in den Hintergrund , wo sie still darauf lauerten , daß die Bahn für sie wieder frei werde . Gegen Abend ließ sie den Braunen satteln und ritt in Begleitung des Stallknechts in den Wald . Es war kurz vor Sonnenuntergang , überall wurde das Vieh heimgetrieben , die Hüter sangen laut , aus den Schornsteinen der Katen stieg der Rauch der Abendsuppe auf und wurde rotgolden im Abendscheine . Eine behagliche Heiterkeit klang durch diese letzte Abendstunde . Fastrade trieb ihr Pferd an , sie hatte Eile , ans Ziel zu kommen . Im Walde vor der Auerhahnhütte stieg sie ab , übergab ihr Pferd dem Stallknecht und ging in die Hütte . Durch das geöffnete Fenster fiel der Abendschein voll in den kleinen Raum und vergoldete ihn über und über . In den letzten Sonnenstrahlen tanzten die Mücken wie blonder Staub , auf die kleine Waldwiese vor der Hütte waren schon Rehe ausgetreten und ästen knietief im rotgoldenen Grase . Es war sehr ruhevoll , allein Fastrade ließ diesen Frieden , ließ auch die Erinnerungen , die hier wohnten , nicht an sich heran . Schmal und aufrecht in ihrem blauen Reitkleide stand sie mitten in dem Zimmer und dachte an ihre Aufgabe . Sie hatte Dietz Egloff hierherbestellt , um ihm zu sagen , daß sie voneinander gehen mußten , und sie wollte , daß er auch verstehe , warum . Jetzt hörte sie draußen Schritte , und gleich darauf trat Egloff ein . » Guten Abend « , sagte er . » Guten Abend « , erwiderte Fastrade und reichte ihm ihre Hand , die er höflich küßte . Sie sah sofort , daß er befangen war , und das rührte sie . Sie begann zu sprechen - schnell , atemlos , als fürchtete sie , den Mut zu verlieren , wenn sie zögerte . » Ich habe dich gebeten , herzukommen , ich wollte nicht so still von dir gehen , ich glaubte , es passe für uns beide nicht , uns zu trennen , ohne daß es klar zwischen uns sei , und so - so kam ich . « Eine leichte Röte stieg in Egloffs Gesicht auf , er wandte sich ab , nahm einen Stuhl und schob ihn Fastrade hin . Als sie sich gesetzt hatte , setzte auch er sich auf die Holzbank . Er sah Fastrade nicht an , sondern schaute auf die Reitgerte nieder , mit der er spielte . » Das ist ja gewiß sehr korrekt , « sagte er langsam , » das muß natürlich so sein , und ich hätte es nicht anders erwarten können . Ich habe es ja auch gewußt , daß es so kommen mußte . Ein Skandal darf in die Nähe von Fastrade von der Warthe nicht kommen , das ist denn alles ganz ordnungsmäßig . Da sind alle dummen Erinnerungen nicht am Platz . Wenn ich daran denke , wie du hier an der Tür standest und von Helfen und Beistehen sprächest , so gehört das wohl nicht hierher . « » Doch , es gehört hierher , « rief Fastrade leidenschaftlich , » wenn du krank wärest , oder arm , oder von allen verlassen , dann würde ich bei dir stehen , das wäre der einzige Platz auf der Welt , der mir zukäme , aber ich müßte ein Recht darauf haben , du müßtest zu mir gehören . Nun aber gehörst du nicht mehr zu mir . « Egloff schaute auf , seine Augen wurden dunkel und böse . » Gehöre ich zu Lydia Dachhausen ? « fragte er . » Sie war heute morgen bei mir , « fuhr Fastrade fort , » sie weiß dich in Gefahr , sie glaubte , ich könnte etwas tun , um dich zu retten . Das tut nur eine Frau , die ein Recht auf dich hat . « Egloff zuckte leicht mit den Schultern : » Ich bin nicht so freigebig damit , das Recht auf mich zu vergeben ; diese kleine Frau , die sich an mich hängt , ist ein Abenteuer , eine Gelegenheit , eine Sünde , alles - nur kein Schicksal . Lydia Dachhausen zählt nicht , daß du das nicht verstehst ! Daß du an der nicht vorüber kannst ! « Fastrade schüttelte den Kopf : » Nein , das werde ich nie verstehen , daß eine Frau , die dir zuliebe ihr ganzes Leben zerbricht , nicht zählt , an der kann ich nie vorüber , es würde mir sein , als ob ich auf etwas Lebendes träte . « Die Sonne war untergegangen und in dem kleinen Zimmer dämmerte es , von der Wiese und den großen Tannen wehte Kühlung herein ; eine Fledermaus hatte sich durch das Fenster in das Zimmer hinein verirrt und zog unter der niedrigen Decke unablässig ihre Kreise , zuweilen leise mit den Flügeln an die Wände streifend . Egloff hatte eine Weile geschwiegen , nun sprach er , und es klang verhalten und dumpf , als müßte er seine Stimme zur Ruhe zwingen : » So habt ihr es immer hier gemacht auf den Schlössern , Großmut , Mitleid , Stolz , Ehrlichkeit , all solche Dinge mußten in die Liebe hinein , Dinge , die nichts mit der Liebe zu tun haben , an denen sie erstickt . Lydia weiß von diesen Dingen nichts , die kommt an jeder vorüber . « » Das einzige Recht der armen Lydia ist das Recht auf dich , « erwiderte Fastrade ein wenig feierlich , » und wenn ich noch etwas wünschen , wenn mich noch etwas freuen könnte , so wäre es , daß du sie beschützest und sie nicht verlässest . « » Oh , ich kenne das , « unterbrach Egloff sie heftig , » immer wolltest du mich mit deiner Tugend anputzen , damit deine Liebe sich vor sich selbst entschuldigen konnte , daß sie an einen solchen Gesellen geraten war . Aber es ist umsonst , ich fürchte , sie hatte keine Entschuldigung . « » Ach , lassen wir sie , « sagte Fastrade müde , » sie hat keinem helfen können , sie zählt nicht mehr . « Leise , und als spräche er zu sich selbst , murmelte Egloff : » Zählt nicht - na , sie wäre noch das einzige gewesen , was in dieser verdammten Welt hätte zählen können . « Es war so finster geworden , daß sie einander nicht mehr deutlich sehen konnten . Über ihnen war noch immer das unermüdliche leise Rauschen der kleinen Flügel hörbar , plötzlich hatte die Fledermaus den Ausgang durch das offene Fenster gefunden , sie stieß einen schrillen Laut aus und flatterte in die Dunkelheit des Waldes hinaus . » Ich muß jetzt gehen , « sagte Fastrade , » lebe wohl , Dietz . « Sie reichte ihm ihre Hand , und er drückte sie schweigend . Fastrade wandte sich dem Tische zu , auf dem ihre Handschuhe und Reitgerte lagen , sie blieb dort einen Augenblick stehen und der leise , helle Ton fallenden Goldes wurde vernehmbar . Sie hatte den Ring , den Egloff ihr gegeben , vom Finger gestreift und auf den Tisch fallen lassen , dann ging sie hinaus . Zu Hause erfuhr sie von Christoph , daß der Baron Port eben da gewesen und fortgefahren sei . Während sie sich in ihrem Zimmer umkleidete , dachte sie : so muß es ja kommen , jetzt ist die Geschichte von Lydia , Dietz und mir zu allen Schlössern unterwegs . Fastrade ging zu ihrem Vater hinüber . Der Baron und die Baronesse Arabella saßen nebeneinander auf dem Sofa und die bleichen Gesichter schauten gespannt zur Tür hin . » Guten Abend « , sagte Fastrade , als sie eintrat . » Guten Abend , mein Kind , « erwiderte der Baron feierlich , » setze dich . « Fastrade setzte sich , faltete die Hände im Schoß , sah vor sich hin in das Licht der Lampe und wartete . Der Baron schaute seine Schwester an , diese nickte kummervoll , da trocknete er seine Lippen mit dem Taschentuche , räusperte sich und sprach offenbar mit Anstrengung : » Port war hier , er hat mit deiner Tante gesprochen , nun ja , und deine Tante hat mit mir gesprochen . Er hat da Dinge erzählt , die uns viel Kummer bereiten . « Er hielt inne und sah Fastrade erwartungsvoll an . Diese regte sich nicht , sie schaute noch immer wie abwesend in die Lampe , aber sie sagte ruhig und deutlich : » Ich habe eben meine Verlobung mit Dietz Egloff gelöst . « Wieder sahen die beiden alten Leute einander an , die Baronesse lächelte sogar kaum merklich und der Baron nickte . » So , so , « meinte er , und das Reden wurde ihm leichter , » nun ja , ich habe von meiner Tochter nichts anderes erwartet . Ich erinnere mich zwar nicht , daß hier in Paduren eine Warthe schon einmal ihre Verlobung aufgelöst hätte , das ist für die Familie auch immer unangenehm , aber unter diesen Umständen bleibt uns wohl nichts anderes übrig . Hättest du beizeiten meine Warnungen gehört , so wäre uns viel Kummer erspart worden . Aber lassen wir das jetzt , dieser junge Mann ist erledigt . « Und er fuhr mit der Hand von oben nach unten durch die Luft , wie er es in solchen Fällen zu tun liebte . Fastrade wollte auffahren , wollte gegen diese bleiche Greisenhand protestieren , die über Dietz Egloff den Sargdeckel zuzuschlagen schien , aber sie schwieg . » Nun , und du wirst bald darüber hinwegkommen , « fuhr der Baron heiterer fort , » du hast deine Heimat , deinen Wirkungskreis , wir sind ja hier recht gemütlich beisammen , wer kann uns etwas vorwerfen , wer kann uns etwas tun , nun also . « Die Baronesse Arabella stand auf , ging zu Fastrade und küßte sie auf die Stirn , der Baron legte seine Hand auf Fastrades Hände , sie aber richtete sich auf , als täten diese Liebkosungen ihr wehe . » Sollen wir nicht lesen ? « sagte sie und griff nach St. Simons Memoiren . » Nun ja , « erwiderte der Baron , » dem steht jetzt wohl nichts im Wege . « » Lest , lest , « meinte die Baronesse , ihr tränenfeuchtes Gesicht lächelte , » ich bringe euch Orangen , es ist eben eine neue Sendung angekommen . « Siebzehntes Kapitel Spät am Abend kehrte Dietz Egloff von seiner Reise nach Hause zurück . Klaus empfing ihn im Flur , nahm ihm seine Sachen ab , fragte nach seinen Befehlen und tat das mit einer scheuen , traurigen Miene . Egloff entnahm daraus , daß die Nachricht vom Tode des armen Dachhausen ihm vorausgeeilt war . Im Saal kam ihm die Baronin entgegen , sie umarmte ihn , sie hatte geweint , und auch in ihrer Zärtlichkeit lag etwas Befangenes und Unsicheres . » Du wirst hungrig sein , mein Kind , « sagte sie , » du wirst gleich essen . « Egloff dankte , schlafen wollte er , nur das . » Ja , ja , « meinte die Baronin und streichelte seinen Rockärmel , » schlaf nur , mein Kind ; niemand wird dich stören . Wein und etwas Kaltes lasse ich dir auf dein Zimmer stellen , vielleicht daß du später etwas nimmst . « Auch Fräulein von Dussa kam , und in ihrem Händedruck lag etwas Pathetisches . Die beiden Damen begleiteten Egloff bis an die Tür seines Zimmers , und als er dieselbe hinter sich schloß , hörte er sie eine Weile noch miteinander flüstern . Er streckte sich auf sein Sofa aus und schloß die Augen , er war wirklich todmüde , aber was half es , so war es ihm schon auf der Fahrt ergangen ; sobald er die Augen schloß , mußte er das eben Erlebte wieder erleben . Es war wie eine Besessenheit , gleich sah er wieder das flache , mit Erlengebüsch bestandene Land dort an der polnischen Grenze im Lichte des bewölkten Morgens , mitten darin das Birkenwäldchen , grell weiß und grün wie ein neues Kinderspielzeug . Dort gingen die Herren auf und ab , maßen die Distanz , luden die Pistolen . Da war Bützow und der Leutnant von Klette , der junge von Teschen und Doktor Hansius . Egloff ging etwas abseits auf und ab , er hatte den Kragen seines Paletots aufgeschlagen , denn ihn fror . Auf der anderen Seite sah er Dachhausen hin-und hergehen , und er mußte lächeln über die breitspurige und würdige Art , in der die kleine Gestalt einherschritt . Ein guter Junge , dachte Egloff . Von Jugend auf kannten sie sich , und Dachhausen hatte stets mit treuherziger , großer Bewunderung zu Egloff aufgesehen . Welch eine widerwärtige Komödie , daß man sich da hinstellen sollte und aufeinander schießen , und wie wichtig der kleine Dachhausen sich vorkam . Fräulein von Dussa , in ihrer boshaften Weise , hatte einmal gesagt , Dachhausens Augen haben mit den schönen Brauen und den langen Wimpern eine ganz tragische Aufmachung , mitten drin aber sitzen doch nur die harmlosen blauen Dachhausenschen Augen . Das war es , Dachhausen liebte das Pathos und hatte kein Glück damit . Geschäftig kam Bützow herangelaufen , das große Monokel ganz beschlagen von der feuchten Luft . » Ich denke , wir fangen an , « sagte er , » es ist alles bereit . « So stellten sie sich denn auf . Als die Gegner einander grüßten , als ihre Blicke sich begegneten , war Egloff versucht , dem alten Kameraden so vieler Jugendstreiche zuzulächeln , allein Dachhausens Gesicht blieb starr und ernst . Der Unparteiische begann zu zählen , Egloff schoß , er wußte nicht , hatte er gezielt , aber nach dem Schusse warf Dachhausen beide Arme empor , drehte sich und fiel zu Boden . Doktor Hansius und die anderen Herren liefen auf ihn zu und umgaben ihn . Egloff blieb auf seinem Platze stehen , er war sehr überrascht , das hatte er nicht erwartet . Endlich kam Bützow zu ihm herüber . » Lungenschuß , « sagte er leise , » schlimm . Wir werden ihn zum Kruge bringen müssen . « » Kann ich helfen ? « fragte Egloff . » Nicht nötig , « erwiderte Bützow , » es sind Leute da , mein Chauffeur und andere , fatale Geschichte « , und er eilte wieder fort . Egloff sah zu , wie die Leute kamen und Dachhausen forttrugen , und als er allein war , fing er an mit kleinen Schritten auf und ab zu gehen , über ihm im Laube flüsterte es , ein feiner Regen ging nieder . Er zog seinen Paletot an , weil ihn fror . Das erste Gefühl , das ihn überkam , war eine Art Erleichterung , etwas war von ihm genommen . Über den Ausgang solcher Affären denkt man ja nicht viel nach ; aber auf dem Grunde seines Bewußtseins hatte die Überzeugung geruht , daß er fallen würde , und nun lebte er . Gleich darauf erfaßte ihn ein ungewohntes , quälendes Erbarmen mit dem alten Freunde , der da so hilflos mit beiden Armen in die Luft gegriffen hatte und zur Erde gefallen war . Wozu das ? Das hatte er doch nicht gewollt . » Pfui Teufel « , brummte er und spie aus . Langsam ging er jetzt den andern nach , und seine Gedanken schlugen einen andern Weg ein . » Wäre ich gefallen , « sagte er sich , » dann hätte Fastrade um mich geweint , jetzt wird ihr Mitleid Dachhausen gehören , und sie ist mir unerreichbarer denn je . « Er mißgönnte Dachhausen dieses Mitleid . Was hatte der dumme , kleine Dachhausen solche Geschichten zu machen ? Im Duelle fallen , das paßte wirklich nicht zu ihm , das war eine dieser Wichtigtuereien , über die er ihn so oft als Knabe verspottet hatte . Egloff nahm seinen Hut ab und ließ sich das heiße Gesicht vom Regen kühlen . Nun war es ja auch gleich , verspielt war verspielt . Die feuchten Erlenblätter um ihn her dufteten stark , ein Hase setzte über den Weg , und Egloff folgte ihm in gewohnheitsmäßigem Interesse mit den Blicken . Vor dem Kruge angelangt , ging er in die Krugstube . Der Raum war unreinlich genug , roch nach kaltem Tabak und Fusel , ein graubärtiger Jude stand hinter dem Schenktische , ruhig und beschaulich , als sei nichts geschehen . » Guten Morgen , Herr Baron , « sagte er freundlich , » die Herren haben schlechtes Wetter , schade . « Doktor Hansius kam eilig in das Zimmer , um etwas zu bestellen . » Wie steht es ? « fragte Egloff . Hansius zuckte die Achseln . » Nicht gut « , meinte er und ging wieder . Auch die Herren von Klette und Teschen kamen , eine Zigarette rauchen ; sie standen einen Augenblick bei Egloff und berichteten . Es sah schlimm aus , er war nur selten bei Bewußtsein , die Katastrophe konnte bald eintreten . Die Unterhaltung verstummte jedoch , und die Herren fühlten sich behaglicher , als sie sich in die Fensternische zurückzogen und miteinander flüsterten . Die sympathische Person bin ich hier nicht , ging es Egloff durch den Kopf . Hansius erschien wieder in der Tür . Dieses Mal winkte er Egloff . » Ich glaube , er will Sie sehen , « sagte er . Egloff folgte dem Doktor in ein kleines , weiß getünchtes Zimmer , in dem ein Bett , ein Tisch und ein Stuhl standen . Dachhausen lag in seinen Kissen mit geschlossenen Augen ; sein Gesicht schien in der kurzen Zeit seltsam gealtert , es war spitz und gelb geworden . Der Doktor beugte sich über ihn , da öffnete er die Augen , ließ seinen teilnahmslosen , kalten Blick durch das Zimmer irren , wandte den Kopf zur Seite und machte mit der Hand eine müde , abwehrende Bewegung . Er schien etwas zu murmeln , Doktor Hansius beugte sich näher zu ihm , richtete sich dann auf und flüsterte Egloff zu : » Ich denke , Sie gehen . « » Was sagt er ? « fragte Egloff . » Er sagt Lydia « , erwiderte der Doktor . Egloff verließ das Zimmer . Draußen stieß Bützow zu ihm . » Hier ist schlechte Luft , « meinte er , » draußen wird es besser sein . « Sie gingen hinaus und schritten vor dem Hause in dem leise niederrinnenden Regen auf und ab . Bützow machte anfangs Redensarten über die fatale Affäre , bald ging er auf die vielen Hasen über , die es hier geben mußte und auf die kleinen , struppigen Bauernhunde , die so glänzend auf der Hasenjagd waren . Ab und zu schauten sie zur Krugstüre hinüber , als erwarteten sie eine Nachricht . Plötzlich blieb Bützow stehen . » Hören Sie , Egloff , « sagte er , » das ist nun so , wie es ist , aber essen muß der Mensch , ich habe einen Wolfshunger , Sie nicht ? « Egloff hatte an seinen Hunger bisher nicht gedacht . » Gleichviel , « beschloß der Graf , » kommen Sie zu meinem Wagen , dort habe ich was zu essen . « Sie gingen zu Bützows Automobil und stiegen hinein . Bützow packte seine Vorräte aus . » Sehen Sie , da ist Leberpastete , da ist kalte Pute , hier etwas Kaviar , da ist Schnaps und Rotwein « ; und sie begannen zu essen , Egloff fühlte erst jetzt , daß er hungrig war , und das Essen bereitete ihm ein intensives Vergnügen . Es war auch wirklich gemütlich hier in dem hübschen gepolsterten Raume , der Regen knisterte an den Fensterscheiben , Bützow wurde ordentlich heiter , er sprach von seinem Koch , der eine Perle war , kritisierte das Essen auf den Schlössern . Bei Ports aß man schlecht , aber sie hatten eine Spezialität , kleine Speckpasteten , die waren delikat . Bei Teschens war die Fischsuppe gewöhnlich gut . Egloff berichtete von Speisen , die er auf seinen Reisen gegessen , von einer gefüllten Pute , die in einem griechischen Haushalt serviert worden war , gefüllt mit Reis , Pistazien , Mandeln und trockenen Feigen . Als die Mahlzeit jedoch beendet und Egloff satt war , fiel die gemütliche Stimmung sofort wieder von ihm ab . Der Raum wurde ihm zu enge , und Bützow mit seinem Geschwätz und seinem zu starken englischen Parfüm war ihm unerträglich . » Steigen wir aus « , schlug er vor . Draußen kam ihnen der Leutnant von Klette entgegen , ernst und feierlich . » Es ist aus « , murmelte er . Man stand schweigend beisammen , bis Bützow sagte : » Sehr traurig , sehr traurig , aber dann können wir wohl fahren , ich bringe Sie zur Station , Egloff . « Allein Egloff wollte den Toten sehen . Dachhausen lag da im kleinen Krugzimmer , das bleiche Gesicht hatte jetzt wieder seinen friedlichen , harmlosen Ausdruck , an den Augen die Linien , welche die freundlichen Falten seines stets bereiten Lachens eingegraben ; es war wieder das gute Gesicht , auf dem nichts von Leiden , nichts von einer Geschichte geschrieben stand . Egloff schaute ihn an mit einer wunderlichen Mischung von Mitleid und Verachtung . Es schien fast widersinnig , daß er so streng und bleich dalag , der arme Junge konnte selbst im Tode nicht ernst genommen werden . Egloff wandte sich ab , verabschiedete sich von den Herren mit einem kühlen Händedruck und ging hinaus , um zu Bützow in das Automobil zu steigen . Nun kam die Reise mit ihrem traumhaften Wiedererleben des Erlebten ; es war Egloff unmöglich , an das zu denken , was kommen würde , immer wieder stand das Vergangene ihm vor Augen , und mitten darin immer wieder Dachhausen , Dachhausen sich breit und wichtig auf die Mensur stellend , Dachhausen , wie er hilflos mit den Armen durch die Luft fuhr und zu Boden fiel , Dachhausen , wie er bleich und still im Bette lag . Und ein Ingrimm erwachte in Egloff , wie einfach und klar wäre die Lösung gewesen , wenn er , Egloff , gefallen wäre . Ja , er wußte es jetzt , er hatte bestimmt darauf gerechnet , und nun kam dieser Mensch und verwirrte alles wieder . Dort in der kleinen weißen Krugstube wie Dachhausen dazuliegen , welche Ruhe ! Ja , welche Ruhe , Egloff streckte sich auf seinem Sofa . Draußen vom Saale her klangen die Töne eines Harmoniums herüber , Egloff entsann sich , es war heute Sonnabend , und da pflegte stets eine Abendandacht mit den Leuten stattzufinden . Er erhob sich und ging hinaus . Fräulein Dussa saß am Harmonium , die Baronin neben ihr , die Bibel auf den Knien , in der Tür standen die Mägde und die Diener und der Koch . Egloff setzte sich am anderen Ende des Saales in einen Sessel , dort hatte er schon als Kind während dieser Andachten gesessen , damals waren ihm die Augen vor Schläfrigkeit zugefallen , und die Flammen der Kerzen hatten sich in krause Bündel kleiner goldener Blitze aufgelöst . » Aus tiefer Not schrei ich zu dir « , wurde angestimmt . Starke , ein wenig heisere Stimmen riefen die feierliche Leidenschaftlichkeit der Melodie in den Saal hinein und mischten in die Andacht die Schläfrigkeit des Feierabends . Wie einst als Kind , empfand Egloff diese Töne als große , ruhige Wellen , die ihn nahmen , hoben und wiegten , und die krankhafte Spannung seiner Nerven löste sich . Nach dem Choral las die Baronin den zweiten Psalm in ihrer klagenden , ermahnenden Weise , nur daß die Stimme zuweilen zu zittern begann und in einer aufsteigenden Rührung zu versagen drohte . Den Schluß machte ein gemeinsames Gebet , ein gleichmäßiges Murmeln , das dem kleinen Dietz früher der Inbegriff des Heiligen geschienen hatte . Egloff stand leise auf und ging in sein Zimmer hinüber . Das hatte ihm wohlgetan , es war stiller in ihm geworden . Er aß ein wenig , trank ein Glas Wein und setzte sich in seinen großen Sessel . Das angenehme Gefühl , mit dem wir bemerken , daß ein bohrender Schmerz , der uns quälte , plötzlich nachgelassen hat , erfüllte auch ihn , als er feststellte , daß er nicht mehr an Dachhausen zu denken brauchte . Er schloß die Augen und mußte eine Weile geschlafen haben , denn er träumte eine kurze Traumvision , Fastrade kam in die Auerhahnhütte in ihrem blauen Reitkleide , das Gesicht rund und rosig , das Haar unnatürlich golden , und mit ihr kam viel Sonnenschein in das Zimmer , ein Sonnenschein so gelb , wie er ihn nur als Kind gesehen zu haben glaubte , wenn der kleine Dietz morgens im Bette lag und die Wärterin die Fensterläden öffnete und die Morgensonne hereinließ . Das Gefühl der Freude mußte für den Traum zu stark sein , denn er erwachte . Still saß er da , um das Traumgefühl festzuhalten , bis die Gegenwart unerbittlich und unentrinnbar alles verlöschte . Da empfand er ein Gefühl des Alleinseins , wie es ihn so stark noch nie ergriffen hatte . Menschen waren ihm stets ein Bedürfnis gewesen , allein er hatte es nie recht verstanden , ihnen nahe zu sein , jetzt jedoch schienen alle Fäden , die ihn mit den anderen verbanden , zerrissen , und die eine , in deren Gegenwart er sich nie allein gefühlt , war ihm unendlich fern . Seltsam war es immerhin , daß er mit diesem Dietz Egloff bis an das Ende gehen sollte . Und vielleicht war es ein Aberglaube , die Welt war doch so groß , konnte er nicht dort irgendwo weit fort auftauchen , als ein anderer und Neuer ? Das Leben Dietz Egloffs war zwar verdorben und verspielt , aber das Leben ohne Dietz Egloff war ganz uninteressant . So sank denn die Einsamkeit auf ihn nieder wie etwas Körperliches , wie etwas Kaltes und Hartes , schnürte ihn ein wie eine Rüstung . Die kleine Uhr auf dem Spiegeltisch schlug elf mit ihrem dünnen , hellen Tolle , der einer Kinderstimme glich . Egloff klingelte Klaus und befahl ihm , Ali zu satteln , ging darauf in sein Ankleidezimmer , sich für den Ritt umzukleiden . Als er fertig war und eben hinausgehen wollte , blieb er einen Augenblick vor seinem Schreibtische stehen , auf dem ein Paket Briefe lag , obenauf ein großer Brief von Mehrenstein . Mit Ekel schob er sie beiseite , die sollten nur uneröffnet bleiben . Ali war munterer denn je , und da Egloff ihn laufen ließ , jagte er in vollem Galopp die Landstraße entlang . Wieder kamen sie an Wiesen vorüber , über die der Nebel hinspann , wieder schlug die Nachtigall in den Erlen , und Harmonikaklänge irrten durch die Nacht , aber heute kam das Egloff nicht nahe , es zog vorüber wie das Leben , auf das wir aus dem Kupeefenster mit reisemüden Augen herabsehen . Aber Ali war so ausgelassen , daß Egloff auf ihn achtgeben mußte , und die Arbeit am Pferde zerstreute ihn ein wenig . So jagten sie die Padurensche Birkenallee hinab , und vor dem Parkgitter hielten sie . Dunkel und schweigend mit seinen geschlossenen Fensterläden stand das alte Haus zwischen den großen Kastanienbäumen , die alle ihre Blüten aufgesteckt hatten mitten in dem schwülen Dufte seines Gartens , und der bleiche Reiter vor dem Parktor starrte lange durch die Dämmerung zu ihm hinüber . Ali jedoch war unruhig und ließ sich endlich nicht mehr halten . » Geh « , murmelte Egloff , und in tollem Ritte ging es jetzt über die Landstraße dem Walde zu . Im Walde war es dunkel und so stille , daß die Hufschläge des Pferdes widerhallten wie in verlassenen Kreuzgängen . Vor der Auerhahnhütte blieb All von selbst stehen . Egloff stieg ab und führte das Tier , das ganz in Schaum war , beiseite unter die Zweige einer großen Tanne . » Tüchtig ausgelaufen , was , mein Alter « , sprach er ihm liebevoll zu , er löste ihm den Sattelgurt und den Kopfriemen , bedeckte leicht mit der linken Hand das Auge des Pferdes , zog mit der rechten seinen Revolver heraus , drückte ihn gegen Alis Ohr und schoß ab . Ein Zittern ging durch den ganzen Körper des Tieres , dann brach es mit allen vier Läufen zusammen , zuckte ein wenig und lag still da . Egloff beugte sich zu ihm nieder , strich ihm mit der Hand über die Mähne und murmelte : » So , mein Alter , mehr ist nicht daran , man streckt sich ein wenig und dann ist ' s aus , mehr ist nicht daran . « Er richtete sich auf und ging langsam zur Hütte hinüber . Vor der Tür blieb er einen Augenblick stehen und schaute in die Nacht hinein . Durch die schwarzen Tannenwipfel blitzten Sterne , auf der kleinen Waldwiese lag Nebel , und ein Nachtvogel flog lautlos nahe der Erde durch die weißen Schleier hin . Egloff öffnete die Tür zur Hütte und zog sie hinter sich zu . - Früh morgens wurde Fastrade von ihrem Mädchen geweckt . Der Förster aus Sirow sei da , hieß es , er wolle das gnädige Fräulein sprechen , es sei etwas mit dem jungen Herrn geschehen , vielleicht wolle das