und laut , Heinz Kerkows Fest begann . In dem Gotteshaus war kein Platz leer geblieben Aenne sah auch ihre Mutter und neben ihr Tante Emilie , die Aennes Einlaßkarte benutzt hatte , in einem altmodischen Crêpe-de-Chine-Tuch und ihrer besten Blondenhaube , der Vater , mit ein paar Orden geschmückt , saß hinter ihnen . Plötzlich wurden alle Hälse lang , man mühte sich , seitwärts in den Eingang zum Schlosse zu blicken . Einige Lakaien traten nach vorn und stellten sich , Spalier bildend , zu den andern , dann kam die Hofdame Frau von Gruber in bordeauxroter mit Pelz verbrämter Sammetrobe , geführt von einem alten Herrn in Generalsuniform , einem Onkel der Braut , dann noch einige ältere Paare und ein blasses Mädchen im schlichten weißen Kleid am Arm eines älteren Kavaliers . Aenne starrte teilnahmlos die Menschen an , wie sie langsam über den mit grünen Zweigen bestreuten Teppich dem Altar sich näherten . Und auf einmal zuckte sie zusammen und griff mit der Hand zum Herzen . Hinter ihr in jubelnden Tönen war die Orgel erbraust – das Brautpaar schritt die Stufen hinunter . Sie fühlte , wie ihr die Stirn feucht wurde , schwindelnd hielt sie sich an der Galerie des Chors , in dessen Mitte sie stand , und mit weit geöffneten Augen starrte sie hinab auf den Mann , an dessen Arm die in Spitzen , Atlas und Tüll gekleidete bräutliche Gestalt ging . Hatte sie sich zuviel zugetraut ? Wie hilfesuchend irrten ihre Augen umher – sie trat zurück – „ Fort ! Fort ! “ flüsterte sie . Da trafen ihre Blicke die Augen einer alten Frau unten in dem Seitenschiff , die mit unsäglicher Bekümmernis zu ihr emporsah . [ 151 ] Sie hatte plötzlich die Kraft , sich aufzurichten , wieder vorzutreten Mit fest zusammengepreßten Lippen sah sie die weiße Schleppe über den tiefroten Teppich gleiten , sah den Zug der Brautjungfern und Brautführer hinterher schreiten , und nun standen , den Rücken ihr zugewendet , die beiden am Altar vor dem Prediger . „ Ach , bleib ’ mit deiner Gnade “ – brauste es hinter ihr , und Aennes Hände falteten sich auf der Brüstung , ihr Kopf hob sich , ihr Herzpochen ließ nach , aber ein paar große Tropfen rannen wie erlösend über ihre Wangen . Unter den Worten des Geistlichen wich das bittere , wehe Gefühl mehr und mehr , nur der Schmerz blieb , ein großer , stiller Schmerz um ihr verlornes Glück . Endlich wurden die Ringe gewechselt , und das war der Augenblick , wo Aenne zu singen hatte . Leise begann die Orgel mit dem Chorgesang , und just in dem Augenblick , wo Heinz den funkelnden Ring an seinem Finger fühlte , da schwebte eine süße , innige Mädchenstimme durch den hohen Raum , eine Stimme , die ihm das Herz erzittern machte in Wonne uud Weh . „ Halleluja ! Seine Gnade ist groß ! “ Aenne , Aenne sang ihm das Abschiedslied , das Lied der Verzeihung ! Die Augen wurden ihm feucht , er biß die Zähne aufeinander , ach , er kannte so jede Modulation der geliebten , herrlichen Stimme , er hörte ihre emporquellenden Thränen heraus , ihr armes , blutendes Herz . – Wenn er nie gewußt hätte , daß sie ihn liebte , jetzt sang sie ihm die Wahrheit in seine Seele . – Ach , sie hätte es nicht thun dürfen ! Was wollte sie , indem sie zu dieser Stunde sich so singend , so groß in sein Denken drängte ? Sich rächen für seine Untreue ? „ Er segne eure Pfade und führe euch sanft immerdar ! “ tönte es in sein Ohr . Ueberirdisch , wie Himmelsgesang klang die Stimme aus der Höhe . Die Rätin beugte sich plötzlich tief herab auf ihr Gesangbuch und weinte , Tante Emilie sah starr zu dem Mädchen empor engelhaft hob sich ihre weiße Gestalt dort ab aus dem Halbdunkel . Nun trat Aenne zurück , der Chor fiel ein , und sie sank auf die kleine Bank neben der Orgel . Niemand achtete auf sie . Als der Segen gesprochen , der letzte Vers des Chorals gesungen war , schlich sie stumm hinunter . Der Wagen , der sie gebracht , fuhr auf den Wink des Portiers vor und in fluchtartiger Eile schlüpfte sie hinein . Zu Hause angelangt , floh sie in ihre Stube und riegelte hinter sich zu – nur niemand sehen , niemand hören ! Eine gute halbe Stunde später kehrten die Ihrigen zurück . Man pochte an ihre Thür , sie solle zu Tische kommen . Nach ein paar Minuten trat sie in die Eßstube , wo Vater , Mutter und Tante bereits saßen . Sie hatte sich umgezogen . Der Vater , der sonst sehr karg war mit Lob , streckte ihr die Hand entgegen . „ Du hast schön gesungen , Aenne , “ lobte er . Die Mutter , welche die Suppenkelle bereits schwang , nickte ihr zu . „ Besser hätt ’ s die Hochleitner auch nicht gemacht . Der Organist will noch kommen , um sich zu bedanken . “ Aenne sah sie freundlich an . „ Das ist mir lieb , daß es euch gefallen hat , denn im Anschluß daran will ich euch um etwas bitten . Nachher , “ rief sie , „ eßt doch nur erst , so eilig ist ’ s nicht ! “ „ Gelt , “ sagte Frau Rätin , „ wieder neue Rosen ? – Da wirst du schon ein paar Mark herausrücken müssen May . “ „ Ein paar Mark ? “ wiederholte Aenne , und etwas wie Erschrecken überkam sie ; sie war doch im Begriff , furchtbar viel zu fordern . „ Warum ißt du denn nicht ? “ fragte die Mutter . „ Sei nicht böse , Mama , ich kann nicht ! “ bat sie . „ Du siehst ganz aufgeregt aus – gibt ’ s denn so was Wichtiges ? “ „ Ja ! “ gab sie tonlos zurück . Die einfache Mahlzeit war bald beendet . „ Na , dann schütte dein Herz aus , “ sagte der Medizinalrat freundlich . „ Kann ich mit dir zuerst allein sprechen , Papa ? “ „ Das klingt ja Schrecklich geheimnisvoll ! Na , da komm ’ mit ! “ Aenne folgte ihm , holte ihm Cigarrenetui und Spitze und strich das Zündhölzchen an . Als er die ersten Züge that . trat sie vor ihn . Ihre zitternden Finger hatten sich ineinander gewunden , ihre vor Erregung weit geöffneten Augen hefteten sich in die seinen . „ Lieber Papa , ich wollte dich bitten – erlaube mir , daß ich mich zur Sängerin ausbilde . Er sah sie unangenehm überrascht an . „ Mein Gott , du singst ja schon ganz nett , “ murmelte er . „ Aber nicht so , wie es nötig wäre , um es berufsmäßig – – ? “ „ Na , höre – berufsmäßig ! Was ist denn das für ein Beruf ? – Du hast doch nicht etwa die Idee , zur Bühne gehen zu wollen ? “ „ Nicht eigentlich , Papa , ich möchte Konzert- und Kirchensängerin werden , und auch Lehrerin , antwortete sie . „ Wie kommst du denn darauf ? “ „ Ich möchte eine Lebensaufgabe , einen Beruf haben , Papa . “ „ Gefällt ’ s dir denn so gar nicht mehr bei uns ? “ „ Doch , Papa – ach doch ! Aber ich bin so überflüssig , ich möchte hinaus , nützen möcht ’ ich , leben – “ „ Du hast einen so schönen Lebenszweck von dir gestoßen . Sie preßte die Hände gegen die zuckenden Lippen . „ Ich konnte nicht , “ flüsterte sie , „ gewiß nicht , Papa ! “ „ Und wie denkst du dir denn das eigentlich ? „ Ich müßte nach Berlin oder Dresden gehen und studieren „ Und woher soll ich das Geld nehmen für dieses teuere Studium ? “ In diesem Augenblick trat Frau Rat ein , ihre Blicke flogen von Aenne zu ihrem Manne , sie sah , es ging um etwas Ernstes . „ Na , was wird denn hier verhandelt ? “ fragte sie , neben ihren Gatten tretend . Herr Rat räusperte sich . „ Aenne will Musik studieren , in Dresden , “ sagte er ruhig . Frau Rat lachte kurz auf , dann ward sie still unter dem Blick ihres Kindes . „ Ich bin nicht in der Lage , dir das Studium zu ermöglichen , “ fuhr der Medizinalrat fort . „ Aber – Walther studiert doch auch , und Robert – “ wandte Aenne ein . „ Schwatz ’ doch nicht solches Blech , “ fuhr die Mutter sie an , „ Walther ist ein Junge , und – “ „ Und wenn ich nun ebenfalls ein Junge wäre , “ unterbrach das Mädchen , „ müßte ich dann auch hier sitzen , thatenlos , ohne Zweck und Ziel ? Wäre dann auch nichts für mich da ? “ „ Du bist aber eben kein Junge , damit beruhige dich ! “ rief die Rätin streng . „ Sei doch froh , daß du deine Eltern noch hast und nicht hinaus brauchst in die Fremde ! “ „ Ich soll nichts thun , nichts lernen ? “ „ Nichts thun ? Genug ist zu thun , Kochen , Flicken , Staub wischen , deine Mutter pflegen – “ „ Aber Mama , dazu seid ihr schon drei mit dem Mädchen ! Es ist ja ein furchtbares Faulenzerleben , zu dem ihr mich verdammt ! “ „ Die meisten Mädchen leben bis zu ihrer Hochzeit so , du bist auf der Welt zum Nutzen , zur Freude deiner Eltern , und um später die Frau eines braven Mannes zu werden – basta ! Nun red ’ nicht mehr davon ! „ Nützen thu ’ ich nichts , und freuen könnt ihr euch doch nur , wenn ich glücklich und froh bin , “ wendete Aenne ein , „ und das kann ich nur sein , wenn ich frische , mir zusagende Arbeit habe , und Mama – verheiraten werde ich mich nie ! “ Frau Rat öffnete bereits den Mund zu einer neuen gereizten Antwort , der Zorn flackerte ihr rot über das Gesicht , der Rat aber wehrte ihr , indem er ihr leise die Hand auf die Schulter legte . „ Kind , “ sagte er , „ wir wollen das Gespräch nicht fortsetzen , es wär ’ verlorne Müh ’ – ich habe die Mittel nicht . “ „ Dann muß ich sehen , wie ich allein durchkomme , “ erklärte sie finster , sich zum Gehen wendend . „ Aenne ! “ rief die Rätin , außer sich über den Trotz des Mädchens , und hielt sie am Aermel fest , „ bist du denn ganz von Gott verlassen ? Wer hat dir nur so verrückte Ideen in den Kopf gesetzt ? “ Sie machte sich ruhig los , nur einen großen schmerzlichen Blick gönnte sie der erregten Frau . „ Laß doch , Mama , ihr könnt oder wollt mich nicht verstehen , ich weiß wirklich nicht , was ich noch hier zu thun hätte . „ Woher soll denn dein Vater das Geld nehmen ? “ schrie , ganz außer sich , die Mutter , „ hast du denn gar keine Einsicht ? “ „ Doch ! Ich verstehe es – da ich nur ein Mädchen bin , habe ich kein Rechte , etwas zu fordern ; hieße ich Kunz oder Hans , so wäre es da , “ antwortete sie . „ Ich will mich bemühen , mit dieser hergebrachten Ungerechtigkeit fertig zu werden . “ Sie ging hinaus , setzte sich in der sogenannten „ guten Stube “ ans Fenster und lächelte bitter vor sich hin . Die Flittergoldfahne des Tannenbaumes inmitten der Tafel rauschte leise , [ 152 ]  1 ^ ^ füßer harziger Weihnachtsduft umwehte sie . Sonft war dies alles so reizeud , so trant gewefeu , halte sie sich denn nur alleiu verwandelt ? Sie ftrich sich über die Saru . Nein , sie konnte fo nicht weiter leben , deuu sie war nicht mehr das harmlose Kiud früherer Tage . ^ Hier in Breitenfels bleiben , bedeutete für sie das Abfterben aller Lebenskraft ^ das Dafein drückte mit Bleigewichten auf fie . Die erregte Stimme der Mntter drang ein paarmal bis hier herüber -hatte sie ihren Eltern wirklich so wehgethan mit dem Wunsch , ihr Dalent auszunutzen ? Sie hatte gewußt , daß sie gegen die herkömmlichen Ansichten versaeß , denen zufolge die Dochter fall im Hanse sitzen muß , wartend , bis irgend ein Mann kommt , der sie begehrt . , ,Es ist doch geradezu entwürdigend , flüfterte sie . Und ihretwegen mochten zwanzig kommen , sie würde doch keinen aeben können , denn den einen würde sie nie vergessen - nie ! Sie wollte an die Herzogin schreiben , sie um eine Unter . stützung bitten , wie viele studieren von solchen Stipendien ! Ob sie es aber geben würde , die alte Dame ? , , Morgen gehe ich zur Frau von Gruber , entschied sie , , , uud melde mich zur Audienz . Drüben schlug heftig eine Dhür ^ . Frau Rat kam durch deu Flur und trat ins Zimmer , heiß geweint , dunkelrot . Als sie die Dochter so sall dasitzen sah , wendete sie sich kurz ab uud ging wieder hinaus . Ihre Dritte verloren sich in der Küche . , , Undank . bares .Geschöpf ! hatte sie beim Weggehen vor sich hin gemurmelt . Aenne blieb alleiu mit ihrem bittern Lächeln . Nach einer Stunde etwa erschien Dante Emilie , ihr altes gutes Gesicht leuchtete wehmütig durch die sinkende Dämmerung . Das Mädchen erhob sich . , ,Hier , Dante ! , ,Komme doch noch ' mal herüber zu deinem Papa ! Sie ging mit der alten Dame hinüber . , ,Wir haben noch weiter überlegt , begann der Medizinal . rat , , , uud ich will dir geru zugestehen , daß dir nach den jüngsten Ereignissen eine Verändernug wüuscheuswert sein muß . Ander . seits glanbe ich , daß du , wie hundert andere Menschen , das Gute erst schätzen lernen wirst , wenn du es verloreu hast . Du weißt jetzt offenbar uicht , wie gut es dir geht , wie geschützt , wie gehegt und geliebt du bist - Er hielt inne , er war so bewegt , daß er nicht weiter redeu konnte . , ,Papn flüfterte sie an seiner Schulter , , , ich weiß ja alles , ich bin euch so dankbar - - . Wenn ihr alt unb kränklich wäret , ich wiche keinen Schritt von euch , aber ihr seid verhältuismäßig jung uud rüstig - soll ich denn meine Kräfte so ungenntzt lasseu ? Uud wenn ich sie nie geübt und nie gelernt habe , aus eigenen Füßen zu stehen , wie soll es dereinst werden , wenn ihr von mir geht ? Du kannst mir nichts hinterlassen , sagst du - soll ich als schwere Last die Schultern meiner Brüder drücken ? Und abgesehen von allem , gönnt mir doch auch das beglückende Gefühl , mein Dalent zn verwerten , mein Leben aus meiue Weise zu gestalten ! , ,Das klingt alles sehr schön in der Theorie , die Prar.is ist anders , Kind ! Du kennst das Leben nicht , du versprichst dir goldene Berge und wirst nichts als Mühe und Hindernisse sinden . Sie reckte ihre schlanke junge Gestalt . , ,Ich habe Kräste , Papa . , ,Du wirst mit gebrochenen Flügeln heimkehren , aber ^ wie du willst ! , ,Ia ? schrie sie . Er wehrte ihrer Umarmung . , ,Ich will nicht die Vorwürfe dereinft hören , dn habest dein Leben versehlt , also , ich gebe dir ungern , sehr ungeru meiue Einwilligung , eine Probe da draußeu mit deiuem Daleut zu macheu . Und weiter kann ich dir nichts geben als das Versprechen , daß wenn dn müde und euttäuscht heimkehrst , du hier immer die alte Liebe und Treue sinden sollst . Aenne stand ganz verständnislos , die Arme waren ihr heruutergesuukem , ,Ich danke dir , murmelte sie , , , es ist schon sehr viel , deine Erlaubnis , Papa , zu dieser Probe , die Ver . sicherung , daß ich jederzeit wiederkommen dars - aber davon- Da trippelte Taute Emilie zu ihr heran . , , Ich hab ' dem Vater gesagte ' beganu sie verschämt , , , ob ich in Dresden oder hier meine paar Groschen verzehre , ' s ist ja gleich und - allein kannst du doch nicht Für die Stunden - na , mein Gott , wie lang ' werd ' ich deun noch leben ? - Die kleine Hypothek in Königsberg , die kündige ich , das wird ja wohl langem Das Mädchen lag plötzlich schluchzend der alten Frau an der Brust .. , ,Ach du - du ! ries sie .. ^ , ,Geh ' zur Mutter , sag ' ihr ein gutes Wort ! Meinst du denn nicht , daß es ihr aus Herz greift , wenn ein Kind sich los . reißen will von ihr ? Und Aenne taumelte hinans uud fand die Mutter auf ihrem Bett sitzeud in sich zusammeugesuukeu , mit zoruigen Augeu . , ,Hast ' s durchgesetzt ? fragte fie . , ,Mama , rief Aeuue niederknieend , , , fage doch nur ein gutes Wort - du weißt ja nicht , ach , dn weißt ja gar nicht - , ,Was ist deun da zu sagen ? Anstatt daß ich dich als glück . liche Fran sehe , willst du umherzieheu und die Leute amüsieren ! Und anstatt der Enkel - na , bringst dn , wenws Glück gut ist , mir einen verwelkten Lorbeerkranz mit ius Haus ! , ,Aber - die Brüder , wenn die heiraten , dann - , ,Ach , das sind keine Tochterander - Tochterkinder sind die richagen Enkel ! Und wenn man alt und wacklig wird und viel . leicht Witwe , dann ist ' s mir nicht vergönnt , eine Znslucht in deinem Hause zu sinden , kann deine Kinder nicht auf den Schoß nehmen , sondern werde von Fremden hernmgestoßen , und es ist uoch eine große Guade Gottes , wenn du Zeit findest , bei meinem Begräbnis zu seiu ! , ,Aber Mama , sagte Aeuue , , , jedeu Augenblick , wenn du mich brauchst , bin ich da . , ,Ich seh ' ' s schon ! Wenn eine selbst nicht weiß , wie ' s einer Mntter ums Herz ist , dann fehlt die rechte Liebe ! Und das ift meine einzige Tochter ! Aeuue ftand anf . Sie kannte die wenig logischen Anschau . ungen der grundgnten aber heftigen Fran . Sie streichelte ihr leise über das Haar , wie sie früher gethau , uud legte ihre Sarn gegen die der Mutter . , ,Komm ' , bat sie , , , sei lieb zu mir , es thut dir soust schrecklich leid , wenn ich fort biu . Da brach die Frau in Dhräuen aus uud hielt ihr Kiud auf dem Schoße . , ,Weun die Emilie nicht mitginge , es wäre mein Tod ! schlnchzte sie . , ,Und nun laß mich allein nnd sage dem Bater , er soll zu mir kommen - ich mag jetzt mit keinem andern Menschen reden ! Aenne umarmte noch einmal Tante Emilie , dann schlich sie leise aus dem Hause , es zog sie zu Fräuleiu Hochleituer . Als sie - des hohen Schnees wegen mußte sie durch die Stadt geheu - die Hauptstraße hiuuuterschritt , die todeseiufam uud verschlaseu wie immer lag , kam ein Schlitten mit hellem Schellen . geläute hinter ihr drein . Es war schou Zwielicht , aber Aeuues erschreckte junge Augen sahen deutlich , ach , so deutlich ! - Sie ^ wich zur Seite , da jagteu die herrlicheu Rappeu an ihr vorüber , vom Kntscher in russischer Pelztracht gelenkt , .das zierliche Ge . fährt ungestüm mit sich reißeud . Aenne stand regungslos . - Nebeu der dichtverschleierteu Fraueugestalt im grauen Mantel mit riesigem weißen Pelzkragen saß Heinz Kerkow . Das junge Paar flog vereiut in die Welt hinaus . Ihr war es , als habe der Mann sich vorgebeugt , um ^ sich zu überzeugen , ob sie wirklich dastehe . Aber er grüßte nicht . Run fuhren .sie uach der Bahnstation , uud Aeuue giug weiter , den Kopf gefeukt , als trüge sie plötzlich eine schwere Laft auf den Schultern Was sie noch ebeu aufrecht und stolz dahin . gehen ließ , der Sieg , den sie über die Vorurteile der Elterm er . rungeu , die beglückende Zuversicht , nur sich selbst dereiust eine Stellung im Leben zu verdaukeu , fiel von ihr ab angesichts des ^ geliebten Mannes , der im engen Schlitten mit ihr seinem Glücke ^ entgegensnhr - uuendach selig , wie Aenne meinte . Ein starker , brennender Schmerz , eine heftige Eiferfucht überfiel fie , heute nachmittag hatte sie dies nicht gefühlt , als sie die beideu vor dem Altar gesehen , jetzt aber , wo das Gefährt nat ihueu in deu . herabfiukeudeu Duuft uud Nebel des Wiuterabeuds laueinfuhr , schüttelte es sie förmlich . Das war ja doch das eiuzige , das wahre Glück , was dort ^ vor ihren Augen eutschwaud , alles audere lohute uicht , war nicht . . des Lebens wert . Wozu deuu lernen - wozu überhaupt . weiter ^ lebeu ? Sie verspürte plötzlich Lust , in den verschneiten Wald ^ hineinzulaufeu , sich dort unter irgeud eiuem Baum uiederzuhocken , um im Frost uud Schuee eiuzuschlafeu uud uie wieder zu erwachen . f ^ Schwerfällig waudte sie sich um uud schlug die Richtung ^ nach dem Schloßpark ein , sie mochte selbst Fräulein Hochleitner [ 154 ]  uicht fehen Aber sie kam nur bis zum Eingang des Parkes , da rief eine helle wohlbekauute Stimme ihr nach ^ , ,Is dös a recht , mi so wart ' u z ' laff ' u ? I lauf hier herum wie a Eichkatzerl im Käfig und schan nach Ilw ' n aus , derweil hab ' u ' s uet a mal d ' Abficht g ' habt , mit mir z ' red ' a ? Na , aber sag ' u S ' g ' schwiud , was meiueu die Herrn Eltern zu Ihr ' m Plan ? Fräuleiu Hochleitner in Kapuze uud Pelzmantel ftaud neben ihr , und unter dem Schleier lachteu die brauuen Angen er . waramgsvoll . , ,Brav hab ' n S ' g ' sungen hent ' mittag , fahr sie fort , als Aenne ihr ftumm die Hand gab , , , beinah ' hätt ' i a bifferl g ' want . - I hab ' alles g ' hört . Aber kommen S ' , Kind , gehn wir a Saickerl weiter , damit die arme heifere Schannet von niemand g ' feh ' n wird . Herr Gott , war dös hent ' früh a Hetz , als i fag ' n ließ , i sei heifer wie a alt ' s verschnnpft ' s Werkl ! Und die kleiue Friedrich hat gelacht , reiu auseiuauder fiu wir g ' wef ' u vor Ver . gnüg ' n. Die Friedrich ham ' s gefacht wie a Naderl und der . weil hat ' s in meiuer Schlafsack .. ' g ' sess ' n aad an Eierpansch trank ' n , und i hab ' endli mit Müh ' und Not krachzt . Die Fräal ' a May singt doch a ganz rechtschaffen , frag ' n S ' halt bei der an . ' Na , und wie mir glaabt ham , alles is in der Kirch ' , da san mir zwa a hin gang ' n , ganz in a Eckerl drackt , ham ma zag ' hört . Brav war ' s , schön war ' s , Fräal ' a Aenne , gratulier ' Ihu ' u herzli . Aeuue daukte kleiulaut . Ma , uud ' s Vatterl uud Mutterl , uud die Frau Taut ' ? , ,Sie haben mir erlanbt , einen Versuch zu macheu , uach Neujahr gehe ich uach Dresdeu . Fräuleiu Hochleituer - ich wollte auch ebeu zu Ihnen , um zu danken , aber ich war so traurig ! , ,Mau hat Ihu ' u ' s Herzerl halt schwer g ' macht , dös keuu i alles , auders thuu ' s die Alten net , und dös will überwuud ' u sein sind aber ganz gesnnde Schmerz ' u , man kann halt uet ewig am Rock vom Muaerl häug ' n Sie giugen in der breiteu Allee läugs des Schloßteiches dahin öde und duukel war ' s riugsum , ein kalter Wiud trieb ihueu entgegen und kräuselte die düuue Wasserschicht des Teiches , die das Tauwetter über dem Eise geschassen , ,Dös is nichts für meiw Heiserkeit , lachte Fräulein Hoch . leitner , , , dreh ' n ma um und suchen a geschützte Stell ' , wo wir Abschied nehmen können . Morgen mittag geht ' s heim . Als sie sich wandten , lag hoch über ihnen das Schloß mit seinen erleuchteten Fensterreihen , die hochzeitsfestlich in die Duukel . heit strahlten , ,Warum fau S ' so trauri ? fragte Ieauette Hochleituer endlich . , ,Sie überleg ' n wohl , ob S ' Heimweh be . komwn wer ' n drauß ' n in Sachfeu - uach Breiteufels ? Oder lafs ' u S ' gar was Lieb ' s z ' rück hier - i meiu ' ^ ^ Sie versteh ' u schou - etwas hoffnungslos Lieb ' s ? Aeuue waudte den Kopf . , ,Aber ich bitte Sie , sagte sie verletzt . , ,I hab ' g ' meiut , i hätt ' so was aus Ihrer Stimm ' g ' hört , fuhr die Säugeriu fort . , ,Aber feh ' u S ' , Fräul ' u Auuerl , sür so Herzeusg ' schicht ' u , ' da is die Kuust das beste Heilmittel , uusere große herrliche Kuust ! Ach , sich so recht alle Oual uud alles Leid von der Seel ' siug ' u , dös is gut , dös is groß , macht leicht ! Und glaub ' u S ' mir , die nur kann so recht siug ' u , so daß die Herzeu der Meuscheu erzateru uud die Aug ' u über . geh ' n die so a hamliche tiefe Herzeuswuud ' u hat . Meiu Lehrer iu Wieu , der hat oftmals zu mir g ' fagt , wie i frisch von Iuus . bruck hiukommeu bin mit mei ' m dummen uuschuldigen Kiuder . g ' müt . Schaui , ' hat er g ' sagt , ,i wollt ' , Sie verliebteu sich mal so recht unglückli , daß S glei meiueu , am best ' u wär ' s in der Douau druut ' u , dauu sollt ' u S mal sehn was S ' mach ' u köuut ' u mit Ihrer Mordsstimm ' ^ jetzt siug ' u S ' halt allweil z ' kalt , ' s g ' friert a ' m orudli . ' - - Na , dös ist deuu a uet ausblieb ' u , uud g ' rad ' da is er dauu z ' fried ' u g ' wef ' u , wie i g ' meiut hab ' , i könnt ' halt vor Thränen kan Ton aus der Kehl ' würgen . Und wie i anfkret ' n bin , is so blieb ' n. Wenn mir am weh ' ften ums Herz is , da kann i am beft ' n sing ' n , uud da is ' s Publikum am bravsten , ach - uud dös thut wohl , wenws klatsch ^ und rus ' n , dös is a Hochgefühl ! Werdews a erleb ' n ! Aber , fuhr sie fort , , , Sie müff ' u mi uet salsch verfteh ' u , Fräul ' u Annerl , seiner Trauer , fein ' m Gram darf ma net z ' viel nachgeb ' n - die Knnft ist a eiferfüchtig ' s Weiberl , die will aus gauz , die verlangt d ' n Menschen mit Hant und Haar , fonft rächt sie fich . ' s is a erufte Sach ' um d ' Kuuft , auch auf ' m Theater , uud was dem liab ' n Pnblikum druut ' u so leicht uud uatürli vorkommt , is oft recht schwer und muß durch viel Fleiß und Studier ' n errung ' u werd ' u trotz allem Taleut . Und uuu nichts für ungut ! Net wahr ? I meiws von Herzen gut , uud es war mir a Freud ' , Sie kennenlernt z ' hab ' n , und s hoff ' , wir fehn uns no ' mal wieder im fpäterm Leb ' u , i hosf ' s sicher ^ uud wenn von Ihn ' n d ' erste glänzeude Kritik in den Blätteru fteht , da giebt ' s halt keine , die sich mehr freut als i. Uud nun leb ' n S