üben und warten solle , bis man ihm Genugtuung gab . Außerdem kannte sie seine Pläne und zitterte vor den Gefahren , denen er freiwillig und , so schien es ihr , ohne praktische Eignung entgegen gehen wollte . Aber sein Entschluß war unerschütterlich . Daß er ihn vor Daniel geheim hielt , ja nicht einmal andeutete , war in der sonderbaren Einseitigkeit begründet , zu der das Verhältnis beider gediehen war . Lachend erzählte Daniel von seiner Begegnung mit der kleinen Dorothea . » Die sieht mir ganz darnach aus , als wollte sie dem großen Döderlein noch zu schaffen machen , « sagte er . » Du hast ihm übel mitgespielt , dem großen Döderlein , « antwortete Benda ; » in der Nacht nach der Generalprobe hörte ich ihn stundenlang unter meinem Schlafzimmer auf- und abgehen . « » Dich dauert er wohl gar ? « » Wär ich du , ich ginge hin und leistete dem Mann Abbitte . « » Ist das dein Ernst ? « wallte Daniel auf . Und als Benda schwieg , fuhr er ruhiger fort : » Eigentlich sollt ich ihm ja dankbar sein , das ist wahr . Ich bin durch ihn schneller zu der Einsicht gekommen , daß es zwei mißlungene Machwerke waren , die ich an die Sonne hängen wollte . Mögen sie mich nur niederschmeißen , ich steh schon wieder auf , wenn ich die ganze Erde in mich hineingeschluckt hab . « Benda lächelte gütig . » Ja , ja , du stirbst bei jedem Sturz und wirst bei jedem Aufschwung neu geboren , « sagte er . » Das ist schön . Ein Döderlein aber kann sich nicht mehr erheben , wenn ihn die Mitwelt fallen läßt . So einer lebt ausschließlich von der Meinung der andern . Was dir Idee ist , ist sein Verderben ; was dir Lust ist , Wollust , ist sein Tod . « » Immerhin , « murrte Daniel ; » wozu ist er nütze ? « » Dem Geist der Natur , dem Geiste Gottes sind die Begriffe Schädlichkeit und Nützlichkeit fremd , « erwiderte Benda versonnen . » Er lebt , damit ist alles gesagt . Ich für meine Person hätte am wenigsten Ursache , einen Döderlein vor dir rein zu waschen . « Er hielt einige Sekunden inne und atmete tief . » Ich kann nicht deutlicher sein , das Wort will mir nicht über die Lippen , « sprach er mit trüber Miene weiter , » aber der Mann hat an ... an einer Frau ein Verbrechen begangen , so tückisch , so raffiniert und so naiv zugleich , daß er jede Brandmarkung verdient und durch keine genug bestraft wäre . « » Siehst du , « rief Daniel , » also nicht bloß ein schlechter Musikant ! Es ist ja immer so . Und alle sind so . O , diese schlafröckigen , nieselnden , sauersüßen , grinsenden , kuppelnden , neunmalklugen Leutchen um und um ! Das Blut gerinnt einem , wenn man ihnen zusieht . Und das ganze lange Leben lang soll man Spießruten laufen durch ihre Gassen ! « » Freilich , « bestätigte Benda mit gesenktem Kopf , » es ist ein zäher Giftbrei ; rührst du mit dem Finger daran , so hält er dich fest und saugt dir das Mark aus den Knochen . Aber du redest doch vorläufig ohne exakte Kenntnis des einschlägigen Materials , wie wir uns in der Wissenschaft ausdrücken . Als ich während meines Studiums der Pflanzen- und Tierzelle zur Erkenntnis kam , daß eine sogenannte Urzeugung ein Ding der Unmöglichkeit sei und ich die Ansicht in einem Kreis von Fachgelehrten vortrug , wurde ich ausgelacht . Heute steht es so , daß man sich dieser Wahrheit nicht mehr verschließen kann . Einem meiner früheren Freunde war es gelungen , gewisse Verbindungen der Essigsäure kristallisiert auf künstlichem Weg herzustellen . Als er diese große Entdeckung verkündete , rief ihm einer der versammelten Herren zu : Geben Sie acht , Doktorchen , daß Ihnen die Amidosteinchen nicht aus dem Käfig laufen . So niedrig und so würdelos begegnen uns diejenigen , von denen wir glauben sollen , daß sie mit uns zu demselben Ziele streben . Aber du ! verwirft dich die Welt , so hast du immer noch , was dir niemand entwenden kann . Ich muß mich gedulden , bis ein Richter das Urteil über mich fällt , durch das ich verdammt oder erlöst werde . Zwischen dir und mir ist ein Unterschied wie zwischen dem Samen , der , in die Erde gesenkt , emporschießt , mag es stürmen oder mag die Sonne scheinen , und einer Ware , die im Magazin verschimmelt , weil sie keinen Käufer findet . « Er stand auf und sagte das Wort : » Du bist der Glücklichere von uns beiden , daher darf ich der Barmherzigere sein . « Daniel fand kein Gegenwort , das trösten konnte . Als er nach Hause ging , gedachte er der Treue und steten , stillen Hilfe , die er von Benda genossen ; er gedachte der Zartheit und beständigen Rücksicht des Freundes ; er gedachte besonders jener außerordentlichen Artigkeit , die so groß war , daß Benda zum Beispiel mitten im Lachen über einen Scherz offenen Mundes innehielt , wenn man wieder zu sprechen begann , um durchaus nichts von dem zu verlieren , was der andere sagte . Er blieb stehen ; es war ihm , als hätte er versäumt , eine versichernde , herzliche und unvergeßbare Kraft in den letzten Händedruck zu legen . Am liebsten wäre er wieder umgekehrt . Aber man kehrt nicht um ; es kann keiner umkehren . 3 Die Maske der Zingarella wollte Daniel nicht mit auf seine Fahrten nehmen . Das zerbrechliche Material den groben Zufällen eines Wanderlebens auszusetzen schien ihm nicht liebevoll gehandelt , daher hatte er Lenore versprochen , ihr die Maske zu bringen und sie für die Dauer seiner Abwesenheit bei Jordans zu lassen . Lenore öffnete ihm die Tür , und er trat ins Zimmer . Gertrud erhob sich von ihrem Platz am Tisch und schritt ihm entgegen . Ihr Gesicht zeigte stets , wenn sie ihn sah , dieselbe Hingabe , dieselbe Bereitschaft , dieselbe Unterwürfigkeit . Daniel ging zum Tisch , packte die Maske aus dem Zeitungspapier und hielt sie gegen das Lampenlicht . » Wie schön ! « rief Gertrud aus , deren Sinn jetzt durch den Anblick jedes das Gefühl ergreifenden Gegenstandes entzückt wurde . » Also nimm es nur , Gertrud , « sagte Lenore , die mit ihren beiden Ellbogen auf der Tischplatte lehnte . » Behalt es nur bei dir , « fuhr sie gepreßt fort , als Gertrud fragend Daniel ansah . » Aber wollt ' er ' s nicht uns beiden geben ? « versetzte Gertrud mit begehrlichem Lächeln . » Ach nein , um mich wollt er sich nur herumreden , « versicherte Lenore . » Lenore , ich weiß nicht , wie mir ' s mit dir geht , « wandte sich Daniel halb verwirrt , halb ungestüm zu ihr und stockte plötzlich , als die feurige Bläue ihrer Augen voll auf ihn fiel . » Du ? « flüsterte sie erstaunt , » du ? « » Ja , du ! « wiederholte er nachdrücklich . » Später darf ich ' s ja vor aller Welt sagen , und heute klingt ' s doppelt wahr . Du bist mir wie eine Schwester . « Er hatte die Maske weggelegt und reichte Lenore die linke Hand , dann , erst zaudernd , hierauf mit sehr entschlossener Gebärde Gertrud die rechte . Lenore richtete sich gerade , nahm die Maske der Zingarella und hielt sie vor ihr Gesicht . » Brüderlein ! « rief sie neckend , und das süße , fahle Steingesicht war wunderlich anzuschauen über dem Körper , der von Leben zuckte . Und Gertrud , eine Sekunde lang verging sie in Daniels Blick , ein Seufzer , tief wie das Meer , klang in ihrer Brust , dann lag sie in seinem Arm . Er küßte sie stumm , mit finster verzogener Stirn . » Brüderlein ! « tönte es hinter der Maske , doch nicht mehr neckend , eher wie Klage und Weh , » Brüderlein . « 4 Daniel hatte längst schon die Stadt verlassen , da begegnete Lenore am Gräslein Herrn Carovius . Er zwang sie , stehenzubleiben , benahm sich möglichst vertraulich , sprach so laut , daß die Vorübergehenden grinsten , und erkundigte sich nach dem jungen Meister , womit Daniel gemeint war . Schließlich erzählte er , daß der » gute Eberhard « , wie er den Freiherrn von Auffenberg nannte , für ein paar Monate nach München gereist und dort unter allerlei Spiritisten- und Theosophenvolk geraten sei . » Ist auch eine Manier , sich auszutoben , « feixte er . » Vor Zeiten sind die jungen Adligen auf die europäische Turnee gezogen , um ihre Bildung zu vollenden und allerlei Abenteuerchen zu bestehen . Heutzutage werden sie Federfuchser oder betreiben das Tischrücken . Die Menschheit kommt immermehr herunter , mein reizendes Fräuleinchen ; es ist kein erhebender Anblick , so eine Blüte der Nation aus der Nähe zu betrachten . Faul , sag ich Ihnen , faul wie überwintertes Obst . Drum gibt es kein größeres Vergnügen , als solch einen Burschen tanzen zu lassen . Man spielt auf , er tanzt ; man pfeift , er apportiert . Ein Hochgenuß ! « Er lachte hysterisch und bekam einen Hustenanfall , wobei sich das von seinem Zwicker herabhängende schwarze Schnürchen an einem Knopf seines Mantels verwickelte und der Zwicker von der Nase fiel . Kurzsichtig ungeschickt mühte er sich mit seinen mageren Fingerchen an Schnur und Knopf , da half ihm Lenore und brachte mit einem Handgriff alles wieder in Ordnung . Die Überraschung raubte Herrn Carovius die Sprache . Er glaubte der Unbefangenheit und Natürlichkeit des Mädchens nicht ; er vermutete eine Falle dahinter , einen Hohn , eine Verderbnis . Er glaubte es nicht , daß irgendein Mensch ihm aus freiem Willen in einer Bedrängnis beistehen könnte . Und plötzlich schämte er sich ; schämte sich seiner selbst ; zog die Brauen weit in die Höhe und lächelte einfältig ; warf einen Blick von beinahe hündischer Zärtlichkeit auf Lenore und eilte ohne Wort und Gruß spornstreichs über die Straße , um alsbald hinter einer Ecke zu verschwinden . 5 An einem Nachmittag in der letzten Augustwoche schickten die Schwestern Rüdiger ihren Gärtnerburschen zu Lenore und ließen sie bitten , sie möge so schnell wie möglich zu ihnen kommen . In der Meinung , es sei Daniel ein Unglück zugestoßen , von dem man die Damen in Kenntnis gesetzt , überlegte Lenore nicht lange . Eine Viertelstunde später trat sie in das Zimmer der Schwestern . Es bot sich ihr ein mitleidswürdiger Anblick . Jede der drei Schwestern saß in einem Stuhl mit hoher Rückenlehne ; die Arme einer jeden hingen schlaff herab ; da die Jalousien niedergelassen waren , sahen die Köpfe im Dämmerlicht mumienhaft aus . Seltsam wirkten dazu die Medea , die Iphigenie und die Römerin , Nachbildungen der Gemälde ihres Abgotts , die an den Wänden hingen . Lenores Gruß wurde nicht beantwortet ; sie wagte nicht , sich von der Tür zu entfernen , und das Schweigen , das sie empfing , endete erst , als sie sich zu einer Frage entschloß . Fräulein Jasmine zog ein Taschentüchlein hervor und betupfte damit ihre Augen . Fräulein Salome blickte im Kreis herum wie auf dem Theater der Vorsitzende eines Femgerichts , und sprach : » Wir Einsamen und von der Welt Vergessenen haben Sie gerufen , um Sie von einer Schandtat zu unterrichten , die in unserem unschuldigen Heim begangen worden ist , einer Schandtat , so beispiellos , so himmelschreiend , daß wir seit heute morgen , wo wir das Gräßliche erfuhren , zitternd hier sitzen und vergeblich nach einem klaren Gedanken ringen . « Fräulein Jasmine und Fräulein Albertine nickten trüb vor sich hin . » Können wir die Unselige von uns stoßen ? « fuhr Fräulein Salome fort , » können wir das , meine Schwestern ? Nein . Können wir sie noch bei uns dulden ? Nein . Was sollen wir also tun ? Sie ist eine Waise ; sie steht allein da , von ihrem ruchlosen Verführer der Schande ausgeliefert ; was sollen wir tun ? « » Und Sie , « wandte sich nun Fräulein Salome an Lenore , » Sie , die Sie durch Bande , deren Beschaffenheit sich unserm Urteil entzieht , mit jenem höchst begabten Scheusal verknüpft sind , Sie sollen uns einen Weg aus dem Labyrinth unseres Kummers zeigen . « » Wenn ich nur wüßte , wovon Sie reden , « antwortete Lenore , der eine Last vom Herzen fiel , als sie der Grundlosigkeit ihrer ersten Besorgnis inne wurde . » Sie meinen wahrscheinlich Daniel Nothafft mit dem Scheusal . Was hat er denn verbrochen ? « Fräulein Salome war entrüstet über diesen leichten Ton . Sie richtete sich steif empor und sagte mit strafender Wucht : » Er hat unsere Dienstmagd zu seiner Lustdirne erniedrigt , und die Folgen sind nicht mehr zu verbergen . Begreifen Sie jetzt ? « Lenore stieß ein leises Ach aus und errötete bis in die Haarwurzeln . In ihrer Verlegenheit öffnete sie den Mund zum Lachen , war aber dem Weinen nahe . Langsam bahnte sich ihr verdunkeltes Gefühl den Weg zu Daniel , und als sein Bild aufstieg , kehrte sie sich ekelnd ab . Dieses wollte sie nicht hingehen lassen ; es war zu schlaff , zu klein , zu eigensüchtig . Eh sie es recht bedacht , hatte sie ihm als Weib verziehen ; sie schauderte , schlug die Augen empor und war wieder ganz heiter , ganz in ihrer Gewalt . Das Femgericht hatte indessen die Stillversunkene mit strengen Blicken gemustert . » Wo hält sich Herr Nothafft gegenwärtig auf ? « fragte Fräulein Salome . » Ich weiß es nicht , « erwiderte Lenore , » es ist über drei Wochen , daß er nicht mehr geschrieben hat . « » Wir müssen aber fordern , daß Sie ihn schleunigst von dem Zustand des Frauenzimmers benachrichtigen , denn solange die Person im Haus ist , können wir nicht Schlaf noch Ruhe finden . « » Es tut mir leid , daß Sie sich die Geschichte so zu Herzen nehmen , « sagte Lenore , » und sie ist ja auch unangenehm . Aber ich habe kein Recht , mich da hineinzumischen , kein Recht und keine Lust . « Die drei Schwestern nahmen diese Erklärung mit verzweifeltem Händeringen auf . Eher den Tod , sagten sie , als mit dem Wüstling noch einmal in Verkehr treten ; eher wollten sie jede Marter erdulden , als ihn rufen , ihn sehen zu müssen . Sie sprachen durcheinander ; sie drohten Lenore und flehten sie an ; Jasmine erzählte mit angehaltenem Atem , wie Meta vor sie hingestürzt sei und alles gebeichtet habe ; Albertine beteuerte , daß sie auf der weiten Erde niemand hätten , der ihnen in dieser grausamen Lage raten und helfen könne , und Salome sagte , es bliebe ihnen nichts anderes übrig , als das elende Geschöpf auf die Straße zu stoßen . Lenore schwieg . Sie hatte die Augen auf das Medeenbild gerichtet und dachte angestrengt nach . Endlich hatte sie ihren Entschluß gefaßt . Sie fragte , ob sie mit Meta sprechen könne . Ängstlich und hoffnungsvoll erkundigte sich Fräulein Salome , was sie vorhabe . Sie entgegnete , sie werde den Damen später ihre Absicht mitteilen ; da wies ihr Fräulein Jasmine den Weg zur Kammer der Magd . Finstere Verwunderung malte sich in Metas Zügen , als sie Lenores ansichtig wurde . Sie saß mit einer Näharbeit am offenen Fenster der Mansarde , erhob sich und blickte stumm in das ernst befangene Antlitz des schönen Mädchens . Es rührte Lenore , die jugendliche Gestalt mit dem hohen Leib zu sehen , dennoch konnte sie eine Regung des Grauens nicht bewältigen . Bei den ersten Worten Lenores fing Meta zu schluchzen an . Lenore tröstete sie und fragte , zu wem sie gehen wolle , wenn ihre Zeit herangekommen sei . » Es gibt solche Anstalten , « murmelte die Magd in ihre vor das Gesicht gehaltene Schürze , » da kann man hin . « Lenore setzte sich auf den Bettrand neben sie . Der erst bedrückt Lauschenden , zuletzt dankbar Willigen entwickelte sie nun ihren Plan mit einer Zartheit und Schonung , als spräche sie zu einer verwöhnten Dame , mit einer silberhellen Lebendigkeit , als handle es sich um einen übermütigen Streich . Die Magd , gepeinigt durch die ätherisch-unmenschliche Zimperlichkeit ihrer Dienstgeberinnen , dem Manne grollend , der sie einem unsicheren Los preisgegeben hatte , ankämpfend gegen die Vorwürfe ihres Gewissens , wurde bei Lenores Worten weich wie Wachs und unterwarf sich gehorsam . Die gespannt harrenden Schwestern Rüdiger konnten von Lenore nichts weiter erfahren , als daß sie mit Meta abreisen würde , und daß diese mit allem einverstanden sei , was Lenore zu tun für geboten erachtet habe . 6 Lenores Plan bestand darin , die Schwangere zu Daniels Mutter nach Eschenbach zu bringen . Sie wußte von dem Zerwürfnis zwischen Daniel und seiner Mutter . Sie wußte , daß die beiden sich voreinander verborgen hielten , daß Daniels Trotz einen Liebesmangel wähnte rächen zu müssen . Hinter dem Bild des hassenden und unduldsamen Sohnes sah sie das einer alten Frau , die in verschwiegener Sorge sich einsam grämt . Schon oft hatte sie sich schmerzlichem Mitgefühl hingegeben , wenn die Gedanken mit der unbekannten Mutter des Freundes beschäftigt waren . Jetzt schien es ihr , als könne sie eine Sendbotin sein ; als müsse sie die Verlassene hier zu der Verlassenen dort führen , die werdende Mutter zu jener , die zu klagen Grund hatte , daß sie es gewesen war . Es schien ihr , als müsse sie dadurch ein Band von neuem knüpfen , welches nicht einmal durch Verbrechen , um wieviel weniger durch Unverstand und Laune zerrissen werden durfte ; und es schien ihr , daß Daniel zu sühnen habe , hier wie dort ; daß sie selbst , in dem Bewußtsein , das Rechte zu tun , keinen Einwand zu scheuen , keine Abrechnung zu fürchten habe . Sie erwog auch die praktischen Umstände . Meta konnte draußen leichterdings ihr Brot verdienen , konnte der Frau behilflich sein oder bei den Bauern tagelöhnern . Wenn dann das Kind da war , hatte Daniels Mutter junges Leben vor Augen , und ihre Sehnsucht würde sich mildern , ihre Bitterkeit geringer werden beim Anblick eines Menschen aus Daniels Blut . Zu Hause sagte Lenore , sie wolle mit einer ehemaligen Schulkameradin einen Ausflug in die Ansbacher Gegend machen . Sie studierte den Fahrplan und schrieb an Meta eine Postkarte mit dem Geheiß , sich um acht Uhr früh am Bahnhof einzufinden . Der Inspektor billigte Lenores Absicht ; er warnte sie nur vor Strolchen und vor kaltem Trunk . Gertrud aber war nicht völlig ohne Arg . Sie witterte etwas in der Luft , ungesprochene Worte , die auf Daniel Bezug hatten , da ihre Gedanken immerfort bei ihm waren . Kam ein Brief von ihm , was selten geschah , so ließ sie ihn stundenlang uneröffnet liegen und dichtete herrliche Offenbarungen einer Liebe hinein , für die ihr selbst jeder Ausdruck fehlte . Aber in einer Art von mondsüchtigem Entzücken machte sie eine geträumte , innere Musik daraus . Las sie den Brief , so genügte ihr seine Schrift , auch das Papier schon , auf dem seine Hand geruht hatte . Stillschweigend ordnete sie sich dem Gesetz seiner Natur unter , das ihm nicht erlaubte , überschwenglich oder mitteilfreudig zu sein . Jeder seiner trockenen Berichte wurde für sie zum Evangelium , aber ihre Antworten waren in gleicher Trockenheit gehalten und ließen die hingeschmolzene Seele kaum ahnen . Sie spürte , daß Lenore log und daß die Lüge mit Daniel im Zusammenhang stand . Daher trat sie in der Nacht an Lenores Bett , weckte sie auf und fragte sanft : » Ist ihm etwas geschehen , Lenore ? « Doch ehe Lenore antworten konnte , beschwichtigt allein durch die erstaunte Miene der Schwester und sich selber zürnend , daß sie Lenore , die sie jetzt mehr und mehr schätzen lernte , eine Verstellung zugetraut , entfloh sie wieder . Wie sie ihn liebt , dachte Lenore und drückte das Gesicht lächelnd in die Kissen . 7 » Da beim Brunnen warten Sie auf mich , « sagte Lenore zu ihrer Begleiterin , als sie um die Mittagsstunde über den Marktplatz in Eschenbach schritten . » Wenn alles besprochen ist , hol ich Sie . « Der Postillon zeigte ihr das Häuschen der Witwe Nothafft . Eine Frau mit strengem Gesicht und auffallend großen braunen Augen erkundigte sich nach ihrem Begehr , als sie in den Kramladen trat , in dem es nach Essig und nach Käse roch . Lenore erwiderte schüchtern , sie wolle ein paar Minuten ungestört mit ihr reden . Der tiefe Ernst in Mariannes Zügen , der einem unheilbaren Leiden mehr als etwas anderm ähnelte , wich nicht . Sie schloß die Ladentür zu und führte Lenore in die Wohnstube . Schweigend deutete sie auf einen Stuhl und nahm selber Platz . Über dem Ledersofa hing das Bild Gottfried Nothaffts . Lenore betrachtete es lange . » Mütterchen , « begann sie endlich leise und legte ihre Hand auf Mariannes Knie , » ich bring Ihnen was von Daniel . « Marianne zuckte zusammen . » Gutes oder Schlechtes ? « fragte sie . Seit zweiundzwanzig Monaten hatte sie nichts von Daniel gehört . » Wer sind Sie ? « fragte sie weiter , » was haben Sie mit ihm zu tun ? « Lenore mußte acht haben , die empfindliche und sehr beleidigte Frau nicht durch ein unbesonnenes Wort zu erzürnen . Mit aller Vorsicht , deren sie fähig war , brachte sie ihr ungewöhnliches Anliegen zur Sprache . Und siehe da , das Ungewöhnliche wurde zum Alltäglichen , so wie das Natürliche wundersam schien . Lenore schilderte Daniels Drangsale und seinen Aufstieg , prahlte treuherzig mit seinem Talent , mit der Begeisterung derer , die an ihn glaubten , mit seinem künftigen Ruhm und wollte jede Schuld Daniels , auch die gegen die Mutter , getilgt wissen . Nachdenklich rückblickend , begriff da Marianne vieles , eigene Versäumnis , und was sie an Daniel zuvor nicht hatte würdigen können . Vieles begriff sie , nur dieses Mädchen nicht . War es schon eigen , daß eine Fremde kommen mußte , um ihr zu sagen , wer Daniel war und was er den Menschen bedeutete , so war es ganz und gar unerklärlich , daß sie noch eine mitbrachte , die die Geliebte desselben Mannes war , dem sie sich bis auf den Grund des Herzens ergeben zeigte . Lenore las die Gedanken von Mariannes Augen ab , und es wurde ihr ein wenig besinnlicher zumute . Auch ihr fiel es ein , sich zu fragen : was bin ich ihm denn ? Was ist er mir ? Sie wußte keine befriedigende Antwort . Freundin ? Freund ? ja ; es war nur ein bißchen zu viel Ruhe in den zwei Worten . Bruder ? Gefährte ? Darin lag innigere Verbundenheit . Brüderlein ! hatte sie ihm einmal zugerufen , hinter der Maske hervor . Also : Schwesterlein hinter der Maske ? Ja , so sollte es sein : Schwesterlein hinter der Maske . Sie mußte ein Versteck haben für so manches , was sie dunkel empfand , heller nicht empfinden wollte . Ein gebändigtes Herz , ein gefangenes Herz , es glüht auf , es kühlt ab , man hebt ' s empor , man drückt ' s hinunter , wie das Geschick es will . Immer geduldig bleiben , das war das Wichtige , und nichts verraten . Schwesterlein hinter der Maske , so sollte es sein . Marianne sagte : » Kind , das hat Ihnen Gott eingegeben , daß Sie gekommen sind , um mir Nachrichten von ihm zu bringen . Da will ich denn wieder Blumen ins Fenster stellen wie vor Zeiten und das Haustor offen lassen , damit die Schwalben wieder ein Nest drin bauen . Vielleicht gedenkt er dann auch wieder an seine Mutter . « Dann verlangte sie Meta zu sehen . Lenore ging und kehrte nach kurzer Weile mit ihrem Schützling zurück . Mitleidig und streng betrachtete Marianne die Schwangere , die ein verstörtes Wesen zeigte und auf jede Frage eine ungereimte Antwort gab . Sie könne wohl bei ihr wohnen , sagte Marianne , doch müsse sie arbeiten , denn im Hause sei kein Überfluß . Das Mädchen berief sich auf seine vier Dienstjahre und daß es ihr an Fleiß und Willigkeit nie gefehlt . Darauf ermahnte Marianne sie zur Verschwiegenheit , die Leute im Orte seien neugierig , sie dürfe nicht plaudern und sich von keinem ausfragen lassen , sonst sei ihres Bleibens nicht . Als dies vorüber war , verabschiedete sich Lenore . Eine Mahlzeit zu nehmen weigerte sie sich standhaft . Marianne dachte , sie habe Eile , die Rückpost zu benutzen , und geleitete sie über den Platz . Sie versprachen einander zu schreiben , und ehe Lenore in die wacklige Kutsche stieg , küßte Marianne das blühende Geschöpf auf die Wange . Sie schaute dem Wagen nach , bis er durchs Stadttor gefahren war . Ein betrunkener Bauer stieß sie an , der Hufschmied rief ihr einen Gruß zu , die Doktorsfrau lehnte aus dem Fenster und erkundigte sich , wer der städtische Zierbengel gewesen sei , Marianne hörte nichts und ging langsam ihrer Behausung zu . 8 So kam es , daß fünf Wochen später eine Tochter Daniels unter Mariannes Dach das Licht der Welt erblickte . Von seiner Geburt an war Marianne dem Kinde zugeneigt , während sie vorher mit Widerwillen seiner gedacht hatte . Es war ein feines Kreatürchen , zartgliedrig , schmalhäuptig , eigentümlich menschenhaft in seinen frühesten Lebensäußerungen und eine edle Art mit Entschiedenheit verkündend . Die Eschenbacher staunten . Wo kommt das Kind her ? fragten sie ; wer ist die Mutter ? wer der Vater ? Das Standesamtsregister nannte eine Meta Steinhäger als Mutter der unehelich geborenen Eva Steinhäger . Der Vater sei unbekannt , hieß es . Aber die Witwe Nothafft wußte vermutlich Näheres . Deshalb kamen die alten und die jungen Frauen häufiger als früher in Mariannes Laden . Sie wollten in Erfahrung bringen , wie das Kleinchen gedieh , ob es die Milch gut verdaue , ob es schon zahne , ob es deutsch reden werde oder eine ausländische Sprache und Ähnliches mehr . Um sich Ruhe zu verschaffen , sagte Marianne , die Meta Steinhäger sei eine arme Anverwandte , und sie habe das Kind in Kost und Pflege übernommen . Sie konnte diese Mär um so leichter in Umlauf setzen , als sich Meta fast gar nicht um den Säugling kümmerte . Kurz nach der Entbindung war sie zu einem Bäcker nach Dinkelsbühl in Dienst gegangen und kam höchstens einmal im Monat herüber . Das Kind war ihr gleichgültig . Ein Geselle jenes Bäckers vergaffte sich in sie , er wollte sie heiraten und mit ihr nach Amerika auswandern . Um Weihnachten wurden sie getraut und bald danach verließen sie das Land . Marianne war dessen froh ; nun gehörte das Kind ihr allein . Obgleich die Leute sich allmählich an das Dasein ihrer jungen Mitbürgerin gewöhnten , war und blieb Eva das geheimnisvolle Kind von Eschenbach . 9 Nie Wanderoper zog durch die kleinen Städte , deren es zwischen Donau und Main und Saale und Neckar die Fülle gibt , und die Dauer ihres jeweiligen Aufenthaltes hing natürlich von der Teilnahme des Publikums ab . » Die Provinz ist das verzauberte Dornröschen , « sagte der Impresario Dörmaul zu Wurzelmann und Daniel , » die Provinz schläft noch , und ihr müßt sie wecken , indem ihr den Kuß der Muse auf ihre Stirn drückt . « Aber der Impresario hielt dabei die Taschen zu ; die Prinzen , die das Dornröschen aus dem Schlummer reißen sollten , hatten nicht die Mittel zu einem standesgemäßen Auftreten , und um ihren Hofstaat sah es auch ziemlich windig aus . Der Tenor hatte den Zenith des Lebens längst überschritten , und sein Schmerbauch tat der Glaubhaftigkeit der Heldenfiguren , die er zu spielen hatte , großen Abbruch . Der Buffo war ein unverbesserlicher Säufer und wurde wegen nächtlicher Exzesse von der Polizei oftmals hinter Schloß und Riegel gesetzt . Der Bariton führte mit Hilfe zweier Winkeladvokaten einen Erbschaftsprozeß , und aus Ärger über die Finten der Gegenpartei versagte ihm oft die Stimme . Die Sopranistin lag stets mit sämtlichen Kollegen in Zank und Hader , und die Altistin war ein ränkesüchtiger Teufel ohne Talent . Daneben gab es noch ein Dutzend Eleven und Elevinnen , die sich langweilten , Schabernack trieben , Hungerlöhne bezogen und nichts gelernt hatten . Auch die Orchestermitglieder waren traurige Gestalten . Nicht selten hatte einer oder der andere sein Instrument ins Pfandhaus getragen ; einmal mußte eine Vorstellung abgesagt werden , weil sich die Geiger bei einer Dorfkirchweih verspäteten , wo sie zum Tanz aufspielten , um ihr kümmerliches Einkommen zu verbessern . Der Inspizient , der zugleich Kulissenschieber , Souffleur , Billettverkäufer und Besucher der Zeitungsredaktionen war , zeigte sich keinem dieser Ämter gewachsen und ergriff im zweiten Jahr mit einer Elevin und einer Tageseinnahme die Flucht . Einmal waren die Kostüme an einen falschen Ort geschickt worden , und es mußte