« bestätigte Warburg . » Einigkeit ist wie Friede oft nur ein Zeichen der Stagnation , des Alterns . « » Wenn das auch für den einzelnen gilt , « rief sie aus , » so kann ich mich trösten . Denn stets bin ich im Streit mit mir . « Im Laufe des Gesprächs erzählte sie mit lächelnder Selbstverhöhnung von ihren » Lebensversuchen « . » Schon als Backfisch begann ich zuerst heimlich , dann mit rücksichtsloser Offenheit mich allen Bewegungen begeistert in die Arme zu werfen und fand , unglücklicherweise mit allzu scharfem Verstand begabt , unter meinen Gefährten mehr Maulhelden als Helden , mehr Leute , die im Trüben für sich fischen , als im Hellen für andere bauen wollten . Einem , der sich besonders radikal gebärdete und mit Feuer und Schwert gegen die Laster der kapitalistischen Gesellschaft zu Felde zog , wäre ich in meiner Begeisterung für die Tugend fast nachgelaufen , wenn ich nicht rechtzeitig erfahren hätte , daß dieser Cato zu gleicher Zeit durch Herausgabe pornographischer Schriften zum Krösus wurde . « Dann hatte sie nach kurzer Ehe in bitterster Enttäuschung ihren Mann verlassen - » leider hatte selbst die Liebe mich nicht mit Blindheit geschlagen « - , hatte es mit der Malerei versucht und Kunstgeschichte und Philosophie studiert , aber - und das ein wenig leichtfertige Lächeln auf ihrem Gesicht erstarb dabei - » wir haben Talente , aber kein Talent , Wünsche , aber keinen Willen . « » Sagten Sie nicht neulich , « mischte sich Warburg wieder in das Gespräch - er saß jetzt ganz im Schatten , so daß nur seine Stimme die innere Bewegung verriet - , » daß den Frauen wohl nur eines beschieden sei , worin ihr Denken und Fühlen und Sein zu reiner Harmonie sich entfalten können : die Liebe ? « Sie schwieg einen Augenblick . Dann legte sie ihre bräunliche Hand , die zu breit war , um schön zu sein , mit einer gütigen und beschwichtigenden Geste auf die seine und sagte : » Den Frauen - ja ! Doch nur so lange , als der kritische Verstand ihren Instinkt nicht verdorben hat . « » Seltsam , « meinte Konrad , als die Freunde aus dem stillen Salon miteinander auf die Straße traten , » das Lachen dieser Frau klingt nach Tränen . Und warum nur diese feierliche Kerze brannte ? « » Ein jüdischer Brauch , « antwortete Warburg ruhig , » sie feiert damit das Gedächtnis ihrer Schwester , die sich vor Jahren , ein halbes Kind noch , das Leben nahm . Aus - Lebensüberdruß ! All diese Menschen , denen das Leben nichts versagte , sind wie ohne Hände geboren . Sie verhungern , indessen alles um sie voll Früchte hängt . « Konrad sah dem Freunde ins Gesicht . » Gezeichnete sollte man meiden , « sagte er . Der andere lächelte , ganz ruhig und aufrichtig , ein Lächeln , das von innerer Helle widerstrahlte : » Oder sie erlösen . « Mit einem Händedruck , wärmer noch als sonst , gingen sie voneinander . Konrad wohnte nicht weit in einem der großen Hotels am Kurfürstendamm , das erst kürzlich seine prunkvollen Räume dem immer neuheitshungrigen gaffenden Publikum eröffnet hatte . Ganz oben , so hoch ihn der Aufzug fahren konnte , hatte er sich ein paar helle Zimmer gewählt , mit jenem künstlerischen Intellektualismus ausgestattet , der alle phantastischen Träume verbannt . Die kleine gekrönte Wachspuppe auf dem roten Stuhl , die einsam auf der spiegelnden Platte des Schreibtisches stand , betonte nirgends so stark ihren Charakter einer verwunschenen Prinzessin . Hier war alles modern , praktisch , höchste Kultur des naturwissenschaftlich gebildeten aufgeklärten Verstandesmenschen . » In dieser Umgebung « , hatte Konrad , sich selbst ob dieser Wahl verspottend , bei Warburgs erstem Besuch gesagt , » muß jeder Dichter zum Journalisten , jeder Künstler zum aktuellen Illustrator , jeder Verliebte zum Mitgiftjäger , jeder Phantast zum Börsenspekulanten werden . « Statt Giovanni , des Seiltänzers , bediente ihn das Muster eines Kellners , das heißt , eine namen- und individualitätslose Maschine , und die Krone wohlgeschulter Hotelmädchen , das sich für ein Trinkgeld zu jedem Dienst mit demselben Gleichmut bereit finden würde . Die Bekanntschaft mit Frau Sara hatte Konrad bis ins Innerste aufgewühlt . Wie in einem Spiegel glaubte er sich selbst begegnet zu sein . » Talente , kein Talent - Wünsche , kein Wille , « klang es ihm , halb kühle Feststellung einer unabänderlichen Tatsache , halb bitterer Vorwurf einer Schuld , noch in den Ohren . Sollte er durch den kalten Regen und den fauchenden Sturm weiterwandern , um wieder ruhig zu werden ? Im breiten Lichtstrahl des Hotelportals blieb er stehen . Zahllose Wagen und Autos rollten heran . Herren und Damen in großer Toilette schritten an ihm vorüber in die Halle . Alle Birnen brannten , die großen Glastüren zu den Festräumen standen weit offen , eine bunte Menge bewegte sich hinter ihnen . Er wandte sich an den betreßten Türhüter : » Was gibt ' s hier heut abend ? « » Kostümfest Berolina , zum Besten des Säuglingsheims , « antwortete der , und fügte mit jenem aus Hochachtung und Vertraulichkeit gemischten Ausdruck , den gewiegte Hotelangestellte anzunehmen pflegen , wenn von großen Kokotten , vornehmen Glücksrittern und reichen Parvenüs die Rede ist , hinzu , mit einer Wendung des Kopfes hinüberdeutend : » Der Kommerzienrat Siegmund Veit spielt den Wirt . « » Veit ? ! « dachte Konrad ; der Portier kam seiner Frage entgegen : » Frau Renetta Veit ist die Gründerin des Heims . « Renetta Veit - die Nixe im weißen Auto - die Geliebte des Russen ! Ohne nachzudenken , mit der Sicherheit eines Schlafwandelnden , ließ Konrad sich in sein Zimmer fahren , vertauschte rasch den Smoking mit dem Frack , um sich wenige Minuten später , die Eintrittskarte in der Hand , vor den offenen Türen wiederzufinden . Ein kleiner Herr mit glänzender Glatze über dem farblosen Gesicht , das zwei kluge , unruhig flackernde Augen belebten , empfing ihn . » Baron Hochseß « - » Kommerzienrat Veit . « Eine sehr weiße Hand , deren Gepflegtheit ihre ungewöhnlich viereckige Form nur noch schärfer hervortreten ließ , legte sich kühl , weich und flüchtig in die seine , die Augen glitten sekundenlang forschend an ihm herab , um sich gleich danach mit den schweren Lidern zu bedecken . » Wir kennen einander , Herr Baron , « sagte dann eine Stimme , fein und knarrend , wie aus einem Grammophon , » durch unseren gemeinschaftlichen Freund Pawlowitsch . « » Pawlowitsch ? « unterbrach ihn Konrad , » ist er heute abend hier ? « » Wie , Sie wissen noch nicht ? Der arme Kerl , der eine Erholung dringend nötig hatte , war mit uns - « er unterstrich die letzten drei Worte , so daß niemand an seiner Generosität zweifeln konnte - » in Ostende . Währenddessen ging seine - seine Mätresse durch ! « Konrad richtete sich in seiner ganzen Größe auf : » Die Dame war seine Frau , « sagte er schroff . » Nun , nun , « begütigte der Bankier , » was man heute so Frau nennt , natürlich , natürlich ! Meine Renetta macht den Rummel dieser Titulaturen selbstverständlich auch mit ; aber in der Sache - na , wir verstehen uns ! « Ein malitiöses Lächeln kräuselte seine schmalen , blutleeren Lippen , und mit einem gönnerhaften Nicken wandte er sich einem neuen Gaste zu , ehe Konrad zu einer Erwiderung Zeit gefunden hatte . Ein Gefühl tiefen Unbehagens bemächtigte sich des jungen Mannes . Ob er nicht lieber umkehren sollte ? Da traf er unter der Menge seine Kaffeehausbekannten . Sie lachten ihn aus , als sie seine Eintrittskarte sahen . » Was , « rief ihm einer von ihnen entgegen , » Sie zahlen noch für das Opfer ? Der Olle kann froh sein , daß wir ihm gegen Sektpullen unsere Tanzbeine zur Verfügung stellen . « » Und seiner schönen Frau unsere Berühmtheit für einen zärtlichen Blick , « sagte ein anderer . » Für - mehr nicht ? ! « frug Konrad mit verächtlich geschürzten Lippen . Man lächelte bedeutungsvoll , zuckte die Achseln , deutete allerlei an - auch der Name Pawlowitsch fiel . » Ob er ein Verhältnis mit ihr hatte ? ! « meinte jemand . » Offen gestanden : ich glaub ' s nicht . Sie ist zu klug , zu kühl , - will sich erst eine gesellschaftliche Position schaffen , die ihre Vergangenheit vergessen läßt . « » Ihre Vergangenheit ? ! « Konrad wurde neugierig . » Gott - es ist ja öffentliches Geheimnis : der alte Halsabschneider kaufte sie irgendwo in der Polackei einem verkrachten Kollegen ab . Daher hat sie auch die miese dunkelgehaltene Tochter . « » Und Sie meinen , Pawlowitsch - ? « » So ' n russischer Revolutionär , ein verkappter Fürst noch dazu , wie man sagt , ist ein unentbehrliches Salonrequisit , gerade so wie ein ahnenreicher Aristokrat und ein berühmter Dichter , zu dem sie den Eulenburg jetzt dressiert . « » Eulenburg ? « wiederholte Konrad erstaunt . » Ist er nicht neuerdings Antisemit ? « Der andere lachte : » Und kämpft für Rassenreinheit ! Aber , was wollen Sie ? ! Eine schöne Frau steht immer jenseits von Gut und Böse - « » Besonders wenn sie wie unsere Renetta den Druck der Eulenburgschen echt nationalen Lyrik bezahlt , « spottete ein dritter . » Frau Berolina verschlingt alle - , « mit einem tiefen tragischen Tonfall sagte es irgendwer . Konrad hörte kaum mehr zu ; was ging der Klatsch ihn an ? Nur eins interessierte ihn noch : » Fährt sie ein auffallend weißes Auto ? « » Gott bewahre ! Ein gelbes , natürlich ein gelbes ! Damit der Berliner aus dem Zweifel nicht herauskommt : ist ' s S. M. oder S. V. ! « Ein paar Gardeuniformen leuchteten zwischen den schwarzen Fräcken . » Alex Rothausen ! « rief Konrad überrascht , seinen Vetter , den Gardeulanen , erkennend , » was suchst du denn hier ? ! « » Erbinnen ! « lachte dieser , » und du ? « » Nichts , « entgegnete Konrad achselzuckend , » das Totschlagen einer leeren Stunde vielleicht ! « » Ich dachte schon - « meinte der junge Offizier gedehnt . » Was denn ? « frug Konrad . » Na - du weißt doch , « lautete die Antwort , von forschenden Blicken begleitet , » das Weib - die Veit ! ! Kein Zweifel , daß sich der kleine Prinz Linsingen von den Gardedragonern ihretwegen eine Kugel durch den Kopf jagte ! Und der Alte ! ! - Dem Herbert Wandlitz auf Vorberg hat er so lange hilfreich unter die Arme gegriffen , bis er ihn glücklich aus seiner Klitsche heraushob ! Ein feudales Schloß hat er sich jetzt darauf bauen lassen . Der Adel wird wohl auch nicht ausbleiben : Veit von Vorberg - nicht übel , was ? ! « und er lachte . » Und bei deiner Meinung von den Leuten bist du hier ? ! « » Ein Wohltätigkeitsfest ! Das verpflichtet zu nichts . Und bietet Chancen - « » Du suchst in diesem Milieu eine Frau ? ! « Alex verzog den Mund . » Hast recht , Vetter , « sagte er mit einem unterdrückten Seufzer , » es ist ekelhaft ! Aber seit die Millionen , besonders die amerikanischer Provenienz , hoffähig und ebenbürtig machen und die alten guten Familien im Winter lieber auf ihrer Klitsche sitzen bleiben , als sich von Schweineoder Guano-Prinzessinnen in den Winkel drücken zu lassen , - seitdem muß ein nur mit Ahnen gesegneter Gardeleutnant an eine Aufmischung der Rasse denken , um mich gelehrt auszudrücken . « » Mir scheint , « entgegnete Konrad nicht ohne Heftigkeit , » der Adel wenigstens sollte vor dem Gelde nicht zu Kreuze kriechen . « » Du bist wirklich noch jünger als deine Jahre ! « spottete Alex . » Alle adligen Eigenschaften sind außer Kurs . Die Gesinnung des Industrieritters , im besten Fall die des Kaufmanns herrscht . Es gibt bloß eine Hoffnung : daß große Ereignisse , umwälzende meinetwegen , die aristokratischen Tugenden wieder notwendig machen . « In diesem Augenblick kam der Bankier im Gespräch mit einem Herrn vorbei , der in devoter Haltung neben dem Kleinen ging . Man hörte etwas von » orientalischen Wirren « - » Balkanbahn « - » Retzau , vom Auswärtigen Amt , der trägt ein Ereignis mit sich herum , « flüsterte Rothausen erklärend , » und überall hat der Alte seine Hände drin - . « Veit wandte den Kopf , dem Ulanen freundlich zunickend , um gleich darauf sein Gesicht wieder in würdevolle Falten zu legen und die Augen zu senken , wie es stets seine Gewohnheit war , wenn er von Geschäften sprach . Es war inzwischen gedrängt voll geworden . Bekannte Berliner Persönlichkeiten tauchten auf ; Künstler , Literaten , Gelehrte . Und man medisierte : Dieser habe von Veit ein Stipendium bekommen , jener eine Reiseunterstützung ; den Maler dort habe er durch das Porträt seiner Frau lanciert , den Bildhauer hier durch den Brunnen in seinem Schloßpark . Der Bankier schien sich zu vervielfältigen - überall grüßend , vorstellend . Trotz seiner Kleinheit blieb er stets sichtbar . Vielleicht weil alles den Rücken bog , oder trotz dem Gedränge ein leerer Luftraum um ihn blieb , wo er auftauchte ? Konrads Hochmut empörte sich : daß sich Geist und Adel so widerlich vor dem Gelde krümmte ! Hier war sein Platz nicht . Schon strebte er dem Ausgang zu . Da intonierte das Orchester einen Marsch . Renetta Veit ! - Wenigstens sehen wollte er sie noch ! Der kleine Bankier schien plötzlich aller Würde beraubt zu sein . » Achtung , Achtung , meine Herren ! « rief er , mit den kurzen Beinchen durch den Saal chassierend . Er schwitzte vor Aufregung . Die Wand , die den einen Saal von dem anderen trennte , schob sich auseinander . Auf blanken Rädern fuhr eine Schar junger Mädchen , als Messenger-Boys verkleidet , herein : » Platz für Berlin ! Platz für Berlin ! « schrien sie , in weitem Bogen die Neugierigen rückwärts drängend . Und hinter ihnen lief und stieß und überpurzelte sich ' s : Lauter Jugend ! Pfadfinder und Pfadfinderinnen in Soldatenschritt , bunte Wandervögel mit ihren Gitarren , Straßenkehrer und Milchmädchen . Dann in karikierten Masken bekannte Berliner Typen : Künstler und Theaterdirektoren , Dichter und Kritiker , Varietésterne und Tänzerinnen , mit einem Dutzend stirnrunzelnder Polizisten auf den Fersen . Eine kurze Pause entstand . Man wandte sich gelangweilt ab . » Stets derselbe Kitsch , « sagte einer ungeniert . » Nu fehlt nur noch Santa Berolina mit den süßen Kinderchen unter dem schützenden Mantel , « spottete ein anderer . Alles lachte . Die Musik ging in einen Walzer über . Auf hochhackigen Schuhen , die schlanken Körper von leichten , grünschillernden Schleiern umgeben , die Perlenketten wie fließende Wassertropfen zu halten schienen , bunte Lockenperücken über den Gesichtern , flutete , wie getragen vom Rhythmus , eine Schar lachender , kokettierender Frauen in den Saal , - » Spreenixen « , tönte es ihnen hundertfach entgegen . Aber schon im nächsten Augenblick war es , als wehe durch den Raum ein eisiger Lufthauch , der die Lippen schloß : An klirrenden Ketten zogen junge Männer im Frack und Damen in Balltoilette , verlumpte alte Weiber , humpelnde Bettler , aufgetakelte , grell bemalte Dirnen und barfüßige kleine Kinder ein graues , von schwarzen Fensterhöhlen durchbrochenes , hoch aufragendes Gemäuer herein , und ganz oben , so daß das goldene Haar die Kristallkugeln des Kronleuchters fast berührte , saß sie - die Herrscherin - Berolina ; den Körper in Spinnwebschleiern , durch die das blühende Fleisch an Hals und Beinen lockend durchschimmerte , weit vorgebeugt , wie ein ruhendes Raubtier , die nackten Ellbogen auf die Knie stützend , und das Kinn in die Hände vergraben , die , von großen Ringen geschmückt , mit langen , schimmernden Krallennägeln die schneebleichen Wangen umschmiegten . Unter vollen , blutroten Lippen blitzten starke Zähne hervor , die breiten Nüstern der Nase bewegten sich beutelüstern , die Perlmutteraugen schillerten in allen Farben des Regenbogens . Von den üppigen , tief entblößten Schultern wallte in königlichen Falten ein Mantel weißen Hermelins . So saß sie und starrte gierig , unbeweglich , ein Götzenbild . Es war totenstill im Saal . Auch die Musik hatte aufgehört . Man hörte nichts als den keuchenden Atem der Gefesselten . Konrads Augen brannten auf der Sphinxgestalt ; er kannte sie , lange schon - seit jenem ersten Abend , wo sie gespensterhaft neben ihm aufgetaucht war - in fließendem Wasserkleid , mit Perlen im Haar - eine Nixe - eine Seelenlose - Er würde sie haben - heute noch - als sein Spielzeug für ein paar leere Stunden , sie : Frau Berolina , vor der die anderen alle als Sklaven winselten . In Nischen von Lorbeerbäumen und Fächerpalmen , aus denen phantastische Lichtorchideen , hundertfach opalisierend , glühten , waren kleine Tische gedeckt . Um die Büffette , auf denen die Delikatessen sich häuften , drängten sich die Gäste . Jene wüsten Schlachten entstanden , die verhungerte Proletarier vor gestürmten Bäckerläden nicht anders hätten liefern können . Man sah ergraute Berühmtheiten um Hummern und Austern kämpfen , sah tantiemenreiche Dramatiker in Winkeln sitzen und gierig verschlingen , was sie in beladenen Tellern vor sich auf den Knien hielten , und Gruppen junger Literaten entdeckte man , die sich für Wochen im voraus satt zu essen schienen . Mit scheuen Blicken , wie Diebe in der Nacht , schlichen andere mit Sektflaschen unter den Armen in halbdunkle Nebenräume ; es genügte ihnen nicht , daß die Kellner ohne Unterbrechung die Gläser füllten . Am Arme von Konrad Hochseß schritt Frau Renetta Veit durch die Säle . Von ihren Tellern und Gläsern sahen selbst die Versunkensten sekundenlang auf : ihr Hermelinmantel fegte den Boden , aus ihrem vorgestreckten Gesicht höhnte der Blick ihrer hellen Augen über der Menge . Sie erreichte mit ihrem goldgepuderten Scheitel die Stirne ihres schlanken Begleiters , der sie hochmütig erhobenen Hauptes geleitete . » Wohin führen Sie mich ? « frug sie , die Lider hebend . » Wohin es mir gefällt , « sagte er . Und sie sahen wieder über die Ballgesellschaft . » Kulturträger ! « stieß sie wie im Selbstgespräch verächtlich zwischen den Zähnen hervor . » Was geht das uns an ? « antwortete er . Atemlos kam in diesem Augenblick Eulenburg hinter ihnen hergelaufen : » Ich habe einen Tisch für Sie reserviert , gnädigste Frau , « rief er . » Sie hatten mir doch versprochen - « » Was ? ! « gab sie über die Schulter weg zurück . » Sie sehen , daß ich engagiert bin . « Des Abgewiesenen große breite Gestalt knickte förmlich zusammen , während das Blut sein Gesicht dunkelrot färbte . » Aber nachher darf ich - « bettelte er . » Vielleicht ! « warf sie ihm achselzuckend zu . Konrad sah sie an , spöttisch lächelnd : » Behandeln Sie so Ihre Günstlinge ? ! « » Wenn sie sich ' s gefallen lassen ! « In einem kleinen , nur matt erhellten Rokokosalon , der am äußersten Ende der Zimmerreihe lag , und , allzu weit von den Tafelgenüssen , von den Gästen gemieden worden war , rückte er ihr einen Sessel an ein winziges Tischchen . » Was befehlen Sie ? « » Obst und Sekt - nichts weiter . « Er stand auf , drückte den Klingelknopf und gab dem Kellner seine Befehle . » Sie sind eigenmächtig , « meinte sie überrascht . » Kein Bedienter , wie Sie hoffentlich gleich bemerkt haben werden , « entgegnete er , sich neben sie setzend . » Vor deinen Wagen , Berolina , spannst du mich nicht , aber ich - « und mit einem eisernen Griff umklammerte seine Rechte ihr Handgelenk , so daß sie leise aufschrie - » ich nehme dich ! « » Herr Baron , Sie sind - « Der Kellner kam mit dem Eiskübel und entfernte sich wieder . » Nicht betrunken , « ergänzte Konrad lächelnd . » Der eine hat dich gekauft , die anderen hast du gehabt . Ich weiß , ich weiß ! Aber ich , hörst du , ich habe dich - lange schon - « Mit weit offenen Augen starrte sie ihn an , die Finger um die Armlehne krampfend , wie zum Aufspringen bereit . Er erwiderte ihren Blick mit einem spöttisch-überlegenen Lachen . » Ach so ! Wir sind wohlerzogene Europäer , und - « er lachte sein Knabenlachen - » auf einem Wohltätigkeitsfest ! Verzeihen Sie also , gnädigste Frau , wenn ich im Sinne Ihrer heutigen Rolle Komödie spielte . « » Komödie ? ! « wiederholte sie unsicher . Er goß ihr Sekt in das Glas und stieß mit ihr an , nur flüchtig an dem seinen nippend . Dann frug er nach Pawlowitsch . » Ein Verhör ? ! « frug sie , sich mit einem leisen Lächeln in den Sessel zurücklehnend , die Arme hinter dem Kopf verschränkt , so daß die roten Haare unter ihren Achselhöhlen aufleuchteten . » Sie irren , « sagte er unbewegt . » Es interessiert mich nur , von welchem Standpunkt aus Sie an ihm Gefallen fanden . « » Ich liebe die Liebe , « antwortete sie , aus halbgeschlossenen Lidern einen Blick auf ihn werfend , lang und greifend , wie die Zunge des Chamäleons , die sich nach dem Schmetterling streckt . Es überlief ihn heiß . Etwas erwachte in ihm , auf das er nicht gerechnet hatte . Und ein erster leiser Triumph blitzte in ihren Augen . » Ich brauche als Lebensluft die von Männerleidenschaft gesättigte Atmosphäre , und darum « - rasch entschlossen stand sie auf , wobei ihr bloßer Arm , wie zufällig , seine Wange streifte - » bin ich schon viel zu lange hier allein mit Ihnen . « Er trat ihr in den Weg . Auge in Auge standen sie einander gegenüber . » Sie sehnen sich wirklich nach jenen , die vor Fressen und Saufen Ihre Herrlichkeit zu vergessen vermochten ? « flüsterte er , während die überlegen-kühle Haltung , die er zuerst gewahrt hatte , ihn mehr und mehr verließ , » nach jenen , die bestenfalls keuchend und angekettet an Ihrem Wagen ziehen , - vor Wonne winselnd , wenn Ihre Peitsche sie trifft ? ! « Sie senkte den Kopf , demütig wie eine Bezwungene , so daß das Licht der Lampen auf ihrem weißen Nacken glänzte . » Du bist ein Weib , Renetta , das Weib ! « hauchte sein heißer Atem an ihr Ohr . » Du willst den Mann , nicht den Knecht . Ich weiß es , seit dein Blick mich zum erstenmal streifte - damals in der Herbstnacht - aus dem weißen Auto - « Sie schreckte auf , brennende Glut flog flüchtig über ihre Wangen ; aber er sah nichts mehr , auch nicht den kalten Blitz , der sekundenlang aus ihren Augen brach . Er fühlte nur das weiche Nachgeben ihres Körpers , und mit der Linken bog er ihren Kopf nach vorn , seine Zähne in ihren Nacken grabend - - Sie gingen den Weg zurück , den sie gekommen waren , Arm in Arm , hoch aufgerichtet . An der Schwelle des großen Saales zog er den Hermelinmantel über ihre Schultern : » Bedecke dich - du bist von mir gezeichnet , « sagte er , und mit einem Lächeln zärtlicher Hingabe tat sie , was er befahl . Wieherndes Gelächter , von kreischendem Aufschreien und wollüstigem Gekicher unterbrochen , empfing sie . In dem Boskett ihnen zunächst saß eine rundliche Schriftstellerin auf den dünnen Beinen eines Kritikers , und ein athletischer Dichter schleppte eben ein ausgelassen zappelndes Mädchen in die Fensternische daneben . Drüben kniete schweißtriefend die dicke lyrische Augenblicksberühmtheit vor der schlanken Frau des bekannten Bildhauers , der selbst , eng umschlungen , zwischen zwei Pfadfindermädchen saß . In der Mitte tanzten sie , verlassen von allen Grazien , nur beherrscht von entfesselter Geschlechtlichkeit . Aus dem Rauchzimmer gegenüber trat der Kommerzienrat , sehr kühl , sehr ruhig . Ein kaum merklicher Zug von Hohn und Überlegenheit prägte sich um seine Mundwinkel , als er mit einem Blick das Bild vor sich streifte . An die Kristallscheiben der Türen aber preßten sich die Gesichter der Kutscher und Chauffeure , mit einem Ausdruck von Neid und Gier ihre Herren betrachtend . Von jenem Abend an fehlte Frau Renetta Veits glänzende Erscheinung auf den Karnevalsfesten des Winters . Sie sei leidend , meinten bedauernd die einen ; die anderen lächelten vielsagend . In ihrem meerblauen Boudoir war Konrad Hochseß ein täglicher Gast . » Unter hundert Schleiern möcht ' ich dich verstecken , hinter hundert Türen verschließen , « hatte er ihr bebend in ungezügelter Leidenschaft zugeflüstert , als sie ihn das erstemal empfing . Und : » ich will nur dich - dich ! « hatte sie ihm , überwältigt von der Glut seines Besitzergreifens , erwidert . Von Berolina , der Herrscherin , dem gierigen Raubtier , schien jede Spur in ihr ausgelöscht . Sie lebte nur für ihn , für die Blicke aller anderen in ihren Gemächern verborgen , eine Odaliske . Er aber trug , wo er ging und stand , wie einen unsichtbaren Mantel den schwülen Duft ihrer Liebesstunden um sich . Und ein Gefühl von Lebensfülle beherrschte ihn wie die Julisonne den Sommertag . Die sprudelnde Heiterkeit , die er zuerst an den Tag legte , entwickelte sich bald zu einem ausgelassenen , fast genialischem Humor . Er machte die Nacht zum Tage , ein jubelnd begrüßter Gast in den Bars , in den Ballokalen , wo er mit dem Gelde um sich warf , nur um überall strahlenden Gesichtern zu begegnen . Die schöne Leonie , so meinte man vielfach , sei seine Geliebte , denn er versagte ihr kaum einen Wunsch , und beide wurden in jenem Winter zum bekanntesten Tangopaar . Aber es war nur der überströmende Reichtum seines Glücks , den er verschwenderisch auf alles , was ihn umgab , ausstreuen mußte . Die Quelle , aus der er schöpfte und die ihn wie Champagner , je mehr er trank , um so durstiger machte , versteckte er als kostbares Geheimnis vor aller Welt und bemerkte in dem Rausch , aus dem er nie erwachte , die von Neid und Spott gemischten Blicke nicht , die ihm folgten . Warburg mied er , denn er war der einzige , vor dem ihn ein unbestimmtes , peinigendes Gefühl von Scham beschlich . Bis der alte Freund ihn eines Tages in » eigenen Angelegenheiten « dringend zu sprechen verlangte und ein Ausweichen unmöglich war . » Du schwänzest die Schule , « versuchte Warburg zu scherzen , als er bei ihm eintrat und mit einem Blick das immer noch unbewohnt erscheinende Hotelzimmer überflog . » Vielleicht bin ich nur in eine - andere Klasse versetzt , « entgegnete Konrad ebenso , vor den forschenden Augen ihm gegenüber die seinen senkend . Unruhig schritt Warburg im Zimmer auf und ab . Dann blieb er vor ihm stehen , ihm leise , als berühre er einen sehr Wunden , die Hand auf die Schulter legend . » Was soll nur daraus werden ? ! « sagte er aufrichtig bekümmert . » Muß denn immer aus allem , was ist , etwas werden ? « meinte Konrad mit seinem strahlendsten Lächeln , » hat denn für euch ewig Nüchterne nur einen Wert was Zweck , was Zukunft hat ? ! « » Nun , « warf Warburg ein , » die natürlichste Folge einer so alles beherrschenden Leidenschaft scheint mir doch der Wunsch nach dauernder Vereinigung zu sein , statt - « er stockte . » Sprich es nur ruhig aus , « fuhr Konrad , ernst geworden , fort , » statt nach dauerndem Ehebruch , wolltest du sagen . « Warburg nickte . » Von einem Ehebruch aber ist doch nur die Rede , wenn eine - Ehe besteht . Das aber gilt für Renetta und den Mann , dessen Namen sie trägt , nicht « , - Warburg sah ungläubig auf - , » hat nie gegolten ; aus Mitleid kaufte er sie von einem Schurken frei . « Warburg lachte : » Der - und Mitleid ? ! « Konrad hob ungeduldig die Schultern : » Aus Eitelkeit denn , wenn du willst . Sie hat ihm dafür eine gesellschaftliche Position geschaffen . « » Du denkst also nicht an eine künftige Heirat ? « frug Warburg vorsichtig . Konrad lächelte mit überlegener Heiterkeit : » Spannt man Vollblutpferde vor einen Pflug ? Soll ich die Göttin dieser Liebe in das Kleid einer Dienstmagd stecken ? « Warburg schwieg , ohne den Ausdruck kummervollen Grübelns los zu werden . Konrad , in seiner verfeinerten Empfindlichkeit für fremdes Leid , dachte an des Freundes stille Neigung . » Bist du mir böse , weil ich Frau Sara Rubner so lange gemieden habe ? « Er begleitete seine Frage mit dem wärmsten Freundesblick . » Weißt du , wer Sonne gewöhnt ist , meidet den Schatten . Der graue Salon , das Totenlicht und die reine Geistigkeit dieser Frau - « Warburgs Gesicht war ganz