Wagenschlag lehnte . Den ehrerbietig herzugeeilten Müller hatte er huldvoll nach dem Gange des Geschäfts gefragt und ihn geheißen , der Frau Herzogin die drei Buben vorzustellen , die mit den kleinen Prinzen just in einem Alter standen , und die fürstliche Frau hatte die blonden sonnverbrannten Kinder gefragt , was sie werden wollten , und auf die Antwort : » Soldaten ! « jedem für die Sparkasse einen blanken Taler mit dem Bilde des Herzogs geschenkt . Dann war man weitergefahren , heimwärts , denn die Abendsonne begann durch das Tannengezweig zu leuchten . Die Herzogin tat noch immer tausend Fragen . Gewaltsam mußte Klaudine ihre wild davonflatternden Gedanken zusammennehmen . » Neuhaus hat Gäste « , sagte jetzt die fürstliche Frau , » dort weht die Standarte unseres Hauses . « » Ihre Durchlaucht Prinzeß Thekla « , bestätigte Klaudine mit matter Stimme . » Und Helene ? « » Prinzeß Helene wird ebenfalls erwartet , Hoheit . « » Leb wohl , du schöne Einsamkeit ! « rief die Herzogin . Die Kutsche näherte sich rasch der niedrigen Mauer des Neuhäuser Parkes , ihr entgegen rollten in scharfem Trabe zwei Landauer , die Kutscher und Diener in großer Livree . Man mußte sich unmittelbar an der Einfahrt begegnen , und in der Tat , der Herzog senkte grüßend die Peitsche , und die Herzogin winkte freundlich mit der Hand zu dem Wagen hinüber , in deren braunseidenem Rücksitz zwei Damen saßen , gegenüber Baron Lothar . Klaudine sah , wie die junge Prinzessin , im koketten Reisemantel aus hellgrauer glänzender Seide , unter dem zierlichen Strohhütchen hervor einen spöttisch verwunderten Blick zu ihr hinüberwarf , wie Prinzeß Thekla die Lorgnette bei der Verneigung , die sie der regierenden Herzogin halb widerwillig zukommen ließ , kalten Auges auf sie richtete und wie Lothar sie kaum zu beachten schien . Nach ein paar Sekunden war man aneinander vorüber . » Dort tritt die künftige Herrin in das Neuhäuser Schloß « , sagte der Herzog , und seine blitzenden Augen streiften das bleiche Mädchengesicht . » Du meinst wirklich , Adalbert ? Welch Glück für die kleine Verwaiste ! « Er antwortete nicht . Klaudine preßte die Hände um den Griff ihres Sonnenschirmchens , sie zwang sich gewaltsam , ihre tiefe Bewegung nicht zu verraten . Ahnte der Herzog , wer es war , den sie im Herzen trug ? Sie konnte nicht hindern , daß eine heiße Röte sich über ihr Antlitz ergoß , und jetzt begegnete sie abermals dem forschenden Auge des Herzogs . » Sie ist ein verwöhntes kleines Geschöpf « , sagte die Herzogin , die jetzt wie träumerisch in dem Polster des Wagens lehnte , » möge sie Glück bereiten und finden ! Unter uns , liebste Klaudine , ich glaube , Geralds Neigung wird von ihr erwidert und von Prinzessin Thekla begünstigt . « » Ich glaube es auch , Hoheit « , bestätigte Klaudine und erschrak fast über ihre harte Stimme . Es war mit einem Male seltsam kalt und still in ihr geworden . In Neuhaus waren indessen die fürstlichen Gäste heimisch geworden . Prinzeß Helene hatte das Kind ihrer Schwester , das Frau von Berg den Damen im weißen , überreich mit Spitzen verzierten Kleidchen entgegentrug , geküßt und dann sofort Umschau gehalten . Sie war treppauf und -ab gegangen , hatte Türen geöffnet , in die Zimmer gesehen und gefragt , wo denn ihr Schwager sein Heim habe , um stehenden Fußes auch in dessen Räume einzudringen , die mit ihren Jagdtrophäen und Waffen , mit Bilderschmuck , mit antiken Möbeln und persischen Teppichen das Muster einer eleganten Herrenwohnung boten , und hatte dort , neugierig wie ein Kind , mit ihren schwarzen Beerenaugen alles gemustert . Sie war im Garten gewesen und wieder in das Herrenhaus gekommen und hatte da plötzlich vor einer Tür gestanden , die mit großer energischer Schrift die Worte : » Verbotener Eingang ! « zeigte . Sofort hatte Ihre Durchlaucht den Drücker gebogen , und ihr dunkles Köpfchen lugte neugierig in das altvaterische Wohnzimmer . Wie das gemütlich aussah ! Wie traulich das Abendrot die altersbraunen Möbel überhauchte ! Und wunderbar , dort am offenen Fenster saß ein schlanker Mann und las , sein feines Profil hob sich scharf ab gegen das dunkle Grün der Bäume hinter den Scheiben . Er war so tief in den alten Lederband versunken , daß er gar nicht bemerkte , wie er beobachtet wurde . Leise machte die kleine Prinzeß die Tür wieder zu und flog die breite eichene Treppe hinauf . Oben warf sie sich in einen Lehnstuhl und wollte sich totlachen über das erschreckte Gesicht der Frau von Berg , die auf ihrem gewöhnlichen Platz eifrig schrieb . » Was haben Sie uns denn eigentlich immer berichtet von diesem Neuhaus , liebste Berg ? « fragte sie . » Da war in Ihren Briefen an Mama von weiter nichts die Rede , als von › durchaus nicht standesgemäß ‹ , von › spießbürgerlichen Gewohnheiten ‹ und so weiter . Ich finde es reizend , überaus reizend hier , ich werde nicht einen Augenblick die Langeweile verspüren , die man immer zwischen Ihren Zeilen lesen mußte . Und was wollen Sie denn von der Schwester des Barons ? Sie ist eine originelle Dame und sieht stattlich genug aus in ihrem grauen Seidenkleid , und was das Kind betrifft , so waschen Sie der Kleinen nur die dichte Schicht Reispuder ab , die Sie auf das arme Gesichtchen gelegt haben , wahrscheinlich um Mama zu rühren . Augenblicklich gleicht es Ihnen , liebste Berg , wenn Sie nämlich schmachtend zu erscheinen wünschen . « » Durchlaucht ! « rief Frau von Berg beleidigt und wurde rot unter der Schminke . » Ereifern Sie sich doch nicht « , fuhr die Prinzessin fort , » geben Sie lieber derartige Versuche auf ! Ich finde es nun einmal reizend hier draußen und werde das meinem Schwager sagen . « » Da werden Durchlaucht völlig seinen Geschmack treffen . « » Oh , was Sie meinen , Beste , das weiß ich « , erwiderte die Prinzessin , » aber das ist lächerlich , einfach lächerlich . Heraus mit der Sprache , liebstes Bergchen , wenn Sie positives wissen « , sagte sie siegesgewiß . » Sie begreifen doch , es kann mir nicht gleichgültig sein , wer die Mutter des Kindes « – sie wies nach der Nebentür – » wird . « » Durchlaucht glauben mir ja doch nicht « , schmollte die Dame und sah vorüber an den funkelnden schwarzen Mädchenaugen . » Mitunter nicht ! Ich weiß indessen ganz genau Wahrheit und Dichtung bei Ihnen zu unterscheiden . « » Nun , so lasse ich Ihnen die Wahl , Prinzessin « , begann Frau von Berg eifrig , » ob Sie glauben wollen oder nicht . Er – « » Es ist nicht wahr ! « » Aber , Durchlaucht , ich sprach noch gar nicht ! « » Alice , sagen Sie nichts , es ist nicht so « , rief die Prinzessin fast drohend . » Er hat sie niemals angesehen , er ist ihr geflissentlich aus dem Wege gegangen . Sie wollten etwas anderes erzählen . « » Gut , wie Durchlaucht befehlen . Sie – « » Sie ist in anderen Ketten und Banden , ich habe es gesehen « , rief Prinzeß Helene . » Der Herzog – « » Aber ich habe ja noch gar nichts gesagt « , unterbrach die Berg . » Wenn Durchlaucht so gut unterichtet sind , was soll ich dann noch sagen ? « » Sprechen Sie , Alice « , bat die Prinzessin jetzt , » ist es denn möglich ? Mama ist außer sich darüber , ich sehe es ihr an , sie redet kein Wort zu mir , seit wir den Herzog mit ihr im Wagen gesehen haben , und ihre Nase ist spitz , das bedeutet Sturm . Sie wissen es , Alice . « » Aber die Herzogin fuhr mit , Prinzessin . « » Ach Gott « , rief diese und schlug die kleinen Hände zusammen , » die arme gute Liesel ! Sie schwebt , wie gewöhnlich , in höheren Regionen und sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht . Ich wette , Hoheit , meine Cousine , schreibt wieder an einem Trauerspiel , das dann im nächsten Winter zu unser aller Erbauung aufgeführt werden wird . Wissen Sie noch , Alice , vorigen Winter ? Aber Sie waren ja in Nizza . Schauerlich ! Schauerlich ! Drei Tote waren zuletzt auf der Bühne , und ich hörte , wie Graf Windeck zu der Moorsleben sagte : » Passen Sie auf , Gnädigste , jetzt sticht gleich noch der Souffleur den Lampenputzer tot . « Sie lachte übermütig , die kleine Prinzessin , wurde aber sofort wieder ernsthaft . » Ich bin ihr bei alledem doch sehr gut , Alice , sie ist liebenswürdig , trotz ihrer Romanideen . Arme , arme Liesel ! Hätte sie nicht heute neben ihr gesessen , ich wäre aus dem Wagen gesprungen und ihr um den Hals gefallen . Sagen Sie , Alice , wie kann man einen solchen Eiszapfen , wie diese Klaudine , zu näherem Verkehr um sich haben ? « Die Tischglocke erscholl in diesem Augenblick und Prinzeß Helene ließ sich noch in aller Eile die Stirnlöckchen zurecht machen . Auf der teppichbelegten Treppe schritt eben Prinzessin Thekla am Arme des Hausherrn hinunter , als sie mit Frau von Berg und der Hofdame nachfolgte . » Übrigens , Alice « , fragte die junge Prinzeß leise , » was ist das für ein Herr , der in dem Zimmer wohnt , wo angeschrieben steht » Verbotener Eingang « ? « » Ein Herr , Durchlaucht ? « » Nun ja , ja ! « » Durchlaucht müssen einen Geist gesehen haben . « » Doch nicht . Ich werde mich bei Fräulein von Gerold erkundigen . « Sie tat es auch sofort , man hatte kaum Platz genommen . » Das war mein Vetter Joachim , Durchlaucht « , antwortete Beate , und die Suppenkelle schwankte ein klein wenig in ihrer Hand . » Der Bruder von Klaudine Gerold ? « » Ja , Durchlaucht . « » Das Eulenhaus ist ja wohl sehr nahe , lieber Gerold « , erkundigte sich Prinzeß Thekla und nahm Salz in die Suppe . » In einer halben Stunde zu erreichen « , erwiderte er . » Wenn die gnädigsten Herrschaften befehlen , fahre ich vorüber an der Klosterruine . Sie ist sehenswert . « » Danke ! « unterbrach ihn kühl die alte Prinzessin . » Danke ! « betonte ebenso kühl Prinzeß Helene . Er sah verwundert von seinem Teller auf . » Durchlaucht werden diesen Anblick kaum vermeiden können , denn unser schönster Waldweg führt an der Ruine vorbei . « » Ich hoffe , Baron « , nahm Prinzeß Helene das Wort , » ich hoffe , Sie werden mich auf meinen Ritten begleiten . Komtesse Moorsleben ist zuweilen auch dabei . « » Durchlaucht brauchen nur zu befehlen « , erwiderte er . Prinzessin Thekla sprach jetzt von einer Milchkur , die sie unternehmen wolle . Sie war mit einem Male sehr liebenswürdig , scherzte mit Lothar über seine idyllische Häuslichkeit und nannte Beate ein Mal über das andere : » MeineTeure « . Niemals hatte sie so schmackhafte Forellen gegessen , und als Lothar sich erhob , das gefüllte Glas mit dem perlenden Champagner in der Hand , für die große Ehre dankend , die ihm durch den Besuch der durchlauchtigsten Großmama zuteil geworden , reichte sie ihm huldvoll die reich beringte schmale Hand zum Kuß und drückte das spitzenbesetzte Tuch einen Moment gerührt an die Augen . Unter dem Vorwand , sie sei ermüdet , hob sie die Tafel noch vor dem Nachtisch auf und die Damen zogen sich in ihre Gemächer zurück . Frau von Berg durfte noch lange am Bette der Prinzessin Thekla sitzen , und als sie endlich ihr Zimmer aufsuchte , geschah es mit erhobenem Kopfe . Sie setzte dann noch eine Nachschrift unter den nachmittags begonnenen Brief : » Es ist alles in schönster Ordnung , die Kleine brennt lichterloh in Liebe und Haß . Für wen die erstere Flamme leuchtet , wissen wir , und die letztere flackert für Klaudine . In wenigen Tagen werden die Bäume im Walde sich eine große Neuigkeit erzählen . Im übrigen , anfangs der nächsten Woche findet hier ein Fest statt . Prinzeß Helene schwärmt von einem Tanz unter den Linden im Garten . Sie hat bei aller Bosheit eine gewisse Gutmütigkeit , so daß man sich bei ihr eines törichten Streiches wohl versehen kann und vorsichtig sein muß ! A. v. B. « Sie siegelte den Brief und trug ihn hinunter . Eins der Küchenmädchen empfing ihn im Halbdunkel des Kellergeschosses und steckte schmunzelnd einen Taler in die Tasche . Frau von Berg mußte hohes Porto zahlen . In der dämmerigen Wohnstube aber erscholl ein herzliches Frauenlachen . Als Beate hereintrat , saß da noch immer eine Gestalt in ihrem Lehnstuhl auf der Estrade und schrieb an ihrem Nähtischchen im allerletzten Tagesschein . » Aber , Joachim ! « rief sie mit ihrer klingenden Stimme , » wollen Sie sich durchaus die Augen verderben ? « Er fuhr empor , denn er hatte ganz vergessen , wo er war . » Mein Gott « , sagte er erschreckt und faßte nach dem Hut , » ich habe mich über dem alten Buche da verspätet . Verzeihen Sie , Cousine , ich räume sofort das Feld . « » Jetzt nicht ! « erklärte sie noch immer lachend , » denn Lothar wird Sie auch sehen wollen . Ihm gilt ja wohl Ihr Besuch ? « Und sie drückte ihn sanft auf den Sessel zurück und suchte ihren Bruder . Er stand in seinem Zimmer am Fenster und starrte auf die Landstraße hinaus . » Lothar « , bat sie , » kommt herüber ! Joachim sitzt noch immer dort und hat Zeit und Weile vergessen über dem alten Reisetagebuch aus Spanien , weißt du , das vom Großvater , in dem weißen Lederband . « » Wie kam er denn eigentlich hierher , der Joachim nämlich ? « fragte Lothar und nahm eine Zigarrentasche nebst Aschenbecher von dem eleganten Rauchtischchen . » Ich fand ihn hier vor , als ich vom Eulenhause zurückkam , und da ich noch allerlei zu besorgen hatte , wie du dir denken kannst , das mich hinderte , ihm Gesellschaft zu leisten , so fiel mir das Buch ein . Du siehst , er hat sich trefflich damit unterhalten . « Er blickte sie lächelnd an , indem er neben ihr durch die erleuchtete Halle schritt und in den Korridor einbog . » Sage einmal , Beate « , fragte er , » hast du die Warnung an der Tür dort geschrieben , als er schon drinnen saß , oder vorher ? « » Natürlich vorher « , erwiderte sie unbefangen , und dann ward sie rot . » Ich verstehe dich nicht ! « fügte sie ärgerlich hinzu . » Nun , weißt du , Schwester « , sagte er mit einem Anflug von Schelmerei , » Verbotener Eintritt ! schreibt man mitunter an Türen , die etwas verschließen , das man am liebsten ganz allein für sich behalten will . « » O du abscheulicher Mensch « , schmollte Beate verlegen und wischte eilig mit der Hand über die Kreideschrift . Und dann saßen sie alle drei in der Wohnstube beim Glase Wein und Joachim erzählte , an das Buch anknüpfend , von seinen Reiseerlebnissen . Er sprach und Beate vergaß alles , vergaß , daß die Wachskerzen auf dem Kronleuchter im Eßsaal unnütz verbrannten , vergaß , die Reste der Tafel in die Speisekammer zu verschließen und das Frühstück für morgen anzuordnen . Vor den Fenstern flüsterten die Linden in dem Abendwind und der Duft vom frisch gemähten Gras zog in das Gemach . Es war spät , als Lothar seinen Vetter durch den Wald nach dem Eulenhause fuhr . Auf dem Rückwege kam ihm der Wagen der Herzogin entgegen . In rasendem Tempo jagte er an dem Gefährt vorüber . Als er vor der Neuhäuser Rampe hielt , klirrte über ihm ein Fenster zu , und in dem Zimmer dort oben barg sich ein leidenschaftliches junges Gesicht wieder in die Kissen . Prinzessin Helene hatte ihn fortfahren sehen , dort hinaus , wo das Eulenhaus lag . Gottlob , jetzt war er daheim ! 14. Im Eulenhause war eine Veränderung eingetreten . Fräulein Lindenmeyer hatte Besuch . Es war erst ein mächtiges Hin- und Herschreiben gewesen , und dann war am Morgen nach dem Tage , als Klaudine mit der Herzogin spazieren fuhr , Fräulein Lindenmeyer mit verlegenem Gesicht in die Stube Klaudines getreten , einen offenen Brief in der Hand . » Ach , Fräulein Klaudinchen , gnädiges Fräulein , ich hätte so eine rechte Herzensbitte . « » Nun , meine liebe gute Lindenmeyer , dann ist sie bereits gewährt « , hatte Klaudine erwidert , indem sie für Joachims Frühstück Tee aufgoß . » Aber Sie müssen es ehrlich sagen , gnädiges Fräulein , wenn es nicht paßt . Ich werde alles tun , damit keinerlei Störung zu bemerken ist , aber – « » Nur heraus damit , Lindenmeyerchen « , hatte das schöne Mädchen sie freundlich ermutigt , » ich wüßte nicht , was ich Ihnen abschlagen könnte , es sei denn , daß Sie das Eulenhaus verlassen wollten , denn das würde ich nicht zugeben . « » Ich von hier ? O gnädiges Fräulein , das würde ich ja nicht überleben ! Ach nein , das ist es nicht . Ich erwarte – ich soll – ich bekomme Besuch , wenn es die Herrschaft erlauben will . « » Ei , wen denn , meine liebe Lindenmeyer ? « » Frau Försters Zweite , die Ida . Sie soll so ein bißchen Schick bekommen und feine Handarbeit lernen . Da hat sich nun die Försterin in den Kopf gesetzt , daß sie das bei mir altem Wurm am schönsten lernen würde . Ich tue es ja auch sehr gern , wenn Sie es erlauben . Sie könnte in dem Kämmerchen wohnen hinter meiner Stube , wenn – « Die alte gute Seele hatte die Hände über ihren Brief gefaltet und ihre Augen sahen mit gespannter Erwartung zu der jungen Herrin hinüber . » Na , das wird ja sehr hübsch für Sie « , lautete die freundliche Antwort , » lassen Sie das junge Mädchen nur bald kommen . Sie mag hier bleiben , solange es ihr gefällt . « So stand anderen Tages , als Klaudine in die Küche trat , eine kleine runde Mädchengestalt am prasselnden Herdfeuer und wirtschaftete dort mit Tassen und Teekessel umher , als ob es gar nie anders gewesen wäre . Ein Paar schelmische blaue Augen sahen über das Stumpfnäschen hinweg zu Klaudine hinüber , und die Besitzerin dieser Augen machte einen etwas unbeholfenen Knicks , als sie die schöne schlanke Gestalt über die Schwelle treten sah . » Aber , liebes Kind ! « sprach Klaudine verwundert . » Ach , gnädiges Fräulein , lassen Sie mich das tun ! « bat das Mädchen zutraulich . » Den ganzen Tag kann ich nicht bei Tante Doris in der Stube sitzen und sticken . Ich käme um dabei , wenn ich nicht ein bißchen Wirtschaft hätte . Bitte recht sehr , lassen Sie mich ! « » Aber das darf ich nicht annehmen , liebe Ida , gewiß nicht , ich verwöhne mich nur dadurch . « » Ida möchte so gern etwas lernen « , sagte das Mädchen und schlug die schelmischen Augen nieder . Klaudine lächelte . » Bei mir ? 0 , da sind Sie schlimm angekommen , ich bin selbst noch eine Lernende . « » Gnädiges Fräulein , dann will ich nur die Wahrheit sagen , ich kann schon etwas in der Wirtschaft , aber in so manchen anderen Dingen fehlt es mir . Ich möchte nämlich gern eine Stelle als Kammerjungfer in S. annehmen , und da dachte ich , ich könnte , hier so ein wenig wegbekommen , wie man seine Dame zu behandeln hat beim Ankleiden , und so weiter . Lassen Sie mich das bißchen Wirtschaft hier tun und sich dafür meine ungeschickte Hilfe gefallen beim Nähen , Ankleiden und Schneidern . « Die Blicke des Mädchens hingen so freudig erwartungsvoll an Klaudines Augen und sie selbst fühlte sich so müde und traurig , aber sie antwortete nicht und ging zu Fräulein Lindenmeyer . » Gestehe es nur , Lindenmeyerchen « , sagte sie , sich zum Scherz zwingend und das alte Fräulein duzend , wie in ihrer Kinderzeit , » du hast dir Besuch eingeladen , um die Last der Wirtschaft von meinen Schultern zu nehmen ? « » Ach , Herzenskindchen « , jammerte das gutmütige Geschöpf , » so hat es die Ida doch dumm angefangen und wir hatten es uns so fein ausgedacht ! Seien Sie nicht böse ! Ich kann es nicht mit ansehen , wenn Sie des Morgens mit verwachten Augen herunterkommen und so blaß sind , so blaß ! Es ist so ein altes Sprichwort : › Rosenbeet und Ackerland gedeihen nie in einer Hand . ‹ Wenn Sie frisch sein wollen bei Hofe , dann müssen Sie auch Ihr Recht haben , sonst ist es bald vorbei mit Ihrem weißen klaren Teint . Heinemann sagt es auch , er hat sich mit mir um die Wette geängstigt Ihretwegen . Und , Fräulein Klaudine , die Ida hat ihren regelrechten Profit dabei . Sie könnte durch ihre Tante die Stelle bei der Gräfin Keller als Kammerfrau bekommen , aber so weg von der Waldwiese geht es doch nicht . Wahrhaftig , es ist so ! « beteuerte die alte Seele . So hatte Klaudine plötzlich eine Hilfe bekommen . Es war eine ordentliche Behaglichkeit in das Haus eingekehrt und eifriger ist wohl nie eine Herrin bedient , herzlicher nie ein Kind verwöhnt worden wie Klaudine und die kleine Elisabeth . Heinemann strahlte ordentlich , wenn er der flinken Dirne auf dem Treppchen begegnete oder sie in der Küche die alten Volkslieder mit halblauter Stimme singen hörte . Jetzt weinte auch die kleine Elisabeth nicht mehr , wenn Tante Klaudine in dem schönen Wagen der Frau Herzogin fortfuhr , und Klaudine saß nicht mehr so abgespannt bei Tische , wie bisher , ohne einen Bissen zu genießen . » Es ist ganz vornehm bei uns ! « lächelte Joachim , als Heinemann zum erstenmal die einfachen Gerichte auftrug und Klaudine ruhig an ihrem Platz verblieb , » ich bin glücklich deinetwegen , Schwester . « Klaudine hatte ihre Reise aufgegeben . Als sie der Herzogin von ihrer Absicht sprach , war diese in leidenschaftliches Schluchzen ausgebrochen : » Ich kann Sie nicht halten , Klaudine , gehen Sie ! « Und da hatte sie , erschreckt und gerührt zugleich , versprochen zu bleiben . Nun kam der Hofwagen , der sie nach Altenstein holte , täglich früher . Die Neigung der fürstlichen Frau zu dem stillen schönen Mädchen wuchs eben täglich , und sie war jetzt ruhig , ganz ruhig . Sie fuhr in der Herzogin Wagen spazieren und saß in dem Boudoir derselben , vorlesend oder plaudernd . Zuweilen freilich trat der Herzog unangemeldet und rasch ein , von einem Freudenruf der fürstlichen Frau begrüßt , aber Klaudine fürchtete seine Begegnung nicht mehr . Keiner jener heißen Blicke war ihr mehr gefolgt , keine Silbe hatte er zu flüstern versucht , sie wußte , er hielt sein fürstliches Wort . Sie kannte ihn genau durch seine Mutter . Wie manchen tollen Streich hatte die alte Herzogin gelegentlich von ihm erzählt , von den Sorgen , die er ihr bereitet , von den Gebeten , die sie im heißen Flehen um diesen Sohn gesprochen , daß er nicht untergehen möge in dem wilden Treiben seiner Jugend ! » Und « , hatte die alte Dame dann hinzugefügt , » es war doch nur überschäumende Jugendlust , sein Herz blieb edel . Er war zu lenken , wenn man das richtige Wort fand . « Und Klaudine meinte , sie habe das richtige Wort gefunden . Sie gehörte zu den edlen Naturen , die nicht ruhen , bis sie das Gute in einer Menschenseele entdeckt haben , die suchen und suchen und , wenn sie das Gold gefunden haben , keine Grenzen kennen im Verzeihen . Sie verzieh dem Herzog stillschweigend die Beleidigung , die er ihr zugefügt hatte , als sie sah , wie ritterlich er seine Leidenschaft bekämpfte , wie er sich bemühte , gegen seine Gemahlin geduldiger zu sein als vordem , wie er in ihr die Freundin dieser Gemahlin ehrte . An die Herzoginmutter schrieb Klaudine , es waren dankbare , gerührte Worte , mit denen das schöne Mädchen ihr Glück pries , sich die bevorzugte Gefährtin der Herzogin nennen zu dürfen . » 0 , wenn Eure Hoheit wüßten « , hieß es darin , » wie glücklich ich bin in der Liebe und dem Vertrauen des edelsten Herzens , ich sinne nur darauf , wie ich dafür danken kann , daß ich die Freundin dieser liebenswürdigen Fürstin geworden . Ihre Hoheit trägt nicht nur äußerlich die Liebe für ihren hohen Gemahl zur Schau , Ihrer Hoheit ganzes Sein und Wesen ist so in diese Liebe getaucht , daß Hoheit sich verstellen müßten , wollten sie dieselbe verbergen . « Klaudine schien lebhafter als seit langer Zeit . Sie konnte mit Ungeduld den Wagen erwarten , der sie nach Altenstein holte . Die Herzogin hatte eines Tages , schüchtern wie ein Schulmädchen , ein paar Hefte in Klaudines Hand gelegt . Es waren liebliche kleine Gedichte , von ihr verfaßt . Zuerst jubelnde Lieder der Brautzeit , dann die tiefinnerlichen Glücksworte der jungen Ehefrau , und zuletzt die Verse , die sie aufschrieb an der Wiege ihrer Söhne . Auch einige kleine Novellen waren darunter , eigentümlich erdacht . Es gab da immer ein paar Menschen , die sich über alles lieben und getrennt werden durch den Tod , durch einen tückischen Zufall , durch ein unabweisbares Verhängnis , niemals aber durch die Schuld des einen oder anderen . Klaudine hatte gestaunt über die traurigen Abschlüsse , aber nicht gewagt , darüber zu sprechen . So waren acht