Alltägliche herüberlenkte , tröstete ich mich . Ja ! Das war das Richtige . Oder den Knoten zerhauen ? Ihren Vater einweihen und zu Rate ziehen ? Die Schamröte stieg mir ins Gesicht . Zu diesem Schritt blieb Zeit genug , wenn alle andern Mittel versagten . Nur gleich ans Werk gehen , keine Zeit versäumen ! Ein guter Einfall kam mir : Ich mußte Mirjam zu etwas ganz Absonderlichem bewegen , sie für ein paar Stunden aus der gewohnten Umgebung reißen , daß sie andere Eindrücke bekam . Wir würden einen Wagen nehmen und eine Spazierfahrt machen . Wer kannte uns denn , wenn wir das Judenviertel mieden ? Vielleicht interessierte es sie , die eingestürzte Brücke zu besichtigen ? Oder der alte Zwakh oder eine ihrer früheren Freundinnen sollte mit ihr fahren , wenn sie es ungeheuerlich finden würde , daß ich mit dabei sei . Ich war fest entschlossen , keinen Widerspruch gelten zu lassen . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - An der Türschwelle rannte ich einen Mann beinahe über den Haufen . Wassertrum ! Er mußte durchs Schlüsselloch hereingespäht haben , denn er stand gebückt , als ich mit ihm zusammengestoßen war . » Suchen Sie mich ? « , fragte ich barsch . Er stammelte ein paar Worte der Entschuldigung in seinem unmöglichen Jargon ; dann bejahte er . Ich forderte ihn auf , näher zu treten und sich zu setzen , aber er blieb am Tisch stehen und drehte krampfhaft mit der Hutkrempe . Eine tiefe Feindseligkeit , die er vergebens vor mir verbergen wollte , spiegelte aus seinem Gesicht und jeder seiner Bewegungen . Noch nie hatte ich den Mann in so unmittelbarer Nähe gesehen . Seine grauenhafte Häßlichkeit war es nicht , die einen so abstieß ; ( sie machte mich eher mitleidig gestimmt : er sah aus wie ein Geschöpf , dem die Natur selbst bei seiner Geburt voll Wut und Abscheu mit dem Fuß ins Gesicht getreten hatte ) - etwas anderes , Unwägbares , das von ihm ausging , trug die Schuld daran . Das » Blut « , wie Charousek es treffend bezeichnet hatte . Unwillkürlich wischte ich mir die Hand ab , die ich ihm bei seinem Eintritt gereicht hatte . So wenig auffällig ich es machte , er schien es doch bemerkt zu haben , denn er mußte sich plötzlich mit Gewalt zwingen , das Aufflammen des Hasses in seinen Zügen zu unterdrücken . » Hübsch ham Se ' s hier « , fing er endlich stockend an , als er sah , daß ich ihm nicht den Gefallen tat , das Gespräch zu beginnen . Im Widerspruch zu seinen Worten schloß er dabei die Augen , vielleicht , um meinem Blick nicht zu begegnen . Oder glaubte er , daß es seinem Gesicht einen harmloseren Ausdruck verleihen würde ? Man konnte ihm deutlich anhören , welche Mühe er sich gab , hochdeutsch zu reden . Ich fühlte mich nicht zu einer Entgegnung verpflichtet und wartete , was er weiter sagen würde . In seiner Verlegenheit griff er nach der Feile , die - weiß Gott wieso - noch seit Charouseks Besuch auf dem Tisch lag , fuhr aber unwillkürlich sofort wie von einer Schlange gebissen zurück . Ich staunte innerlich über seine unterbewußte seelische Feinfühligkeit . » Freilich , natürlich , es gehört zum Geschäft , daß man ' s fein hat , « raffte er sich auf , zu sagen , » wenn man - so noble Besuche bekommt . « Er wollte die Augen aufschlagen , um zu sehen , welchen Eindruck die Worte auf mich machten , hielt es aber offenbar noch für verfrüht und schloß sie schnell wieder . Ich wollte ihn in die Enge treiben : » Sie meinen die Dame , die neulich hier vorfuhr ? Sagen Sie doch offen , wo Sie hinauswollen ! « Er zögerte einen Moment , dann packte er mich heftig am Handgelenk und zerrte mich ans Fenster . Die sonderbare , unmotivierte Art , mit der er es tat , erinnerte mich daran , wie er vor einigen Tagen den taubstummen Jaromir unten in seine Höhle gerissen hatte . Mit krummen Fingern hielt er mir einen blitzenden Gegenstand hin : » Was glauben Sie , Herr Pernath , laßt sich da noch was machen ? « Es war eine goldene Uhr mit so stark verbeulten Deckeln , daß es fast aussah , als hätte sie jemand mit Absicht verbogen . Ich nahm ein Vergrößerungsglas : die Scharniere waren zur Hälfte abgerissen und innen - stand da nicht etwas eingraviert ? Kaum mehr leserlich und noch überdies mit einer Menge ganz frischer Schrammen zerkratzt . Langsam entzifferte ich : K-rl Zott-mann . Zottmann ? Zottmann ? - Wo hatte ich diesen Namen doch gelesen ? Zottmann ? Ich konnte mich nicht entsinnen . Zottmann ? Wassertrum schlug mir die Lupe beinahe aus der Hand : » Im Werk is nix , da hab ' ich schon selber geschaut . Aber mit ' m Gehäuse , da stinkt ' s. « » Braucht man nur gerade zu klopfen - höchstens ein paar Lötstellen . Das kann Ihnen ebensogut jeder beliebige Goldarbeiter machen , Herr Wassertrum . « » Ich leg ' doch Wert darauf , daß es eine solide Arbeit wird . Was man so sagt : künstlerisch « , unterbrach er mich hastig . Fast ängstlich . » Nun gut , wenn Ihnen derart viel daran liegt - « » Viel daran liegt ! « Seine Stimme schnappte über vor Eifer . » Ich will sie doch selber tragen , die Uhr . Und wenn ich sie jemandem zeig ' , will ich sagen können : schauen Sie mal her , so arbeitet der Herr von Pernath . « Ich ekelte mich vor dem Kerl ; er spuckte mir seine widerwärtigen Schmeicheleien förmlich ins Gesicht . » Wenn Sie in einer Stunde wiederkommen , wird alles fertig sein . « Wassertrum wand sich in Krämpfen : » Das gibt ' s nicht . Das will ich nicht . Drei Tag . Vier Tag . Die nächste Woche is Zeit genug . Das ganze Leben möcht ' ich mir Vorwürfe machen , daß ich Ihnen gedrängt hab ' . « Was wollte er nur , daß er so außer sich geriet ? - Ich machte einen Schritt ins Nebenzimmer und sperrte die Uhr in die Kassette . Angelinas Photographie lag obenauf . Schnell schlug ich den Deckel wieder zu - für den Fall , daß Wassertrum mir nachblicken sollte . Als ich zurückkam , fiel mir auf , daß er sich verfärbt hatte . Ich musterte ihn scharf , ließ aber meinen Verdacht sofort fallen : Unmöglich ! Er konnte nichts gesehen haben . » Also , dann vielleicht nächste Woche « , sagte ich , um seinem Besuch ein Ende zu machen . Er schien mit einem Male keine Eile mehr zu haben , nahm einen Sessel und setzte sich . Im Gegensatz zu früher hielt er seine Fischaugen jetzt beim Reden weit offen und fixierte beharrlich meinen obersten Westenknopf . - - Pause . » Die Duksel hat Ihnen natürlich gesagt , Sie sollen sich nix wissen machen , wenn ' s herauskommt . Waas ? « sprudelte er plötzlich ohne jede Einleitung auf mich los und schlug mit der Faust auf den Tisch . Es lag etwas merkwürdig Schreckhaftes in der Abgerissenheit , mit der er von einer Sprechweise in die andere übergehen - von Schmeicheltönen blitzartig ins Brutale springen konnte , und ich hielt es für sehr wahrscheinlich , daß die meisten Menschen , besonders Frauen , sich im Handumdrehen in seiner Gewalt befinden mußten , wenn er nur die geringste Waffe gegen sie besaß . Ich wollte auffahren , ihn am Hals packen und vor die Tür setzen , war mein erster Gedanke ; dann überlegte ich , ob es nicht klüger sei , ihn zuvörderst einmal gründlich auszuhorchen . » Ich verstehe wahrhaftig nicht , was Sie meinen , Herr Wassertrum ; « - ich bemühte mich , ein möglichst dummes Gesicht zu machen . » Duksel ? Was ist das : Duksel ? « » Soll ich Ihnen vielleicht Deitsch lernen ? « fuhr er mich grob an . » Die Hand werden Sie aufheben müssen bei Gericht , wenn ' s um die Wurscht geht . Verstehen Sie mich ? ! Das sag ich Ihnen ! « - Er fing an zu schreien : » Mir ins Gesicht hinein werden Sie nicht abschwören , daß sie von da drüben « - er deutete mit dem Daumen nach dem Atelier - » zu Ihnen heribber geloffen is mit en Teppich an und - sonst nix ! « Die Wut stieg mir in die Augen ; ich packte den Halunken an der Brust und schüttelte ihn : » Wenn Sie jetzt noch ein Wort in diesem Ton sagen , breche ich Ihnen die Knochen im Leibe entzwei ! Verstanden ? « Aschfahl sank er in den Stuhl zurück und stotterte : » Was is ? Was is ? Was wollen Sie ? Ich mein ' doch bloß . « Ich ging ein paarmal im Zimmer auf und ab , um mich zu beruhigen . Horchte nicht hin , was er alles zu seiner Entschuldigung herausgeiferte . Dann setzte ich mich ihm dicht gegenüber , in der festen Absicht , die Sache , soweit sie Angelina betraf , ein für allemal mit ihm ins reine zu bringen und , sollte es im Frieden nicht gehen , ihn zu zwingen , endlich die Feindseligkeiten zu eröffnen und seine paar schwachen Pfeile vorzeitig zu verschießen . Ohne seine Unterbrechungen im geringsten zu beachten , sagte ich ihm auf den Kopf zu , daß Erpressungen irgendwelcher Art - ich betonte das Wort - mißglücken müßten , da er auch nicht eine einzige Anschuldigung mit Beweisen erhärten könnte und ich mich einer Zeugenschaft ( angenommen , es wäre überhaupt im Bereiche der Möglichkeit , daß es je zu einer solchen käme ) - bestimmt zu entziehen wissen würde . Angelina stünde mir viel zu nahe , als daß ich sie nicht in der Stunde der Not retten würde , koste es , was es wolle , sogar einen Meineid ! Jede Muskel in seinem Gesicht zuckte , seine Hasenscharte zog sich bis zur Nase auseinander , er fletschte die Zähne und kollerte wie ein Truthahn mir immer wieder in die Rede hinein : » Will ich denn was von die Duksel ? So hören Sie doch zu ! « - Er war außer sich vor Ungeduld , daß ich mich nicht beirren ließ . - » Um den Savioli is mir ' s zu tun , um den gottverfluchten Hund , - den - den - « , fuhr es ihm plötzlich brüllend heraus . Er japste nach Luft . Rasch hielt ich inne : endlich war er dort , wo ich ihn haben wollte , aber schon hatte er sich gefaßt und fixierte wieder meine Weste . » Hören Sie zu , Pernath ; « er zwang sich , die kühle , abwägende Sprechweise eines Kaufmanns nachzuahmen , » Sie reden fort von der Duk - - von der Dame . Gut ! sie ist verheiratet . Gut : sie hat sich eingelassen mit dem - mit dem jungen Lauser . Was hab ' ich damit zu tun ? « Er bewegte die Hände vor meinem Gesicht hin und her , die Fingerspitzen zusammengedrückt , als hielte er eine Prise Salz darin - » soll sie sich das selber abmachen , die Duksel . - Ich bin e Weltmann und Sie sin auch e Weltmann . Wir kennen doch das beide . Waas ? Ich will doch nur zu meinem Geld kommen . Verstehen Sie , Pernath ? ! « Ich horchte erstaunt auf : » Zu welchem Geld ? Ist Ihnen denn Dr. Savioli etwas schuldig ? « Wassertrum wich aus : » Abrechnungen hab ' ich mit ihm . Das kommt doch auf eins heraus . « » Sie wollen ihn ermorden ! « schrie ich . Er sprang auf . Taumelte . Gluckste ein paarmal . » Jawohl ! Ermorden ! Wie lange wollen Sie mir noch Komödie vorspielen ! « Ich deutete auf die Tür . » Schauen Sie , daß Sie hinauskommen . « Langsam griff er nach seinem Hut , setzte ihn auf und wandte sich zum Gehen . Dann blieb er noch einmal stehen und sagte mit einer Ruhe , deren ich ihn nie für fähig gehalten hätte : » Auch recht . Ich hab ' Sie herauslassen wollen . Gut . Wenn nicht : Nicht . Barmherzige Barbiere machen faule Wunden . Mein Zarbüchel ist voll . Wenn Sie gescheit gewesen wären - : der Savioli is Ihnen doch nur im Weg ! ? Jetzt - mach - ich - mit - Ihnen allen dreien « - er deutete mit einer Geste des Erdrosselns an , womit er es meinte - » Preßcolleeh . « Seine Mienen drückten eine so satanische Grausamkeit aus und er schien seiner Sache so sicher zu sein , daß mir das Blut in den Adern erstarrte . Er mußte eine Waffe in Händen haben , von der ich nichts ahnte , die auch Charousek nicht kannte . Ich fühlte den Boden unter mir wanken . » Die Feile ! Die Feile ! « hörte ich es in meinem Hirn flüstern . Ich schätzte die Entfernung ab : ein Schritt bis zum Tisch - zwei Schritte bis zu Wassertrum - - ich wollte zuspringen - - - da stand wie aus dem Boden gewachsen Hillel auf der Schwelle . Das Zimmer verschwamm vor meinen Augen . Ich sah nur - wie durch Nebel - , daß Hillel unbeweglich stehen blieb und Wassertrum Schritt für Schritt bis an die Wand zurückwich . Dann hörte ich Hillel sagen : » Sie kennen doch , Aaron , den Satz : Alle Juden sind Bürgen füreinander ? Machen Sie ' s einem nicht zu schwer . « - Er fügte ein paar hebräische Worte hinzu , die ich nicht verstand . » Was haben Sie das netig , an der Türe zu schnüffeln ? « geiferte der Trödler mit bebenden Lippen . » Ob ich gehorcht habe oder nicht , braucht Sie nicht zu kümmern ! « - wieder schloß Hillel mit einem hebräischen Satz , der diesmal wie eine Drohung klang . Ich erwartete , daß es zu einem Zank kommen würde , aber Wassertrum antwortete nicht eine Silbe , überlegte einen Augenblick und ging dann trotzig hinaus . Gespannt blickte ich Hillel an . Er winkte mir zu , ich solle schweigen . Offenbar wartete er auf irgend etwas , denn er horchte angestrengt auf den Gang hinaus . Ich wollte die Türe schließen gehen : er hielt mich mit einer ungeduldigen Handbewegung zurück . Wohl eine Minute verging , dann kamen die schleppenden Schritte des Trödlers wieder die Stufen herauf . Ohne ein Wort zu sprechen ging Hillel hinaus und machte ihm Platz . Wassertrum wartete , bis er außer Hörweite war , dann knurrte er mich verbissen an : » Geben Se mer meine Uhr zorück . « - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Weib Wo nur Charousek blieb ? Beinahe 24 Stunden waren vergangen , und noch immer ließ er sich nicht blicken . Sollte er das Zeichen vergessen haben , das wir verabredet hatten ? Oder sah er es vielleicht nicht ? Ich ging ans Fenster und richtete den Spiegel so , daß der Sonnenstrahl , der darauf schien , genau auf das vergitterte Guckloch seiner Kellerwohnung fiel . Das Eingreifen Hillels - gestern - hatte mich ziemlich beruhigt . Bestimmt würde er mich gewarnt haben , wenn eine Gefahr im Anzuge wäre . Überdies : Wassertrum konnte nichts von Belang mehr unternommen haben ; gleich , nachdem er mich verlassen hatte , war er in seinen Laden zurückgekehrt , - ich warf einen Blick hinunter : richtig , da lehnte er unbeweglich hinter seinen Herdplatten , genau so , wie ich ihn schon frühmorgens gesehen . - - - Unerträglich , das ewige Warten ! Die milde Frühlingsluft , die durch das offene Fenster aus dem Nebenzimmer hereinströmte , machte mich krank vor Sehnsucht . Dies schmelzende Tropfen von den Dächern ! Und wie die feinen Wasserschnüre im Sonnenlicht glänzten ! Es zog mich hinaus an unsichtbaren Fäden . Voll Ungeduld ging ich in der Stube auf und ab . Warf mich in einen Sessel . Stand wieder auf . Dieses süchtige Keimen einer ungewissen Verliebtheit in meiner Brust , es wollte nicht weichen . Die ganze Nacht über hatte es mich gequält . Einmal war es Angelina gewesen , die sich an mich geschmiegt , dann wieder sprach ich scheinbar ganz harmlos mit Mirjam , und kaum hatte ich das Bild zerrissen , kam abermals Angelina und küßte mich ; ich roch den Duft ihres Haares , und ihr weicher Zobelpelz kitzelte mich am Hals , rutschte von ihren entblößten Schultern - und sie wurde zu Rosina , die mit trunkenen , halbgeschlossenen Augen tanzte - im Frack - nackt ; - - - und alles in einem Halbschlaf , der doch genau so gewesen war wie Wachsein . Wie ein süßes , verzehrendes , dämmeriges Wachsein . Gegen Morgen stand dann mein Doppelgänger an meinem Bett , der schattenhafte Habal Garmin , » der Hauch der Knochen « , von dem Hillel gesprochen , - und ich sah ihm an den Augen an : er war in meiner Macht , mußte mir jede Frage beantworten , die ich ihm stellen würde nach irdischen oder jenseitigen Dingen , und er wartete nur darauf , aber der Durst nach dem Geheimnisvollen konnte nicht an gegen die Schwüle meines Blutes und versickerte im dürren Erdreich meines Verstandes . - Ich schickte das Phantom weg , es solle zum Spiegelbild Angelinas werden , und es schrumpfte zusammen zu dem Buchstaben » Aleph « , wuchs wieder empor , stand da als das Koloßweib , splitternackt , wie ich es einstens im Buche Ibbur gesehen , mit dem Pulse gleich einem Erdbeben , und beugte sich über mich , und ich atmete den betäubenden Geruch ihres heißen Fleisches ein . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Kam denn Charousek immer noch nicht ? - Die Glocken sangen von den Kirchtürmen . Eine Viertelstunde wollte ich noch warten - dann aber hinaus ! Durch belebte Straßen voll festtägig gekleideter Menschen schlendern , mich in das frohe Gewimmel mischen in den Stadtteilen der Reichen , schöne Frauen sehen mit koketten Gesichtern und schmalen Händen und Füßen . Vielleicht begegnete ich dabei Charousek zufällig , entschuldigte ich mich vor mir selbst . Ich holte das altertümliche Tarokspiel vom Bücherbord , um mir die Zeit rascher zu vertreiben . - Vielleicht ließ sich aus den Bildern Anregung schöpfen zum Entwurf einer Kamee ? Ich suchte nach dem Pagad . Nicht zu finden . Wo konnte er hingeraten sein ? Ich blätterte noch einmal die Karten durch und verlor mich in Nachdenken über ihren verborgenen Sinn . Besonders der » Gehenkte « , - was konnte er nur bedeuten ? : Ein Mann hängt an einem Seil zwischen Himmel und Erde , den Kopf nach abwärts , die Arme auf den Rücken gebunden , den rechten Unterschenkel über das linke Bein verschränkt , daß es aussieht wie ein Kreuz über einem verkehrten Dreieck ? Unverständliches Gleichnis . Da ! - Endlich ! Charousek kam . Oder doch nicht ? Freudige Überraschung : es war Mirjam . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - » Wissen Sie , Mirjam , daß ich soeben zu Ihnen hinuntergehen wollte und Sie bitten , eine Spazierfahrt mit mir zu machen ? « Es war nicht ganz die Wahrheit , aber ich machte mir weiter keine Gedanken darüber . - » Nicht wahr , Sie schlagen es mir nicht ab ? ! Ich bin heute so unendlich froh im Herzen , daß Sie , gerade Sie , Mirjam , meiner Freude die Krone aufsetzen müssen . « » - spazierenfahren ? « , wiederholte sie derart verblüfft , daß ich laut auflachen mußte . » Ist denn der Vorschlag gar so wunderbar ? « » Nein , nein , aber - - , « sie suchte nach Worten , » unerhört merkwürdig . Spazierenfahren ! « » Durchaus nicht merkwürdig , wenn Sie sich vorhalten , daß es Hunderttausende von Menschen tun - eigentlich ihr ganzes Leben nichts anderes tun . « » Ja , andere Menschen ! « gab sie , immer noch vollständig überrumpelt , zu . Ich faßte ihre beiden Hände : » Was andere Menschen an Freude erleben dürfen , möchte ich , daß Sie , Mirjam , in noch unendlich viel reicherem Maße genießen . « Sie wurde plötzlich leichenblaß , und ich sah an der starren Taubheit ihres Blickes , woran sie dachte . Es gab mir einen Stich . » Sie dürfen es nicht immer mit sich herumtragen , Mirjam , « redete ich ihr zu , » das - das Wunder . Wollen Sie mir das nicht versprechen - aus - aus Freundschaft ? « Sie hörte die Angst aus meinen Worten und blickte mich erstaunt an . » Wenn es Sie nicht so angriffe , könnte ich mich mit Ihnen freuen , aber so ? Wissen Sie , daß ich tief besorgt bin um Sie , Mirjam ? - Um - um - wie soll ich nur sagen ? - um Ihre seelische Gesundheit ! Fassen Sie es nicht wörtlich auf , aber - : ich wollte , das Wunder wäre nie geschehen . « Ich erwartete , sie würde mir widersprechen , aber sie nickte nur in Gedanken versunken . » Es verzehrt Sie . Habe ich nicht recht , Mirjam ? « Sie raffte sich auf : » Manchmal möchte ich beinahe auch , es wäre nicht geschehen . « Es klang wie ein Hoffnungsstrahl für mich . - » Wenn ich mir denken soll , « sie sprach ganz langsam und traumverloren , » daß Zeiten kommen könnten , wo ich ohne solche Wunder leben müßte - - - . « » Sie können doch über Nacht reich werden und brauchen dann nicht mehr - , « fuhr ich ihr unbedacht in die Rede , hielt aber rasch inne , als ich das Entsetzen in ihrem Gesicht bemerkte , - » ich meine : Sie können plötzlich auf natürliche Weise Ihrer Sorgen enthoben werden , und die Wunder , die Sie dann erleben , würden geistiger Art sein : - innere Erlebnisse . « Sie schüttelte den Kopf und sagte hart : » Innere Erlebnisse sind keine Wunder . Erstaunlich genug , daß es Menschen zu geben scheint , die überhaupt keine haben . - Seit meiner Kindheit , Tag für Tag , Nacht für Nacht , erlebe ich - « ( sie brach mit einem Ruck ab , und ich erriet , daß noch etwas anderes in ihr war , von dem sie mir nie gesprochen hatte , vielleicht das Weben unsichtbarer Geschehnisse , ähnlich den meinigen ) - » aber das gehört nicht hierher . Selbst , wenn einer aufstünde und machte Kranke gesund durch Handauflegen , ich könnte es kein Wunder nennen . Erst , wenn der leblose Stoff - die Erde - beseelt wird vom Geist und die Gesetze der Natur zerbrechen , dann ist das geschehen , wonach ich mich sehne , seit ich denken kann . - Mir hat einmal mein Vater gesagt : es gäbe zwei Seiten der Kabbala : eine magische und eine abstrakte , die sich niemals zur Deckung bringen ließen . Wohl könne die magische die abstrakte an sich ziehen , aber nie und nimmer umgekehrt . Die magische ist ein Geschenk , die andere kann errungen werden , wenn auch nur mit Hilfe eines Führers . « Sie nahm den ersten Faden wieder auf : » Das Geschenk ist es , nach dem ich dürste ; was ich mir erringen kann , ist mir gleichgültig und wertlos wie Staub . Wenn ich mir denken soll , es könnten Zeiten kommen , sagte ich vorhin , wo ich wieder ohne diese Wunder leben müßte , « - ich sah , wie sich ihre Finger krampften und Reue und Jammer zerfleischten mich , - » ich glaube , ich sterbe jetzt schon angesichts der bloßen Möglichkeit . « » Ist das der Grund , weshalb auch Sie wünschten , das Wunder wäre nie geschehen ? « , forschte ich . » Nur zum Teil . Es ist noch etwas anderes da . Ich - ich - « , sie dachte einen Augenblick nach , » war noch nicht reif dazu , ein Wunder in dieser Form zu erleben . Das ist es . Wie soll ich es Ihnen erklären ? Nehmen Sie einmal an , bloß als Beispiel , ich hätte seit Jahren jede Nacht ein und denselben Traum , der sich immer weiter fortspinnt und in dem mich jemand - sagen wir : ein Bewohner einer andern Welt - belehrt und mir nicht nur an einem Spiegelbilde von mir selbst und seinen allmählichen Veränderungen zeigt , wie weit ich von der magischen Reife , ein Wunder erleben zu können , entfernt bin , sondern : mir auch in Verstandesfragen , wie sie mich einmal tagsüber beschäftigen , derart Aufschluß gibt , daß ich es jederzeit nachprüfen kann . Sie werden mich verstehen : Ein solches Wesen ersetzt einem an Glück alles , was sich auf Erden ausdenken läßt ; es ist für mich die Brücke , die mich mit dem Drüben verbindet , ist die Jakobsleiter , auf der ich mich über die Dunkelheit des Alltags erheben kann ins Licht , - ist mir Führer und Freund , und alle meine Zuversicht , daß ich mich auf den dunkeln Wegen , die meine Seele geht , nicht verirren kann in Wahnsinn und Finsternis , setze ich auf ihn , der mich noch nie belogen hat . - Da mit einem Mal , entgegen allem , was er mir gesagt hat , kreuzt ein Wunder mein Leben ! Wem soll ich jetzt glauben ? War das , was mich die vielen Jahre über ununterbrochen erfüllt hat , eine Täuschung ? Wenn ich daran zweifeln müßte , ich stürzte kopfüber in einen bodenlosen Abgrund . - Und doch ist das Wunder geschehen ! Ich würde aufjauchzen vor Freude , wenn - « » Wenn - - - ? « unterbrach ich sie atemlos . Vielleicht sprach sie selbst das erlösende Wort , und ich konnte ihr alles eingestehen . » - wenn ich erführe , daß ich mich geirrt habe , - daß es gar kein Wunder war ! Aber ich weiß so genau , wie ich weiß , daß ich hier sitze , ich ginge zugrunde daran « ; ( mir blieb das Herz stehen ) - » zurückgerissen werden , vom Himmel wieder herab müssen auf die Erde ? Glauben Sie , daß das ein Mensch ertragen kann ? « » Bitten Sie doch Ihren Vater um Hilfe « , sagte ich ratlos vor Angst . » Meinen Vater ? Um Hilfe ? « - sie blickte mich verständnislos an , - » wo es nur zwei Wege für mich gibt , kann er da einen dritten finden ? - - Wissen Sie , was die einzige Rettung für mich wäre ? Wenn mir das geschähe , was Ihnen geschehen ist . Wenn ich in dieser Minute alles , was hinter mir liegt : mein ganzes Leben bis zum heutigen Tag - vergessen könnte . - Ist es nicht merkwürdig : was Sie als Unglück empfinden , wäre für mich das höchste Glück ! « Wir schwiegen beide noch eine lange Zeit . Dann ergriff sie plötzlich meine Hand und lächelte . Beinahe fröhlich . » Ich will nicht , daß Sie sich meinetwegen grämen ; « - ( sie tröstete mich - mich ! ) - » vorhin waren Sie so voll Freude und Glück über den Frühling draußen , und jetzt sind Sie die Betrübnis selbst . Ich hätte Ihnen überhaupt nichts sagen sollen . Reißen Sie es aus Ihrem Gedächtnis und denken Sie wieder so heiter wie vorhin ! - Ich bin ja so froh - « » Sie ? Froh ? Mirjam ? « , unterbrach ich sie bitter . Sie machte ein überzeugtes Gesicht : » Ja ! Wirklich ! Froh ! Als ich zu Ihnen heraufging , war ich so unbeschreiblich ängstlich , - ich weiß nicht warum : ich konnte das Gefühl nicht loswerden , daß Sie in einer großen Gefahr schweben « , - ich horchte auf - » aber , statt mich darüber zu freuen , Sie gesund und wohlauf zu treffen , habe ich Sie angeunkt und - - « Ich zwang mich zur Lustigkeit : » und das können Sie nur gutmachen , wenn Sie mit mir ausfahren . « ( Ich bemühte mich , so viel Übermut wie möglich in meine Stimme zu legen : ) » Ich möchte doch einmal sehen , Mirjam , ob es mir nicht