hatte in treuer , ehrlicher Liebe . Weher hätte sie ihm nicht tun können , weher nicht , als daß sie dem Schurken mehr geglaubt hatte als ihm , sie , die sonst so besonnen war . – Besonnen ? Er sah noch ihre Augen vor sich , die Augen , in denen tief die Leidenschaft glimmte . Er hatte sie mehr als einmal im Zorn blitzen sehen . Er hörte ihr erschütterndes Schluchzen , ihre vor Bewegung tonlose Stimme , als sie von dem Vater sprach . Er sah sie , wie sie am Hochzeitsabend droben seine Hände stürmisch an die Lippen preßte , eine stumme , beredte Unterwerfung , ein Dank für den Zufluchtsort an seiner Brust . Und nun ? Sie war verraucht , diese leidenschaftliche Liebe , unterlegen der ersten Prüfung ! Es dämmerte schon , als er von seinem Gange zurückkehrte . Johanne war fort . Das Stubenmädchen , das er auf dem Korridor traf , erzählte , sie habe ihr Kind mitgenommen und einen Koffer voll Kleider und Wäsche , auch die Bücher , die die gnädige Frau gestern zugeschickt bekommen hatte . 199 Er trat in ihr Zimmer . Der süße Veilchenduft , den sie so liebte , hauchte ihn an , die Decke der Chaiselongue lag noch so , wie sie sie beim Aufstehen heute abgeworfen hatte . Er hielt es nicht aus , die Sehnsucht packte ihn zu gewaltsam und drohte ihn weich zu machen . Er ging wieder hinunter in den Gartensaal . Unwillkürlich behielt er die halbgeöffnete Tür in der Hand – da saß der Amtsrichter am Tische , bestaubt , unordentlich von der Brockentour , und seelenvergnügt . Aber – wie kam diese Fremde dazu , hier zu schalten ? Das frische , brünette Mädchen deckte den Tisch . Sie hatte über das dunkle Kleidchen eine weiße Schürze gebunden , der Latz schmiegte sich ohne Falten an die volle Brust . Sie schob eben mit den runden Armen , die aus den halblangen Ärmeln blickten , eine Platte mit kaltem Fleisch auf des Amtsrichters Platz und setzte die Bierflasche neben das Kuvert . Und sie lachte den kleinen , wegemüden Freund dabei an , daß alle ihre weißen Zähne durch die Lippen blitzten . Auch das noch , um die Gemütlichkeit vollkommen zu machen ! Mochte essen , wer da wollte ! Und nun saß er oben in seinem Zimmer , in der Sofaecke . Draußen dämmerte die Frühlingsnacht , und eine Mädchenstimme sang um die Wette mit den Nachtigallen dort unten . Das mußte die kleine , schwarze Adelheid sein . Zuletzt scholl es nur noch verhallend aus der Tiefe des Gartens herauf . 200 Er fuhr erst empor , als der Amtsrichter vor ihm stand . » Nun möchte ich aber wahrhaftig wissen , Franz , bist du verhext , oder ich ? Was ist denn los ? Wo ist Madame ? Die kleine Schwarze da unten , die wie vom Himmel gefallen scheint , sagte : › Fort ! ‹ – Fort ? Was heißt das ? « » Fort ! « wiederholte Franz Linden . Es klang so wunderlich , daß der Freund stutzig wurde . » Es ist etwas passiert , Franz . Die Alte , die Schwiegermama hat ' s angerichtet . Oh , diese Weiber ! « » Nein , nein ! Die Sache mit dem Wolff . « Der Amtsrichter stieß ein gut deutsches Schimpfwort aus , dann setzte er sich neben Linden und schlug ihm auf die Schulter : » Den kriegen wir , Franz « , tröstete er , » und sie wird wiederkommen , muß wiederkommen , sie wird gar nicht darum gefragt . Aber sie hat das Dümmste getan , was sie tun konnte , indem sie davonlief . « Und er begann eine Auseinandersetzung über einen Prozeß , der kürzlich in Frankfurt am Main gespielt hatte , auf Grund böswilliger Verlassung . Linden sprang empor . » Bleibe mir mit dem Gesetz vom Leibe « , sagte er barsch , » denkst du , ich werde sie mit Gewalt zurückführen ? « » Und wenn sie nicht von selber kommt , Franz ? « » Sie wird kommen « , erwiderte er kurz . » Und der Ehrenmann , dieser Wolff ? « Franz Linden präsentierte dem Freunde eine 201 Zigarre und nahm selbst eine . Aber er zündete sie nicht an , und indem er sich wieder setzte , sagte er : » Das fragst du ? Habe ich mir schon je etwas gefallen lassen , Richard ? « » Nein , aber worauf stützt sich nur der Mann eigentlich ? « Franz zuckte die Achseln . » Ich sagte dir schon , daß er erklärte , als ich ihn quasi hinauswarf , er werde sein Recht zu finden wissen . Übrigens ist der Gentleman krank « , setzte er hinzu . » Oh , das ist fatal ! « bedauerte der Amtsrichter . Er verstummte , denn eben scholl wieder die volle , tiefe Frauenstimme herauf : Du hast mir viel gegeben , du schenktest mir dein Herz ; Du nahmst mir alles wieder und ließest mir den Schmerz . » Es muß recht schwer sein , Franz ! « flüsterte der Freund nach einer Weile tiefsten Schweigens . » Sehr schwer – ich meine : das Richtige bei den Weibern zu treffen . Wie wirst du dich benehmen ? Mit Strenge oder Milde ? Schreibst du ihr einen groben Brief , oder dichtest du sie an ? Es ist heute so ein Abend , ich könnte selbst Verse machen . Weißt du , Franz , zünde Licht an und laß uns die Zeitung lesen . « » Richard « , sagte der junge Mann laut und stand auf , » wenn du mir bei der Sache gegen Wolff deinen guten Rat leihen willst , nehme ich ihn dankbar an . Aber laß meine Frau aus dem Spiele , das ist meine Sache allein ! « 202 Frau Baumhagen hatte ihre Abneigung gegen » Villa Waldruhe « überwunden und war gekommen , um mit ihrer jüngsten Tochter zu sprechen ; irgend etwas mußte geschehen , jedenfalls konnte sie die teilnehmenden Fragen nach dem Befinden der jungen Frau nicht länger ertragen . Entweder – oder ! Trudchen saß am Fenster in ihrem dämmerigen kühlen Zimmer und las , wenigstens hielt sie ein Buch in der Hand . Zu ihren Füßen schlief Lindens Hund . Sie erhob sich erschreckt , als sie Tritte auf dem Korridor hörte , und einen Moment überzog ein helles Rot das blasse Gesicht . » Ach , Mama « , sagte sie müde , als Frau Baumhagen über die Schwelle rauschte , in lichtgrauer Toilette , den Hut der Halbtrauer wegen verschwenderisch mit Veilchen geschmückt , das runde Gesicht von der Frühlingssonne und Erregtheit noch lebhafter gefärbt als sonst . » Aber Kind , so geht es nicht länger ! « begann sie und küßte die Tochter zart auf die Stirn ; » wie du aussiehst , und wie kalt es hier ist ! Jenny läßt dich grüßen . Sie ist heute früh nach Paris , um mit Artur dort zusammenzutreffen . Warum bist du nicht mitgereist , wie ich dir vorschlug ? « » Ich fühle mich nicht wohl genug « , sagte Trudchen . » Du siehst blaß aus ! Es ist ja kein Wunder , ich habe auch nie Rücksichtslosigkeit ertragen können . « Die junge Frau hatte ihren Platz wieder eingenommen . 203 » War Onkel Heinrich einmal hier ? « erkundigte sich Frau Baumhagen . » Gestern erst . « » Nun , da weißt du ja , daß Linden sich einfach seine Einmischung bei Wolff verbeten hat ? « » Ja , Mama ! « » Und daß dieser Herr Wolff seit drei Tagen am Tode liegt ? Es könnte nichts Besseres passieren , als daß er stirbt . Die Angelegenheit wäre damit natürlich zu Ende . Ob man in der Stadt schon eine Ahnung hat von dem wahren Sachverhalt , weiß ich nicht , aber irgend etwas ist in der Leute Mund . Man überstürzt sich mit Erkundigungen nach dir . « Trudchen nickte leise mit dem Kopfe . Sie wußte das alles schon vom Onkel . » Und er war nicht hier ? Bat nicht um Verzeihung ? Suchte keine Annäherung ? « fragte atemlos Frau Baumhagen . » Nein ! « klang die Antwort , halb erstickt . » Armes Kind ! « Die Mutter führte das Batisttuch an die Augen . » Es ist roh , geradezu roh ! Danke Gott , daß du so bald zur Einsicht gekommen bist . Aber du kannst doch nicht während der ganzen Zeit , die der Scheidung vorangeht , hier zubringen ? « Trudchen zuckte zusammen und sah mit starren Augen die Mutter an . Sie selbst hatte ja an weiter nichts gedacht , als an Trennung . Jetzt , wo sie das 204 furchtbare Wort aussprechen hörte , traf es sie wie ein Donnerschlag . » Doch ! « sagte sie dann und wand die Hände unmerklich ineinander , » wo sonst ? « » Und was machst du hier , um Gottes willen , von früh bis spät ? « » Ich lese und gehe spazieren , und – « ich gräme mich , wollte sie hinzusetzen , aber sie schwieg . Was wußte Mama von Gram ! » Mein armes Kind ! « Frau Baumhagen weinte jetzt wirklich . Der Aufenthalt hier fiel ihr auf die Nerven . Es lag etwas Beängstigendes in der Luft , und es war doch im Grunde eine schreckliche Zeit , die nun bevorstand . Wie , wenn er nicht in die Trennung willigte ? Warum hatte Gott dem Kinde einen so unbeugsamen Charakter gegeben , der sie in dies Elend gebracht hatte ! Wäre sie doch dem mütterlichen Rat gefolgt ! Frau Ottilie hatte vom ersten Moment an einen Widerwillen gegen diesen Menschen gefaßt . » Ich glaube , ich muß heim – meine Migräne « , stammelte sie und schraubte ihr Büchschen mit englischem Salz auf . » Wenn du irgend etwas wünschest , Gertrud , schreibe oder schicke . Willst du ein Instrument , oder Bücher ? Ich hab ' den neuesten Roman von Daudet . Ach , Kind ! es geht bunt her im Leben und in der Ehe besonders . Du hast noch nicht das Traurigste erfahren . « » Ich danke , Mama ! « Die junge Frau folgte der Mutter den Korridor entlang und die Treppe 205 hinunter bis in die Haustür . Frau Baumhagen nahm mit heiterem Lächeln Abschied . Der Kutscher brauchte ja nichts zu wissen . » Gute Besserung , Trudchen « , sagte sie laut , » laß dir deine Brunnenkur wohl bekommen ! « Die Zurückbleibende schritt in den Garten hinein . Am Ende der Mauer , da wo der Weg umbiegt , war ein kleines Belvedere angebracht , darüber aus Borke ein pilzförmiges Dach . Dort stand sie nun und schaute in das Land hinein , das im Abendgold und Duft vor ihr lag . Hinter den bewaldeten Ausläufern des Turmberges , da wußte sie , traut und lieb , das alte Haus . Sie schritt im Geiste durch alle seine Räume , nur an einer Tür zwang sie die Gedanken vorüber , das Zimmer mit den alten Mahagonimöbeln , in das sie zuerst getreten war am Hochzeitsabend . Und sie lehnte sich fester auf die Mauer und schaute in die untergehende Sonne , die wie ein feurig roter Ball am Himmel stand , bis ihr die Tränen aus den Augen flossen . Das Herz tat ihr weh vor Scham und Demütigung . Warum nur kam immer wieder dieser Tag herauf und der Abend , der erste in eben dem Zimmer ? Der Abend , da sie aus seinem Arm geglitten war , ihm zu Füßen , ihr Antlitz in seine Hände geborgen , vergehend in heißer Dankbarkeit ? Mußte er nicht heimlich gelächelt haben über das törichte , leidenschaftliche , blindlings glaubende Weib ? Und der Zorn trieb ihr die Tränen aus den Augen über die 206 blassen Wangen , ihre Hände zitterten und riesenhaft bäumte sich der Stolz in ihr . Sie wandte sich um und ging dem Hause zu , immer der Hund auf ihren Fersen . In der Stube hockte sie sich wie ein Kind zur Erde und faßte den braunen Gesellen um den Hals . Sie konnte ja weinen , laut weinen , es hörte keines Menschen Ohr . Johanne war nach Niendorf gegangen und holte Bücher und allerhand Kleinigkeiten . Als Johanne endlich kam , saß Gertrud , still wie immer , in der Sofaecke ; die Lampe brannte und sie las . Die behende kleine Person bot einen schüchternen » Guten Abend ! « , was mit einem stummen Kopfnicken erwidert wurde . Sie legte neben das Buch ein paar Rosenknospen : » Die ersten aus dem Niendorfer Garten , gnädige Frau . « Und als keine Antwort darauf kam , sprach sie weiter , während sie die Wäsche aus dem Korbe nahm und in einen Schrank packte : » Die Dore ist fort , Frau Linden . Sie hat sich mit Fräulein Adelheid gezankt , da hat sie der Herr hinausgejagt . Er ist böse . Herr Baumhagen , der gerade draußen war , hat sich bitter beklagt über das Essen heute mittag . Ich stand in der Küche , da kam er herein und sagte , er hätte in seinem ganzen Leben noch nicht solch miserable Schoten bekommen , und der Schinken sei nach der verkehrten Seite geschnitten . Da hat Fräulein Adelheid geweint und lamentiert und erklärt , sie täte das alles nur aus Gefälligkeit . Und 207 der Herr Amtsrichter wollte sie trösten und sagte , es wäre schade um ihre schönen Augen . Ich soll auch vom Herrn Amtsrichter eine Empfehlung ausrichten , und er käme noch , um der gnädigen Frau Adieu zu sagen . Er reist in den nächsten Tagen ab . Herr Baumhagen läßt auch grüßen und Fräulein Rosa und die kleine Adelheid – « » Bitte , Johanne , besorge mir den Tee « , unterbrach die junge Frau den Redestrom . » Ich hatte eigentlich saure Milch , gnädige Frau – aber gelt , es ist kühl . Ach Gott , und wie sieht ' s im Milchkeller aus ! Es verkommt alles . Es wäre wirklich besser , wollten die Herrschaften sich dahin einigen , daß das Fräulein Adelheid hierherkommt und ich gehe zum Herrn . « » Du bleibst hier ! « erklärte Trudchen und senkte die Augen auf ihr Buch . » Der Herr sieht so blaß aus « , fuhr die redselige Frau fort . » Der Herr Baumhagen erzählte ihm im Gartensaal , daß es mit dem Wolff zum Sterben kommt . Da schlug er mit der Hand auf den Tisch , daß die Kaffeetassen klirrten und sagte : › In dieser Geschichte geht mir alles quer ! ‹ « Trudchen sah empor . In ihr blasses Gesicht kam Farbe , und sie atmete tief . » Zum Sterben ? « fragte sie . » Ja ! ich hörte noch , wie Herr Baumhagen ihn zu beruhigen suchte . Es sei wohl so am besten , und er hoffe , es werde sich nun alles in Frieden arrangieren . « 208 » Was wollte denn mein Onkel draußen ? « forschte Trudchen . Johanne war verlegen . » Ich weiß es nicht , Frau Linden , aber wenn mich nicht alles täuscht , so redete er Herrn Linden zu – daß – ach Gott , gnädige Frau ! « Die schmucke , kleine Person kam herüber und blieb vor dem Tische stehen , den sie zierlich gedeckt hatte . » Was sie miteinander gehabt , die Herrschaft – das weiß ich nicht , es kommt mir auch nicht zu , darüber nachzudenken . Aber sehen Sie , gnädige Frau , ich hatte auch einmal einen Mann , dem ich herzlich gut war – das Leben ist so kurz , meine ich , man sollte sich keine Stunde verbittern , gnädige Frau . Was tot ist , kommt nicht wieder . Aber wüßte ich , mein Fritze wäre noch auf der Welt und säße da drüben hinter den Bergen , so gar nicht weit von mir – Herr Jesus , wie wollte ich laufen , daß ich hinüberkäme , und wäre er auch bitterböse auf mich ! Um den Hals fiele ich ihm und sagte : › Fritze , nun schilt mich und schlage mich , es ist alles eins , wenn ich dich nur habe ! ‹ « Und die junge Witwe vergaß den Respekt vor der Herrschaft und schlug den Zipfel der sauberen Schürze vor die Augen und begann bitterlich zu weinen . » Weine nicht , Johanne « , sagte Trudchen . » Du verstehst das nicht . Mir wäre es schon lieber so – als daß er mich – « Sie stockte , es war ein Gefühl herzbeklemmender Angst , das sie überkam . 209 Johanne schüttelte den Kopf . » ' s ist nicht recht ! « sprach sie und ging hinaus . Und Trudchen ließ den gedeckten Tisch und stellte sich ans Fenster und legte die Stirn an das kühle Glas . Ob es nicht Menschenworte gibt , so gewaltig , als hätte Gott selbst sie gesprochen ? Als Johanne nach langer Zeit wieder das Zimmer betrat , fand sie es leer und den Tisch unberührt . Und als sie sich anschickte , das bescheidene Tafelgeschirr abzuräumen , da trat die junge Frau eben wieder über die Schwelle und legte einen Schlüssel auf den Schreibtisch . Sie war in des seligen Herrn Stube gewesen , und wie versteinert sah das blasse Gesicht aus unter dem braunen Haar . » Wenn Besuch morgen kommt , oder wann es sei – ich bin nicht zu sprechen « , befahl sie , » es müßte denn Onkel Heinrich sein . « Und sie nahm das Buch vor die Augen und las . Es rührte sich schon längst nichts mehr im ganzen Hause , da ließ sie es einen Augenblick sinken und starrte ins Leere hinaus . » Nein ! « sagte sie halblaut , » nein ! « Drei Tage später fuhr die Niendorfer Equipage vor das Gittertor von » Waldruhe « . Sie hielt dort eine Viertelstunde im grellsten Schein der Nachmittagssonne , so daß sich die Gärtnerkinder nicht satt zu sehen vermochten an der aufsprühenden 210 Farbenpracht von Tante Rosas veilchenfarbenem Sonnenschirm und den roten Straußfedern , die auf Adelheids Sommerhütchen lagen und sich effektvoll mit dem dunklen Kraushaar vermischten , das wie in Fransen über der jungen Stirn hing . Auch dem Herrn Amtsrichter mußte dieser Anblick behagen , denn er verwandte kein Auge von dem anmutigen Visavis . » Frau Linden bedauert ; sie ist nicht wohl genug , um Besuch empfangen zu können « , berichtete Johanne mit niedergeschlagenen Augen . Zwei der Insassen des Wagens sahen sich enttäuscht an , und der Amtsrichter suchte in der Brusttasche nach seinem Visitenkartenetui : » So ! « Er händigte der Dienerin die umgebogene Karte ein . » Und hier ist ein Brief , ein wichtiger Brief – verstehen Sie , Johanne ? Empfehlen Sie mich , und ich wünschte gute Besserung . « » Ich auch « , sagte schüchtern das Fräulein . Tante Rosa aber schwieg , und da man genauer hinsah , schlief sie , und das alte runzlige Gesichtchen wackelte seltsam über der großen Hutschleife . » Borrmann , fahren Sie ja recht langsam , wenn wir in den Wald kommen « , flüsterte der Amtsrichter , » Fräulein Rosa schläft . « Und der Kutscher schnalzte mit der Zunge und fuhr auf dem weichen Graswege schier lautlos dahin . Johanne sah nur noch , daß der Herr Amtsrichter von der Mitte des Sitzes dem jungen Mädchen völlig gegenüberrückte , und daß 211 diese plötzlich so rot erglühte , wie die Federn ihres Hütchens . Johanne ging mit Brief und Karte ins Haus zurück und überreichte sie Trudchen . » Einen Brief ? « fragte die junge Frau . » Der Herr Amtsrichter gab ihn mir « , erwiderte Johanne und verließ das Zimmer , in dem trotz der draußen herrschenden Wärme eine feuchtkühle Luft wehte . Trudchen öffnete langsam das Kuvert . Es war seine Handschrift ; sie hatte es geahnt . Ein rasches , banges Herzklopfen nahm ihr fast den Atem , und die Buchstaben flimmerten vor ihren Augen . Es verging eine Weile , ehe sie lesen konnte : » Gertrud ! Gestern abend ist Wolff gestorben . Es ist nicht mehr möglich , ihn auf Erden zur Rechenschaft zu ziehen , es ist nicht mehr möglich , seine Schuld aufzudecken . Er steigt ins Grab , ohne die Verleumdung von mir genommen zu haben . Ich bleibe als der vermeintlich Schuldige vor Dir stehen und kann weiter nichts tun , als noch einmal versichern , daß wir – Du und ich – die Opfer eines Schurken geworden sind . Ich habe nie mit Wolff über Dich , über Dein Vermögen verhandelt , noch seine Vermittlung angerufen . Ich überlasse Dir und Deiner Einsicht das Weitere . Zwingen zur Rückkehr werde ich Dich nicht , sowenig ich mich zu einer Scheidung 212 zwingen lasse . Komm , Gertrud , komm bald , und alles soll vergessen sein . Das Haus ist öde , und die Herzen sind es noch mehr . Fasse wieder Vertrauen . Dein Franz . « Sie war eben zu Ende mit dem Lesen dieser Worte , da trat Onkel Heinrich ein . Der kleine Herr hatte entschieden gut diniert . Er machte das lustigste Gesicht von der Welt . » Noch immer hier ? « fragte er . Und als sie nicht antwortete , faßte er sie näher ins Auge – » nun , doch nicht schon wieder in Gemütsbewegung ? « Aber die junge Frau wankte plötzlich , und Onkel Heinrich sprang noch gerade hinzu , um sie stützend zu halten und mit ängstlicher Stimme nach Johanne zu rufen . Sie legten die schlanke Gestalt in den Lehnstuhl und wuschen die Schläfen mit kaltem Wasser . » So sprich doch , Kind ! « bat er ; » so sprich doch ! « und das wiederholte er , bis sie die Augen aufschlug . » Ich kann nicht « , sagte sie nach einer Weile . » Was denn ? « fragte der asthmatische alte Herr . » Zu ihm gehen ! Ich kann nicht ! Muß ich denn ? « » Barmherziger Gott ! « stöhnte Onkel Heinrich , » nimm doch Vernunft an ! Freilich mußt du , wenn du ihn nicht verkommen lassen willst . « » Ich muß ? « wiederholte sie , und wie zu ihrem Trost fügte sie hinzu : » Nein , ich muß nicht ! Ich kann mich nicht zwingen , Vertrauen zu fassen , ich 213 kann mich nicht verstellen . Nein , ich muß nicht ! « und sie sprang auf und lief das Zimmer entlang bis zur Tür , bebend vor Aufregung . » O la la ! « Der alte Herr griff sich in die Haare . » So bleib ! Laß Haus und Hof zugrunde gehen und den Mann dazu , dem du Treue gelobt hast ! « » Ja , ja ! « flüsterte sie , » du hast schon recht , aber ich kann nicht ! « Und sie umfaßte in der Tasche die kleine Börse , in der das unselige Brieffragment steckte . Es war , als ob diese Berührung ihr die völlige Besinnung wiedergab . Sie wurde still , schmiegte sich in den Sessel und lehnte den Kopf in die Polster . » Verzeihe , Onkel – ich weiß , was ich tue . « » Das weißt du eben nicht ! « murmelte er . » Doch ! « klang es trotzig zurück . » Oder meinst du , ich müßte hinübergehen und ihn mit gerungenen Händen bitten , mich in Gnaden wieder aufzunehmen ? « Und wie Hohn kräuselte es sich um ihre Lippen . » Das Gescheiteste wär ' s ! « erklärte Onkel Heinrich verdrießlich . Sie beugte stolz den Kopf in den Nacken zurück . » Nein ! « kam es von ihren Lippen , » und wenn ich noch elender würde ! Verzeihen kann ich , aber – hinkuschen wie – wie ein Hund – nein ! « » So soll mich Gott strafen , wenn aus dir nicht der pure Hochmut spricht « , fuhr der alte Herr auf . » Wer gibt dir ein Recht , dich so weit über ihn zu 214 stellen ? Ein armer Kerl war er , der nicht freien konnte ohne Geld . Ist es ein Verbrechen , daß er nach diesem Punkte gefragt hat ? Bei jeder Prinzessin geschieht es . Lieblos bist du und starr und ungerecht ! Hast du nie ein Unrecht getan ! « Sie war schon bei den ersten zürnenden Worten zusammengefahren wie ein erschrecktes Kind . Nun sprang sie auf , und vor ihm niederkniend , sahen ihre Augen bittend zu ihm empor . » Onkel , weißt du denn , wie ich ihn geliebt habe ? Weißt du denn , wie ein Weib lieben kann ? Zu ihm aufgesehen habe ich , wie zu dem Edelsten auf der Welt , so groß kam er mir vor . Zu seinen Füßen habe ich gelegen , und abends habe ich die Hände gefaltet und Gott gedankt , daß er mir diesen , gerade diesen Mann gegeben hat . Der einzige , glaubte ich , wäre er , der nicht nur das reiche Mädchen in mir sah , und hundertmal hat er mir dies erzählt . Onkel , du , du bist immer allein gewesen , du weißt nicht , wie sehr man lieben kann ! Und dann hinunterzusteigen , einen gewöhnlichen Menschen vor sich zu sehen , einen , der auch die Lüge nicht verschmäht – lieber tot , lieber tot ! « Und sie ließ seine Rechte und barg ihr Gesicht in den zitternden Händen . » Und da , wo das Glück gewesen war , da soll ich mit der kargen Pflicht haushalten ? Ich soll seine Frau sein , und ich weiß , daß nicht Liebe ihn zu mir geführt hat ? Ich soll ein zärtliches Wort hören und nicht dabei denken : › Er meint ' s nicht so ? ‹ Er sagt mir etwas , und ich 215 zermartere mich in Zweifeln darüber , ob er es ehrlich meint ? Oh , die Hölle kann nicht schrecklicher sein , denn ich hatte ihn lieb ! « Dem alten Herrn standen die Augen voll Wasser . Er strich verlegen über den schlichten Scheitel der jungen Frau . » Steh auf , Trudchen « , bat er leise ; und nach einer Pause : » Man soll aber vergeben , sagt schon die Bibel . « » Ja , von Herzen ! « flüsterte sie , » und wenn du ihn siehst , so sage es ihm . Ach , und wenn er gekommen wäre und hätte gesprochen : › Verzeihe mir ‹ – aber so – « Dem Onkel Heinrich schoß ein Gedanke durch den Kopf . » Dann würdest du nachgeben , gute Kleine ? « fragte er , » nicht wahr ? « » Ja ! « stammelte sie , » so schwer es auch ist . « Der alte Egoist wußte , was er zu tun hatte . Er führte das weinende Trudchen zu ihrem kleinen Sofa , ließ sich von Johanne ein Glas Wein reichen und fuhr dann nach Niendorf . Er sah unterwegs immer das schöne , tränenüberströmte Gesicht vor sich und hörte ihre klagende Stimme . Als er ziemlich hastig die Treppe zum Gartensaal emporstieg , erblickte er schon durch die Glasscheiben der Tür die kleine , schwarze Adelheid neben dem Amtsrichter am Tische , der eben eine Weinflasche entkorkte . Beide waren so vertieft darin , und im Anblicken und Erröten und wieder Anblicken , daß sie den alten Spion da draußen nicht gewahrten . 216 » Nun wahrhaftig , es sind auch Zeiten danach , in diesem Hause Bowlen zu machen « , dachte Onkel Baumhagen . Er jagte das Paar beim Eintreten mit einem brummigen » Guten Tag ! « in die nüchternste Wirklichkeit zurück , und der Herr Amtsrichter begann sogleich mit einem Lamento über das schauderhafte Pech , daß dieser Wolff ein halb Jahr zu früh gestorben sei . » Was ist denn hier los ? « fragte Onkel Heinrich dagegen und sog das Aroma der Walderdbeeren ein . » Die Abschiedsbowle für den Herrn Amtsrichter « , erklärte Fräulein Adelheid . » O la la ! Sie wollen fort ? « » Ich muß « , erwiderte der Kleine mit einem bedauernden Blick zu dem jungen Mädchen . » Übrigens , verehrter Herr , seitdem hier die frauenlose , die schreckliche Zeit angebrochen , ist es , gelinde gesagt , unheimlich in Niendorf . Linden ist seit der Todesnachricht gestern abend so niedergeschlagen , als sei mit diesem Satanskerl sein Liebstes in die Grube gefahren . Weiß Gott , um einen teuren Verwandten hätte er nicht besorgter sein können , und die Gäule haben sich die Beine abgelaufen , um Erkundigungen über das Befinden des Biedermannes einzuziehen . Ich glaube sogar , er hatte dem Leibarzt dieses ausgezeichneten Erdenbürgers eine Prämie für die Erhaltung seines so kostbaren Lebens ausgesetzt . « Onkel Heinrich brummte etwas , das beinahe wie 217 eine Verwünschung klang . » Wo ist Linden ? « fragte er dann . » Oben ! « scholl Fräulein Adelheids Stimme