zurückgedrängt , verdünnt , ver ­ geistigt . Die üppigen Göttergestalten der Griechen und Römer verloren mit der wachsenden Erkenntnis der Naturgesetze an Körper , um allmälig zu ver ­ schwinden und an ihre Stelle die Elemente als solche und eine Zentralgewalt treten zu lassen , welche deren Tätigkeit nach bestimmten und weisen Plänen regelt . Dies ist ein Fortschritt , allein — es muß noch besser kommen . Noch zerfällt unser einheitlicher Gott in eine Dreiheit , Vater , Sohn und heiliger Geist , noch haben wir Engel , Teufel , Heilige , — kurz eine ganze über- und unterirdische Gesellschaft , die uns nur in anständigerem Kostüm aus dem Heidentum herüber begleitete und allerlei Wunder tun soll . Je mehr indessen der natürliche Zusammenhang der Dinge vor unserem forschenden Auge Gestalt gewinnt , desto mehr verflüchtigen sich die Gebilde unseres Glaubens , wie wenn bei dem ersten Sonnenstrahl der Schatten , den wir in der Dunkelheit oft für den Gegenstand selbst hielten , verbleicht und dieser in seiner fraglosen Form zu Tage tritt . Die verschiedenen Götter aller Völker und Zeiten waren nur Schatten , welche die Erschei ­ nungsformen der Naturkräfte warfen ; sowie das Licht der Wissenschaft auf dieselben fiel , verschwanden sie . So wurde die religiöse Phantasie immer mehr von der rauhen Erde mit ihrer starren Gesetzlichkeit hinweg auf ein abstrakteres Gebiet getrieben , allein selbst dort ist sie nicht mehr sicher , denn der wissenschaftliche Ge ­ danke , der von Stufe zu Stufe aufwärts klimmt und dessen Stärke mit der wachsenden Übung zunimmt , begann ihr längst auch dahin zu folgen — und sie muß sich zu bedeutenderen Zugeständnissen herbeilassen , wenn sie nicht aus ihrem letzten Zufluchtsort , aus ihrem selbstgeschaffenen Himmel vertrieben werden soll ! “ Leuthold hielt inne . Ernestinens unsicher schwei ­ fender Blick erinnerte ihn daran , daß die Gewohnheit einer gelehrten Ausdrucksweise ihn für das Verständnis eines Kindes zu weit geführt . Dennoch tat es ihm wohl , sich selbst einmal wieder so sprechen gehört zu haben und seine grauen Augen glänzten seltsam , als er die Wirkung seiner halbverstandenen Rede auf Ernestinen beobachtete . „ So hat der Herr Pfarrer gelogen ? “ fragte diese endlich bewegt . „ Er log nicht , er ist nur ein sehr beschränkter Mann und weiß es selbst nicht besser . Er gehört nicht zu den Betrügern , sondern zu den Betrogenen . “ „ Aber er ist ja doch der Klügste im Dorfe , “ schaltete Ernestine wieder ein . „ Im Dorfe , ja ! — Aber hältst Du ihn auch für klüger als Deinen Onkel ? “ „ Nein , gewiß nicht ! “ flüsterte sie kaum hörbar ; es erschien ihr fast wie eine Sünde , daß ein gewöhn ­ licher Mensch mehr Verstand haben sollte , als der Geistliche . „ Nun sieh , ich will Dir sogar sagen , daß er nicht einmal so viel Verstand hat wie Du ! “ „ Onkel ! “ rief Ernestine erschrocken . „ Glaube mir , mein Kind , Du bist noch jung — aber wenn Du einmal so alt bist wie der Pfarrer , wirst Du mehr wissen und auf einem anderen Stand ­ punkte stehen , als er ! “ „ Wirklich , Onkel ? “ fragte Ernestine hoch aufhorchend , — denn diese erste Schmeichelei verfehlte Wirkung nicht . „ Glaubst Du , daß ich je so gescheit werde , wie ein Mann ? “ „ Ei ganz gewiß ! Aus Dir wird , wenn mich nicht Alles täuscht , einmal etwas Großes ! “ Ernestine saß aufgerichtet in ihrem Bette und sah den Oheim mit leuchtenden Augen an . Ihr bleiches Gesicht rötete sich , ihr Atem ging schneller . Der Ehrgeiz schlug plötzlich in der jungen , leicht entzünd ­ lichen Seele zur hellen Lohe auf , — der Brennstoff war seit jener ersten Begegnung mit den Menschen , die sie so verächtlich behandelt hatten , schon ange ­ sammelt gewesen , nun fiel der Funke hinein und entfachte jenen langsam schleichenden Brand , der allmälig alle Hilfsquellen des Gemütes aufsaugt , wenn nicht ein großes Unglück das Herz mit Tränenfluten überschwemmt , und ihn darin auf einmal auslöscht . Leuthold betrachtete das durchgeistigte und be ­ geisterte Antlitz des Kindes nicht ohne heimliche Ve ­ wunderung und Freude . So — gerade so wollte er sie haben ! Er bog sich zu ihr hin und reichte ihr die Hand , die sie mit Ungestüm ergriff . „ Onkel , “ sprach sie mit kindlicher Emphase , — „ willst Du mir helfen , daß ich so klug werde und so viel lerne wie ein Mann , und mich die Wissenschaften lehren , von denen Du vorhin sagtest , daß sie den Menschen frei und stark machen ? “ „ Ja ! “ — rief Leuthold — „ das will ich ! “ „ Versprich es mir , lieber Onkel ! “ „ Ich gelobe Dir mit Wort und Handschlag , daß ich Dich lehren will , was noch kein Weib gewußt , und daß ich Dich leiten will , bis Du Dein gan ­ zes Geschlecht überflügelt hast . Aber Du mußt fleißig sein und keinen Wunsch mehr haben , als zu lernen ! “ „ Ach , das will ich , bester Oheim . Warum sollte ich denn nicht ? Was hätte ich Besseres zu tun ? Mit andern Kindern mag ich nicht mehr spielen , — sie lachen mich nur aus . Ich passe nicht zu ihnen , ich bin zu häßlich und zu ernstaft für sie . Ganz allein will ich bleiben , allein mit Dir will ich lernen . Dann sollen sie sich einst vor mir schämen , wenn ich viel mehr weiß , als sie . Ach das wäre schön ! “ „ Nun höre , mein Kind , ich hoffe aber , daß Du Dein Versprechen hältst und Niemandem etwas mitteilst von dem , was ich Dir heute gesagt . “ „ Niemandem , auch Herrn Heim nicht ? “ „ Um Alles in der Welt nicht . Sowie ich sehe , daß Du nicht schweigen kannst , werde ich Dich nichts lehren und Du magst so dumm bleiben wie die An ­ dern , die Dich verspotteten . “ „ Nein Onkel — ich will ja gewiß nichts aus ­ plaudern , gewiß nicht ! “ rief Ernestine erschrocken . „ Aber sage mir nur noch das Eine : gibt es denn auch wirklich keine Engel ? “ „ Engel ! “ lächelte der Oheim — „ wozu habe ich die ganze Zeit gesprochen , wenn Du mich das noch im Ernste fragen kannst ? “ „ So habe ich keinen Schutzengel ? ! “ sagte das Kind und eine Träne trat ihm in das Auge : „ ich habe meinen Schutzengel so lieb gehabt ! “ „ Mein Kind , “ erwiderte Leuthold , „ Dein Schutz ­ engel bist Du selbst . Deine große starke Seele wird Dich jede Gefahr bestehen lassen , besser als solch ein geflügelter dummer Junge es könnte . “ Ernestine schwieg . Sie selbst sollte sich beschützen aus eigener Kraft , aber sie fühlte sich so schwach und so zerknirscht — wie sollte sie bestehen , ohne eine höhere Macht zur Stütze zu haben ? Keinen Engel , keinen Vater , keine Mutter , nicht einmal ihre Geister mehr ! Sie kam sich vor , als stünde sie plötzlich allein ohne Halt , ohne Geländer auf einer schroffen Felsspitze und unter ihr gähne der Abgrund . Der Augenblick mußte kommen , wo sie der Schwindel hinabriß ! Da bot sich ihrer Seele der letzte Halt in der höch ­ sten Angst : Gott ! Er war ja Alles in Allem , Vater und Schutzgeist ! Er war die Liebe — er verließ sie nicht . Mochte Alles in den Staub sinken , woran sie geglaubt , er blieb ihr , an ihn wollte sie sich klammern mit verdoppelter Innigkeit . Sie schaute dem Oheim an , sollte sie aussprechen , was sie dachte ? Nein ! Vor Leuthold wollte sie den heiligen Namen nicht mehr nennen , sie wollte nicht noch einmal das Lächeln von heute Morgen sehen — sie scheute sich davor , ohne selbst zu wissen warum ? Da öffnete der Oheim die Lippen , es war der letzte Tropfen Gift , der noch in ihre Seele geträufelt werden sollte . „ Wir sind Alles , was , der moderne Glaube sich außer uns vorstellt in höchsteigener Per ­ son , “ begann er : „ Engel , Teufel , Gott “ — Ernestine zuckte zusammen — „ sie sind nur Sinnbilder unserer guten und schlechten Eigenschaften . Es ist eine gren ­ zenlose Selbstüberschätzung des Menschen , daß er das bischen Vernunft , welches ihn vor dem Tiere aus ­ zeichnet , für etwas hält , das die Natur gar nicht hervorzubringen vermöge , etwas Überirdisches , Unsterb ­ liches — Göttliches , und sich einbildet , es müsse eine besondere oberste Persönlichkeit irgendwo über dem Weltall thronen , die mit uns in direktem Zusammen ­ hang stehe und weiter nichts zu tun habe , als sich um unsere wichtigen persönlichen Angelegenheiten zu bekümmern ! — Dieser unser Gottesglaube mit all seiner scheinbaren Demut und Liebedienerei ist die üppigste Blüte , die Hochmut und Eitelkeit des Men ­ schengeschlechts getrieben haben und alle Gottesanbetung , mein Kind , ist im Grunde nur eine Selbst ­ anbetung . Die wahre Demut ist es , zu erkennen , daß wir keine Ausflüsse eines „ göttlichen Urgeistes , “ wie es die Theologen nennen , sondern lediglich das Meisterwerk der weise schaffenden Natur sind und daß wir für uns nichts Besseres beanspruchen können , als das Schicksal all der Millionen Wesen , die im Bau des Ganzen ihre Schuldigkeit tun ! “ — Ernestine war in die Kissen zurückgesunken , sie fühlte sich vernichtet : nun sollte sie auch keinen Gott mehr haben ! — — Der Oheim stand auf , denn von der Dorfkirche dröhnte dumpf und traurig der Schlag Zwei herüber . Es entging ihm nicht , welch furchtbaren Eindruck seine Worte auf Ernestine gemacht hatten . Er ergriff ihre Hand , sie entzog sie ihm . Er lächelte : „ Nicht wahr , es tut Dir weh , Dich von Allem loszusagen , was Dein Kinderglaube so treu umfaßt hielt ? Ich verstehe das . Aber Ernestine , Du bist zu bedeutend , als daß Dir der fromme Wahn auf die Dauer genügen könnte . Sei versichert , früher oder später hättest Du ihn doch abgestreift , wie die entwickelte Blume die Knospenhülle . Du warst krank und Deine Körperschwäche hält auch Deine Seele darnieder , wenn Du aber wie ­ der genesen und erstarkt bist , dann wirst Du ihn erst freudig empfinden den Stolz , ein Wesen mit freier Selbstbestimmung zu sein , — nicht abhängig von dem Willen und der oft sehr zweifelhaften Gerechtigkeit des phantastischen Herrn Zebaoth . In Dich selbst , mein Kind , versenke Dich , Du trägst Dein Schicksal in Dir . Glaube an Dich , in Deinem Selbstvertrauen müssen Deine Hoffnungen wurzeln ! — Ich lasse Dich jetzt ruhen und bin überzeugt , morgen — finde ich eine kleine Philosophin . “ — Der Oheim hatte längst das Zimmer verlassen und Rieke war leise , in der Meinung , Ernestine schlafe , im Nebengemach zu Bette gegangen , — aber Ernestine schlief immer noch nicht . Regungslos lag sie da , als seien ihr alle Glieder zerbrochen ! Erst als Rieke draußen das Licht löschte und nun kein Strahl mehr durch die geöffnete Tür hereinfiel , richtete sich das Kind auf und holte tief Atem in seiner Herzensangst . Es breitete die Arme in der Dunkelheit aus , als wollte es die entschwindenden Gestalten seines Glaubens zurückhalten — aber seine Arme blieben leer — es hatte die wesenlose Luft umschlungen . Ein ärmeres Geschöpf konnte es in diesem Augenblick auf Erden nicht geben . Was hat eine Waise , die Vater und Mutter entbehrt , wenn sie auch noch ihren Schutz ­ geist und ihren Gott verliert ? Sie ist ein aus dem Neste gefallener Vogel , dem Bosheit die Flügel aus ­ riß und ihn lebendig liegen ließ , — Die ahnungs ­ volle , in Leiden frühgereifte Seele des Kindes fühlte die ganze Größe dieses Elendes und es vergrub das Gesicht in die Kissen , damit Rieke das krampfhafte Schluchzen nicht höre , in dem sich sein tiefes Weh Luft machte . Die Träne , die es seinem Gott nach ­ weinte , war das Einzige , was ihm der Oheim ge ­ lassen , — war das einzige Gebet , dessen es in die ­ sem Augenblicke fähig war , denn wie gerne es beten wollte — es fand kein Wort . „ Er hört Dich ja doch nicht , er ist ja nicht ! “ rief es in ihm und dann brachen aufs Neue die heißen Tropfen hervor und es weinte wieder im bittersten Abschiedsschmerz . Aber je länger es weinte , desto weicher wurde ihm zu Sinne und wie der Gekreuzigte , nachdem er beeidigt war , unsichtbar unter den Jüngern weilte , so stand der Gott , den es im Geiste begra ­ ben , heimlich in seinem Herzen wieder auf : es hörte ihn nicht , sah ihn nicht , — aber es fühlte seine Nähe und fühlte sich durch sie gestärkt , daß es wieder beten konnte . Und nun warf es sich mit voller Inbrunst im Bette auf seine Kniee , faltete die Hände und flehte : „ Lieber Gott , laß mir den Glauben an Dich , — wenn Du bist und mich hörst — „ ja , da war es schon wieder , das furchtbare — „ wenn “ . — Die Kleine mußte innehalten und darüber nachdenken — sie mußte ! Aber bis sie das getan , war Ge ­ bet und Andacht dahin — und der Gott ent ­ schwunden ! So rang sie in Fieberglut zwischen Zweifel und Glauben und ihre Seele schmachtete nach Liebe , wie ihr heißer Gaumen nach Wasser ; — wo war die Hand , die milde , treue Hand , die ihr den Trunk reichte und aus der sie im Kusse die Labung für die liebedürstende Seele saugen konnte ? O — solch ’ eine Hand , wie nur eine Mutter sie hat ! Ernestine starrte durch die Finsternis empor , ihr Atem ging rasch und ihr Herz schlug hörbar , aus den weit geöffneten bren ­ nenden Augen floß keine wohltätige Träne mehr . „ O Gott , mein Gott , warum hast Du mich verlas ­ sen ? “ war der letzte Wehschrei ihres gefolterten Her ­ zens , dann versank sie in fieberhaften Schlummer . Siebentes Kapitel , Abschied . Die Herbststürme hatten alles Laub von den Bäumen geschüttelt , nur drüben über den weiten , grauen Feldern , welche Hartwichs Besitztum umga ­ ben , rauschten die grünen Tannen des Waldsaumes . Über die kahle , trostlose Ebene schwebte eine kleine einsame Gestalt dem Walde zu , geisterhaft bleich und traurig , wie Heines letzte Elfe.11 Ernestine war so weit genesen , um wieder ihrer alten Gewohnheit nach mit dem Sturmwind um die Wette zu rennen , sie breitete die Arme aus und konnte noch immer nicht von dem Gedanken los , es würden einmal Flügel daraus , die sie forttrügen , hoch , hoch hinauf . Sie wußte wohl , es konnte nicht sein , aber der Gedanke war doch so schön ! Von der Erde weg , hinauf wollte sie — auf der Erde war es so trübe , sie war ein Fremdling da , und sie fühlte es , ihre Heimat müsse wo anders sein — Im Himmel ? Himmel gab es ja keinen — aber doch in der Luft — wenigstens in der Luft . Und sie lief — sie stürmte dahin und es hob ihr das Herz , als es ihr um die Ohren sauste und ihre Locken und Kleider im Winde flatterten . Sehnsucht , unendliche Sehnsucht , sie wußte nicht , wonach , trieb sie hinaus — sie wußte nicht , wohin , — Sie hatte nichts mehr , wonach sie sich sehnte , und dennoch tat sie es , so innig , so zum Sterben . Sie hätte sich jetzt in Schaum auflösen mögen , wie die Seejungfrau , daß die Töchter der Luft sie fortgetragen hätten in das Unendliche ! Und sie stand still und schaute empor in das graue Gewölk und atmete tief — ach da droben war ja nichts mehr , worauf sie hoffte — und in der eigenen Brust hatte sie noch nicht suchen gelernt . Leer war es um sie her und leer über ihr — und dennoch zog es ihr volles Herz in das Leere ! Sie hatte endlich das Gehölz erreicht und stand unter den dunkeln Tannen , die der Sturm mit furchtbarer Gewalt zerzauste . Zum letzten Mal betrat sie heute den alten heimatlichen Wald , denn morgen sollte sie mit dem Onkel nach dem Süden reisen , sie sollte dem nordischen Winter entfliehen . Es tat ihr leid , denn sie hing an der Heimat , wie wenig ihr diese auch gab — sie muβte doch an etwas hängen ! Sie hatte sich so auf Schnee und Eis gefreut — die leuchtende Gestalt der Schneekönigin aus dem Märchenbuche , Andersens nordische Poesie hatte ihr den Winter verschönt und verklärt . War es ihr doch ergangen , wie dem kleinen Kay , blühten ihr doch , wie ihm , keine Freuden mehr und quälte sie sich im Geiste , wie er , mit dem Worte Ewigkeit ab.12 — Sie konnte nicht anders , so wie es ihr ums Herz war , muβte sie den Winter lieben und die Einsamkeit auf ihrem abgelegenen Gehöft . — Sie ging unerschrocken durch das rauschende Dickicht weiter , tiefer und tiefer in den Wald hinein , bis sie , ohne zu wissen wie , auf der andern Seite heraustrat und unter der Eiche stand , wo sie Johannes zuerst erblickt hatte . Da hing noch ganz verdorrt jener Zweig , der unter ihr gebrochen war , als sie vor ihm fliehen wollte , dort war jener Rasenfleck , wo er ihr das Buch geschenkt , das wunderbare Buch , das ihr ganzes Denken mit lieblichen Bildern durchwob ; und doch erschien das , was sie mit Johannes erlebt , noch viel märchenhafter als alle Märchen und sie versank in tiefes Sinnen , bis ein furchtbarer Windstoβ in die Krone des majestätischen Baumes fuhr , als wolle er sie niederschmettern und den ganzen Wald damit zertrümmern . Prasselnd stürtzte der geknickte Ast herab , der nur noch an einer dürren Faser gehangen hatte und wehklagend rauschte es durch die entlaubten Wipfel in der Tiefe des Gehölzes nach . Ernestine blickte bebend empor . Die Zweige ächzten und knarrten und die aufgescheuchten Raben flogen kreischend darüber hin . Abermals strich es heulend über die Ebene her , langsam , aber mäch ­ tig anschwellend dem Walde zu und wieder war es die freistehende Eiche , an die es zuerst anprallte , daß sie bis ins Mark erzitterte . Nur einen Augenblick aber währte Ernestinens Schreck , — sie war ja die nordischen Oktoberstürme gewöhnt und es überkam sie eine Freude an der wilden entfesselten Naturkraft , als ob es ihre eigene Hand sei , die die Bäume rüttle und Äste zersplittere . Eine Titanenlust in der Brust eines Geschöpfes wie aus Mondschein und Lilienfasern gewoben ! — Es war ein gottverwandter Geist , der in so zartem Leib so mächtige Gefühle erzeugen konnte . Dieser Geist jauchzte dem ebenbürtigen Elemente den Brudergruß zu und vergaß freudetrunken der schwachen Hülle , in die er gebannt war . Wilde Lieder in den Sturm hinaussingend , schwang sich die Kleine mit der gewohnten Geschicklichkeit auf den Baum , der ihr so lieb geworden , höher und höher , und wiegte sich frohlockend in den hin und her gepeitschten Zweigen . Da saß sie endlich in der höch ­ sten Spitze und schaute weithin über Wald und Ebene , und je stärker es brauste und rüttelte , je heftiger der Wipfel mit ihr schwankte , desto lieber war es ihr , — es war ja halb und halb geflogen — sie schwebte hoch über der Erde und doch so geborgen . Sie küßte den Ast , an dem sie sich hielt , sie mußte doch etwas küssen , und als sie unter sich bald hier , bald dort die jungen Stämme brechen sah — und der Orkan ihr den Atem fast raubte , — da schaute sie begeisterten Blickes empor und sagte unwillkürlich : „ Das ist der Atem Gottes . “ Plötzlich raschelte etwas wie der Tritt eines Menschen und durch das Tosen des Stur ­ mes drang ein Ruf . Sie mußte an den fremden , schönen Jüngling denken , — wenn er es gar wäre , sie wieder vom Baume zu holen ? Es befiel sie ein unerklärliches , freudiges Bangen , wenn er es wieder wäre und seine Arme nach ihr ausstreckte ? — Aber er war es nicht , es legte sich kalt über ihr Herz und dunkel über die ganze Natur — es war der Oheim ! „ Ernestine ! “ rief er hinauf , „ unbesonnenes Kind , in welche Angst stürzest Du mich ! In solchem Wetter in den Wald zu laufen und auf Bäume zu klettern — Du kannst Dir ja den Tod holen . Komm ’ herab , ich bitte Dich . “ „ Oheim , laß mich hier — hier ist mir so wohl ! “ bat die Kleine . „ Ich muß Dich ernstlich ersuchen , mit mir zu gehen . Was sollten die Leute denken , wenn ich Dich in diesem Sturme draußen ließe ? Sei so freundlich und folge mir . “ Ernestine blickte stumm noch einmal über den geliebten Wald hin und kletterte mit trübem Antlitz abwärts . Als sie an die Stelle kam , wo der Ast ge ­ brochen war und Johannes sie geholt hatte , riß sie ein paar welke Blätter ab , steckte sie zu sich und glitt leicht , wie ein Schatten , am Stamme nieder . Sie blickte den Oheim an . Verschwunden war aller Zau ­ ber , alle Freude , sie war wieder auf der Erde und des Oheims kaltes lauerndes Auge ruhte so ernüch ­ ternd auf ihr . — Sie schaute zu Boden , sie schämte sich fast ; wenn er wüßte , daß sie noch soeben an Gott gedacht , wie würde er sie verhöhnen . Und warum konnte sie dort oben wieder an ihn glauben und hier unten in des Oheims Nähe nicht ? Sie ging schweigend neben Leuthold her , sie schaute nicht rechts noch links , gleichgültig ließ sie es geschehen , daß ihr der Sturm die Kleider fast vom Leibe riß . Sie wollte nicht mehr fliegen , sie hatte keine Sehnsucht mehr , — wcnn der Oheim bei ihr war , schämte sie sich jeden Gefühls . Als sie bei der Stelle ankamen , wo der Weg nach Hartwichs Gut sich von dem trennt , der nach dem Dorfe zu führt , bat sie Leuthold , sie noch im Pfarrhaus Abschied nehmen zu lassen . Er gestattete es ihr nach kurzem Besinnen und ging allein weiter . Ernestine eilte nun die ge ­ wohnte Straße zu dem alten Prediger hinab , die Baueinkinder schrieen ihr nach : „ Halloh — Hart ­ wichs Tine , die stolze Tine mit dem Käsegesicht ! “ — Sie achtete nicht darauf , über die Spöttereien dieser Geschöpfe fühlte sie sich erhaben . Mit pochendem Herzen erreichte sie den Pfarrhof , doch plötzlich blieb sie stehen . Was wollte sie eigentlich hier ? Dem Herrn Pfarrer und seiner Frau Lebewohl sagen ! Wenn sie nun aber der gute fromme Greis etwa wie immer ermahnte , recht gottesfürchtig zu sein ? Oder wenn er sie gar fragte , ob sie noch an Gott glaube ? Was sollte , was konnte sie ihm dann antworten ? Durfte sie , die Ab ­ gefallene , Zweifelnde , den Diener Gottes aufsuchen ohne sich einem peinlichen Gericht auszusetzen — oder zu lügen ? Da stand sie nun wie eine Büßende vor der Tür , die sich ihr so oft gastlich aufgetan uno wagte nicht , einzutreten . Zweimal hatte sie die Glocke in der Hand und ließ sie immer wieder los , ohne daran zu ziehen . Sie wußte , daß es dem alten Herrn leid tun würde , wenn sie ohne Abschied fortginge , aber sie wußte auch , daß es ihn noch tiefer schmerzen würde , wenn sie ihm verriete , wie es in ihr aussah . Vielleicht verachtete er sie dann gar , das konnte sie nicht ertragen und wie sie sich vor dem Onkel ihres immer wiederkehrenden Glaubens schämte , so schämte sie sich jetzt vor dem Priester ihrer immer wiederkehrenden Zweifel . Wie oft hatte er ihr gesagt — es sei eine Sünde , zu grübeln — und sie hatte diese Sünde be ­ gangen , sie beging sie noch in diesem Augenblicke . Nein — sie konnte mit solch bösem Gewissen weder seinen Blick aushalten , noch die weichen , stets gefalte ­ ten Hände der Frau Pfarrerin küssen , — und sie schlich fort hinter dem Hause vorbei , damit sie Niemand bemerke und trat in den Friedhof ein , wo es einsam und still war und sie ihr schuldbeladenes kleines Herz an den Gräbern ihrer Eltern bergen konnte . Sie kniete bei den Kreuzen nieder und rang nach Tränen , die sie erleichtern sollten ; — aber kein Segen stieg für sie aus den Grüften auf , die der Geist den Eltern nicht umwallte , die — wie Onkel Leuthold sagte — nur Knochen bargen . Und dennoch sehnte sie sich so sehr , Buße zu tun . „ Wenn ich nur jetzt noch schnell glauben könnte , wenn ich den lieben Gott recht inbrünstig um Verzeihung bäte , dann könnte ich auch noch zum Herrn Pfarrer , “ dachte sie . Ratlos blickte sie um sich ; da stand ja die Kirche und die Tür war offen . Da hinein in das Haus Gottes wollte sie , — vielleicht fand sie an der heiligen Stätte wieder , was sie verloren . In tiefer Zerknirschung trat das Kind ein , es warf sich vor dem Altar auf die Kniee und schloß die Augen . „ Jetzt — jetzt wirst Du beten können ! “ dachte es , aber wie in jener furcht ­ baren Nacht , wo ihm Frieden und Religion geraubt ward — die Andacht nahte sich ihm , wie ein scheuer Vogel und wenn es sie bannen wollte , entschlüpfte sie ihm . Da lag die kleine schuldlos Büßende , die Seele voll Frömmigkeit und konnte nicht beten , das Herz voll Tränen und konnte nicht weinen . Verzweifelnd sprang sie auf — auch hier war Gott nicht . Im Sturm hatte sie ihn zu fühlen gemeint , den Sturm für sei ­ nen Atem gehalten , aber der Onkel hatte ihr ja auf dem Heimweg bewiesen , jener sei nichts als eine Luft ­ strömung , veranlaßt durch die wechselnde Erwärmung der Erdoberfläche oder starke Regengüsse , und sie hatte nieder gesehen , wie sehr sie sich geirrt , wie viel mehr der Oheim wisse , als der Pfarrer , und hatte ihm ver ­ traut . Wenn sie aber dem Oheim glaubte , konnte sie nicht an Gott glauben — sie konnte nichts dafür und doch lastete dieser Abfall auf ihr als das erste Ver ­ brechen ihres Lebens . Ihre treue Seele glich dem Eisen , das noch lange fortglüht , auch wenn das Feuer , das es erhitzte , ausgebrannt ist : ihr Glaube war erloschen , aber die Wirkung des Glaubens dauerte fort und wurde in ihr zum Strafgericht . — Es be ­ gann zu dunkeln und noch immer stand sie da mit gesenktem Haupte und niedergeschlagenen Augen ; der Christus , der sich für seinen „ Wahn “ , wie es der Oheim nannte , ans Kreuz schlagen ließ , sah sie so vorwurfsvoll an — sie wagte nicht , zu ihm auf ­ zublicken . Er hatte für das geblutet , was sie verleugnete — es war ihr , als müsse er die Hand mit dem Nagel vom Holze reißen und drohend gegen sie aufheben ; — ein unerklärlicher Schauder überrieselte sie , sie stürzte wieder auf die Kniee . „ Vergib , vergib ! “ rief sie und nun plötzlich löste ein Strom von Tränen das Band , das ihr Herz zusammenschnürte . Da faßte sie etwas an der Schulter und zog sie in die Höhe — war es der Oheim oder der Teufel , der sie angrinste ? „ Also hier finde ich Dich ! “ spottete er , „ im Dunkeln — weinend und knieend ? Ei , ei , ich suchte meine kleine stolze Philosophin und finde ein wimmerndes Kind , das zu einer Holzpuppe betet ! Kannst Du mir nicht sagen , wo Ernestine Hartwich ist ? “ „ Onkel , “ rief Ernestine mit schmerzlichem Trotz , „ warum verfolgst Du mich heute überall ? Kann ich denn keine Stunde allein sein , muß ich über jeden Gedanken Rede stehen . Du hast mir Alles genommen , woran ich noch hing , bist zwischen mich und den lieben Gott getreten , daß ich nun nicht einmal mehr zum Herrn Prediger gehen kann und mich ums Pfarrhaus schleichen muß , als hätte ich gestohlen — meinst Du denn , so