Ruhigen Schrittes aus dem schweigenden Walddunkel in das ungewisse Dämmerlicht des sternbesäten Nachthimmels hervortretend , hatte die Reitererscheinung förmlich riesenhafte Konturen und eine geheimnisvolle Feierlichkeit angenommen , und es war unschwer gewesen , sich zu dem Schlapphut , den der gewaltige Mann zu Pferde getragen , auch die mit Silbertalern bedeckte Jacke eines Zigeunerhauptmanns zu denken ... Bei seinem Näherkommen hatte sich die Haustür geräuschlos aufgetan , und ebenso leise war der Forstwärter auf die Stufen herausgetreten . Im Flüsterton hatte er den Reiter begrüßt ; er hatte das Pferd beim Zügel genommen und das Tier ein paarmal auf und ab geführt , während der andere abgestiegen und in das Haus gegangen war . Vielleicht wäre in dieser Stunde das Rätsel gelöst worden , wenn Freund Dachs nicht dazwischen gekommen wäre . Der Köter hatte , plötzlich aus dem Hause springend , das Pferd kläffend umkreist , bis ihn ein Fußtritt seines Herrn zum Schweigen gebracht und aus dem Wege geschleudert hatte fast in der Richtung , wo der Lauscher hinter dem Baum gestanden . Auf das erneute Anschlagen des Hundes hin war der Gutsherr scheinbar unbefangen aus dem Busch herausgetreten und , ohne den Grünrock zu beachten , auf dem Fahrweg heimwärts geschritten . Später war er freilich nach dem Forstwärterhaus zurückgekehrt , und das blaue Licht der Eckfenster hatte auch noch immer wie ein blasser Stern in den Wald hineingeschienen ; aber Roß und Reiter waren verschwunden gewesen wie ein nächtlicher Spuk ; der hochlehnige Holzstuhl , auf welchem das Mädchen gesessen , hatte leer und verlassen gestanden , und von dem Murmeln aus der dunklen Ecke war auch nicht der leiseste Flüsterhauch mehr herübergekommen ... All das rätselvolle Tun und Treiben mußte ausgeflogen sein , zur Genugtuung des einsamen Hausbewohners , der nunmehr allein bei der halbverdeckten Lampe gesessen und den hübschen , bärtigen Kopf vertieft über ein Buch gebückt hatte . Und in das phantastische Gespinst , von welchem sich Herr Markus mit all seiner Selbstironie , seinem klaren Urteil nicht frei zu machen vermochte , mischten sich immer mehr Fäden von außen her . Der Jude , der von Tillroda eines Pferdehandels wegen auf den Gutshof kam , erzählte , daß eine Zigeunerbande durch den Ort gekommen sei und Lärm gemacht habe , weil ihr der Aufenthalt nächtlicherweile nicht gestattet worden . Übrigens seien es schöne , » ganz noble « Leute gewesen , und Pferde hätten sie mit sich geführt , wahre Prachtstücke einer edlen Rasse – natürlicherweise gestohlenes Gut aus den ungarischen Steppen ... Und gleich nach diesem Bericht beklagte sich ein heimkehrender Knecht bei dem Pächter , daß ihm der Forstwärter jetzt immer so grob die Haustür vor der Nase zumache und ihn wie einen Spitzbuben draußen auf dem Fahrweg abfertige , wenn er im Auftrag seines Herrn komme – das waren allerdings auffallende Streiflichter ! – Nun , er wollte den braunen Augen diesmal auf den Grund sehen ! Er wollte all seinen Scharfsinn aufbieten und seine törichte Leidenschaft niederkämpfen , um dem unbegreiflichen Mädchen klaren Kopfes gegenüber zu stehen , wenn sie kam – und sie mußte wiederkommen ! Sie war zwar gestern , bis in die tiefste Seele hinein verletzt , gegangen : aber sie hatte auch gesagt : » Ich komme wieder , um nachzusehen ! « – Und daran hielt er fest , wie an dem Handschlag eines Ehrenmannes . Er behütete fast ängstlich den Verband an seiner Rechten , so lästig er ihm auch war ; sie sollte sehen , daß er getreulich auf sie gewartet habe . So hielt er standhaft aus in der wahrhaft erstickenden Nachmittagsglut , die über und in dem Gartenhausstübchen brütete . Die Tür nach der Außentreppe stand weit offen , damit der » Heilgehilfe « direkt hereinkommen konnte ; aber Stunde um Stunde verrann . Der Weg am Fichtenhölzchen blieb totenstill und verlassen ; nicht einmal ein Schmetterling flatterte über die rissige , weißbestäubte Weglinie , auf der die erhitzte Luft flimmerte wie Backofenglut ... Noch wölbte sich der Himmel hart und kunstlos wie ein blaufunkelnder Glaskelch über der verdurstenden Erde , aber die ferne , scharfe Horizontlinie des Waldes fing an , sich zu verwischen . Ganz leise hob es sich dort drüben und schwoll und quoll empor und schaute vielgestaltig über die Wipfel in das Land herein – die ersten Wolken wieder seit vielen Tagen ! Und wie sie sich dehnten und mit langen Armen in die blauen Lüfte hineingriffen und verwegen dem glühenden Sonnenball zustrebten , um ihn zu verhängen , so wuchs die Ungeduld des Wartenden – wenn sie sich verspätet , bis der Gewittersturm losbrach , dann sah er sie heute nicht mehr . Er nahm seinen Hut , schloß die Glastür hinter sich und stieg das Treppchen hinab , und in dem Augenblick , wo er den Weg betrat , da wurde es auch lebendig hinter der äußersten Gehölzecke . Das stürmische Herzklopfen des harrenden Mannes erwies sich aber als gänzlich unbegründet – es war nicht das verhaßte und doch so heiß herbeigesehnte » Scheuleder « , das über dem niederen Fichtendickicht auftauchte – ein Strohhütchen mit wehenden blauen Bändern auf den Blondzöpfen , kam Luischen dahergesprungen , und hinterdrein trabte die dicke , brave Mama . Frau Griebel blieb auf halbem Wege stehen . » Gott sei Lob und Dank , da kommt Herr Markus ! « rief sie mit einer Kopfschwenkung nach dem aufsteigenden Wolkengebirge zurück . » Wenn wir ' s kriegen – das heißt , eine rechtschaffene , gründliche Pelzwäsche , sonst dank ' ich – da backe ich den Tillröder Bettelkindern morgen einen Butterkuchen , der ihnen noch nach zehn Jahren gut schmecken soll ! « Sie stellte einen großen Handkorb auf den Weg und trocknete sich den Schweiß vom Gesicht . » Das war ein heißer Gang , Herr Markus , und für mich selber wär ' ich heute nicht um die Welt aus unseren kühlen vier Pfählen herausgekrochen , « sagte sie zu dem Gutsherrn , der inzwischen herbeigekommen war ; » aber die neue Magd ist um Mittag auf dem Vorwerk eingetreten , und da mußte ich selber nachsehen . Und es war gut , daß ich kam ! – Das dumme Mädel kommt von einem reichen Bauerngut und heult nun über die leeren Schränke und den wüsten Keller ... Ich konnte mir ' s schon denken und hatte deshalb Schinken und Wurst und ein paar Einmachbüchsen in den Korb da gepackt , und während sie mir in der Küche vorjammerte , da versteckte meine Kleine die Sachen heimlich in den Speiseschrank ... Na ja , besonders schön ist ' s freilich nicht da drüben – sie haben nichts in der Räucherkammer , die Schweine sind ihnen vorigen Winter abgepfändet worden – und wer eben erst an den Fleischtöpfen Ägyptens gesessen hat , der mag sich bedanken . Um deshalb sollte die Herrschaft eigentlich doppelt freundlich zu dem neuen Gesinde sein ; aber den Leuten steckt ja der Amtmannsdünkel im Blut , wie die Motten im Pelze – da ist nichts zu machen ! ... Wie wir in den Hausflur getreten waren , ich und meine Luise , da kam das Fräulein Erzieherin gerade die Treppe herunter . Sie hatte ihren grauen Hutschleier um den Kopf gewickelt – « » Ja , man sah nicht viel von ihrem Gesicht , « warf Luise ein ; » aber sie ist so wundervoll gewachsen und sah vornehm aus wie eine Hofdame – « » Und der ganze Hausflur roch in dem Augenblick nach Veilchen , wie zu Hause mein Leinenschrank , « ergänzte Frau Griebel trocken . » Und wie ihr mein Schnattergänschen da mit seinen Blauaugen ein bißchen vorwitzig ins Gesicht guckt , da dreht sie sich weg und ist zur Haustür hinaus , kein Mensch weiß wie ... Herr Markus , es ist schauderhaft , aber die Hoffart bleibt , und wenn im Magen keine Krume Brot und auf den Schuhen keine Sohle mehr ist ! Ich hörte , wie ihr der Amtmann aus dem Fenster nachrief : › Wo hinaus , Agnes ? ‹ – › In den Wald ! ‹ – › Hast du auch Handschuhe an ? ‹ – Nun bitte ich Sie , Herr Markus ! « Er lachte . » Mein Gott , warum soll denn die Dame ihre schönen Hände nicht pflegen ? – Zwei Mägde arbeiten jetzt für sie – « » So ? Zwei ? – Na , Sie werden gucken , wenn ich Ihnen sage , was ich weiß ... Sehen Sie « – sie hob mit einer strafenden , gekränkten Miene den Zeigefinger – » wie Sie gestern so einfach Ihre Bücher zusammenpackten und aus dem Gartenstübchen fortliefen , als wär ' Feuer auf dem Dache , da dachten Sie in Ihren Gedanken : › Die alte Katze , die ! ‹ Und die › alte Katze ‹ war ich ! – Na , na , seien Sie nur still ! – Das weiß ich so gut wie das ABC – das hab ' ich Ihnen nur so von Ihrem bösen Gesicht abgelesen ! Aber ich war still und dachte auch mein Teil ... Und ich hab ' recht gehabt , und ein andermal trauen Sie doch lieber einer ehrlichen , alten Frau , die ihr Lebtag nicht gelogen hat , als so einem Paar schwarzen Zigeunerfunkelaugen – « » Was ist geschehen ? « schnitt er ihr heftig , in unverhehltem Schrecken die Rede ab . » Na , ein Unglück , über das man sich aufregen müßte , doch beileibe nicht ! Wie kommen Sie mir denn vor , Herr Markus ? Was geht es denn im Grunde uns beide an , wenn Amtmanns Knall und Fall ihre Magd wegjagen ? « » Weggejagt , sagen Sie ? « Jetzt kam ihr unzerstörbarer Gleichmut doch ein wenig ins Schwanken . Sie sah ziemlich verblüfft dem jungen Mann ins Gesicht , der sie so grimmig anfuhr . » Sie tun ja , meiner Treu , als hätte ich das Mädel beim Kragen genommen ! Da muß ich denn doch recht sehr bitten ! – Ich müßte lügen , wenn ich sagen wollte , daß ich das besondere Ding jemals in mein Herz geschlossen hätte – das ist keine nach meinem Sinn – aber ihr schaden und sie bei der Herrschaft verhetzen – nein , das brächte ich nicht übers Herz ! ... Ich fragte nur so nebenbei die › Neue ‹ : › Wo steckt denn die andere ? ‹ Da guckt sie mich ganz dumm und bestürzt an und weiß von keiner anderen ... Das Fräulein habe ihr das Nötige gezeigt , sagte sie , und der alte Herr schnüffele auch immer in der Küche herum und kommandiere brummig und barsch wie ein Unteroffizier – ein anderes Gesicht sei ihr aber weiter nicht vor die Augen gekommen – « » Zur Sache ! « drängte der Gutsherr bebend vor Ungeduld . » Na ja , – und wie ich nachher drin in der Stube nach dem Mädchen frage , das ich doch oft genug auf den Vorwerksäckern bei der Arbeit gesehen habe – hören Sie , da kehrt doch die alte Frau im Bette das Gesicht ganz blaß und still nach der Wand , und der Amtmann kriegt einen feuerroten Kopf und sieht mich mit Augen an , als wollt ' er mich fressen , und stottert und poltert und schnauzt mich an : › Die da ? Na , die ist fort , ja , fort über alle Berge , wie es sich ganz von selbst versteht ! Oder glauben Sie etwa , meine Gute , ich werde zwei solche Tagediebe ernähren , jetzt , wo sie mir die Bude über dem Kopfe einreißen und meine ganze schöne Landwirtschaft stockt und stillstehen muß ? ‹ – Ich bitte Sie , › die ganze , schöne Landwirtschaft ‹ , Herr Maikus ! Der alte Aufschneider , der ! ... Und was er sich nur einbildet , daß ihm eine erfahrene Frau , wie ich , die Flunkerei mit dem Mädchen glauben soll ! In der ganzen Welt läßt sich kein Dienstbote ohne richtige Kündigung fortschicken , wenn nicht ein ganz besonderer Grund vorliegt . Weshalb unsereins den Grund nicht erfahren soll , das weiß ich freilich nicht ; aber den Kopf will ich mir abschneiden lassen , wenn da nicht der Henkeldukaten im Spiele ist ! ... Na , wohin denn so geschwind , Herr Markus ? « Sie wandte sich um und sah mit hochgezogenen Brauen dem Gutsherrn nach , der , im Sturmschritt an ihr vorüber , den Weg einschlug , den sie gekommen war . » Und das fragen Sie auch noch , Verehrteste ? « rief er zurück . » Können Sie sich denn gar nicht denken , daß ich furchtbar neugierig bin , die unvergleichliche › Neue ‹ kennen zu lernen ? « – Er eilte weiter , als trüge ihn der erste leichte Windstoß , der an der Gehölzecke aufflog , über das Weggeröll hin . Sein Blick durchforschte das karg bestandene Gelände – irgendwo , aus einem dürftigen Ährenfeld oder zwischen den letzten Heuhaufen der nächsten Wiese , sollte und mußte ja das weiße Kopftuch auftauchen ; aber es rührte und regte sich nichts im weiten Feld ; nur die so lange ersehnten Wolkenschatten liefen drüber hin , als tröstende Vorboten , als Gewitterherolde , und durch die Birnbaumwipfel des Vorwerksgartens blies ein zweiter schwacher Windstoß und schüttelte geräuschlos verschrumpfte , kleine Früchte auf den Weg . Herr Markus kam an der stillen , dunklen Lindenlaube vorüber und schritt durch das Himbeergebüsch in den Hof – da wurde es endlich laut . Die Tür knarrte , Spitz hob die Nase von den Vorderpfoten und kläffte , und vom Hause her klang brummiges Schelten . Beim Eintritt in den Hausflur sah er den Amtmann vor dem Speiseschrank in der offenen Küche stehen . In der Linken hielt der alte Herr Stock und Pfeife und mit der Rechten warf er eben die Schranktür ins Schloß , daß sie in den Fugen ächzte . Darauf zog er den Schlüssel ab und steckte ihn in die Schlafrocktasche . » Der Teufel soll die Wirtschaft holen ! « brummte er , in den Hausflur hinkend . Er streckte die Hand dem Gutsherrn hin , dem er in diesem Augenblick vorkam wie ein schlechtspielender Maulheld auf der Bühne . – » Liegen da , im offenen Speiseschrank eine mächtige Zervelatwurst und mindestens drei Pfund vom allerbesten Schinken ! Ein paar hübsche Bissen für die Strolche und Bettelkinder , die auf dem Vorwerk herumschnüffeln ! Ei Herr Jesus ! – Ja , wenn freilich so in meiner Räucherkammer mit meinen Vorräten gehaust wird , da braucht man sich freilich nicht zu wundern , wenn der Verdienst flöten geht ! ... Und die Einmachbüchsen ! Ein ganzes Regiment steht in dem einen Fache aufgepflanzt ! « – Er kratzte sich hinter dem Ohr . – » Das darf ich meiner guten Frau gar nicht sagen , wie ihr schöner Keller geplündert wird – und weshalb nur , ins Henkers Namen ? Ich wüßte nicht , daß wir irgendeine Gesellschaft anberaumt hätten ! ... Na , wenn meine Nichte heimkommt – « » Vielleicht kann Ihnen die Magd Auskunft geben , « warf Herr Markus hin . » Die dort ? « Er zeigte mit der Pfeife nach dem Anrichtetisch zurück , an welchem › die Neue ‹ mürrisch und verdrossen hantierte . – » Ich bitte Sie , die ist ja kaum seit zwei Stunden im Hause ! « » Ich spreche von der anderen . « Der Amtmann sah einen Augenblick wie abwesend in die Luft , als müsse er sich besinnen ; dann bückte er sich plötzlich , um ein paar hängengebliebene Holzspäne von seinem zerfaserten Schlafrock abzuschütteln . » Ach , die ? die ? « brummte er ziemlich undeutlich – er hatte die Pfeifenspitze wieder zwischen den Zähnen . – » Ist nicht mehr da – nicht mehr da ! Ist fort mit Sack und Pack ! « – Er richtete sich wieder auf – das Bücken hatte sein Gesicht braunrot gefärbt . » Aber kommen Sie doch herein , Herr Markus ! Meine Frau wird sich freuen , und ich muß Sie notwendig sprechen , des neuen Hauses wegen ... Es sind mir da doch noch allerhand Bedenken aufgestiegen . Das Besuchszimmer beispielsweise – « » Wollen Sie nur nicht vorerst sagen , wohin sich das Mädchen gewendet hat ? « unterbrach ihn der Gutsherr höflich , aber nachdrücklich . » Herr , das ist eine närrische Frage ! « fuhr der Amtmann ohne Grund auf . » Verzeihung – aber welcher Dienstherr kümmert sich um den Aufenthalt des entlassenen Gesindes ? Ich bin gewohnt , meinen abziehenden Leuten ihren Lohn hinzuzahlen , und damit Punktum ! Nachher sind sie tot für mich , da scher ' ich mich den Teufel drum , ob sie in einen anderen Dienst gehen oder in der Welt herumzigeunern ! Für mich ist das Mädel eben fort , fort , als habe sie der Wind weggeweht , als war ' sie nie dagewesen – ja ja , nie dagewesen ! « » Aber Ihre Nichte , die das Mädchen mitgebracht hat , ist sie mit dieser plötzlichen Entlassung einverstanden ? « Wieder schoß dem alten Herrn das tiefe Braunrot über das ganze Gesicht . » Meine Nichte ? « wiederholte er gedehnt . » Bah , danach wird nicht gefragt ! « polterte er . » Die Bedenken der Frauenzimmer kommen erst in zweiter Linie – Herr im Hause bin ich ! ... Aber – lächerlich ! – Da stehen wir zwei und schwatzen wie die Spittelweiber über eine Nebensächlichkeit ! Kommen Sie doch näher ! Ich habe nämlich einen guten Gedanken ! Die Täfelung im neuen Empfangszimmer – « » Davon später , Herr Amtmann , « unterbrach ihn der Gutsherr finster – er wich nicht von der Stelle . » Die Nebensächlichkeit interessiert mich . Ich will und muß aus Gründen Näheres wissen über das Mädchen , das auf dem Felde unverdrossen für Sie gearbeitet hat , in Wind und Wetter und Sonnenbrand – « » Ah bah – dummes Zeug ! So schlimm ist ' s nicht , « stotterte der Alte grimmig verlegen . » Gut denn ! « sagte Herr Markus – er trat unwillkürlich in brennender Ungeduld den Boden . – » Lassen wir es sein ! Ich werde mich an das Gerechtigkeitsgefühl Ihrer Damen wenden . « Er wandte sich nach der Stubentür , allein der alte Herr vertrat ihm erschrocken den Weg . » Herr , sind Sie des Teufels ! « raunte er heftig abwehrend . » Wollen Sie mir mein armes , krankes Frauchen mit Ihrer Untersuchungsrichtermiene in Aufregung bringen ? Die ganze Geschichte ist auch für sie eine abgetane Sache , und daran wird nicht wieder gerührt ... Ich bitte Sie , was schlagen Sie doch für einen Lärm um ein Frauenzimmer , das wie ein Schatten durch unser Haus gegangen ist und für uns nicht mehr vorhanden ist – « » Auch für Fräulein Franz nicht mehr , der sie eine treuergebene Dienerin gewesen ist ? – « » So ? Wer hat Ihnen denn das Märchen aufgebunden ? « fragte der Amtmann , ihn seltsam von der Seite ansehend – ein heimliches , schlaues Lächeln , gleichsam ein Aufhellen ging durch seine verwüsteten Züge . » Das Mädchen selber – « » Was der Tausend , sie hat mit Ihnen gesprochen ? Und hatte Ihnen selbst , wirklich selbst gesagt , daß sie eigens meine Nichte bedient habe ? « – Das fatale Lächeln wich nicht von seinem Gesicht . – » Sieh , sieh ! Na , meinetwegen auch ! Ich hab ' das nicht gewußt – bis in die Dachstube versteigt sich mein elendes Fußgestell niemals . Also die Kammerjungfer ! « – Er kicherte in sich hinein und zuckte die Achseln . » Ja , da wird sich meine schöne Nichte allerdings einstweilen behelfen müssen , bis sie wieder in die große Welt eintritt , oder , besser noch , bis mein Goldjunge wieder da ist ! Dann geht ' s freilich aus einem anderen Tone , Herr ! Der läßt sie nicht draußen , seine schöne Base , und wenn sie am Fürstenhofe lebte ! Bah , dann sind wir selbst Regierende , Regierende von Gottes Gnaden ! Dann fährt sie nicht mehr in fremder Kutsche , sondern in unserer ... Herr , ich weiß ein Paar Wagenpferde – wahre Prachtkerle an Feuer und Schönheit ! Aber in wessen Stalle sie stehen , das verrate ich Ihnen nicht – Sie wären imstande und kauften sie mir vor der Nase weg ! ... Ja , sehen Sie , das liegt alles schon fix und fertig da in meinem Kopfe – ein großartiges Programm ! Das macht mir so leicht keiner nach ! Und wenn in diesem Augenblick mein Sohn auf die elende Schwelle da träte – in ein paar Tagen wollte ich ihm eine Umgebung gleichsam aus der Erde stampfen , wie sie sich für einen reichen Mann ziemt – « Er kam nicht weiter . Der Gutsherr zog den Hut und schritt zur Haustür hinaus . 17. Verlorene Zeit ! Er biß die Zähne zusammen vor Grimm und Ärger , während er quer über den Hof zum Tor hinauseilte . » Herr , machen Sie , daß Sie in › Nummer Sicher ‹ kommen ! « rief ihm der Amtmann nach . Er war unter die Tür getreten und zeigte mit der Pfeife nach dem Himmel , an welchem eben die Sonne völlig hinter den dunkeln Wolkenmassen verschwand . Wie ein plötzliches Erlöschen ging es über die lechzende Erde hin , und ein schwach hauchender , heißer Odem strich an dem Gehöft vorbei und hob die spärlichen weißen Haare an den Schläfen des alten Herrn . » Und sollten Sie einem jungen Frauenzimmer in grauem Schleierhut begegnen , so jagen Sie es heim , hierher aufs Vorwerk ! « schrie er , die hohle Hand an den Mund legend . » Die vermaledeite Blumensucherei ! Nun sitzen die Alten daheim und ängstigen sich ! « Die letzten Worte hörte der Fortgehende nur noch über die Hofmauer hinweg , hinter welcher er schritt . Er lachte zornig in sich hinein ... Wenn er ihr nur begegnete , der schönen Nichte ! Er jagte sie nicht heim – ganz im Gegenteil , er vertrat ihr den Weg , und sie mußte ihm Rede stehen , ohne Gnade und Erbarmen , unter Blitz und Donner und strömendem Regen ! Die am Gehöft hinführende Fahrstraße verlief sich draußen im Felde oder vielmehr sie wurde zum schmalen , das Grafenholz durchschneidenden Gehweg ... Da war das Mädchen jedenfalls gegangen , nachdem es » mit Sack und Pack « das Vorwerk verlassen hatte – » in den Wald , in den grünen Wald ! « ... Hatte nicht auch der Amtmann vom » Herumzigeunern « gesprochen ? – Stieg nicht aus den Wipfeln dort ein dünnes Rauchsäulchen von dem Halbdürren , qualmenden Reisig , über welchem der Kessel des Nomadenvolkes hing ? – Lächerlich ! – die Wolken kämpften ; da und dort schossen weißgraue Dunstgebilde schleierhaft an der dicken schwarzen Gewitterwand empor . Ein Zigeunerlager wurde wohl auch schwerlich im wohlgepflegten Waldgebiet Seiner Hochfürstlichen Durchlaucht geduldet . Aber die Fahrstraße war frei – dem Wagen mit der Leinwandplane , begleitet von den braunen Männern zu Pferde , war der Weg durch das kühle , labende Buchendüster in die weite Welt hinein unverwehrt ... Nun , eine solche Fahrt ging langsam vonstatten – diese Heimatlosen reisen gemütlich – einem raschen Wanderer gelang es wohl , sie einzuholen und zu erforschen , ob unter dem weihen Leinendach wirklich die Schöne Unbegreifliche sitze , wieder eingefangen in den Bann der Zusammengehörigkeit , den auch das gesetzlose Nomadenvolk festhält . – » Dummes Zeug ! « sagte der Amtmann immer – und jetzt sagte es auch Herr Markus , indem er heftig den Kopf schüttelte und mit dem Fuß einen Stein aus dem Weg schleuderte . Dummes Zeug ! – Dieses züchtig verhüllte , stolze , tapfere Mädchen unter der halbnackten Zigeunerjugend , unter wüsten Spitzbuben- und Hexengesichtern , durch die Welt ziehend ! – Wie war es nur möglich , daß sich diese verrückte Vorstellung immer wieder einschleichen konnte in einen Kopf mit gesundem Menschenverstande ! In verdoppelter Eile schritt er weiter . Im Forstwärterhause mußte ihm Aufklärung werden ; und war das Mädchen fort , nun – so schüttelte er den Staub von den Füßen und ging ihr unverweilt nach , bis er sie fand ... Das grüne Leuchten der sonnenheißen Buchenwipfel war wie weggelöscht – dunkel und regungslos stand der Wald unter dem tiefziehenden Gewitter , als hielte er mit allem , was in ihm lebte und webte , bang den Atem an . Bis in sein Herz hinein war die sengende Glut der letzten Tage gekrochen . Der schmale , sonst immer feuchte Weg sah gebleicht aus , dürres , knisterndes Gras stand an seinen Rändern , und die Farnwedel hingen schlaff und saftlos darüber her . Und das Bächlein , das ihn quer durchschnitt , war nahezu versickert – das lose über das Uferbett gedeckte Brett lag wie zum Hohne da . Herr Markus schritt darüber hin . Zur Rechten lief das Dickicht schnurgerade auf ebenem Boden weiter ; links aber tat sich der schmale , an die Berglehne geschmiegte Wiesengrund auf , in welchem das Waldhüterhaus lag . Ziemlich entfernt durchschnitt ihn die Fahrstraße in sanfter Krümmung , und weiterhin kamen die roten Ziegelwände des einsamen Hauses in Sicht . Bei diesem Anblick blieb der Gutsherr überrascht stehen . Dort trat eben der nächtliche Reiter auf die Türstufen und bestieg sein Pferd , das der Forstwärter hielt ! Und jetzt im Tageslicht schwand alle Romantik ! Der stattliche alte Herr im Sommermantel , mit seinem kurzgeschorenen grauen Haar und den Wildledernen über den Händen , würde sich wohl schönstens bedankt haben für die Rolle eines Zigeunerhauptmanns . – In ziemlich scharfem Trabe ritt er vom Hause weg : Freund Dachs lief voraus , und der Forstwärter marschierte nebenher – nach wenig Augenblicken waren sie im Walde verschwunden . Was nun ? – Im ersten Augenblick stürmte Herr Markus vorwärts – der Grünrock war der einzige , der ihm Auskunft geben konnte ; aber allmählich verlangsamte sich sein Eilschritt ; er konnte doch unmöglich den Mann , der in sichtlicher Eile sein Haus verließ , wie ein Wegelagerer stellen und ihm auf offener Straße eine Erklärung abzwingen ! – In diesem Augenblick sah er , wie eine Katze die Türstufen herabschlich und quer über den Fahrweg in das Dickicht spazierte – die Tür mußte offen sein , und da waren auch Leute im Hause ... Er ging unter den Eckfenstern hin ; die blauen Rollvorhänge hingen noch hinter den Scheiben ; aber die Tür klaffte in der Tat , und Herr Markus zögerte nicht , sie geräuschlos weiter zu öffnen und einzutreten . Die Hausflur hatte keine Fenster , sie war kühl und dunkel : aber da zu seiner Rechten stand die Tür des Eckzimmers – wahrscheinlich der einströmenden Kühle wegen – weit offen , und ein bläuliches Licht floß heraus in den dämmernden Raum . Nun überschlich ihn doch ein widerwärtiges Gefühl – er stand ja selbst wie ein eingedrungener Dieb in dem beargwöhnten Hause ; wie sollte er wildfremden Menschen sein Hiersein beim ersten Entgegentreten genügend begründen ? – Nichtsdestoweniger schloß er die Haustür leise hinter sich und verharrte einen Augenblick beobachtend auf seinem Platze . Im ganzen Hause herrschte Totenstille , und zuerst ließ das ungewisse Licht alle Gegenstände vor dem Auge des Eingetretenen verschwimmen ; aber auch nur für einen Augenblick , im nächsten machte er eine überraschende Entdeckung – Fräulein Erzieherin war da , sie war im Hause ! Da , auf einem Tische , nahe der Tür , lag der graue Schleierhut und die Handschuhe , welche das friedfertige Gemüt der guten Griebel in Wallung gebracht hatten ... Ah , der Vogel war gefangen ! Eine Art Triumph , ein rachsüchtiges Gefühl quoll heiß in ihm auf . Jetzt wollte er dem » Bild von Sais « den Schleier vom Gesicht ziehen ! Die grausame Egoistin sollte beichten und büßen ; sie selbst sollte und mußte ihm dazu verhelfen , das Mädchen wiederzusehen , das sie in Not und Entbehrung mit sich geschleppt hatte , um es dann erbarmungslos seinem Schicksal zu überlassen . Rasch entschlossen trat er unter die Stubentür , aber erschrocken fuhr er zusammen und zog sich unwillkürlich wieder tief in die Hausflur zurück . In der gegenüberliegenden Zimmerecke – es war just die Ecke , aus welcher gestern abend das eintönige Gemurmel der männlichen Stimme gekommen – stand ein Bett , und in den Kissen desselben lag ein Schläfer . Färbte die blaue Dämmerung das stille Antlitz so leichenhaft , oder hielt der wirkliche Todesschlaf die Augen dort geschlossen , das ließ sich schwer entscheiden . Darüber sann auch der bestürzte Mann in der Hausflur nicht – er starrte nach dem wallenden , rötlichblonden Vollbart , der sich über die buntgewürfelte Bettdecke breitete . Wie kam der Mensch , den er und Frau Griebel neulich gleichsam von der Landstraße aufgelesen und eine Nacht im Gutshause verpflegt hatten , hierher , und seit wie lange beherbergte ihn die geheimnisvolle Ecke dort , die ihm , dem Gutsherrn , so viel Kopfzerbrechens verursacht ? ... Was aber vor allem hatte Fräulein Erzieherin , die dünkelhafte , gezierte Weltdame , hier im Waldhüterhaus , am Krankenbett eines Landstreichers zu schaffen ? Ein leises Geräusch , das Hingleiten eines Frauengewandes über die Dielen des Zimmers ließ den Lauscher noch tiefer in das Dunkel zurücktreten – er wollte sich erst klar werden über das Tun und