man aufgeräumt , man hat den Deckel auf seine Büchse gesetzt , wie es sich gehört . Und nun bilden die beiden zusammen den Begriff Büchse , runde Büchse , genau ausgedrückt , einen einfachen , sehr bekannten Begriff . Mir ist , als entsänne ich mich , daß sie auf dem Kamin stehn , die beiden , die die Büchse ausmachen . Ja , sie stehn sogar vor dem Spiegel , so daß dahinter noch eine Büchse entsteht , eine täuschend ähnliche , imaginäre . Eine Büchse , auf die wir gar keinen Wert legen , nach der aber zum Beispiel ein Affe greifen würde . Richtig , es würden sogar zwei Affen danach greifen , denn auch der Affe wäre doppelt , sobald er auf dem Kaminrand ankäme . Nun also , es ist der Deckel dieser Büchse , der es auf mich abgesehen hat . Einigen wir uns darüber : der Deckel einer Büchse , einer gesunden Büchse , deren Rand nicht anders gebogen ist , als sein eigener , so ein Deckel müßte kein anderes Verlangen kennen , als sich auf seiner Büchse zu befinden ; dies müßte das Äußerste sein , was er sich vorzustellen vermag ; eine nicht zu übertreffende Befriedigung , die Erfüllung aller seiner Wünsche . Es ist ja auch etwas geradezu Ideales , geduldig und sanft eingedreht auf der kleinen Gegenwulst gleichmäßig aufzuruhen und die eingreifende Kante in sich zu fühlen , elastisch und gerade so scharf , wie man selber am Rande ist , wenn man einzeln daliegt . Ach , aber wie wenige Deckel giebt es , die das noch zu schätzen wissen . Hier zeigt es sich so recht , wie verwirrend der Umgang mit den Menschen auf die Dinge gewirkt hat . Die Menschen nämlich , wenn es angeht , sie ganz vorübergehend mit solchen Deckeln zu vergleichen , sitzen höchst ungern und schlecht auf ihren Beschäftigungen . Teils weil sie nicht auf die richtigen gekommen sind in der Eile , teils weil man sie schief und zornig aufgesetzt hat , teils weil die Ränder , die aufeinander gehören , verbogen sind , jeder auf eine andere Art. Sagen wir es nur ganz aufrichtig : sie denken im Grunde nur daran , sobald es sich irgend tun läßt , hinunterzuspringen , zu rollen und zu blechern . Wo kämen sonst alle diese sogenannten Zerstreuungen her und der Lärm , den sie verursachen ? Die Dinge sehen das nun schon seit Jahrhunderten an . Es ist kein Wunder , wenn sie verdorben sind , wenn sie den Geschmack verlieren an ihrem natürlichen , stillen Zweck und das Dasein so ausnutzen möchten , wie sie es rings um sich ausgenutzt sehen . Sie machen Versuche , sich ihren Anwendungen zu entziehen , sie werden unlustig und nachlässig , und die Leute sind gar nicht erstaunt , wenn sie sie auf einer Ausschweifung ertappen . Sie kennen das so gut von sich selbst . Sie ärgern sich , weil sie die Stärkeren sind , weil sie mehr Recht auf Abwechslung zu haben meinen , weil sie sich nachgeäfft fühlen ; aber sie lassen die Sache gehen , wie sie sich selber gehen lassen . Wo aber einer ist , der sich zusammennimmt , ein Einsamer etwa , der so recht rund auf sich beruhen wollte Tag und Nacht , da fordert er geradezu den Widerspruch , den Hohn , den Haß der entarteten Geräte heraus , die , in ihrem argen Gewissen , nicht mehr vertragen können , daß etwas sich zusammenhält und nach seinem Sinne strebt . Da verbinden sie sich , um ihn zu stören , zu schrecken , zu beirren , und wissen , daß sie es können . Da fangen sie , einander zuzwinkernd , die Verführung an , die dann ins Unermessene weiter wächst und alle Wesen und Gott selber hinreißt gegen den Einen , der vielleicht übersteht : den Heiligen . Wie begreif ich jetzt die wunderlichen Bilder , darinnen Dinge von beschränkten und regelmäßigen Gebrauchen sich ausspannen und sich lüstern und neugierig aneinander versuchen , zuckend in der ungefähren Unzucht der Zerstreuung . Diese Kessel , die kochend herumgehen , diese Kolben , die auf Gedanken kommen , und die müßigen Trichter , die sich in ein Loch drängen zu ihrem Vergnügen . Und da sind auch schon , vom eifersüchtigen Nichts heraufgeworfen , Gliedmaßen und Glieder unter ihnen und Gesichter , die warm in sie hineinvomieren , und blasende Gesäße , die ihnen den Gefallen tun . Und der Heilige krümmt sich und zieht sich zusammen ; aber in seinen Augen war noch ein Blick , der dies für möglich hielt : er hat hingesehen . Und schon schlagen sich seine Sinne nieder aus der hellen Lösung seiner Seele . Schon entblättert sein Gebet und steht ihm aus dem Mund wie ein eingegangener Strauch . Sein Herz ist umgefallen und ausgeflossen ins Trübe hinein . Seine Geißel trifft ihn schwach wie ein Schwanz , der Fliegen verjagt . Sein Geschlecht ist wieder nur an einer Stelle , und wenn eine Frau aufrecht durch das Gehudel kommt , den offenen Busen voll Brüste , so zeigt es auf sie wie ein Finger . Es gab Zeiten , da ich diese Bilder für veraltet hielt . Nicht , als ob ich an ihnen zweifelte . Ich konnte mir denken , daß dies den Heiligen geschah , damals , den eifernden Voreiligen , die gleich mit Gott anfangen wollten um jeden Preis . Wir muten uns dies nicht mehr zu . Wir ahnen , daß er zu schwer ist für uns , daß wir ihn hinausschieben müssen , um langsam die lange Arbeit zu tun , die uns von ihm trennt . Nun aber weiß ich , daß diese Arbeit genau so bestritten ist wie das Heiligsein ; daß dies da um jeden entsteht , der um ihretwillen einsam ist , wie es sich bildete um die Einsamen Gottes in ihren Höhlen und leeren Herbergen , einst . Wenn man von den Einsamen spricht , setzt man immer zuviel voraus . Man meint , die Leute wüßten , um was es sich handelt . Nein , sie wissen es nicht . Sie haben nie einen Einsamen gesehen , sie haben ihn nur gehaßt , ohne ihn zu kennen . Sie sind seine Nachbaren gewesen , die ihn aufbrauchten , und die Stimmen im Nebenzimmer , die ihn versuchten . Sie haben die Dinge aufgereizt gegen ihn , daß sie lärmten und ihn übertönten . Die Kinder verbanden sich wider ihn , da er zart und ein Kind war , und mit jedem Wachsen wuchs er gegen die Erwachsenen an . Sie spürten ihn auf in seinem Versteck wie ein jagdbares Tier , und seine lange Jugend war ohne Schonzeit . Und wenn er sich nicht erschöpfen ließ und davonkam , so schrieen sie über das , was von ihm ausging , und nannten es häßlich und verdächtigten es . Und hörte er nicht darauf , so wurden sie deutlicher und aßen ihm sein Essen weg und atmeten ihm seine Luft aus und spieen in seine Armut , daß sie ihm widerwärtig würde . Sie brachten Verruf über ihn wie über einen Ansteckenden und warfen ihm Steine nach , damit er sich rascher entfernte . Und sie hatten recht in ihrem alten Instinkt : denn er war wirklich ihr Feind . Aber dann , wenn er nicht aufsah , besannen sie sich . Sie ahnten , daß sie ihm mit alledem seinen Willen taten ; daß sie ihn in seinem Alleinsein bestärkten und ihm halfen , sich abzuscheiden von ihnen für immer . Und nun schlugen sie um und wandten das Letzte an , das Äußerste , den anderen Widerstand : den Ruhm . Und bei diesem Lärmen blickte fast jeder auf und wurde zerstreut . Diese Nacht ist mir das kleine grüne Buch wieder eingefallen , das ich als Knabe einmal besessen haben muß ; und ich weiß nicht , warum ich mir einbilde , daß es von Mathilde Brahe stammte . Es interessierte mich nicht , da ich es bekam , und ich las es erst mehrere Jahre später , ich glaube in der Ferienzeit auf Ulsgaard . Aber wichtig war es mir vom ersten Augenblick an . Es war durch und durch voller Bezug , auch äußerlich betrachtet . Das Grün des Einbands bedeutete etwas , und man sah sofort ein , daß es innen so sein mußte , wie es war . Als ob das verabredet worden wäre , kam zuerst dieses glatte , weiß in weiß gewässerte Vorsatzblatt und dann die Titelseite , die man für geheimnisvoll hielt . Es hätten wohl Bilder drin sein können , so sah es aus ; aber es waren keine , und man mußte , fast wider Willen , zugeben , daß auch das in der Ordnung sei . Es entschädigte einen irgendwie , an einer bestimmten Stelle das schmale Leseband zu finden , das , mürbe und ein wenig schräg , rührend in seinem Vertrauen , noch rosa zu sein , seit Gott weiß wann immer zwischen den gleichen Seiten lag . Vielleicht war es nie benutzt worden , und der Buchbinder hatte es rasch und fleißig da hineingebogen , ohne recht hinzusehen . Möglicherweise aber war es kein Zufall . Es konnte sein , daß jemand dort zu lesen aufgehört hatte , der nie wieder las ; daß das Schicksal in diesem Moment an seiner Türe klopfte , um ihn zu beschäftigen , daß er weit von allen Büchern weggeriet , die doch schließlich nicht das Leben sind . Das war nicht zu erkennen , ob das Buch weitergelesen worden war . Man konnte sich auch denken , daß es sich einfach darum handelte , diese Stelle aufzuschlagen wieder und wieder , und daß es dazu gekommen war , wenn auch manchmal erst spät in der Nacht . Jedenfalls hatte ich eine Scheu vor den beiden Seiten , wie vor einem Spiegel , vor dem jemand steht . Ich habe sie nie gelesen . Ich weiß überhaupt nicht , ob ich das ganze Buch gelesen habe . Es war nicht sehr stark , aber es standen eine Menge Geschichten drin , besonders am Nachmittag ; dann war immer eine da , die man noch nicht kannte . Ich erinnere nur noch zwei . Ich will sagen , welche : Das Ende des Grischa Otrepjow und Karls des Kühnen Untergang . Gott weiß , ob es mir damals Eindruck machte . Aber jetzt , nach so viel Jahren , entsinne ich mich der Beschreibung , wie der Leichnam des falschen Zaren unter die Menge geworfen worden war und dalag drei Tage , zerfetzt und zerstochen und eine Maske vor dem Gesicht . Es ist natürlich gar keine Aussicht , daß mir das kleine Buch je wieder in die Hände kommt . Aber diese Stelle muß merkwürdig gewesen sein . Ich hätte auch Lust , nachzulesen , wie die Begegnung mit der Mutter verlief . Er mag sich sehr sicher gefühlt haben , da er sie nach Moskau kommen ließ ; ich bin sogar überzeugt , daß er zu jener Zeit so stark an sich glaubte , daß er in der Tat seine Mutter zu berufen meinte . Und diese Marie Nagoi , die in schnellen Tagreisen aus ihrem dürftigen Kloster kam , gewann ja auch alles , wenn sie zustimmte . Ob aber seine Unsicherheit nicht gerade damit begann , daß sie ihn anerkannte ? Ich bin nicht abgeneigt zu glauben , die Kraft seiner Verwandlung hätte darin beruht , niemandes Sohn mehr zu sein . ( Das ist schließlich die Kraft aller jungen Leute , die fortgegangen sind . ) 4 Das Volk , das sich ihn erwünschte , ohne sich einen vorzustellen , machte ihn nur noch freier und unbegrenzter in seinen Möglichkeiten . Aber die Erklärung der Mutter hatte , selbst als bewußter Betrug , noch die Macht , ihn zu verringern ; sie hob ihn aus der Fülle seiner Erfindung ; sie beschränkte ihn auf ein müdes Nachahmen ; sie setzte ihn auf den Einzelnen herab , der er nicht war : sie machte ihn zum Betrüger . Und nun kam , leiser auflösend , diese Marina Mniczek hinzu , die ihn auf ihre Art leugnete , indem sie , wie sich später erwies , nicht an ihn glaubte , sondern an jeden . Ich kann natürlich nicht dafür einstehen , wie weit das alles in jener Geschichte berücksichtigt war . Dies , scheint mir , wäre zu erzählen gewesen . Aber auch abgesehen davon , ist diese Begebenheit durchaus nicht veraltet . Es wäre jetzt ein Erzähler denkbar , der viel Sorgfalt an die letzten Augenblicke wendete ; er hätte nicht unrecht . Es geht eine Menge in ihnen vor : Wie er aus dem innersten Schlaf ans Fenster springt und über das Fenster hinaus in den Hof zwischen die Wachen . Er kann allein nicht auf ; sie müssen ihm helfen . Wahrscheinlich ist der Fuß gebrochen . An zwei von den Männern gelehnt , fühlt er , daß sie an ihn glauben . Er sieht sich um : auch die andern glauben an ihn . Sie dauern ihn fast , diese riesigen Strelitzen , es muß weit gekommen sein : sie haben Iwan Grosnij gekannt in all seiner Wirklichkeit , und glauben an ihn . Er hätte Lust , sie aufzuklären , aber den Mund öffnen , hieße einfach schreien . Der Schmerz im Fuß ist rasend , und er hält so wenig von sich in diesem Moment , daß er nichts weiß als den Schmerz . Und dann ist keine Zeit . Sie drängen heran , er sieht den Schuiskij und hinter ihm alle . Gleich wird es vorüber sein . Aber da schließen sich seine Wachen . Sie geben ihn nicht auf . Und ein Wunder geschieht . Der Glauben dieser alten Männer pflanzt sich fort , auf einmal will niemand mehr vor . Schuiskij , dicht vor ihm , ruft verzweifelt nach einem Fenster hinauf . Er sieht sich nicht um . Er weiß , wer dort steht ; er begreift , daß es still wird , ganz ohne Übergang still . Jetzt wird die Stimme kommen , die er von damals her kennt ; die hohe , falsche Stimme , die sich überanstrengt . Und da hört er die Zarin-Mutter , die ihn verleugnet . Bis hierher geht die Sache von selbst , aber nun , bitte , einen Erzähler , einen Erzähler : denn von den paar Zeilen , die noch bleiben , muß Gewalt ausgehen über jeden Widerspruch hinaus . Ob es gesagt wird oder nicht , man muß darauf schwören , daß zwischen Stimme und Pistolenschuß , unendlich zusammengedrängt , noch einmal Wille und Macht in ihm war , alles zu sein . Sonst versteht man nicht , wie glänzend konsequent es ist , daß sie sein Nachtkleid durchbohrten und in ihm herumstachen , ob sie auf das Harte einer Person stoßen würden . Und daß er im Tode doch noch die Maske trug , drei Tage lang , auf die er fast schon verzichtet hatte . Wenn ichs nun bedenke , so scheint es mir seltsam , daß in demselben Buche der Ausgang dessen erzählt wurde , der sein ganzes Leben lang Einer war , der Gleiche , hart und nicht zu ändern wie ein Granit und immer schwerer auf allen , die ihn ertrugen . Es giebt ein Bild von ihm in Dijon . Aber man weiß es auch so , daß er kurz , quer , trotzig war und verzweifelt . Nur an die Hände hätte man vielleicht nicht gedacht . Es sind arg warme Hände , die sich immerfort kühlen möchten und sich unwillkürlich auf Kaltes legen , gespreizt , mit Luft zwischen allen Fingern . In diese Hände konnte das Blut hineinschießen , wie es einem zu Kopf steigt , und geballt waren sie wirklich wie die Köpfe von Tollen , tobend von Einfällen . Es gehörte unglaubliche Vorsicht dazu , mit diesem Blute zu leben . Der Herzog war damit eingeschlossen in sich selbst , und zuzeiten fürchtete ers , wenn es um ihn herumging , geduckt und dunkel . Es konnte ihm selber grauenhaft fremd sein , dieses behende , halbportugiesische Blut , das er kaum kannte . Oft ängstigte es ihn , daß es ihn im Schlafe anfallen könnte und zerreißen . Er tat , als bändigte ers , aber er stand immer in seiner Furcht . Er wagte nie eine Frau zu lieben , damit es nicht eifersüchtig würde , und so reißend war es , daß Wein nie über seine Lippen kam ; statt zu trinken , sänftigte ers mit Rosenmus . Doch , einmal trank er , im Lager vor Lausanne , als Granson verloren war ; da war er krank und abgeschieden und trank viel puren Wein . Aber damals schlief sein Blut . In seinen sinnlosen letzten Jahren verfiel es manchmal in diesen schweren , tierischen Schlaf . Dann zeigte es sich , wie sehr er in seiner Gewalt war ; denn wenn es schlief , war er nichts . Dann durfte keiner von seiner Umgebung herein ; er begriff nicht , was sie redeten . Den fremden Gesandten konnte er sich nicht zeigen , öd wie er war . Dann saß er und wartete , daß es aufwachte . Und meistens fuhr es mit einem Sprunge auf und brach aus dem Herzen aus und brüllte . Für dieses Blut schleppte er alle die Dinge mit , auf die er nichts gab . Die drei großen Diamanten und alle die Steine ; die flandrischen Spitzen und die Teppiche von Arras , haufenweis . Sein seidenes Gezelt mit den aus Gold gedrehten Schnüren und vierhundert Zelte für sein Gefolg . Und Bilder , auf Holz gemalt , und die zwölf Apostel aus vollem Silber . Und den Prinzen von Tarent und den Herzog von Cleve und Philipp von Baden und den Herrn von Château-Guyon . Denn er wollte seinem Blut einreden , daß er Kaiser sei und nichts über ihm : damit es ihn fürchte . Aber sein Blut glaubte ihm nicht , trotz solcher Beweise , es war ein mißtrauisches Blut . Vielleicht erhielt er es noch eine Weile im Zweifel . Aber die Hörner von Uri verrieten ihn . Seither wußte sein Blut , daß es in einem Verlorenen war : und wollte heraus . So seh ich es jetzt , damals aber machte es mir vor allem Eindruck , von dem Dreikönigstag zu lesen , da man ihn suchte . Der junge lothringische Fürst , der tags vorher , gleich nach der merkwürdig hastigen Schlacht in seiner elenden Stadt Nancy eingeritten war , hatte ganz früh seine Umgebung geweckt und nach dem Herzog gefragt . Bote um Bote wurde ausgesandt , und er selbst erschien von Zeit zu Zeit am Fenster , unruhig und besorgt . Er erkannte nicht immer , wen sie da brachten auf ihren Wagen und Tragbahren , er sah nur , daß es nicht der Herzog war . Und auch unter den Verwundeten war er nicht , und von den Gefangenen , die man fortwährend noch einbrachte , hatte ihn keiner gesehen . Die Flüchtlinge aber trugen nach allen Seiten verschiedene Nachrichten und waren wirr und schreckhaft , als fürchteten sie , auf ihn zuzulaufen . Es dunkelte schon , und man hatte nichts von ihm gehört . Die Kunde , daß er verschwunden sei , hatte Zeit herumzukommen an dem langen Winterabend . Und wohin sie kam , da erzeugte sie in allen eine jähe , übertriebene Sicherheit , daß er lebte . Nie vielleicht war der Herzog so wirklich in jeder Einbildung wie in dieser Nacht . Es gab kein Haus , wo man nicht wachte und auf ihn wartete und sich sein Klopfen vorstellte . Und wenn er nicht kam , so wars , weil er schon vorüber war . Es fror diese Nacht , und es war , als fröre auch die Idee , daß er sei ; so hart wurde sie . Und Jahre und Jahre vergingen , eh sie sich auflöste . Alle diese Menschen , ohne es recht zu wissen , bestanden jetzt auf ihm . Das Schicksal , das er über sie gebracht hatte , war nur erträglich durch seine Gestalt . Sie hatten so schwer erlernt , daß er war ; nun aber , da sie ihn konnten , fanden sie , daß er gut zu merken sei und nicht zu vergessen . Aber am nächsten Morgen , dem siebenten Januar , einem Dienstag , fing das Suchen doch wieder an . Und diesmal war ein Führer da . Es war ein Page des Herzogs , und es hieß , er habe seinen Herrn von ferne stürzen sehen ; nun sollte er die Stelle zeigen . Er selbst hatte nichts erzählt , der Graf von Campobasso hatte ihn gebracht und hatte für ihn gesprochen . Nun ging er voran , und die anderen hielten sich dicht hinter ihm . Wer ihn so sah , vermummt und eigentümlich unsicher , der hatte Mühe zu glauben , daß es wirklich Gian-Battista Colonna sei , der schön wie ein Mädchen war und schmal in den Gelenken . Er zitterte vor Kälte ; die Luft war steif vom Nachtfrost , es klang wie Zähneknirschen unter den Schritten . Übrigens froren sie alle . Nur des Herzogs Narr , Louis-Onze zubenannt , machte sich Bewegung . Er spielte den Hund , lief voraus , kam wieder und trollte eine Weile auf allen Vieren neben dem Knaben her ; wo er aber von fern eine Leiche sah , da sprang er hin und verbeugte sich und redete ihr zu , sie möchte sich zusammennehmen und der sein , den man suchte . Er ließ ihr ein wenig Bedenkzeit , aber dann kam er mürrisch zu den andern zurück und drohte und fluchte und beklagte sich über den Eigensinn und die Trägheit der Toten . Und man ging immerzu , und es nahm kein Ende . Die Stadt war kaum mehr zu sehen ; denn das Wetter hatte sich inzwischen geschlossen , trotz der Kälte , und war grau und undurchsichtig geworden . Das Land lag flach und gleichgültig da , und die kleine , dichte Gruppe sah immer verirrter aus , je weiter sie sich bewegte . Niemand sprach , nur ein altes Weib , das mitgelaufen war , malmte etwas und schüttelte den Kopf dabei ; vielleicht betete sie . Auf einmal blieb der Vorderste stehen und sah um sich . Dann wandte er sich kurz zu Lupi , dem portugiesischen Arzt des Herzogs , und zeigte nach vorn . Ein paar Schritte weiterhin war eine Eisfläche , eine Art Tümpel oder Teich , und da lagen , halb eingebrochen , zehn oder zwölf Leichen . Sie waren fast ganz entblößt und ausgeraubt . Lupi ging gebückt und aufmerksam von einem zum andern . Und nun erkannte man Olivier de la Marche und den Geistlichen , wie sie so einzeln herumgingen . Die Alte aber kniete schon im Schnee und winselte und bückte sich über eine große Hand , deren Finger ihr gespreizt entgegenstarrten . Alle eilten herbei . Lupi mit einigen Dienern versuchte den Leichnam zu wenden , denn er lag vornüber . Aber das Gesicht war eingefroren , und da man es aus dem Eis herauszerrte , schälte sich die eine Wange dünn und spröde ab , und es zeigte sich , daß die andere von Hunden oder Wölfen herausgerissen war ; und das Ganze war von einer großen Wunde gespalten , die am Ohr begann , so daß von einem Gesicht keine Rede sein konnte . Einer nach dem anderen blickte sich um ; jeder meinte den Römer hinter sich zu finden . Aber sie sahen nur den Narren , der herbeigelaufen kam , böse und blutig . Er hielt einen Mantel von sich ab und schüttelte ihn , als sollte etwas herausfallen ; aber der Mantel war leer . So ging man daran , nach Kennzeichen zu suchen , und es fanden sich einige . Man hatte ein Feuer gemacht und wusch den Körper mit warmem Wasser und Wein . Die Narbe am Halse kam zum Vorschein und die Stellen der beiden großen Abszesse . Der Arzt zweifelte nicht mehr . Aber man verglich noch anderes . Louis-Onze hatte ein paar Schritte weiter den Kadaver des großen schwarzen Pferdes Moreau gefunden , das der Herzog am Tage von Nancy geritten hatte . Er saß darauf und ließ die kurzen Beine hängen . Das Blut rann ihm noch immer aus der Nase in den Mund , und man sah ihm an , daß er es schmeckte . Einer der Diener drüben erinnerte , daß ein Nagel an des Herzogs linkem Fuß eingewachsen gewesen wäre ; nun suchten alle den Nagel . Der Narr aber zappelte , als würde er gekitzelt , und schrie : » Ach , Monseigneur , verzeih ihnen , daß sie deine groben Fehler aufdecken , die Dummköpfe , und dich nicht erkennen an meinem langen Gesicht , in dem deine Tugenden stehn . « 5 ( Des Herzogs Narr war auch der erste , der eintrat , als die Leiche gebettet war . Es war im Hause eines gewissen Georg Marquis , niemand konnte sagen , wieso . Das Bahrtuch war noch nicht übergelegt , und so hatte er den ganzen Eindruck . Das Weiß des Kamisols und das Karmesin vom Mantel sonderten sich schroff und unfreundlich voneinander ab zwischen den beiden Schwarz von Baldachin und Lager . Vorne standen scharlachne Schaftstiefel ihm entgegen mit großen , vergoldeten Sporen . Und daß das dort oben ein Kopf war , darüber konnte kein Streit entstehen , sobald man die Krone sah . Es war eine große Herzogs-Krone mit irgendwelchen Steinen . Louis-Onze ging umher und besah alles genau . Er befühlte sogar den Atlas , obwohl er wenig davon verstand . Es mochte guter Atlas sein , vielleicht ein bißchen billig für das Haus Burgund . Er trat noch einmal zurück um des Überblicks willen . Die Farben waren merkwürdig unzusammenhängend im Schneelicht . Er prägte sich jede einzeln ein . » Gut angekleidet « , sagte er schließlich anerkennend , » vielleicht eine Spur zu deutlich . « Der Tod kam ihm vor wie ein Puppenspieler , der rasch einen Herzog braucht . ) Man tut gut , gewisse Dinge , die sich nicht mehr ändern werden , einfach festzustellen , ohne die Tatsachen zu bedauern oder auch nur zu beurteilen . So ist mir klar geworden , daß ich nie ein richtiger Leser war . In der Kindheit kam mir das Lesen vor wie ein Beruf , den man auf sich nehmen würde , später einmal , wenn alle die Berufe kamen , einer nach dem andern . Ich hatte , aufrichtig gesagt , keine bestimmte Vorstellung , wann das sein könnte . Ich verließ mich darauf , daß man es merken würde , wenn das Leben gewissermaßen umschlug und nur noch von außen kam , so wie früher von innen . Ich bildete mir ein , es würde dann deutlich und eindeutig sein und gar nicht mißzuverstehn . Durchaus nicht einfach , im Gegenteil recht anspruchsvoll , verwickelt und schwer meinetwegen , aber immerhin sichtbar . Das eigentümlich Unbegrenzte der Kindheit , das Unverhältnismäßige , das Nie-recht-Absehbare , das würde dann überstanden sein . Es war freilich nicht einzusehen , wieso . Im Grunde nahm es immer noch zu und schloß sich auf allen Seiten , und je mehr man hinaussah , desto mehr Inneres rührte man in sich auf : Gott weiß , wo es herkam . Aber wahrscheinlich wuchs es zu einem Äußersten an und brach dann mit einem Schlage ab . Es war leicht zu beobachten , daß die Erwachsenen sehr wenig davon beunruhigt wurden ; sie gingen herum und urteilten und handelten , und wenn sie je in Schwierigkeiten waren , so lag das an äußeren Verhältnissen . An den Anfang solcher Veränderungen verlegte ich auch das Lesen . Dann würde man mit Büchern umgehen wie mit Bekannten , es würde Zeit dafür da sein , eine bestimmte , gleichmäßig und gefällig vergehende Zeit , gerade so viel , als einem eben paßte . Natürlich würden einzelne einem näher stehen , und es ist nicht gesagt , daß man davor sicher sein würde , ab und zu eine halbe Stunde über ihnen zu versäumen : einen Spaziergang , eine Verabredung , den Anfang im Theater oder einen dringenden Brief . Daß sich einem aber das Haar verbog und verwirrte , als ob man darauf gelegen hätte , daß man glühende Ohren bekam und Hände kalt wie Metall , daß eine lange Kerze neben einem herunterbrannte und in den Leuchter hinein , das würde dann , Gott sei Dank , völlig ausgeschlossen sein . Ich führe diese Erscheinungen an , weil ich sie ziemlich auffällig an mir erfuhr , damals in jenen Ferien auf Ulsgaard , als ich so plötzlich ins Lesen geriet . Da zeigte es sich gleich , daß ich es nicht konnte . Ich hatte es freilich vor der Zeit begonnen , die ich mir dafür in Aussicht gestellt hatte . Aber dieses Jahr in Sorö unter lauter andern ungefähr Altersgleichen hatte mich mißtrauisch gemacht gegen solche Berechnungen . Dort waren rasche , unerwartete Erfahrungen an mich herangekommen , und es war deutlich zu sehen , daß sie mich wie einen Erwachsenen behandelten . Es waren lebensgroße Erfahrungen , die sich so schwer machten , wie sie waren . In demselben Maße aber , als ich ihre Wirklichkeit begriff , gingen mir auch für die unendliche Realität meines Kindseins die Augen auf . Ich wußte , daß es nicht aufhören würde , so wenig wie das andere erst begann . Ich sagte