sie kostete . Eberhard v. Wülflingen aber ward versetzt von Steinhagen und kam nie herüber , wenn in unserer Garnison die Kameraden sich zu Liebesmahlen oder Bällen vereinigten . Es war ihm doch wohl sehr , sehr nahe gegangen . Nach zwei Jahren wurde mein Vater in eine andere , weit 195 entfernte Garnison versetzt , wir mußten Steinhagen verlassen . Im Garten nahm ich Abschied von Lene am Vorabend unserer Reise ; wir waren die guten Freundinnen von ehedem geblieben , allein Lene sprach von ihrem Seelenkampf nie wieder mit mir . Daß der Fabrikbesitzer Ronnefahl noch immer auf sie wartete , dachte ich mir wohl , denn er hätte mit seiner stattlichen Erscheinung und seiner gesicherten , behaglichen Lebensstellung längst um eine andere werben können , trotz seiner ziemlich erwachsenen Söhne , von denen der älteste schon Primaner war . Ich war daher auch nicht allzusehr überrascht , als Lene mir gestand , daß sie jetzt dem zum dritten Male Anfragenden ihr Jawort gegeben habe . Sie sagte das so nebenher , als sei es ganz unwichtig , zwischen allerhand Bitten an mich , ich solle sie da draußen nicht vergessen ; aber ob sie viel zum Schreiben käme , das wisse sie ja nicht , glaube es auch kaum , besonders in nächster Zeit nicht , wo sie für ihre kleine Aussteuer zu tun habe , denn ihre Mama sei recht schlecht dran mit den Augen ; sie , Lene , müsse wohl alles selbst machen . Ich wünschte ihr noch aus vollstem Herzen Glück und versprach alles mögliche . » Sind deine Eltern nun zufrieden ? « fragte ich noch . » Ach , doch wohl – sie haben nun weniger schwere Sorgen , « antwortete sie . » Ronnefahl ist sehr gut und opferbereit . « Und dann fügte sie noch hinzu : » Sie saßen vorhin Hand in Hand auf dem Sofa , seit langer Zeit zum ersten Male , und sprachen von ihrem Brautstand . « – Ein kleines gerührtes Lächeln zuckte flüchtig um ihren Mund bei diesen Worten , dann sah sie ein Weilchen starr geradeaus , und wie ihre Gedanken wieder zurückkehrten , umarmte sie mich herzlich . » Lebe wohl , Marie , sei glücklich , recht glücklich ! « Ein- bis zweimal hat sie mir dann noch geschrieben , so gewisse müde , zufriedene Briefe , wie eine Fünfzigjährige sie schreiben könnte ; im letzten stand als Nachschrift : » Eberhard hat sich auch verlobt , die Braut heißt Lisette v. Lohmann und ist eine Tochter Friedrich v. Lohmanns , der vor ein paar Jahren geadelt wurde , eines großen Grundbesitzers in unserer Provinz . Sie soll 196 liebenswürdig sein , hübsch und gut – wie freue ich mich für ihn ! Es gibt mir viel Frieden . « Auf meine Frage , wann ihre Hochzeit sei , schwieg sie , und unsere Korrespondenz stockte , ich hörte nichts wieder von ihr . – – Mich führten weite Reisen in der Welt umher ; das kleine märkische Städtchen versank in Vergessenheit , und wenn ich flüchtig an Helene v. Brandenfeldt dachte , dann erschien sie mir als Frau Ronnefahl in dem hübschen Wohnhause nahe der Stärkefabrik als liebevolle Stiefmutter ihrer großen Söhne , wo möglich auch als eigene beglückte Mama . Ihre Eltern stellte ich mir vor , in alter , wiedererwachter Zuneigung auf dem Sofa sitzend , Hand in Hand , wie Lene mir beschrieb , sich erfreuend an der behaglichen Lage , die sie ihrem Kinde verdankten . Endlich aber kamen Zeiten , wo ich überhaupt nicht mehr an Lene dachte , so viel Neues , Reiches war in mein Leben getreten . – Da fuhr ich an einem herrlichen blauen Frühlingstage , von Laveno kommend , nach Mailand . Das Coupé teilte eine einzige fremde Dame mit uns . Ich beachtete sie kaum , sondern plauderte mit einer Freundin , die mich auf der Reise nach Venedig begleitete . » Kommt nicht bald die Station , wo es die herrlichen Maiblumen zu kaufen gibt ? « fragte ich . » Ganz recht ! Malnate , die nächste ist es . « Und wie wir dort einfuhren , standen richtig hinter der Barriere wieder die barfüßigen kleinen Italienerburschen mit den riesigen grünweißen Sträußen und schwenkten sie bittend gegen uns . Der Schaffner brachte auf unsern Wunsch zwei große Bukette herüber , und wie wir sie nun im heißen Coupé hatten , da war eine förmliche Woge von frischem süßem Duft um uns , daß aller Staub , alle Hitze wie hinweggeweht schien ; es war , als seien wir wieder im deutschen duftenden Laubwald , wo die Finken schlagen . Und während wir weiterfuhren , sah ich , wie die Dame mir gegenüber mit großen traurigen Blicken auf die Blumen starrte , und von da wanderten diese Blicke empor zu meinen Augen , in 199 das von leicht grauem Haar umrahmte Gesicht trat eine feine Röte , und sie sagte lächelnd : » Hast du denn immer noch die Maiblumen so gern , Marie ? « Zuerst staunte ich sie einen Moment an , dann aber streckte ich beide Hände ihr entgegen mitsamt dem Strauß : » Lene , Lene Brandenfeldt – ist es denn möglich ? « Sie nickte und erwiderte meinen Kuß . » Ich habe oft an dich gedacht , « sprach sie , » ich hätte auch gern an dich geschrieben , aber ich wußte nicht , wo du geblieben warst . « » Ja , freilich ! Aber ich hätte an dich schreiben sollen , Lene ; die Adresse wußte ich ja – Frau Ronnefahl in Steinhagen ; vergib mir , daß ich so – « Sie schüttelte den Kopf , und den Strauß , den ich ihr in den Schoß gelegt hatte , zu ihrem Gesicht führend , daß sich dasselbe 200 ganz in den Blüten verbarg , sagte sie , tief den Duft einziehend : » Ich bin Lene Brandenfeldt geblieben – ich – weißt du noch , wie wir einmal in die Maiblumen gingen , Marie ? « Und als ich nickte , fügte sie hinzu : » Siehst du , das konnte ich doch nicht vergessen . « Dann wurde sie noch röter und sah zum Fenster hinaus . Ich wagte nicht mehr zu fragen , aber im Herzen bat ich ihr nochmals alles ab , was ich jemals gesagt hatte von Feigheit und Berechnung und vielem anderen . » Und deine Eltern ? « fragte ich dann und faßte ihre Hand . » Ich danke dir ! Ihre letzten Jahre waren sorgenloser ; ich hatte eine ganz gute Stellung in Berlin – als Gesellschafterin , und die Jungens schlugen gut ein . Aber nun sind sie tot , die lieben alten Leutchen – « » Und du ? « » Mir geht es gut . Ich habe ja – denke dir – ich habe von meiner Dame ein paar tausend Taler geerbt , ich kann sogar Reisen machen , wie du siehst , und ich wohne jetzt wieder in Steinhagen , in der Wohnung der Eltern . Du solltest mich einmal besuchen , Marie – im Frühjahr , zur Maiblumenzeit ! Dann gehen wir beide alten Erinnerungen nach . – Willst du ? Freilich , einfach ist ' s bei mir , grad ' noch wie damals . « Ich reichte ihr schweigend und gerührt die Hand hinüber , und um uns dufteten die Maiblumen und zauberten die Jugend zurück . 201 Hilgendorf . Einen Starrkopf hatte das hübsche Röschen immer gehabt , versicherte die Mutter : schon als Wickelkind setzte es seinen Willen durch , und es war ein doppelt schweres Unglück , daß der Herr Amtsrat bereits starb , als das kleine Ding noch im Kittelschürzchen umherlief . Die junge Witwe , die den Kopf so voll hatte , war dem bemerkenswerten Eigensinn des Töchterchens , ohne die väterliche Autorität , durchaus nicht gewachsen , es herrschte ein immerwährender Kriegszustand zwischen der jungen Mutter und dem winzigen Püppchen . Dann war da noch eine Tante , der reine Verderb des Kindes : sie bewohnte oben die zwei Giebelstuben des stattlichen Hauses . Eine stille , sanfte Person , die immer zum Guten redete , immer vermittelte und die Schuld trug , daß Röschen niemals die regelrecht verdienten Prügel voll ausbezahlt bekam , ohne welche nun einmal , nach Meinung der Frau Amtsrat , Kinder nicht groß werden . Immer fiel diese Tante der strafenden Mutter in die Arme und erinnerte sie an den Seligen , der gewiß nicht wollte , daß sein Einziges so hart gezüchtigt werde . Die resolute Frau Amtsrat haßte diese Tante geradezu , ohne daß äußerlich ein Grund dafür zu erkennen war . Sie hatte dieselbe einst in einem Anfall von Zorn » ein altes Hauchebild « genannt , es war damals , als um die schöne junge Witwe die Freier herumflatterten wie die Wespen um süße saftige Früchte . In keiner anderen Zeitperiode hatte Frau Amtsrat ihre sanfte Schwägerin so verabscheut . Das 204 alte Hauchebild bekommt mein Kind doch nicht , sagte sie sich innerlich zum Trost , und wenn ich darüber sterben sollte ! Wer kennt denn heute wohl noch ein » Hauchebild « , das wir von Anno dazumal in Gesangbüchern und Bibeln als ein Heiligtum verwahrten ? Ein kleines , kartengroßes , aus hellroter Gelatine bestehendes , durchsichtiges Blättchen war es , das mit goldgedrucktem , strahlendem Gottesauge und einer Taube oder einem Lamm und dazu passenden Bibelsprüchen geschmückt war . Hauchte man so ein Blättchen an oder legte es nur auf die warme Hand , so bog es sich zusammen wie eine Rolle . Mit solch einem Bild verglich nun die Frau Amtsrat ihres verstorbenen Mannes sanfte Schwester , obgleich dieselbe ihr kein Steinchen in den Weg legte . Und so unrecht hatte sie nicht , wenigstens nach einer Seite hin betrachtet . Sobald nämlich die Frau Amtsrat ihre blasse Schwägerin bei irgend einer Gelegenheit barsch anredete oder anhauchte , sank die zierliche Gestalt förmlich in sich zusammen und saß schweigend da in ihrem grünen Ruhesessel , der extra für sie in der tiefen Fensternische des Wohnzimmers stand , wenn sie nicht gar vorzog , » in ihr eigenes Revier hinaufzuwechseln « , wie ihr seliger Mann , der Oberförster Taube , derartige Rückzüge benannt hatte . Nun , ein Streit ist ja bekanntlich beendet , sobald der Gegner verschwindet . Und zum Streiten hätte es täglich kommen können zwischen den Schwägerinnen , immer lediglich über das Röschen , wenn Frau Oberförster nicht so friedfertig gewesen wäre . Das wilde Kind hing zärtlich an dieser Tante . Wenn irgendwo und wie etwas Mädchenhaftes in ihm zum Vorschein kam , dann war ' s oben in Tante Lottchens friedlichem Bereich : dort lernte es stillsitzen und sticken und stricken , und im Dämmern legte es den mit zwei prächtigen dunklen Zöpfen geschmückten Kopf in den Schoß der Tante und ließ sich erzählen von dem Vater , den es so wenig gekannt , und den Tante Lotte so lieb gehabt hatte . Das war besonders der Fall , wenn die Mutter eine Damengesellschaft besuchte . Seitdem nämlich Frau Amtsrat Wendenburg das stattliche Domänengut Hilgendorf hatte verlassen müssen , um hier in Neustadt an der Solau ein Leben der Untätigkeit zu führen , wie sie ihr 205 Dasein nannte , war in ihr eine Leidenschaft für Geselligkeit und besonders für Kaffees erwacht , und dies letztere hatte wiederum seinen eigenen Grund . Sie hoffte irgend etwas zu erfahren über Hilgendorf , ihr liebes prächtiges Hilgendorf , das ihr so sehr ans Herz gewachsen war , sie kam sich vor wie eine Königin im Exil . Die stille Hoffnung , daß der Oberamtmann Bartenstein mit seiner Familie einen Besuch bei ihr machen werde , wie sich dies für den Nachfolger ihres seligen Mannes doch geschickt haben würde , trog ; die Leute kümmerten sich um Neustadt an der Solau im allgemeinen und um Frau Amtsrat im besonderen nicht für einen Pfifferling . Trotzdem drangen allerlei Gerüchte über den neuen Herrn auf Hilgendorf in die Stadt und bildeten einen nie versiegenden Unterhaltungsstoff für die zahllosen Kaffees der Honoratiorendamen . Aber weit entfernt war Frau Amtsrat von dem sogenannten » Klatsch « , sie wollte hören aus wirklichem Interesse für ihr unvergeßliches Hilgendorf . Seit langer Zeit hatten die Wendenburgs auf Hilgendorf gesessen , so fest und sicher wie auf eigener Scholle , immer wieder hatte das fürstliche Rentamt den Pachtvertrag mit einem Wendenburg erneuert , der Sohn war dem Vater gefolgt wie auf einem Fürstenthron , und nun hatte der Himmel dem seligen Amtsrat Wendenburg nicht nur den heiß ersehnten Sohn versagt , nein , er rief auch den frischen , kräftigen Mann in seinen besten Jahren von dieser Welt ab , und die Witwe sah die Pachtung in die Hände eines gänzlich Fremden übergehen , der eines Tages mit seiner blassen , stillen , ewig kranken Frau einzog . Das war eine schwere Zeit gewesen , und andre schwerere kamen nach ; zum Beispiel als das Testament ihres guten seligen Mannes bekannt gegeben wurde . Ja , dieses Testament ! – Tante Lotte mied alle Festlichkeiten : sie machte lieber einen Spaziergang mit Röschen oder spielte vierhändig mit dem Kinde ; anfänglich leichte Sachen , später ernste klassische Stücke . Wenn aber unten die Haustür klingelte und die tiefe schöne Stimme der heimkehrenden Mutter erscholl , dann steckte Tante Lotte das » liebste Kind « , wie sie ihre junge Nichte nannte , ängstlich zur 206 Tür hinaus , denn unter anderen Vorwürfen , die Frau Amtsrat für das Hauchebild hatte , behauptete sie auch noch , es trachte danach , ihr des Kindes Herz abspenstig zu machen . Und das Hauchebild konnte doch genug haben an ihrem eigenen Kinde , dem unausstehlichen Bengel , dem Fritz , dem ganz und gar nichts Hauchebildartiges anhaftete , der vielmehr rechtschaffen frech war , wie Frau Amtsrat Wendenburg jeden versicherte , der es hören wollte , eine Eigenschaft , die er von seinem verstorbenen Vater , dem Oberförster Taube , geerbt haben sollte – nach ihrer Meinung . Gottlob ! war dieser » Schlagtot « von einem Jungen immer nur während der Ferien zu seiner Mutter gekommen , aber da gab es schließlich auch gerade genug Ärger . Wenn Röschen wild war von Natur , so wurde sie es doppelt , wenn Fritz Taube erschien . Und obgleich besagter Fritze acht bis neun Jahre mehr zählte als seine Cousine Röschen , waren sie doch schier unzertrennlich , und der heranwachsende Jüngling ging mit dem Kinde um , als wäre er die beste Bonne der Welt . Das Hauchebild aber lebte auf in dieser Zeit und stiftete , nach Meinung der Mutter Röschens , die beiden Wilden zu immer größeren Torheiten an . In den Kinderjahren Röschens mochte es ja hingehen , daß diese Tante mit Sohn und Nichte tagelange Fußtouren in die Berge unternahm , als aber dann später der hübsche Forsteleve mit dem kecken blonden Bärtchen über den blitzenden Zähnen immer wieder kam und die Tante mit dem siebzehnjährigen Röschen und ihm sogar eines Augustabends eine regelrechte Mondscheinpartie unternahm , von der das Mädchen mit großen leuchtenden Augen und einem blassen andächtigen Gesichtchen heimkehrte , da wurde es der Frau Amtsrat zu bunt , und sie empfand wieder einmal tief gekränkt die Schmach , durch ihres seligen Mannes letzten Willen in so unlöslichen Beziehungen zu dieser Tante Lotte stehen zu müssen , gleich einem Galeerensklaven . Die Frau Amtsrat war an diesem Tage in einem Gartenkaffee bei der Frau Superintendent gewesen , und als sie heimkehrte , aufgeregt von der großen Neuigkeit , die sie gehört , und nach einer Aussprache förmlich lechzend , waren die drei in die Au nach der Buschmühle gewandert . In ihrer Unruhe ging sie in den 207 Gartenwegen auf und ab und schalt innerlich auf das Hauchebild mit seinen verschrobenen Ideen , und dabei stand der Mond so wunderbar klar am dunkelblauen Himmel und versilberte jedes Zweiglein , jedes Blättchen , und lag wie Schnee auf den Kieswegen : die Rosen dufteten so süß , und jenseit der Gartenmauer gingen Bursche und Mädchen dahin und sangen : » In einem kühlen Grunde Da geht ein Mühlenrad « – Der Frau Amtsrat wurde mit einemmal ganz eigen zu Mute , denn an solch einem Mondscheinabend hatte ihr Seliger sie gebeten , seine Frau zu werden – da war sie eben siebzehn geworden . Heute zählte sie sechsunddreißig , seit elf Jahren war sie Witwe . Und sie dachte an einen zweiten Mondscheinabend , an dem der alte Geselle droben am Himmel noch viel silberner gestrahlt hatte , die Rosen noch weit süßer dufteten als an ihrem Verlobungsabend , denn da lauschte sie mit den wachen Sinnen ihrer reifen blühenden achtundzwanzig Jahre den Liebesworten eines schönen ritterlichen Offfziers , dem sie – ach , so gern die Arme um den Hals geschlungen und dazu gesprochen hätte : Ja , ja , ich will dein sein , ich liebe dich , wie ich nie zuvor geliebt habe ! Und sie mußte die Arme sinken lassen und sagen : » Ich werde mich nie wieder verheiraten , Herr Rittmeister , nie ! « Gott weiß , wie schwer ihr das geworden war ! Und nun hatte sie immer nur für das Kind gelebt und hatte die ewige Sehnsucht nach frischer , fröhlicher , gedeihlicher Arbeit , und mit dieser Sehnsucht war Hilgendorf identisch . Es war der Traum ihres Alters , denn Frau Amtsrat erschien sich sehr alt , die Aufregung über das heute Gehörte kam mit dieser Vorstellung wieder heftig über sie , und mit ihr die Erbitterung über die Tante , die das Kind einmal wieder ihr entfremdete . Und just in diesem Augenblick kehrten sie heim . Durch die Gartenpforte trat die Tante mit Röschen und Fritz , und Frau Amtsrat konnte deutlich das Gesicht ihrer Tochter erkennen , ein blasses , feierliches Mädchenangesicht mit großen seligen Augen . Mutter und Sohn hatten sich begnügt , höflich Gute Nacht zu sagen , und letzterer zu 208 gleicher Zeit Adieu ! Denn seine Zeit war vorüber , und morgen früh mußte er wieder fort . Das » Lebewohl ! « der Frau Amtsrat klang nicht allzu freundlich , und als Mutter und Sohn außer Hörweite waren , da ließ sie ihren Gefühlen freien Lauf . Ganz unpassend sei das , so ein Umherlaufen in der Nacht . » Gott sei Dank , daß er morgen reist , der Junker Leichtfuß ! « Aber Röschen antwortete nicht . Sie blickte , ganz gegen ihre Gewohnheit , in den Himmel hinauf , nur der rote Mund lächelte ein wenig , als wüßte sie alles besser als ihre liebe Mutter . » Ich red ' nicht zum Spaß , du ! « bemerkte Frau Amtsrat scharf , » ich hoffe , daß deine Tante Lotte da nicht etwa ein verstecktes Spiel treibt . Es könnte ihr sicher passen , wenn sich der Fritz in so ein warmes Nestchen setzen möchte und sie ihren Willen doch bekäme somit . Aber daraus wird nichts , merk dir ' s und laß dir keinen Floh von ihr ins Ohr praktizieren – ich bitte mir ' s aus ! « Wieder keine Antwort . Still und stumm gingen sie beide ins Haus . Frau Amtsrat aber tat kein Auge zu diese Nacht . Sie war eine ehrenwerte prächtige Frau , die ihr Kind liebte , aber beinahe ebenso stark wie dieses Kind liebte sie Hilgendorf , ihre alte Heimat . Ach , wenn es einmal sein könnte , diese beiden größten Erdenfreuden zu vereinigen , auf daß sie bis an ihr Lebensende beide genießen könnte , dann würde sie Gott Abends und Morgens ein Loblied singen , solange sich ein Ton in ihrer Kehle fände . Der Hilgendorfer ist Witwer – der Hilgendorfer , Witwer ! so klang ' s unaufhörlich in ihrer Seele heut abend , denn im Kaffee bei der Frau Superintendent hatte sie die große Neuigkeit gehört , daß die kränkliche Frau aus Hilgendorf gestern abend sanft entschlafen sei . » Gott steh ' mir bei , ich bin ja wohl ganz verrückt ! « seufzte sie , » die Frau ist noch nicht einmal unter der Erde ! Und nach dem Trauerjahre würde er schon wieder ein Jahr älter sein , und er ist so schon Anfang der Vierziger : – ein Unsinn , nur daran zu denken ! « Aber da sprach wieder eine Stimme in ihr : » Wird er ein Jahr älter , so wird Röschen auch ein Jahr älter , und ein 211 stattlicher Mann ist er noch immer – à la bonheur ! – Unsinn ! – Dieses Kind , wie komme ich nur darauf ? « ging ' s wieder durch ihre Seele . » Das macht aber die ewige Sehnsucht nach dem alten Nest , wo ich so glücklich gewesen bin , und die Angst vor Fritz ! Herr Gott , wenn ich oben in der Hilgendorfer Giebelstube meine alten Tage verbringen könnte , von deren Fenster aus man das Dorf liegen sieht , und die kleine Kirche am Apfelberge , und die weiten Felder und Wiesen ! Und dann der Park , und der Garten mit dem Spalierobst , das ich selbst angepflanzt habe , lauter feine Sorten , und der Kuhstall – solchen Kuhstall gibt ' s ja überhaupt nicht weiter ! Da noch einmal durch die Gänge zu wandern zur Melkezeit – ach Gott – ach Gott ! « Es kam ein förmlich schreiendes Heimwehfieber über die hübsche Frau . Ruhelos warf sie sich umher auf ihrem Lager , und mit heißem Kopf erhob sie sich in aller Herrgottsfrühe . Ich schnappe ja wohl noch reinweg über ? sagte sie sich , dies Hilgendorf wird sicher noch ' mal mein Tod – gottlob , daß der helle Tag kommt ! Sie badete den Kopf mit kaltem Wasser und ging im Morgenkleide nach dem Garten hinaus , einem sehr schönen Garten , aber natürlich mit dem Hilgendorfer nicht zu vergleichen . Die Morgensonne warf ihre schrägen Strahlen durch die Wipfel der alten Linden und Kastanien und blitzte in den Tautropfen des Rasens und der Beete : wunderbar kühl war die Luft . Sie ging mit federnden , elastischen Schritten an den Rosenstöcken vorüber , die gerade die zweite Blüte entfalteten , hob hie und da das herunterhängende Köpfchen einer Thea , roch daran und ertappte sich wieder bei dem Gedanken : in Hilgendorf sind sie doch noch schöner , das macht das regelmäßige Düngen mit Kuhmist . Dann , völlig ärgerlich über sich selbst , weil sie nicht loskommen konnte von Hilgendorf , lief sie dem Gemüsegarten zu , weiter nichts wünschend , als daß das Schicksal ihr irgend etwas in den Weg schicken möchte , über das sie mit vollem Rechte schelten und reden könnte , um Hilgendorf und den Witwer einen Augenblick zu vergessen . Und dieser Wunsch erfüllte sich auch im selben Augenblick , denn als sie eben um das dichte Boskett bog , das den Zaun des Küchengartens 212 verdeckte , sah sie zwischen den roten Rüben , dem Wirsingkohl und den Bohnenbeeten ein paar junge Menschen umherspazieren , zärtlich aneinander geschmiegt , denn er hatte den Arm um die Taille des schlanken Mädchens gelegt . Frau Amtsrat stand buchstäblich » angedonnert « , wie ein Lokalausdruck in Neustadt an der Solau verblüffte Menschen bezeichnet , und keines Wortes fähig . Auf ihrem frischen Gesicht wechselten Röte und Blässe , man sah , sie überlegte , was zu tun sei . Und plötzlich wandte sie sich um und kehrte im Geschwindschritt nach dem Hause zurück . Besser , nicht tun , als ob ich etwas weiß , denn der Sache eine zu große Bedeutung durch eine Szene beimessen , entschied sie : in der nächsten halben Stunde mußte ja der freche Junge abreisen ! Daß er so bald nicht wiederkomme – der , der Mädchenjäger , dafür würde sie schon Sorgetragen ! I , Gott bewahre ! Hatte sie deshalb ihre Zukunft geopfert , um dem Hauchebild dennoch das Kind zu überlassen ? Und Frau Amtsrat führte diesen Vorsatz durch mit bewundernswerter Taktik und Ruhe . Sie tat ihrem stillseligen , verträumten Töchterlein gegenüber , als wäre sie vollkommen ahnungslos , 213 aber sie zog einen unsichtbaren Kordon um Röschen und um die verhaßte Tante Lotte . Eigentlich war es nie stiller und friedlicher gewesen in dem schönen alten Hause der Spohngasse als gerade jetzt nach der Abreise des jungen Mannes . Die Monate vergingen , die Weihnachtszeit rückte heran , das Städtchen lag tief verschneit und der Hilgendorfer Witwer fuhr im Schlitten mit Schellenklang und Peitschenknall die Gasse entlang und zog respektvoll die Pelzmütze , als er vor dem Hause der Frau Amtsrat vorüber kam . Die blonde Frau saß am Doppelfenster voll blühender Hyazinthen und nähte , das Töchterlein ihr gegenüber . Letzteres tat , als wäre es blind und taub und zog gedankenlos die Nadel durch die feine Damastserviette , die es auf Befehl Mamas besäumen mußte . » Mein liebes Röschen , der Herr Oberamtmann hat eben gegrüßt , « erinnerte die Mutter wohlwollend . » So ? « meinte Röschen gedehnt . » Ich glaube , Mama , er hat mich nicht gegrüßt , er sah dich nur an . « » I , Gott bewahre ! Entschuldige dich nur nicht so töricht , Kind ! « » Wahrhaftig , Mama ! « beteuerte Röschen mit großen , unschuldigen Augen , » er sieht immer nur dich an , auch wenn wir ihn auf der Straße treffen , und schließlich verdenke ich es ihm gar nicht , du bist doch eine sehr hübsche Frau , Mama . « 214 » Seit wann hast du denn das Schmeicheln erlernt ? « » Das Schmeicheln ? Ich ? « antwortete das Töchterlein tief gekränkt . » Ich schmeichle nie ! Sehe ich ' s doch mit meinen Augen alle Tage , und wenn ich nicht von selbst darauf gekommen wäre – so höre ich es ja alle Wochen ein paarmal von deinen Freundinnen und Freunden : Merkwürdig , daß die Töchter nie die Schönheit der Mutter erben ! Oder : Die Mama war in Ihrem Alter doch ein gut Teil hübscher als Sie , kleines Fräulein ! Oder : Wie zwei Schwestern , nur daß die ältere die bei weitem schönere ist . « Sie hatte das mit verschiedenen Tonarten gesagt , offenbar in Nachahmung der betreffenden Persönlichkeitem » Die Leute reden vieles , was sie nicht verantworten können , « antwortete Frau Wendenburg nicht gar zu böse : » es sind eben Redensarten , auf die man nichts gibt , aber hiermit hat das gar nichts zu tun , – wenn der Herr Oberamtmann Bartenstein zu unserem Fenster hinausgrüßt , hast du mit zu danken . Verstanden ? « » Ja , Mama ! « » Ich finde Herrn Oberamtmann Bartenstein sehr nett und höflich , « erklärte die Mutter eifrig , » ein ganz scharmanter Mann ist er . Auf Äußerlichkeiten achten doch nur sehr oberflächliche Menschen ; mir ist er jedenfalls lieber als manch einer mit dem üppigsten Haarwuchs . « » Ich habe aber seinen Wert nicht im geringsten angezweifelt , Mama ! Wie sollt ' ich auch ? Ich kenne ihn ja gar nicht ! « » Und mokierst dich doch über seinen Kahlkopf ? Weißt du auch , bei wem du das Mokieren gelernt hast ? Bei Tante Lotte – red mir nicht dawider – bei Tante Lotte hast du es gelernt , basta ! « » Wirklich nicht , Mama , Tante Lotte sagt keinem Menschen etwas Böses nach : immer hast du etwas auf die arme Tante . « Darauf eine lange Pause . Endlich fragte Röschen , um das gekränkte Gesicht ihrer Mutter wieder freundlich zu sehen : » Wir müssen nun wohl bald mit den Weihnachtsbäckereien anfangen , Mama ? Die Zuckernüsse schmecken wirklich recht gut , wenn sie zwölf bis vierzehn Tage alt sind . « » Wir backen in diesem Jahre nicht , « war die Antwort . 215 » Nicht ? Und Fritz ißt doch so gern unser selbst bereitetes Konfekt ! « » Dann mag nur seine Mutter backen , wir – es ist eigentlich dein Weihnachtsgeschenk , und du solltest es erst kurz vorher erfahren , aber es läßt sich schwer verheimlichen , bist ja auch kein Kind mehr – wir reisen nächsten Sonnabend nach Berlin zu Onkel Richard und bleiben – – « » Und bleiben – ? « stotterte das junge Mädchen , das ganz blaß geworden war . » Wir bleiben bis Anfang des nächsten Jahres , « vollendete Frau Amtsrat gelassen . » Aber , Mama , dann – dann ist die arme Tante ja am Feste allein , und – « » Fritz kommt ja doch , denke ich ? « » Ach ja , Fritz kommt ! « Röschen legte ganz langsam ihre Näherei zusammen und stand auf , um das Zimmer zu verlassen . » Nun , und du freust dich gar nicht ? Du bedankst dich nicht einmal ? « rief Frau Amtsrat ihr nach . » O , ich freue mich ganz gräßlich , und ich danke dir sehr , Mama , « antwortete Röschen mit Aufbietung aller Kräfte , und dann war sie plötzlich aus der Tür und lief so eilig sie konnte über den großen Flur in ihr Stübchen , und wie sie dort die Türe zugeriegelt hatte , fing sie an zu weinen wie ein gestraftes Kind . Und danach wurde sie zornig und zerbiß ihren Taschentuchzipfel und trat mit dem Fuße auf , und endlich weinte sie wieder . Wie hatte sie die Tage gezählt bis zum heiligen Abend , an dem er kommen würde