sich , das Rücken eines Stuhles . „ Mama ! “ rief sie , als sie die Mutter mit fieberhafter Eile ein Kleidungsstück nach dem andern anlegen sah . „ Ich habe so lange geschlafen Nelly , und habe nicht einmal den Army getröstet ; es ist schon Morgen – nein , laß mich , ich muß zu ihm ; er soll nicht den Glauben an die Menschheit ganz verlieren ; er ist noch viel zu jung dazu . Halte mich nicht zurück , Nelly ; er wird nicht schlafen ; es schläft sich nicht so leicht nach solchem Kummer . “ Sie litt kaum , daß das junge Mädchen ihr ein Tuch umlegte , und eilte durch das Wohnzimmer hinaus . Die Kleine wagte nicht ihr zu folgen ; sie schlich sich an die Nebenthür und horchte ; da plötzlich ein gellender Schrei ! Hastig stürzte sie hinaus und flog durch den langen Corridor . Die Thür zu des Bruders Zimmer war geöffnet ; drinnen stand die Mutter und hielt sich bebend an der Tischplatte . Nelly übersah in einem Moment das Gemach – dort das alte Himmelbett , die Kissen zerwühlt , auf dem Tische eine halb geleerte Flasche Wein , daneben ein Glas , über dem Sopha die leere Tapete ; das große Bild , das dort gehangen , lehnte mit der Vorderseite gegen die Wand ; dort lagen die Epaulettes neben dem Degen auf dem Stuhle – aber Army – wo war Army – ? „ Er ist fort ! “ stammelten die bleichen Lippen der zitternden Frau , „ er ist fort , Nelly – wenn er – wenn er wie sein Vater – ? “ „ Was denn , Mama ? Was denn um Gotteswillen ? “ „ Wenn er , Nelly , wenn er – o , ich – Jesus Christus ! “ sagte sie wie abwesend . „ Eile , Nelly , such ’ ihn ! “ bat sie dann hastig , „ ich kann ja nicht ; sag ihm , er soll bei mir bleiben ! Einmal hätte ich das Schreckliche erlebt – einmal , das ist genug ; ein zweites Mal ertrüg ’ ich ’ s nicht . “ „ Mama , “ bat Nelly in Todesangst , „ was meinst Du ? “ „ Rasch , rasch ! So geh ’ , so eile doch ! Er soll nicht sterben ; er soll leben . Geh ’ , sonst bringen sie ihn mir auch so bleich und blutig – “ sie schauderte und wies hinaus zur Thür . Das geängstigte Kind hatte die Mutter begriffen , und wie mit Geierkrallen faßte die Angst auch ihr Herz ; sie floh aus dem Zimmer – wo , wo sollte sie doch zuerst suchen ? Mechanisch lief sie die Treppe hinunter ; die Pforte im Thurme stand angelehnt ; in jäher Hast floh sie über den Schloßplatz , vorbei an den steinernen Bären , in den Lindengang . Des Bruders verzweifeltes Gebahren , die schreckliche Andeutung in Betreff ihres Vaters – dämmerte doch jetzt in ihr eine entsetzliche Gewißheit auf ! Sie preßte die Hände auf die Brust und stand still . Wo konnte Army sein ? „ Army ! “ rief sie , aber es war , als wollte der Schrei nicht aus der Kehle . „ Army ! “ – es blieb ringsum todtenstill . Feucht und naß lagen die welken Blätter ihr zu Füßen ; ein paar kleine Vögel flatterten in den Aesten und schauten mit neugierigen schwarzen Augen zu dem geängstigten jungen Menschenkinde hinunter ; „ Army ! “ stieß sie noch einmal mit Aufbietung aller Kraft hervor , und dann einen langhallenden Ruf – wie ein Jauchzen klang es ; so hatten sie sich als Kinder immer gerufen ; das mußte er hören . Kein Laut gab ihr Antwort ; nur ein Flüstern durch die alten Lindenbäume , als schüttelten sie verneinend die Häupter , um zu sagen : er ist nicht hier . Am Teich vielleicht , am Teich – dachte sie , und als sie durch die dichten Gebüsche eilte , da ergriff sie ein nie gekanntes Grausen in dieser Stille , dieser Einsamkeit . Wie , wenn sie ihn fände ? Wenn er nicht mehr hören könnte , daß sie ihn rief ? Wenn er bleich und butig – ? Das Herz preßte sich ihr zusammen , aber sie schritt vorwärts . Da lag das kleine dunkle Gewässer so ruhig , als gäbe es [ 786 ] keine Stürme , kein Wetter in der Welt . Teichlinsen und welke Blätter schwammen bewegungslos auf der glatten Fläche , und die steinerne Ruhebank am Ufer stand leer . Wie erleichtert seufzte sie aus und schritt hastig weiter ; die herabhängenden Zweige schlugen ihr in ’ s Gesicht und streiften den Thau auf die blonden Haare . Der Saum ihres Kleides schleifte schwer und feucht hinter ihr , und weiter , nur immer weiter ! Sie blickte angstvoll nach rechts und links , und von Zeit zu Zeit rief sie den Namen des Bruders durch die stille Morgenluft . Da – Schritte – ! Wie gejagt flog sie weiter ; dort lag das Gitterthor , der eine Flügel geöffnet ; schon eilte sie hindurch – es war ein Arbeiter , der , die Mütze ziehend , an ihr vorüber schritt , die unerwartete Erscheinung verwundert musternd ; dann blieb er stehen ; sie hatte eine Bewegung gemacht , als habe sie etwas sagen wollen , da sie aber schwieg , fragte der Mann : „ Suchen Sie etwas , gnädiges Fräulein ? “ „ O nein , nein , ich wollte mit meinem Bruder einen Morgenspaziergang machen – haben Sie ihn vielleicht gesehen ? “ „ Den Herrn Officier meinen Sie ? Ja , dem bin ich vorhin begegnet , ein Stückchen hinter der Lumpenmühle . “ „ Danke ! “ hauchte sie und schlug den Weg zur Mühle ein ; in größter Hast schritt sie vorwärts . Dort blickte schon das Wohnhaus durch die Ellern ; dort lag der Mühlensteg – vorbei , vorbei ! Sie schliefen wohl Alle noch da drüben im Hause . Nur weiter ! Da – allmächtiger Gott – da knallte ein Schuß ; so deutlich , so furchtbar tönte es in ihr Ohr ; sie schlang , mechanisch nach einem Halt suchend , den Arm um den ihr zunächst stehenden Baum ; dann glitt sie zu Boden . Sie sah nicht mehr , wie eine alte Frau eilig , so rasch es ihre Füße erlaubten über den Mühlensteg daherkam , wie ein gutes ehrliches Gesicht , von einer weißen Haube umrahmt , sich so ängstlich zu ihr niederbeugte ; sie hörte nicht den Hülferuf , der über die erschrockenen Lippen kam : „ Jesses , Nelly , unsere Nelly ! Was ist da wieder geschehen ? “ 11. In dem Wohnzimmer des Schlosses waren die dunklen Vorhänge zugezogen , und dort , wo sonst das große altmodische Sopha seinen Platz gehabt , stand jetzt das Krankenbett von Nelly ’ s Mutter ; sie war schwer erkrankt an jenem unglücklichen Morgen , als sie ihren Sohn suchte und nicht fand ; das schwache Leben rang mit dem finsteren Engel , dessen unheilverkündende Nähe durch das Gemach zu wehen schien . Im fortwährenden Kreisgange drehten sich ihre Phantasien um jenen Tag , wo sie dem blutigen starren Körper ihres Gatten gegenüber gestanden ; bald war er es , den sie erblickte , bald war es der Sohn , und in herzzerreißenden Tönen bat sie ihn , nicht auch zu sterben , sie nicht auch zu verlassen ; sie könne ja sonst nicht leben . Jetzt war es still in dem großen Gemach ; eine schlanke Mädchengestalt , die jedesmal bange aufhorchte , wenn die wirren Fieberreden im bunten Durcheinander von den Lippen der Todkranken kamen , schwebte mit beinah unhörbaren Schritten über das alte Parquet , strich mit leiser Hand die Kissen zurecht und beugte sich spähend über die Leidende , um die leisen Athemzüge zu belauschen , wenn sie eingeschlafen schien . Ja – das Lumpenmüller-Lieschen leistete zum zweiten Male Samariterdienste auf Schloß Derenberg , und das war schon der zehnte Tag heute , den sie hier sorgend durchlebte . Es waren lange bange Tage und noch bängere Nächte ; heut hatte das Fieber etwas nachgelassen wie der Arzt sagte , und jetzt war Schlummer über die erschöpfte Kranke gekommen . Lieschen nahm ein Buch von dem Tisch und setzte sich an das Fenster , durch dessen Vorhänge ein schmaler Streifen des Tageslichtes fiel ; sie lehnte den kleinen Kopf in das Polster des Stahles und schloß die Augen . Wie wunderbar war es doch , daß sie jetzt hier oben im Schlosse saß , welches sie nie geglaubt hatte wieder zu betreten ! Die Muhme hatte sie eines Morgens stürmisch geweckt , und in der Wohnstube fand sie Nelly , die in thaunassen Kleidern auf dem Sopha lag , ohne Besinnung . Wie war sie erschrocken gewesen ! Es waren Stunden vergangen , ehe man das arme Kind wieder zum Bewußtsein gebracht , aber ehe es noch soweit gekommen , da – da hatte sich die Thür des Wohnzimmers im väterlichen Hause geöffnet , und – er hatte auf der Schwelle gestanden . Sie hatte aufgeschrieen vor Staunen und Schreck , ja vor Schreck , denn er , der da eingetreten war mit dem schmerzenstiefen Zug um den Mund , die Augen so ausdruckslos auf sie geheftet – er war der frühere Army nicht mehr , nicht mehr der lustige , übersprudelnde Army mit den stolzen schönen Zügen . „ Ist meine Schwester nicht hier ? “ hatte er tonlos gefragt , und dann , als er diese erblickt , wie sie noch immer bleich und bewußtlos dagelegen , da war etwas wie tiefes Mitleid über sein Gesicht gezogen . Was weiter geschehen ? Die Muhme und er , sie hatten leise in flüsterndem Tone gesprochen , für Lieschen aber waren nur die Worte verständlich gewesen : die Mutter sei schwer krank , er brauche Hülfe , die Sanna sei so ungeschickt und die Großmama klage über Migränen und nun auch noch Nelly , die arme Nelly ! „ Ich gehe mit , “ hatte Lieschen erklärt . Und dann war sie , neben ihm , in tiefem Schweigen durch die herbstlich stille Natur geschritten . Kein Wort sprach er damals mit ihr , und kein Wort war bis heute über seine Lippen gekommen , so oft er auch leise in das Krankenzimmer trat und die Vorhänge des Bettes zurückschlug , um die Mutter zu sehen . Und Lieschen wußte es , warum er so finster , so schweigsam war . Der blitzende Verlobungsring an seiner Hand fehlte , und die Phantasien der Kranken hatten die unglückliche Thatsache ja so unverschleiert ausgeplaudert . O , dieses schöne , falsche Geschöpf ! Wie haßte Lieschen die Treulose ! Wie recht hatte Nelly gehabt , als sie damals sagte : „ Sie liebt ihn nicht . “ Aber er – wenn sie ihm doch ein paar tröstende Worte sagen könnte ! Da öffnete sich leise die Thür der Krankenstube , und Nelly trat herein . „ Wie sanft sie schläft ! “ flüsterte sie , mit einem Blick auf die Kranke und setzte sich zu den Füßen der Freundin auf ein Bänkchen ; „ Gott sei Dank ! Der Arzt meint , die Gefahr sei nun vorüber ; ach , Lieschen , wie glücklich bin ich in dieser Hoffnung ! Ich fühle mich auch jetzt wieder kräftig , und Du sollst diese Nacht schlafen , Du gutes Herz ! “ „ Nein , Du sollst es , Nelly . Keine Widerrede ! “ sagte Lieschen bestimmt , „ der Doctor will unter keiner Bedingung etwas davon wissen , daß Du wachst . Nachher nimmst Du Dir ein Tuch um und gehst ein wenig in die freie Luft ; Dein Bruder begleitet Dich gewiß gern . “ Nelly schüttelte traurig das Köpfchen . „ O ja , er kommt wohl mit – aber Lieschen . Du glaubst es nicht , wie schrecklich es ist , so allein mit ihm zu sein ! Er geht finster neben mir her , und dann plötzlich fängt er lustig an zu pfeifen , wie ein Verzweifelter . Ach , bei Dir , Lieschen , ist mir am wohlsten . Wenn Du nicht wärst und die Muhme , und wenn Deine gute Mutter nicht so für uns sorgte , dann sähe es schlimm aus hier oben . “ „ Aber , Nelly ! “ flüsterte erröthend das junge Mädchen und legte die Hand aus den Mund ihrer Freundin . – – Während die beiden jungen Mädchen im Krankengemach solche Worte tauschten , saß die alte Baronin grübelnd oben in ihrem Zimmer . „ Einmal muß es sein , “ sagte sie endlich halblaut vor sich hin , „ ich muß mit ihm sprechen , was nun eigentlich werden soll . “ Sie erhob sich und klingelte . „ Ich lasse meinen Enkelsohn bitten , zu mir zu kommen , “ befahl sie kurz und unfreundlich der eintretenden Sanna und nahm ihren Platz wieder ein . Durch die rothen Vorhänge stahl sich nur ein mattes Licht in die Räume , denn draußen hatte sich der Himmel bezogen und ein scharfer herbstlicher Wind begann mit Macht die Blätter von den Bäumen zu fegen ; im Kamine flackerte ein Holzfeuer und warf leuchtende Streifen auf die rothen Polster und Vorhängen die verblichenen Farben loderten fast in ihrer früheren Purpurgluth wieder auf , wenn solch ein züngelnder Reflex sie traf ; finster sah die Baronin in die spielenden Flammen . „ Herein ! “ rief sie , als jetzt ein rasches Pochen an der Thür erschallte . „ Ich wollte Dich eben um eine kurze Unterredung bitten , Großmama , “ begann Army eintretend nach einer Verbeugung und blieb hinter dem Stuhle stehen , den ihm die alte Dame mit einer Handbewegung anwies . „ Es geht besser mit der Mama . Ich werde abreisen . “ „ Wirst Du im Dienste bleiben können ? “ fragte die alte Baronin tonlos . Er blickte finster zu Boden . „ Ich weiß es nicht , “ sagte er [ 787 ] dann , „ vorläufig hängt es von der Stimmung meiner Manichäer ab . Freilich , sobald die Kunde meiner zurückgegangenen Verlobung offenkundig geworden ist , werden sie sich wohl auf mich stürzen , wie eine Meute Jagdhunde ; die Sache kommt an ’ s Regiment ; der Oberst wird mich fragen : ‚ Bezahlen oder nicht ? ‘ Dann wird das Ende kommen . Mein Geschick wird mich ereilen , wie vor mir schon so Manchen . “ Die alte Dame hörte ihn so ruhig an , als ob er von einer Luftpartie spräche . „ Hellwig muß Rath schaffen , “ sagte sie entschlossen . „ Hellwig ? Ja , wenn er Geld machen könnte ! Er hat erst neulich die Unmöglichkeit eingestanden , mir zweihundert Thaler zu schaffen , eine Summe , die ich dem Wagenbauer an einem bestimmten Termine zahlen müßte . Der Mann wollte sich gedulden , bis ich – nun , bis Ende October , “ schloß er kurz . „ O , sie wollten sich Alle gedulden ; es hatte gar keine Eile – bewahre ! Ich war ja Tante Stontheim ’ s Neffe und im Begriffe , ihre Nichte zu heirathen – “ „ Auf wie viel belaufen sich Deine sämmtlichen Schulden ? “ fragte die Großmutter . Er machte eine abwehrende Handbewegung . „ Wozu das ? Bezahlt können sie ja doch nicht werden – ! “ Eine lange Pause entstand ; Army betrachtete scheinbar mit Interesse eine der italienischen Landschaften in dem goldenen Rahmen . Draußen hatte sich der Wind mächtig erhoben ; er fuhr heulend durch den Kamin und stäubte Funken auf den verblichenen Teppich und das schwarze Wollkleid der alten Dame . „ Army , es giebt nur ein Mittel , Dich und uns zu retten . “ Er wandte sich langsam um und sah sie fragend an . „ Du machst sobald wie möglich anderweit eine reiche Partie . “ „ Wie , Großmama ? “ „ Es giebt Mädchen genug , reiche , hübsche Mädchen , die sich einen Mann kaufen , wie man so sagt – “ „ Ah so , ich verstehe , “ erwiderte er leichthin . „ Ueberlege , Army ! Es handelt sich nicht allein um Deine Existenz ; es handelt sich um uns Alle . “ „ Hast Du mir sonst noch etwas mitzutheilen ? “ fragte er in einem Tone , der die alte Dame verstummen machte . „ Nichts ? Dann erlaubst Du wohl , daß ich mich verabschiede ; ich möchte nachsehen , wie es unten steht . “ Er machte eine Verbeugung und ging . Fast mechanisch lenkte er seine Schritte nach der Krankenstube ; im Vorzimmer blieb er stehen ; es war ihm , als ob er drinnen flüstern höre ; dann schritt er zum Fenster und preßte die Stirn gegen die Scheiben . Was seine Großmutter ihm da eben gesagt , das war wie ätzende Tropfen in die frische Wunde gefallen , die er trug ; der heiße Schmerz trieb ihm das Blut in die Wangen ; vor seinen Augen schwebte ja beständig ein lockendes verführerisches Bild , das ihn nicht lassen wollte , wenngleich er es tausendmal zu verbannen suchte ; er sah sie immer wieder , wie sie ihm an jenem Tage nach der Testamentseröffnung erschienen , als es so ruhig , so einsam geworden in der prächtigen Villa ; der Schwarm der Besucher hatte sich verlaufen , der Oberst war nach dem Essen im Nebenzimmer eingenickt , und er mit ihr allein – seit langer Zeit zum ersten Male . Wie wundervoll sah sie aus in der tiefschwarzen , mit Krepp garnirten Trauerrobe , die goldene Fluth der Haare von schwarzen Schleifen zurückgehalten ! Sie lag wie träumend im Sessel , während er zu ihr sprach ; von seiner Liebe sprach er , von seiner Sehnsucht , sie zu besitzen , von all ’ der Seligkeit , die sein Herz erfüllte . Ob sie es nur gar nicht gehört hatte ? Der Blick , den sie auf ihn richtete , als er ihre Hand ergriff , war ihm wie kaltes Eisen in ’ s Herz gefahren , hatte die erste schreckenvolle Ahnung in ihm heraufbeschworen ; sie hatte sich im Laufe des Gespräches plötzlich erhoben , und er sah sie hinter der Portière verschwinden ; die wundervollen goldenen Haare leuchteten noch einmal auf , als sich der Vorhang durch die Zugluft der geöffneten Thür hob ; dann war er allein mit seinem übervollen , traurigen Herzen . Sie habe ihn nie geliebt ! ließ sie ihm sagen , sie habe sich ihm nur auf Wunsch der Tante verlobt ! – Und da drüben jene falben wirbelnden Blätter im Lindengange , die hatten es gehört , wie sie ihm Treue schwur , wie sie so tausendmal versichert , daß sie ihn liebe , mehr liebe als Alles auf der Welt , und nun – nun war alles dahin . Verkaufen sollte er sich – verkaufen , wie Großmama gerathen . „ Nein , lieber doch eine Kugel – eine Kugel ! “ Er stöhnte auf und biß die Zähne aus einander ; wo war doch das Glück geblieben , an das er so stolz geglaubt ? Der alte Spruch fiel ihm ein : „ Nur nit verzag ’ ! Glück kumbt all Tag “ . Lächerlich , wie hatte es ihn so schnell verlassen ! Da tönte ein leichter Schritt hinter ihm ; er wandte sich – ein über und über erglühendes Gesicht schaute zu ihm auf . „ Ihre Frau Mutter verlangt nach Ihnen , Herr Lieutenant , “ sagte halblaut eine klare Stimme . Er schritt an Lieschen vorüber in das Krankenzimmer , und sie trat an das Fenster , wo er bis jetzt gestanden . Draußen sprühte ein feiner Regen hernieber und hüllte die Gegend in feuchte Schleier ; sie spähte hinab zu dem Hause der Eltern , aber sie konnte es in der dunstigen Atmosphäre nicht erkennen . „ Was mögen sie jetzt thun dort unten , mein Mütterchen , der Vater und die Muhme ? Der Vater ist wohl auf der Jagd ? Ach nein , er mußte so viel im Comptoir arbeiten , seit Herr Selldorf so plötzlich abreiste . “ Wieder stieg ein dunkles Roth in ihre Wangen . Nebenan war es anfänglich still geblieben ; die Thür stand halb geöffnet ; Army kniete wohl am Bette der kranken Mutter , und jetzt klang seine Stimme : „ Mein gutes Mamachen , Du dachtest , ich wollte es machen wie der Junker von Streitwitz ? O nein , nein , ich habe Dich ja noch und Nelly . “ So weich klang es , so tröstend , und doch als ob zurückgedrängte Thränen die Worte undeutlich machten . Und dann der Mutter schwache Stimmen Lieschen konnte die Worte nicht verstehen , aber aus dem Tonfall der abgebrochenen Laute wehte ein süßes Trösten , ein freudiges Danke , daß sie den Sohn in ihren Arme hielt , die ganze überschwengliche Fülle der Mutterliebe , die helfen , stützen , rathen wollten so beruhigend , so versöhnend klang es , als gelte es ein krankes Kind in süße Schlummer zu wiegen . Und da auf einmal – war es wirklich möglich ? Das klang wie Weinen , gewaltsam unterdrücktes Schluchzen . Sollte Army – ? Lieschen kehrte sich plötzlich um und lauschte mit erbleichendem Gesicht – weinen denn Männer auch ? Sie eilte zur Thür ; sie wollte fliehen ; er durfte nicht wissen , daß sie gehört , wie er – Da trat er aus dem Zimmer der Mutter , das Gesicht ernst und die Lippen auf einander gepreßt , aber die Augen – ja , die waren noch feucht von den Thränen , die er geweint – um seine verlorene Braut . Sie stand dicht vor ihm , die Hände auf die Brust gefaltet , als wolle sie ihn um Verzeihung bitten , daß sie ihn so gesehen . Auch er hemmte den Schritt ; er schaute zu ihr hinüber und las das innige Mitleid in ihren Augen . Kam ihm die Erinnerung an die Zeiten wieder , als das kleine Mädchen den wilden Knaben oft so getröstet , wenn er im kindischen Spiele die Geduld verloren und im trotzigen Knabezorne heiße Thräne geweint ? „ Lieschen , “ sagte er weich und dankbar und reichte ihr die Hand . „ Army , lieber Army , “ klang es zurück , von Schluchzen halb erstickt ; er fühlte einen Augenblick eine kleine Hand in der seinen ; dann war sie verschwunden . 12. Das einförmige Leben war wieder eingekehrt in Schloß Derenberg . Army war abgereist . Nun war es ganz still in dem alten Schlosse geworden . Der Kummer schritt durch die öden Räume und mit ihm – die Sorge . „ Sie müssen rathen , Hellwig , “ hatte die alte Baronin dem bewährten Helfer in der Noth halb herrisch , halb bittend gesagt , „ Sie müssen ! Nur auf kurze Zeit schaffen Sie Geld , nur damit das Verhängniß jetzt nicht über meinen Enkelsohn zusammenbricht ! Das Weitere findet sich nachher ; kommt Zeit , kommt Rath . “ Und der alte Mann hatte schweren Herzens das Versprechen gegeben , zu versuchen , „ dem Teufelsbengel , dem Army , aus der Patsche zu helfen , “ und sich zu gleicher Zeit erkundigt , wie denn die Frau Baronin das „ Weitere “ zu arrangiren beabsichtige ? Und als sie dann in ihrer nervösen Art dem treuen Berather ihrer Familie einige Andeutungen gemacht , worin sie die Rettung zu finden hoffe , da hatte er beinahe wehmüthig gelächelt , und ein fragendes „ Zum zweiten Male das gefährliche Experiment ? “ war über seine Lippen gekommen . „ Gott gebe , “ hatte er hinzugefügt , „ daß es diesmal besser ausschlägt ! Uebrigens , Frau Baronin , es ist heutzutage nicht so leicht mehr , wie Sie denken ; die Welt ist [ 788 ] unangenehm praktisch geworden in letzter Zeit ; Väter , die so einen adligen jungen Sausewind mit offenen Armen aufnehmen und es sich zur Ehre anrechnen , seine kolossalen Schulden zu bezahlen , werden immer seltener – das Geld ist knapp , Frau Baronin , sehr knapp , wer heißt aber auch , zum Donnerwetter ! den Leichtsinn gleich Equipagen für das Fräulein Braut anschaffen und seidene Meubel ? Das kam noch lange früh genug ; man soll die Bärenhaut nicht verkaufen , ehe der Bär gestochen ist . Sie , Frau Baronin , die Sie so viel erfahren haben im Leben , Sie hätten den Jungen beim Ohrzipfel nehmen und ihn mores lehren sollen ; er ist doch sonst leicht zu leiten gewesen . “ Die Augen der jüngeren Baronin hatten sich vorwurfsvoll auf die Schwiegermutter , bittend auf den alten Mann gerichtet ; die bittenden Augen hatten diesen doch so weit bezwungen , daß er wenigstens versprach , sein Möglichstes zu versuchen . – – Lieschen war längst wieder heimgekehrt in die elterliche Wohnung , begleitet vom innigsten Dank Nelly ’ s und ihrer Mutter . Sie kam beinahe täglich in ’ s Schloß , und ihr fröhliches Geplauder , ihre helle , freundliche Erscheinung brachte auf Stunden einen Sonnenstrahl in die stillen , hohen Gemächer ; Nelly vergaß dann auf kurze Zeit ihre Traurigkeit , um sich freilich nachher doppelt elend zu fühlen . Wie gut sie es hat ! dachte sie , wenn die schlanke Gestalt der Freundin so leicht durch die Allee der jetzt entlaubten mächtigen Linden nach Hause eilte . Sie malte sich das behagliche Heim Lieschens aus und sah im Geiste , wie sie den Arm um den stattlichen Hausherrn schlang und ihn ihren Herzensvater nannte , auf den sie so stolz , so stolz sein könne – und dann flossen wieder Nelly ’ s Augen über vor bitterem Weh . So war der November gekommen mit seinem düsteren Wetter ; die Stürme brausten wieder um das alte Schloß , wie sie es schon Jahrhunderte gethan ; feucht und schwer hingen die Wolken über der Landschaft , und Regen , untermischt mit Schnee , schlug prasselnd gegen die Fensterscheiben . Solch Wetter übt seinen Einfluß auf die Menschenseele , und nun gar auf eine kranke , der Erheiterung so sehr bedürftige , und es drängt sich unwillkürlich die Frage auf die Lippen : „ Wird wohl je wieder die Sonne scheinen ? Werden je die Stürme wieder schweigen ? “ Wohl dem Menschenherzen , daß ihm die Hoffnung zugesellt ist auch in den Tagen des höchsten Schmerzes ! Sie flüstert doch noch immer tröstende Worte in die verzweifelnde Brust und malt auf den gewitterdunklen Hintergrund leuchtende Arabesken und reizende Blumengewinde , zwischen denen allerhand glückliche , heißersehnte Zukunftsbilder hervorschauen ; die thränenden Augen vermögen dann wieder fester aufzublicken und die bange Brust athmet neu ; es kann ja noch Alles gut werden ! Und die Zeit verging ; einförmig , langsam und bleiern verstrichen die Tage . Allwöchentlich kam ein Brief von dem fernen Sohn , den die Mutter mit heimlicher Angst und Herzklopfen öffnete ; meinte sie doch jedesmal etwas Schlimmes daraus zu lesen ! „ Siehst Du nicht , Mama , wie unglücklich er ist , so zerfahren , so anders wie sonst ? “ seufzte dann Nelly und las immer und immer wieder das Schreiben , hinter dessen Kürze sich ein tief bedrücktes Gemüth zu verstecken schien . „ Es geht ihm gut , “ pflegte die alte Baronin verächtlich zu sagen ; „ er hofft es von uns auch ; er hat viel Dienst – voilà tout ! Er ist kein Mann ; sonst würde er Alles daran setzen , daß es nicht zum Aeußersten kommt . Himmel ! wenn ich an seiner Stelle wäre , das Leben vor mir und so jung ! O diese unselige deutsche Sentimentalität , die vor lauter Schmerz um etwas Verlorenes nicht den Muth finden kann , nach einem neuen Glück zu ringen – Orribile ! Es ist unser Aller Unglück ; ich hätte nie gedacht , daß auch er so sein könnte . “ Und vor Erregung zitternd setzte sich die alte Dame hin und schrieb einen Brief an den Enkelsohn , um ihm Muth zu machen , und einen andern an Hellwig , um ihn anzuspornen , die Schuldenangelegenheit möglichst hinzuhalten . Der November verging , und der December kam mit seinen Stürmen ; sie fuhren in die hohen Schornsteine und drehten kreischend die rostigen Wetterfahnen auf den Thürmen ; sie bogen und schüttelten die alten Bäume des Waldes ; der Regen prasselte wie sonst gegen die Fenster und weichte die Wege des Parkes auf , bis in einer funkelnden Sternennacht der Winter geschritten kam mit klingendem Frost und die Wege so glatt und fest gefrieren ließ wie eine Chaussee ; er überzog den Teich mit einer spiegelblanken Eiskruste , und Frau Holle breitete den ersten feinflockigen Schnee über Weg und Steg . „ Nun wird es bald Weihnacht , “ sagten die Leute im Dorfe und freuten sich . „ Nun wird es bald Weihnacht , Mama , “ sagte auch Nelly zu der kränkelnden Frau , die am Kamine saß und strickte , aber in ihrem Gesichte leuchtete kaum etwas von der holden Vorfreude des schönen Festes ; „ ob wohl Army kommt ? “ setzte sie fragend hinzu , und die Arme um den Hals der Mutter schlingend bat sie : „ Liebe Mama , ich will auch gar nichts geschenkt haben , wenn nur Army kommt . “ „ Nun wird ’ s bald Weihnacht , “