, selbst wenn er nicht ein Musterehemann würde wie Bergen . Er wäre eben er , und so wäre es gerade gut . Ich las noch einmal durch , was ich geschrieben , legte einige kleine Blumen von meinem Fenster in den Brief , drückte einen Kuß darauf und begab mich , nachdem ich ihn in meinem Nähtische verborgen hatte , zu Bett , um das erstemal nach langer Zeit meine Augen unter dem Dache meines Vaterhauses zu schließen . » Was man träumt in solch erster Nacht , geht in Erfüllung « , hatte mir Liesel noch vor dem Scheiden gesagt . Und Wilhelm erschien mir im Traum . Ich ging an dem kleinen Flusse im Park und suchte etwas , aber vergebens . Da stand Eberhardt drüben , ich winkte ihm , er aber schüttelte mit dem Kopfe und zeigte mit betrübter Miene nach rückwärts . Ich suchte nach einer Brücke , aber es war keine vorhanden . Da nahm ich einen schwanken Zweig und legte ihn über das Wasser ; ich wollte darauf hinübergehen , zitternd vor Angst . Als ich mitten auf ihm war , stürzte ich in den Fluß . Ich rief um Hilfe . Eberhardt rührte sich nicht , nur ein Stöhnen hörte ich . Ich machte verzweifelte Anstrengungen , um ans Ufer zu gelangen , und kam nicht von der Stelle , während das Stöhnen immer ängstlicher und lauter wurde . Ich erwachte und konnte mich nicht besinnen , kalter Schweiß stand auf meiner Stirn . Da tönte mir wieder das Stöhnen ins Ohr , und nun wußte ich , wo ich mich befand . » Kathrin , bist du krank ? « Ein neues Stöhnen war die Antwort . Grauenhaft hörte es sich an . Im Nu hatte ich Licht angezündet und war in den Kleidern – da lag die arme Kathrin mit dunkelrotem Gesicht , der Atem ging pfeifend , als müßte sie ersticken , das Stöhnen rang sich unheimlich von ihren Lippen , die Augen sahen stier zur Decke . Ein namenloser Schrecken überfiel mich . Ich war allein mit der Kranken , Erfahrung hatte ich gar nicht , was sollte ich beginnen ? Ich versuchte , sie ein wenig hochzurichten und rief ihren Namen . Schwer sank sie wieder in die Kissen . Einen Augenblick war ich vollständig ratlos , dann nahm ich ein Tuch um und ging hinüber zum Pfarrhause . Es war eine dunkle , windige Nacht , aber ein warmer Frühjahrshauch verkündete schon den kommenden März . Ich klopfte an einen Fensterladen , wo ich das Schlafzimmer der Frau Renner vermutete – ein- , zweimal , es hörte niemand . Endlich vernahm ich ein Geräusch , oben wurde ein Fenster geöffnet , und die Stimme des jungen Pastors rief herab : » Wer ist da ? Soll ich zu einem Kranken kommen ? « » Nein , ich bin ' s « , sagte ich beklommen . » Kathrin ist so krank . Ich weiß nicht , was ich anfangen soll , und da wollte ich Ihre Frau Mutter bitten , daß – « » Gleich , Fräulein Siegismund , sofort will ich sie wecken . Gehen Sie wieder hinüber zu der Kranken , Sie sollen sogleich Hilfe haben . Gehen Sie , ehe Sie sich erkälten . « Ich ging . Kathrin lag noch ebenso . Ich beugte mich über sie , sie erkannte mich nicht . Eine kurze Zeit verfloß , da klang die Haustür , und Frau Renner trat , begleitet von ihrem Mädchen , ein . » Herr Gott , Sie armes Kind , wie mögen Sie sich ängstigen « , sagte sie herzlich und faßte meine Hand . » Was mag nur dem alten Wurm sein , sie stöhnt ja furchtbar ? « Sie trat an das Bett Kathrins , fühlte den Kopf und meinte : » Wir müssen kalte Umschläge machen , bis der Arzt kommt . Morgen ist glücklicherweise der Tag , wo er das Dorf besucht . Die Rose Marthal hat das Nervenfieber , und da wird er schon früh hier sein . Ängstigen Sie sich nur nicht , mein armes Hundel « , fügte sie echt schlesisch hinzu , » ich bleibe die Nacht bei Ihnen , und kommt ein neuer Tag , kommt auch ein guter Rat , es ist nicht alles so schlimm , wie es sich anläßt . « Ich hätte der alten , praktischen Frau die Hände küssen mögen für ihren Beistand , wenn sie es mir erlaubt hätte , und bat ihr in Gedanken alles ab , womit ich sie beleidigt hatte . Gehorsam folgte ich ihren Anordnungen , tauchte Tücher in kaltes Wasser und legte sie der Kranken auf die Stirn . » Das gibt eine Lungenentzündung , passen Sie auf , mein Kindel . Das pfeift viel zu sehr . Mein seliger Mann hat ' s auch durchgemacht . Es ist kein Spaß , sag ' ich Ihnen . « » Sie wird doch nicht sterben ? « fragte ich angsterfüllt . » Wollen ' s nicht wünschen , aber sie ist nicht mehr jung und , wie gesagt , es ist halt nicht zu spaßen mit einer Lungenentzündung . « » Ach , mein Gott , nur das nicht ! « betete ich für mich . Es kam mir mit einem Male der Gedanke , ich hätte das alte , treue Herz noch so recht nötig für mein junges Leben . Und immer schlimmer wurde es mit ihr , und als es endlich Morgen war und der Arzt kam , da machte er ein bedenkliches Gesicht und meinte , die Patientin wäre schwerkrank . Mit wahrer Todesangst wachte ich Tag und Nacht an dem Bette der Alten . Es war gewiß nicht leicht für mich , und ich erkannte , wie verwöhnt ich war . Vom Schloß wurde mir die Liesel zur Hilfe geschickt , auch sorgte die Baronin für ein » Tischchen deck dich « , obgleich mir vor Angst jeder Hunger fernblieb . Die Frau Gerichtsschreiberin und die Liesel standen mir treu bei und wachten auch nachts abwechselnd mit mir bei der Kranken . Aber mein Brief ! Ich hatte ihn einmal spät abends im Fluge zur Anne Marie getragen und stand wieder in der Krankenstube , ehe man mich vermißte . Auf das Schloß kam ich natürlich nicht . So vergingen lange Tage in steter Angst um das alte Herz , das zwischen Tod und Leben schwankte . Bald neigte es sich zur Besserung , bald schien jede Hoffnung geschwunden . Mein Vater hatte seine Ankunft wieder um vier Wochen hinausgeschoben . Endlich , nach langer Zeit schlief unsere Kranke zum ersten Male einen ruhigen Schlummer . Liesel hatte sich an mein Bett gesetzt , und wir sprachen flüsternd miteinander . » Gestern war auch Herr Leutnant v. Eberhardt wieder da « , sagte sie Ieise . Ich fuhr zusammen : » War er schon öfter da , seitdem ich fort bin ? « » Zweimal , Fräulein Gretel . Das erstemal , als Kathrin sich gerade am schlechtesten befand ! Gestern kam er ganz früh und ritt erst spät in der Nacht wieder fort . Er hat mit der Frau Gräfin gefrühstückt , und nachher sind sie spazierengeritten . « Ich dachte nach . Also deshalb keine Briefe ! Er hatte sicher geglaubt , mich dort zu finden . » Unsere Leute im Schloß sagen , das gibt noch einmal ein Brautpaar « , fuhr Liesel fort , ohne mich anzusehen . » Die gnädigste Gräfin lassen ja den Herrn Leutnant gar nicht aus den Augen . Sogar , als er in den Park trat , hing sie sich ein Tuch über und folgte ihm . Der Johann hat noch gehört , wie sie sagte : › Aber , Vetter , nun läßt du mich in dieser Langenweile da droben , wo man dem lieben Gott dankt , daß einmal jemand erscheint , mit dem man ein vernünftiges Wort reden kann ! Willst du Luft schöpfen , so gib mir den Arm , ich gehe mit ! ‹ Und da ist sie mitgegangen , obgleich er ganz böse ausgesehen hat . Sie find auch zur Schloßgärtnerei gekommen , und da erzählte mir Anne Marie , der Herr Leutnant habe vor dem Gewächshause gesagt , die Frau Gräfin solle warten , er wolle ihr ein Veilchensträußchen herausholen . Aber sie habe ihn gar nicht losgelassen und habe lachend gemeint , mit Veilchen könne man sie aus der Welt jagen , die blauen , langweiligen Dinger seien ihr unbeschreiblich zuwider , sie liebe nur dunkelrote Rosen oder Granatblüten , und die werde man hier schwerlich haben . Denken Sie nur , Fräulein Gleichen , wie kann man Veilchen nicht leiden mögen ! Es ist aber einmal so mit der Frau Gräfin , sie ist anders wie andere Damen . Neulich , als ich zufällig in ihr Schlafzimmer trat , da Hab ' ich mich nicht schlecht erschrocken , da stand sie vor ihrem Toilettenspiegel und hatte ein wunderschönes , dunkelrotes Atlaskleid angezogen . Oh , diese Schleppe war so lang , und so prächtig sah das aus , und die Lichter blitzten aus den funkelnden Steinen , die sie in den schwarzen Haaren und um Hals und Arme trug , daß es mich beinahe blendete , und sie schaute lächelnd in den Spiegel und freute sich , daß sie so wunderschön aussah . Ich zog aber leise die Tür wieder zu ; es gab mir einen ordentlichen Stich ins Herz , daß man sich so aufputzen kann , wenn der Mann erst seit Weihnachten unter der Erde liegt . « Ich lag ganz still , mir brauste es vor den Ohren . Das war noch Ruth , dieselbe herzlose , kalte Kokette , die sie schon als Kind gewesen . Was sollte ich beginnen , wenn sie – ich wagte das Schreckliche nicht zu denken , » War der Herr Leutnant recht heiter ? « fragte ich . » Ach nein , Fräulein Gretchen . Er sah schon finster aus , als er kam , und noch finsterer , als er aus dem Zimmer der jungen Gräfin trat . Zwischen der Frau v. Bendeleben und der jungen Gnädigen war etwas nicht ganz richtig . Sie hatte das Frühstück auf ihr Zimmer bestellt , da kam gerade der Herr Leutnant an , und sie sagte zum Johann : » Ich lasse meinen Vetter zum Kaffee bitten , meine Eltern haben doch schon getrunken . Ich war gerade im Zimmer , als er kam . Da richtete sie sich etwas von ihrem Sessel auf und reichte ihm die Hand zum Kusse – na , die Augen , die sie machte – , ich glaubte , der Herr Leutnant müßte schmelzen . « » Genug , Liesel , hör auf ! Das mag ich nicht wissen ; erzähle mir lieber etwas anderes . « Mir krampfte sich das Herz zusammen bei diesen Nachrichten . » Ich wollte ja nur erzählen , was der Herr Leutnant sagte , als sie ihm eine Tasse Kaffee selbst zurechtgemacht hatte « , begann Liesel wieder . » Er sah sie finster an und sagte – « » Kathrin regt sich , Liesel . Bitte , sieh nach , es interessiert mich wirklich nicht . « Liesel kam wieder : » Sie schläft – aber neugierig bin ich doch , was noch daraus werden wird . « Ich schloß die Augen und tat , als ob ich schliefe . In meiner Brust kämpften die verschiedenartigsten Empfindungen . Bald führte mir die Eifersucht die erschreckendsten Bilder vor , bald war der Verstand bei der Hand und sagte : Urteile nicht ungerecht und vorschnell . Eine Angst vor diesem schönen , koketten Weibe überkam mich , daß ich meinen Kopf tief in die Kissen begrub , als wollte ich nichts hören und sehen . Die ganze Nacht quälte ich mich mit den schrecklichsten Bildern , erst das graue Licht der Morgendämmerung brachte etwas tröstlichen Schimmer in mein Gemüt . Liesel war auf dem Stuhle eingeschlafen , auch Kathrin schlummerte , und ich betete um ein festes , starkes Herz . Als im Laufe des Nachmittags die Frau Gerichtsschreiberin am Krankenbette saß , rüstete ich mich , um einen Gang nach dem Schlosse zu machen , den ersten , seit ich von dort schied . Ich sah in den Spiegel : ein von Krankenstubenluft und Nachtwachen bleiches Gesicht schaute mir entgegen . Ich zuckte die Achseln und schalt mich selbst aus : » Warum bist du auch so dumm , Grete , dir trübe Gedanken zu machen , du Hasenherz – wo kein Vertrauen , da ist auch keine Liebe . « Ich schritt durch den Park mit seinen knospenden Bäumen , es war frühlingsmilde , warme Luft , und sie hauchte mir beinahe das letzte Bangen hinweg . Bei Anne Marie machte ich halt und fragte nach Briefen . » Nichts , Fräulein Gretchen « , sagte sie bedauernd und erzählte mir von der Szene am Gewächshause . » Wahrscheinlich wollte der Herr Leutnant einen Brief abgeben , aber die gnädige Gräfin ließ ihn nicht hinein . « » Gut , Anne Marie , wenn einer kommt , bring ihn mir wieder , wie die letzten , aber bring ihn gleich ! « Anne Marie nickte , die freundlichen blauen Augen ruhten teilnehmend auf mir : » Fräulein Gretchen , Sie können sich doch denken : ich laufe gleich hinunter und bringe ihn , das versieht sich . Habe ich doch alle Gelegenheit dazu , wenn ich frage , wie es Kathrin geht . « Nach einem freundlichen Gruß ging ich weiter und betrat die alte , wohlbekannte Allee . Die grauen Mauern des Schlosses blickten durch die kahlen Zweige der Bäume . Bald stand ich auf der Terrasse vor dem hohen Portal , über dem das Wappen der Bendelebens , in Sandstein gehauen , prangt – zu beiden Seiten befindet sich eine Inschrift : » Fürchtet Gott – ehret den König ! « Hundertmal hatte ich es schon gelesen , und doch kam mir heute alles so fremd , so neu vor , die Halle erschien mir gegen die niedrigen Zimmer , in denen ich zuletzt gewohnt , so hoch , daß ich mich verwundert fragte : War denn das früher auch so ? Der alte Johann kam mir entgegen . Er schmunzelte , als er mich sah : » Ach , das ist doch grad ' , als ob die Sonne wieder scheint , wenn Ihr freundliches Gesichtchen mich einmal wieder anschaut . Sie haben schlimme Zeit gehabt , Fräulein Margret , wir alle haben Sie bedauert . Gott sei Dank , daß es wieder besser ist . Der Herr Baron und die gnädige Frau sind ausgefahren . « Ich wollte umkehren . » Aber die Gräfin Satewski ist zu Hause « , sagte er ; » Frau v. Bergen war noch nicht wieder hier . Das ist ja auch recht gut , sechs Wochen lang darf eine junge Frau nicht in das elterliche Haus , sonst bekommt sie Heimweh , das ist ein alter Glaube , den man respektieren muß . – Soll ich Sie anmelden ? « Ich dankte , schritt allein die Treppe hinan und ging in den westlichen Flügel , wo die Zimmer der Gräfin sich befanden . Ich klopfte an die Tür des Salons , aber niemand erschien . Gewiß liegt sie in ihrem Zimmer auf dem Sofa , dachte ich , und trat ein , durchschritt den Salon und guckte in das kleine , lauschige , üppige Boudoir . Weil ich auch dort die Gesuchte nicht fand , wollte ich eben umkehren , als ich einen Lichtschimmer aus dem Schlafzimmer bemerkte . Licht am Tage ? Wie sonderbar ! Die Tür war nur angelehnt , ich blickte durch die Spalte . Was sahen meine erstaunten Augen ? Da stand die junge Witwe vor dem Spiegel – aber wo waren Haube und Schleier ! Ein granatrotes Atlaskleid fiel in schweren Falten zur Erde , die lange Schleppe lag auf dem Boden , und drüber wie ein Hauch ein köstliches , schwarzes Spitzengewebe . Brust und Arme schimmerten schneeig aus dem purpurroten Stoff , um den schlanken Hals blitzten Brillanten , ein kleiner , schwarzer Spitzenschleier war mit denselben kostbaren Steinen im Haar befestigt , hinter dem Ohr eine Granatblüte . Das seine Gesicht mit dem reizenden Profil sah musternd in den Spiegel , die Arme mit dem blitzenden Geschmeide waren halb erhoben und in der einen Hand hielt sie einen kleinen Fächer von schwarzen Spitzen . Sie stand da , als wollte sie eben um Tanze dahinschweben . Wie bezaubert starrte ich das reizende Bild an – wie war sie schön , dieses junge Weib , in dieser halb spanischen Tracht . Und sie fand es selbst , denn ein Leuchten ihrer schwarzen Augen , ein triumphierendes Lächeln des kleinen Mundes , das ich im Spiegelbilde sah , verrieten es mir . Langsam wandte sie sich , mit dem Fuße stieß sie einen am Boden liegenden Gegenstand fort , daß er bis dicht vor den Türspalt flog – es war die kleine , schwarze Krepphaube mit dem Schleier . » Wie ist sie mir übersatt , diese alberne Komödie ! « hörte ich sie halblaut sagen , während sie im Zimmer hin und her schritt , das künstlich durch Läden und Vorhänge dunkel gemacht war , damit sie ihre Schönheit bei Kerzenlicht bewundern konnte . Die Atlasschleppe rauschte , die Brillanten blitzten ; ich konnte das schöne , Gesicht sehen , wenn sie an der Tür vorbeikam . » Oh , ich habe dieses Leben so satt « , fuhr sie in ihrem Selbstgespräche fort , » ich sterbe , wenn ich noch lange in diesem traurigen Aufenthalte zubringen soll . Oh , mein Wien , mein schönes , heiteres , lebenslustiges Wien ! Ich sehne mich nach deinem Licht , deinem Farbenschmelz , wie der Vogel nach Freiheit , wie die trockene Erde nach Regen , wie – ich weiß selbst nicht wie . « Wieder blieb sie vor dem Spiegel stehen . » Kein Mensch ist hier , der mich sehen könnte « , murmelte sie weiter , » und ich bin doch schön , sehr schön . Wie lag man mir in Wien zu Füßen , und was gibt ' s hier für Bären ! « Ich schlich mich leise zurück und drückte die Hand gegen mein klopfendes Herz . Wie war es möglich , so frivol , so leichtsinnig , so – mir fehlten die Worte für eine Bezeichnung dieser Szene . – Nur vor den Leuten notgedrungen diese schwarzen Gewänder . War sie allein , so wurden sie beiseite geworfen , und weil niemand vorhanden war , der ihrer Schönheit huldigte , so schmückte sie sich für sich allein und berauschte sich an ihrem eigenen Liebreiz . » Eitles Geschöpf ! « murmelte ich vor mich hin . » Und die soll ich fürchten ? Nein , dazu hat er ein zu tiefes Gemüt , um diese Zierpuppe , diese Kokette zu lieben . « Damals wußte ich noch nicht , daß nichts die Männer mehr anzieht als Koketterie , und daß ein schönes , frivoles Weib die gefährlichste Gegnerin für ein unerfahrenes , einfach denkendes Mädchen ist . Wie gejagt floh ich aus dem Schloß und eilte meiner Heimat zu . Kathrins tief eingesunkene Augen blickten mich mit einem Ausdruck von Rührung und Liebe an , die alte , knöcherne Hand faßte matt nach der meinen . » Gutes Kind ! « flüsterte sie und schloß die Augen wieder . Die kleine Frau Renner erhob sich von ihrem Platz und winkte mir , ihr in die Wohnstube zu folgen . » Der Doktor war hier « , sagte sie leise . » Mein Herzel , es tut mir leid , dies Ihnen sagen zu müssen , aber es geht doch nicht anders : er meint , die Kathrin wird wohl gelähmt bleiben , später könne sie vielleicht wieder in einem bequemen Stuhl sitzen , aber arbeiten – das ist vorbei . Sie müssen sich ein Mädel nehmen , das jung und fix ist , und da hab ' ich gedacht , Sie täten mir einen Gefallen , wenn Sie meine Marie mieten wollten , die kann tüchtig schaffen , und ich nehme mir eine Jüngere . So recht eine anzulernen , wird Ihnen jetzt zu schwer bei der Pflege , die das alte Würmel noch bedarf , und ich tue nichts lieber , wie mir ein neues Mädchen erziehen . Ich kann sie Ihnen auch bald schicken , das Haus muß imstande sein , wenn der Herr Vater kommt . Da oben sieht ' s gefährlich aus in dem Studierstübel . « » Sie liebe , gute Frau Renner « , sagte ich tief gerührt , » das kann ich nicht annehmen , ganz gewiß nicht , das Mädchen paßt für Sie – « » Sie tun mir einen Gefallen , Kind . Die große Person hat in meinem Hause lange nicht genug Arbeit – kein Wort mehr , sie kommt übermorgen . Schon gut , schon gut , mein Hundel , was wollen Sie die alten Hände küssen – « Liesels Eintreten machte der Szene ein Ende . Die kleine Frau Renner trippelte über die Straße , und ich nahm meinen Platz am Krankenbette ein , stützte den Kopf in die flache Hand und dachte nach , während Liesel stillschweigend das Zimmer aufräumte . Im fortwährenden Kreisgang drehten sich meine Gedanken um Ruth und Eberhardt . Wenn ich die Augen schloß , so gleißte mir der purpurrote Seidenstoff ihres Kleides entgegen , ich sah dieses wunderschöne Gesicht sich gegen den Spiegel neigen und hörte die Worte : » Oh , dieses elende Komödienspiel ! « – Wenn ich doch Eberhardt ein einziges Mal sprechen könnte , ihn fragen , was ihn so finster macht , ihn warnen könnte vor diesem schönen , falschen Weibe ! Ich hoffte umsonst . Es gingen Tage dahin , und Anne Marie brachte mir keinen Brief . Meine Ungeduld , meine Angst wuchsen von Stunde zu Stunde . Auch Liesel kam nicht mehr , ich hatte das Mädchen von Frau Renner bekommen und erfuhr also auch von dieser Seite nichts . Der Baron war ein paarmal an meinem Fenster gewesen und hatte sich erkundigt , wie es stehe , hatte mich auch dringend eingeladen , ihn zu besuchen , er sehne sich nach meiner Gesellschaft . Ich entschuldigte mich damit , daß ich Kathrin nicht allein lassen könne , es wäre mir bisher unmöglich gewesen , nach dem Schlosse zu gehen . Arbeit , sagte ich mir endlich , Arbeit ist das einzige , was hilft . Ich ließ das Stübchen meines Vaters ausräumen und scheuern , befreite die unzähligen alten Bücher von ihrem jahrelangen Staub und machte mich eines Tages daran , sie wieder an ihre Plätze zu stellen . Es war eine schwere Aufgäbe , sich einigermaßen herauszufinden . Mit den deutschen Schriften ging es : Wieland und Klopstock , Archenholz ' Annalen und Siebenjähriger Krieg , dann archäologische Werke wurden bald geordnet , aber die lateinischen und griechischen Bücher ? – Ratlos stand ich und hielt ein solches unverständliches , in Schweinsleder gebundenes Ding in der Hand , da öffnete sich die Tür , und Pastor Renner trat über die Schwelle . » Ich komme , um meine Hilfe anzubieten « , sagte er und sah mich freundlich an . Meine Mutter erfuhr , daß Sie bei dem Aufräumen sind , und schickt mich herüber . Alte Herren lieben in solchen Sachen Ordnung über alles , und wie ich sehe , stehen Sie schon da und wissen nicht , wo aus und ein . « Er nahm mir das Buch aus der Hand : » Das sind Ovids Verwandlungen in der schönen Elzevirausgabe , ich glaube , es stand hier . Bitte , reichen Sie mir die Bücher in gleichem Einband mit aufgeschlagenem Titelblatt – so ist ' s recht . « Mechanisch reichte ich ihm eins nach dem andern : » Ovid – hier , Virgil – hier , so , wir werden bald fertig sein . « Eifrig ordnete er die von mir hingereichten Bücher . Das Peinliche seines Erscheinens verschwand , so ruhig und freundlich war sein Auftreten . Eine Stunde verging , ohne daß ein anderes Wort als das zur Arbeit notwendige gesprochen wurde . Nun war sie aber auch vollendet , und ich dankte ihm mit freundlichen Worten . Er sah mich lächelnd an : » Kaum kann ich mir denken , daß Sie mit der jungen Dame identisch sind , die ich einst hier oben eintreten sah mit Hut und Reitpeitsche und verwehten Haaren . « Ich schaute betroffen an mir herunter – eine große , bunte Schürze , die beinahe das ganze Kleid bedeckte und noch von meiner seligen Mutter herstammte , hatte ich mir vorgebunden , die Ärmel zurückgeschoben und , mein Gott ja , um den Kopf ein weißes , dreieckiges Tuch geknotet , damit der Staub sich nicht auf mein Haar legen sollte . – Ich wurde dunkelrot unter seinem lächelnden Blick und wollte das Tuch vom Kopfe reißen . » Ei , nicht doch ! « wehrte er ab und legte einen Moment seine schlanke , weiße Hand auf meinen Arm . » Es wäre schade , wenn Sie das Tuch abnehmen wollten . Kein Hut , kein Blumenkranz hat Sie je so geschmückt , wie – « » Bitte , keine Schmeicheleien ! « sagte ich , bebend vor Verlegenheit . » Schmeicheleien müssen sich allerdings wunderbar aus meinem Munde anhören . Ich spreche nur die Wahrheit , wenn ich behaupte , daß eine Frau nur frauenhafte Tracht kleidet . « » Ich weiß , ich weiß « , sagte ich ungeduldig . » Sie haben mich getadelt , daß ich so gern zu Pferde saß . Ich wiederhole Ihnen , es war mein größtes Vergnügen . Sie können sich nicht denken , wie reizend es ist , so ein mutiges Tier zu lenken . « » Ja , für eine Gräfin Satewski würde ich es allenfalls gelten lassen , aber für – « » Nun ? « » Wir wollen nicht wieder streiten , Fräulein Gretchen . Ich bin überzeugt , Sie geben mir noch einmal recht . Lassen Sie uns Frieden schließen und meiden Sie nicht mehr so eigensinnig unser Haus , meine Mutter kränkt sich im stillen darüber , sie hat Sie sehr lieb . « » Nein , ich kann nicht , ich kann nicht « , sagte ich hastig , seine dargebotene Hand abwehrend . » Kommen Sie nicht wieder hierher , ich bitte Sie dringend . Verlangen Sie nicht , mich drüben in Ihrem Hause zu sehen , ich will stets Ihre Frau Mutter ehren und lieben , aber lassen Sie mich unbeachtet ! « Betroffen trat er zurück . » Bin ich Ihnen schon jemals in irgendeiner Weise entgegengetreten , daß Sie das Gefühl haben müßten , ich sei Ihnen lästig ? « fragte er verletzt und stolz zugleich . » Ich habe , bei Gott , mich noch nie in Ihre Nähe gedrängt . Daß ich dem Zufall dankbar war , der dies zuweilen tat , leugne ich nicht . Aber denken Sie nach , soviel Sie wollen , Sie werden nichts finden , was diese scharfen Worte rechtfertigen könnte . « Verzeihen Sie mir , es ist wahr , aber ich wiederhole dennoch meine Bitte um meinetwillen , es hängt sehr viel davon ab . Ich bitte Sie , tun Sie nicht , als ob ich lebe , als ob Sie mich jemals gesehen , als – « » Sie sprechen in Rätseln , Margarete « , sagte er leise . » Ich vermag sie jetzt nicht zu lösen , aber es sei : ich werde Ihrem Wunsche gehorchen , ich werde mich bemühen , Sie nicht zu sehen . Leben Sie wohl , verzeihen Sie mein Eindringen hier , es war das erste und soll das letztemal sein . Mögen Sie den richtigen Weg gewählt haben für Ihr Glück ! « Ein trauriger Blick streifte mich , als er sich förmlich verbeugte und hinausschritt . » Verzeihen Sie mir « , sagte ich leise und hielt ihm die Hand hin . » Ich wollte Sie nicht kränken – wenn Sie ahnen könnten – « Er sah es nicht mehr und hörte es nicht – den Kopf stolz zurückgeworfen , ging er die Treppe hinunter . Ich blieb stehen und blickte ihm nach ; aber ich konnte nicht anders . Was hätte Eberhardt denken sollen , wenn ich dem jungen Geistlichen gestattete , so herüberzukommen . Wie hätte ich die spöttischen , scharfen Neckereien der Gräfin Satewski ertragen können und die Anspielungen der Frau v. Bendeleben ? Ja , es war , besser so . Aber Eberhardt ! Wann soll ich ihn wiedersehen ? Warum schreibt er nicht ? ? » Frau v. Bendeleben läßt Fräulein Gleichen bitten , Sie möchten zum Abendessen aufs Schloß kommen , die junge Frau v. Bergen mit ihrem Mann kämen gegen Abend auch « , bestellte , vor Freude dunkelrot , Liesel am anderen Nachmittag , als ich nähend an Kathrins Bette saß . » Ich bleibe so lange hier , Fräulein Gretchen , und nun machen Sie sich recht schön . Es freut mich so , daß Sie auch einmal wieder ein Vergnügen haben . Sie sind ganz trübselig hier unten geworden . – Die gnädige Gräfin hat sich zurückgezogen « , fuhr sie fort , » sie sagt , sie habe Kopfschmerzen . Vorhin lag sie aber in dem kleinen , blauen Salon , und da hörte ich sie recht herzhaft gähnen , und Johann meint – « » Was meinst du , Kathrin « ,