meldete er , daß Aschta genau nach Süd geritten sei , wohin auch alle andern Spuren führten ; unser Ziel aber lag westlich von hier . Dann fragte er , indem er sich zu uns niedersetzte : » Ist das nicht ein Wunder , ein wahres Wunder ? Genau wie damals , ganz genau ? Und sie wissen es , daß der Schuß damals nicht mir gegolten hat ! Und gesucht haben sie nach mir ! Gesucht bis heutigen Tages ! Diese guten , guten Menschen ! Heut ist der größte Feiertag meines Lebens ! Ja wahrlich , der größte Feiertag ! Wenn es Winter und Dezember wäre , so würde ich sagen : Heut ist Weihnacht für mich , und der Herrgott hat beschert . Ja , der Herrgott selbst , denn kein Anderer kann so Etwas geben , so ein Glück ! So ein wirklich großes und wirklich wahres Glück ! « Hierauf wurde er still , sehr still . Denn je tiefer und reiner das Glück ist , desto weniger macht es Worte ! Auch für mich hatte das Zusammentreffen mit dieser jungen , schönen Indianerin eine große Bedeutung , und zwar nicht nur eine rein äußerliche . Ich hatte von hier aus in die Zukunst , in die Ferne zu folgern und zu schließen . Besonders interessant mußten mir die zwei Perlensterne sein . Sie waren ein Erkennungszeichen . Der » junge Adler « sagte nichts hierüber ; so fragte ich also auch nicht . Ich wußte ja auch ohne Frage und Antwort , woran ich war . Es handelte sich hier ganz einfach um den großen Unterschied zwischen » Stamm « und » Clan « bei der roten Rasse . Das ist ein Gegenstand von größter Wichtigkeit , obgleich es selbst ernsten Forschern noch nicht geläufig gewesen ist , ihm die Aufmerksamkeit zu widmen , die er ohne alle Frage verdient . Wie viele Menschen , besonders sogenannte Volks- oder gar Jugendschriftsteller , haben schon » Indianerbücher « geschrieben , ohne von dem Außen- und Innenleben der amerikanischen Rasse auch nur die geringste , positive Kenntnis zu besitzen ! Und das wird dann von Andern , die noch weniger wissen , gelobt und warm empfohlen ! Ich wurde schon von vielen , sogar von sehr vielen » Indianerschriftstellern « besucht ; aber es gab keinen , wirklich keinen Einzigen unter ihnen , der von dem Allerersten , was man da zu studieren hat , nämlich von den Clanverhältnissen , etwas wußte . Wie in der Entwickelung der Menschheit im allgemeinen , so machen sich auch in der Entwickelung jeder einzelnen Rasse zwei einander grad entgegengesetzte Bestrebungen bemerkbar , nämlich der Zug der Zerklüftung und der Zug nach Vereinigung , oder sagen wir , der Zug nach Einheit und der Zug nach Vielheit . Die Zerklüftung beginnt ihren Weg bei dem , was man als Menschengeschlecht bezeichnet , geht über die Rasse , die Nation , das Volk , die Stadt , das Dorf immer weiter herab und hört erst beim abgelegenen Einödhof auf , dessen Besitzer sich nur bei gewissen Gelegenheiten darauf besinnt , daß er auch mit zur Menschheit gehört . Das ist der Weg des Patriotismus , der Vaterlands- und Heimatliebe , aber auch der Weg der nationalen Selbstüberhebung , der politischen Rücksichtslosigkeit . Der andere Weg ist dem direkt entgegengesetzt . Er führt zur Vereinigung aller Einzelnen durch einen einzigen , großen Gedanken zu einem einzigen , großen Volke . Welcher von diesen beiden Wegen der Weg zum wirklichen , zum wahren Glücke ist , das hat die Menschheit noch bis heute nicht erkennen wollen , also muß sie es durch bittere Erfahrung kennen lernen . Wie schmerzlich , ja , wie grausam diese Erfahrung ist , das zeigt sich bei keiner Rasse so deutlich wie bei der amerikanischen . Sie ist es , welche die Zerklüftung , die Zerspaltung am allerweitesten getrieben hat . Nirgends , selbst im fernsten , dunkelsten Oriente nicht , ist die einst mächtige , imponierende Einheit in so kleine , winzige , ohnmächtige Brocken und Bröckchen zerrieben und zerkleinert worden wie bei den Indianern . Jeder dieser Brocken , jeder dieser vielen Stämme und jedes dieser unzähligen Stämmchen ist stolz auf sich selbst und stets bereit , aus lauter Selbstschätzung vollends zugrunde zu gehen . Diese Zersetzung hätte schon längst zur völligen Vernichtung geführt , wenn die großen Medizinmänner der Vergangenheit nicht bemüht gewesen wären , ihr entgegenzuarbeiten , und zwar in doppelter Weise , nämlich zunächst in theologischer und sodann in sozialer . Der theologische Weg der Vereinigung lag in dem Gedanken , » Großer Geist « oder » Großer , guter Manitou « . Die Forschung hat gezeigt und wird noch weiter zeigen , daß der echtblütige Indianer gläubiger Monotheist war und sich dabei glücklich fühlte , bis die zersetzende Vielgötterei sich von außen her tief in sein Inneres bohrte und den großen Niagarafall des Rassensturzes und der Rassen- und Sprachzerstäubung vorbereitete . Und der soziale Weg der Vereinigung wurde in dem Gedanken der Clans gegeben , durch welche die äußerlich zerspaltenen Stämme innerlich wieder verbunden und zusammengehalten werden sollten . Freilich darf man das Wort Clan11 hier nicht im englischen resp . schottländischen Sinne nehmen . Es wurde ein Clan der Wahrhaftigkeit , der Treue , der Wohltätigkeit , der Beredsamkeit , der Ehrlichkeit gegründet . Wer sich in der Beredtsamkeit üben wollte ; wer sich vornahm , das ganze Leben hindurch wohltätig zu sein ; wer sich stark genug fühlte , niemals eine Lüge zu sagen , niemals untreu oder unehrlich zu sein , der konnte dem betreffenden Clan beitreten und sich durch Wort und Handschlag verpflichten , das betreffende Gebot zu erfüllen und lebenslang zu halten . Wer es auch nur einmal übertrat , der wurde ausgestoßen und galt als ehrlos für immer . Der leichteren Unterscheidung wegen und um ein sichtbares Erkennungszeichen zu ermöglichen , nahm jeder Clan den Namen irgend eines Tieres an , dessen Bild als Merkmal diente . So habe ich bereits gesagt , daß der große Redner der Seneca , dessen Grab wir in Buffalo besuchten , zum Clan der Wölfe gehörte . Es gab einen Clan der Adler , der Geier , der Hirsche , der Bären , der Schildkröten und so weiter . In einen solchen Clan konnte ein Jeder eintreten , weß Stammes er immer war . Selbst der Todfeind wurde angenommen und aus allen Kräften beschützt und unterstützt , wenn er die ihm auferlegte Bedingung treu und ehrlich erfüllte . So sehr zum Beispiel die Kiowas und die Navajos einander haßten und sich gegenseitig bis auf Blut und Tod verfolgten , sobald sie sich als Mitglieder eines Clan erkannten , war diese Feindschaft augenblicklich und für stets vergraben . Man kann sich denken , wie segensreich diese Clans wirkten ! Leider , leider aber hörte das auf , als die » Bleichgesichter « erschienen und ihnen gestattet wurde , auch beizutreten . Sie nützten die Clans nur für ihre persönlichen Zwecke aus und steckten die Vorteile ein , die ihnen daraus erwuchsen , ohne aber ihren Verpflichtungen nachzukommen . Dadurch büßten die Clans ihren guten Ruf , ihre moralischen Kredite ein und somit auch die großen , sozialen Wirkungen , auf welche hin sie von ihren einstigen Gründern berechnet waren . Es blieb der Zukunft vorbehalten , ob sie überhaupt wieder aufleben würden oder nicht . Immer waren die Clans nach Tieren benannt , niemals aber nach einem Menschen . Wenigstens ist es mir nicht erinnerlich , von einem solchen Fall gehört zu haben . Vielmehr war ein solches Beispiel jetzt soeben zum ersten Male an mich herangetreten : Ein Clan mit dem Namen Winnetou ! Denn daß es sich um einen Clan handelte , verstand sich ganz von selbst , und das Erkennungszeichen für die Zugehörigen war der zwölfstrahlige Stern , den der » junge Adler « und Aschta an ihren Gewändern trugen . Wann war dieser Clan gegründet ? Vor wenigstens vier Jahren . Denn so alt war der Anzug , den der » junge Adler « jetzt trug . Dieser junge Indianer war der Allererste , der in den neuen Clan aufgenommen wurde , und zwar von Tatellah-Satah , der also der Gründer dieser Winnetou-Vereinigung war , deren männliche Mitglieder sich als » Winnetou « und die weiblichen sich als » Winnetah « bezeichnen durften . Welchen höheren Zweck hatte dieser Clan ? Und welche Verpflichtungen legte er seinen Mitgliedern auf ? Ich fragte nicht , denn ich hoffte , es sehr bald zu erfahren . Daß seine Ziele eminent friedliche waren , konnte man schon aus der Stammesangehörigkeit der beiden Mitglieder ersehen , die ich jetzt kannte : ein Apatsche und eine Siou Ogallallah , also zweien Nationen angehörig , die sich unbedingt als Todfeinde zu betrachten hatten ! - - - Während des Kaffeetrinkens sagte uns Pappermann , daß wir heut Abend die Devils pulpit erreichen würden . Er bat nur um eine Stunde Aufenthalt hier am Kanubisee , um sich da wieder einmal umsehen zu können . Dagegen hatten wir nichts . Wir hätten ihm sehr gern noch viel länger Zeit gegeben . Aber die Stunde war noch nicht vorüber , so kehrte er von seinem Rundgange schon zurück und sagte : » Wollen aufbrechen , wenn es Euch recht ist ! Und wenn ich noch länger hier herumkrieche , so finde ich doch mehr Bitterkeiten als Süßigkeiten , und das brauche ich mir alten Kerl doch wohl nicht anzutun ! « Recht hatte er . Auch dieser Kanubisee war schön , sehr schön , aber seine Wasser hatten für uns keinen frohen , sondern einen mehr als elegischen Schimmer , und so blieb er in unserer Erinnerung nur als der Ort einer kurzen Rast , auf welche neue Wanderung zu folgen hatte . Wir ritten in das Tal des Purgatorio hinab und folgten dort einem schmalen , kristallklaren Wasser , welches uns nach unserm Ziele zu führen hatte . Wir erreichten es , doch erst dann , als es bereits fast dunkel geworden war , so daß ich vorschlug , lieber heut noch außerhalb des Bereiches der » Teufelskanzel « zu bleiben , weil wir vor diesem Orte gewarnt worden waren und wegen der Dunkelheit keine Zeit mehr hatten , ihn auf die Anwesenheit von feindlichen Indianern hin vorher zu untersuchen . » Well ! « sagte Pappermann . » So führe ich Euch nach einem Verstecke , welches wohl kein Roter , und habe er noch so gute Augen , ausfindig machen wird . Ich fand es nur durch Zufall und glaube nicht , daß es jetzt außer mir einen Menschen gibt , der es kennt . « » Das ist viel gesagt ! « bemerkte ich . » Aber jedenfalls richtig ! « antwortete er . » Wir haben nur noch wenige Schritte zu reiten und dann einem kleinen Seitenwässerchen zu folgen , welches aus einem stillen , verborgenen Weiher quillt . Dieser Weiher ist nicht groß . Hohe Felsen , die man nicht ersteigen kann , umgeben ihn . Diese Felsen haben keine Lücke ; nämlich so scheint es . Aber wenn man grad durch den Weiher bis zur gegenüberliegenden Seite reitet , macht man die Bemerkung , daß es doch eine Seitenspalte gibt , die schief hindurchschneidet und nach dem eigentlichen Quell des Wassers führt , welches nicht im Weiher entspringt , sondern weiter drin , eben da , wo wir übernachten werden . « » Ist die Lücke breit genug für unser Gepäck ? « erkundigte ich mich . » Ja , « antwortete er . » Nur die Zeltstangen habe ich lang zu packen , anstatt quer . « » Und wie tief ist der Weiher ? « » Höchstens einen Meter . « » Damals ! « » Hm ! Meint Ihr etwa , daß er tiefer geworden ist ? Das habe ich in meinem Leben noch nicht gehört Stehende Wasser pflegen mit der Zeit seichter zu werden , aber doch nicht tiefer . Doch halt ! Da sind wir am Seitenwässerchen ! Werde hier also umpacken . Dann reiten wir nach dieser Seite zwischen die Felsen hinein . « Wir halfen ihm , die Zeltstangen anders zu legen , und ließen ihn dann mit den Maultieren voran , um unser Führer zu sein . Es war grad noch so viel Tageslicht vorhanden , daß wir sehen konnten , wohin wir ritten . Wir kamen an den Weiher , der dunkel wie ein Rätsel erschien , ritten hindurch und sahen , drüben angekommen , daß es im Felsen allerdings eine von dichtem Grün maskierte Lücke gab , der wir seitwärts folgen konnten . Dann ging es noch eine Strecke am Wässerchen steil aufwärts , bis wir seinen Quellpunkt erreichten , der in einem großen , kreisförmigen Felsenloche lag , dessen Wände , wie es schien , sich senkrecht und unersteigbar in die Höhe reckten . » So ! Das ist der Ort ! « sagte Pappermann . » Da können wir hundert Jahre lang kampieren , ohne daß uns ein Mensch entdeckt . « » Aber feucht , sehr feucht ? « fragte ich . » Keineswegs ! Die Feuchtigkeit fließt ja ab . Uebrigens haben wir Indianersommer , schon wochenlang ohne eine Spur von Regen . « » Kann man da an den Wänden hinaufklettern ? « » Weiß nicht . Habe es damals nicht versucht . Bin niemals ein Kletterspecht gewesen . « » Und kann Jemand von da oben herunterschauen ? « » Da müßte er erst von hier hinauf . Von draußen bringt es Keiner fertig . « » So bin ich beruhigt . Machen wir also erst ein Feuer , um sodann das Zelt aufzuschlagen ! « Beides war in Zeit von einer halben Stunde geschehen . Wir banden die Pferde und Maultiere nicht an , so daß sie sich bewegen konnten , wie sie wollten . Sie tranken sich erst tüchtig satt . Dann wälzten sie sich ebenso tüchtig im Moose , was sie gern tun , so lange sie gesund in den Knochen und Gelenken sind . Und hierauf fanden sie so viel Blatt- und auch anderes Grün , daß wir getrost mehrere Tage hier bleiben konnten , ohne befürchten zu müssen , daß es ihnen an Futter mangele . Sie bedurften aber der Ruhe mehr als der Nahrung , denn der Ritt von dem Kanubisee bis hierher war doch weiter und anstrengender gewesen , als wir nach Pappermanns Worten vermutet hatten . Auch wir selbst fühlten uns ermüdet . Darum dauerte es nach dem Abendessen gar nicht lange , bis wir uns niederlegten . Und das war heut abend ganz anders als gestern . Heut schliefen wir sofort ein , und ich muß zu meiner Schande gestehen , daß ich nicht eher aufwachte , als bis Pappermann mich weckte . » Mrs. Burton ist schon munter ! « entschuldigte er sich . » Sie hat schon heißes Wasser bestellt , um - - - hört Ihrs ? Sie mahlt den Kaffee im Zelt , um Euch nicht aufzuwecken . Sagt Ihr ja nichts , daß ich es dennoch für richtig hielt , Euch einen Stoß zu versetzen ! Der Mann sei doch immer Mann ! Das ist er aber nicht , wenn er schläft ! « » So habt Ihr mich also nur um meiner Ambition willen geweckt ? « lachte ich . » Yes ! Old Shatterhand , und schlafen , wenn seine Frau schon munter ist ! Das geht auf keinen Fall ! « Jetzt betrachtete ich mir die Oertlichkeit . Sie bot allerdings ein selten schönes Versteck . Es gab nirgends auch nur die geringste Spur , daß jemals ein Mensch an diesem abgelegenen Ort gewesen sei . Die Felsenwände waren überaus steil , aber nicht unersteigbar . Es gab Riesenbäume , die mehrere hundert Jahre alt waren und sich mit ihren Aesten und Zweigen so eng an das Gestein schmiegten , daß sie das Klettern erleichterten und unterstützten . Der » junge Adler « hatte kaum seinen Kaffee zu sich genommen , so begann er den Versuch , in die Höhe zu kommen . Es gelang ihm ohne Schwierigkeit . Kaum war er oben angelangt , so ertönte sein lauter Ruf : » Uff , uff ! Ich sehe ein Wunder , ein Wunder ! « » Nicht so laut ! « warnte ich hinauf . » Wir wissen noch nicht , ob vielleicht doch Menschen in der Nähe sind ! « » Hier kann es keinen geben , der uns hört ! « antwortete er herab . » Da ist ringsum nichts als nur Luft ! « » So hoch ! Und was liegt unten ? « » Devils pulpit ! « » Die Teufelskanzel ? Wirklich ? « » Ja . « » Das ist unmöglich , ganz unmöglich ! « widersprach Pappermann . » Warum ? « fragte ich ihn . » Weil ich es weiß . Und was Maksch Pappermann weiß , das weiß er ordentlich ! Der Weg nach der Teufelskanzel führt tief nach links hinunter ; wir aber sind rechts abgewichen . Und sie ist von allen Seiten von hohen , steilen Felsen umgeben , die kein Mensch erklimmen kann . Wie ist es da möglich , daß er sie sieht ! « » Er behauptet es aber ! « » Er irrt ! « » Ist es nicht auch möglich , daß Ihr Euch irrt ? « » Nein ! « » Daß der Weg von hier nach der Teufelskanzel Krümmungen macht , die Euch täuschen ? « » Es kann sich kein Mensch und kein Tier und kein Weg so sehr krümmen , daß er es fertig bringt , mich zu täuschen ! « Ich fragte den Indianer noch einmal , und er blieb bei seiner Behauptung , daß er die Devils pulpit sehe . Da auch er sie kannte , ergab das einen Widerspruch , der mich bestimmte , dem » jungen Adler « zu folgen . Meine Frau ist keine üble Kletterin . Sie besucht Gebirgsgegenden sehr gern und zeigt sich da zuweilen kühner , als ich ihr erlauben darf . Sie kam mir nach . Doch Pappermann blieb sitzen . » Bin mein Lebtage keine Gemse gewesen , « behauptete er , » und werde auch nun nicht erst eine werden . Ein ebener Weg , ein gutes Pferd und ein festgeschnallter Sattel ; das ist es , was ich haben will . Steigt , so hoch ihr wollt ; ich mache nicht mit ! « Als wir hinaufkamen , bot sich uns ein wunderbarer Anblick dar . Ich hatte die Teufelskanzel noch nie gesehen , war aber doch gleich beim ersten Blick überzeugt , daß sie es war , nichts Anderes . Das rief ich dem alten Westmann hinab . Da stand er denn doch auf und begann , sich langsam und sehr vorsichtig in die Höhe zu kraxeln . Es dauerte ziemlich lange , bis er uns erreichte . » So ! Da bin ich ! « sagte er . » Nun will ich einmal hinunterschauen , um zu sehen , welch ein unbegreiflicher Unsinn sich da - - - « Er hielt mitten im Satze inne , vergaß aber den Mund zuzumachen . » Welchen Unsinn meint Ihr ? « fragte ich . » Den Unsinn , daß , daß - - - Alle Teufel ! Was ist mir da passiert ! « » Nun , ist es die Devils pulpit ? Oder ist sie es nicht ? « » Sie ist es ! O Pappermann , Maksch Pappermann , was bist du für ein Riesenschaf oder gar was für ein Kamel ! Daran ist aber nur dieser unglückselige Name schuld ! Denn nur , wer Pappermann heißt , kann sich eine so entsetzliche Blamage auf das Gewissen laden ! Dieser Name , dieser Name ! Der ist mein Unglück gewesen , so lange ich lebe ! Hätte mein Vater Müller oder Schulze oder Schmidt geheißen , meinetwegen auch Hanfstängel , Zuckerkant oder Pumpernickel , so wäre ich ebenso gut ein Glückskind gewesen wie andere Leute auch . Aber Pappermann , Pappermann , das ist das Schrecklichste , was es gibt ! Das hat mich verfolgt bis hierher ! Und das wird mich auch noch weiter verfolgen , bis es nichts mehr an mir gibt , was überhaupt verfolgt werden kann ! « Er fühlte sich in hohem Grade unglücklich . Handelte es sich doch um seine Westmannsehre , die ihm über Alles ging . Eines derartigen Irrtums darf sich kein Berg- , Wald- und Savannenläufer schuldig machen , wenn er es nicht darauf ankommen lassen will , seinen guten Ruf auf das Spiel zu setzen . Glücklicherweise aber war Niemand da , der Lust hatte , ihn bei diesem Fehler zu fassen , und als ich ihm versicherte , daß auch mir solche falsche Berechnungen schon wiederholt passiert seien , begann er , sich zu beruhigen . Man denke sich ein plattes Dach , dessen steinernes Geländer aus schweren Felsenbrocken besteht . Dieses Dach ist mit Bäumen und dichtem Gebüsch besetzt , so daß man , wenn man da oben steht , von unten nicht gesehen werden kann . Tritt man an das Geländer heran und schaut hinab , so sieht man , daß die Felsenwand fast senkrecht in die Tiefe fällt . Auf diesem platten Dache befanden wir uns , und tief unter uns lag die Teufelskanzel . Wer sich mit Geometrie beschäftigt hat , der weiß , was man unter einer Ellipse versteht . Weil aber nicht alle meine Leser Geometer sind , will ich mich hier nicht geometrisch , sondern als Laie ausdrücken , um leichter verstanden zu werden : Eine Ellipse ist ein Kreis , der so lang ausgezogen ist , daß er zu dem einen Mittelpunkte noch einen zweiten bekommen hat . Diese beiden Mittelpunkte werden auch Brennpunkte genannt . Wer einen Fischkessel in der Küche hat , der kennt die länglich runde Form einer solchen Ellipse . Und der Fischkessel mag zugleich auch ein Bild des länglich runden Bergkessels sein , zu dem sich unsere Felsenwand hinuntersenkte . Dieser Kessel bildete so genau eine Ellipse , als ob er nicht von der Natur , sondern von Menschenhand mitten in das gewaltige Kompakt der Bergmasse hineingebrochen worden sei . Wie ich dann später freilich sah , hatte die Natur allerdings zwar vorgearbeitet , die berechnende Kraft des Menschen aber nachgeholfen . Das war vor alten , ja uralten Zeiten geschehen und so lange her , daß die Felswände , welche erst ganz gewiß senkrecht und nackt gewesen waren , infolge der Verwitterung nun Risse , Sprünge , Ecken , Kanten , Höhlungen , Altane und andere Abweichungen von der lotrechten Linie zeigten , auf denen und in denen sich nach und nach ein kräftiger Baum- und Strauchwuchs nebst anderem Kräuter- , Stauden- , Gras- und Moosgrün angesammelt hatte . Auch der Boden des Kessels war mit grünender Vegetation bedeckt , doch machte ich in Beziehung auf diese Vegetation sofort zwei in die Augen fallende Beobachtungen . Nämlich es schien hier ein Pflanzenwuchs ursprünglich nicht beabsichtigt zu sein , denn es gab da einen vollständig sterilen Untergrund , und der mußte mit voller Berechnung hergeschafft worden sein , denn so weit das Auge reichte , gab es nur fruchtbares Land . Die Bäume , die da unten auf dem Grunde des Kessels standen , hatten alle , so alt und so stark sie waren , keine Wipfel mehr . Und wo es noch welche gab , da waren sie vertrocknet . Das deutete darauf hin , daß sie sich nur von einer dünnen , angewehten Erdschicht nährten , mit den Wurzeln aber nicht in die Tiefe konnten oder dort keine Nahrung fanden . Und in der Tat , als ich später hinunterkam und nachschaute , fand ich , daß so weit die Ellipse reichte , ihr ursprünglicher Boden so dicht , daß keine Pflanze einzudringen vermochte , mit starken Steinplatten belegt war , auf denen sich im Laufe der Zeit eine Schicht von Humuserde gebildet hatte , von welcher sich das später entstandene Baum- und Strauchwerk durch die Seitenwurzeln ernährte . Pfahlwurzeln gab es nicht . Daher die Verdorrung sämtlicher Wipfel ! Wozu einst diese Belegung des Bodens mit Platten ? Das war die erste Frage , die ein aufmerksamer und vorsichtiger Beobachter hier zu beantworten hatte . Die andere in die Augen fallende Beobachtung war die , daß ein Drittel dieser Vegetation vollständig unberührt zu sein schien , während man es den andern beiden Dritteln gleich beim ersten Blicke ansah , daß da Menschen verkehrt hatten , und zwar nicht allzu selten . Die Scheidelinie zwischen dem größeren , berührten Teile und dem kleineren , unberührten war sogar auffällig scharf gezogen . Es sah so aus , als ob ein strenges Verbot herrsche , dieses sehr dicht bewachsene Drittel der Ellipse zu betreten . Weshalb und zu welchem Zwecke diese Unterscheidung ? Das war die zweite Frage , der man nachzuspüren hatte , wenn man den Anspruch erhob , für einen scharfen und zuverlässigen Beobachter zu gelten . Und nun kommt die Hauptsache , die von allerhöchstem Interesse ist . Wenigstens war sie das für mich . Es gab nämlich auf dem sonst vollständig ebenen , ellipsenförmigen Boden des Felsenkessels zwei ziemlich bedeutende , künstlich hergestellte Erhöhungen , welche ganz das Aussehen hatten , als ob der Kessel einst in der Absicht hergestellt worden sei , ihn mit Wasser zu füllen und also eine Art von See zu bilden , aus dem die beiden Erhöhungen als Inseln hervorschauten . Im Lause der Jahrhunderte hatte sich das zu- und abfließende Wasser so tief eingefressen , daß der Boden des Bassins erreicht und dieses einfach durch Auslaufen und späteres Versiegen des Wassers trocken geworden war . Diese Beobachtung an sich hätte weiter nichts ergeben , als daß in uralter Zeit hier Menschen vorhanden gewesen seien , welche in Beziehung auf ihre Bauwerke und in Folge dessen auch anderweit bedeutend höher standen als die späteren Indianer , oder sagen wir richtiger , als die späteren Generationen . Aber diese beiden Erhöhungen - ich will dem Bilde treu bleiben und sie Inseln nennen - hatten die höchst auffällige Eigentümlichkeit , daß sie in den zwei Brennpunkten der Ellipse lagen , und zwar ganz genau . Das konnte nicht Zufall , sondern das mußte Berechnung sein . Da entstand nun sofort die Frage : Welches war der Zweck dieser Berechnung , das Fazit dieses Exempels ? Etwas Gewöhnliches , Alltägliches jedenfalls nicht . Ich dachte an die schwierigen , astronomischen Berechnungen , welche dem Baue der ägyptischen Pyramiden zu Grunde liegen , an die noch unaufgeklärten Geheimnisse der Teokalli und anderer Tempelwerke aus früherer Zeit , doch bin ich weder Fachmann noch Gelehrter und darf es unmöglich wagen , mich auf so schwierige , wissenschaftliche Spekulationen einzulassen . Aber ein Gedanke kam mir doch , wenngleich die Aufrichtigkeit mich zwingt , zu gestehen , daß er mir bedeutend kühner erschien , als ein einfacher Westmann , der nur die Absicht verfolgt , auf seine Sicherheit bedacht zu sein , sich gestatten darf . Aber er stellte sich wieder und immer wieder ein ; er packte mich fester und fester und ließ mich nicht wieder los . Es war der Gedanke an jene im Altertum oft auch baulich behandelte Tatsache , daß man innerhalb einer gewissen geometrischen Figur an einem Punkte ganz deutlich das hört , was an einem anderen , entfernten Punkte leise gesprochen wird . Dieser Gedanke kam ohne mein Zutun , also ohne daß ich grübelte . Ich wies ihn ab . Aber er kehrte zurück , als der » junge Adler « zu sprechen begann , und wollte seitdem nicht wieder weichen . Der Indianer deutete nämlich von da oben , wo wir standen , hinab in die Tiefe und sagte : » Das ist die Kanzel . Wir stehen auf dem höchsten Teile der Wand , von der sie umschlossen wird . Es gibt zwei Kanzeln . Die eine , nämlich diese hier , ist den Bleichgesichtern bekannt ; von der andern aber wissen sie nichts . Die eine wird von ihnen die Kanzel des Teufels genannt ; die andere würden sie wohl als die Kanzel des guten Manitou bezeichnen . Die roten Männer aber nennen diese hier Tscha Manitou12 und die andere Tscha Kehtikeh13 . « » Welchen Punkt bezeichnet Ihr als Kanzel ? « fragte ich ihn . » Die längliche Runde dieses Felsenkessels erstreckt sich von Ost nach West . Es gibt eine Erhöhung im östlichen und eine im westlichen Teile . Welche von beiden ist die Kanzel ? « » Die im westlichen Teile , « antwortete er . » So ist also die andere das Ohr ? « Er sah mich an und wußte nicht , was ich meinte . Da erklärte ich ihm : » Von der Kanzel herab pflegt man doch zu sprechen . Und was der Redner spricht , soll gehört werden . Ihr aber erwähntet hier ein Ohr , welches hört . Ihr nanntet es Das Ohr Gottes . Wo liegt es ? « » Das weiß ich nicht . Jedenfalls ist derselbe Punkt gemeint , den die Weißen als Kanzel bezeichnen . Was ich hierüber weiß , das habe ich von Tatellah-Satah , meinem Lehrer , erfahren . An der einen Kanzel , nämlich an dieser hier , hört Gott , was der Teufel spricht , und verurteilt ihn zur Verdammnis . Und an der andern Kanzel , welche den Weißen noch unbekannt ist , hört der Teufel , was Gott spricht , und wird dadurch von der Verdammnis erlöst . « » Das ist ein tiefer , ein sehr tiefer Sinn , der jedenfalls hier irgendwo und irgendwie in ein äußeres Gewand gekleidet ist , nach dem ich suchen werde . Ihr seht doch , daß