ich betrachtete einige Kupferstiche an den Wänden , – noch heute erinnere ich mich derselben , das eine stellte einen finster aussehenden Mann in einem Küraß dar ; das andere eine Dame mit gepuderten Haaren und einem Perlhalsband – eine Bronzelampe , welche von der Decke herabhing , eine große , alte Wanduhr , deren Gehäuse aus Eichenholz seltsam geschnitzt und durch die Zeit schwarz und blank wie Ebenholz geworden war . Alles erschien mir sehr stattlich und imposant – aber ich war ja auch so wenig an Glanz und Pracht gewöhnt . Die Thür der Halle , welche halb aus Glas war , stand offen ; ich überschritt die Schwelle . Es war ein herrlicher Herbstmorgen ; die Sonne schien klar auf herbstlich gefärbtes Laub und noch immer frische Felder herab ; ich ging auf den freien Platz hinaus und betrachtete die Front des Herrenhauses . Es war drei Stockwerke hoch , von großen , obgleich nicht überwältigenden Proportionen , der Herrensitz eines Gentleman , nicht die feste Burg eines Edelmannes ; Zinnen auf dem Dache gaben dem Hause ein pittoreskes Aussehen . Die graue Front hob sich hübsch von dem Hintergrunde eines Krähengenistes , dessen krächzende Bewohner jetzt flügge waren ; sie flogen über den Grasplatz und den Park , um sich auf einer großen Weide niederzulassen , von welcher erstere durch einen eingesunkenen Zaun getrennt waren ; auf dieser Wiese stand eine lange Reihe alter , starker , knorriger Dornenbäume , mächtig wie Eichen , welche sofort die Etymologie der Benennung des Herrenhauses erklärten . [ Fußnote ] In der Ferne waren Hügel , nicht so hoch wie jene um Lowood , nicht so zackig , nicht so ähnlich Barrieren , welche einen von der übrigen Welt abschlossen , aber doch stille , einsame Hügel , welche Thornfield eine Abgeschiedenheit verliehen , die ich in der lebhaft bewegten Nähe Millcotes niemals vermutet hätte . Ein kleiner Weiler , dessen Dächer von Bäumen überschattet waren , zog sich an einem der Hügel hinauf ; die Kirche des Distrikts stand näher an Thornfield , ihr alter Turm sah über einen Hügel zwischen dem Hause und den Parkpforten hervor . Ich erfreute mich noch an der friedlichen Aussicht und an der frischen , angenehmen Luft , horchte noch mit Entzücken auf das Gekrächze der Krähen , blickte noch auf die große , von der Zeit geschwärzte Front der Halle und dachte bei mir , welch ein weitläufiger Aufenthalt es für eine einzelne kleine Dame wie Mrs. Fairfax sei , als diese Dame in der Thür erschien . » Was ? schon draußen ? « sagte sie . » Ich sehe , Sie sind gewöhnt früh aufzustehen . « Ich ging zu ihr und wurde mit einem Kusse und einem herzlichen Händedruck bewillkommnet . » Wie gefällt Ihnen Thornfield ? « fragte sie . Ich sagte ihr , daß ich es sehr schön fände . » Ja , « sagte sie , » es ist ein reizender Ort ; aber ich fürchte , es wird vernachlässigt werden , wenn Mr. Rochester es sich nicht in den Kopf setzt , herzukommen und permanent hier zu residieren , oder es wenigstens häufiger zu besuchen . Große Häuser und schöne Parks erfordern die Anwesenheit ihres Besitzers . « » Mr. Rochester ! « rief ich aus . » Wer ist das ? « » Der Besitzer von Thornfield , « antwortete sie ruhig . » Wußten Sie nicht , daß er Rochester heißt ? « Natürlich wußte ich das nicht – ich hatte ja noch niemals von ihm gehört ; aber die alte Dame schien sein Dasein für ein so allgemein bekanntes Faktum zu halten , daß jedermann es schon instinktiv kennen mußte . » Ich glaubte , « fuhr ich fort , » daß Thornfield Ihr Eigentum sei . « » Mein Eigentum ? Gott segne Sie , Kind ! Welche eine Idee ! Mein Eigentum ? Ich bin nur die Haushälterin , die Verwalterin . Allerdings bin ich durch die Familie seiner Mutter entfernt mit den Rochesters verwandt , oder wenigstens war mein Gatte es : er war ein Geistlicher , Pfründenbesitzer von Hay – jenes kleine Dorf da drüben auf dem Hügel – und die Kirche neben der Parkpforte war die seine . Die Mutter des jetzigen Mr. Rochester war eine Fairfax und meines Mannes Cousine im zweiten Grade ; aber ich thue mir auf diese Verwandtschaft niemals etwas zu Gute und erlaube mir deshalb keine Freiheiten – in der That , ich mache mir gar nichts daraus ; ich betrachte mich selbst in dem Lichte einer ganz gewöhnlichen Haushälterin ; mein Brotherr ist immer höflich , und mehr erwarte ich nicht , « » Und das kleine Mädchen – meine Schülerin ? « » Sie ist Mr. Rochesters Mündel ; er beauftragte mich , eine Gouvernante für sie zu suchen . Ich glaube , daß er die Absicht hegt , sie in – shire erziehen zu lassen . Da kommt sie mit ihrer » Bonne « , wie sie ihre Wärterin nennt . « Das Rätsel war also gelöst ; diese freundliche , gütige , kleine Witwe war keine große Dame , sondern eine Untergebene wie ich selbst . Deshalb war sie mir nicht weniger lieb ; im Gegenteil , ich fühlte mich wohliger als zuvor . Die Gleichheit zwischen ihr und mir bestand wirklich , – sie war nicht das Resultat bloßer Herablassung von ihrer Seite . Um so besser – meine Stellung war deshalb um so viel freier . Während ich noch über diese Entdeckung nachdachte , kam ein kleines Mädchen , welchem eine Wärterin folgte , über den Grasplatz daher gelaufen . Ich betrachtete meine Schülerin , welche mich anfangs nicht zu bemerken schien . Sie war noch ein Kind , vielleicht sieben oder acht Jahre alt , zart gebaut , blaß mit kleinen Gesichtszügen und einem Überfluß von Haar , das in Locken über die Schultern wallte . » Guten Morgen , Miß Adela , « sagte Mrs. Fairfax , » Kommen Sie her und sprechen Sie mit dieser Dame , welche Ihre Lehrerin sein wird , damit Sie eines Tages eine gescheite Dame werden . « Die Kleine kam näher . » C ' est là ma gouvernante ? « fragte sie zu ihrer Wärterin gewendet auf mich zeigend ; diese antwortete : » Mais oui , certainement . « » Sind sie Ausländer ? « fragte ich , ganz erstaunt , die französische Sprache zu hören . » Die Wärterin ist eine Ausländerin und Adela wurde auf dem Kontinent geboren ; ich glaube auch , daß sie bis vor sechs Monaten dort verblieb . Als sie zuerst herkam , konnte sie kein Wort englisch sprechen ; jetzt hat sie es so weit gebracht , ein wenig sprechen zu können ; ich verstehe sie nicht , sie vermischt es so sehr mit dem Französischen ; aber ich vermute , daß Sie sehr gut begreifen werden , was sie meint . « Zum Glück hatte ich den Vorteil gehabt , französisch von einer Französin zu lernen ; und da ich es mir stets hatte angelegen sein lassen , so viel wie möglich mit Madame Pierrot zu reden und überdies während der letzten sieben Jahre täglich mehrere Seiten französisch auswendig gelernt hatte , war es mir möglich geworden , mir einen Grad der Fertigkeit und der Korrektheit in der Sprache anzueignen , welcher mich in den Stand setzte , mit Mademoiselle Adele gleichen Schritt zu halten . Als sie hörte , daß ich ihre Gouvernante sei , kam sie auf mich zugelaufen und reichte mir die Hand ; dann führte ich sie in das Frühstückszimmer und richtete einige Worte in ihrer Muttersprache an sie ; im Anfang antwortete sie sehr kurz , aber nachdem wir am Tische Platz genommen hatten und sie mich ungefähr zehn Minuten mit ihren großen hellbraunen Augen angesehen hatte , begann sie plötzlich ganz geläufig zu plaudern . » Ach , « rief sie auf französisch aus , » Sie sprechen meine Muttersprache ebenso gut wie Mr. Rochester , ich kann mit Ihnen reden wie mit ihm , und Sophie kann es auch . Sie wird glücklich sein ; hier kann niemand sie verstehen , Madame Fairfax ist durch und durch englisch . Sophie ist meine Wärterin ; sie ist mit mir über das Meer gekommen in einem großen Schiffe mit einem Schornstein , der rauchte – und wie er rauchte ! – und ich war krank , und Sophie war es auch und Mr. Rochester auch . Mr. Rochester legte sich auf ein Sofa in einem hübschen Zimmer , das Salon genannt wurde , und Sophie und ich hatten kleine Betten in einem anderen Zimmer . Beinahe wäre ich aus dem meinen heraus gefallen , es war ganz wie ein Brett . Und , Mademoiselle – wie heißen Sie doch ? « » Eyre – Jane Eyre . « » Aire ? Bah ! Das kann ich nicht aussprechen . Nun also weiter : gegen Morgen , der Tag war noch nicht ganz angebrochen , hielt unser Schiff bei einer großen Stadt an – bei einer enorm großen Stadt , mit sehr düsteren Häusern , die ganz von Rauch geschwärzt waren ; sie hatte gar keine Ähnlichkeit mit der sauberen , hübschen Stadt , aus welcher ich kam . Und Mr. Rochester trug mich auf seinen Armen über ein Brett ans Land , und Sophie kam hinterher ; dann stiegen wir alle in einen Wagen , der uns bis an ein großes , prächtiges Haus brachte , viel größer und viel , viel schöner als dieses , und es hieß ein » Hotel « . Dort blieben wir beinahe eine Woche . Sophie und ich gingen oft auf einem großen , grünen Platz voller Bäume umher , den sie » Park « nannten . Außer mir waren noch viele , viele Kinder dort , und ein Teich mit prachtvollen Vögeln darauf , die ich oft mit Brotkrumen gefüttert habe . « » Können Sie sie denn eigentlich verstehen , wenn sie so schnell plappert ? « fragte Mrs. Fairfax . Ich verstand sie sehr gut , denn ich war an Madame Pierrots geläufige Zunge gewöhnt . Dann fuhr die gute , alte Dame fort : » ich möchte gern , daß Sie ein paar Fragen über ihre Eltern an sie richteten ; es soll mich doch wundern , ob sie sich ihrer noch erinnert ? « » Adele , « fragte ich , » mit wem hast du in jener hübschen , sauberen Stadt gewohnt , von welcher du mir erzählt hast ? « » Mit meiner Mama , aber das ist schon lange her ; sie ist zur heiligen Jungfrau gegangen . Mama hat mich auch tanzen und singen und schöne Verse hersagen gelehrt . Viele Herren und Damen kamen stets , um Mama zu besuchen , und dann pflegte ich ihnen etwas vorzutanzen oder vorzusingen . Oft nahmen sie mich auf den Schoß , und ich sagte ihnen Gedichte her . Wollen Sie mich jetzt auch singen hören ? « Sie war mit ihrem Frühstück zu Ende , und deshalb erlaubte ich ihr , mir eine Probe ihres Talents zu geben . Sie kletterte von ihrem Stuhl herunter und kam zu mir , um sich auf meinen Schoß zu setzen ; dann faltete sie ernsthaft ihre kleinen Hände , warf ihre Locken zurück , heftete ihre Augen auf die Decke des Zimmers und begann , eine Melodie aus irgend einer Oper zu singen . Es war ein Lied von einer verlassenen Frau , welche anfangs die Treulosigkeit ihres Geliebten beweint und dann ihren Stolz zu Hilfe ruft ; darauf befiehlt sie ihrer Begleiterin , ihr die schönsten Gewänder und ihre prächtigsten Juwelen zu bringen und beschließt , dem Falschen am Abend auf einem Balle zu begegnen und ihm durch ihre Fröhlichkeit zu beweisen , wie wenig seine Treulosigkeit sie ergriffen hat . Das Lied schien seltsam gewählt für eine so kindliche Sängerin ; aber ich vermute , daß der Schwerpunkt dieser Produktion darin lag , diese Töne und Worte der Liebe und Eifersucht von den Lippen des Kindes zu hören ; und sehr geschmacklos schien mir diese Pointe zu sein . Adele sang die Canzonette ganz geschmackvoll und mit der Naivetät ihrer Jahre . Nachdem sie damit zu Ende , sprang sie von meinem Schoße herab und sagte : » Jetzt , Mademoiselle , will ich Ihnen etwas vordeklamieren . « Dann nahm sie eine Attitüde an und begann » la ligue des rats ; fable de La Fontaine « . Nun deklamierte sie das kleine Stück mit einer Achtsamkeit auf die Interpunktion und Betonung , einer Biegsamkeit der Stimme und einer Zartheit der Bewegungen , welche in ihren Jahren allerdings ungewöhnlich waren und deutlich bewiesen , daß sie sorgsam trainiert worden war , » Hat deine Mama dich dieses Gedicht gelehrt ? « fragte ich . » Ja , und sie pflegte immer so zu sagen : » Où avez-vous donc ? lui dit un de ces rats ; parlez ! « Und dann ließ sie mich meine Hand aufheben – so – um mich daran zu erinnern , daß ich die Stimme erheben müsse bei der Frage . Soll ich Ihnen jetzt etwas vortanzen ? « » Nein . Jetzt ist es genug . Aber bei wem wohntest du , als deine Mama zur heiligen Jungfrau gegangen war , wie du sagst ? « » Bei Madame Frederic und ihrem Manne ; sie hat mich gepflegt und für mich gesorgt , aber sie ist nicht mit mir verwandt . Ich glaube , daß sie arm ist , denn sie hatte kein so schönes Haus wie Mama . Ich war nicht lange dort . Mr. Rochester kam und fragte mich , ob ich mit ihm nach England gehen und bei ihm bleiben möchte , und ich sagte Ja . Denn ich kannte Mr. Rochester , bevor ich Madame Frederic kannte , und er war immer gütig gegen mich und schenkte mir schöne Kleider und hübsche Spielsachen . Aber Sie sehen , er hat nicht Wort gehalten , denn er hat mich nach England gebracht , aber er selbst ist wieder fortgegangen , und jetzt sehe ich ihn nie mehr . « Nach dem Frühstück zog ich mich mit Adele in die Bibliothek zurück ; wie es schien , hatte Mr. Rochester bestimmt , daß dieser Raum als Schulzimmer benutzt werden sollte . Die Mehrzahl der Bücher war in Glasschränken verschlossen ; aber ein Bücherschrank , welcher offen stand , enthielt alles , was für den elementaren Unterricht gebraucht wurde , und verschiedene Bände der leichteren Litteratur , Poesie , Biographie , Reisebeschreibungen , einige Romanzen u. s. w. Ich vermute , daß er der Ansicht gewesen , dies sei alles , was eine Gouvernante für ihre Privatlektüre brauche , und in der That genügten sie mir vollauf für den Augenblick ; im Vergleich zu den kärglichen Samenkörnchen , welche ich dann und wann in Lowood zu finden imstande gewesen , schienen diese Bände mir eine reiche , goldene Ernte in Unterhaltung und Belehrung zu bieten . In diesem Zimmer befand sich auch ein ganz neues Klavier von herrlichem Ton ; außerdem eine Staffelei und mehrere Erdkugeln . Ich fand meine Schülerin außerordentlich liebenswürdig , aber sehr zerstreut . Sie war niemals an eine regelmäßige Beschäftigung irgend welcher Art gewöhnt gewesen . Ich fühlte , daß es nicht ratsam sein würde , sie im Anfang zu sehr mit Arbeit zu überhäufen ; deshalb erlaubte ich ihr , als aus dem Morgen Mittag geworden war , und ich viel zu ihr gesprochen und sie ein wenig hatte lernen lassen , zu ihrer Wärterin zurückzukehren . Und dann nahm ich mir vor , bis zur Stunde des Mittagessens einige kleine Skizzen für ihren Gebrauch zu zeichnen . Als ich hinauf ging , um mein Skizzenbuch und meine Zeichenstifte zu holen , rief Mrs. Fairfax mir zu : » Ihre Morgenschulstunden sind jetzt vorüber , wie ich vermute . « Sie befand sich in einem Zimmer , dessen Flügelthüren weit geöffnet waren ; als sie mich anredete , ging ich hinein . Es war ein großes , stattliches Gemach , mit purpurfarbigen Möbeln und Vorhängen , einem türkischen Teppich , nußholzbekleideten Wänden , einem großen buntfarbigen Fenster und einer reich geschnitzten Decke . Mrs. Fairfax wischte den Staub von einigen Vasen aus herrlichem Rubinglas , welche auf einer Kredenz standen . » Welch ein prächtiges Zimmer , « rief ich aus , indem ich umher blickte , denn ich hatte noch nichts gesehen , was auch nur halb so schön gewesen wäre . » Ja , dies ist das Speisezimmer . Ich habe soeben das Fenster geöffnet , um ein wenig Luft und Sonnenschein herein zu lassen , denn in Zimmern , die selten bewohnt werden , wird alles feucht und dumpfig . Drüben im großen Salon ist es gerade wie in einem Gewölbe . « Sie deutete auf einen großen Bogen , welcher dem Fenster gegenüber lag und mit persischen Vorhängen , die in Festons aufgerafft waren , dekoriert war . Als ich zwei breite Stufen , welche zu demselben hinaufführten , erstiegen hatte , war mir ' s , als thäte ich einen Blick ins Feenreich ; so herrlich erschien meinem Novizenblick der Anblick , welcher sich ihm darbot . Und doch war es nichts als ein sehr hübscher Salon mit einem Boudoir ; beide waren mit weißen Teppichen belegt , die mit bunten Blumenguirlanden bedeckt schienen ; die Decke war reich mit schneeigem Stuck bedeckt , welcher weiße Weintrauben und Blätter darstellte ; seltsam kontrastierten damit die feuerroten Stühle und Ottomanen . Die Zierrate , welche den Kaminsims aus weißem , carrarischem Marmor schmückten , bestanden aus funkelndem , rubinrotem , böhmischem Glas , und in den Spiegeln zwischen den Fenstern wiederholte sich die allgemeine Mischung von Schnee und Feuer . » Wie schön Sie diese Zimmer in Ordnung halten , Mrs. Fairfax ! « rief ich . » Kein Staub , keine Überzüge aus Glanzleinwand , Man konnte wirklich glauben , daß sie täglich bewohnt würden , wenn die Luft nicht ein wenig gruftartig wäre . « » Nun , Miß Eyre , wenn Mr. Rochesters Besuche hier auch nur selten sind , so kommen sie ebenfalls stets unerwartet und plötzlich ; und da ich bemerkt habe , daß es ihn stets schlechter Laune macht , wenn er alles eingehüllt findet und mitten in die Geschäftigkeit des Räumens hineinkommt , so dachte ich mir , es sei das Beste , die Zimmer stets in Bereitschaft zu halten . « » Ist Mr. Rochester ein strenger und kleinlicher Herr ? « fragte ich . » Nicht gerade das ; aber er hat die Neigungen und Gewohnheiten eines Gentleman und er erwartet , daß alle Dinge sich dem anpassen . « » Lieben Sie ihn ? Ist er allgemein beliebt ? « » O ja . Die Familie hat hier stets in großer Hochachtung gestanden . Seit Menschengedenken hat alles Land in der Gegend , so weit das Auge reicht , den Rochesters gehört . « » Gut ; aber lieben Sie ihn , ganz abgesehen von seinen Besitzungen ? Lieben Sie ihn um seiner selbst willen ? « » Ich habe keine Ursache , etwas anderes zu thun , als ihn zu lieben , und ich glaube auch , daß seine Pächter und Untergebenen ihn als einen freigebigen und gerechten Gebieter betrachten ; aber er hat niemals viel unter ihnen gelebt . « » Aber hat er keine Eigentümlichkeiten ? Kurz und gut , wie ist sein Charakter ? « » O , sein Charakter ist fleckenlos . Das glaube ich wenigstens . Vielleicht ist er in manchen Dingen ein klein wenig seltsam ; ich vermute , daß er viel gereist ist und viel von der Welt gesehen hat . Ich glaube auch , daß er sehr gescheit ist , aber ich habe niemals Gelegenheit gehabt , mich viel mit ihm zu unterhalten . « » In welcher Weise ist er denn seltsam ? « » Ich weiß es nicht . Das ist nicht so leicht zu beschreiben – nichts besonders auffallendes , aber man fühlt es , wenn man mit ihm spricht . Man weiß niemals , ob er im Scherz oder im Ernst redet , ob er sich freut oder ob er sich ärgert . Kurzum , man versteht ihn nicht recht – wenigstens ich verstehe ihn nicht . Aber das schadet ja nicht ; er ist ein sehr guter Herr und Gebieter . « Dies war alles , was ich von Mrs. Fairfax über ihren Brotherrn und den meinen erfahren konnte . Es giebt Leute , welche meist nicht imstande zu sein scheinen , einen Charakter beschreiben zu können und die weder bei Menschen noch bei Dingen hervorragende Eigenschaften und Eigentümlichkeiten bemerken , – und augenscheinlich gehörte die gute Dame zu diesen ; meine Fragen verblüfften sie , brachten sie aber nicht zum Sprechen . Mr. Rochester war in ihren Augen Mr. Rochester , ein Gentleman , ein Gutsbesitzer – nichts anderes ; sie fragte und suchte nicht weiter und wunderte sich augenscheinlich über meinen Wunsch , einen bestimmteren Begriff seiner Persönlichkeit zu bekommen . Als wir das Speisezimmer verließen , schlug sie mir vor , mir den übrigen Teil des Hauses zu zeigen ; und ich folgte ihr treppauf , treppab und bewunderte alles im Gehen , denn alles war schön und geschmackvoll arrangiert . Besonders die großen Zimmer an der Vorderseite des Hauses erschienen mir prächtig und imposant , und einige der Zimmer des dritten Stocks , obgleich düster und niedrig , waren interessant durch ihr altertümliches Aussehen . Die Möbel , welche einst für die unteren Gemächer angeschafft worden , waren je nach den Anforderungen der Mode von Zeit zu Zeit hier herauf geschafft , und das unsichere Licht , welches durch die niederen Fenster eindrang , fiel auf Bettstellen , welche mehr als ein Jahrhundert zählten ; Truhen aus Nutz- und Eichenholz sahen mit ihren seltsamen Schnitzereien von Palmenzweigen und Engelsköpfen aus wie die Typen der Arche Noah ; Reihen von ehrwürdigen Stühlen mit schmalen und hohen Lehnen ; noch ältere Lehnstühle , auf deren gepolsterten Lehnen noch Spuren halbverwitterter Stickereien , welche vor zwei Generationen von Fingern gearbeitet waren , die längst im Grabe moderten . All diese Reliquien verliehen dem dritten Stockwerk von Thornfield-Hall das Aussehen eines Heims der Vergangenheit , eines Schreins der Erinnerungen . Ich liebte die Ruhe , das Dämmerlicht , die Eigentümlichkeit dieser Räume während der Tageszeit ; aber ich wünschte mir durchaus nicht das Vergnügen einer Nachtruhe auf diesen großen und schweren Betten , deren einige durch Thüren von Eichenholz abgeschlossen , andere mit schweren alten Vorhängen von englischer Arbeit verdeckt waren , deren Muster seltsame Blumen und noch seltsamere Vögel und die allerseltsamsten menschlichen Gestalten darstellten – wie seltsam würden erst all diese Dinge im bleichen Mondlicht ausgesehen haben ! » Schlafen die Diener in diesen Zimmern ? « fragte ich . » Nein , sie bewohnen eine Reihe kleinerer Gemächer an der Hinterseite des Hauses ; hier schläft niemand ; man möchte beinahe glauben , daß wenn wir in Thornfield-Hall einen Geist hätten , dies sein Schlupfwinkel wäre . « » Das glaube ich auch . Sie haben also keinen Geist hier ? « » Ich habe wenigstens niemals davon gehört , « entgegnete Mrs. Fairfax lächelnd . » Auch keine darauf bezügliche Tradition ? Keine Legenden , keine Geistergeschichten ? « » Ich glaube nicht . Und doch sagt man , daß die Rochesters ihrer Zeit ein mehr streitsüchtiges als friedliebendes Geschlecht gewesen . Aber vielleicht ist gerade das der Grund , weshalb sie jetzt ruhig in ihren Gräbern liegen . « » Ja , ja – sie ruhen aus nach dem verzehrenden Fieber des Lebens , « murmelte ich , – » Wohin gehen Sie denn jetzt , Mrs. Fairfax ? « denn sie ging weiter . » Hinauf auf das Dach ; wollen Sie mit mir gehen , um die Aussicht von dort zu genießen ? « Ich folgte ihr über eine sehr enge Treppe zu den Bodenkammern hinauf , und von dort über eine Leiter und durch eine Fallthür auf das Dach des Herrenhauses . Ich befand mich jetzt auf gleicher Höhe mit der Krähenkolonie und konnte einen Blick in ihre Nester werfen . Als ich mich über die Zinnen lehnte und weit hinunter blickte , sah ich den Park und die Gärten wie eine Landkarte vor mir liegen ; der helle , wie Samt geschorne Rasen , der sich dicht um das graue Fundament des Hauses zog ; die Felder und Wiesen , auf denen hier und da große Haufen von starkem Bauholz lagen ; der ernste , düstere Wald , durch welchen sich ein Fußsteig zog , dessen Moos grüner war als das Laub der Bäume ; die Kirche an der Parkpforte ; die Landstraße ; die Hügel , welche majestätisch und ruhig in das klare Sonnenlicht des Herbsttages hineinragten ; der weite , tiefblaue , mit leichten Federwölkchen besäete Himmelsbogen , das ganze vor mir liegende Bild hatte keinen besonders hervorragenden Zug , aber es war lieblich und wohlgefällig . Als ich mein Auge von demselben abwandte und wieder durch die Fallthür hinabstieg , konnte ich kaum meinen Weg über die Leiter hinunter finden ; im Vergleich mit dem blauen Himmelsbogen , zu dem ich empor geblickt hatte , erschien die Bodenkammer finster wie ein Gewölbe ; düster wie ein Grab nach jenem sonnigen Bilde des Parkes , der Weiden und grünen Hügel , dessen Mittelpunkt das Herrenhaus war , und das ich soeben noch mit Wonne betrachtet hatte . Mrs. Fairfax blieb einen Augenblick zurück , um die Fallthür zu schließen ; ich tastete mich an den Ausgang der Bodenthür und begann dann die enge Bodentreppe hinunter zu steigen . In dem langen Korridor , welcher zu dieser führte , und die Vorderzimmer und Hinterzimmer der dritten Etage trennte , hielt ich inne ; schmal , lang und dunkel , mit einem einzigen kleinen Fenster am äußersten Ende , sah er mit seinen beiden Reihen kleiner , niedriger , schwarzer Thüren aus wie ein Korridor in Ritter Blaubarts Schloß . Als ich dann leise vorwärts schritt , schlug das letzte Geräusch , welches ich in diesen Regionen erwartet haben würde – ein lautes Lachen – an mein Ohr . Es war ein seltsames Lachen , deutlich , förmlich , freudlos . Ich stand still . Der Ton verhallte ; doch nur für einen Augenblick ; dann begann das Lachen von neuem , lauter , denn anfangs war es , wenn auch deutlich , doch nur leise gewesen . Es endigte mit lautem Schall , welcher in jedem einsamen Zimmer ein Echo zu wecken schien ; es drang aber nur aus einem einzigen , und ich hätte die Thür bezeichnen können , aus welcher die Töne kamen . » Mrs. Fairfax ! « schrie ich auf , denn jetzt hörte ich sie die große Treppe herabkommen . » Haben Sie das laute Lachen gehört ? Woher kommt es ? Wer war es ? « » Wahrscheinlich einige der Dienstmädchen , « entgegnete sie , » vielleicht Grace Poole . « » Haben Sie es auch gehört ? « fragte ich wieder . » Ja , ganz deutlich . Ich höre sie oft , sie näht in einem dieser Zimmer . Zuweilen ist Leah bei ihr ; sie machen oft großen Lärm miteinander . « Wiederum ertönte das leise , eintönige , schaurige Lachen , es endigte mit einem seltsamen Gemurmel . » Grace ! « rief Mrs. Fairfax . Ich erwartete wirklich nicht , daß irgend eine Grace auf diesen Ruf antworten werde ; denn das Lachen klang so tragisch , so unnatürlich , so überirdisch wie ich noch niemals eins vernommen ; und wenn nicht heller Mittag gewesen wäre , und kein gespenstischer Umstand die seltsamen Laute begleitete – wenn es nicht gewesen wäre , daß weder Zeit noch Ort die Gespensterfurcht begünstigten , so würde ich mich abergläubischer Furcht hingegeben haben . Der Vorfall zeigte mir indessen , daß ich eine Närrin war , mich auch nur überraschen zu lassen . Die Thür , neben welcher ich stand , öffnete sich und eine Dienerin trat heraus ; sie war eine Frau zwischen dreißig und vierzig , eine untersetzte , knochige Gestalt mit rotem Haar und einem harten , häßlichen Gesicht ; eine weniger romantische oder geisterhafte Erscheinung ließ sich kaum denken . » Zu viel Lärm , Grace , « sagte Mrs. Fairfax , » vergiß deine Weisungen nicht ! « Ohne ein Wort zu sagen , machte Grace einen Knix und ging wieder ins Zimmer . » Sie ist eine Person , die wir hier haben , um zu nähen und Leah bei ihrer Hausarbeit zu helfen , « fuhr die Witwe fort , » in manchen Dingen ist sie nicht ganz vorwurfsfrei , aber sie genügt uns . Aber ehe ich ' s vergesse , wie waren Sie heute Morgen mit Ihrer Schülerin zufrieden ? « So kam das Gespräch auf Adele und wir fuhren fort , über sie zu sprechen , bis wir die sonnigeren , fröhlicheren Regionen des untern Stockwerks erreicht hatten . Adele kam uns in der Halle entgegen gelaufen und rief : » Mesdames , vous êtes servies » ! « Dann fügte sie lachend hinzu : » J ' ai bien faim , moi ! « In Mrs. Fairfax Zimmer fanden wir die Mahlzeit angerichtet , welche bereits unserer harrte . Zwölftes Kapitel . Die Aussicht auf einen ruhigen Verlauf meiner Tage , welche mein erster ruhiger Anfang in Thornfield-Hall zu versprechen schien , wurde nach einer näheren Bekanntschaft mit dem Orte und seinen Bewohnern durchaus nicht gestört . Mrs. Fairfax war in Wirklichkeit das , was sie zu sein schien , eine leidenschaftslose , gutherzige , sich