tätig und überwachte mit seiner Mutter und seiner Frau , einer schönen Schwedin , die Sendungen . Es schien Erika , als würde da ein gewaltiges Werk vorbereitet , - und ihre geschickten Hände griffen zu , ohne daß sie die Bestimmung ihres Tuns und jenes , dem sie diente , überblickte . Sie hörte nur , daß Manfred , der Älteste , bald erwartet wurde . Als in einem Monat die Arbeit getan war , sie nicht mehr , allmorgendlich , als Helferin der Familie hinaus , nach dem Grunewaldhaus , pilgern durfte , - da führte sie ihr Schicksal wieder in die Wüste . Wie ein wunderbarer Traum , geträumt im Schatten eines spendenden Baumes , von zärtlichen Lüften umweht , - so blieb ihr die Erinnerung an das Eiland der Schönheit , auf dem sie auf ihrer Wanderung hatte rasten dürfen . Frau Wallentin hatte ihr beim Abschied freundlich über das Haar gestrichen , das so spröd und eigenwillig um die Stirn herumstand . Sie kannte ihr Schicksal , - auch hier hatte es sich aus dem gepreßten Herzen über die Lippen gedrängt , - und sah ihr ernst und still in das tieferrötende Gesicht . - - Sie lud sie ein , im Herbst die Versammlungen des » Bundes « zu besuchen , und gab ihr die Eintrittskarte für das nächste Jahr . - Ihre Mithilfe am ordnenden Werk entlohnte sie so reichlich , daß Erika ruhig und vorsichtig ihre neue Stellung suchen konnte . Zum Unterschied von ihren bisherigen Posten kam sie nun in einem Riesenbetrieb unter . Es war ein Hüttenwerk , » Zum Eisenhammer « , in dessen Bureau sie aufgenommen wurde . Sie sah sich da einer komplizierten Buchführung gegenüber und hatte große Mühe , sich zwischen Wechselklagen , Zollberechnungen und komplizierten Kalkulationen zurechtzufinden . Ein Recambio , das ihr präsentiert wurde , machte sie ratlos . Seitenlange Zinszahlenauszüge bekam sie von ihrem unmittelbaren Chef , dem Prokuristen , durchrissen zurück . Dieser Chef behandelte das ganze Personal mit einer Grausamkeit , die Erika » sadistisch « nannte . ( Sie wendete mit Vorliebe der Pathologie entlehnte Ausdrücke an , die ihr , als Arztesfrau und als langjähriger Leserin medizinischer Zeitschriften , geläufiger waren als die doppelte Buchführung . ) Dieser sadistische Chef überhetzte das Personal , peinigte es auf jede Art. Nach ihrer Beschreibung hatte er ein mächtiges , brutales Gesicht , einen Schädel , dessen Dimensionen dazu herausforderten , sich über die Grenzverhältnisse von Genie und Wasserkopf zu unterrichten , - und kleine , scharfe Augen , die sich in die Opfer einbohrten . Er beobachtete die neue Buchhalterin genau . Nach einiger Zeit bemerkte sie , zu ihrem Staunen , eine Veränderung seines Verhaltens . Er sah ihre Fehler beinah milde nach und half ihr über die Schwierigkeiten durch Belehrung . Es traf sich auch , daß er manchmal , nach Bureauschluß , ein Stück Weges mit ihr zusammenging . » Ach , - hätte ich mich nur in ihn verlieben können « , berichtete sie seufzend . » Aber ich kann nicht , - kann nicht ! « Es lag so wenig Entrüstung oder Widerwillen in diesem Teile ihrer Schilderung , der sich mit den Annäherungen des Prokuristen befaßte , - daß man an ihrem guten Willen , ihn zu lieben und » jenen anderen zu vergessen « , nicht zweifeln konnte . In ihrer überstürzten Art verriet sie mehr , als sie wollte . » Schließlich - bei einem Ausflug an den Scharmützelsee - sagte ich Ihnen das ? - wollte er mich küssen - - aber - er roch so wild , so animalisch - - - oh , es war unmöglich . - - - Zudem sah ich plötzlich , - im freien Feld - ein Auto stehen - - und da wußte ich gleich , - daß ich von da aus beobachtet wurde . « - - Nach ihrer fluchtartigen Rückkehr vom Scharmützelsee war ihre Stellung im Bureau des » Eisenhammers « unmöglich geworden . Der Prokurist behandelte sie wieder mit Grausamkeit , - was blieb ihr übrig , als wieder zahllose Offerten zu schreiben , - jedes handschriftlich , sauber und akkurat . Endlich kamen zur näheren Auswahl zwei Stellungen in Betracht . Bei einer Versicherungsgesellschaft sollte sie mit dem Gehalt von 130 Mark pro Monat angestellt werden , - als Agentin . Dafür war sie verpflichtet , für 13000 Mark monatlich Geschäfte abzuschließen ; für jedes Tausend , das von dieser Summe fehlte , sollten zehn Mark abgezogen werden . Dieser Honorarsatz galt aber nur für die Erwerbung von Policen für direktes Ableben . Bei Er- und Ableben ( Lebensfall ) mußte sie um ein Drittel mehr Geschäfte machen . Sie wählte die zweite Stelle , in einer Orgel- und Harmoniumfabrik in Lichtenberg . Beim Engagement sagte ihr der Chef , ein kleiner , dicker Ostberliner : » Det sach ich Ihnen jleich - pünktlich müssen Se sind . « Erika : » Wir leben in einer Großstadt , - die Elektrische kann doch mal überfüllt sein . « Er : » Wenigstens müssen Se Jrund haben . « Morgens um halb acht Uhr hatte sie anzutreten , die Orgeln und Harmoniume abzustäuben , - dann die Abzahlungskunden zu besuchen , um » Reste anzumahnen « . Nachmittags waren die Bücher und die Kontorarbeiten zu erledigen . Sie bekam 120 Mark Gehalt , außerdem zahlte der Chef die Krankenkasse und die Invalidenmarken . Um auch die Fahrkarte nach dem äußersten Osten zu sparen , war sie dahin - in den düstersten Proletarierbezirk Berlins , - übersiedelt . Hier hielt sie jetzt . Die Abende begannen lang und trüb zu werden . Olga verbrachte sie zumeist zuhause , in ihrer Mietsstube . Sie hatte einen Plan gefaßt , der einen Versuch darstellte , sich eine Existenz zu schaffen . Sie wollte eine Korrespondenz für die Frauenbewegung herausgeben . Hoffmanns Chef war als Verleger für den Plan gewonnen worden und hatte sich bereit erklärt , den Druck zu besorgen . Den Vertrieb sollte sie selbst übernehmen . Zu diesem Zweck würde ihr Zimmer nicht genügen und eine eigene , kleine Wohnung notwendig werden . Sie suchte schon fleißig , natürlich im Vorort , da sie nicht zwischen den vier Mauern eines Gartenhauses , das in Berlin selbst allein in Frage kam , leben wollte . Im Vorort konnte sie wohl eine kleine Wohnung mit freierem Ausblick finden . Der Vater war von dem Plan verständigt worden , und sie hatte um eine Summe gebeten , mit der sie die ersten Unkosten und die einfachste Einrichtung der Wohnung bestreiten konnte . Ohne weiteres hatte er das Geld gesandt . Es war ein Geschäft wie jedes andere , das sie begann , - warum ihr nicht helfen ? Ja , zu ihrem Erstaunen war er erfreut gewesen von dem Plan , denn es hatte ihn gequält , daß das Mädchen , ohne verständlichen Zweck , fern von zuhause , in der fremden Großstadt saß . Nun hatte ihr Dortsein einen Zweck , und darum half er ihr , ihren Plan auszuführen . Sie begann Verbindungen mit Autoren und Redaktionen anzuknüpfen , wollte nicht eher beginnen , bevor ein fester Kreis von Mitarbeitern und auch von » Abnehmern « gewonnen war . Dabei hieß es erkennen , was die Tagespresse brauchte , vielleicht neue Anregungen geben und Bedürfnisse wecken ; andererseits galt es , die Autoren zu interessieren , sie zur Arbeit anzuregen , sie auf Probleme der Frauenkultur , wie sie sich in der Zeit meldeten , aufmerksam zu machen , mit Geschick die geeigneten Persönlichkeiten heranzuziehen . Die Korrespondenz , wie sie ihr vorschwebte , sollte nicht wahllos Artikel , die der Zufall auf den Tisch wirbelte , aneinanderreihen , - sie sollte der Ausdruck einer in sich geschlossenen Anschauung werden . Bei dieser Arbeit half ihr Lore Wigolski . Lange hatte sie eine passende Helferin für die Erledigung der vielen schriftlichen Arbeiten gesucht . Und da sie noch keine eigene Schreibmaschine besaß , war es schwer geworden , eine Kraft zu finden , die ihr nur stundenweise und doch sicher zur Verfügung stand , so oft sie sie brauchte . Sie hatte es mit verschiedenen , kleinen Tippmädchen versucht , - aber die pünktliche und sichere Lieferung der zumeist eiligen Briefe klappte nicht , wie sie mußte . Auf gut Glück war sie , begleitet von Stanislaus , auf eine Annonce hin , auch zu Frau - oder Fräulein - Wigolski gegangen . In einer kleinen Gartenhauswohnung in Schöneberg , vier Treppen hoch , wohnte sie . Ein junges , eben schulentlassenes Dienstmädchen öffnete und führte die Besucher gleich in eine große , lichte Stube , die mit behaglichem Altväterhausrat ausgestattet war . Da standen prächtige , alte Biedermeierkommoden , tiefe Fauteuils und ein bequemes Sofa , wie es in die » gute Stube « einer alten Berliner Familie gehörte , aber mit braunem Tuch neu bezogen ; da war auch ein großer , moderner Arbeitstisch , von rotgebeiztem Holz , fast so groß wie ein Zeichentisch , mit Papieren und Maschinenschriftmanuskripten bedeckt . Daneben war ein kleines Tischchen , auf dem , auf einem dicken Schalldämpfer von Kork , die Schreibmaschine stand . Und da war noch ein Möbelstück , das eigentlich nicht in dieses Zimmer paßte : ein weißes Kinderbett , mit einem Betthimmel von hellblauem Tüll , stand nahe einer schmalen Tapetentür in der Ecke . Über das ganze , behagliche Zimmer waren Blumen verteilt , - auf den Kommoden standen Vasen mit Herbstlaub , Astern und Georginen , und grüne Blattpflanzen reckten sich im Erker der Sonne zu . Eine schlanke Frau , in knappem , dunklen Tuchkleid , trat ein . Ihr Kopf erinnerte Stanislaus an die Modelle moderner Maler : große , scharfgezeichnete Züge , ein etwas breiter Mund mit zwei prächtigen Zahnreihen , lebhafte , graue Augen , deren äußere Winkel etwas schräg gestellt waren und einen wendischen Einschlag im Blute verrieten , dem man in alten Berliner Familien oft begegnet . Sie sprach mit kräftiger , sicherer Stimme , und der reservierte Zug in ihrem Gesicht verschwand bald . Zwischen den beiden Frauen spann fast augenblicklich , über die geschäftlichen Beziehungen , die sie anknüpften , ein persönliches Interesse seine Fäden , - es war wie eine Ahnung , die die kämpfenden Frauen dieser Zeit oft blitzschnell zu schwesterlichem Erkennen fühlt . Man einigte sich rasch . Lore Wigolski sollte schon am nächsten Tage zum Diktat kommen . Stanislaus und Olga erhoben sich . Da hörte man Kinderweinen im Nebenzimmer . Die Tapetentür wurde geöffnet , und das kleine Dienstmädchen rief herein : » Ach bitte , - Frolain , - kommen Se doch mal ! Lörchen is so unnütz ! « Aber da drängte es sich schon durch die Tapetentür , - das unnütze Lörchen , - vierjährig mochte es sein - schön , wie ein kleiner Cherub , mit roten Bäckchen , großen , grauen Strahlenaugen und dunkelblonden Locken . » Mutti - is will mal die Leute sehen « , - damit zappelte sie geradewegs auf die Geschwister zu . Lore Wigolski lächelte . Es war , als ob über die herben Züge eines Kliemtschen Kopfes das uralte , das ewige Licht - aus dem Antlitz der Kindesmutter genommen - gebreitet würde . So lächelt - besitzfroh - die Mutter , Madonna divina - die das Pfand empfangen , geboren , gerettet weiß ... Freundlich beugte sich Olga zu dem Kind . Für Stanislaus aber war die Stube mit dem Altväterhausrat verwandelt . Flammend hatte das Licht hineingeschlagen , und im göttlichen Glanz sah er das Püppchen , das Lörchen , die Arme breiten , sah er ein Kind auf kleinen Beinchen schwanken , hörte er das Stammeln der jungen Sprache ... Er durfte die Verklärung erleben , die den Frommen und Gläubigen wird , wenn sie der Mutter mit dem Kinde begegnen , - denn er war einer von ihnen . In diesen langen , einsamen Herbstabenden , die Olga allein verbrachte , irrten ihre Gedanken , wandermüde , als wollten sie rasten , zu den Bildern der Freunde , die vor ihre sehnsüchtig ausblickende Seele traten . Aber da war keines , dem sie hätte frohlockend zuwinken mögen : Tritt näher - du bist es - ich erkenne dich ! Hoffmann hatte wieder geschrieben und seine nahe Rückkehr angezeigt . Als er eines abends bei ihr eintrat und sie sein Gesicht wiedersah - bleich , länglich , bartlos , mit dem sanften und doch glühenden Blick der dunklen Augen , - schien er ihr , wie ein alter Bekannter . Er warf die Lodenpelerine und den Filzhut ab und berichtete , daß er sich erholt hatte , weil er sein Gehirn so richtig hatte ausschlafen lassen . Willig hatte er sich in das Räderwerk des Sanatoriums gefügt und hatte den Tag abschnurren lassen , wie das Uhrwerk es wollte . Ein immer gleicher Turnus von physischen Aktionen , bestimmt , die Muskeln zu üben , die Haut anzuregen , die Gewebe zu festigen und das Blut zu erneuen , - das waren diese Wochen für ihn gewesen ; und sie hatten ihr Werk gut getan . So war das Leben eine Weile überlistet worden , man hatte Ohren und Augen verschlossen , um nicht zu merken , wie es hinging . Aber in den kurzen Intervallen des wachen Wissens - war sie dagewesen , war plötzlich und immer wieder vor ihm gestanden . Und diese sehnsüchtige Spannung , in die ihn dieses Bild , das ihre Züge trug , versetzte , war immer stärker geworden . Dennoch ... er stockte , zögerte , bangte , - senkte den Blick , der sie heischend umfaßt hatte . Sie begriff - und wie Nebelschwaden , die immer dichter , trüber , schwerer , aus abendlichen Auen steigen , - so stieg Schwermut aus ihrer Seele und breitete sich aus . Wie waren die Worte seines ersten Briefes gewesen ? ... » Verwirrung im Felde der Voraussetzungen , - Verwirrung im Gebiete der Objekte « . - Und dann war das Einfältige und Eindeutige dennoch gekommen : die Wünsche , die Wünsche ... Scheu nahten sie sich , - wie er es verheißen - doch unabweislich in ihrem Fordern . Ja , diese scheuen , begierlichen Wünsche umrankten sie liebkosend , - und weckten sie stärker als Taten . Und auch sie hatte Wünsche : - einschläfern , was immer wach lag , sich durchdringen lassen mit jenem köstlichen Frieden der halben Betäubung , den ihr einmal , als sie schwer krank gelegen , das Morphium gebracht , - zum Schweigen bringen , alles - was nicht lügen konnte , - alle diese gesprächigen Zellen ihres so wahrhaftigen Leibes , - die da riefen : » Nein , nein ! « ... Diese Rufenden - überschütten - mit einer einzigen , schweren , roten Welle - daß sie verstummten ... Sie sprach mit ihm , ohne den Rhythmus der Stunde zu beschleunigen , und sie fühlte , wie sie mit jedem ihrer gedämpften Worte die Hecke der Wirrnis verdrängte , die sie beide schied . Und sie fühlte , daß sie ihn in Bande schlug ... Es war tiefe Nacht geworden . Das breite Fenster des Berliner Zimmers war geöffnet , denn der Tag war mild gewesen . Ein paar Straßen weiter war eine Hauptstraße ; gedämpft , durch die Gruppen der Häuser , drang ein leises Brausen durch die stille Nacht , - der Atem der nächtlichen Stadt . Sie traten zum Fenster . Vom blauschwarzen , mondbeleuchteten Himmel hoben sich die dunklen Massen der Dächer ab , und an einigen Stellen flimmerten die Schiefer , wie die vom Mondlicht übersilberte Fläche eines nächtlichen Sees . Man hörte einen verspäteten Singvogel unten im Garten einen kurzen Ton aus der Kehle stoßen , wie im Schlaf . Hoffmann sagte : » Welch ein seltsames Ding ist es doch , - eine Melodie oder eine Dichtung , eine Skulptur oder ein Gemälde zu finden ! Zu finden , jawohl « , wiederholte er . » Denn sie sind da , diese Harmonien ... Im Weltenraum warten sie unser . Im All wartet eine Harmonie , - wie die Figur im Block ; und es heißt : wegsprengen , was sie birgt ... Dazu bedarf es - bezauberter Hände , « - seine Stimme sank in ein weiches Geflüster , - » bezauberter Hände ! ... Wie schön ist diese Nacht , meine Liebe ! ... Ja , - wegbeschwören - - was eine Harmonie verbirgt , - das ist es - - was auch wir tun müssen ... « Sein Arm bebte , als er ihn zagend um ihre Schultern schlang . Er begann leise die Melodie der Baccarole aus » Hoffmanns Erzählungen « zu pfeifen ... die in die Nacht hinein schwoll und wiegend in Dunkel und Schweigen glitt ... Als er sie im Morgengrauen verließ , blieb sie in den Kissen wach . Ermattende Schwere lag über ihren Gliedern ... Und was sie in die entlegensten Winkel der Seele gedrängt , - es meldete und regte sich und kroch heran . Das Bewußtsein , das stark , wie das helle Licht des Tages , über ihren Weg geleuchtet und ihr unzweifelhaft gezeigt hatte , daß er es nicht war , den sie erwarten sollte , - sie hatte es fortgeschoben , verschüttet , mit ihren und seinen Wünschen ; - ja vor allem mit seinen Wünschen , die ihre reife Jungfräulichkeit begehrten ... Bedrängt von Scham , gestachelt von stolzem Trotz , der ein ihr bisher unbekanntes , fast verächtliches Gefühl resignierten Ergebens in ihr schuf , versank sie endlich , als der Tag anbrach , in unruhigen Halbschlaf . Sie hörte , im Traum , ein Gefährt rasseln und träumte , daß es auf einer breiten , einsamen , nächtlichen Straße dahinfuhr , und sie dachte , - im Traum - es müsse jene Charette sein , die die Verdammten zum Richtort führte . Und dieses Rasseln erschien ihr , im Traum , in unlöslichem Zusammenhang mit der gespenstigen Verlassenheit ihres Lebens . - - Sie erwachte , am späten Vormittag , als ihre Wirtin ihr das Frühstück brachte . Und da lag auf dem Tablett ein Rohrpostbrief . Hastig strich sie mit einem in Wasser getauchten Lappen den Schlaf aus den Augen und las , am Bettrand sitzend , Hoffmanns Brief : Mädchen ! Du weißt nicht , was Du mir gegeben hast . Du tatest das Herrliche , ohne darum zu wissen . Und auch ich werde eines Tages vielleicht nicht mehr darum wissen , werde es , mit Blindheit geschlagen , vielleicht vergessen können , eines Tages . Aber heute weiß ich ... Und so sei es gesagt , - wie glitzernd ich bin und befreit und sprudelnd , wie ein Bach , der im ersten Frühling durch den Tannenwald jagt ... Seine Wellen überspringen einander und verstäuben Diamantengesprühe in die selige Luft . Mädchen , das hast Du mir gegeben , Du stolze Spenderin ; mir , dem Gedemütigten , der bislang nur , mit verbissenen Zähnen und schamrotem Gesicht , im Schöße der Schande von seiner Mannheit erfuhr ... Nun bin ich so ohne Sorge ! Warum bist du nicht da , daß diese Herrlichkeit über Dich auch käme ? Und denke ich an Dich , so mahnt es mich , an den Duft der schwarzen , bergenden Frühlingserde , an das Flüstern der bedächtigen Blätter , wenn der Wind über sie streicht , - an das Klirren der weißen Kieselsteine , am Grunde des Baches , wenn die frohen , stürmenden Wasser sie überfluten ... Ach und nie - nie noch war das alles in mir - wie jetzt ! - - - Vergiß es nicht , Mädchen , was heute in mir ist , - auch wenn ich es vergesse ! Vergiß es nie , - daß heute meine Seele fromm in der Deinen war ... Ich küsse Deine Lippen , Deine Hände , Deine Knie ... Werner . Fünftes Kapitel Versuche und Kämpfe » Nur der Irrtum ist das Leben , Nur die Fülle birgt die Klarheit , Und im Abgrund wohnt die Wahrheit . « Goethe . Werner Hoffmann hatte mehrere Wochen im Sanatorium zugebracht . Nach dem aufreibenden Existenzkampf vieler Jahre waren diese Monate die erste Erholung gewesen . Dabei hatte er diese Ruhepause seinen Verhältnissen nicht in einer Weise abgezwungen , die ihren Genuß mit neuer Sorge beladen hätte . Er zehrte nicht von irgendeinem zu diesem Zweck mühsam aufgetriebenen Gelde , er bangte nicht , was » dann « werden sollte , - wie die meisten seiner Kreise , die , ohne ein wirtschaftlich gesichertes Endziel ihres Strebens zu sehen , auch zu einer beruhigten und gesicherten Rast keine Gelegenheit haben . Seine Stellung im Verlag , die ihm erst wenig Befriedigung gegeben hatte , festigte sich immer besser , und es lockte sein Interesse , als Hüter an einem jener Tore zu sitzen , durch welches das , was der persönlichsten Erkenntnis des einzelnen geworden , in die Fülle der Gemeinschaft drängte , in ihr zur Wirkung zu gelangen . Dieser Gedanke , den er in seinem Amt ausgedrückt fand , hatte in ihm den ersten Zweifel erweckt , über das Wort , das bisher seine trotzige Parole gewesen : » Was habe ich mit der Gesellschaft zu tun ? « Der Chef seines Verlages hatte ihm bereitwillig den Urlaub zur Herstellung seiner Gesundheit gewährt . Durch Empfehlung war ihm zu sehr ermäßigtem Preise Aufnahme in einer Anstalt geworden , in der die jüngste Heilweise der Moderne , die physikalisch-diätetische Therapie ihre Wunder tat . Müde , unfrei , beladen war er hingegangen , und unbewußt und ungefühlt ging bei einer höchst einfachen , aber glücklich zusammengestellten Lebensweise , bei der besten Ausnutzung von Licht , Luft , Wasser , Elektrizität und bedächtiger Auswahl der Nahrungsstoffe jene Erneuerung mit ihm vonstatten , die zwar nicht den organischen Defekten , wohl aber den von der steeple chase des modernen Lebens an den Nerven Geschundenen wieder zur Häufung neuer Energien verhilft und ihre zeittypisch gewordenen » funktionellen Störungen « behebt . Er hatte nicht » gedacht « in diesen Wochen , hatte mit vollem Willen alles Grübeln und Sinnieren ausgeschaltet . Ja , er hatte auch nur wenig gelesen , - die Gedichte der Baronin , um ihren Verlagsantrag zu erledigen , sonst fast nichts ; und geschrieben hatte er eigentlich nur an Olga , da , fast ohne Willen und Absicht , ihr Bild , in dieser Zeit der Ruhe , stark und fest umrissen vor seine Seele getreten war . Ja , - er sah sie : in ihrem reifen , reinen Werden , sah sie , wie eine Erscheinung , die , hart an der Grenze der zeitlichen Gegenwart , wach und zielsicher in die Zukunft schritt , - eine Wegebahnerin der Kommenden , jener Frauen , die mit instinktstarkem Willen ein ganzes Menschtum forderten , die nicht mehr satt wurden in generativer Beschränkung , die es aber auch nicht ertragen mochten , aus dem Zauberkreis der Gattung ausgeschlossen zu bleiben . So war sie plötzlich vor ihm gestanden , so hatte er sie » gewußt « - erlebt , - ohne über sie viel gedacht zu haben . Wie schon manchmal in seinem Leben war hier ein Bild , ein Gefühl , ein Gedanke entstanden , an dem sein Bewußtsein kein Teil hatte , zumindest nicht das Bewußtsein , wie es deutlich der Tag gibt . So war über ihn auch manchmal , wie eine wahrhaftige Offenbarung , ein Rhythmus , ja ein Gedankenkomplex gekommen , war mit erstaunlicher Deutlichkeit plötzlich vor ihm gestanden ; aber nur in guten Zeiten , in denen seine Kräfte geheimnisvoll sich erneuten und häuften , geschah ihm , - wie allen Findern , Erfindern , Propheten und Dichtern geschieht . Darum auch hatte er erkannt - in jener Nacht : die Harmonie - die geschlossene Einheit ist da , - sie wartet im All , wegsprengen , was sie birgt , das ist es . Und in begnadeten Zeiten geschah es , daß die chaotischen Massen , die irgendeine geheimnisumwobene Einheit umgaben , - die zu finden vielleicht einem einzigen Gehirn bestimmt war , - von selbst auseinander rückten , wie Kulissen , die auf den Wink der entscheidenden Hand auseinanderweichen , zur Seite rücken , in die Erde versinken , als Vorhang in die Höhe gehen - und das geordnete Bildnis in ihrer Mitte freigeben . So war ihm in jenen Wochen geschehen - ohne Wissen und Willen . Die eine Erkenntnis , die er » erfahren « , war Olga . Aber da war noch eine andere , und sie überraschte ihn tief , als sie plötzlich , in unerwarteter Helle , vor seinem Auge stand . Im Sanatorium selbst hatte er » geschlafen « . Aber schon als er im Bahnzug saß , der ihn fortführte , war eine wundervolle geistige Lebendigkeit über ihn gekommen . Es war , als ob die Energien , die die Kur mit Absicht zum Stillstand verurteilt hatte , nun tausendfältig hereinbrächen ; und nicht versplitternd , auseinanderstrebend , - nein , sie fügten sich leichthin zusammen , tummelten sich , wie feurige Genien , die zum Werke strömen . Das fruchtbare Land , das kluge Absicht für eine Weile vollkommen brachgelegt hatte , begann nun zu treiben , die Aussaat , die vordem ermattet in seinem Schoß gelegen , keimte in neuer Frische und trieb ihre Schößlinge - herauf - ans Licht . Mit Stanislaus sprach er sich zuerst über die neugewonnene Erkenntnis aus . » Sie erinnern sich an unser letztes Gespräch , - damals bei Ihnen - als - als Ihre Schwester hier war ? Wir sprachen von - Menschenliebe , wissen Sie es noch ? « Stanislaus lächelte . Er sah friedlich und ruhevoll drein , in letzter Zeit . » Was geht nun wieder in jenem Kopf vor « , dachte er . » Gewiß erinnere ich mich . Sie vertraten die Ansicht , daß man die Menschen , wie sie da sind , nicht lieben könne . « » Nicht in Bausch und Bogen . « » Haben Sie Ihre Ansicht geändert ? « » Nein . « Hoffmann sah ihn ruhig an . In seinem Blick brannte wieder jene sanfte Glut , aber die Schatten , die sonst sein Gesicht verdeckten , waren verscheucht . - » Nein , ich glaube nach wie vor nicht an die Liebe zur Menschheit , - wie sie da ist , wie sie kreucht und fleucht . Das ist - abgesehen von jenen seltenen Erbarmern , die über die Erde gingen , von jenen großen Gnadenherzen , - ein Demagogenbetrug . « » Wollen Sie leugnen , daß diese Masse , wie sie da kreucht und fleucht , mit Edelstoffen durchsprengt ist , die nur der richtigen Chemie bedürfen , um frei zu werden ? « » O nein , das leugne ich nicht . Das ist ' s ja eben . Der richtige Lösungsprozeß - das ist hier die Aufgabe . « Und da er sah , daß der andere gespannt horchte , fuhr er , mit frohem Feuer im Auge , fort : » Hören Sie ! Auf das wertvolle Individuum kommt es an , nicht wahr ? Darüber sind wir doch einig . « » Immerhin auch auf die bestmögliche Gestaltung der Masse . « » Die ist nur möglich - durch ihre Zusammensetzung aus wertvollen und tauglichen einzelnen . Und diese Möglichkeit ist es , an die ich glaube , die ich liebe - und der ich dienen möchte . « » An dieser Möglichkeit arbeitet eine starke Partei . « » Ist sie auf dem Weg ? « Gedankenvoll ging er auf und ab . » Ich glaube es nicht . Diese Partei identifiziert sich mit der Masse . Aber nur Münchhausen kann sich selbst beim Schopf aus dem Sumpfe ziehen . « » Sie wollen sagen - « » Daß das Volk , die Masse , - wie sie ist , - sich unmöglich über sich selbst erheben kann . « » Die Masse hat Führer . « » Ich weiß es . Aber ich vermisse unter ihnen ein Element , das in voller Wirksamkeit bei diesem Werk am Platze sein müßte . « » Und wer sollte das sein ? « » Das sind - wir . « » Wir ? « » Ja wir , - die - Intellektuellen . « » Und warum halten sie - uns - da für so unentbehrlich ? « » Die Intellektuellen müssen den Sozialismus auf ihre Weise mitgestalten ; die zerebrale Klärung wird ihn wuchtiger trassieren , als die Tatsachenpropaganda der Masse . « » Das Volk vertraut sich - uns - aber nicht an ; es vertraut sich denen am liebsten , die aus ihm hervorgegangen sind . « » Zu Unrecht . Ein Hirn , das sich in schwerer , physischer Fron verbraucht , das aus Erbmassen stammt , die durch Generationen diese Übertäubung ihres geistigen Teiles erfahren haben , - wie könnte es schöpferisch neue Gestaltung rufen , - - wegsprengen , was eine Harmonie verbirgt , « fügte er , wie für sich selbst , hinzu . » Das Volk hat übrigens heute nicht nur Führer , die es aus sich selbst gezeugt hat , es hat auch andere , in Ihrem Sinne . « » Ja , ich weiß ; die Akademiker fehlen nicht . Aber sie wirken noch nicht ihrer selbst gemäß , - nicht als Intellektuelle stehen sie am Kampfplatz , - sie ebnen sich zum Volk herab . « Er ging mit erregten Schritten auf und ab : » Stanislaus : ich träume von einer Partei der - der Tauglichsten - der Besten . « » Und