europäischer Soldaten genügen würde , um die ganze Bewegung zu ersticken , fühlten sich schon als große Chinakenner . Aber die Chinesen wußten es besser . Wußten , daß nur der letzte endgültige Befehl noch fehlte . Dann plötzlich ward bekannt , daß die Kaiserin aus dem Sommerpalast , wo sie , wie alljährlich , die heißen Monate verbringen wollte , ganz unerwarteterweise in die Stadt zurückgekehrt sei . Bedeutete das Krieg , bedeutete es Frieden ? Niemand wußte Genaues . Gerüchte und Vermutungen schwirrten durcheinander . General Tung fu hsiang , der einstmalige Rebell und spätere grausame Unterdrücker eines Aufstandes mohammedanischer Chinesen , hatte mit seinen wilden Truppen die göttliche Mutter von den Bergen nach Peking eskortiert . War aber sein Einfluß etwa im Steigen , so ließ das Schlimmes befürchten , denn seine Roheit und Blutgier waren allbekannt . Der Bischof , der an dem Morgen gerade im Gesandtschaftsviertel gewesen , hatte dort lange verweilen müssen , ehe er in den im äußeren Teil der Kaiserstadt gelegenen Petang zurückkehren konnte , da während kaiserlicher Umzüge niemand sich auf den Straßen blicken lassen durfte . Das Ende des Trosses hatte er aber noch gesehen , Scharen unheimlich verwegener Gestalten , Gesellen , die zu allem entschlossen schienen ; hatte auch die berüchtigten hohen Fahnen Tung fu hsiangs gesehen , von deren dunkelblauem Samtgrund die großen feurigroten Zeichen herabkreischten , gleich einer unheilverkündenden Blutschrift , von Riesenfaust frech hingeschmiert . Der Vetter Sin schen hatte bei Li lien ying gehört , der Ta a ko würde alle Tage anmaßender ; er trete der sonst von allen gefürchteten Herrscherin neuerdings mit Keckheit entgegen , und den bleichen Kwang Hsü beschimpfe er gar » Fremdenschüler « . Sollte die Kaiserin etwa selbst schon eine halb Gefangene in der Hand derer sein , die sie gerufen und die sie nun nicht mehr zu bannen vermochte ? Bei der geheimnisvollen Abgeschiedenheit , in der der Hof hinter den purpurnen Mauern lebte , konnten Außenstehende ja nie ermessen , ob die unter den goldenen Dächern angeblich Herrschenden nicht vielleicht selbst längst schon Beherrschte waren . Der Vetter Wang pao wollte dagegen wissen , die Kaiserin sei sehr erzürnt über die Zerstörung der Pao- durch die Boxer . Yung Lu habe ihr diese Nachricht in den Sommerpalast gebracht und sie noch einmal dringend vor Tuan und allen Boxern gewarnt . Er werde hierin unterstützt von dem erfahrenen und vorsichtigen Prinzen Ching , der seit Jahren , als Mitglied des Tsungli-Yamen , die Beziehungen zu den Ausländern vermittelte , und der von einer später etwa beweisbaren Konnivenz der Regierung mit den fremdenfeindlichen Aufrührern die schlimmsten Folgen für Land und Dynastie voraussage . Aus diesen Erwägungen sei die gnadenreiche Gegenwart in die Stadt zurückgekehrt , und nun würde sie endlich Ruhe stiften , die Schuldigen bestrafen und mit den Fremden Frieden schließen . Es sei ja nicht anders denkbar . Dieser Mittsommerwahnsinn dauere wahrlich schon lange genug . Die Vernunft müsse doch schließlich siegen . Doch es kam anders . Das nächste , was man erfuhr , war die Ernennung des Prinzen Tuan zum Chef des Tsungli-Yamen . Und wie um zu zeigen , welcher Geist den Fremden gegenüber nunmehr walten solle , wurden die Tribünen des den Ausländern gehörenden Rennplatzes von den Boxern in Brand gesteckt , wobei sie den chinesischen Wächter , als Fremdenknecht , in den Flammen rösteten . Beinahe gleichzeitig sahen sich junge Herren einer Gesandtschaft bei einem Spazierritt von Bewaffneten angegriffen , vor deren Uebermacht sie sich nur durch eiligste Flucht und etliche Revolverschüsse retten konnten . Diese Vorkommnisse rüttelten endlich auch jene auf , die bisher fest an dem Glaubenssatz gehalten , daß die Unantastbarkeit fremder Gesandtschaftsmitglieder ein auch im fernsten Osten geltender Grundbegriff internationalen Verkehrs sei . Noch mehr wurden sie aus diesem Wahn gerissen , da , als erster der Ihrigen , ein japanischer Gesandtschafts-Kanzlist , in einem Maultierkarren durch die Straßen fahrend , von Soldaten Tung fu hsiangs ermordet wurde . Tiefste Bestürzung folgte nun auf höchste Sorglosigkeit , und der erste Gedanke war : » Ja , wenn dies alles wirklich bitterer Ernst ist , dann sind die Gesandtschaftswachen allerdings viel zu klein ! « Von allen Ta-jens , so erzählten die Boys , war in wilder Hast an die verschiedenen Geschwaderchefs nach Taku gedrahtet worden . Prestige und Symbole mochten theoretisch von höchstem Werte sein , aber jetzt wollte man doch lieber Schutztruppen haben , und zwar viele , recht viele ! Und rasch , möglichst rasch ! - Aber die Zeit für all das war vorüber . Die Truppen waren zwar alsobald von Tientsin aufgebrochen , aber sie langten nicht an . Die Bahn , auf der sie kommen sollten , war zerstört . Und auch die telegraphische Verbindung , die bis dahin noch bestanden , war plötzlich ebenfalls vernichtet . Gerade in diesem Augenblick , wie auf geheimen Befehl . Und das ganze Land , von den tempelbesäten westlichen Bergen und den dräuenden Mauern Pekings bis hinab zu den Sümpfen Tientsins , war erfüllt von Myriaden fremdenfeindlicher Menschen : von fanatischen Boxerhorden , mit Schwertern und Hellebarden , von modern bewaffneten regulären Truppen , die , durch jene mit fortgerissen , ihnen nun blind folgten . Dazu kamen all die durch die Dürre Verarmten , die , verzweifelnd , sich an denen rächen wollten , die ihnen als Urheber alles Uebels genannt wurden - und schließlich noch Tausende solcher , die es in allen Ländern gibt , die glauben , daß sie nichts zu verlieren haben , sondern daß , was auch kommen möge , für sie nur Gewinn bringen könne . Keine von Matrosen eilig improvisierte Hilfskolonne vermochte durch diese Massen rasch vorzudringen ! - Statt dessen tönten ununterbrochen hinter den Mauern der großen grauen Stadt die Gongs und langen Trompeten der Aufrührer mit schauerlichem Dröhnen durch die Nacht . Unheimliche eherne Stimmen , die die einen zu Mord und Raub , zu Schändung Lebender und Toter einluden , und den anderen höhnisch zuzurufen schienen , daß jetzt die Stunde gekommen , wo sie mit dem Leben zahlen sollten , für eigene oder fremde Schuld und Verblendung . - Bei dem Klang erwachte das Entsetzen , schlüpfte tausendfältig aus allen dunklen Winkeln hervor , kroch , riesengroß werdend , die Rücken empor , umkrallte starke Herzen mit stärkerem Griffe , preßte sie zusammen , daß der Atem nur noch keuchend ging . Auch Tschun hörte die Klänge die ganze Nacht und dachte , daß es Unheimlicheres nicht geben könne , als all die Vorstellungen , die sie heraufbeschworen . Aber dann war , was die nächsten Tage brachten , doch noch ungeheuerlicher als die Visionen , die die Angst in der Finsternis gemalt . Die Ermordung des japanischen Kanzlisten hatte unter den Aufrührern wilden Jubel entfesselt . Der Kopf des Unglücklichen wurde , auf eine Pike gespießt , von den johlenden Horden durch die Straßen getragen , während sein Herz , aus dem Leichnam geschnitten , dem General Tung fu hsiang von seinen Soldaten stolz dargebracht worden war . » Er habe sich über diese erste Trophäe im heiligen Krieg gegen die Fremden sehr gefreut , « hatte Sin schen vernommen . - Wer aber , neben dem Miterleben der wirklichen Geschehnisse , etwa noch Zeit und Sinn für ihre offizielle journalistische Darstellung behielt , der konnte in der ehrwürdigen » Pekinger Zeitung « lesen , daß es nur die zufällige Tat einiger Räuber gewesen , der dieser Fremde zum Opfer gefallen . Doch schon dürstete die Menge nach neuem Blut . Und plötzlich loderten die ersten großen Feuer auf . Allerwärts mehrten sie sich . Allerwärts sprühten Funkengarben , stiegen glühende Säulen empor . Und so dicht quoll der Rauch , daß der Himmel verschwunden schien in dieser Hölle . Nur wenige Tage und sämtliche Gebäude der Fremden , die sich nicht in dem von den Gesandtschaftswachen besetzten Gebiet befanden , standen in Flammen . Denn hier vor den Boxern da waren sie alle gleich . Gleich auch die Missionshäuser und Kirchen der verschiedenen Arten von Christentum , in dem Schicksal , das ihnen bereitet wurde . Teuflische Scharen jagten heran , Säbel und Fackeln schwingend ; brüllend in wildem Tanz , mit seltsam rhythmischen Sprüngen und Kontorsionen , gossen sie Petroleum kannenweise auf alles in der langen Dürre vertrocknete Holzwerk der Gebäude , entzündeten es unter Anrufung von Geistern und Göttern . Aber während die protestantischen Missionare mit ihren Familien und Schülern sich meist rechtzeitig in ihre Gesandtschaften hatten retten können , waren die katholischen Priester und Nonnen mit ihren Konvertiten in den Klöstern geblieben . Dort fanden manche ihr Ende . Den Anfang bildete des heiligen Josephs Kirche , der Tungtang , wo , ehe es möglich gewesen , ihnen zu Hilfe zu eilen , Hunderte von chinesischen Christinnen gefoltert starben , während der Pater über einem Scheiterhaufen gekreuzigt wurde . Dann folgte die entlegene Kirche der sieben Schmerzen , Sitang benannt . Und gleichzeitig ward auch schon der Nantang angegriffen . Das war die älteste Kathedrale Pekings . Dort hatte vor über zweihundert Jahren der gelehrte Jesuitenpater Adam Schall aus Köln gelebt , so hochgeschätzt von Schun-tschi , dem ersten Kaiser der gegenwärtigen Dynastie , daß dieser ihn zu seinem Hofastronomen ernannt , ihm allezeit Zutritt zu sich gewährt und seine deutschen Ahnen noch im Jenseits mit posthumen chinesischen Ehren bedacht hatte . Und auch Pater Verbiest , der Verfertiger der Instrumente des Observatoriums , hatte dann dort unter Kaiser Khang schi gewirkt und diesen berühmten Herrscher , durch den Guß von Kanonen , die er mit Heiligenbildern geschmückt , so sehr für sich eingenommen , daß dieser seinen Zobelpelz von den kaiserlichen Schultern gestreift und ihn dem Priester umgehängt hatte . - Doch was nutzten die Ehrenbezeigungen , die jene unter früheren Herrschern erfahren ! Der Nantang und seine Bewohner sollten darum von den heutigen Machthabern nicht weniger leiden ! - Unter den Führern , die vom Chun tschi-Tor aus den Angriff leiteten , wollte ja Sin schen , der in dieser Gegend wohnte , Kang yi und den Herzog Lan erkannt haben . Sie selbst hätten die Boxer angeeifert und ihnen gezeigt , wo die Feuer anzulegen . Rauch und Geruch des verbrennenden Fleisches der Teufel zweiten Grades seien indessen so widerlich geworden , daß sie sich die Nasen hätten zuhalten müssen . Von einem Flügel beim südlichen Teich der Kaiserstadt habe währenddem Tzü Hsi mit Li lien ying dem furchtbaren Schauspiel zugeschaut . Tschun konnte sich die Gewaltige dabei wohl vorstellen ! Von den nahen Gesandtschaften aus war dann aber ein Hilfezug zum Nantang unternommen worden , und wenn zwar die Kirche bereits in Trümmern lag und sogar der alte Kirchhof zerstört und geschändet worden , so war es doch gelungen , die Priester , Nonnen und einige der eingeborenen Christen noch zu retten . - Nach diesen Geschehnissen war vorauszusehen , daß die Boxer , die im Sitang ihr Werk beendet und im Nantang an seiner gänzlichen Vollendung gehindert worden waren , sich jetzt nach einem neuen Tätigkeitsfeld umschauen würden . - Zwischen jenen beiden Kirchen aber lag das Gebiet , wo sich , als letzte noch unversehrte Kirche , der Petang erhob . Dort herum wohnten auch viele einheimische Christen . - Dies Viertel sollte das nächste Ziel sein . Tschun befand sich mit seiner in den letzten Tagen besonders kränkelnden Mutter in ihrem Häuschen , als er plötzlich ein noch aus der Ferne tönendes , aber näher und näher kommendes Lärmen vernahm . Ein Brüllen , wie von tausend wilden Tieren war es , und vor ihm her und schon in größerer Nähe ein Kreischen anderer Stimmen in höchster Angst . - Entsetzt stürzte er an die Haustür und spähte hinaus in die Straße . Da jagten auch schon Fliehende an ihm vorbei ; Männer und Frauen , die Kinder nach sich zerrten , oder Kleiderbündel und Einrichtungsstücke keuchend schleppten , alles offenbar in wilder Hast aufgelesen , ohne Ueberlegung , wie es ihnen eben gerade bei plötzlicher äußerster Gefahr in die Hand gekommen sein mochte . Eine Frau hatte einen kleinen Bambusbauer ergriffen , in dem eine zahme Zikade saß , ein Mann trug ein Hündchen und lallte , blödsinnig vor Schreck geworden , unverständliche Worte vor sich hin . - » Sie kommen ! Sie kommen ! « schrien die Flüchtenden . Und das Brüllen hinter ihnen klang nun schon näher . In diesem Augenblick aber , wo Tschun angstvoll überlegte , was zu tun , stand plötzlich eine hohe , hagere Gestalt , in weitem Gewand und staubfarbenem Turban , vor ihm . Es war der Einsiedler vom Tempel der tiefen Beschaulichkeit . Seit der Begegnung auf der Stadtmauer war er ein paarmal so aufgetaucht , immer verfallener aussehend , und Tschun hatte ihm dann stets etwas Essen gegeben . » Dem Himmel sei Dank , ich komme zur Zeit ! « sagte der Alte atemlos . » Sobald ich hörte , daß diese Blutdürstigen sich jetzt hierher wenden wollen , lief ich auf Nebengassen her , Dich zu warnen . Augenblicklich plündern und sengen sie noch längs des Weges , aber sie werden bald hier sein . Du darfst keinen Augenblick mit Deiner Mutter säumen . Ihr müßt Euch zu Euren Priestern in den Petang retten . « Mit diesen Worten war er auch schon mit Tschun im Zimmer der Mutter . Doch diese sträubte sich : » Mag Tschun sich allein retten , aber mich laßt hier , « stöhnte sie , » ich bin eine kranke alte Frau , die doch bald sterben wird . « » Dann wollt Ihr also schuld daran sein , daß Tschun hier mit Euch umkommt , denn er wird Euch nie verlassen , das wißt Ihr doch , « sagte der Einsiedler beinahe hart . Das gab den Ausschlag . Von den beiden halb getragen , verließ die Mutter endlich ihr Häuschen . » Eilt Euch ! Eilt Euch ! « schrien Menschen , die in der Straße an ihnen vorüberrasten . » Sie kommen ! Sie sind dicht hinter uns ! « So schnell es eben ging , schleppten die beiden die kranke Frau weiter . Nicht mehr entfernt vom Petang waren sie jetzt . Aber da tauchten hinter ihnen die ersten vereinzelten Boxer auf Sie kamen näher . Im Laufen zurückblickend , ermaß der Einsiedler , daß der Raum zwischen ihnen und jenen sich verringerte . Sie würden bald eingeholt sein . » Du mußt es möglich machen , Deine Mutter allein in den Petang zu schaffen , « entschied er rasch , » ich werde indessen diese Wilden von Euch zurückzuhalten suchen . Aber eile Dich - ich weiß nicht , wie lang es mir gelingen wird . « Tschun versuchte zu widersprechen . » Wer weiß , ob sie nicht sogar Euch bedrohen werden . « » Sei unbesorgt , « antwortete der Alte , » sie können doch nicht ganz vergessen , daß ich ein Jünger Gautamas bin . « Und mit einer Kraft , die niemand in den schlotternden Gliedern vermutet hätte , hob er dabei auch schon die alte Frau Tschun auf den Rücken . Der keuchte mit seiner Last weiter . Der Einsiedler selbst aber drehte sich um , und mit hoch erhobenen Armen und abwehrend ausgestreckten Händen , schritt er völlig unerschrocken den schauerlichen Gestalten entgegen . Sobald die Boxer die sonderbare Erscheinung gewahrten , die , statt zu fliehen , auf sie zukam , stutzten sie und blieben stehen . Und dann geschah etwas Seltsames . In einer Sprache , die sie nie vernommen , begann der Alte auf die Aufrührer einzureden . Er sprach von Buddha und seinen Lehren , von der Gier , die der Anfang aller Schuld und alles Leides ist , von dem Gebot , kein Leben gewaltsam zu kürzen , sondern in Mitleid sich eins zu fühlen mit jeder Kreatur . Und er sprach vom letzten Ziel und Ende , der Erlösung vom Sein , dem Nirwana , das durch jede eigensüchtige Tat in weitere Fernen entschwindet . Zuerst hatte er nur mit dem einen Gedanken gesprochen , die Mordlustigen aufzuhalten , um Tschun einen weiteren Vorsprung zu geben . Aber allmählich vergaß er seinen ursprünglichen Zweck , vergaß die ganze Wirklichkeit , redete sich selbst in einen Rausch , eine Verzückung . Jahre waren vergangen , ohne daß er den Klang der eigenen Heimatsprache vernommen . Jetzt stieg mit den langschlummernden Tönen auch das Bild seines fernen Landes wieder vor ihm auf . Und , hingerissen von der Erinnerung , und mit einem seligen Lächeln auf den Lippen , schilderte er , in glühender Vision , die Orte , wo Gautama einst lebend geweilt , die heiligen Tempel , die ihm seitdem erstanden . Und er sang die Gebete und Lobpreisungen , die dort Tag und Nacht dem Vollendeten zu Ehren erschallen . Ohne ein Wort zu verstehen , aber starr und wie gebannt , lauschten ihm die Männer mit den Schwertern und Hellebarden , den Glückszeichen auf der Stirn und den roten Gürteln und Fahnen . Diese , in einem durch erschütternde Kontorsionen in einer dem Wahnsinn nahen Nervenüberreizung Erhaltenen , in wunderlichstem Aberglauben Befangenen und in einer Welt des Uebernatürlichen Lebenden - sie wähnten , sie sähen in dem so plötzlich vor ihnen auftauchenden seltsamen Greise einen jener Geister , die sie selbst in ihren Uebungen anriefen . Und seine lange , unverständliche Rede , begleitet von weiten Gebärden der fleischlosen Arme , mußte sicherlich ein großer unbekannter Zauber sein - stärker vielleicht noch als ihre eigenen Beschwörungsformeln . - - Ehrfurchtsvoller Schauer hatte die Zuhörer der ersten Reihen ergriffen . Andere stauten sich immer dichter hinter ihnen , konnten nicht genau sehen noch hören , was da vorne eigentlich vorging , raunten sich nur leise zu , ein großer Weiser , ein gewaltiger Zauberer , sei da soeben erstanden ! Ein Geist ! Lao tse ! Oder vielleicht gar Yü huang selbst ! Der würde sie nunmehr führen ! Und schon wollten sie sich anbetend vor dem Greis niederwerfen , als plötzlich einer der Knaben , die ihre Scharen begleiteten , durch die Reihen vorschob , neugierig , den Wundermann auch zu sehen . Es war Mahan ! - Kaum aber hatte dieser den Alten erblickt , als er mit gellender Stimme zu schreien begann : » Das ist kein guter Zauberer ! Der kann keinen Regen schicken . Wir haben ihn gefüttert , und er sandte keinen Tropfen . Er ist ein falscher Zauberer ! Er ist unser Feind ! Ich selbst hörte ihn sagen , er könne das ganze Land und uns alle ins Nichts versinken lassen ! « Ein drohendes Murren ging durch die Menge . Aber noch unschlüssig starrten sie von dem unbekannten Greis auf den eigenen Geisterknaben . Doch immer heftiger und aufgeregter werdend , fuhr Mahan kreischend fort : » Und er spricht mit den fremden Teufeln ! - Ich sah ihn selbst draußen in den Bergen mit einer ihrer Frauen ! - Er ist selbst ein Fremder , ein fremder Teufel ! « - Kaum war das Wort gefallen , so ward es von der ersten Reihe der Boxer aufgegriffen . » Ein fremder Teufel ! « schrien sie wirr durcheinander , und die weiter zurückstehenden Hörer drängten vor : » Wo ? Wo ist er ? Tötet ihn ! Tötet ihn ! « Bei diesen Lauten war der Einsiedler verstummt . Als erwache er aus einem Traum , so stand er da . Starrte in die Wirklichkeit , ohne zu wissen , wo er sich befand , noch was eigentlich geschehen . Aber das verklärte Lächeln , das seine Vision heraufbeschworen , lag noch auf seinen runzligen alten Lippen . » Tötet ihn ! Tötet ihn ! « umbrauste ihn dichter das Brüllen . Und der erste Schwerthieb sauste durch die Luft . Andere folgten . - Ohne einen Laut sank der Alte nieder . - Und über ihn wälzte sich die wilde Horde . Wie erbost , an einen falschen Zauber geglaubt zu haben , wollte jeder noch einmal sein Messer , seine Lanze in den armen stillen Körper stoßen . - Der lag längst leblos am Boden . Wie eine abgeworfene Schlangenhaut , eine überflüssig gewordene Sache . Sie aber schrien noch immer : » Tötet ihn ! Tötet ihn ! « - Keuchend und mit äußerster Anstrengung , den wüsten Lärm in den Ohren , hatte Tschun endlich mit der Mutter auf dem Rücken den Petang erreicht . Wie durch ein Wunder und als einer der allerletzten , denen es noch gelang , sich dahin zu retten . Und wie für die Tausende von anderen Unglücklichen öffnete sich auch ihnen das Tor . Unberührt sah Tschun an jenem Tage noch einmal die weiße Kathedrale , die , in den Erinnerungen an seine Kindheit , aufragte als hohes lichtes Gebilde . Unberührt die schneeigen Spitzbögen , die in Kreuzblumen auslaufenden Wimpergen über den Türen , die Krabben , das Maßwerk und die mittlere Fensterrose . Unbefleckt die granitenen Stufen , die zu der Kirche hinan führten . Unversehrt auch noch die zwei , zu beiden Seiten dieser Treppe wie Schildhäuschen vorgeschobenen echt chinesischen Pavillons , die , mit ihren bizarren Formen und bunten Verzierungen , ihren hochgeschwungenen leuchtenden Kacheldächern , einen überraschenden Kontrast bildeten zu den so ganz anderen Vorstellungskreisen entstammenden gotischen Gebäuden dahinter . Ja , überraschend wirkten sie , wie etwas , das eigentlich nicht in diese Welt des Petang hinein gehörte , und waren doch sehr wichtige , als besonders tatkräftig geltende Schildhäuschen , denn sie bargen ja die von großen Steinschildkröten getragenen Gedenkstelen , mit den Inschriften , die besagten , daß diese im dreizehnten Jahre der glorreichen Aera Kwang Hsüs eingeweihte christliche Kirche sich des gnädigen Wohlwollens und mächtigen Schutzes des Kaisers von China erfreue . Aber seit den Tagen , da solch schöne Gefühle in Stein eingemeißelt worden waren , hatte sich manches verändert . Und der Kaiser Kwang Hsü , selbst ein Gefangener und Unterdrückter geworden , vermochte in diesem , dem sechsundzwanzigsten Jahre seiner inzwischen weniger glorreich erscheinenden Aera niemand mehr zu schirmen , noch zu hindern , daß versprochener Schutz sich in heftigste Befehdung wandelte . - Am Abend desselben Tages schon erfolgte der erste Angriff der Boxer auf den Petang . Durch die Straße , die auf das Hauptportal mündet , sah man sie in großer Schar herankommen , Fackeln und Säbel schwingend , und Schreie ausstoßend , die an das Heulen wilder Bestien mahnten . Dann plötzlich hielten sie inne und warfen sich nieder , ihre Schutzgeister noch einmal anzurufen . Also gestärkt rasten sie nun heran wie Besessene . Doch da , als sie nur noch ein paar hundert Meter entfernt waren , erscholl im Innern das Kommando : » Feuer ! « Siebzehn Kugeln mähten die ersten Reihen der Angreifer nieder . Wie Karten sanken sie um ; und wieder ertönte das Kommando : » Feuer ! « Die zweite Salve krachte , die zweite Mahd fiel getroffen . Als der Rauch sich verzog , war der Platz von Angriffslustigen gesäubert . Tote lagen am Boden . Verwundete schleppten sich davon . In der Ferne sah man Flüchtende eilen , dicht an den Mauern sich hindrückend . Und es war gut , daß dieser erste Angriff für die Belagerten so glücklich verlief , und ohne daß einer von ihnen getroffen worden . Es stählte sie alle , die vor so ungeheurer Aufgabe standen . Vor allem beruhigte der Anblick der Boxerleichen die einheimischen Christen , denen , trotz aller Bekehrung , der nationale Hang zum Aberglauben doch in verborgenen Winkeln des Herzens stecken mochte . Der Beweis , daß die gefürchteten I ho Chüan sterblich wie andere seien , war unwiderleglich erbracht . All ihre Zauber waren unwirksam gegen europäische Kugeln gewesen . Trotz gelber Talismane mit seltsamen Figuren und Sprüchen , trotz den auf ihre Röcke und Flaggen genähten , ineinander verschlungenen zwei Fischen , dem Symbol des Yang und Ying , lagen die toten Boxer mit ausgebreiteten Armen am Boden , und die gemalten Glückszeichen auf ihren Stirnen starrten zum Himmel und hatten ihnen kein Glück gebracht . Ja , wären die Angreifer immer nur Boxer geblieben , die als Waffen bloß Schwerter und Lanzen kannten , so hätten die Verteidiger , trotz aller Uebermacht , eine verhältnismäßig leichte Aufgabe gehabt . - Aber ganz anders gefährliche Gegner sollten ihnen erstehen . Inzwischen wurden in aller Eile die so dringend notwendigen Befestigungswerke geschaffen . Vor allem war die Abteilung der Nonnen , die durch eine schmale Gasse vom Hauptkomplex getrennt gewesen , mit diesem durch starke Barrikaden vereinigt worden . Die Umfassungsmauern hatten Zinnen und Schießscharten erhalten . Alle Ausgänge waren geschlossen und durch Erdarbeiten gestützt . Tonnen , Bretter und Balken bildeten an verschiedenen Stellen Schutzwehren der Beobachtungsposten . Schanzen waren entstanden , sogar eine aus Ziegeln gebaute , die die Umfassungsmauer überragte und die ganze Straße beherrschte . Alle diese Verteidigungswerke waren von den zwei blutjungen Offizieren , die die vierzig Soldaten befehligten , geplant und angegeben , aber an ihrer Ausführung arbeiteten die vielen christlichen Flüchtlinge , unter Leitung verschiedener Priester und Seminaristen . Die fanden bald , wozu jeder sich am besten eigne , und wiesen die Arbeitsplätze an . Auch die Frauen und Kinder wurden angestellt . Sie schleppten Erde und Ziegel herbei . Und durch solch geregelt Tätigkeit kam doch wieder etwas Ordnungsmäßiges in das Dasein all dieser aus jeder vertrauten Lebensbedingung jäh gerissenen Menschen . Eine gewisse Aehnlichkeit wenigstens , ein Zusammenhang war geschaffen zwischen der außer dem Rahmen alles Denkbaren stehenden Existenz in einem belagerten Kloster und dem ihnen sonst gewohnten Alltagsleben . Ganz besonders aber wurde gleich an der Befestigung des Haupttores gearbeitet , denn das würde , wie schon der erste Angriff bewies , sicher am gefährdetsten sein . Die Portierlogen zu beiden Seiten waren mit Erde und Faschinenwerk umgeben und bildeten die Hauptschießstände . Ein geschützter Laufgraben verband sie . Und hinter dieser ersten Verteidigungslinie waren zwei weitere vorgesehen , mit Kasematten und hohen Erdwällen . - Doch diese zweiten Reihen , so dachte noch jedermann , würden schwerlich je gebraucht werden . Denn in den allernächsten Tagen mußte nun doch bestimmt Entsatz aus Tientsin eintreffen ! Man hatte ja durch chinesische Boten , die unter großen Gefahren vorgedrungen waren , Nachricht erhalten , daß eine starke Kolonne von dort nach Peking aufgebrochen sei ; freilich hieß es zugleich , daß sie unterwegs den Feind in ungeheuren Mengen angetroffen habe und sich fußweise vorwärtskämpfen müsse . Doch der Glaube an die Uebermacht , die europäische Waffen den nahenden Rettern verleihen mußten , war noch unerschüttert . Stündlich erwartete man ihr Erscheinen . Von dem Dach der Kathedrale wurde nach ihnen sehnsüchtig ausgespäht . Von dort aus beobachtete man auch die Bewegungen der Boxer . Ein Pater hielt oben immer Wacht und gab durch verabredete Trompetensignale den Offizieren unten Kunde , von welcher Seite Gefahr drohe . Um ausführlichere Nachrichten herabsenden zu können , hatten die Patres auch stets ein paar Konvertiten bei sich auf dem luftigen Auslug . Zu diesen zählte bald auch Tschun , denn er war dem Bischof ja wohlbekannt , und man betraute ihn gern mit einem verantwortlicheren Auftrag . Von hier oben ließ sich ermessen , wie viel vom alten Peking in diesen wenigen Tagen bereits vernichtet worden , von hier oben auch konnte man gewahren , wie das Zerstörungswerk weiter schritt . - Und Tschun sah eine ungeheure Feuersbrunst in der Chinesenstadt hinter dem Tschien men auflodern . Ganze Straßen mußten in Flammen stehen . Wer aber sollte da von solcher Verheerung getroffen werden ? Das war ja kein Fremdenviertel . Theater standen dort , große Restaurants , viele der schönsten Läden , vor allem die der Goldarbeiter und Schmuckverkäufer . Und plötzlich erinnerte sich Tschun angstvoll , daß in jener Gegend auch der alte Yang hung und der Großonkel Lin te i wohnten . Und wenn auch gerade diese beiden den Boxern kaum verdächtig sein konnten , so fürchtete er doch für sie . Immer weiter breitete sich der ungeheure Feuerschein über den Himmel . Immer mächtiger sprühten die Funkengarben in die Höhe . Wie eine schwarze Silhouette stand die Mauer der Tatarenstadt , stand noch der dräuende festungsartige Turm des Tschien men gegen den grell leuchtenden Flammenherd . Aber plötzlich krochen Rauchwolken aus seinen kleinen viereckigen Fenstern , die in alten glorreichen Tagen tatarischen Bogenschützen als Schießstände gedient . Flammenzungen schlugen aus ihnen hervor , schossen auch schon in ungeheuren Wirbeln aus dem hohen geschwungenen Dach . Es brannten die schweren Streckbalken burmesischen Teakholzes , die sechshundert Sommer ausgedörrt . Es brannte der ganze gewaltige Bau . Höher und höher sprangen die Flammen in rasendem Höllentanze , wuchsen empor zu einer einzigen , vielhundert Fuß hohen lodernden Säule . Und auf dem fernen Dach der weißen Kathedrale bekreuzigten sich schaudernd die Späher . Am nächsten Tage war für den Bischof ein Bote aus dem Gesandtschaftsviertel angelangt . Der erzählte dann , die Boxer hätten jenseits des Tschien men einen chinesischen Laden angezündet , als Strafe für den Besitzer , der mit europäischen Medizinen handelte . Aber weiter , als sie selbst wohl gedacht , hatte der Brand um sich gegriffen . Alle ihre angstvollen Gebete zum Feuergott nützten nichts : Das ganze Viertel lag vernichtet . Ja , das alte Tor selbst , das noch von den Mingherrschern stammte , und dessen Mitteltür sich nur für den Kaiser öffnete , hatte in der ungeheuren Glut Feuer gefangen und war zerstört . » Sie sollen darüber sehr betreten sein , « sagte der Bote , » weil darin ein schlechtes Omen für die Dynastie erblickt wird . « Tschun versuchte , etwas über seine eigenen alten Verwandten zu erfahren , aber der Bote antwortete nur achselzuckend : » Dort ist alles ein einziger Trümmerhaufen . « Ja , in dieser ersten