- Und hilflos stand man hier und sah den Tempel der Arbeit zusammenstürzen , und mit den aufquellenden Rauchwolken schienen die Geister der Stätte zu entfliehen . Er dachte : Ich sollte fortgehen - die Frau wegführen . Was tun wir hier . Man war nur ein tatenloser Zuschauer wie all diese Tausende , die sich im Schlunde aller Gassen hüben und drüben preßten . Er hatte nicht einmal das Recht , sich zu betätigen - da arbeitete die Wehr - die nur ihre geschulten Kräfte an ihre Maschinen heranließ - da war die Polizei , die sogar den Besitzer fortwies . Hier waren keine Menschenleben in Gefahr , die man mit heldischem Mut hätte retten wollen und können . Hier galt es die höchste Umsicht und die rasendste Arbeit , das Feuer nicht weiterspielen und -tanzen zu lassen - zu verhüten , daß ein großes Fabrikviertel , daß zahllose Schiffe ein einziges großes Feuerwerk wurden , daß sich Lagerstätten voll von Millionenwerten in prasselnde Scheiterhaufen , Raketen und Glühbomben auflösten . Ja - fort - die Qual des Zusehens war zerrüttend . Julia flüsterte : » Ich möchte fort - bringen Sie mich nach Haus . « - - Er verstand nicht . Trotzdem man das Gefühl hatte , inmitten einer grandiosen , andachtsvollen Stille zu sein , durch die nur Kommandorufe hallten , war in der Tat die Luft voll von Geräuschen , die durcheinander sausten und zischten . Sie mußte es noch einmal sagen . » Ja , « sagte er , » gewiß . « - Und nun fühlte er : es hielt ihn hier mit bezwingender Gewalt fest - es war ein Opfer , die Frau zu geleiten . - Ganz rasch machte er sich aber klar : In einer Viertelstunde kann ich wieder hier sein . Er versuchte , Julia durch das Gedränge zu bringen . Jeder wollte gern vor ihm zurückweichen , denn viele kannten ihn als den Besitzer der brennenden Farbwerke , und andere errieten , daß er es sei . Das teilnahmvolle Platzmachen war aber schwer , denn jeder Gefällige , indem er sich bewegte , drückte schon mit seinem Rücken gegen die Brust eines Hintermannes . Endlich kamen sie aber doch durch diese lang sich hinstreckende , zusammengekeilte Menge . Und da war auch ein Auto . Sie stiegen ein . Julia fiel , wie in halber Ohnmacht , mit ihrem Kopfe gegen seine Schulter . Mit ihren beiden Händen umklammerte sie seinen Arm , ging , wie suchend , mit ihren Fingern abwärts , bis sie seine Rechte fand , und umpreßte sie mit heftigem Druck . Und rasch schien sie sich zu erholen . Sie sprach - in abgebrochenen Worten - aber jedes kam aus seinem eigenen Gemütszustand - sagte ihm , wie ihm zumute war ; sein tiefstes Innere , so wie es in dieser Stunde war , schien auf ihren Lippen sich in die rechten , erlösenden Reden zu kleiden . Das tat ihm wundervoll wohl . Er war ja nicht schwach und nicht zerbrochen . Aber er war weich , erregt , nervös . Und dieser Weichheit war es Trost , so mit verstehenden , zarten Worten gestreichelt zu werden ... Das schien nicht die Frau mit dem deutlich versucherischen Wesen . Das war das Mitleid , das war das Verständnis in Person - vor allem dies letztere . - So klein und einsam vor dem gewaltigen Ereignis hatte er gestanden - so ganz in menschliche Nichtigkeit aufgelöst . - Und man ist nicht mehr in der zermalmenden Einsamkeit vor der Naturmacht , man ist nicht mehr eine Nichtigkeit voll Ohnmacht , wenn eine verstehende Seele sich zu einem neigt : » Ich leide mit Dir , weil ich weiß , daß Du leidest . « - - Und immer traulicher schmiegte sie sich in seinen Arm . Da hielt das Auto - droben im Haus glänzten erhellte Fenster in die Nacht hinaus . - - » Dank , « sagte er mit unsicherer Stimme , » Dank für all Ihr Mitgefühl . « - - Und da neigte sie sich zu ihm - so nah - daß ihre schwarzen , flehenden Augen dicht vor seinem Gesicht waren . War sie es , die zum Kuß seine Lippen berührte - war er es , der die ihren suchte ? - Ein kurzer Augenblick ... Dann Stimmen - der Chauffeur , der die Tür aufriß - helle Rufe von droben aus den Fenstern - Geräusche drinnen an der Haustür . - Julia stieg die drei , vier granitenen Stufen zu ihr empor . - Und er , der im Auto saß , das sofort wendete - er sah nicht das Siegerlächeln auf ihrem Gesicht . - Allert jagte zurück . Dieser kurze Augenblick war rasch abgetan - mit einer Handvoll vernünftiger Worte , die er sich sagte : die arme Frau war außer sich - gleich ihm jäh mit dem Donnerwort aus dem Schlaf gejagt - er wußte ja , wie einen das umwarf - und dann die Furchtbarkeit des Brandes - das war ein Schauspiel , das die Nerven fieberischer erbeben macht als jedes andere . - Ein zartes Weib hat das Verlangen , sich zu halten - es ist das natürliche Begehren nach Schutz , das sie sich an den Mann schmiegen heißt , der zufällig neben ihr ist . - Und gerade alles , was an Ritterlichkeit in ihm war , erklärte und entschuldigte ihre Hingegebenheit - und er entschuldigte auch sich selbst . - Es gibt Stimmungen und Augenblicke , die einen über die Grenzen führen . - Aber er war sich bewußt , jenseits der Grenzen nichts Unerlaubtes empfunden zu haben . Eine Aufwallung der reinsten Menschlichkeit - zwischen zweien , die in diesem Augenblick nicht Mann und Weib waren . - Und am andern Vormittag weinte seine Mutter an seiner Brust . Und er mußte und konnte ihr auch tröstend sagen : » Wär ' ich ein Mann , wenn mich so ein Rückschlag umwürfe ? Ein Zwischenspiel , das aufhält - jawohl . - Mehr aber nicht . « Das war im Amsterschen Hause . Dort suchte Allert seine Mutter ; vorher zu ihr in die Pension zu kommen , war ihm unmöglich gewesen ; bis zum Mittag konnte er nicht warten , er durfte es nicht darauf ankommen lassen , daß ein Zufall oder eine Zeitung ihr die erste Nachricht gäbe . Lurch , der ihn ja nun als den Sohn der hier täglich anwesenden und von seiner Herrschaft sehr geehrten und geliebten Malerin kannte , ließ ihn sogleich in das erste der großen Zimmer , wo er vor vier Wochen Marieluis als Tochter dieses Hauses erkannt hatte . Droben im improvisierten Atelier malte seine Mutter jetzt die beiden Haimbrugkschen Knaben , und in Gegenwart dieser Kinder , in Gegenwart von vielleicht deren Erzieherin und Atelierbesuchern mochte Allert seine ernste Neuigkeit nicht mitteilen . Er ließ seine Mutter herunterbitten . Als er das Zimmer betrat , erschrak er . Vor acht Tagen , als er zum Sonntagsessen hier mit seiner Mutter zuletzt gewesen war , stand das Bild noch nicht hier . - Er hatte es noch nie gesehen - nun war es hier aufgestellt , ehe es , dem Wunsche der Senatorin gemäß , zur Empfehlung der Malerin bei Commeter ausgestellt wurde . - Daß es ein wirklich bedeutendes Kunstwerk sei , erkannte und bedachte er in diesen Minuten nicht . Das war sie ganz ! Dies schöne , gereifte Wesen , ernst und klug und kühl und beherrscht - mit dem reizvollen Mund , in dessen Winkeln mehr Heiterkeit und Temperament sich versteckten , als man in Sprache , Blick und Geste je erriet . Das blaßbläuliche Gewand trug sie auf dem Bild , und die dunklen Veilchensträuße in kraftvoll lila Tönen wirkten höchst malerisch . - Und wie das duftige Haar ihn entzückte - man hätte mit den Händen hineinfahren mögen . - Ach , und diese Schultern und Arme . - Vollkommen ! dachte er . Und dachte es zornig - erbittert . Dann kam die Mutter . Und nach dem ersten großen Schreck , den ersten Tränen und seinen gefaßten Worten rief sie nach Lurch . Ja , man mußte doch die Senatorin wissen lassen ... Sie war gerade im Atelier gewesen . - Vielleicht hatte sie es sogar schon gewußt und beherrscht geschwiegen . - Jetzt meinte Sophie es durchaus : » Ja , unbefangen war sie nicht . « - Und als Lurch meldete : » Herr von Hellbingsdorf wünschen seine Frau Mutter dringlich zu sprechen , « da hatte sie gesagt : » Gehen Sie nur rasch . « - Es sah wohl der Senatorin ähnlich , ihr Wissen zu verbergen , um dem Sohn nichts vorwegzunehmen . - Das nackte Wissen ohne Kenntnis der näheren Umstände ist oft noch viel grausamer als die genaue Wahrheit . - Und es zeigte sich , daß die kluge Frau wirklich durch eine Telefonnachricht ihres Gatten vom Brande der Hellbingsdorfschen Farbwerke unterrichtet worden war - schon um halb zehn . - Aber sie war der Ansicht : » Nicht mir kommt es zu , die kahle Tatsache einem erregbaren Mutterherzen mitzuteilen . « Jetzt aber , da sie mit ihrer Tochter erschien , nahm sie die ihr gemäße Haltung an . Sie beherrschte mit Fragen , Mitteilungen , Ansichten das Gespräch . Es war Sophie lieb . Sie fühlte sich vom Schreck geschlagen , litt um ihren armen , lieben Jungen und bewunderte ihn auch zugleich . - Und dies Bewundernkönnen tat ihr wohl wie der beste Trost . Frau Amster erzählte zunächst , was ihr der Senator kurz telefoniert habe , und begründete ihr Verschweigen der Unheilsnachricht als logisch und gerecht . Auf diesen beiden Leitworten ihres Lebens ruhte sie ein wenig aus , voll Gefallen an sich und ihrer Freiheit von dem gewöhnlichen , weibischen Mitteilungsdrang . Dann aber wollte sie alles wissen . Und Allert erzählte . Und der Schluß seiner Erzählung lautete : » Es war so tötend - so unnütz - dazustehen - zu warten , bis endlich diese schreckliche , hochsteigende Flamme in sich zusammenfiel - nochmals stieg und sank , bis das Ganze nur ein wüster Haufen schien , aus dem zuweilen Flammen zuckten . - Und bis endlich alles schwarz war - diese trostlose nasse Schwärze , ja - die hatte was wie vom Grab . - Der Himmel wurde grau - die Menschen verloren sich - andere kamen - die Stockung in den Straßen hörte auf . - Ich hatte eigentlich gar keinen Gedanken mehr , als ganz blöde und dumm : jetzt ist der Himmel schon grau . - Und mich fror - Dorne war schon längst nach Hause gefahren . Ich hätte auch gehen sollen . Aber das war wie ' ne fixe Idee - ich mußte durchaus aufpassen , wie der Himmel langsam hell wurde . Endlich sagte der Brandmeister was zu mir - daß man erst nach einigen Stunden würde nachsehen können , ob der Geldschrank standgehalten habe - Geld ist ja natürlich nicht viel drin . - Das gibt ' s heutzutage nicht mehr - aber die Bücher . - Da kam ich denn ein wenig zu mir selbst und fühlte mich zerschlagen . - Du fielst mir ein , Mutter , und die zahllosen Tassen Tee , mit denen Du Dich lebendig machst , wenn Dich was umgeworfen hat . - Na - ich ging in meine Wohnung , und nach dem vielen starken Tee ward mir famos zumute - ganz kühn sozusagen . - Nun erst recht ! fühlt ich so ungefähr . Man sollte Ereignisse niemals vor dem Frühstück beurteilen . Und ich beschäftige mich mit der Frage : Sollte Mut keine Charaktersache sein ? Sollte er latent in Tee- und Kaffeekannen stecken ? Wie Teein und Koffein ? Das muß Dorne mal untersuchen ! « Die Senatorin lächelte wohlgefällig . Sie selbst war eine gänzlich humorlose Natur . Gerade deshalb war ihr Allerts scherzhafter Ton unterhaltend , und sie spürte auch , daß er ihn zuweilen wie eine Art von Waffe und Wehr brauchte , um seine eigentlichen Empfindungen dahinter zu verbergen , und vor allen Dingen , um seiner Mutter zu suggerieren , er nähme das Leben leicht . » Und Frau Doktor Dorne ? Haben Sie etwas von ihr gesehen ? Hat sie sich aufgeregt ? « » Sie war in der Nacht mit zur Stelle . Nachher mußte ich sie rasch nach Hause bringen . Der Gatte hatte sich im Gewühl verloren . Die Gattin war ziemlich aus der Fassung , doch voll Verständnis . « Du hast keins ! Offenbar gar keins ! dachte er grollend zu Marieluis hinüber , die schweigend saß , das Fenster voll Vormittagssonne im Rücken , so daß ihr Gesicht gänzlich im Schatten und um ihr blondes Haar eine goldschimmernde Kontur war . Sie hatte ihm nur die Hand gereicht - höchst flüchtig . Solche schreckhaften Ereignisse hatten wohl nicht auf Teilnahme von ihr zu rechnen - dabei gab es ja keine sittlich Verwahrlosten zu retten . - Dabei konnte ja keine hebende und ausgleichende Tätigkeit entfaltet werden . - Und ein warmes , gutes Wort an einen zu richten , der immerhin Schweres erlebte - der noch lange , lange an dem Schlag zu tragen haben werde - dazu stand man diesem einen wohl zu feindlich gegenüber . Während er diese zornigen Gedanken an Marieluis richtete , bemerkte die Senatorin lobend : » Das gefällt mir an Frau Dorne . In solchen Stunden gehört die Frau zum Mann ! Man hat doch wiederholt immer die besten Eindrücke von ihr . « Es gefiel auch Allerts Mutter . Sie war immer so froh , wenn sie etwas Lobendes über Julia sagen und damit ihr Gefühl und ihre Vorurteile widerlegen konnte . » Und was fangt Ihr nun an ? « fragte sie sorgenvoll . » Wenn man nicht selber das Objekt wäre - fast Spaß hätt ' s einem machen können - auch das Pech bringt Konjunkturen für Geschäftsleute . - Man kann den Satz aufstellen : Es gibt keinen Schaden ! Alles , was sich ereignet , ist irgend jemandes Nutzen - alles ist Umsatz : Tod und Feuersnot und Wasser , Krieg und Pestilenz - bloß Umsatz . « » Und ich finde , « sprach die Senatorin angeregt , » daß gerade das dem wirtschaftlichen Leben der Neuzeit einen so intelligenten , ausgleichenden , rastlosen und sicheren Charakter gibt . Dies beinahe unwahrscheinliche Ineinanderverflochtensein aller Interessen bewahrt uns vor allzu großen Erschütterungen . « Sie fing an , von der großen Geldkrisis zu sprechen , die 1857 in Hamburg alle Geschäfte lahmgelegt , und wie , nach den Erzählungen ihres Vaters , die Leute in Freudentränen ausbrachen , als die bekränzten Lokomotiven auf dem Berliner Bahnhof , damals dem ersten und einzigen noch , einfuhren ; diese kleinen Lokomotiven mit den großen Schornsteinen , die uns heute , wenn man Bilder von ihnen sieht , beinahe anmuten wie Modekupfer aus vergangenen Tagen . Sie brachten Silbergeld aus Oesterreich , diese Lokomotiven , und das sollte in die leeren , stockenden Adern des wirtschaftlichen Lebens fließen . Ja , so etwas konnte man sich gar nicht mehr als möglich vorstellen . Und weil sie doch einmal beim Erzählen war , kam sie auf ihres Vaters Berichte vom Hamburger Brand im Mai 1842 , und wie die Leute auf den Knien lagen und beteten , während der flammende Kirchturm sich neigte , und das von der Hitze bewegte Glockenspiel mit hallenden Tönen in die Feuersglut hineinsang : » Allein Gott in der Höh sei Ehr ' . « Sie sprach lebhaft und gut , und diese jeden Hamburger bewegenden Erinnerungen lenkten ganz von Allert und seinen Sorgen ab . Sophie , die sich in Gegenwart der Senatorin immer an die Wand gedrückt fühlte , ohne dadurch im mindesten verletzt zu sein , denn es war unwillkürlich und entsprach dem Wesen beider , Sophie hätte zu gern nachgefragt . Aber sie wollte nicht unhöflich sein . Mit einem Mal , in eine knappe Atempause hinein , fragte aber Marieluis : » Sie wollten uns erzählen - vielleicht , wie Ihre Lage andern Leuten zum Vorteil wird ? - Ich verstand « - Daß Marieluis ihre Mutter unterbrochen hatte , ehe diese ihren Vortragsstoff bis aufs letzte Körnchen vor den Zuhörern ausgeschüttet gehabt , war wohl noch nicht dagewesen . Wenigstens Allerts Mutter und er selbst hatten es noch nicht erlebt . Und nun klopfte ihm sofort das Herz wegen dieser Zwischenfrage , als ob sie etwas ganz Besonderes sei . Die Senatorin schien ein wenig verdutzt - wie ein Husch ging ein derartiger Ausdruck über ihr Gesicht . Aber sie schloß sofort ein ermunterndes : » Also ? « - an . » Drei Makler waren schon Punkt neun zur Stelle . Jeder schwor , daß er uns am vorteilhaftesten unter Dach und Fach bringen könne . Wir werden wohl die leerstehenden Gebäude einer verkrachten chemischen Fabrik am Nagelsweg mieten - Dorne meint , da läßt sich der provisorische Betrieb in kürzester Frist einrichten . Und ein Vertreter einer Baufirma , deren Spezialität Fabrikbauten sind , fand sich mit Vorschlägen ein . Und dann ein Mann , der ein Angebot auf Kauf und Abfuhr der Trümmer machte . Und ein Agent von Safes , falls unser stählernes das Feuer nicht sollte ausgehalten haben . - « » Fabelhaft ! « sagte die Senatorin . Sophie war ganz erleichtert . Sachverständig fragte die Senatorin weiter : » Und die Lieferungen ? « » Gerade gestern - ' n bißchen Glück hab ' ich ja immer irgendwie doch - ja , da haben wir ' n ganzen Leichter mit Blechbüchsen befrachtet - Farbstoff für ' ne große sächsische Spinnerei und Baumwolldruckerei - soll die Elbe rauf . - Und zur Bahn kam gestern auch gerade noch vielerlei . - Ich muß die andere Kundschaft bitten , sich zu gedulden - zu der wichtigsten reise ich selbst ... « Er fühlte die herzlichste Anteilnahme der klugen Frau . - Plötzlich dachte er : Wie so ein außergewöhnliches Ereignis die Menschen gleich näher aneinander bringt . - Und die Hausfrau sagte jetzt auch , daß sie darauf bestehe ! Allert und seine Mutter müßten hier heute abend essen , Allert sollte durchaus auch noch mit dem Senator sich aussprechen , den alles sehr interessieren würde . - Sein Haus habe doch unter seinem Großvater auch die Erschütterung durch einen Brand aushalten und überwinden müssen . Damals freilich seien nicht gleich Makler und Agenten mit Hilfsmitteln aus dem Boden aufgeschossen . - Alles sei schwerer gewesen , nicht nur weil das Unglück so viele traf und die ungeheure Ausdehnung hatte , sondern weil man damals diese auf Gelegenheit lauernden Allesvermittler im Geschäftsleben noch nicht kannte . Allert nahm die Einladung an . Er wußte selbst nicht , ob ungern oder mit heißer Freude . Er dachte : Ich sollte ihr aus dem Wege gehen - jetzt - jetzt auch das noch - diese Quälerei . - Das lenkt ab ! Das darf nicht sein . - Ich habe Sorgen - Arbeit . - So viel von beiden , daß er die nächsten Wochen manchmal dachte , es würde sich nicht bezwingen lassen , es gehe über seine Kraft . Und alle Augenblicke mal zu kurzen Reisen auf und davon - trotz Telefon und Draht , in gewissen Dingen war die Ueberredungskunst doch die beste Art zu verkehren . Und darüber kam es ihm eigentlich gar nicht zum Bewußtsein , daß er plötzlich für einen kleinen Kreis von Menschen eine Hauptperson und ein Mittelpunkt geworden war . Bei Dornes wußten es sogar schon die Dienstboten : das Kommen und Gehen des Herrn von Hellbingsdorf bestimmte die Toiletten der gnädigen Frau und die Gerichte auf dem Tische . Oft , wenn er am späten Abend von einer Reise zurückkam , suchte er noch seinen Teilhaber auf , um sich mit ihm zu besprechen . Dorne , unfähig , nach außen hin auch nur den kleinsten Schritt für ihr Unternehmen zu tun , arbeitete in seinem Laboratorium mit desto leidenschaftlicherem Eifer . So schienen sie sich auf das glücklichste zu ergänzen . Wenn diese kaum verhehlbaren Unruhen nicht gewesen wären , von denen Dorne oft mitten bei der Arbeit befallen ward ! - Und Frau Julia machte immer ein großes Wesen davon , wenn er so abends , manchmal etwas abgespannt , noch in wichtigen Sachen vorsprach . Dann tat sie , als sei es ihre Pflicht , sich in seiner Pflege zu erschöpfen , und als habe er zu ihrer aller Besten ungefähr Herkulesarbeit hinter sich . Es war ihm peinlich , daß seine Tätigkeit zu überschwenglichem Verdienst aufgebauscht wurde . Es genierte ihn vor dem Manne , der mit Worten beistimmte , in dessen helle Augen aber dann immer der seltsam schimmernde Funke trat . - Im Hause Amster war Allert auch plötzlich » der liebe junge Freund « geworden . Auf das ernsthafte Gesicht des Senators kam ein heller Schein , wenn er mit ihm sprach , und die klugen , scharfen Züge der Hausfrau milderten sich zur Zufriedenheit , so oft er sich bei ihnen als Gast , natürlich besonders eingeladen , zum späten Mittagessen einfand . Seine Mutter genoß es glückselig , ihrem Sohn die Achtung und Vorliebe dieser beiden hochstehenden Köpfe und Herzen zugewendet zu sehen - denn schließlich - sie hatten ja auch Herz . - Wie viel , das wußte Allert noch gar nicht . Aber seine Mutter , die hatte es erfahren . Nicht nur durch all die nahezu leidenschaftliche Protektion . Diese schätzte Sophie in ihrer feinen Menschenkenntnis sehr richtig ein . Da sprach das Herrscherbedürfnis der Senatorin . Sie hatte diese Malerin gewählt und hierher gebracht , nun sollten alle Menschen durchaus im Urteil und Geschmack mit ihr übereinstimmen , und indem sie der von ihr geladenen Künstlerin Auftrag über Auftrag verschaffte , bewies sie sich und anderen ihren machtvollen Einfluß . Nein , die Mutter hatte zur Mutter gesprochen . Etwa drei Wochen nach dem Brand . Es war nach einer Sitzung . Die kleinen Haimbrugks hatten mit ihrer Mama , der Erzieherin und einer älteren Schwester einen ziemlich geräuschvollen Abgang genommen . Sophie knöpfte sich gerade die Malschürze ab . Da betrat die Senatorin das Atelier . Sie war im Hut und Pelzpaletot , vornehm und stattlich sah sie aus . Sie kam aus einer Vorstandssitzung . Dann war sie immer besonders angeregt ; sie hatte dann ihre Ueberlegenheit voll ausgekostet und war mit sich zufrieden . » Wir haben Frau Doktor Dorne zur zweiten Schriftführerin ernannt - sie glaubt , daß sie sich dazu besser eignet als zur Tätigkeit draußen - ja , dazu gehört eine besondere Begabung - keine von meinen Damen kommt da Marieluis gleich . « » Es ist doch eine Freude für Sie , daß die angenommene Tochter so ganz Ihr Kind geworden ist . « » Und ob ! Aufrichtig - ich möchte mal ein vertrauliches Wort über Marieluis mit Ihnen sprechen ; « dabei zog sie mit Sorgsamkeit ihren kostbaren Mantel aus und legte ihn , voll Respekt vor seinem Wert , schonlich über den nächsten Stuhl . Sophie wurde etwas unruhig zumute . Vertrauliche Worte über Marieluis ? ! Und von dieser Frau , die trotz aller Gesprächigkeit und aller Lebhaftigkeit ihres Verstandes niemals eine vertrauliche Art hatte ? Die ganz , ganz geheimen Wünsche , deren Sophie sich bewußt war , gaben ihr plötzlich das Gefühl , als habe sie ein schlechtes Gewissen . » Sie wissen , « begann die eine Mutter zur andern zu sprechen , » daß Marieluis so erzogen ist , daß sie nicht zu heiraten braucht . Weder aus finanziellen noch aus ethischen Gründen . Sie ist versorgt und hat Lebensinhalt , gottlob ! das darf ich sagen : Ich hab ' die Pflichten , die ich übernahm , erfüllt . « Sie lehnte in dem weißen Korbsessel , in dem der kleine Haimbrugk in seinem weißen Matrosenkleidchen gemalt wurde . Den Ellbogen hatte sie auf die leicht geflochtene Lehne gestützt und sah Sophie nachdenklich an . Und hinter ihr stand das Stück weißgrauer Papierleinwand , das Sophie da hatte hinspannen lassen . Ihr gegenüber , neben der Staffelei , hockte Sophie auf dem Malerschemel und hielt die Hände auf den Knien . » Niemand kann sich vorstellen - ich denke mir , besonders keine natürliche Mutter kann das - , wie ein erworbenes Mutterrecht ist ! Sie werden es nicht glauben , die andern Mütter , daß solche erworbenen Rechte leidenschaftlicher empfunden werden und noch tiefer wurzeln . Wissen Sie , die ersten zwölf Jahre hatte ich sehr gelitten . Mein Mann nicht so sehr . Es gibt ja Söhne bei seinem Bruder , das Haus blüht weiter . Aber ich - ich fühlte durchaus : Ich kann erziehen , bilden , ein junges Wesen ganz und gar mit dem meinen durchwirken , mich hinopfern . Und dann bekam ich Marieluis . Sie war zwei Jahre alt - also ich habe ihre ganze Jugend in der Hand gehabt ! Wollen Sie es wohl glauben : Mit jeder Erziehungsmühe erkaufte ich mir , was andern Müttern von Natur zusteht ! Ich habe alles darangesetzt , aus Marieluis ein kluges , klardenkendes , gerechtfühlendes , hochgebildetes Wesen zu machen . Das kostete Hingabe . Und ich verwuchs ganz mit ihr , ganz ! Ich darf sagen : Mein Ziel ist erreicht . Wenn ich mir so all die andern Mädchen ansehe - keine reicht an meine Tochter . Sie ist ganz mein . Und doch - sehen Sie - da ist dennoch ein Stachel ! Vielleicht scheint sie nur ganz mein . Eines Tages vielleicht wird sie , wenn sie liebt und heiratet , sich daran erinnern , daß in ihren Adern ja nicht mein Blut fließt . Das träfe mich wie ein Schlag . Wenn eigene Kinder sich gegen die Mutter wenden , ist es entsetzlich . Wenn ein so zu eigen gewordenes Kind die Mutter verließe , wäre es furchtbar . « » Das wird Marieluis niemals tun , « sagte Sophie fest . Und fügte nach einer ganz kurzen Pause tastend hinzu : » Auch deshalb wünschen Sie nicht , daß Marieluis heiratet ? « Die Senatorin fuhr auf : » Nehmen Sie es nicht übel , liebe Verehrte , aber Ihr andern Frauen versteht Euch allesamt nicht aufs Zuhören und auf logische Gedankengänge . Wann hätte ich je gesagt , daß Marieluis nicht heiraten soll ? Ich sagte nur , sie ist so erzogen , daß sie es nicht braucht ! Aber natürlich wünsch ' ich es ihr . Gott , Liebste , wenn ich denke , ich bekäme Enkelkinder - erlebte da das Wunder , das mir selbst nicht beschieden ward « - - - Sie stockte . Und wahrhaftig : die scharfen Züge bekamen den Glanz einer wunderbaren Weichheit . Aber das durfte nicht sein : Fassung , Selbstbeherrschung , Haltung - und wieder ganz überlegene , sichere Dame . » Ja - aber die Wahl des Mannes ! Natürlich - sie soll frei wählen ! Das versteht sich . Ihr Herz und ihr Verstand sollen wählen . Und können es , mit Bewußtsein - können prüfen - sich bedenken . Denn Marieluis ist ja sexuell aufgeklärt - weiß in jeder Richtung , was sie tut . Ich weiß auch , hoffe wenigstens , ihr wird nie eine Leidenschaft über dem Kopfzusammenschlagen und sie blind machen . Ich weiß auch , sie wird nie einen Mann nehmen , der sie zurückschrauben will , der alles ausstreicht und weglöscht , was ich sie an Erkenntnissen und Pflichten gelehrt . « Sie besann sich einen Augenblick . Nun kam ja erst das , was eigentlich gesagt werden sollte . Und sie fuhr fort : » Ein Weilchen dachte ich an John Vierbrinck . Sie wissen , den älteren Bruder der allerliebsten kleinen Dory . Ich bin eine geborene Vierbrinck - wie gern hätte ich Marieluis in meine Familie eintreten sehen . Aber John ist ganz rückständig . Er hat es ja sogar durchgesetzt bei meinem Vetter , daß Dory nicht mehr für meinen Verein tätig sein darf . Er hat den törichten Ausspruch getan , seine Schwester sei nicht dazu berufen , die soziale Frage zu lösen . Das sollte witzig sein . Also ja - ich denke : Söhne , die eine Mutter haben , die arbeitet , die wirtschaftlich auf sich selbst gestellt ist - die wissen , daß eine Frau heute nur bestehen kann , wenn sie gelernt hat , dem Leben allein Trotz zu bieten - ja , solche Söhne sind Männer , die unsere soziale Arbeit verstehen werden . « » O gewiß - gewiß ! « murmelte Sophie . Und sie raffte sich , ihren spannungsvollen Vorgefühlen zum Trotz , sogar zu der Bemerkung auf : » Es würde ja wohl bei den heutigen wirtschaftlichen Verhältnissen keinem vernünftigen Menschen mehr einfallen , die Frau unter allen Umständen im Rahmen der Familie festhalten zu wollen . « Die Senatorin nickte befriedigt . Und war sich schließlich doch nicht bewußt , daß diese allgemeinen Redensarten und Gemeinplätze hier gar nichts zu bedeuten haben mochten . Sie änderte ihre Haltung nicht , sondern sah immerfort fest in Sophiens Gesicht . » Ihr Sohn ist meinem Mann und mir vom ersten Augenblick an sehr angenehm gewesen , « begann sie , gleichsam in einen neuen Abschnitt des Gespräches tretend . » Aber seit dem großen Brande seiner Fabrik haben wir viel Respekt vor ihm bekommen . Der fröhliche Mut , der in ihm ist , diese klare Uebersicht , die er hat , die zähe Energie , mit der er trachtet , den Schaden auszugleichen - ja , mein Mann sagt ,