Und sind sie vorbeigeritten , so lauf wieder . Weißt du des Mareiners Haus ? « Das Mädel nickte an seinem Hals . » Kann sein , das Haus ist leer . Kann sein , ein altes , müdes Weibl ist da . Dem steck zwei güldene Pfennig in jeden Strumpf . Sag , die tät ihr einer schicken , der am Zäunl gestanden . Sonst tu kein Wörtl reden , nit von dir und nit von mir ! Und mach dich wieder davon ! « » Aber - « » Was ? « » Der ander Pfennig ? « Er küßte sie auf die Wange . » Den heb dir auf ! Von mir . « Sie schüttelte heftig den Kopf . » Das nit ! Darfst mir alles tun ! Das nit ! « Malimmes lachte . » Da mußt mir halt den überschichtigen Pfennig wieder bringen . « » Wann ? « Das Mädel schmiegte die Wange an seinen Hals . » Und wo ? « » Wenn ' s tagen will , kannst hinter dem Schwarzeck droben warten , auf dem Steig zum Hängmoos . Kann sein , ich komm . Kann auch sein , daß ich ausbleib . Da brauchst mich nimmer suchen . « Das hatte er ruhig gesagt . Und dennoch fing das Mädel , von dunkler Angst befallen , an seinem Hals zu zittern an . » Flink ! Tu folgen ! « Er packte sie fest , stellte sie auf die Füße und stand selber auf . » Mach weiter ! Ist nimmer viel Zeit . « Sie küßte ihn und suchte mit den Lippen die böse Narbe . Und flüsterte : » Wirst sehen , das heilet wieder . Ganz . Und da bist du der Schönste von allen . « Er gab ihr lachend einen Schlag auf die dralle Schattenseite . » Spring jetzt ! Flink ! « Traudi rannte davon und kam zurück . » Wenn aber das alte Weibl nimmer da ist ? « Eine Weile schwieg er . Dann sagte er hart : » Da tu , was du magst ! « Er hob den Bidenhänder aus dem Gras und lauschte gegen den Windbach . Hinter dem Leuthaus verhallte das flinke Schuhgeklapper des Mädels . Nun wieder die ruhige Nacht mit dem eintönigen Wellengesang im schwarzen Tal und mit den funkelnden Sternen in der stahlblauen Höhe . Nach dem Stande dieser weisenden Himmelslichter mußte Mitternacht schon lange vorüber sein . Da streckte sich Malimmes . Er hatte vom Windbach her ein Geräusch vernommen , wie wenn ein starker Brunnenstrahl auf einer hölzernen Kufe trommelt . Rasch verstärkte sich dieser Lärm und wurde zu einem Pochen von hundert eisernen Hämmern . Malimmes trat in den Hof , drückte das Tor zu und schob die zwei schweren Sperrbalken in die Zwingen . Mit ruhiger Hand bekreuzte er das Gesicht , zog den Bidenhänder blank und hakte die Lederscheide wie einen Gürtel um die Hüfte . Das Gehämmer dieser vielen Hufe kam immer näher , ohne seinen wirren Takt zu verlangsamen . » Es stimmt . Das geht vorbei . Die reiten zum Schwarzenbach . « Durch das Schuberloch des Tores guckte Malimmes auf die Straße hinunter . Nun kam ' s. Und das war wie ein langer , schwarzer , flinker , vielfüßiger Nachtdrache , der hurtig seine Ringe schob und die Stacheln seines Rückens auf und nieder zucken ließ . Nun tauchte das Ungeheuer , das aus der Finsternis gekommen , in die Finsternis hinein . Kamen bis in einer halben Stunde die flüchtenden Ramsauer auf ihrem andächtigen Bittgang nicht so weit , daß der schützende Mantel des heiligen Zeno sie umhüllte - dann wird dieser eisenschuppige Drache seinen Durst an ihnen stillen und Blut saufen . Das waren an die vierzig Reiter gewesen . So viele berittene Soldknechte unterhielt das Stift zu Berchtesgaden nicht . Es mußten auch die Domizellaren , die jüngeren Chorherren und die wehrhaften Bürgersöhne mit ausgeritten sein . Das Gehämmer der vielen Hufe klang schon wieder wie das Getrommel eines starken Brunnenstrahls auf einer hölzernen Wanne , wurde schwächer in der Ferne und versank im Rauschen der Ache . » Jetzt noch ein Stündl . Und die Raubleut kommen . « Malimmes schloß am Hagtor den Guckschuber , verwahrte den Bidenhänder in der Scheide und ging zum Haus hinüber . Aus den offenen Fenstern der großen Stube quoll ein trüber , zuckender Schein in die Nacht heraus . Der kam von den Talglampen , die neben dem Totenbrett des Haussohnes brannten . Und diesen Schein durchwirbelte der dünne , scharf duftende Rauch der Wacholderzweige , die zu Füßen des Toten in einem Kohlenbecken brannten . Lautlos trat Malimmes zu dem Fenster , das neben der Haustür war , und spähte in die Stube . Den Jakob , dessen Totenbrett auf der Erde lag , konnte er nicht sehen . Er sah nur den Qualm der Talglampen und die züngelnde Wacholderflamme , in der die brennenden Nadeln wie weißglühende Sternchen flogen . Und hinter diesem Schleier von Rauch und Licht gewahrte Malimmes die zwei schweigenden Menschen auf der Ofenbank . Runotter saß gebeugt , mit den Fäusten auf den Knien , und das niederhängende Grauhaar umhüllte sein Gesicht mit dunklem Schatten . So saß er regungslos . Nur manchmal hoben sich seine Schultern unter einem schweren Atemzug . Jula , deren Arme schlaff herunterhingen , hielt den Kopf an den Ofen gelehnt . Die langsam gleitenden Augen suchten im Leeren . Diese Augen waren heiß und trocken . Doch in der Blässe des versteinerten Gesichtes waren graue Striche , die vom Lampenruß beschmutzten Wege der eingedorrten Tränen . Immer machte Malimmes heimliche Zeichen zu ihr hin . Ihre irrenden Augen blieben blind . Und einmal , als Malimmes schon glaubte , sie hätte ihn gesehen , beugte sie sich nieder und legte einen frischen Wacholderzweig in die Glutpfanne . Das junge Feuer prasselte , und den wehenden Rauch durchflogen die blitzenden Sternchen . Mühsam atmend hob Runotter das Gesicht . » Geht nit die Nacht schon dem Morgen zu ? « » Ich weiß nit , Vater ! « Er sah sie an . Lange schwieg er . Dann sagte er langsam : » Geh , Kind , und such deine Ruh ! Für dich ist morgen auch wieder ein Tag . « » Laß mich bleiben ! « » Wär das erstemal , daß du deinem Vater nit recht geben tätst . « Jula stand auf . Und Runotter sagte : » Schau , Tod ist Tod , und Leben muß Leben sein . Und mir ist wohler , wenn ich weiß , daß du ein lützel Ruh hast . « Sie nickte . Lange blieb sie neben der sternigen Wacholderflamme stehen und sah auf die Erde hin . Dann ging sie zum Tisch - und kam zurück - und mit einer plumpen Schere schnitt sie an den Schultern ihre beiden Zöpfe ab . Sie beugte sich nieder und legte das schöne Haar wie eine Opfergabe auf die Füße des Bruders . Runotter hatte wehrend die Hand gestreckt . Er ließ sie fallen und schwieg . Während Jula sich aufrichtete , bekreuzte sie Gesicht und Brust . » Morgen , Vater ! « Sie ging zur Türe . Malimmes stand schon im Hausflur . Als Jula kam , machte er ein Schweigzeichen , faßte sie bei der Hand und zog sie hinaus in die Nacht und gegen den Wiesgarten hin . Die alten Ulmen , die das Haus dach überwölbten , rauschten leise im lauen Wind . Von den Gartenblumen war ein zarter Wohlgeruch in der Nacht , der sich mischte mit dem herben Wacholderduft an Julas Kleidern . Ketten rasselten in den Ställen , und zwei Kühe fingen zu brüllen an . Hatten sie den Schritt der Hirtin vernommen und erkannt ? Oder brüllten sie nur , weil sie müde waren und ziehende Euter hatten ? In der schwarzen Dunkelheit , in der die matt erleuchteten Fenster wie verweinte Augen hingen , lauschte und spähte Malimmes nach allen Seiten , während er noch immer Julas Handgelenk umklammert hielt . Sie fragte : » Mensch , was tust du ? « » Meinen Dienst als guter Knecht , der seinen Herren aus dem Elend lupfen will . « Sie fragte in der Verstörtheit ihres Schmerzes : » Kannst du lebig machen , was tot ist ? « » Das nit . « Malimmes sprach leise und ruhig . » Aber man kann beim Leben halten , was noch schnauft . Hinter dem Tod ist die Seligkeit . Aber was vor dem Sterben noch im irdischen Gärtl steht , ist auch nit schlecht . Ich sag : Der Herrgott soll dem toten Buben meines Herren gnädig sein , aber meinem Herren und seinem schnaufenden Kind soll er Gut im Leben erweisen . Gott ist allmächtig . Aber der Mensch muß mithelfen . Sonst mag der Herrgott nit . Am liebsten hilft Gott dem Stärksten . Drum hab ich ein lützel fürgesorgt - « Mit erstickten Lauten unterbrach ihn Jula : » Seit dem Abend hast du heimlich getrieben , ich weiß nit was . Der Vater hat nit sehen und hören können . Ich hab geschwiegen . Weil alles andre minder ist als meines Vaters Weh . Aber dir muß ich sagen - « Sie verstummte . » Sag ' s « » Du hast meines Vaters Wehr und Eisen heimlich vertragen . Ich muß mich sorgen , ob du ehrlich bist ? « Sie hörte einen Laut , der wie ein Kichern war und befreite in Zorn ihre Hand . » Mußt nit harb sein , Haustochter ! « Seine Stimme bekam einen Klang von zarter Herzlichkeit . » Ich bin halt so , daß ich allweis ein lützel lachen muß , wo ein Wehleidiger heulen möcht . Ich glaub , wenn ich sterb einmal , das wird ein Stündl wie die letzte Narretei in der Fasnacht . Aber wahr ist ' s , ich hab deines Vaters Wehr vertragen . Noch schlechter ! Ich hab deines Vaters Mägd verjagt , die dummen Gans , hab deines Vaters Mannsleut fortgeschickt , hab deines Vaters Gaul verschleppt , bin ein Spitzbub worden und hab deines Vaters schweren Sparbinkel heimlich aus dem Bodenloch gehoben , das ich ausgekundet hab . Dir sag ich ' s. Hätt ' s dein Vater gemerkt , so tat er ' s machen , wie die Herren im Gaden und tät mich des Unrechts zeihen , derweil ich recht tu . « » Mensch ? « » Erst laß mich alles sagen . Ein halbes Stündl ist noch Zeit - « » Zeit ? « » Bis die Raubleut kommen . Hast du die Reiter , die zum Schwarzenbach sausen , nit traben hören ? « » Der Vater hat ' s nit gemerkt . « » Die andern , die füßlings kommen , wird er merken . Mußt nit erschrecken ! Solche Händel hab ich schon viel erlebt , bald als Prügel und bald als Buckel . Die Herren kenn ich . Die Knecht noch besser . Und schau - Aber magst dich nit niederhocken ein lützel ? So viel zittern tust ! « » Ich steh . Red zu ! « » So schau ! Da drunten auf der Straß , wo der Seppi Ruechsam gelegen ist , da hab ich deinem Vater recht gegeben . Treu ist ein feines Ding . Aber die Herren haben jetzt nit die Augen dafür . Die andächtigen Ramsauer und ihr flinker Pfarrherr haben deines Vaters sauberen Boden vermistet . Und am Abend hab ich deinem Vater sagen müssen : Bauer , fort mußt ! Er hat den harten Kopf geschüttelt : Ich bleib und tu meinen Buben in geweihten Boden , und morgen geh ich zum Fürsten und hol mein Recht . « » So muß der Vater tun . « » Aber der Pfarrherr ist davongelaufen . Und beichtet den Herren , wie andächtig die Ramsauer sind . Und dein Vater wird morgen nit zum Fürsten gehen , weil der Fürst zu deinem Vater kommt , jetzt , in der Nacht . Nit selber . Fürsten schicken ihre Knecht , wenn der Weg ein harter ist . Und da wird dein Vater morgen keiner sein , der gekommen ist , sondern einer , den man geholt hat . So einer hat ' s nit gut . Das Leben ist diesmal ein spaßig Ding . Dem Lämmlein in der Einschickt geht ' s allweil härter als dem Fuchs unter hundert Wölfen . Wär dein Vater so andächtig auf die Wallfahrt gelaufen wie die Ramsauer , da tät er bei Landsverrat seines Lebens sicherer sein als jetzt , wo er redlich und treu geblieben . « Jula schüttelte stumm den Kopf und preßte die Stirn auf ihre Fäuste . » Schau ! Dein Vater hat einen Mangel wie die Sonn , von der die Blinden sagen , sie wär im Winter zu kühl und im Sommer zu hitzig . Dein Vater ist so übermäßig redlich , daß ihm die Mißtrauischen das nimmer glauben . Einer , dem man das Weib genommen ? Einer , dem man das Kind erschlagen ? Einer , vor dem die Herren sich schämen und fürchten müssen ? Wie sollen die Herren von dem noch glauben können : Der ist treu ? Tatst du das glauben ? Ich nit . Wie wahrhafter dein Väter vor dem Fürsten reden wird , um so hinterlistiger und verlogener wird ' s für die Herren ausschauen . Alles Übermaß im Leben ist von Übel . Auch beim Guten . Die Heiligen , eh man ihnen das Kerzl angezunden , sind doch allweil geschunden worden . Ein Heiliger braucht dein Vater nit werden . « Mit rauher Stimme fragte Jula : » Willst du dem Vater raten , daß er lügen soll und unrecht tun ? « » Das nit . Aber einer , der doppelt redlich ist , muß doppelte Fürsicht üben . Dein Vater wird im schiechen Loch liegen , er weiß nit wie . Kann sein , es geht sein Weg aus dem Loch wieder in die Freiheit . Völlig vernagelt ist ja die Menschheit noch allweil nit . Auch Herren werden nach schwerem Wein wieder nüchtern . Aber - « » Red ! « » Es kann auch sein , daß dein Vater sich vor lauter Redlichkeit um den Hals schwätzt . Daß er als Ramsauer büßen muß für die Untreu der Andächtigen . Und daß sein Weg aus dem Herrenloch zum roten Holz geht . « Verzweifelt faßte Jula den Soldknecht an der Brust . » Und da hast du ihm Eisen und Wehr verschleppt ! « » Ja , Gott sei Dank ! « Malimmes löste sanft diese zuckenden Hände von seinem Kittel . » Schau ! Dein Vater harret doch jetzt aufs Recht . Was kommt , wird ausschauen wie neues Unrecht . Und so redlich dein Vater ist , er ist doch allweil bloß ein Mensch . Da wird ihm der Zorn ins ehrliche Blut fahren . Und kriegt er ein Eisen zu fassen , so schlagt er zu . Schlagt vier oder fünfe nieder . Ein Dutzend rumpelt über ihn her . Und am Morgen liegt dein Vater neben dem Jakob . Und du - « » Ich ? « » Du wirst neben ihm liegen . Wenn du an deinem lieben jungen Leib nit leiden willst , was eines Hofmanns Recht ist . Da heißt die Fürschrift : Mag ' s der Vogt nit tun , so steht ' s den Reitern zu , mögens die Reiter nit tun , so haben die Knecht das Recht . Einer ist alleweil da , der mag und Zeit hat . « Bei dem heiteren Klang dieser Worte rann ein kaltes Grauen durch Julas Leib und Herz . Verstört umklammerte sie den Arm des Malimmes . » Was muß ich tun ? « » Bloß mir ein lützel trauen . Freilich , irren kann sich ein jeder . Sogar unser Herrgott hat sich getäuscht , wie er gemeint hat , er hätt die Menschen so gut gemacht , daß sie besser nit sein könnten . Denk , sogar der Herrgott ! Und ich bin nur ein irdisches Würml . Ich kann mich verrechnet haben . Das muß ich dir sagen . Geht ' s schief , so hab ich selber den Kopf in der Schling . Und mir bleibt als letzte Hoffnung , daß die Gadnischen Herren einen so schlechten Seiler haben , wie der Fischbauer vom Hintersee einer ist . « Eine wehe Klage : » Ich versteh dich nimmer . Was bist du für ein Mensch ! Tu nit so grausig scherzen ! « » Die fluchen , machen das Leben nit besser . Nur schlechter noch . Freilich , es hat ein jeder sein unsinniges Stündl . Gestern zum Abend bin ich ein trauriger Lapp gewesen . Heut freut mich das narrische Leben wieder . Und ich verwett meinen Hals drum , daß ich morgen , eh die Sonn wieder scheint , deinen Vater auf festem Boden hab . Willst du mir helfen ? « » Red ! « Jula richtete sich auf . » Was verlangst du , das ich tun soll ? « » Ein hartes Stückl für ein gutes Kind . « » So red doch ! « » Fort mußt du . Jetzt . Mit mir . Jetzt gleich . Und dein Vater darf ' s nit wissen . « » Das tu ich nit . « » Es geht nit anders . Wenn die Hofleut kommen , muß dein Vater glauben , du bist im Haus und liegst im Bett . Das macht ihn fürsichtig . Er wird sich geben ohne Streit , wenn ihm die Hofleut den Hausfried zusagen . Die lügen schnell . Und alles ist gut . « Jula schwieg . Dann streckte sie wehrend die Hände . Da lachte Malimmes . Und fragte : » Hast du keinen lieb , für den du dich aufheben möchtest ? « Unbeweglich stand sie in der Nacht . Ein mühsamer Atemzug . Und sie schüttelte den Kopf . » Ich bleib , wo der Vater ist . « » Gut ! « sagte Malimmes ruhig . » So bleib ich halt auch . Und stell mich hin vor dich , vor meinen Herren und vor das Totenbrett . Und rührt euch einer an , so schlag ich zu mit dem Bidenhänder . « Doch statt das Eisen blank zu ziehen , koppelte er das lange Schwert vor der Brust an den Riemen , als hätte er den Wunsch nach freien Händen . » Das wird eine grobe Blutsuppe geben . « Er faßte mit festem Griff ihr Handgelenk . » Zum Vater - « Jula versuchte ihre Hand zu befreien . » Ich will zum Vater . « Lauschend hob Malimmes den Kopf , stand eine Weile unbeweglich und flüsterte : » Lus ! « Im Rauschen der Ache hörte Jula von der Straße herauf ein Geräusch , das sie nicht zu deuten wußte . Malimmes zischelte : » Das müssen an die zwanzig sein , die neben der Straß im Gras laufen . Und drei Gäul . Zwei treten hart . Die tragen . Einer geht leer . Das ist der Gaul , auf dem dein Vater reiten soll . Und lus ! Da steigt ein Bub über den Hag . « » Laß aus ! « Jula rang gegen die eiserne Kraft des Soldknechtes . Er packte sie mit beiden Armen . » Wehr dich , gutes Maidl ! Wehr dich , wie du kannst ! Bloß schreien tu nit ! Sonst bringst du deinen Vater um . « Während er sie mit dem linken Arm an seine Brust klammerte , preßte er die rechte Hand auf ihren Mund und riß sie mit sich fort , in die Nacht hinaus . Das Hagtor quiekste ein wenig , als es von dem Buben geöffnet wurde , der vorsichtig über den hohen Zaun geklettert war . Dunkle Gestalten mit grauen Gesichtern drängten sich in das offene Tor . Vom rötlichen Licht , das herausfiel aus den Fenstern , blinkten die Spießklingen , als wären sie schon mit Blut gefärbt . Leis befahl eine rauhe Stimme : » Zwei zu jedem Fenster , vier an die Haustür , sechs in die Ställ . Nit eher , als ich im Haus bin . Der Reiter mit mir . « Rasch gingen die zwei auf das Haus zu . Sie zogen das Eisen nicht . Der vorausging , hatte einen Steithammer in der Faust und war gut gewappnet . Seine Platten klirrten , als er über die Schwelle trat . Das klang so laut , daß auch Runotter in der Taubheit seines Schmerzes dieses Klirren hören mußte . Er hob den Kopf . Doch er konnte die Augen vom Jakob nicht losbringen . Als die zwei schon bei der Stubentür standen , sah Runotter noch immer seinen Buben an , der starr und mißförmig auf dem Totenbrette lag , umzittert vom Licht der Talglampen und von der roten Glut des halbverbrannten Wacholders . Wuschelig hingen die schwarzen Haare in das schmerzlose Gesicht des Toten , der vom unruhigen Licht noch eine Farbe des Lebens auf den Wangen hatte und mit geschlossenen Augen über eine schwer begreifliche Sache nachzudenken schien . » Runotter ? « Der Bauer wandte den Kopf . » Der Vogt ? Bei mir ? « Er deutete auf den Toten . » Weiß der Fürst schon , wer ' s getan hat ? « » Mir hat er ' s nit gesagt . Da ist jetzt auch nit die Red davon . « » So ? « Das Gesicht des Bauern verzerrte sich . » Schickt mir der Fürst den neuen Richtmannsstab ? « Langsam erhob er sich . » Runotter ? « Der Vogt , ein schweres , breitschultriges Mannsbild , tat einen Schritt in die Stube , und hinter ihm drängte sich der andre nach . » Arg still ist ' s heut im Dorf . Die Häuser zwischen dem Windbach und deinem Hof sind leer . Wo sind die Ramsauer ? « Die Brauen des Bauern zogen sich hart zusammen . » Was geht mich an , wo die Ramsauer sind ? Ich bin , wo ich sein muß . « Der Vogt schmunzelte ein bißchen und deutete auf den Toten . » Läg der da nit auf den letzten Laden , Bauer ? Wo wärst du denn nachher jetzt ? Auch auf der frommen Wallfahrt ? « Runotter streckte sich . » Da wär ich beim Fürsten . Jetzt . « » So komm ! Der Fürst will reden mit dir . « » Das Leben hat viel Recht . Der Tod hat auch eins . Dein Fürst wird mir Urlaub lassen bis morgen . Ich muß meinen Buben in geweihten Boden tun . « » Das wirst du nit können . Der Pfarrherr ist im Gaden draußt . Ich weiß nit , wie lang er bleibt . Dein Bub und die andern werden warten müssen . Der Fürst hat Eil . Komm mit ! Ich will dir raten , du tust es in Gut und Ruh . « Lange schwieg der Bauer . Er musterte die zwei Männer , sah unter schweren Atemzügen den Toten an , und dann irrte sein Blick über die Stubendecke . Er nickte . Seine Stimme war tonlos . » Gut . Ich mach mich fertig . « Mit raschen Schritten trat er in die Kammer hinaus und drückte hinter sich die Türe zu . Der Spießknecht wollte springen . Aber der Vogt hielt ihm den Arm vor . Über den Toten , der mit Lampen und Glutpfanne den Weg sperrte , wollte er nicht hinüber . » Bleib ! Der kommt wieder . Das ist von den Ochsen einer , die nit grasen auf dem Hängmoos . « Die Tür der Kammer wurde geöffnet und langsam trat der Bauer heraus . Sein Gesicht war grau wie Asche , seine leeren Hände zitterten , und wieder irrte sein Blick über die Stubendecke hin . Lag Julas Kammer da droben ? Der Vogt lächelte . » Ich hab gemeint , du suchst deinen Hut ? « Runotter sah ihn mit den Augen eines in die Enge getriebenen Tieres an . » Vogt ? « » Wenn ich in Ruh und Gut mit dir zum Fürsten geh ? Tust du den Buben da in Fried lassen ? Und mein Haus ? « » Wie soll ich deinen Hausfried stören ? Ich und der da , wir reiten mit dir zum Herren . Jetzt gleich . « » Auf Wort ? « » Auf Wort ! « » Gut ! Da hast mich ! Beim Fürsten find ich , was Recht ist . « Runotter sah seinen Buben an und ging um die Kohlenpfanne herum . Da faßte ihn der Spießknecht am Arm . Der Bauer zuckte wie ein Erwachender auf . » Was willst ? « » Du mußt dir den Strick um die Hand tun lassen ! « sagte der Vogt in gütigem Ton . » Es ist Befehl . « Lange schwieg der Bauer . Seine Brust arbeitete . » Gut ! Ich hab dein Wort . « Er streckte die Fäuste hin . » Geh ich nit mit dir in Gut und Ruh ? Wozu der Strick ? « Der Vogt wartete , bis der Spießknecht den Strick geknotet hatte . Dann sagte er : » Weil du verdächtig bist des Landsverrats und der Meuterei . « Eine Weile sah Runotter dem Mann wie ein Träumender ins Gesicht . Dann brach er in grelles Lachen aus . » Vogt ! Das Leben ist ein närrisch Ding ! « » Ich glaub , es wird dir nimmer arg lustig sein ! « Die beiden führten den Bauer hinaus , der auf der Schwelle noch das Gesicht drehte . Da hörte man Stimmen , überall , und Lichtschein zuckte auf . Fackeln fingen zu brennen an . Und während fünfe , sechse von den Exekutierern in das Haus rumpelten , in die Stube sprangen und über die Stiege hinaufpolterten , zerrten andre schon das gepfändete Vieh aus den Ställen . Einer kreischte : » Die Küh sind da ! Er hat die siegelwidrigen Küh im Stall ! « Geschrei und Gelächter . » Jula ! Jula ! « brüllte Runotter . » Malimmes ! Heiner ! Leut ! Leut ! « Keine Antwort . Niemand kam . Nur die Exekutierer rannten hin und her . Und lachend sagte der Vogt : » Deine Leut haben eine gute Näs gehabt . Die sind auf der Wallfahrt . « Mit windenden Fäusten hatte Runotter die Stricke gedehnt . Er brachte die Hände nicht heraus , doch er konnte sie bewegen . Und während er einen von den Knechten niederzerrte , entriß er ihm die Fackel . Alle fielen über ihn her . Aber der Feuerbrand wirbelte schon auf das Hausdach hinauf . » Erbrecht ! Herrentreu ! « Sie stießen den Lachenden zu Boden , zogen ihn zum Hagtor , hoben ihn auf einen Gaul und banden ihm die Füße unter dem Bauch des Pferdes zusammen . Bei dem wirren Geschrei der andern kletterten ein paar von den Exekutierern auf das Dach hinauf , um noch zu löschen und das Feuer totzuschlagen . Doch die flinke Flamme lief schon auf dem dürren Dache nach allen Seiten hin , züngelte über den First hinaus und leckte gegen das Astwerk der alten Ulmen . Es wurde hell in der Nacht , als der Vogt und der Spießknecht davonritten , zwischen sich den Gaul mit dem Gefesselten . Die Hufschläge klapperten laut auf der Straße . Hinter den eilig Reitenden blieb das Geschrei der Exekutierer und das Gebrüll des gepfändeten Viehs , das sich vor Rauch und Feuer schreckte . Rote , flackernde Lichter fielen von der Brandstatt über die Wiesengehänge und über die Straße her . Doch als der geschlossene Wald begann , zuckte nur noch hie und da ein roter Schein durch die Lücken der Baumkronen . Der Straßenboden war finster . Das Rauschen des Wassers wurde stark und dumpf . Die Reiter kamen zum tosenden Windbach . Da knickte plötzlich das Pferd des Vogtes zu Boden . Auch die zwei andern Gäule stürzten . Sie fielen hin wie vom Blitz erschlagen . Dabei hörte man das Klirren des entzweigesprungenen Eisendrahtes , der die Straße gesperrt hatte . Und während die Pferde keuchten und sich erheben wollten , waren fünf Menschen da , zerschnitten die Stricke des Bauern , rissen ihn unter dem Gaul heraus und stießen den Vogt und den Spießknecht über den steilen Straßenrain hinunter in den rauschenden Bach . Der war nicht tief . Aber die zwei kollernden Männer in ihren schweren Eisen machten doch einen festen Klatsch . Und wenn man reichliches Wasser in der Hose hat , ist alle Tapferkeit zu Ende . Bis die beiden stumm und triefend aus dem Bach herauskrabbelten , sich versteckten und dann im erwachenden Morgengrau den Mut fanden , zur stillen Straße hinaufzuklettern , waren die fünfe mit dem Runotter schon lang verschwunden und waren schon hinter dem Wald und über den Wiesenhängen droben auf dem Karrenwege , der vom Schwarzeck zu den Wäldern des Pfaffenbühels und zum Hängmoos führte . Heiner und die zwei andern Knechte leiteten den flinken Schimmel und die beiden Ackergäule , die gleich Saumtieren schwer befrachtet waren . Malimmes und noch ein andrer mußten den taumelnden Runotter stützen , der vom Sturze betäubt schien , sich nicht erholte und wie mit den schwachen Knien eines Betrunkenen vorwärts tappte . Während Malimmes heiter schwatzte , spähten seine ernsten Augen unablässig nach allen Seiten . Hinter dem Schwarzeck , schon weit von den letzten Häusern ,