Waschkrug schnurrte leise vor sich hin , die Tür klapperte . Draußen aber über dem Dache schienen schwere Gegenstände sausend durch die Luft zu fahren , zuweilen kam ein Pfeifen , ein ausgelassenes , höhnisches Pfeifen , als jagte dort irgendwo ein Gassenbube durch die Luft . Oder ein Klagelaut kam schrill und verzweifelt , und plötzlich wurde all das übertönt von dem mächtigen Rollen und Krachen des Donners . Doralice sprang aus dem Bett und lief an das Fenster des Wohnzimmers . Die Nacht war ganz schwarz und schien voll wilden Getümmels , ein Blitz zuckte auf und zeigte für einen Augenblick in einem blauen Lichte das seltsam veränderte Meer . Es erhob sich dort wie große schwarze Mauern , Mauern , die schwankten und stürzten und überall lag es auf ihnen wie bläulicher Schnee . Doralice hatte Angst , nur das , keinen anderen Gedanken als nur diese Angst , die uns treibt , uns zu verbergen , zu verkriechen , nach Hilfe zu rufen . Das Zimmer wurde hell , Agnes stand da , die Lampe in der Hand und die gelben Augen der alten Frau sahen Doralice starr und böse an . Da begriff Doralice . » Hans , « murmelte sie . » Ja , bei diesem Wetter auf dem Wasser zu sein « , sagte Agnes scheltend , » hat man so was gehört , und mit diesem Saufaus von Steege , der zu faul ist , um sein Boot ordentlich zu halten . « Agnes wurde dann sehr geschäftig , leise fortscheltend ging sie ab und zu , holte einen Mantel , hüllte Doralice in ihn ein , zwang sie , sich in einen Sessel zu setzen , holte eine Decke , um sie damit zu bedecken , und als das getan war , setzte sie sich selbst auf einen Stuhl , faltete die Hände im Schoß , schaute starr und böse in das Licht der Lampe und wiegte den Oberkörper sachte hin und her . Zuweilen murmelte sie vor sich hin : » Nun muß er gleich kommen , der tolle Junge . Als ob wir nicht Fische genug hätten , und noch mit dem Steege . « So still zu sitzen und hinauszuhorchen war furchtbar qualvoll , Doralice ertrug das nicht , sie mußte etwas tun . » Ich gehe zu Wardeins « , sagte sie . Agnes zuckte die Achseln . » Was können die tun ? « meinte sie . Aber Doralice ging doch hinaus , schlich sich an der Mauer hin , um von dem Sturm nicht umgeworfen zu werden , und trat in die Stube der Wardeins . Die Wardeinin hatte eine kleine Lampe angesteckt und ging nur mit einem kurzen Rocke bekleidet im Zimmer umher , befestigte die Fensterläden , löschte die letzte Glut auf dem Herde , rückte an den klappernden und schnurrenden Geräten auf dem Bord . Als Doralice eintrat , schaute die Wardeinin sie ruhig und ernst an und wandte sich wieder schweigend ihrer Hantierung zu . Doralice stand da , atemlos von dem Gang durch den Sturm , und sagte leise : » Ach , Frau Wardein , dieser Wind . « » Der ist nicht gut « , antwortete die Wardeinin , » aber was kann man machen ? « Doralice setzte sich auf einen Stuhl und wartete , daß die Frau noch etwas sagen würde , etwas , das wie Trost klang . Da ließ sich von dem großen Bett her Wardeins tiefe Stimme vernehmen : » Ich hab ' s gesagt , aber die wollen ja klüger als der Wardein sein . Nun , der Stibbe hat das neue große Boot , der schlägt sich wohl durch , und der Steege - na ja , dem hat mit seinem alten Kasten von Boot der Teufel schon früher mal herausgeholfen . « Diese rauhe Stimme , die grob und vertraulich von dem Furchtbaren da draußen sprach , tat Doralice wohl . Die Kinder begannen im Bett zu weinen und die Mutter mußte sie schelten und schlagen . Die Großmutter hatte sich in ihren Kissen aufgerichtet und starrte auf das Fenster , als könnten ihre Augen sehr weit in die Dunkelheit hineinsehen . » Schlechter Wind , schlechter Wind « , murmelte sie . Doralice saß noch immer da , sie konnte sich nicht entschließen zu gehen . Die enge Stube mit ihrem alltäglichen Leben mitten in all dem Furchtbaren da draußen war etwas wie Geborgenheit . Allein die Wardeinin schien mit ihren Geschäften fertig zu sein , sie stand vor ihrem Bett , gähnte und sah Doralice an . Doralice mußte gehen , hier wollte man sie nicht mehr . Und sie ging wieder in das Wohnzimmer hinüber , wo Agnes vor der Lampe saß und den Oberkörper sachte hin und her wiegte . Fröstelnd drückte sich Doralice wieder in den Sessel und hüllte sich in ihre Decken . Es war qualvoll und furchtbar anstrengend , beständig auf die wirren Töne da draußen zu hören , diese Töne , die , je länger sie ihnen lauschte , um so ausdrucksvoller wurden , sich in gespenstische Gestalten wandelten . Wenn das höhnische Gassenjungenpfeifen erscholl , sah sie deutlich ein kleines Ungetüm mit gelbem Gesicht voller Sommersprossen , mit rotem Haar , in grauen , zu weiten Kleidern , das die Hände in den Hosentaschen unendlich frech durch die dunkle Luft hinschlenderte . Die lauten Klagelaute gehörten einer großen Frau mit lang niederhängendem , grauen Haar . Die Augen waren hellgelb wie Meersand , den Mund öffnete sie weit - ein großes schwarzes Loch in dem weißen Gesicht . Und mitten in allem diesen Spuk und Schrecken , in dieser Finsternis und diesem Geheul war Hans , dort mußten ihr Denken und ihr Warten ihn suchen . Doralice fuhr empor , als wollte sie eine unerträgliche Last von sich abschütteln . Auch Agnes wurde unruhig , sie begann auf dem Spirituskocher Tee zu kochen . Das interessierte beide . Und das Teetrinken dann , das Anzünden einer Zigarette gaben einen kleinen flüchtigen Augenblick des Vergessens und sehr durchdringenden Behagens . Aber die schwere Arbeit des Wartens und Bangens mußte gleich wieder aufgenommen werden . Wenn Doralicens Gedanken , der Spannung müde , kraftlos wurden , waren sofort Bilder da , farbige , belebte Traumbilder . Sie sah den Strand gelb von Sonnenschein , die Generalin im weißen Piquékleide kämpfte mit dem Winde , Lolo stand , ein schmaler roter Strich , in einem grünblauen Meere und Hans kam langsam durch den Sonnenschein auf Doralice zu . » Schön , schön « , sagte er in seiner herzlichen , eifrigen Weise , » du hast auf mich gewartet , schön , schön . « Und Doralice fühlte , daß nun alles wieder gut sei , fühlte das mit einer so starken und heißen Erschütterung der Freude , daß sie mit einem Ruck aus ihrem Sessel auffuhr und das bleiche sich sachte hin und her wiegende Gesicht Agnes ' verständnislos anschaute . Nein , diese Traumbilder waren Leben und dieses Zimmer mit der bleichen Agnes und der heulenden schwarzen Nacht draußen , das waren nur die Schrecken eines unbegreiflichen Traumes . Und sie flüchtete wieder zu den Traumbildern , lebte mit ihnen , bis die Freude , die sie brachten , sie wieder weckte . Der Tag graute , zögernd und schäbig . Ein heftiger Gewitterregen ging nieder ; er hüllte das Land und das Haus wie in undurchdringliche staubgraue Spinnweben ein . Da hatte das Licht einen schweren Stand . War das überhaupt ein Tag , dachte Doralice , dieses müde , kummervolle Hindämmern , unterbrochen von dem jähen Aufschrecken , wenn das deutliche Bewußtsein des jammervollen , unfaßbaren Wartens kam . Sie kleidete sich an wie sonst , Agnes kochte wieder Tee , später machte sie Spiegeleier , denn sie meinte , des Sturmes wegen würde man nicht so leicht Feuer auf dem Herde machen können . Leute kamen , die Wardeins und die Steege ; sie standen da im Zimmer und sprachen laut miteinander . Die Steegin mit rotverweinten Augen , ungekämmtem Haar , bleich und übernächtig , weinte ganz laut : » Hu , hu , hu « und redete wie im Fieber . Natürlich , wenn man alles Geld ins Wirtshaus trägt , kann man sich kein neues Boot kaufen , dann kann man kaum das alte instand halten . Aber auf sie hörte er ja nicht . Noch gestern morgen hatte sie ihm gesagt , daß sie einen schlechten Traum gehabt hatte ; ihr hatte geträumt , Steege stünde in seinem Boot und das Boot war ganz voll mit Dorschen gewesen , bis zum Rande voll . Von Dorschen aber zu träumen ist schlecht , von Butten gut . Aber auf sie hörte er ja nicht . » Von Dorschen zu träumen ist schlecht und von Butten gut « , wiederholte die Mutter Wardein ernst , » das ist richtig . « - Als die Frauen gegangen waren , kam der Geheimrat ; er war steif und offiziell , dabei hatten seine Züge etwas Gekniffenes und Verzerrtes , als schmerze ihn sein Gesicht . Er sagte , Doralice könne sich auf ihn verlassen , alles Nötige würde geschehen . Sobald es möglich wäre , würden Leute hinausfahren . Einen Mann zu Pferde hatte er den Strand hinab , dem Leuchtturme zu , geschickt . Dann saß er da , trommelte mit den Fingern auf sein Knie , suchte nach etwas , das er sagen könnte , etwas , das zu Herzen geht , er fand jedoch nichts . So bemerkte er nur : » Sie sollten sich einen Pelzmantel umnehmen , in solchen Zeiten friert man . « Nachdem er schweigend eine Weile gesessen , ging er . Gegen Abend verbreitete sich das Gerücht , der Fischer Stibbe sei zurück . Wieder war das Zimmer voller Frauen ; die Stibbin erzählte , ihr Mann habe sich bald von Steege getrennt , da ihm das Wetter verdächtig erschienen sei . Unterwegs habe das Gewitter ihn noch erwischt , es sei dunkel geworden , daß er nicht die Hand vor Augen sah , und der Sturm ! Es war noch gut gewesen , daß er bald in die Bucht hinter den Leuchtturm geraten war und dann - ein gutes Boot war eben ein gutes Boot . Wenn er das neue Boot nicht gehabt hätte , wer weiß , wie es ihm dann ergangen wäre . Von Steege und Hans wußte er nichts . Die Frauen sprachen alle zu gleicher Zeit , die Steegin weinte wieder : » Hu , hu , hu « , endlich schickte Agnes sie alle hinaus . Der Abend brach herein ; Doralice und Agnes saßen sich gegenüber ; Agnes wiegte sich sachte und jammerte leise ; Doralice versuchte es mit ihren Gedanken , sich in irgendwelche ferne , friedliche Erinnerungswinkel zu flüchten , oder sie hörte gedankenlos dem Sturm und dem Meere zu . Die Nacht kam , Agnes brachte Doralice zu Bett und Doralice versank in einen schweren Schlaf ; durch den tiefen Schlaf ging zuweilen etwas , das zu schwer zu tragen war , und das Erwachen wurde dann zur einzigen Zuflucht . Doralice schlug die Augen auf . Das Zimmer war hell ; auf dem Stuhl am Fußende des Bettes saß Agnes in Tücher gewickelt ; das kleine gelbe Gesicht schaute seltsam friedlich , fast heiter drein , die weiche Linie des zahnlosen Mundes zuckte in einem verhaltenen Lächeln . Als Agnes sah , daß Doralice wach wurde , fing sie an zu sprechen . Sie sprach so , als fahre sie in einer begonnenen Erzählung fort : » Und damals , als wir die Hochzeit für die Base Anne ausrichteten , nein , dieser Schlingel ! Also wir hatten eine schöne , große Gans , die war in das Rohr geschoben und bret dort . Unterdessen war vieles andere zu tun und als wir nun denken , die Gans muß fertig sein , und nachschauen , da ist die Gans fort . Das war nun ein Geschrei und Suchen , aber fort war fort , wie ein Wunder kam es uns vor . Mir fiel es wohl einen Augenblick auf , daß der Hans und die anderen Jungen für eine Weile nicht zu sehen waren , rein zu verschwunden , wie der Jude zu Michaelis . Nun aber ich dachte mir nichts dabei . Erst später , lange hernach , hat der Hans es mir gesagt , hat der verfluchte Schlingel die Gans aus dem Rohr gestohlen und zusammen mit den anderen Jungen oben auf dem Heuboden aufgefressen . Ich habe ihm versprechen müssen , es keinem zu sagen , und bis heute habe ich es keinem gesagt . Aber so was , die Gans aus dem Rohr zu stehlen und aufzufressen ! « Agnes ' Lachen klang herzlich und behaglich in das Pfeifen und Stöhnen des Windes hinein . - In der Nacht hatte sich der Sturm gelegt . Der Regen dauerte noch den ganzen Vormittag des nächsten Tages an , erst am Nachmittage hörte er auf . Doralice ging zum Strande hinab , eilig , als warte dort jemand auf sie , die Wellen hatten den Sand aufgepflügt , ihr Fuß sank tief in Algen und Seetang ein . Unter dem eisengrauen Himmel lag das Meer weiß von Schaum wie kochende Milch . Sehr aufgeregt waren die Möwen , sie schossen hin und her und stritten sich mit ihren schrillen , keifenden Stimmen . Das war wild und grausam , aber man konnte hier wenigstens atmen . Doralice hörte hinter sich eilige Schritte nackter Füße über den Seetang laufen . Die Steegin war es , die sie einholte und sich ihr anschloß . Sie sprach und klagte unausgesetzt : » Nein , die kommen nicht mehr heraus , die Mutter Wardein sagt das auch . Dort weit muß eine Stelle sein , von der sie nicht mehr zurückkommen . Dort unten müssen Spalten und Höhlen sein oder , was kann man wissen , was sie dort hält . Der Wardein Mathies kam auch nicht heraus . « Und während die beiden bleichen Frauen eilig am Strande hingingen , schauten sie mit weitoffenen Augen suchend und angstvoll auf das Meer hinaus . Mit einbrechender Dunkelheit mußte die Steegin heim zu ihren Kindern . Doralice entschloß sich nur schwer , ins Haus zu gehen , das Gewaltsame hier draußen erdrückte die Gedanken , dort drinnen wartete das Vermissen auf sie , die Enttäuschung jeden Augenblickes , wenn sie immer wieder aufhorchte und meinte , die bekannte Stimme , der bekannte Schritt müßten sich vernehmen lassen . Und immer wieder war es ihr , als griffe sie nach einer vertrauten warmen Hand und mußte es mit Entsetzen fühlen , daß diese Hand kalt und fremd geworden war . Agnes trug das Essen auf , stand dabei und sah zu , wie Doralice aß , und beiden rannen dabei die Tränen über die Wangen . Spät am Abend kam noch der Geheimrat , dessen Diener Klaus mit einer großen Stallaterne leuchtete . Knospelius saß Doralice gegenüber , er wußte nicht viel zu sagen . Von alten Ministern und türkischen Cafés durfte er hier nicht sprechen . Aber Doralice konnte dann klagen und weinen und das tat ihr wohl : » Auf morgen also , sagte er mir , als er fortging , alles wollte er mir dann sagen , alles , was er mir die ganze Zeit über verschwiegen hatte - und nun - « » Mein Gott « , sagte Knospelius und zog die Augenbrauen empor : » was wir auch sagen , wir nehmen unser Geheimnis ja doch mit . « » Welches Geheimnis ? « fragte Doralice und ihre Augen wurden groß und rund vor Erstaunen . Knospelius verzog ärgerlich sein Gesicht : » Nichts , nichts , das war nur so ein Ausspruch , und Sie wissen , wenn man nichts Rechtes zu sagen weiß , so tut man einen Ausspruch . Übrigens « , fuhr er zögernd fort : er war es nicht gewohnt zu trösten und auch nicht gewohnt so starkes Mitleid zu empfinden , » übrigens « , fuhr er fort , » von denen , die uns nahe stehen , wollen wir doch nichts Neues erfahren , sie sollen sich immer wieder so bestätigen , wie wir sie kennen . Wir wollen nichts bei ihnen entdecken , was wir nicht schon wissen . « » Ich wollte wissen , ob er mich noch so liebt wie früher « , sagte Doralice einfach . Darauf fand der Geheimrat keine Antwort . Er bog den Kopf zurück und schloß die Augen , das schöne , tränenüberströmte Gesicht ihm gegenüber ergriff ihn zu stark . Von der Küche her klang Klaus ' laute , predigende Stimme herüber , er las Agnes aus der Bibel vor . Am vierten Tage nach der Sturmnacht kam die Nachricht , bei dem Fischerdorf hinter dem Leuchtturm sei ein Boot an das Ufer gespült worden . Die Steegin zog ihr Sonntagskleid an und fuhr mit dem Strandwächter hin . Spät am Nachmittag kehrte sie zurück und berichtete , es sei ihr Boot gewesen , übel zugerichtet , sie habe es dort gleich an einen Fischer verkauft . Sie wischte sich mit dem Zeigefinger die Tränen aus den Augenwinkeln , war aber ruhig und sachlich . Da sie nun mal ihr gutes Kleid anhatte , wollte sie zum Schullehrer hinaufgehen , um die Glocke für ihren Mann läuten zu lassen und weil morgen Sonntag war , konnte der Schullehrer in der Kirche die Totenpredigt lesen , denn der Pastor war für eine Woche in die Stadt verreist . Agnes sagte , sie würde sie begleiten . Der Sonntagmorgen war sonnig und der sandige Weg , der zur Kirche führte , belebt von Kirchengängern . Als Doralice und Agnes die kleine Kirche betraten , fanden sie alle Bänke dicht besetzt . An den teilnahmsvollen Blicken , die auf sie gerichtet waren , merkten sie , daß auf sie gewartet worden war , und auf der vordersten Bank neben der Steegin und ihren drei Kindern waren für sie Plätze frei gehalten worden . Der weißgetünchte Raum war voller Sonnenschein und das Altarbild , Christus Petrus über das Wasser geleitend , mit seinen giftgrünen Wellen , seinen rot und gelben Gewändern schrie ordentlich in die weiße Helligkeit hinein . Ein Choral wurde gesungen von lauten , heiseren Frauenstimmen , dann las der Schullehrer eine Predigt vor , sein bleiches , gedunsenes Gesicht verzog sich zu einer traurigen Miene , sein Tonfall war singend und eintönig . Auf allen Bänken begannen die Frauen zu seufzen , die Steegin und ihre Kinder weinten laut , auch Agnes weinte . Doralice jedoch konnte nicht weinen und weil sie fühlte , daß die Frauen sie deshalb verwundert und mißbilligend ansahen , zog sie sich ihren Schleier vor das Gesicht . Sie hatte nicht die Empfindung , daß diese singenden und seufzenden Frauen , daß die Worte , die dieser häßliche Mann dort auf der Kanzel vorlas , irgend etwas mit ihr und ihrem Schmerze zu tun haben könnten . Der Gottesdienst war zu Ende , die Fischerfrauen standen noch auf dem sonnigen Kirchenplatz beisammen und sprachen . Die Steegin war sehr umringt , man versprach ihr bei der Kartoffelernte zu helfen , doch die Stibbin meinte , sie solle zum Fischreinigen zu ihr herüberkommen , dafür würde sie dann einige Fische kriegen . Der Steegin schien die allgemeine Teilnahme wohlzutun und sie machte fast ein zufriedenes Gesicht , als sie mit ihren drei Kindern durch die niedrige Tür in ihrer Kate verschwand . Ihr Unglück war von heute ab eine Einrichtung ihres Lebens geworden , mit der sie sich abzufinden hatte . Von nun ab irrte sie auch nicht mehr am Strande umher . Doralice ging jetzt allein am Strande hin , sie ging täglich stundenlang , das war der Inhalt ihres Lebens . Sie wollte Hans dienen , wollte bei ihm sein , wollte ihm treu sein . Dort auch vermochte sie ihren Schmerz tief zu fühlen , konnte um ihre Liebe trauern , konnte unglücklich sein , denn , wenn sie das nicht konnte , was hatte sie dann , was war sie dann ? Und dann war um sie und in ihr alles leer . Etwas anderes noch war es , was sie auf ihren Wanderungen begleitete . Wenn sie so an den Wellen entlang ging , die weiß mit leisem Prickeln über den Sand bis zu ihr hinaufliefen , da schien es ihr , als wollte das Meer sie zu etwas überreden , zu etwas , gegen das sie sich sträubte , gegen das sie stritt , zuweilen so heftig stritt , daß sie laut vor sich hin ein » nein , nein « in das Rauschen der Wellen hineinsprach . Allein dieser Streit mit dem Meere hatte für sie eine furchtbar erregende Anziehung . Zu Zeiten jedoch entglitt ihr all das , dann versank sie gedankenlos in die Betrachtung der feinen Linien , die das Wasser auf den Sand geschrieben hatte , in den Anblick der zitronengelben , hellblauen und hellrosa Muscheln , welche wie kleine Blumen über das Ufer gestreut waren . Oder sie folgte mit den Blicken den Wellen , die eilig hintereinander herliefen , ohne daß je eine die andere erreichte . Der zu Ende gehende September hatte sommerwarme Tage gebracht , Doralice ging weit weit hinaus dem Leuchtturme zu , sie ging , bis ihr die Füße schwer vor Müdigkeit wurden . Dort weiter fort trat der Hochwald bis dicht an den Dünenrand heran , riesige rote Föhrenstämme mit wirren dunklen Schöpfen , hier und da stand eine Birke oder eine Espe zwischen ihnen , das Laub , schon herbstlich gelb , stand da wie ein goldenes Gerät in einer großen Säulenhalle . Die Moosdecke des Bodens war bunt von Herbstschwämmen und Preiselbeeren , Sonnenschein und die Schatten der Baumzweige trieben dort ihr stummes Spiel . Das mußte gut tun , dort auszuruhen , dachte Doralice . Sie stieg hinauf und streckte sich auf einem Mooshügel aus . Wir können einen sehr großen Schmerz haben , wir können sehr unglücklich sein und doch hält all das nicht stand vor der Wonne , nach einer langen ermüdenden Wanderung wohlig die Beine von sich zu strecken . Sie sah hinauf in die Wipfel der Föhren , hoch oben revierte ein Falke metallblank in all dem Blau . Neben ihr stand eine Espe und flüsterte unablässig . Wie war es hier gut , über alles Wünschen hinaus gut . Doralice fielen die Augen zu , das letzte , was sie mit halbgeschlossenen Lidern noch sah , war ein Sprung Rehe , der von der Höhe niederstieg . Vorsichtig hoben die Tiere ihre dünnen Läufe über das hohe Farnkraut . Sie gingen bis an den Rand der Düne vor , blieben dort stehen und äugten regungslos auf das Meer hinaus . Doralice schlief so süß , daß , als der Schlaf vorüber war , sie doch noch dalag ohne sich zu bewegen , in der Hoffnung , noch ein wenig dieses gedankenlose Glück halten zu können . Allein dann war das Erwachen endlich unwiderruflich da , sie richtete sich auf , saß da und dachte nach . Wie wohl sie sich gefühlt hatte , wie wohl sie sich immer noch fühlte ; wie war das ? Sie hatte doch ihren großen Schmerz , ihr Unglück . Wo waren sie ? Hatte sie sie verloren ? Nein nein , das nicht . Angstvoll sprang sie auf und eilte zum Meere hinab , dort ihren Schmerz wiederzufinden . Die Nächte waren wieder mondhell . Knospelius und Doralice saßen an dem gewohnten Platz auf der Düne , ihnen zu Füßen schlief Karo der Hühnerhund . Das Meer war tief beruhigt , sachte wiegte sich der Mondglanz auf dem Wasser , nur an der Brandung schnurrten kleine silberne Wellen behaglich vor sich hin . Vor Stibbes Hütte wurden wieder Fische gereinigt und die Frauen sangen ihr altes klagendes Lied : » Sonnchen wollt im Meere schlafen , Schwarze Wasser sind die Decken , Hecht , du grüner Offizier , Laufe schnell es aufzuwecken , Raderi raderi raderira ! Sonnchen wollt im Meere schlafen , Wo mein Junge schlafen muß . Butte , kleines braunes Frauchen , Bringe beiden meinen Gruß . Raderi raderi raderira ! « » Karo schläft jetzt viel « , sagte der Geheimrat , » er ist verstimmt , das Meer interessiert ihn nicht , daher will er träumen , er jagt im Traum , seine Träume sind grün oder korngelb . « » Ja , « meinte Doralice , » ich habe es bisher auch nicht gewußt , wie wichtig Träume werden können . « Der Geheimrat zog eine Weile sinnend an seiner Zigarre : » Ich weiß , ich weiß « , begann er dann wieder , » hab ' auch solche Zeiten gehabt , an der Wirklichkeit liegt einem dann nichts und die Träume werden einem dann wichtig . In solchen Zeiten muß man den Träumen entgegenkommen ; man muß Orte aufsuchen , die den Träumen förderlich sind oder sie nicht stören . Solche Orte gibt es , dort unten in Italien oder auf den griechischen Inseln . Ich habe gedacht , wenn Sie von hier fortgehen ... « - » Wohin soll ich gehen ? « unterbrach ihn Doralice leidenschaftlich . » Sie wissen doch , der einzige Ort , an dem mein Leben einen Sinn hat , ist hier . « » Natürlich , natürlich « , brummte Knospelius , » ich sage nur , wenn Sie fortgehen . Schließlich kommt der Winter , dann ist das Land hier auch nicht mehr dasselbe ; dann wäre so eine stille südliche Bucht empfehlenswert , blau , Sonnenschein , die Luft weich wie eine Puderquaste ; das Leben so selbstverständlich , daß man nicht darüber nachdenkt , ob man es leben soll oder nicht . Man denkt überhaupt nicht nach , oder wenn man denkt , so komponiert man an seiner Vergangenheit , denn unsere Gegenwart können wir wohl verachten , aber von seiner Vergangenheit will jeder etwas haben . Ich meine also , wenn Sie von hier fort können , so sollten wir an solch eine stille Bucht gehen . « - » Wir ? « fragte Doralice . » Ja , ich sage wir « , erwiderte Knospelius , » denn Sie müssen einen haben , der Sie begleitet und beschützt und , sehen Sie , ich bin der geborene Begleiter , der geborene Beschützer , sozusagen der geborene Vormund , ich kompromittiere niemand , mein Wiedertäufer von Diener sagte mir einmal : Exzellenz haben es leichter , der Welt zu entsagen , denn Gott gab Exzellenz ein Extrakreuz . « Knospelius kicherte leise in sich hinein . » Solch eine Zeit würde Ihnen gut tun « , fuhr er dann fort , » ruhig abwarten , wie das Leben weiter geht , denn bei Ihnen wird es weiter gehen . Sehen Sie die Wellchen dort , jetzt ist die eine oben im Licht , dann geht ' s herunter in den Schatten - gut , gut - ich bin der geborene Kamerad des Wellentals . Wenn es dann wieder aufwärts geht , können Sie mich stehen lassen , daraus mache ich mir nichts , das bin ich gewohnt . Man hat mich mein ganzes Leben hindurch stehen lassen . Ein netter , interessanter Herr , sagten die Menschen von mir und ließen mich stehen . Aber das ist ganz gleich . Es ist auch ganz gleich , daß das Zusammensein mit Ihnen für mich ein Erlebnis wäre ; es hätte auch nicht das geringste zu bedeuten , wenn ich Ihnen eine Liebeserklärung machte ; man kann ein gekrümmtes Rückgrat und doch seine Sentiments haben , aber die gehen einen dann ganz allein etwas an . Ich sage das nur , damit Sie nicht glauben , ich bin ein Opfer , im Gegenteil , - aber wie gesagt , das ist egal . Die Hauptsache ist , daß es für Sie das Richtige wäre . « » Ich danke Ihnen « , sagte Doralice leise , » aber ich kann jetzt von hier nicht fort . « » Freilich , freilich « , sagte Knospelius heiter , » wir haben Zeit , wir haben hier gelernt , Zeit zu haben , wir warten , wir warten ruhig ab , bis das Meer uns freigibt . « - So kam es denn , daß , als der Oktoberwind die gelben Birkenblätter von der Zibbehöhe auf das Meer hinaustrieb und das blassere Gold der Oktobersonne über den Wellen lag , das wunderliche Paar noch immer Tag für Tag am Strande entlang ging , die schöne , bleiche Frau mit den wehenden Trauerschleiern und der kleine , verbogene Herr im langen grauen Paletot , gefolgt von seinem Hühnerhunde , der mißmutig und gelangweilt auf das Meer hinausgähnte . Sie warteten alle drei darauf , daß das Meer sie freigäbe .